Das war 2014

17.400 km und 200 Tage im Westen Nordamerikas. Überrascht stelle ich fest, dass Kanadier und Mexikaner strikt auf eine Abgrenzung zu „Amerikanern“ achten. Aus viefältigen Gründen. Unterschiedliche Kulturen und Lebensanschauungen, Grenzkonflikte und Kriege. Kanadier wollen nicht „Amerikaner“, First Nation People nicht „Indianer“genannt werden. Ich übernehme diese Diktion und verwende die Bezeichnung „Amerikaner“ für Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika. Mexicanos sind die Bewohner der Estados Unidos Mexicanos („Vereinigte Mexikanische Staaten“), Kanadier bleiben trotz Separationsbestrebungen vorerst Kanadier.

Baja California

Baja California

Die Fahrstrecke

Ich fahre einen riesigen Loop in Form eines & durch Nordamerika. 17.400 km mit dem Fahrrad und etwa 10.000 km mit Mietautos, drei kurze Strecken mit Autobussen. Von New Orleans im Süden der USA bis Kalifornien im Westen. Nach Nordosten durch Nevada und Utah in die amerikanischen Rocky Mountains, nach Montana und Idaho. Durch die kanadischen Rocky Mountains an die Pazifikküste, mit Fähren durch die Inside Passage nach Alaska. Auf Alaska Highway und Cassiar Highway durch Kanada zurück nach Süden. Mit einer Fähre nach Vancouver Island. Entlang der amerikanische Westküste durch Washington, Oregon und Kalifornien. Dreimal bin ich in Mietwagen unterwegs, um Gebiete zu besuchen, die mit dem Fahrrad in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht erreichbar sind. Ich radle durch die Halbwüste der Baja California nach Südosten, auf dem mexikanischen Festland bis Mexiko-Stadt.

Route 66 in New Mexico

Route 66 in New Mexico

Die Reisekosten und die Unterkünfte

Drei Nationen, vier Preisniveaus. Je weiter im Norden, desto teurer. Den Vogel schießt Watson Lake im Yukon ab. Kein Zimmer in diesem verschlafenen Provinznest unter 150 Dollar. Alaska ist sehr teuer, Kanada teuer, Amerika – mit regionalen Unterschieden – teuer bis preiswert, Mexiko vergleichsweise sehr preiswert.

Ich reise mit Zelt und Schlafsack. Wenige Zeltplätze im Landesinneren von Amerika und Kanada. Also stelle ich mein Zelt auf, wo ich am Abend eine geeignete, nach Möglichkeit von der Straße nicht einsehbare Stelle finde. Ich campe am Ufer des Mississipppi, zwischen Erdölpumpen in Neu Mexiko, in einer Höhle bei Bluff, auf Feldern und in Wäldern, unter Millionen Sternen im Death Valley und auf einer Klippe über dem Pazifik. An der Westküste Amerikas in State Parks auf Hiker- und Bikerplätzen. Zwei- bis dreimal wöchentlich nächtige ich in Motels, um die Batterien meiner E-Geräte zu laden. Mexiko ist anders. Keine Notwendigkeit, im „gefährlichen“ Freien zu nächtigen, wenn die Hotels derart preiswert sind.

Das Land

Drei Nationen, unterschiedlichste Landschaften.

Flach mit Alligatoren die Sumpfgebiete Louisianas  am Golf von Mexiko. Zunehmend menschenleer, weil die Leute nach immer verheerenderen Tornados dieses Gebiet verlassen.

Der Westen von Texas versteppt nach jahrelangen Dürren. Ungeheure Staubwalzen rollen durch den Tornadobelt. Die Rancher verkauften um einen Spottpreis ihre Rinder, einzelne von Glück und Ölvorkommen begünstigte Grundbesitzer profitieren vom aktuellen Erdölboom.

Heftige Gegenwinde im Llano Estacado, die mich zum Abdrehen nach Norden in die amerikanischen Rocky Mountains veranlassen.

Monument Valley

Monument Valley

Farbenprächtige Sandsteinformationen im Grenzgebiet von Neu Mexiko, Colorado, Utah und Arizona.

Wüsten und Halbwüsten in Nevada und Kalifornien mit Death Valley, in Utah mit dem Großen Salzsee.

Hoch gelegen und teilweise schneebedeckt die Nationalparks Grand Teton und Yellowstone.

Gletscher im Glacier Nationalpark, tiefe Canyons auch im Nordwesten Amerikas.

Beeindruckend Hells Canyon am Snake River, tiefer als der Grand Canyon.

„Jawdropping“ die kanadischen Rocky Mountains entlang dem Icefield Parkway. Schnee und Gletscher, Seen und Flüsse, ausgedehnte Wälder und Wildtiere in den Nationalparks Banff und Jasper.

Bergketten und endlose Wälder im nahezu unbewohnten „Far West“ Kanadas.

Die Inselwelt Westkanadas, ein Tummelplatz für Delphine und Wale

Gebirgig, grün und wolkenverhangen mit Dauerregen die Küste Alaskas

Endlos die Wälder des Yukon im Norden Kanadas, durchsetzt von Seen und Sümpfen.

Spektakulär der Cassiar Highway im Westen Kanadas, eine der einsamsten Straßen der Welt, in einer von Menschen kaum berührten Natur.

Gletscherbedeckte Gebirgsketten, riesige Wälder, glasklare Flüsse und Seen, (Goldgräber-) Geisterstädte

Kitwanga, Cassiar Highway

Kitwanga, Cassiar Highway

Die Westküste Amerikas, teils steil zum Pazifischen Ozean abfallend, manchmal spektakulär, manchmal nur mühselig zu fahren.Unvergleichlich die küstennahen Regenwälder und ihre höchsten Vertreter, die Baumriesen der Redwoods.

Im Inneren Washingtons und Oregons zeigen die Länder ihre vulkanischen Seiten. Die abgebrochene Nordflanke des Mount Saint Hellens, riesige Totholzmengen im angrenzenden See, Crater Lake, Lavafelder, ein versteinerter Wald

Schockierend im Norden Kaliforniens die ausgedehnten schwarzen, noch immer qualmenden Flächen nach verheerenden Wald- und Buschbränden.

San Francisco und Santa Fe, die einzigen besuchenswerten Städte im Westen Amerikas. Enttäuschend die Nobelorte Malibu und Santa Monica im Süden Kaliforniens. Ganz im Gegensatz zu Mexiko mit mehreren als Welterbe gelisteten Städten.

Fantastisch die amerikanischen National- und Stateparks wie auch die National Monuments.

Mexiko unterscheidet sich landschaftlich und klimatisch kaum vom Südwesten Amerikas. Ein semiarides Hochland, mit Wüsten, Halbwüsten und Canyons. Der Beginn der Landbrücke zu Südamerika, in Amerika dem Bereich „Central America“ und nicht „North America“ zugeordnet, ist trocken und erdbebengefährdet

Baja California, vom mexikanischen Festland durch die langgezogene Bucht von Kalifornien getrennt, eine von Gebirgsketten durchzogene Wüste. Dünn besiedelt, hurrikangefährdet, kakteenbewachsen, fallweise sandig mit Dünen, vereinzelt Oasen, wunderschöne Buchten und Badestrände. Hurrikan Odile wütete drei Wochen vor meiner Ankunft, zerstörte ganze Landstriche. Niedergewalzte Häuser, abgetragen Dächer. Nicht der Wind, sondern sintflutartige Regenfälle an der Peripherie des Tropensturms verursachten die größten Schäden

Am Festland eine tropisch warme Küstenebene, hinter der sich steil die Gebirge der Sierra

Das Hochland Mexikos hügelig bzw. bergig, lediglich das Hochtal um Mexiko-Stadt ist flach. Die höchsten Berge um die mexikanische Hauptstadt sind wegen der starken Luftverschmutzung nur undeutlich zu sehen.

Das Wetter

Vielfältig die Landschaften, unterschiedlich das Wetter.

Ich fahre gegen starke Südwestwinde in Texas und Neu Mexiko, bis ich nach mehreren Tagen entnervt nach Norden abdrehe. Kann dennoch zufrieden sein, dass ich im Tornadobelt, dem Starkwindgürtel, nur in Staubwalzen und nicht in ausgewachsene Tornados gerate.

Ich radle in unterschiedlichen Höhenlagen, von unter dem Meeresspiegel im Death Valley bis etwa 3.000 Meter in den Rocky Mountains. Mit Schnee in höheren Lagen muss ich ohnehin rechnen und werde promt zweimal eingeschneit. Zahlreiche Wetterumschwünge in den Monaten April bis Juni bringen viele Wolken und gelegentlich Regenfälle.

Im Death Valley ist es bereits im April brütend heiß, in den Wüsten Zentralnevadas vergleichsweise kalt. Ich werde in Idaho auf einer kahlen Hochebene von einem Hagelsturm überrascht und kann Ende Juni die Going to the Sun Route nicht fahren, weil die Straße noch meterhoch mit Schnee bedeckt ist.

Eine meterhohe Schneeschicht bedeckt auch große Teile des Yellowstone Nationalparks, die Seen sind von einer dicken Eisschicht überzogen. Wo nächtigen, wenn 18 von 21 Campingplätzen geschlossen sind? Old Faithful macht es möglich: Im Tal der Geysire ist der Erdboden warm, der Schnee bereits geschmolzen.

Im Westen Kanadas gelegentlich leichter, an der Südküste Alaskas ein mehrere Tage anhaltender Dauerregen. Bevor ich das kanadische Festland verlasse, gerate ich bei Prince Rupert in ein Regengebiet mit kräftigen Schauern. Danach einige Monate nahezu regenfrei.

Maischnee in Nevada

Maischnee in Nevada

Bis tief in den Süden Kaliforniens versorgt nebelartige Bewölkung die Westküste Amerikas mit feuchter und kühler Luft, während das Landesinnere unter einer Hitzewelle stöhnt.

Meine globale Windprognose war richtig. Ich tippte auf eine Luftströmung von Nordwest nach Südost und plante dementsprechend meine generelle Fahrtrichtung. Gegenwind? Reichlich. Besonders nervend,  wie auf der schnurgeraden, 80 km langen Strecke von Constitucion nach Santa Ines auf Baja California Oder stürmische Seitenwinde bei Fresnillo auf dem mexikanischen Festland, die Radfahren zu einem lebensgefährlichen Unterfangen machen.

Die Hurrikansaison auf Baja California ist vorbei, als ich dort eintreffe. Was Hurrikans bewirken, zeigen zerstörte Infrastruktur und verlassene Landstriche. Hurrikan Odile zog eine Spur der Verwüstung. Doch die mit dem Tropensturm einhergehenden Regenfälle bringen die Wüste zum Blühen und Millionen von Schmetterlingen zum Fliegen.

Das Umfeld

17.400 km, fast ausnahmslos auf asphaltierten Straßen.

Häufig auf mehr oder minder breiten Highways mit Seitenstreifen („shoulders“), an der Westküste Amerikas und auf Baja auf teils sehr engen Straßen.

Radkultur: Unterentwickelt.

Um ein „fahrradfreundliches“ Umfeld ist lediglich der Bundesstaat Oregon bemüht. Mit Warnblinkanlagen, die Autolenker auf Radfahrer in Tunnels oder auf engen Brücken aufmerksam machen. Mit frequenzorientierten Randstreifen auf stark befahrenen Straßenstücken – je mehr Radfahrer, desto breiter der Fahrstreifen, so zumindest der Denkansatz.

Ein Hauch von Fahrradfreundlichkeit ist mit Radwegen in Kanada, Idaho und Teilen Kaliforniens zu spüren, doch im großen Rest Nordwestamerikas fristet das Fahrrad ein kümmerliches Dasein. Das Auto ist und bleibt das Goldene Kalb der Amerikaner.

Meine persönliche Liste der Risiken für Radfahrer führen unangefochten die Lenker von Kraftfahrzeugen an: Vorbefahren ohne Sicherheitsabstand, Überholen bei Gegenverkehr und auf unübersichtlichsten Stellen, Kurvenschneiden, betrunkene und übermüdete Fahrer. Der Lenker eines Sattelschleppers, der das eben an der Theke getrunkene Bier auf den Parkplatz kotzt, in den Lkw-Zug steigt und – ohne auf den übrigen Verkehr zu achten – auf die stark befahrene Straße auffährt. Der Buslenker, der haarscharf vor mir in die Haltestelle einfährt. Taxifahrer, die jedermann den Vorrang nehmen.

Wirklich gefährlich zu fahren sind die Straßen in unmittelbarer Umgebung von Groß-, aber auch von kleineren Städten. Autofahrer in Eile, viel Verkehr, keine Seitenstreifen, keine Ausweichmöglichkeiten, sei es Houston in Texas oder Mexiko-Stadt.

Anstrengend einzelne lange Strecken ohne jegliche Versorgungsstellen. Keine Läden, keine Restaurants oder Raststationen innerhalb einer Tagesetappe. Ich unterschätze manche Strecke, führe zu wenig Trinkwasser auf den Wüstenstrecken in New Mexiko und im Death Valley mit. Zu wenig Essbares am langen Cassiar Highway in Kanada. Wie auch auf Baja California, wo weite Landstriche vor Hurrikan Odile von Menschen verlassen wurden, die vormaligen Restaurants nur noch Ruinen sind.

Die Begegnungen

Acht Monate on the road. Genügend Gelegenheiten zu Begegnungen mit Menschen und Tieren

Ich treffe Menschen, die unverdrossen ihre Existenz gegen Wirbelstürme verteidigen. Wie Herbert am Sabine River, der nur bei Tornados mit bedrohlichem Hochwasser seinen Store dicht macht.

Erfolgreiche Geschäftsleute wie Shelley, die stundenlang die Straßen von Neu Mexiko absucht. Weil sie befürchtet, ein über das Land ziehender Wirbelsturm könnte mir unüberwindbare Probleme bereiten.

Brad vom örtlichen Flugrettungsdienst, der mich in De Baca, der Halbwüste Neu Mexikos, mit Wasser und Obst versorgt.

Künstler wie Korey, der mir eine längere Rastpause auf seinem Hausboot auf Lake Powell anbietet.

Mickey und Bob aus Colorado, denen meine Reise nach Mexiko viel zu gefährlich erscheint. Statt in die Krisenregion zu radeln, solle ich die Zeit in ihrem Haus in den Bergen Colorados verbringen.

Sheri in Shirley's Cafe

Sheri in Shirley’s Cafe

Ein Obdachloser in Florence, der mir mit Geld aushelfen will, weil ich nach einem langen Radlertag – wie er – ein „Sparmenü“ auf den Stufen eines Fastfoodladens verzehre. Nicht alle Begegnungen sind angenehm.

Der Grenzbeamte in Victoria lässt mich bereits bei der Einreise nach Amerika wissen, dass ich verhaftet und deportiert werde, wenn ich nicht rechtzeitig das Land verlasse.

Diana beansprucht in einem Hiker- und Bikercamp das halbe Areal für sich. „Get out of my kitchen, get out of my bathroom“! Eine harmlose Irre, wie die Parkranger erheben. Harmlos oder nicht, ich räume freiwillig das Feld

Tiere sind allenfalls gefährlicher, aber berechenbarer.

In den Sümpfen Louisianas lassen sich sonnende Alligatoren von vorbeifahrenden Autos nicht stören. Wohl aber von Radfahrern. Blicken kurz auf und tauchen rasch ab. Weg sind sie, wie viele andere Wildtiere, bevor ich fotografieren kann.

An den Anblick von Klapperschlangen gewöhne ich mich. Wunderschön gemustert, die ersten von Autos überrollt, später das eine oder andere lebende Exemplar. Skorpione und Rattlesnakes, beide sind mir nicht geheuer. Besonders in der Nacht bin ich vorsichtig, wenn ich das Zelt verlasse.

Schwarzbären, lange Zeit sehe ich keine, dann bin ich von ihrer Körpergröße enttäuscht. Nicht größer als große Schäferhunde, machen alle auf der Stelle kehrt und verschwinden im Busch. Bis ich auf ausgewachsene Tiere stoße. Groß wie ich, aber breiter und aggressiver. Da trete ich kräftig in die Pedale und versuche Abstand zu gewinnen.

Den ersten Grizzlybär sehe ich in einem Tierpark bei Pagosa Springs. Unscheinbar, zusammengekauert in der Ecke seines Geheges. Vermeintlich klein, bis Cathy seinen nachmittäglichen Snack serviert. Für zwei Handvoll süßer Weintrauben streckt er seine 500 kg Lebendgewicht. Nun ist er nicht mehr klein, sondern furchterregend groß.

Ranchiera am Alaska Highway im Yukon. Ein Grizzly nähert sich langsam dem Motel- und Campground. Inspiziert sorgsam alles auf seiner Seite des Highways. Kein Anlass zur Sorge für die Hotelbetreiber, denn ihre Gewehre sind schussbereit. Und die Wachhunde würden wütend bellen und den Bär vertreiben, wenn er zu nahe kommt. Wenig später trottet der Bär an meinem Zelt vorbei, verschwindet im rückwärtigen Teil des Campgrounds. Nach längerer Suche finden wir den Grizzly. Der Wachhund nimmt Reißaus, verkriecht sich im Restaurant. Zu viele Personen am Zeltplatz, ein Gebrauch von Schusswaffen ist undenkbar. Nun hat der Grizzly das Heft in der Hand.

Hirsche am Straßenrand, die unbekümmert äsen. Hirsche in Ortszentren, weil dort das Gras am Grünsten ist. Steinböcke, die einen reißenden Fluss durchqueren und die Jungtiere weit abgetrieben werden. Biber, ungnädig, weil ich sie beim Dammbau störe. Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark, der wenige Meter entfernt mit seiner noch lebenden Beute spielt. Bisonherden, die seelenruhig Straßen queren. Mehr Elche als Einwohner in Packwood. Elchkühe, die im Prairie Creek Redwoods State Park auf Armeslänge herankommen; männliche Tiere, die aggressiv mit ihren Hufen scharren und drohend ihre Sechszehnender heben. Wale kesseln einen Fischschwarm ein. Walgesang in der Bucht von Charleston, tönt die ganze Nacht hindurch. Seelöwen auf Plattformen in den Häfen von Oregon, ihr Bellen und Brüllen ist nicht zu überhören. Seehunde und Fischotter, tauchend, ihre Beute rückenschwimmend verzehrend. Seeelefanten, vor einem Jahrhundert fast ausgerottet, erobern mehrere Abschnitte an Kaliforniens Südküste zurück und vermehren sich prächtig. Schmetterlinge in allen Farben und Größen in der nach Regenfällen blühenden Wüste der Baja California und in den mexikanischen Küstenregionen.

Der Radleralltag

Ich fahre einsame, ich fahre belebte Strecken. „North to Alaska“ auf Routen, auf denen ich in den ersten Monaten meiner Tour  kaum andere Radfahrer treffe. „South to Mexico“ auf Strecken, die zum „Muss“ kanadischer und amerikanischer Fernfahrer gehören. Ein riesiges Radnetz soll dereinst Nordamerika überziehen, viel ist geplant, wenig realisiert.

In Nordamerika fährt „man“ Coast to Coast, meist West nach Ost, auf gut kartierten Routen, propagiert von der Adventure Cycling Association. Zum Beispiel den TransAmerica Trail. „Hartgesottene“ fahren die Great Divide Mountain Bike Route (GDMBR), durch die Rocky Mountains von Banff in Aberta/Kanada nach Antelope Wells in Neu Mexiko/USA. An der Westküste fährt „man“ Vancouver Island und Highway 1.

Auf dem Weg nach Norden treffe ich zwei Weltumradler. Im Yellowstone Nationalpark kommt mir „Kobra“ Szabo entgegen, ein Rumäne der ungarischen Minderheit. Dem ich die Illusion nehmen muss, der einzige Weltumrunder zu sein. Vier Wochen später, im kanadischen Jasper, begegne ich Gerry „The Tramp“, Wiener mit Wohnsitz München, der in einer Kommune in Sibirien überwinterte. Bereits auf dem Weg in seine Heimat Neuseeland ist Andy, den mich auf dem Cassiar Highway überholt,  hat nur noch 15.000 km bis Feuerland vor sich.

Mehrere Radfahrer sind Richtung Süden unterwegs, wenige in nördlicher Richtung. Man trifft sich auf den entlegensten Strecken. Auf dem Cassiar Highway im menschenleeren Westen Kanadas sind wir plötzlich zu Siebent auf Südkurs. Einige fahren mehrere Wochen, wie die Schweizer Simone und Martin von Fairbanks nach Vancouver. Einzelne wollen zur Südspitze Südamerikas, wie Sue und Scott aus Anchorage. Soferne das Geld reicht.

Highway in Oregon

Highway in Oregon

Man trifft sich auf auf Highway1 in Oregon und Nordkalifornien, weil dort die Hiker- und Bikerplätze in den State Parks schön und preiswert sind. Ich radle einige Tage mit Kirk und Cara, die eine Gitarre mit sich führt. Man trifft sich auf der dreimal wöchentlich verkehrenden Fähre von La Paz nach Mazatlan, denn Fernfahrer geben der Baja California Wüste den Vorzug gegenüber der „unsicheren“ Strecke auf dem Festland.

Das Rahmenprogramm

Acht Monate liegen zwischen dem Start in New Orleans und dem Ziel in Mexiko-Stadt.

Meist starte ich mit Sonnenaufgang und fahre bis Sonnenuntergang. Im Sommer 12 und mehr Stunden am Tag. Einige Wochen hindurch ohne Rasttage.

Fallweise lege ich Pausen ein.

Ich besuche ein Rodeo in Snyder, Casinos in den Spielermetropolen Las Vegas und Wendover, das Lenardo Museum in Salt Lake City. Erhalte Besuch aus Österreich. Wir fahren in einem Jetboat auf dem Snake River durch den Hells Canyon, besuchen eine der größten amerikanischen Farmen mit einer Tagesproduktion von 190.000 Liter Milch und die Vulkanlandschaften der Cascade Mountains.

Ich besuche das Sacred Headwaters Music Festival in Iskut, ein Pow Wow und ein Potlach in Siletz, Feste der indigenen Bevölkerung. Und die Bluegrass Music Festivals in Coombs und Olalla , die vorwiegend Veranstaltungen für Eingeweihte und Einheimische sind.

Bluegrass Music Festival Olalla

Bluegrass Music Festival Olalla

Die Umgebungen von Kanab und Kodachrome Statepark sehen nicht nur wie Filmkulissen aus, hier wurden mehrere Kinohits gedreht. Die Westernstadt nahe Durango wurde eine Zeitlang als Filmdrehort verwendet, als amerikanische Produzenten aus Kostengründen nach Mexiko auswichen. Ich besuche die Sondervorstellung „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu Allerseelen in der finsteren mexikanischen Nacht mit einem finalen Showdown auf den Friedhof.

In einer ebenso finsteren, zusätzlich verregneten Nacht bin ich Gast bei einem Poertry-Wettbewerb in einem Shelter in Auke Bay an der Südküste Alaskas. Und beeindruckt, mit welcher Überzeugung  und Inbrunst einzelne Poeten ihre Werke präsentieren.

Die Naturwunder im Südwesten Amerikas sind mir einen zehntägigen Abstecher mit einem Mietsauto wert. Ich besuche die Nationalparks Death Valley, Zion, Bryce, Capitol Reef und Joshua Tree, die State Parks Kodachrome Basin und Valley of Fire, das Cedar Breaks National Monument. Vergesse auch nicht die Ghost Towns Calico und Rhyolite. Goldfields als Geisterstadt zu bezeichnen wäre vermessen.

Tijuana an der mexikanisch-amerikanische Grenze ist für sich einen Besuch wert. Meistfrequentierter Grenzübergang der Welt, Sündenpfuhl.

Amerikaner und Kanadier reden von Geschichte, pochen auf eine hundert- bis zweihundertjährige Tradition. Mexiko hat Geschichte. Und entsprechende Bauwerke. Prächtige Kirchen und Paläste, zahlreiche besuchenswerte Museen, eine lebende Tradition. Musik, die in Parks gespielt wird. Menschen, die auf der Straße tanzen. Und zu passenden und unpassenden Anlässen demonstrieren.

Vorschau 2015

Kein Rückblick ohne Vorschau. Der Rückflug nach Mexico-Stadt ist gebucht. Start im Juli 2015. Durch Mittel- und Südamerika zur Südspitze Argentiniens.

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