Prolog zur 3. Etappe

Von Toronto nach Lovington

16.–30.06.2015, 45 Tage, 4.100 km

Fahrstrecke:
Kanada: Toronto – Burlington – Niagara Falls – Windsor
USA: Detroit – Chicago – Springfield – Alton – Kansa City – Wichita – Amarillo – Lovington.

Highlights zur Route:
Kanadische Provinz Ontario: Waterfront Trail entlang dem Ontariosee, Niagara Wasserfälle, einige Streckenabschnitte am Eriesee.

Fahrstrecke USA:
Highway 12/ Michigan Bvd. von Detroit nach Westen, Route 66 von Chicago bis zum Mississippi River, Katy Trail in Missouri von St. Charles nach Clinton, Prairie Spirit Trail von Ottawa nach Iola in Kansas, Route 66 von Sayre (Oklahoma) nach Amarillo (Texas), High Plains am Rand des Llano Estacado in New Mexico.

Ich habe die Niagarafälle vor zwei Jahren besucht und sie haben nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Besonders die kanadischen Horseshoe Falls sind schlichtweg beeindruckend. Diese Wassermasse, die in die Tiefe stürzt und dann als Nebelwolke aus der Tiefe emporsteigt!

Detroit, hier erlebt eine Stadt einen tiefen Fall. Einst Zentrum der amerikanischen Autoindustrie, jetzt Armenhaus. Das riesige Bahnhofsgebäude eine verlassene Ruine, viele ehemalige Autowerke dem Verfall preisgegeben. Hier fasziniert der Odor des Verfalls. Werden so die heute blühenden Industriestädte in Zukunft aussehen? Industrieruinen, abgefackelte Vorstädte,  verlassene Häuser. Moderne Geisterstädte?

Chicago als Ausgangspunkt der Route 66, Hochhäuserschluchten am Michigansee. The Windy City, unablässig pfeifft der Wind durch die Straßenschluchten.

Route 66, ein Mythos stirbt. Unterschiedlich sind die Meinungen, ob es wert ist, die „Mother Road“ zu fahren. Unbestritten hatte diese um 1926 fertiggestellte Straße zwischen Chicago (Illinois)  und Santa Monica (Kalifornien) einst eine wichtige Funktion, brachte wirtschaftlichen Aufschwung für zahlreiche Regionen. Unbestritten wurde die Route 66 mit dem Bau von Autobahnen (Interstates, Freeways) als Verkehrsverbindung bedeutungslos. Doch zahlreiche Orte und Betriebe, wie Motels, Cafes und Restaurants, leben vom Mythos der „alten Straße“ und versuchen, die verbliebenen Streckenabschnitte touristisch anziehend zu gestalten. Welch Schock für die vom Tourismus Abhängigen: Die Besucher bleiben im Jahr 2015 aus! Vor einem Jahr noch volle Cafehäuser, heuer gähnende Leere.

Ich fahre zwei Streckenabschnitte, die Route 66 in Illinois und ein Teilstück in Oklahoma und Texas. Bin ich beeindruckt? Zweifellos nicht, doch ist die Route 66 um Ewigkeiten interessanter als andere Straßen im Mittleren Westen.

Kansas City hätte ich wirklich nicht besuchen müssen! Diese Stadt lebt tatsächlich nur vom Mythos des Wilden Westens! Modernes Stadtzentrum, Hügel,  Reifenpannen.

Im Vergleich zur Tour durch Kansas City – eigentlich war es eine Tortur – war die Fahrt auf den Trails der zwei aufgelassenen Bahntrassen sensationell. Abgesehen davon, dass der Einstieg zum Katy Trail nicht nur wegen der weitläufigen Überschwemmungen schwer zu finden war. Entlang dem überfluteten Missouri River, häufig im Schatten dichter Baumgruppen, besonders im Hochsommer angenehm zu fahren. Warum Kansas für die Benützung des Prairie Spirit Trails eine Gebühr vorschreibt, kann ich mir nur mit Unverständnis der Verantwortlichen erklären. Kaum Radfahrer in Kansas, hingegen zahllose Übergewichtige.

Route 66 führt, ständig leicht ansteigend, hinauf auf die High Plains. Die Fahrt in New Mexico von Clovis nach Lovington kannich genießen: Endlich kein Gegenwind, 107 Meilen mit leichtem Rückenwind durch nahezu brettelebenes, wenngleich kaum besiedeltes Land.

Shelley hat mich in ihr Haus in Lovington eingeladen. Sie ist verreist, doch die Vorratsschränke sind voll. Nun versorge ich in einem Riesenhaus einen Hund und fünf Katzen und kann damit Shelleys Tochter Lindsay, die mit ihrer Familie in einem anderen Stadtteil wohnt, ein wenig entlasten. Lovington ist zudem ein passabler Ausgangspunkt für die geplante Nationalparktour und die Weiterreise durch Texas nach Mexiko.

Streckenprofil: Abschnittsweise hügelig und flach. Besonders unangenehm zu fahren die Umgebung von Kansas City mit viel Verkehr, endlosen Hügeln und viel Wind. In Illinois und Missouri zwingen nach Überschwemmungen gesperrte Straßen und eingestellte Fährverbindungen zu unvorhergesehenen Umwegen. Die Flüsse Mississippi und Missouri führen Hochwasser, besonders ausgedehnt sind die Überflutungen im Bereich des Zusammenflusses bei Alton/ The Point.

Wetter:
Ein Regentag, sonst trocken. Ungewohnt die für eine Wüste hohe Luftfeuchtigkeit, mit einer vom Pazifik kommenden Luftströmung, besonders nächtens unangenehm feucht. Die Tropenstürme der vergangenen Wochen brachten schwere Regenfälle. Die Wüste blüht, wunderschön anzusehen. Aber Wind und Hochwässer zerstörten nicht nur Infrastruktur und Siedlungen. Sie verursachten Pfützen und Seen in der Wüste, idealer Nährboden für Moskitos und Malaria. Mit Warnungen vor Dengue-Fieber und Cholera.

Mehrere Straßenabschnitte bringen unverkennbar Nachweise, dass die Wüste lebt: Zahlreiche Skelette überfahrener Klapperschlangen, Skorpione und Taranteln, fest in den rauhen Asphalt gepresst. Doch der Regen brachte die Wüste zum Blühen, und nun tummeln sich darin Millionen von Schmetterlingen. Aber auch kleinste Fliegen, kriechen in Ohren und Nase, besonders beim Bergauffahren zum Verrückt werden. Der Wind! Manchmal aus der richtigen Richtung. Nervtötend als Gegenwind auf der Strecke zwischen Insurgentes nach Santa Rita, 80 km auf schnurgerader Strecke gegen den Wind.

MeeresbuchtKakteen, Vulkane, Sanddünen, Oasen, palmgesäumte Meeresbuchten. Drei Reifenpannen. Manchmal ging es an das Limit. War heilfroh, unbeschadet in La Paz einzutreffen. Nahm dort die Fähre nach Mazatlan auf dem Festland. Schaffte seitdem den Anstieg in die etwa 2.000 m hoch gelegene Sierra Madre, bin im Bundesstaat Durango angekommen.Meeresbucht-2

Habe wegen der vielen erhaltenen Warnungen meine Reisepläne geändert. Überfälle, Entführungen, Morde, Drogenkriege, im Süden bzw. Norden dieses riesigen Landes. Fahre daher Richtung Südosten, durch die zentralen Landesteile Mexikos, Richtung Merida und Cancun in Yucatan. Hoffe, dort in der 3. Novemberwoche einzutreffen.  Baja

Wer mehr über Baja wissen will, schmökert in meinem Tagebuch.

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