Bolivien

Auch heute Neuigkeiten, die nicht wirklich aktuell sind. Weil etwa ein Monat vergangen ist, seitdem ich Bolivien verlassen habe und ich jetzt bereits in Chile radle. Aber einige Details zur Tour sind doch erwähnenswert.

05.02. – 25.02.2016, 21 Tage, 800 km

Ich quere das Land von Peru im Norden nach Argentinien im Süden, radle im Altiplano, dem zwischen zwei Andenketten gelegenen Hochland, meist in einer Höhe zwischen 3000 und 4000 Meter über dem Meer. Jahreszeitlich bedingt ist Regenzeit im Altiplano, mit entsprechend kühlen Temperaturen.

Die Fahrstrecke führt von Copacabana am Titicacasee nach El Alto und La Paz, weiter nach Oruro und Uyuni nach Villazon an der argentinischen Grenze.

Streckenprofil: Im Norden am Titicacasee bergig. Flach bis leicht hügelig der Mittelteil. Extrem schwierig zu fahren der hügelige bis bergige Streckenteil südlich von Uyuni auf eine Naturstraße. Fast hat es den Anschein, dass die bolivianischen Straßenbauer diesen Landstrich wegen des zerklüffteten Geländes meiden.

Das Wetterphänomen El Nino beeinflusst stark das Wetter in Bolivien. Ungewöhnlich viele und starke Niederschläge mit teilweise heftigen Gewittern erschweren das Vorwärtskommen. Wo gestern auf der Naturstraße eine trockene Furt, muss ich heute Fahrrad und Gepäck durch eine braune Brühe von reißendem Wasser schleppen.

Die Straßen sind im Überlandbereich teils in gutem und teils in schlechtem Zustand. Generell schlecht ist der Straßenzustand im innerstädtischen Bereich. Befahrbare Bankette begleiten nur einen Teil der Hauptstraßen. Dem Straßennetz ist anzusehen, dass Bolivien ein bettelarmes Land ist. An der von Uyuni nach Tupiza führenden Straße wird gebaut. Der Zustand dieser Gebirgsstraße lässt sich unter anderem an der Fahrzeit eines Autobusses nach Tupiza erahnen: 6 Stunden für 120 Kilometer.

Die Menschen? Ich halte Bolivianer weder für besonders ehrlich noch für besonders fremdenfreundlich. In einem Gewitter verliere ich auf der kaum befahrenen Strecke südlich von Uyuni zwei Gepäckstücke mit Zelt und Schlafsack. Ich finde diese Sachen nicht wieder. Nur vier Fahrzeuge haben die Stelle passiert, an der ich die Sachen verlor und ein Fahrer muss diese mitgenommen haben – ich könnte auch „gestohlen“ sagen. Ein ehrlicher Finder würde anders handeln.

Für mich ist dieser Verlust in mehrfacher Hinsicht schmerzhaft. Die verlorenen Sachen sind in dieser Qualität in Südamerika nicht vorhanden, Ersatzsachen nur zu weit überhöhten Preisen im 1000 km entfernten La Paz erhältlich.

Die Besorgung von Essbarem gestaltet sich gelegentlich schwierig. Ist ein Laden offen? Ist der Verkäufer in Verkaufslaune? Will er überhaupt etwas verksufen? Manchmal kaum eruierbar!

Beeindruckend der Titicacasee mit den Inseln de la Luna und del Sol, die Altstadt von La Paz, das Karnevalstreiben in El Alto und in den Dörfern, vor allem aber Salar de Uyuni. Einzelne Teile des Salzsees sind wegen des hohen Wassers nach starken Niederschlägen nicht zugänglich, doch in einer geführten Tour überquere ich den See, besuche mehrere Lagunas mit Flamingos und die Hochlandwüste.

Das Preisniveau ist niedrig, die Hotels und das Essen sind billig.

Peru

News, die keine sind. Weil nunmehr einige Monate vergangen sind, seitdem ich durch Peru radelte. Aber einige Details zur Radtour durch das drittgrößte Land Südamerikas sind doch interessant.

23.12.2015 – 04.02.2016, 44 Tage, 2.400 km

Ich quere das Land im Wesentlichen auf der Panamericana von Norden nach Süden. Etwa zwei Drittel der Strecke fahre ich entlang der Küste, dann wechsle ich in das Hochland zwischen den Andenkordilleren. Das Land entlang der Küste ist trockene Wüste. Im Altiplano in einer Höhe zwischen 2500 m und 4000 m herrscht – jahreszeitlich bedingt – Regenzeit.

Fahrstrecke und Streckenprofil: Tumbes – Mancora – Puira – Chiclayo – Trujillo – Chimbote – Lima – Pisco – Pacaras – Ica – Nasca – Cusco – Puno.

Die Strecke von Tumbes bis Nasca weit im Süden entlang der Küste ist in gelegentlich flach, weitgehend jedoch hügelig. Die westliche Andenkette von Nasca nach Cusco querte ich in einem Autobus. Im Altiplano radelte ich die alte, nach Süden führende Inkastraße und erreichte am Bergpass Abra la Raya in 4300 m Höhe den höchsten Punkt meiner Radtour.

Das Wetterphänomen El Nino beeinflusst gravierend auch das Wetter in Peru. Heftige Winde in Küstennähe und starke Regenfälle im Hochland erschweren das Radfahren. Mehr als 2000 km Gegenwind, der nahe Nasca derart stark wird, dass ich von der Küste ins Inland abdrehe.

Die Straßen sind im Überlandbereich meist in gutem und in den Städten meist in schlechtem Zustand. Befahrbare Bankette begleiten einen Teil der Hauptstraßen und machen Radfahren sicherer. Erschreckend sind allerdings die Stadteinfahrten, die Mülldeponien gleichen. Müll wird in vielen Städten entlang der Straßen entsorgt, sorgt für Fliegenattacken und unerträglichen Gestank.

Bereits am zweiten Tag meines Aufenthalts wird eine Packtasche von meinem Fahrrad gestohlen. Zusammen mit den negativen Erfahrungen meiner Perureise 2009 – damals wurde in Puno meine Kamera entwendet – ist mein Verhältnis zu Peru ambivalent. Zudem wurden auf der Hauptstraße nahe Piura in jüngster Vergangenheit mehrere Radfahrer ausgeraubt. Ich betrachte Peru als ein Land von (Klein-) Kriminellen, mit zu Recht bestehenden Reisewarnungen für mehrere Landesteile.

Beeindruckend einzelne Städte wie Trujillo, Chimbote, La Paz und Cusco. Sehenswert das Museum von Lambayette, die Altstadt von La Paz, das Naturparadies Islas de Ballestas nahe Paracas, die Inkaruinen von Machu Picchu und die schwimmenden Städte auf dem Titicacasee.

Das Essen wohlschmeckend, das Angebot reichlich, das Preisniveau niedrig, die Menschen nicht unfreundlich, aber weniger freundlich als in Kolumbien und Ecuador.

Probleme am Hinterrad des Fahrrads werden in einer Einmannwerkstätte in Lima durch einen Felgenwechsel behoben.

In der Zwischenzeit bin ich bereits in Chile und Peru liegt weit hinter mir.

Ecuador

05.12. – 22.12.2015, 18 Tage, 883 km

Ecuador, Land am Äquator, Land der Vulkane. Ich quere das Land auf der Panamericana von Norden nach Südwesten und folge weitgehend den Andenkordilleren. Der größte Teil der Strecke in Höhenlagen von 2500 bis 3500 Meter über dem Meer ist von aktiven bzw. erloschenen Vulkanen gesäumt. Ich radle die „Allee der Vulkane“

Fahrstrecke und Streckenprofil:

Rumichaca – Tulcan – Ibarra – Otavalo – Mitad del Mundo  – Quito – Ambato – Riobamba – Zhud – La Troncal – Machala – Huaquillas.

Die Strecke Rumichaca bis Quito ist geprägt von steilen Anstiegen und Abfahrten. Zwischen Quito und Ambato bleiben die Anstiege lang, aber weniger steil als im Norden. Zwischen Ambato und Zhud wieder sehr steil, ehe ich in die Costa nach La Troncal abdrehe. Im Küstengebiet flach bis mäßig hügelig. Taglich zu überwindende Höhenunterschiede von eintausend Meter sind eher die Regel als die Ausnahme, mehrmals fahre ich in Höhenlagen über 3500 Meter, eingehüllt in dichte und feuchte Wolkendecken.

Am Äquator. La Mitad del Mundo, die Mitte der Welt.

Am Äquator. La Mitad del Mundo, die Mitte der Welt.

Wetter: Wie in Kolumbien ist auch im Hochland von Ecuador die Regenzeit nicht ausgeprägt, doch fällt mehr Regen von November bis April als im Rest des Jahres. Dichte Wolkenfelder stauen sich nahezu täglich an den mächtigen Bergketten. Im Westen an der Cordillera Occidental sind es die vom Pazifik hereinziehenden Wolken. Im Osten an der Zentralkordillere sind es Wolken aus dem Amazonasgebiet. Wenig überraschend, dass fallweise die Wolken über die Bergketten schwappen und Regenschauer mit sich bringen. Wetterprognosen bleiben ungenau und mehr als einmal stoppt mich ein Regenschauer.

Regen in Höhen ab 2500 Meter ist unangenehm kalt. Mit zunehmender Höhe sinken die Tagestemperaturen auf 20 bis 25ºC, ideal zum Radfahren. Nachts nähert sich das Thermometer in 3500 m Höhe gelegentlich dem Gefrierpunkt. Da verwende ich statt der schweren, aber wenig wärmenden Decken in den Hotels lieber meinen kuscheligen Schlafsack.

Ecuador ist kein typisches Radfahrerland, doch wochenends sind viele Leute auf Rennrädern und Mountainbikes unterwegs. Im Zuge eines ambitionierten Straßenbauprogramms werden die Hauptverkehrsstraßen deutlich erweitert und mit einem breiten asphaltierten Seitenstreifen versehen. Mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass dadurch die Sicherheit für Radfahrer deutlich steigt.

Straßenzustand: Sehr gut im Überlandbereich, schlecht in den Städten. Motorisierte Fahrzeuge werden auf den Hauptverkehrsstraßen bemautet, der Mauterlös offensichtlich für den Bau und die Erhaltung von Straßen verwendet.

Beeindruckend:
– Altstadt von Ibarra, die „Weiße Stadt“
– Markt von Otavalo
– El Mitad del Mundo, das Denkmal am „falschen“ Äquator
– Altstadt von Quito, Weltkulturerbe

Landschaft: Endlose Bergketten und die lange Reihe der Vulkane, vom Chile im Norden über Cotopaxi und Chimborazo im Zentralraum bis zum Sangay im Süden

Highlights:

Quito

Quito zu meinen Füßen, Cotopaxi über meinem Kopf.

Die Fahrt mit der Seilbahn teleferiQo in Quito und die nachfolgende Wanderung zum nicht aktiven Vulkan Rucu Pichincha. Kombinierte Wander- und Radtour am Vulkan Chimborazo, erstmals über 5000 Meter.

Radtour Chimborazo, Start in 4800 Meter, mit Rachel und Jeremy.

Radtour Chimborazo, Start in 4800 Meter, mit Rachel und Jeremy.

Das Essen wohlschmeckend,  das Angebot reichlich, das Preisniveau niedrig, die Menschen extrem freundlich.

Das Fahrrad wird in Quito serviciert, der abgefahrene Reifen am Hinterrad gewechselt

Die 10.000 Kilometermarke ist überschritten, mehr als der Hälfte der dritten Jahresetappe liegt hinter mir. Mal sehen, was – außer längeren Tagen – der nächste Streckenabschnitt bringt.

Kolumbien

20.11.2015 – 04.12.2015, 15 Tage, 1.045 km

Panama und Kolumbien haben eine gemeinsame Landgrenze, aber keine Straße verbindet die beiden Länder. Man kann das dschungelartige Gebiet des Darien durchqueren – unter Lebensgefahr. Darien ist das Land der Drogen- und Menschenschmuggler, heute gefährlicher denn jäh. Ich bin zwar alt, aber nicht dumm genug, mein Leben leichsinnig aufs Spiel zu setzen. Daher wähle ich den sicheren Weg nach Kolumbien und fliege mit dem Flugzeug von Panama Pacifico nach Medellin

In Kolumbien radle ich von Medellìn nach Süden Richtung Ecuador und folge weitgehend der Zentralkordillere der Anden.

Fahrstrecke und Streckenprofil:

Rionegro – Medellìn – Manizales – Pereira – Cartago – Tulua – Cali – Popayan – Pasto – Ipiales.

Cartago nach Cali ist weitgehend flach und leicht zu fahren. Die Strecken von Rionegro bis Cartago und Cali bis Ipiales sind bergig. Insbesonders Cali bis Ipiales ist mit viel Gepäck anstrengend zu fahren. Lange Anstiege und steile Abfahrten prägen die Strecke. Zahlreiche Berge und Schluchten muss ich überwinden, um vom 1.000 Meter hoch gelegenen Cali in das 2.800 Meter hoch gelegene Ipiales zu gelangen. Das Steilstück nach Manizales bewältige ich mit einem für diese bergige Umgebung typischen Fahrzeug. Das Fahrrad auf dem Dach eines Jeeps, ich mit 8 anderen Passagieren im Fahrzeuginneren.
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Wetter:
In dieser Region der Anden herrscht keine ausgeprägte Regenzeit, doch fällt mehr Regen von November bis April als im Rest des Jahres. Fallweise stoppen mich kurze Regenschauer, die besonders in Höhen ab 2.500 Meter unangenehm sind. Mit der Höhenlage schwanken die Temperaturen von sehr warm in Medellin bis kühl in Ipiales. Ein kalter Wind machte sich besonders in den höheren Bergregionen um Pasto bemerkbar.News_Kolumbien_2
Kolumbien ist ein Zweiradland. Auf den Straßen zahllose Motorräder, die weniger für private als vielmehr für geschäftliche Zwecke wie Zustelldienste und Personentransporte verwendet werden. Erstaunlich, dass trotz des bergigen Geländes das Fahrrad eine bedeutende Rolle spielt. Zahllos die Radfahrer, die besonders wochenends unterwegs sind.

Ungewohnt freundlich und hilfsbereit die Menschen. Auffallend der hohe Anteil der dunkelhäutigen Bevölkerung. In Puerto Tejada fühle ich mich inmitten schwarzer Gesichter wie in Schwarzafrika.

Straßenzustand: Großteils gut. Was auch darauf zurückzuführen ist, dass mehrspurige Fahrzeuge auf den Hauptverkehrsstraßen bemautet werden. Wo der Straßenzustand schlecht ist, dort ist er kritisch schlecht. Meist haben die Straßen befahrbare Bankette. Nicht jedoch dort, wo ich es als Radfahrer am Dringendsten brauche, in den Bergen und in den Städten.

Neben der Stadt Popayan beeindruckt mich in Kolumbien vor allem die Landschaft. Endlose Bergketten, tiefe Täler. Das Essen wohlschmeckend, das Angebot reichlich, das Preisniveau niedrig, die Menschen extrem freundlich. Kolumbien ist Kaffeeland, mit dem Eje Cafetero, dem Zentrum des Kaffeebohnenanbaus in der Landesmitte.News_Kolumbien_3

El Salvador, Honduras, Nicaragua

15.10.2015 – 31.10.2015, 17 Tage, 800 km

Hinter mir liegt Guatemala. Vor mir zwei Länder, die in meiner Reiseplanung mit MEIDEN gekennzeichnet sind. Für weite Teile El Salvadors und Honduras bestehen Reisewarnungen. Überfälle,

Raub, Entführungen, Morde. Länder mit den höchsten Verbrechensraten der Welt. Die beiden Länder überfliegen oder im vergleichsweise sicheren Überlandbus durchfahren, um in das ebenfalls unsichere Nicaragua zu gelangen? Ich handle nach dem Motto „es wird schon nichts passieren“ und fahre mit dem Fahrrad. Durch El Salvador, Honduras und Nicaragua.

Nach einer kurzen Strecke im Hochland El Salvadors quere ich die drei Staaten vorwiegend im Süden nahe der Pazifikküste.

La Union, El Salvador

La Union, El Salvador

Fahrstrecke und Streckenprofil:

El Salvador: Las Chinamas – Ahuachapan – Santa Ana – Santa Tecla – San Salvador – Zacatecoluca – Usulutan – San Miguel – La Union – El Amatillo. Hügelig mit einigen langen Steigungen von Las Chinamas bis San Salvador, lange Abfahrt in die Küstenebene, hügelig der östliche Landesteil El Savadors.

Honduras: Seit La Union in El Salvador umfahre ich den Golf von Fonseca, eine weit ins Landesinnere reichende Meeresbucht. Alle drei Staaten erhoben jahrelang Anspruch auf die drei großen, in der Bucht gelegenen Inseln, allerdings ist dieser Konflikt zwischenzeitig beigelegt. Ich fahre El Amatillo – Nacaome – Choluteca – Guasaule, die Strecken abwechselnd flach und hügelig.

Nicaragua: Guasaule – Somotillo – Chinandega – Leon – Managua – Granada – Rivas – Peña Blanca, mehr hügelig als flach.

Wetter: Die Regenzeit dauert in dieser Region üblicherweise von April bis Oktober, allerdings fällt der Regen meist am späten Nachmittag oder in der Nacht. Zwei Tage lang hält mich Regen in Santa Ana fest. Pudelnass werde ich nur in Rivas an meinem letzten Tag in Nicaragua.

Bezüglich Kriminalität beachte ich die üblichen Sicherheitshinweise und verlasse mich auf mein Gefühl. Menschenansammlungen meiden, besondere Vorsicht auf Märkten und nahe Busstationen, Distanz zu noch so freundlichen Helfern wahren, cool bleiben. Die Touristenzentren Leon und Granada in Nicaragua sind „sicher“, wie auch die ländlichen Gebiete entlang der Hauptverkehrsstraßen.

Kathedrale in Granada, Nicaragua

Kathedrale in Granada, Nicaragua

El Salvador und Honduras sind keine Touristenziele. Zu abschreckend die hohe Kriminalität, zu negativ das Image der beiden Länder.

Ich fühle mich in keinem der drei Länder bedroht. Doch irgendwie ist eine latente Gefahr spürbar. Bewaffnete Security-Leute vor Geschäften und Tanksrellen, Restaurants und Hotels. Schon ihre Anwesenheit erinnert mich ständig daran, vorsichtig zu sein. Bin überrascht, dass auch Fernlaster von Bewaffneten begleitet werden. Ganz zu schweigen von der hohen Polizeipräsenz in Ortsgebieten und auf Überlandstraßen.

Ist doch ein Paradoxon! So viele hilfsbereite und freundliche Menschen, und so viel kriminelle Energie!

Straßenzustand:

El Salvador: Weitgehend gut ausgebaut mit asphaltierten Bankett. Gefährlich zu fahren die Panamericana auf der kurvenreichen Steigung vor Santa Tecla. Sehr gut ausgebaut die Autopista zwischen San Salvador und dem in der Küstenebene gelegenen Flughafen sowie die Carretera del Litoral im Süden des Landes.

Honduras: Desolat. Bröckelnder Asphalt, Schlaglöcher. Anrainer füllen auf einzelnen Straßenstücken die Schlaglöcher mit Erde und erhalten dafür von mitleidigen Kraftfahrern die eine oder andere Münze.

Nicaragua: Überraschend guter Straßenzustand mit befahrbaren, jedoch zu schmalen Banketten.

Sehenswert sind in Nicaragua die alte Hauptsstadt Leon und die lange Zeit um den Hauptstadtsitz kampfende Stadt Granada. Sehenswert natürlich auch die Vulkanketten, insbesonders Momotombo am Managuasee und die Vulkane im Nicaraguasee. Alle drei Länder liegen am pazifischen Feuerring. Und mögen die Vulkane niedriger als in Guatemala sein – sie sind beeindruckend. Kegelförmig aus den Ebenen aufsteigend, aufsteigender Dampf sich zu riesigen Wolken formend.

Vulkan Momotombo, Nicaragua

Vulkan Momotombo, Nicaragua

Ich radle durch Gegenden und Orte, die seit geraumer Zeit keine Fremden sahen. Werde von einem Reporterteam in El Salvador gefilmt. Das Interview wird landesweit ausgestrahlt, ich erlange dadurch einen gewissen Bekanntheitsgrad. Die Menschen sind arm, aber freundlich und hilfsbereit. Am freundlichsten in Honduras, dem ärmsten Land dieser Region.

Das Fahrrad, es läuft. Vorne alles okay, hinten wird es heikel. Probleme am Hinterrad zeichnen sich ab. Schaltung, Felge, Speichen: Einzelne Teile werden zu tauschen sein.

Nur noch zwei Länder in Mittelamerika. Einheimische bezeichnen auch Costa Rica und Panama als nicht besonders sicher. Weniger als eintausend Kilometer bis Porto Bello in Panama, mit der Fährverbindung nach Südamerika.

Guatemala

07.10.2015 – 15.10.2015, 9 Tage, 350 km

13 Mio Einwohner, bevölkerungsreichstes Land Mittelamerikas, flächenmäßig etwas größer als Österreich, Landbrücke zwischen Atlantik und Pazifik, arm. Die Guatemalteken bezeichnen sich bei Umfragen als das glücklichste Volk der Welt. Dennoch will ein Viertel der Bewohner nach USA auswandern, wo bereits zahlreiche Landsleute leben, legal oder illegal.

Ich quere das Land vom Südwesten nach Südosten. Von El Carmen an der mexikanischen Grenze nach Valle Nuevo an der Grenze zu San Salvador. Ich fahre durch das tropische Tiefland bei Malacatàn in das Hochland von Quetzaltenango und Chimaltenango, von der alten Hauptstadt Antigua in die Metropole Guatemala-Stadt, durch den hügeligen Südosten des Departements Santa Rosa. Das Landesinnere ist unerwartet gebirgig, eine Vulkankette erstreckt sich entlang meiner Route.

Zu den 350  mit dem Fahrrad gefahrenen Kilometern kommen etwa 210 mit „Chicken buses“ zurückgelegte Kilometer. Zu steil und wegen der schmalen Straßen zu gefährlichen waren die Anstiege in die Berge um Quetzaltenango und aus der Caldera des Atitlàn Sees, rasch wollte ich das Teilstück von Barberena zur Grenze von San Savador zurücklegen.

Fahrstrecke:
El Carmen – Malacatàn – Coatepenque (Fahrrad), tropisch heiß,  hügelig, erst leicht abfallend, dann lang ansteigend.

Coatepenque – Quetzaltenango (Autobus), 80 km stark steigend, 20 km stark fallend, vom tropisch heißen Küstenland in das kalte Bergland.

Quetzaltenango – Sololà – Panajachel am Atitlàn See (Fahrrad). Durchgehend bergig. Langer und steiler Anstieg bei Quetzaltenango zum Bergübergang „Alasca“, steile Abfahrt durch Sololà nach Panajachel.Guatemala_01

Panajachel – Chimaltenango (Autobus), 60 km, extrem steiler Anstieg von Panajachel am Atitlàn See zur Interamericana,  hügelig bis Chimaltenango

Chimaltenango – Antigua – Guatemala Stadt – Barberena (Fahrrad), hügelig mit langen Abfahrten und ebenso langen Anstiegen, schmutzig und verkehrsreich die Metropole.

Barberena – Jalpatagua (Autobus), 40 km, hügelig.

Jalpatagua – Valle Nuevo (Fahrrad), flach bzw. hügelig.

Streckenprofil:
Vereinzelt ein Flachstück, meist hügelig, fallweise extrem lange und steile Anstiege.

Wetter:
Noch ist die Regenzeit nicht vorbei. Dauert in der Region, in der ich fahre, üblicherweise von April bis Oktober. Schramme haarscharf an einigen Regenschauern vorbei, werde allerdings nie nass.

Sicherheit:
Ich beachte hinsichtlich Kriminalität die üblichen Sicherheitshinweise. Die Touristenzentren sind „sicher“, die ländlichen Gebiete entlang der Hauptverkehrsstraßen „weitgehend sicher“. Guatemala City ist anders: schmutzig, laut, gefährlich, da bleibe ich nachts im Hotel. Ich benütze als Transportmittel fallweise „Chicken Buses“, auch das gefährlich, wegen der kriminellen Fahrweise der Fahrer. Die Straßen?       Fallweise eng und gefährlich, die Überlandstraßen teils gut ausgebaut mit einem asphaltierten Bankett.

Ich besuche die Touristenhochburgen Quetzaltenango, Panajachel, Atitlàn See, Antigua Guatemala und verbringe eine Nacht in Guatemala-Stadt. Der Besucherstrom in den Touristenzentren hält sich in Grenzen, zahlreiche Hotels sind schwach ausgelastet. Ich radle durch Gegenden und Orte, die seit geraumer Zeit keine Fremden sahen. Die Menschen sind freundlich und hilfsbereit.Guatemala_2

Am Fahrrad wechsle ich den Sattel. Die Bruchstellen des Brooks-Sattels scheinen nicht reparabel. Nun sitze ich wieder auf Plastik.

Guatemala war wegen des hügeligen bzw. bergigen Terrains schwieriger als erwartet zu fahren. Hingegen waren meine Bedenken hinsichtlich Sicherheit überzogen. Nun habe ich die Grenze nach El Salvador überschritten. Ein Land, das ich wegen der hohen Verbrechensrate in meinen Reiserecherchen mit „meiden“ kennzeichnete. Weil ich El Salvador nicht weiträumig umfahren will, muss ich durch. Wie, ob im Bus oder doch auf dem Fahrrad, habe ich noch nicht entschieden.

Mexiko

29.08.2015 – 07.10.2015, 40 Tage, 1400 km

Estados Unidos Mexicanos (Vereinigte Mexikanische Staaten), Bundesrepublik mit 31 Bundesstaaten und dem Hauptstadtdistrikt Ciudad de Mexico, 2 Mill. qkm, 120 Mio. Einwohner. Unabhängig (von Spanien) seit 1810, vierzehntgrößtes Land der Welt, in der Reihung der Bevölkerung an 11.Stelle. Landessprache Spanisch, seit 2003 werden 62 indigene Sprachen als „Nationalsprachen“ anerkannt.

Das südlichste Land des nordamerikanischen Kontinents ist sechsmal so groß wie Deutschland, etwa 3000 km lang und 200 bis 2000 km breit.

Ich quere das Land von Norden nach Süden. Fahre in einer nahezu direkten Linie von El Paso (Texas/USA) nach Cd. Hidalgo an der Grenze zu Guatemala. Bereits 2014 war ich in Mexiko. Radelte damals eine weitgehend andere Strecke. Nur zwei Tage fahre ich heuer – bei Fresnillo und Zacatecas – auf Straßen, die ich im Vorjahr fuhr. Das Umfeld in Mexiko ist im Jahr 2015 unverändert radfahrunfreundlich: Zahlreiche rücksichtslose Autofahrer, fallweise viel Verkehr auf überlasteten Straßen, Reisewarnungen wegen Drogenkriegen und Entführungen.

Ich versuche, Sicherheitshinweise zu beachten. Meide die Hauptdrogenroute bei Veracruz und fahre in einem Autobus durch das „Entführungshochland“ Guerrero nach Acapulco. Auf drei Streckenabschnitten nehme ich Autobusse. Durch die Chihuahuawüste von Cd. Juarez nach Chihuahua wegen einer niederschmetternden Windprognose. Von Zacatecas nach Acapulco, um der Regenzeit im Hochland ein Schnippchen zu schlagen. Ein kurzes Teilstück bei Salina Cruz an der Südküste wegen der gefährlich engen Straße. Die bergige Landschaft um Barranca del Cobre, dem Kupfercanyon, besuche ich im Rahmen einer organisierten Tour, das Bergland der Sierra Madre de Chiapas und die Ruinen von Palenque im Süden des Landes in einem Mietauto.

Die Ruinen von Palenque

Die Ruinen von Palenque

Fahrstrecke:
Cd. Juarez – Chihuahua – Zacatecas – Acapulco – Puerto Escondido – Tapachula – Cd. Hidalgo.

Streckenprofil: Abschnittsweise flach, meist jedoch hügelig, teils bergig. Ausgedehnte Wüsten im Norden. Lange Anstiege, um in das von Hügelketten durchzogene zentrale Hochland zu gelangen. Die Straßen an der Südwestküste Mexikos wegen der nahen Berge fallweise anstrengend zu fahren.

Wetter: Im Norden, wie in einer Wüste zu erwarten, extrem trocken und heiss. Im Hochland und an der Südwestküste ist die Regenzeit noch nicht vorbei. In 2500 Meter über dem Meer ist der Regen unangenehm kalt, also weiche ich zur Küste aus. Hier stört der gelegentliche abendliche oder nächtliche Regen nicht. Tropisch heiss und schwül im Golf von Tehuantepec und an der Grenze zu Guatemala.

Die Wüste – und das eigenwillige Mautstraßensystems Mexikos – fordern ihren Tribut. Der erfahrene Radfahrer nützt trotz Verbotsschilder wegen der asfaltierten Seitenstreifen die „verkehrssicheren“ Mautstraßen. Diese umfahren allerdings weiträumig jede Siedlung und jede Versorgungsstelle. So bin ich nach 200 km und 3 Tagen in der südlichen Chihuahuawüste mit meinen Kräften am Ende. Setze mich auf einer Bergkuppe an den Straßenrand und warte, bis sich eine Mitfahrgelegenheit bietet. Im feuchtheissen Südwesten des Landes kürze ich die Tagesetappen. Nachmittags ist Radfahren schier ein Ding der Unmöglichkeit, doch hier gibt es – im Gegensatz zu den Wüstenabschnitten – Restaurants und Läden, Hotels und vor allem Schatten.

Gefährlich zu fahren waren vor allem einige Stadteinfahrten. Fresnillo, die 7 km lange Stadteinfahrt eine einzige Baustelle mit viel Verkehr auf seitlich tief ausgehobener und ungesicherter Fahrbahn. Zacatecas, die Haupteinfallstraße kurvig und steil ansteigend, in Gräben abfallend und wieder steil ansteigend. Der Ausfallsstraße von Acapulco nicht unähnlich, doch dort fegt mich ein Sturm zurück in die Stadt.

Weil eine Autoanmietung in Chihuahua nicht klappt, schließe ich mich einer geführten Tour zum Copper Canyon, dem tiefsten Canyon Nordamerikas an. Und lerne dabei drei reizende Mexikanerinnen aus Mexiko-Stadt kennen.

Die drei reizenden Mexikanerinnen aus Mexiko-Stadt.

Die drei reizenden Mexikanerinnen aus Mexiko-Stadt.

Wir besuchen eine Mennonitensiedlung und Wasserfälle, den Kupfercanyon und Menschen, die noch in Höhlen wohnen.

Ich miete in Huatulco ein Auto, um die Weltkulturerbestadt San Cristobal de las Casas und, nebst einigen Wasserfällen, die archäologischen Maya-Stätten von Palenque zu besuchen. Bin wenig angetan von den Resten der vorkolumbischen Siedlung Izapa nahe der Grenze zu Guatemala, der größte Teil der Ruinen vom Dschungel überwuchert.

Ich schwimme mit Meeresschildkròten vor Puerto Escondido,Schildkroete

wandle auf dem Gringo Trail, in Acapulco, Puerto Escondido und Palenque. Orte, die zu „sicheren“ Zeiten das Ziel vieler US-Amerikaner in Zentral- und Südamerika waren. Viele Nordamerikaner meiden nun Zentralamerika, wegen vermeintlicher und echter Gefahren. Nicht zuletzt wegen der negativen Berichterstattung in US-amerikanischen Medien. Persönlich habe ich nicht das Gefühl, in echter Gefahr zu sein. Aber einige Bilder in mexikanischen Zeitungen – zB. Köpfe enthaupteter Männer – sind zweifellos besorgniserregend.

So groß das Land, so unterschiedlich Landschaften, Vegetation, Menschen. Spärlich strauchbedeckte Wüsten und Kakteen, alpinähnliche Föhrenbestände in Hochlagen des Nordens, palmgesäumte Meeresbuchten und dschungelartiger Regenwald. Ausgedehnte Ranchos und kleinste Maisanbauflächen. Apfelplantagen im Westen Chihuahuas, Ananasplantagen im Landesinneren, Bananen- und Mangoplantagen im südwestlichen Küstengebiet. Geschäftig die Menschen im Hochland, freundlich grüßend in der Südwestecke das Landes.

Abgesehen von einem vor Ort nicht behebbaren Schaden an der Gangschaltung keine Probleme mit dem Fahrrad. Ein Taxi bringt mich zurück nach Puerto Escondido, wo der gebrochene Umwerfer am Hinterrad in kurzer Zeit ersetzt wird. Ich zahle den Preis für die Ersatzteile und will es nicht glauben, dass die Arbeitszeit nicht verrechnet wird.

Mexiko liegt hinter mir. Nun ist Zentralamerika zu durchqueren. Nächstes Ziel ist Guatemala. Wenn ich erhaltenen Auskünften glauben darf, nicht das sicherste, aber keineswegs das unsicherste Land Mittelamerikas. Radfahrerisch gesehen herausfordernd, weil es von Meereshöhe in ein zentrales Hochland geht. Sicherheitstechnisch nicht problemlos, weil sich im Land mit der Verhaftung des Präsidenten wegen Korruptionsverdacht ein Machtvakuum auftut. Wetterungsmäßig gleichfalls unsicher, weil die Regenzeit noch nicht zu Ende ist. Was mich da wohl erwartet?

Wer mehr über Mexiko wissen will, schaut in mein unvollständiges Tagebuch.

Prolog zur 3. Etappe

Von Toronto nach Lovington

16.–30.06.2015, 45 Tage, 4.100 km

Fahrstrecke:
Kanada: Toronto – Burlington – Niagara Falls – Windsor
USA: Detroit – Chicago – Springfield – Alton – Kansa City – Wichita – Amarillo – Lovington.

Highlights zur Route:
Kanadische Provinz Ontario: Waterfront Trail entlang dem Ontariosee, Niagara Wasserfälle, einige Streckenabschnitte am Eriesee.

Fahrstrecke USA:
Highway 12/ Michigan Bvd. von Detroit nach Westen, Route 66 von Chicago bis zum Mississippi River, Katy Trail in Missouri von St. Charles nach Clinton, Prairie Spirit Trail von Ottawa nach Iola in Kansas, Route 66 von Sayre (Oklahoma) nach Amarillo (Texas), High Plains am Rand des Llano Estacado in New Mexico.

Ich habe die Niagarafälle vor zwei Jahren besucht und sie haben nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Besonders die kanadischen Horseshoe Falls sind schlichtweg beeindruckend. Diese Wassermasse, die in die Tiefe stürzt und dann als Nebelwolke aus der Tiefe emporsteigt!

Detroit, hier erlebt eine Stadt einen tiefen Fall. Einst Zentrum der amerikanischen Autoindustrie, jetzt Armenhaus. Das riesige Bahnhofsgebäude eine verlassene Ruine, viele ehemalige Autowerke dem Verfall preisgegeben. Hier fasziniert der Odor des Verfalls. Werden so die heute blühenden Industriestädte in Zukunft aussehen? Industrieruinen, abgefackelte Vorstädte,  verlassene Häuser. Moderne Geisterstädte?

Chicago als Ausgangspunkt der Route 66, Hochhäuserschluchten am Michigansee. The Windy City, unablässig pfeifft der Wind durch die Straßenschluchten.

Route 66, ein Mythos stirbt. Unterschiedlich sind die Meinungen, ob es wert ist, die „Mother Road“ zu fahren. Unbestritten hatte diese um 1926 fertiggestellte Straße zwischen Chicago (Illinois)  und Santa Monica (Kalifornien) einst eine wichtige Funktion, brachte wirtschaftlichen Aufschwung für zahlreiche Regionen. Unbestritten wurde die Route 66 mit dem Bau von Autobahnen (Interstates, Freeways) als Verkehrsverbindung bedeutungslos. Doch zahlreiche Orte und Betriebe, wie Motels, Cafes und Restaurants, leben vom Mythos der „alten Straße“ und versuchen, die verbliebenen Streckenabschnitte touristisch anziehend zu gestalten. Welch Schock für die vom Tourismus Abhängigen: Die Besucher bleiben im Jahr 2015 aus! Vor einem Jahr noch volle Cafehäuser, heuer gähnende Leere.

Ich fahre zwei Streckenabschnitte, die Route 66 in Illinois und ein Teilstück in Oklahoma und Texas. Bin ich beeindruckt? Zweifellos nicht, doch ist die Route 66 um Ewigkeiten interessanter als andere Straßen im Mittleren Westen.

Kansas City hätte ich wirklich nicht besuchen müssen! Diese Stadt lebt tatsächlich nur vom Mythos des Wilden Westens! Modernes Stadtzentrum, Hügel,  Reifenpannen.

Im Vergleich zur Tour durch Kansas City – eigentlich war es eine Tortur – war die Fahrt auf den Trails der zwei aufgelassenen Bahntrassen sensationell. Abgesehen davon, dass der Einstieg zum Katy Trail nicht nur wegen der weitläufigen Überschwemmungen schwer zu finden war. Entlang dem überfluteten Missouri River, häufig im Schatten dichter Baumgruppen, besonders im Hochsommer angenehm zu fahren. Warum Kansas für die Benützung des Prairie Spirit Trails eine Gebühr vorschreibt, kann ich mir nur mit Unverständnis der Verantwortlichen erklären. Kaum Radfahrer in Kansas, hingegen zahllose Übergewichtige.

Route 66 führt, ständig leicht ansteigend, hinauf auf die High Plains. Die Fahrt in New Mexico von Clovis nach Lovington kannich genießen: Endlich kein Gegenwind, 107 Meilen mit leichtem Rückenwind durch nahezu brettelebenes, wenngleich kaum besiedeltes Land.

Shelley hat mich in ihr Haus in Lovington eingeladen. Sie ist verreist, doch die Vorratsschränke sind voll. Nun versorge ich in einem Riesenhaus einen Hund und fünf Katzen und kann damit Shelleys Tochter Lindsay, die mit ihrer Familie in einem anderen Stadtteil wohnt, ein wenig entlasten. Lovington ist zudem ein passabler Ausgangspunkt für die geplante Nationalparktour und die Weiterreise durch Texas nach Mexiko.

Streckenprofil: Abschnittsweise hügelig und flach. Besonders unangenehm zu fahren die Umgebung von Kansas City mit viel Verkehr, endlosen Hügeln und viel Wind. In Illinois und Missouri zwingen nach Überschwemmungen gesperrte Straßen und eingestellte Fährverbindungen zu unvorhergesehenen Umwegen. Die Flüsse Mississippi und Missouri führen Hochwasser, besonders ausgedehnt sind die Überflutungen im Bereich des Zusammenflusses bei Alton/ The Point.

Wetter:
Ein Regentag, sonst trocken. Ungewohnt die für eine Wüste hohe Luftfeuchtigkeit, mit einer vom Pazifik kommenden Luftströmung, besonders nächtens unangenehm feucht. Die Tropenstürme der vergangenen Wochen brachten schwere Regenfälle. Die Wüste blüht, wunderschön anzusehen. Aber Wind und Hochwässer zerstörten nicht nur Infrastruktur und Siedlungen. Sie verursachten Pfützen und Seen in der Wüste, idealer Nährboden für Moskitos und Malaria. Mit Warnungen vor Dengue-Fieber und Cholera.

Mehrere Straßenabschnitte bringen unverkennbar Nachweise, dass die Wüste lebt: Zahlreiche Skelette überfahrener Klapperschlangen, Skorpione und Taranteln, fest in den rauhen Asphalt gepresst. Doch der Regen brachte die Wüste zum Blühen, und nun tummeln sich darin Millionen von Schmetterlingen. Aber auch kleinste Fliegen, kriechen in Ohren und Nase, besonders beim Bergauffahren zum Verrückt werden. Der Wind! Manchmal aus der richtigen Richtung. Nervtötend als Gegenwind auf der Strecke zwischen Insurgentes nach Santa Rita, 80 km auf schnurgerader Strecke gegen den Wind.

MeeresbuchtKakteen, Vulkane, Sanddünen, Oasen, palmgesäumte Meeresbuchten. Drei Reifenpannen. Manchmal ging es an das Limit. War heilfroh, unbeschadet in La Paz einzutreffen. Nahm dort die Fähre nach Mazatlan auf dem Festland. Schaffte seitdem den Anstieg in die etwa 2.000 m hoch gelegene Sierra Madre, bin im Bundesstaat Durango angekommen.Meeresbucht-2

Habe wegen der vielen erhaltenen Warnungen meine Reisepläne geändert. Überfälle, Entführungen, Morde, Drogenkriege, im Süden bzw. Norden dieses riesigen Landes. Fahre daher Richtung Südosten, durch die zentralen Landesteile Mexikos, Richtung Merida und Cancun in Yucatan. Hoffe, dort in der 3. Novemberwoche einzutreffen.  Baja

Wer mehr über Baja wissen will, schmökert in meinem Tagebuch.

Das war 2014

17.400 km und 200 Tage im Westen Nordamerikas. Überrascht stelle ich fest, dass Kanadier und Mexikaner strikt auf eine Abgrenzung zu „Amerikanern“ achten. Aus viefältigen Gründen. Unterschiedliche Kulturen und Lebensanschauungen, Grenzkonflikte und Kriege. Kanadier wollen nicht „Amerikaner“, First Nation People nicht „Indianer“genannt werden. Ich übernehme diese Diktion und verwende die Bezeichnung „Amerikaner“ für Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika. Mexicanos sind die Bewohner der Estados Unidos Mexicanos („Vereinigte Mexikanische Staaten“), Kanadier bleiben trotz Separationsbestrebungen vorerst Kanadier.

Baja California

Baja California

Die Fahrstrecke

Ich fahre einen riesigen Loop in Form eines & durch Nordamerika. 17.400 km mit dem Fahrrad und etwa 10.000 km mit Mietautos, drei kurze Strecken mit Autobussen. Von New Orleans im Süden der USA bis Kalifornien im Westen. Nach Nordosten durch Nevada und Utah in die amerikanischen Rocky Mountains, nach Montana und Idaho. Durch die kanadischen Rocky Mountains an die Pazifikküste, mit Fähren durch die Inside Passage nach Alaska. Auf Alaska Highway und Cassiar Highway durch Kanada zurück nach Süden. Mit einer Fähre nach Vancouver Island. Entlang der amerikanische Westküste durch Washington, Oregon und Kalifornien. Dreimal bin ich in Mietwagen unterwegs, um Gebiete zu besuchen, die mit dem Fahrrad in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht erreichbar sind. Ich radle durch die Halbwüste der Baja California nach Südosten, auf dem mexikanischen Festland bis Mexiko-Stadt.

Route 66 in New Mexico

Route 66 in New Mexico

Die Reisekosten und die Unterkünfte

Drei Nationen, vier Preisniveaus. Je weiter im Norden, desto teurer. Den Vogel schießt Watson Lake im Yukon ab. Kein Zimmer in diesem verschlafenen Provinznest unter 150 Dollar. Alaska ist sehr teuer, Kanada teuer, Amerika – mit regionalen Unterschieden – teuer bis preiswert, Mexiko vergleichsweise sehr preiswert.

Ich reise mit Zelt und Schlafsack. Wenige Zeltplätze im Landesinneren von Amerika und Kanada. Also stelle ich mein Zelt auf, wo ich am Abend eine geeignete, nach Möglichkeit von der Straße nicht einsehbare Stelle finde. Ich campe am Ufer des Mississipppi, zwischen Erdölpumpen in Neu Mexiko, in einer Höhle bei Bluff, auf Feldern und in Wäldern, unter Millionen Sternen im Death Valley und auf einer Klippe über dem Pazifik. An der Westküste Amerikas in State Parks auf Hiker- und Bikerplätzen. Zwei- bis dreimal wöchentlich nächtige ich in Motels, um die Batterien meiner E-Geräte zu laden. Mexiko ist anders. Keine Notwendigkeit, im „gefährlichen“ Freien zu nächtigen, wenn die Hotels derart preiswert sind.

Das Land

Drei Nationen, unterschiedlichste Landschaften.

Flach mit Alligatoren die Sumpfgebiete Louisianas  am Golf von Mexiko. Zunehmend menschenleer, weil die Leute nach immer verheerenderen Tornados dieses Gebiet verlassen.

Der Westen von Texas versteppt nach jahrelangen Dürren. Ungeheure Staubwalzen rollen durch den Tornadobelt. Die Rancher verkauften um einen Spottpreis ihre Rinder, einzelne von Glück und Ölvorkommen begünstigte Grundbesitzer profitieren vom aktuellen Erdölboom.

Heftige Gegenwinde im Llano Estacado, die mich zum Abdrehen nach Norden in die amerikanischen Rocky Mountains veranlassen.

Monument Valley

Monument Valley

Farbenprächtige Sandsteinformationen im Grenzgebiet von Neu Mexiko, Colorado, Utah und Arizona.

Wüsten und Halbwüsten in Nevada und Kalifornien mit Death Valley, in Utah mit dem Großen Salzsee.

Hoch gelegen und teilweise schneebedeckt die Nationalparks Grand Teton und Yellowstone.

Gletscher im Glacier Nationalpark, tiefe Canyons auch im Nordwesten Amerikas.

Beeindruckend Hells Canyon am Snake River, tiefer als der Grand Canyon.

„Jawdropping“ die kanadischen Rocky Mountains entlang dem Icefield Parkway. Schnee und Gletscher, Seen und Flüsse, ausgedehnte Wälder und Wildtiere in den Nationalparks Banff und Jasper.

Bergketten und endlose Wälder im nahezu unbewohnten „Far West“ Kanadas.

Die Inselwelt Westkanadas, ein Tummelplatz für Delphine und Wale

Gebirgig, grün und wolkenverhangen mit Dauerregen die Küste Alaskas

Endlos die Wälder des Yukon im Norden Kanadas, durchsetzt von Seen und Sümpfen.

Spektakulär der Cassiar Highway im Westen Kanadas, eine der einsamsten Straßen der Welt, in einer von Menschen kaum berührten Natur.

Gletscherbedeckte Gebirgsketten, riesige Wälder, glasklare Flüsse und Seen, (Goldgräber-) Geisterstädte

Kitwanga, Cassiar Highway

Kitwanga, Cassiar Highway

Die Westküste Amerikas, teils steil zum Pazifischen Ozean abfallend, manchmal spektakulär, manchmal nur mühselig zu fahren.Unvergleichlich die küstennahen Regenwälder und ihre höchsten Vertreter, die Baumriesen der Redwoods.

Im Inneren Washingtons und Oregons zeigen die Länder ihre vulkanischen Seiten. Die abgebrochene Nordflanke des Mount Saint Hellens, riesige Totholzmengen im angrenzenden See, Crater Lake, Lavafelder, ein versteinerter Wald

Schockierend im Norden Kaliforniens die ausgedehnten schwarzen, noch immer qualmenden Flächen nach verheerenden Wald- und Buschbränden.

San Francisco und Santa Fe, die einzigen besuchenswerten Städte im Westen Amerikas. Enttäuschend die Nobelorte Malibu und Santa Monica im Süden Kaliforniens. Ganz im Gegensatz zu Mexiko mit mehreren als Welterbe gelisteten Städten.

Fantastisch die amerikanischen National- und Stateparks wie auch die National Monuments.

Mexiko unterscheidet sich landschaftlich und klimatisch kaum vom Südwesten Amerikas. Ein semiarides Hochland, mit Wüsten, Halbwüsten und Canyons. Der Beginn der Landbrücke zu Südamerika, in Amerika dem Bereich „Central America“ und nicht „North America“ zugeordnet, ist trocken und erdbebengefährdet

Baja California, vom mexikanischen Festland durch die langgezogene Bucht von Kalifornien getrennt, eine von Gebirgsketten durchzogene Wüste. Dünn besiedelt, hurrikangefährdet, kakteenbewachsen, fallweise sandig mit Dünen, vereinzelt Oasen, wunderschöne Buchten und Badestrände. Hurrikan Odile wütete drei Wochen vor meiner Ankunft, zerstörte ganze Landstriche. Niedergewalzte Häuser, abgetragen Dächer. Nicht der Wind, sondern sintflutartige Regenfälle an der Peripherie des Tropensturms verursachten die größten Schäden

Am Festland eine tropisch warme Küstenebene, hinter der sich steil die Gebirge der Sierra

Das Hochland Mexikos hügelig bzw. bergig, lediglich das Hochtal um Mexiko-Stadt ist flach. Die höchsten Berge um die mexikanische Hauptstadt sind wegen der starken Luftverschmutzung nur undeutlich zu sehen.

Das Wetter

Vielfältig die Landschaften, unterschiedlich das Wetter.

Ich fahre gegen starke Südwestwinde in Texas und Neu Mexiko, bis ich nach mehreren Tagen entnervt nach Norden abdrehe. Kann dennoch zufrieden sein, dass ich im Tornadobelt, dem Starkwindgürtel, nur in Staubwalzen und nicht in ausgewachsene Tornados gerate.

Ich radle in unterschiedlichen Höhenlagen, von unter dem Meeresspiegel im Death Valley bis etwa 3.000 Meter in den Rocky Mountains. Mit Schnee in höheren Lagen muss ich ohnehin rechnen und werde promt zweimal eingeschneit. Zahlreiche Wetterumschwünge in den Monaten April bis Juni bringen viele Wolken und gelegentlich Regenfälle.

Im Death Valley ist es bereits im April brütend heiß, in den Wüsten Zentralnevadas vergleichsweise kalt. Ich werde in Idaho auf einer kahlen Hochebene von einem Hagelsturm überrascht und kann Ende Juni die Going to the Sun Route nicht fahren, weil die Straße noch meterhoch mit Schnee bedeckt ist.

Eine meterhohe Schneeschicht bedeckt auch große Teile des Yellowstone Nationalparks, die Seen sind von einer dicken Eisschicht überzogen. Wo nächtigen, wenn 18 von 21 Campingplätzen geschlossen sind? Old Faithful macht es möglich: Im Tal der Geysire ist der Erdboden warm, der Schnee bereits geschmolzen.

Im Westen Kanadas gelegentlich leichter, an der Südküste Alaskas ein mehrere Tage anhaltender Dauerregen. Bevor ich das kanadische Festland verlasse, gerate ich bei Prince Rupert in ein Regengebiet mit kräftigen Schauern. Danach einige Monate nahezu regenfrei.

Maischnee in Nevada

Maischnee in Nevada

Bis tief in den Süden Kaliforniens versorgt nebelartige Bewölkung die Westküste Amerikas mit feuchter und kühler Luft, während das Landesinnere unter einer Hitzewelle stöhnt.

Meine globale Windprognose war richtig. Ich tippte auf eine Luftströmung von Nordwest nach Südost und plante dementsprechend meine generelle Fahrtrichtung. Gegenwind? Reichlich. Besonders nervend,  wie auf der schnurgeraden, 80 km langen Strecke von Constitucion nach Santa Ines auf Baja California Oder stürmische Seitenwinde bei Fresnillo auf dem mexikanischen Festland, die Radfahren zu einem lebensgefährlichen Unterfangen machen.

Die Hurrikansaison auf Baja California ist vorbei, als ich dort eintreffe. Was Hurrikans bewirken, zeigen zerstörte Infrastruktur und verlassene Landstriche. Hurrikan Odile zog eine Spur der Verwüstung. Doch die mit dem Tropensturm einhergehenden Regenfälle bringen die Wüste zum Blühen und Millionen von Schmetterlingen zum Fliegen.

Das Umfeld

17.400 km, fast ausnahmslos auf asphaltierten Straßen.

Häufig auf mehr oder minder breiten Highways mit Seitenstreifen („shoulders“), an der Westküste Amerikas und auf Baja auf teils sehr engen Straßen.

Radkultur: Unterentwickelt.

Um ein „fahrradfreundliches“ Umfeld ist lediglich der Bundesstaat Oregon bemüht. Mit Warnblinkanlagen, die Autolenker auf Radfahrer in Tunnels oder auf engen Brücken aufmerksam machen. Mit frequenzorientierten Randstreifen auf stark befahrenen Straßenstücken – je mehr Radfahrer, desto breiter der Fahrstreifen, so zumindest der Denkansatz.

Ein Hauch von Fahrradfreundlichkeit ist mit Radwegen in Kanada, Idaho und Teilen Kaliforniens zu spüren, doch im großen Rest Nordwestamerikas fristet das Fahrrad ein kümmerliches Dasein. Das Auto ist und bleibt das Goldene Kalb der Amerikaner.

Meine persönliche Liste der Risiken für Radfahrer führen unangefochten die Lenker von Kraftfahrzeugen an: Vorbefahren ohne Sicherheitsabstand, Überholen bei Gegenverkehr und auf unübersichtlichsten Stellen, Kurvenschneiden, betrunkene und übermüdete Fahrer. Der Lenker eines Sattelschleppers, der das eben an der Theke getrunkene Bier auf den Parkplatz kotzt, in den Lkw-Zug steigt und – ohne auf den übrigen Verkehr zu achten – auf die stark befahrene Straße auffährt. Der Buslenker, der haarscharf vor mir in die Haltestelle einfährt. Taxifahrer, die jedermann den Vorrang nehmen.

Wirklich gefährlich zu fahren sind die Straßen in unmittelbarer Umgebung von Groß-, aber auch von kleineren Städten. Autofahrer in Eile, viel Verkehr, keine Seitenstreifen, keine Ausweichmöglichkeiten, sei es Houston in Texas oder Mexiko-Stadt.

Anstrengend einzelne lange Strecken ohne jegliche Versorgungsstellen. Keine Läden, keine Restaurants oder Raststationen innerhalb einer Tagesetappe. Ich unterschätze manche Strecke, führe zu wenig Trinkwasser auf den Wüstenstrecken in New Mexiko und im Death Valley mit. Zu wenig Essbares am langen Cassiar Highway in Kanada. Wie auch auf Baja California, wo weite Landstriche vor Hurrikan Odile von Menschen verlassen wurden, die vormaligen Restaurants nur noch Ruinen sind.

Die Begegnungen

Acht Monate on the road. Genügend Gelegenheiten zu Begegnungen mit Menschen und Tieren

Ich treffe Menschen, die unverdrossen ihre Existenz gegen Wirbelstürme verteidigen. Wie Herbert am Sabine River, der nur bei Tornados mit bedrohlichem Hochwasser seinen Store dicht macht.

Erfolgreiche Geschäftsleute wie Shelley, die stundenlang die Straßen von Neu Mexiko absucht. Weil sie befürchtet, ein über das Land ziehender Wirbelsturm könnte mir unüberwindbare Probleme bereiten.

Brad vom örtlichen Flugrettungsdienst, der mich in De Baca, der Halbwüste Neu Mexikos, mit Wasser und Obst versorgt.

Künstler wie Korey, der mir eine längere Rastpause auf seinem Hausboot auf Lake Powell anbietet.

Mickey und Bob aus Colorado, denen meine Reise nach Mexiko viel zu gefährlich erscheint. Statt in die Krisenregion zu radeln, solle ich die Zeit in ihrem Haus in den Bergen Colorados verbringen.

Sheri in Shirley's Cafe

Sheri in Shirley’s Cafe

Ein Obdachloser in Florence, der mir mit Geld aushelfen will, weil ich nach einem langen Radlertag – wie er – ein „Sparmenü“ auf den Stufen eines Fastfoodladens verzehre. Nicht alle Begegnungen sind angenehm.

Der Grenzbeamte in Victoria lässt mich bereits bei der Einreise nach Amerika wissen, dass ich verhaftet und deportiert werde, wenn ich nicht rechtzeitig das Land verlasse.

Diana beansprucht in einem Hiker- und Bikercamp das halbe Areal für sich. „Get out of my kitchen, get out of my bathroom“! Eine harmlose Irre, wie die Parkranger erheben. Harmlos oder nicht, ich räume freiwillig das Feld

Tiere sind allenfalls gefährlicher, aber berechenbarer.

In den Sümpfen Louisianas lassen sich sonnende Alligatoren von vorbeifahrenden Autos nicht stören. Wohl aber von Radfahrern. Blicken kurz auf und tauchen rasch ab. Weg sind sie, wie viele andere Wildtiere, bevor ich fotografieren kann.

An den Anblick von Klapperschlangen gewöhne ich mich. Wunderschön gemustert, die ersten von Autos überrollt, später das eine oder andere lebende Exemplar. Skorpione und Rattlesnakes, beide sind mir nicht geheuer. Besonders in der Nacht bin ich vorsichtig, wenn ich das Zelt verlasse.

Schwarzbären, lange Zeit sehe ich keine, dann bin ich von ihrer Körpergröße enttäuscht. Nicht größer als große Schäferhunde, machen alle auf der Stelle kehrt und verschwinden im Busch. Bis ich auf ausgewachsene Tiere stoße. Groß wie ich, aber breiter und aggressiver. Da trete ich kräftig in die Pedale und versuche Abstand zu gewinnen.

Den ersten Grizzlybär sehe ich in einem Tierpark bei Pagosa Springs. Unscheinbar, zusammengekauert in der Ecke seines Geheges. Vermeintlich klein, bis Cathy seinen nachmittäglichen Snack serviert. Für zwei Handvoll süßer Weintrauben streckt er seine 500 kg Lebendgewicht. Nun ist er nicht mehr klein, sondern furchterregend groß.

Ranchiera am Alaska Highway im Yukon. Ein Grizzly nähert sich langsam dem Motel- und Campground. Inspiziert sorgsam alles auf seiner Seite des Highways. Kein Anlass zur Sorge für die Hotelbetreiber, denn ihre Gewehre sind schussbereit. Und die Wachhunde würden wütend bellen und den Bär vertreiben, wenn er zu nahe kommt. Wenig später trottet der Bär an meinem Zelt vorbei, verschwindet im rückwärtigen Teil des Campgrounds. Nach längerer Suche finden wir den Grizzly. Der Wachhund nimmt Reißaus, verkriecht sich im Restaurant. Zu viele Personen am Zeltplatz, ein Gebrauch von Schusswaffen ist undenkbar. Nun hat der Grizzly das Heft in der Hand.

Hirsche am Straßenrand, die unbekümmert äsen. Hirsche in Ortszentren, weil dort das Gras am Grünsten ist. Steinböcke, die einen reißenden Fluss durchqueren und die Jungtiere weit abgetrieben werden. Biber, ungnädig, weil ich sie beim Dammbau störe. Ein Wolf im Yellowstone Nationalpark, der wenige Meter entfernt mit seiner noch lebenden Beute spielt. Bisonherden, die seelenruhig Straßen queren. Mehr Elche als Einwohner in Packwood. Elchkühe, die im Prairie Creek Redwoods State Park auf Armeslänge herankommen; männliche Tiere, die aggressiv mit ihren Hufen scharren und drohend ihre Sechszehnender heben. Wale kesseln einen Fischschwarm ein. Walgesang in der Bucht von Charleston, tönt die ganze Nacht hindurch. Seelöwen auf Plattformen in den Häfen von Oregon, ihr Bellen und Brüllen ist nicht zu überhören. Seehunde und Fischotter, tauchend, ihre Beute rückenschwimmend verzehrend. Seeelefanten, vor einem Jahrhundert fast ausgerottet, erobern mehrere Abschnitte an Kaliforniens Südküste zurück und vermehren sich prächtig. Schmetterlinge in allen Farben und Größen in der nach Regenfällen blühenden Wüste der Baja California und in den mexikanischen Küstenregionen.

Der Radleralltag

Ich fahre einsame, ich fahre belebte Strecken. „North to Alaska“ auf Routen, auf denen ich in den ersten Monaten meiner Tour  kaum andere Radfahrer treffe. „South to Mexico“ auf Strecken, die zum „Muss“ kanadischer und amerikanischer Fernfahrer gehören. Ein riesiges Radnetz soll dereinst Nordamerika überziehen, viel ist geplant, wenig realisiert.

In Nordamerika fährt „man“ Coast to Coast, meist West nach Ost, auf gut kartierten Routen, propagiert von der Adventure Cycling Association. Zum Beispiel den TransAmerica Trail. „Hartgesottene“ fahren die Great Divide Mountain Bike Route (GDMBR), durch die Rocky Mountains von Banff in Aberta/Kanada nach Antelope Wells in Neu Mexiko/USA. An der Westküste fährt „man“ Vancouver Island und Highway 1.

Auf dem Weg nach Norden treffe ich zwei Weltumradler. Im Yellowstone Nationalpark kommt mir „Kobra“ Szabo entgegen, ein Rumäne der ungarischen Minderheit. Dem ich die Illusion nehmen muss, der einzige Weltumrunder zu sein. Vier Wochen später, im kanadischen Jasper, begegne ich Gerry „The Tramp“, Wiener mit Wohnsitz München, der in einer Kommune in Sibirien überwinterte. Bereits auf dem Weg in seine Heimat Neuseeland ist Andy, den mich auf dem Cassiar Highway überholt,  hat nur noch 15.000 km bis Feuerland vor sich.

Mehrere Radfahrer sind Richtung Süden unterwegs, wenige in nördlicher Richtung. Man trifft sich auf den entlegensten Strecken. Auf dem Cassiar Highway im menschenleeren Westen Kanadas sind wir plötzlich zu Siebent auf Südkurs. Einige fahren mehrere Wochen, wie die Schweizer Simone und Martin von Fairbanks nach Vancouver. Einzelne wollen zur Südspitze Südamerikas, wie Sue und Scott aus Anchorage. Soferne das Geld reicht.

Highway in Oregon

Highway in Oregon

Man trifft sich auf auf Highway1 in Oregon und Nordkalifornien, weil dort die Hiker- und Bikerplätze in den State Parks schön und preiswert sind. Ich radle einige Tage mit Kirk und Cara, die eine Gitarre mit sich führt. Man trifft sich auf der dreimal wöchentlich verkehrenden Fähre von La Paz nach Mazatlan, denn Fernfahrer geben der Baja California Wüste den Vorzug gegenüber der „unsicheren“ Strecke auf dem Festland.

Das Rahmenprogramm

Acht Monate liegen zwischen dem Start in New Orleans und dem Ziel in Mexiko-Stadt.

Meist starte ich mit Sonnenaufgang und fahre bis Sonnenuntergang. Im Sommer 12 und mehr Stunden am Tag. Einige Wochen hindurch ohne Rasttage.

Fallweise lege ich Pausen ein.

Ich besuche ein Rodeo in Snyder, Casinos in den Spielermetropolen Las Vegas und Wendover, das Lenardo Museum in Salt Lake City. Erhalte Besuch aus Österreich. Wir fahren in einem Jetboat auf dem Snake River durch den Hells Canyon, besuchen eine der größten amerikanischen Farmen mit einer Tagesproduktion von 190.000 Liter Milch und die Vulkanlandschaften der Cascade Mountains.

Ich besuche das Sacred Headwaters Music Festival in Iskut, ein Pow Wow und ein Potlach in Siletz, Feste der indigenen Bevölkerung. Und die Bluegrass Music Festivals in Coombs und Olalla , die vorwiegend Veranstaltungen für Eingeweihte und Einheimische sind.

Bluegrass Music Festival Olalla

Bluegrass Music Festival Olalla

Die Umgebungen von Kanab und Kodachrome Statepark sehen nicht nur wie Filmkulissen aus, hier wurden mehrere Kinohits gedreht. Die Westernstadt nahe Durango wurde eine Zeitlang als Filmdrehort verwendet, als amerikanische Produzenten aus Kostengründen nach Mexiko auswichen. Ich besuche die Sondervorstellung „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu Allerseelen in der finsteren mexikanischen Nacht mit einem finalen Showdown auf den Friedhof.

In einer ebenso finsteren, zusätzlich verregneten Nacht bin ich Gast bei einem Poertry-Wettbewerb in einem Shelter in Auke Bay an der Südküste Alaskas. Und beeindruckt, mit welcher Überzeugung  und Inbrunst einzelne Poeten ihre Werke präsentieren.

Die Naturwunder im Südwesten Amerikas sind mir einen zehntägigen Abstecher mit einem Mietsauto wert. Ich besuche die Nationalparks Death Valley, Zion, Bryce, Capitol Reef und Joshua Tree, die State Parks Kodachrome Basin und Valley of Fire, das Cedar Breaks National Monument. Vergesse auch nicht die Ghost Towns Calico und Rhyolite. Goldfields als Geisterstadt zu bezeichnen wäre vermessen.

Tijuana an der mexikanisch-amerikanische Grenze ist für sich einen Besuch wert. Meistfrequentierter Grenzübergang der Welt, Sündenpfuhl.

Amerikaner und Kanadier reden von Geschichte, pochen auf eine hundert- bis zweihundertjährige Tradition. Mexiko hat Geschichte. Und entsprechende Bauwerke. Prächtige Kirchen und Paläste, zahlreiche besuchenswerte Museen, eine lebende Tradition. Musik, die in Parks gespielt wird. Menschen, die auf der Straße tanzen. Und zu passenden und unpassenden Anlässen demonstrieren.

Vorschau 2015

Kein Rückblick ohne Vorschau. Der Rückflug nach Mexico-Stadt ist gebucht. Start im Juli 2015. Durch Mittel- und Südamerika zur Südspitze Argentiniens.

Die Küste und das Hochland Mexikos

Von Mazatlan am Pazifik in die Hauptstadt Mexiko-Stadt

Letzte Etappe 2014 im zweiten Jahr meiner Radtour um die Welt.
Ab: 29.10.2014, Mazatlan an der Pazifikküste, An: 17.11.2014, Mexiko-Stadt
Abflug  22.11.2014, via Toronto, Ankunft in Wien am 24.11.2014
25 Tage, 1.020 km mit dem Fahrrad, (weitere 400 km mit Autobussen)

Durango, Straßenfest

Durango, Straßenfest

Gesamt 2014:  200 Tage, 17.400 km
Staaten: Sinaloa, Durango, Zacatecas, San Luis Potosi, Guanajuato, Queretaro, Hidalgo, Mèxico D.F.
Route: Mazatlan nach Mexiko-Stadt, davon 3 Teilstücke mit Autobussen
Fahrstrecke: Mazatlan am Pazifischen Ozean – Palmito in der Sierra Madre Occidental (Fahrrad), Palmito – Durango (Bus), Durango – Fresnillo (Fahrrad), Fresnillo – Zacatecas – San Luis Potosi (Bus), San Luis Potosi – Leon – Queretaro – Mexiko-Stadt (Fahrrad).

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Zacatecas, Weltkulturerbe

Streckenprofil: Flach in der Küstenebene bei Mazatlan. Darauf stetig bis Palmito auf etwa 2.000 Meter ansteigend. Gebirgig bis Durango. Hügelig die Hochebene Zentralmexikos, Höhenlage zwischen 1.500 m und 2.500 m. Flach das letzte Teilstück im Tal um Mexiko-Stadt

Wetter: Weitgehend trocken. Ein Tief über dem Pazifik bringt eine Woche lang Wolken und Wind für das Festland. Mehrere Tage ist es stark bewölkt bis bedeckt mit leichten Nieselregen. In Mexiko-Stadt nachmittsgs regelmäßig leichter Regen.

Highlights:

Zahllose Schmetterlinge im Übergangsbereich von Küstenebene und Gebirge. Zu Halloween eine nächtliche Sondervorstellung von „Spiel mir das Lied vom Tod“ in der Westernstadt bei Durango. Straßenfeste in Durango und San Luis Potosi. Mehrere geschichtlich bedeutende, von den Spaniern gegründete Städte, mit prächtigen Kirchen und Palästen aus Silberboomzeiten. Guanajuato,  Zacatecas und die Altstadt von Mexiko-Stadt sind Weltkulturerbe mit zahlreichen sehenswerten Museen.

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Mexiko-Stadt, Museo Mural Diego Rivera, Wandbild von Diego Rivera

Land und Menschen: Ein Land im Umbruch. Erdbebengefährdet. Soziale Spannungen. Offen wird über Korruption bis in höchste Regierungskreise gesprochen. Anlass jüngster und gewalttätiger Demonstrationen ist die Entführung und Errmordung von 48 Studenten. Straßenschlachten in Mexiko-Stadt, die Zahl schwerbewaffneter Polizisten in den Städten und auf Überlandstraßen ist beängstigend.

Zu Mexiko gab es keinen Mangel an Vorwarnungen: Keinesfalls in der Dunkelheit oder in der Nacht radeln, nirgendwo frei campen, nur belebte Straßen benützen, keinem Fremden vertrauen, am allerwenigsten der Polizei. Die Warnungen kamen nicht von Ungefähr, sondern von Einheimischen. Ich nahm die Warnungen ernst und fuhr gut damit. Wenngleich ich fallweise notgedrungen in Dunkelheit radlelte und frei campierte, einsame Straßen benützte, zahllose Unbekannte um Rat fragte. Und der Polizei vertraute.

Endpunkt der zweiten Jahresetappe ist Mexiko-Stadt. Ungeplant, weil zu groß, zu chaotisch, zu gefährlich. Aber mit passablen Flugverbindungen nach Europa. Voraussichtlich werde ich die Jahresetappe 2015 dort starten, wo ich 2014 nicht hin wollte: Im Juli am Flughafen von Mexiko-Stadt.