Irland

God save Ireland

Irische Musik. Seit Jahren bin ich Stammgast des vor Weihnachten durch Österreich tourenden Guinness Irish Christmas Festivals und des im Frühjahr stattfindenden Guinness Celtic Spring Caravans. Freunde und Verwandte schwärmen von bezaubernden Urlauben, Radfahrer von traumhaften Touren in Irland. Was liegt also näher, auf dem Weg nach Amerika in Irland Station zu machen, die Musikszene live zu erleben und die Radstrecken selbst zu fahren.

Das sagt Wikipedia zu Irland:Wiki Irland

http://de.m.wikipedia.org/wiki/irland

Die Iren haben es zweifellos nicht leicht. Aber sie haben mit dem Wirtschaftswunder nach dem EU-Beitritt Lunte gerochen, einen erheblichen Wohlstand aufgebaut, und wollen sich diesen trotz dümmlicher Geschäftsgebarung ihrer Großbanken nicht nehmen lassen. Sie arbeiten hart an der Überwindung der Krise und scheinen Erfolg mit dem eingeschlagenen Weg zu haben. Sie haben zur Zeit der Hungersnöte dem Kartoffelkäfer ein Schnippchen geschlagen – dasselbe Kunststück sollte ihnen auch mit den Banken gelingen.

Nach dem warmen Jahrhundertsommer prognostizieren die Wetterfrösche einen durchwachsenen Herbst. Die gesamte Insel lässt sich in den drei geplanten Wochen kaum umradeln, also konzentriere ich mich auf den Süden Irlands, um zumindest einige Sehenswürdigkeiten zu besuchen.

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Das Land fast so groß wie Österreich, aber nur 4,5 Mio. Einwohner, die, gemessen am BIP, fast so fleissig wie die Österreicher sind.

 

 

 

 

 

 

 

Mehr Schmuddelwetter, weniger Sonnenschein

04.09.2013, Dublin, Abbey Court Hostel, Radruhetag

Vormittags pendle ich zwischen dem Hostel und Traveladvisors, einem nahe gelegenen Reisebüro, um den Flug nach Amerika zu buchen. Das Reiseziel Halifax fällt rasch aus der engeren Wahl, der Preis für den Flug ist zu hoch und die Route über Frankfurt zu umständlich. Somit wird es ein Flug mit Air Transat, einer mir völlig unbekannten Chartergesellschaft, von Dublin nach Toronto mit Zwischenlandung in Montreal, am 19. September, Abflug 11,50 Uhr, Ankunft 16,00 Uhr. Etwas aufwändiger, doch mit fremder Hilfe machbar, gestaltet sich der per Internet zu stellende „Esta“-Antrag für die Einreise in die USA.

Hop on, hop off, mit dem Sightseeingbus durch Dublin. Die Fahrt ist den Preis nicht wert, wir passieren kleine und übergroße Statuen irischer Freiheitskämpfer, den 120 Meter hohen Millenium(stahl)turm in der O’Connel Street, National-, Modern Art- und kunsthistorische Museen, wichtige und weniger wichtige Parks und Krankenhäuser, eben all jene Sehenswürdigkeiten, die eine Großstadt bieten muss. Viel bleibt nicht in Erinnerung. Dass mehr Leute das Maternity Krankenhaus verlassen als betreten, ist nicht weiter überraschend, immerhin beherbergt es die größte Geburtenstation des Landes. Die Zentrale der Guinness Brauerei ist schon imposanter, ein riesiger Gebäudekomplex, das „schwarze Tor“ hat viel Farbe verloren, das Unternehmen ist nunmehr der einzige namhafte Bierbrauer der Insel. Nicht weniger bedeutend das Unternehmen Jameson, Sitz der Old Jameson Whisky Destillery, führender Hersteller irischen Whiskys, seit langem in ausländischem Eigentum. Nicht zu verwechseln mit schottischem und amerikanischen Wkiskey, wie den Besuchern eingebleut wird. Die Herstellung wurde in der Zwischenzeit nach Midleton im County Cork verlagert, der alte Firmensitz in Smithfield beherbergt neben Bar und Restaurant ein wohlbestocktes Verkaufsgeschäft. Lange ist die Schlange der Touristen, die durch das Brauereigebäude geführt werden wollen, um am Ende der Führung echten Jameson-Whisky zu verkosten. Was lerne ich aus der Führung? Der Unterschied zwischen Whisky (irisch) und Whiskey (amerikanisch) besteht aus einem einfachen e, der verwendete Rohstoff Getreidemaische ist derselbe.

Um Mitternacht gelingt beinahe der Einstieg ins Internet, doch das System im Hostel bricht zusammen. Die jungen Gäste sind verzweifelt. Was machen sie nur ohne Verbindung ins Netz?

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05.09.2013, Tullamore, B&B Brookville House, Tkm 111, Gkm 7.473

Mit klammen Fingern gegen kühlen Westwind, das Wetter aufklarend, fahre ich dem Grand Canal entlang auf einem vorerst gut ausgebauten Radweg. Offiziell eröffnet 2010, mangelt es nicht an Gedenk- und Hinweistafeln für die Väter der Cycling Route „The Grand Canal Way Green Route 3rd to 12th lock“, wobei geflissentlich die zahlreichen und viel zu engen Passierstellen in Kreuzungsbereichen mit Straßen vergessen werden.

Grand Canal nennt sich der Wasserweg zwischen Dublin und Shannon, Baubeginn 1756, das erste Boot fuhr 1803 von der Ost- zur Westküste. Der Personenverkehr wurde bereits 1852, der Frachtverkehr auf dem engen Kanal 1960 eingestellt. Laut Eigendefinition „eine der größten technischen Leistungen Irlands, früher lebensnotwendig für die Industrie, heute ein Freizeitparadies für Boot- und Radfahrer, Fischer und Läufer“, machen der mit Gras und Algen bedeckte Kanal und die unbemannten Schleusen nicht den Eindruck, dass viele Boote in letzter Zeit diesen Wasserweg benützten.

An Dublins Stadtgrenze mündet bei Schleuse 12 der Radweg in einen für Radfahrer auf weiten Strecken unpassierbaen Wanderweg. Im Kanal viel Gras, für Bootsfahrer dürfte ein Durchkommen schwierig sein. Ich weiche auf Seitenstraßen aus, bin meist nicht weit vom Grand Canal entfernt. Ungefragt sind Einheimische mit gutem Rat zur Stelle, wenn ich die Straßenkarte studiere, viele Leute grüßen. Bereits nach zwei Tagen in Irland wage ich zu behaupten, dass die Iren deutlich freundlicher als die Engländer sind.

Ist Celbridge historisch wirklich bedeutsam? Das an die Stadt angrenzende Areal des Castletown Houses könnte diesen Anspruch erheben. 1772 ließ William Conolly hier das größte Privathaus Irlands mit einem zentralen Block und zwei durch Säulenhallen verbundene Anbauten errichten. Zwei Gärtner auf Rasentraktoren werden wohl nicht die einzigen Mitarbeiter des Betriebes sein, die den weitläufigen, von einer hohen Mauer umgebenen Besitz in Stand halten.

Durch flaches, später hügeliges Land westwärts, Getreidefelder wechseln zu Weiden mit Rindern und Pferden, die erwarteten Schafe sind nur als Wolkenformation „Schäfchenwolken“ am Himmel erkennbar. Prosperous, Allenwood, Derrinturn – wenig mehr als Straßendörfer. Derrinturn hat allerdings mehr zu bieten als die beiden erstgenannten Orte: zwei Tankstellen, neben einem veraltetem Inn und drei biederen Gemischtwarenläden.

Ab Daingean, ehemals Hauptstadt des County Offaly, fahre ich wieder am Grand Canal, der Weg mal gut, mal schlecht. Bis mich kurz vor Tullamore ein kurzer und kalter Regenschauer daran erinnert, dass Irland am Atlantik liegt und die Nordwinde ziemlich ungemütlich werden können.

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06.09.2013, Ballinasloe, B&B Cloon Cummer, Tkm 109, Gkm 7.582

Nehme in Tullamore die falsche Ausfahrt, verfehle daher Charleville Castle und besuche ersatzweise einige Kilometer später Tullybeg House. Ein dreistöckiges Gebäude, geflankt beidseitig von Türmen, in einem Areal mit altem Baumbestand, zwischen Straße und Haupthaus ein Golfplatz. Naturlich wollen Gäste mehr als einfach nur Golfen. Daher bietet Tullyberg House Golf Club ein Restaurant mit Catering, Räumlichkeiten für Geburtstags-, Kommunions- und Weihnachtsfeiern, sowie Sunday Lunch von 12,30 p.m. bis 4,00 p.m.

Grüne Weiden, weiße Wolken, ein ständig wehender Wind, schwarzweiße Kühe, die Landschaft präsentiert sich postkartenlike. Selbst die Wettervorhersage entspricht irischen Wunschvorstellungen: Tageshöchsttemperatur 16ºC, heiter im Westen, bedeckt im Osten, schwere Regenfälle bei der Konkurrenz, in England und Schottland.

Birr liegt abseits der direkten Strecke nach Westen, doch „heritage town“ und „castle“ sind Grund genug, nach Süden abzubiegen. Beidseits der N 62 erstrecken sich „wetlands“ mit ausgedehnten Heiden und zahlreichen Torfabbauflächen, vereinzelt eine Halle zur Lagerung und zum Pressen von Torf. Kann ein derart primitives, überdies nährstoffarmes Produkt wie Torf überhaupt gewinnbringend vermarktet werden?

Die Existenzgrundlage von Birr ist nicht Torf, sondern Tourismus. Eine nette Hauptstraße, wenige Schritte entfernt Birr Castle Demense (sprich „domain“), seit dem 17. Jahrhundert Heim der Parsons, Earls of Rosse. Ein an der Kassa aufliegendes Prospekt animiert mich nicht zu einem Besuch. „Spend a day full of relaxation, enlightment & discovery in the award winning garden of Birr Castle Demesne“, soviel Zeit will ich nicht investieren, da klingt Clonmacnoise Monastry schon interessanter. Obwohl Birr wunderschöne Garten, seltene Pflanzen, Wasserfälle und Seen, vor allem aber ein 1840 vom dritten Earl gebautes Riesenteleskop zu bieten hätte.

Kaum zücke ich in Banagher die Straßenkarte, ist ein hilfsbereiter Einheimischer mit ausführlichen Informationen zur Stelle. Beste Route nach Clonmacnoise, Öffnungszeiten, Wettervorhersage für die nächsten Tage. Ich kann mich über die Hilfsbereitschaft der Iren nur wundern.

Die Ruinen der Abtei Clonmacnoise, unübersehbar auf einem Hügel am Ufer des Shannon, erreiche ich um 18,30 Uhr, die Anlage ist seit zwei Stunden geschlossen, die letzten Besucher haben das Gelände längst verlassen. Weil ich nicht bis morgen früh warten will, sehe ich mir die im Jahr 545 vom heiligen Kiaran gegründete, seit geraumer Zeit verfallene Klosteranlage von der Flußseite, später von der nicht abgesperrten Baustellenseite aus an. Einst wichtigste Pilgerstätte Irlands und Grabstätte der Könige von Tara und Connacht, sind jetzt die zahlreichen Kreuze und die Gemäuer der ehemaligen Kathedrale ein Anziehungspunkt für Touristen.

Ich bin auf Buschcamp programmiert, nicht erstrebenswert bei den deutlich gesunkenen Temperaturen, doch ich finde keinen geeigneten Zeltplatz in der hereinbrechenden Dämmerung auf der Strecke nach Ballinasloe. Weiden und Felder sind mit undurchdringlichen Hecken oder mannshohen Mauern umgeben, die Zugangstore versperrt. Doch ein gravierender Unterschied zu England ist erkennbar: Die Zugangstore zu den Hausgrundstücken stehen offen, so dass jeder Köter, und davon gibt es nicht wenige, kläffend auf die Straße rennen und den nichtsahnenden Radfahrer in Angst und Schrecken versetzen kann.

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07.09.2013, Gort, B&B Woodley, Tkm 60, Gkm 7.642

Ein kühler und regnerischer Morgen, wenngleich die Prognose für den Westen Irlands mit „teilweise trocken“ etwas günstiger ist als für den verregneten Osten. Doch der Wind macht mir und den Wetterfröschen einen Strich durch die Rechnung und bringt der Gegend, durch die ich fahre, mehr Regen als erwünscht.

In Aughrim betrete ich historisch bedeutsamen Boden. 1691 besiegte eine internationale, aus englischen, dänischen und französischen Truppen – die „Williamites“ – wegen einer sträflichen Unaufmerksamkeit das irische Heer – die „Jacobites“ -, weil ein Zugang zum Ort, ein Damm, nicht breit genug für drei Pferde, unzulänglich bewacht wurde. Es kam, wie es kommen musste: Unweit von „Bloody Hollow“, dem blutigen Loch, starb St. Ruth – nicht zu eruieren, ob ein/e Er/Sie, offensichlich ein/e Führer/in – am gleichnamigen „bush“. Eine weitere, doch bei weitem nicht die letzte Tragödie im langen Kampf der Iren um Freiheit und Selbständigkeit.

Ein kalter Wind weht heute über das Schlachtfeld, die Hauptverkehrsstraße führt mittendurch. Haben die Iren aus der 1691 erlittenen Niederlage etwas gelernt? Viel und nichts, wenn ich die aktuelle Bankenkrise als Maßstab nehme. Viel, weil sie sich der internationalen Gemeinschaft EU angeschlossen haben und deren Hilfe in Anspruch nehmen. Nichts, weil sie ihre Banken fuhrwerken liessen, bis diese dem Bankrott ziemlich nahe kamen.

Mehrere Dutzend Radfahrer begegnen mir auf der regennassen Straße, Teilnehmer einer Charity-Tour, unterstützt vom Softwareriesen SAP. Auf der Strecke Galway – Athlone kämpfen sie, sommerlich und keineswegs regenfest ausgerüstet, gegen heftigen Seitenwind und kalte Regenschauer. Für eine Wohltätigkeitsfahrt hätte ich den TeilnehmerInnen freundlichere Bedingungen gewünscht.

Apropos fuhrwerken: Den nächsten Regenschauer nütze ich für eine Rastpause im Dartfield Horse Museum. Kein biederes Dorfmuseum, sondern Teil der Dartfield Farm mit 600 Pferden der Rassen Irish Hunters (Sportpferde) und Connemara Ponies. Ein derart hoher Pferdebestand erfordert logischerweise ein entsprechendes Ambiente, mit Cafe, Reitzubehör und Museum. Selbstverständlich werden Reitunterricht, Ausritte und Kutschenfahren angeboten, aber keine Zimmer. Ich könne allerdings in den Stallungen nächtigen oder mein Zelt auf den ausgedehnten Weiden aufschlagen. Wegen des nasskalten Wetters nehme ich dieses großzügige Offert dann doch nicht an.

Laughrea scheint eine geeigneteStadt zum Nächtigen, mit vielen Pubs entlang der Hauptstraße. Im Ortszentrum ein B&B, die Haustür unverschlossen, niemand reagiert auf mein Klingeln, Klopfen und Rufen. Also weiter bis Gort, auf der geplanten Route nach Burren und Cliffs of Moher.

Endlich finde ich heraus, was es mit den beflaggten Häusern und Autos auf sich hat. Das gestern gegen Schweden verlorene Fussball-WM-Qualifikationsspiel ist Geschichte. Doch das diesjährige Finale im Hurling, dem „schnellsten Mannschaftssport der Welt“, weckt Emotionen; seit Tagen sind die Finalspiele Clare gegen Cork bei den Seniors und Galway gegen Waterford bei den Minors Topthemen der Medien. Im Match der Seniors fiebert die gesamte Region mit dem benachbarten County Clare; bei den Minors gilt die Unterstützung natürlich der lokalen Mannschaft Galway. So auch die etwa siebzigjährige „Lovely“ Deirdre Marlbourgho, bei der ich in Gort Quartier beziehe. Freundlich, wie sie ist, serviert sie sofort einen „pot of tea“ mit der Aufforderung, die lokale Hurlingmannschaft zu unterstützen.

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08.09.2013, Doolin, Riverside Hostel, Tkm 90, Gkm 7.732

Ein holpriger Start am Sonntagmorgen, schon nach zwei Metern endet die Fahrt. Ein unansehnlicher Stahlstift ist die Ursache, gebrochen, die Kurbel rutscht aus der Halterung. Notdürftig repariere ich den Schaden und fahre probeweise weiter.

Erstes Ziel ist Kinvara in der Bucht von Galway, der ich nun auf der engen, gewundenen und hügeligen N67 folge. Das Wetter ist kühl, kann sich weder für Bedecktbleiben noch für Aufklaren entscheiden. Vom Meer ist wenig mehr zu sehen als Tümpel, Steine und ausgedehnte Seegrasfelder, mit der Ebbe hat sich das Wasser weit aus der Bucht zurückgezogen. Ausflugsverkehr beherrscht die Straße, einige Autobusse und Motorräder, Pkw in der Überzahl, einige Radfahrer.

Linkerhand eine nahezu vegetationslose Karstlandschaft, einzigartig, wie die Iren meinen. Jahrtausendelang wurden die Wälder abgeholzt, weite Landstriche sind nun kahl. Für den Normaliren mag die Behauptung „einzigartig“ richtig sein, es sei denn, er hätte im Geschichtsunterricht aufgepasst: Römer und Venetianer waren in Dalmatien bei der Holzgewinnung ähnlich kurzsichtig.

Weg von der Hauptstraße, hinauf auf die enge und holprige Küstenstraße nach Black Head. Links die steil ansteigenden und vegetationslosen Hügel des Burren. Grauer Kalkstein, vereinzelt niedrige Büsche. Rechterhand, zur Bucht von Gaway abfallend, einige kleine, von Steinmauern umgebene Weiden mit weißbraunen Rindern. Jenseits der Bucht die langgezogene Hügelkette von Connemara.

Leben unter extremen Bedingungen: Zwischen den Felsen in Ufernähe suchen Rinder nach dem spärlichen Gras, jenseits der Straße versuchen es die Schafe. Bei Fanore sind die Weiden üppiger, die Hügel weniger kahl, in O’Donnahue’s Pub unterstützen die Fans lautstark ihre Mannschaft Clare. Am Dorffriedhof ist es hingegen ruhig, die Kirche verfallen

Doolin Caves wirbt mit Riesenstalagtiten, die Höhlen wurden erst vor Kurzem entdeckt. Ein Hund fiel in eine der zahlreichen Felsspalten, wurde erst zwei Tage später gefunden und mit ihm eine der größten Tropfsteinhöhlen Irlands.

Doolin ist Ausgangspunkt für den Besuch der Cliffs of Moher, mit 1 Mio. Besuchern jährlich Irlands führende Touristenattraktion. Jedes zweite Haus in Doolin ein Bed & Breakfast, mehrere Hostels und Hotels, Zeltplätze, hohe Preise für Nächtigung und Essen, aber keine Lebensmittelläden.

Die Klippen von Moher sind beeindruckend, kerzengerade erheben sie sich aus dem Meer. Riesenparkplatz, Besucherzentrum, Souvenirläden, doch der kühle Wind und die fortgeschrittene Stunde haben den Großteil der Besucher bereits vertrieben. Bei meiner Rückkehr ins Hostel ist es dunkel, aber nicht zu spät für einen Besuch in Fitzpatricks Bar, täglich Livemusik.

Spätabends besprechen im Hostel zwei Amerikanerinnen, die eine weiß, die andere schwarz, lautstark Familienangelegenheiten. Die Weiße: „Ich stamme aus einer kinderreichen Familie in Colorado. Und wenn mein Großvater, nach Geburt des sechsten Sohnes, nicht sehr früh gestorben wäre, ….“. Die Schwarze: „Beim letzten Treffen unserer Familie in Florida hatten wie allergrößte Probleme, mit den Quartieren, obwohl nur der jüngere Teil meiner Generation eingeladen war,….“. Jaja, kleine Probleme großer Familien, aber warum so lautstark?

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09.08.2013, Kilrush, Katie O’Connor’s Hostel, Tkm 58, Gkm 7.790

Ein durchwachsener Montagmorgen. Das Wetter kann sich ebensowenig entscheiden wie die Hurlingteams, deren Match gestern unentschieden endete und wiederholt wird. Ich will die Klippen von Moher im vorausgesagten Sonnenschein fotografieren, doch je näher ich dem Ort komme, desto intensiver wird der Nieselregel. Ich wurde vorgewarnt: „Do not visit the cliffs when raining, because clouds are coming in pretty low from the ocean and you will see nothing“. Genauso ist es. Ich radle zu den Klippen und sehe nichts. Nur dichten Nebel, der vom Meer hereinzieht.

Im Cafe des Visitors Centers suche nicht nur ich Schutz vor dem zunehmenden Niederschlag, sondern auch zwei Soziologiestudentinnen aus Graz, die von Doolin hierher gewandert sind und ebenfalls auf Wetterbesserung hoffen. Im Eingangsbereich des Besuchszentrums machen sich zwei Radlerinnen für den Weg nach Ennis wetterfest. Auf der Straße einige Wanderer und ein Hannoveraner mit Fahrrad auf dem Weg nach Schottland.

Ich treffe im nächsten Ort ein, die Brille beschlagen, sehe kaum irgendetwas, nehme an, dass ich in Lehinch bin. Nun warte ich erst einmal die Wetterentwicklung ab, bestelle im Danny Mac um 12 Uhr ein „Healthy Pancake Breakfast“.

Eine Stunde später ist es trockener. Ein Einheimischer radelt in Shorts am Pub vorüber, das sieht nach Schönwetter aus. Nach Quilty wird die Gegend einsamer, vereinzelt ein Gehöft, Rinder auf den Weiden, ein leichter Nordwind schiebt mich an. Die Sonne läßt sich kurz blicken, verschwindet wieder, dichte Wolkenbänke schieben sich vom Atlantik herein, wiederum setzt Regen ein. 4 km weiter, in Kilrush, scheint wieder die Sonne.

Nächtigen oder weiterfahren? Kilrush gibt sich bunt und lebhaft, bunte Häuser, einige Leute auf den Straßen, erst bei näherem Hinschauen sieht man die vielen leerstehenden Geschäfte. Einige B&B, aber auch ein Hostel, mit einem preiswerten Dormitory, Nächtigung kostet € 15,00. Campen ist bei der herrschenden unbeständigen Witterung ohnehin keine Alternative. Zudem ist die Hostelwirtin ein Österreichfan, womit mir die Wahl leicht fällt, im Hostel zu übernachten.

Kilrush hat zumindest zwei Attraktionen. Attraktion Nummer eins ist eine zweistündige Bootsfahrt auf dem Shannon, mit einer 90 % Garantie, Delfine zu treffen, aber ohne Garantie auf Geldrückgabe, wenn keine gesehen werden. Die zweite Attraktion, Maid of Erin, errichtet 1903 von den Kilruth Nationalists, steht in Stein gehauen auf dem Hauptplatz: „To the memory of the Manchester Martyrs Allen Larkin & O’Brien, who were judically murdered, by a tyrranical government, on the 23rd November 1867, for the galant rescue of Kelly & Deary, the Fenian chiefs, from the prison van at Manchester. God save Ireland“. Irland wurde bereits mehrfach gerettet, und das ist gut so. Bemerkenswert ist allerdings, dass der einseitigen Sichtweise von Extremisten an einer derart prominenten Stelle im Ortszentrum gehuldigt wird.

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10.09.2013, Tralee, Castle Hostel, Tkm 72, Gkm 7.862

Das Hostel in Kilrush war gut ausgelastet mit einer Gruppe von Radfahrern, mehrere davon blind, auf Tandems, mit Begleitfahrzeugen, auf einer 400 km Tour quer durch Irland. Blind, wechselndes Wetter, eine anspruchsvolle Strecke, da bedarf es schon einiger Zähigkeit, um diese Strapazen zu bewältigen.

Weniger gestresst als die Radler wirken die Menschen von Klirush. Steht ihnen doch am Stadtrand eine ausgedehnte Parkanlage um Vandelens Demense zur Verfügung, um sich zu erholen. Wovon eigentlich? Von der Erstellung eines Fragebogens, den mir gestern die Gastwirtin überreichte, zur Delfinbeobachtung? Bei der Fragestellung ging es doch im Wesentlichen nur um die maximal zumutbare Erhöhung des Preises für Ausflugsfahrten.

Manchmal folgen der Fähre von Killimer nach Tarbert die Delfine, zu deren Beobachtung die Ausflugsboote ausrücken. Heute ist jedoch nicht Delfintag, kein Tier ist zu sehen im „Mouth of the Shannon“, dem tief ins Landesinnere reichenden Mündungsgebiet des Shannon. Die nach Süden fahrende Fähre ist nur schwach besetzt, hingegen hat sich auf der Südseite des Fjords eine lange Warteschlange von Pkw’s und Bussen gebildet.

Kerry County Council warnt die Besucher von Abbeydorney (Old) Burial Ground, dass „the grounds in this graveyard very uneven“ sind. Das stimmt, doch uneben ist nicht nur der Boden, auch die Reste der alten Kirche sind einsturzgefährdet, der Turm mit zwei hydraulischen Stehern notdürftig gesichert. Seit Jahrzehnten, wenn nicht bereits seit Jahrhunderten, wird das Kircheninnere nicht für heilige Messen, sondern für Grabstellen genützt. Die am Friedhofseingang angebrachte Hinweistafel ist vergilbt und nur teilweise lesbar. Ein Zisterzienserkloster wurde hier 1145 errichtet, 35 Jahre später zog der Bischof von Lismore und päpstliche Nuntius, Christian O’Conarchy, in diese Abtei, um seinen unvermeidlichen Tod abzuwarten. Damit war die Blütezeit von Kyrie Eleison Abbey, das jetzige Abbeydorney, schon wieder vorbei. Heute, fast tausend Jahre später, grasen Kühe friedlich in der nächsten Umgebung und erledigen Farmer ihr unvermeidliches Geschäft, das Grasmähen.

Südlich von Tralee erheben sich die hügeligen Ausläufer der Halbinsel Dingle und weil ich nicht in Eile bin, sehe ich mich nach einem Hostel um. Die Haupturlaubszeit ist vorüber, die Quartiere nur teilweise belegt. Im Hostel neben einigen IrInnen ein österreichisches Pärchen und Johannes, deutscher Jungingenieur, der die Dingle-Wandertour vorzeitig abbrechen musste.

Abends, in einer nahe gelegenen Kneipe, irische Folkmusik, vier MusikerInnen, zwei Geigen, eine Gitarre und eine Harmonika, wenige Besucher, bis eine Gruppe spanischer Touristen in der Bar eintrudelt. Und drei leicht betrunkene irische Halbskinheads, die für etwas Wirbel sorgen.

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11.09.2013, Cahirsiveen, Sive Hostel, Tkm 72, Gkm 7.934

Der Tag beginnt mit einer langen Steigung, 6 Kilometer bergauf, da hilft auch der kräftige Rückenwind wenig. Das Wetter wie in den letzten Tagen durchwachsen, aber bis zum frühen Nachmittag trocken, der vom Hostelwirt erhoffte irische „Indian Summer“ bleibt Wunschdenken.

An der Ortseinfahrt von Castlemaine ein großes Hinweisschild auf einen bekannten Sohn dieses Dorfes. „Castlemaine, birthplace of the wild colonial boy“, doch kein Hinweis für den Fremden, wer dieser junge Wilde war oder ist.

Ab Kilorglin fahre ich den Ring of Kerry. Einzelne Reiseführer beschreiben die etwa 200 km lange, um die Halbinsel Iveragh führende Strecke als eine der schönsten Küstenstraßen der Welt. Kritischere Charaktere verweisen auf die lange Blechlawine von Autos und Bussen, die sich Stoßstange an Stoßstange, wie empfohlen gegen den Uhrzeiger, im Sommer um die Halbinsel staut.

Zwischen Kilorglin und Glenbeigh macht sich die berühmte Straße weniger durch landschaftliche Schönheit als vielmehr durch zahlreiche Autos und heftigen Gegenwind bemerkbar. Später nimmt der Verkehr ab, doch die Bewölkung zu, eine dichte graue Nebelsuppe schiebt sich vom Meer aufs Festland. Es nieselt, es regnet leicht, später regnet es beständiger, echt irisches Wetter. Durch meine regenbeschlagenen Brillen erkenne ich in Cahersiveen an der Ortseinfahrt gerade noch das Hostel, dieses mit drei deutschen Gästen nicht überbelegt. Eine Hauptstraße, eine Nebenstraße, einige Querstraßen, alles regennass, die Pubs so schwach besucht wie der Schnellimbiß, der Fish und Chips serviert.

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12.09.2013, Cahirsiveen, Sive Hostel, Tkm 10, Gkm 7.944

Leichter Regen wechselt mit feinem Nieseln aus Wolken und Nebel, die vom Atlantik hereinziehen. Die Hügel nebelverhangen, Nebel in den Niederungen, nur kurze Zeit kein Niederschlag.

Ich versuche, die rückständigen Tagebucheinträge anhand der mitgeschleppten Papiermasse zu vervollständigen. Das gelingt mir ebensowenig wie eine dauerhafte Internetverbindung aufzubauen.

Am Nachmittag öffnet sich kurz ein Wolkenfenster, ich besuche The Old Barracks, eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt. Das hohe und schloßartige Gebäude sieht gar nicht nach einer Baracke aus, ähnelt eher einer wehrhaften Anlage mit seiner strategisch günstigen Lage an der Straßen- und Eisenbahnbrücke.

Die Bahn wurde vor Jahrzehnten eingestellt, die Eisenbahnbrücke ist wegen Einsturzgefahr gesperrt. Ich nehme das Fahrrad, radle nach Ballycarbery Castle an einem der vielen ins Land reichenden Fjorde, inmitten von Kuhweiden die Reste einer kleinen Burg. Weiter nach White Strands, eine für irische Verhältnisse schöne Bucht mit Sandstrand.

Am Abend noch ein kurzer Ausflug mit Andrea aus Heidelberg in eine der örtlichen Kneipen. Sie hat einen Teil der Kindheit in Cahirsiveen verbracht, sucht nach alten Bekannten, die auch sukzessive eintreffen. Aber wie die Anzahl ihrer Bekannten und Freunde verringerte sich auch die Anzahl der Pubs, von einst 52 auf jetzt 14, noch immer beachtlich für ein kleines Städtchen mit einer sechswöchigen Saison. Das Pubsterben hat jedenfalls den Nachteil, dass wochentags nirgendwo im Ort Livemusik geboten wird. Mit einem Smithwicks stoßen auf die verbliebenen Pubs an: Slàinte – good health – prost.

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13.09.2013, Kenmare, Kenmare Fáilte Hostel, Tkm 76, Gkm 8.020

Irisches Wetter, bedeckter Himmel, einige Regentropfen, alles ist feucht. Einen weiteren Tag will ich nicht in Cahirsiveen verplempert, ziehe mich wetterfest an und mache mich auf nach Südwesten.

In Waterville ist es bereits trockener, die umliegenden Hügel aber unverändert in tiefhängende Wolken gehüllt. Hier halten, wie an drei oder vier weiteren Orten am Ring of Kerry, alle Busse auf Rundfahrten, die Passagiere dürfen eine halbe Stunde auf der regennassen Strandpromenade auf und ab wandern. Ein Bus transportiert deutsche Touristen, die ich später in Sneem wieder treffe und mir beim Fotoshooting helfen. Ohne lange Erklärungen komme ich so zu einem Foto auf Rad mit Charly Chaplin, der Waterville lange Zeit vor mir besuchte.

Auf dem langen Anstieg zur nächsten Hügelkette überhole ich eine junge schweizer Radlerin, die sich bei Schlechtwetter am Vortag in die Berge Kerrys verirrt und, unzureichend ausgerüstet, nur knapp einer Nächtigung im Freien entgangen ist. Das Beinahe-Abenteuer überstanden, ist das nächste Teilstück, eine langgezogene Abfahrt entlang der nun spektakulären Küste ein Kinderspiel.

Nur wenige hundert Meter vor Sneem überrascht nicht nur mich ein kräftiger Regenschauer, Spaziergänger und Radfahrer suchen Schutz unter den wenigen Vordächern.

Noch sitze ich bei Irish stew und einem pot of tea im Kitchen Inn, als sich die Sonne blicken lässt; kaum sitze ich auf dem Fahrrad, zieht es wieder zu. Die Straße bis Kenmare ist gut zu fahren, dann liegt der Ring of Kerry hinter mir. Und Kenmare bietet, was ich von anderen irischen Städten erwartet hätte: Bars, Pubs, Livemusik, und ein neues irisches Sprichwort: Cêad Mila Fãilte – hundert tausend (mal) willkommen.

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14.09.2013, Cork, Youth. Hostel, Tkm 91, Gkm 8.111

Ein ungewöhnlich schöner Tag, mit wenig Wolken, Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Selbst die Windräder auf den Derrynasggart Mountains – die höchste Erhebung 647 Meter – stehen still. Die ideale Gelegenheit, eine Bergstrecke zu fahren? Ich nehme die Nebenstraße Richtung Coolea, bis zum „highest pub of Ireland“ sind es 6,5 km. Als ich die Passhöhe An Ghaeltacht auf beeindruckenden 1.053 feet erreiche, drehen sich die Windräder wieder, doch das Pub ist wegen Umbauarbeiten geschlossen.

Es ist die bislang schönste Strecke, die ich in Irland fahre. Der Ring of Kerry mag bei Schönwetter wegen der spektakuären Küsten sehenswerter sein, doch zum Radfahren ist die leicht bergige Strecke nach Coolea idealer: Wenig Verkehr, dünn besiedelt, blumenübersätes Gelände mit alpinen Charakter, 400 m über dem Meeresspiegel. Selbst das Dutzend Windräder am Bergkamm beeinträchtigt nicht meinen positiven Eindruck, was auch an den klingenden Namen „Windfarm“ für Windpark und „Everwind“ für den Betreiber liegen mag.

Die Hauptstraße N 22 von Killarney nach Cork ist irisch schmal mit viel Verkehr, also weiche ich auf Nebenstraßen aus, die über Hügel und vorbei an Seen nach Cork führen.

Schon auf dem Bergpass bei Coolea sind mir die zahlreichen Viehtransporter aufgefallen, Geländewagen mit stinkenden Viehanhängern. Sie waren auf dem Weg zur Viehversteigerung in die mittelalterliche Kleinstadt Macroom. Neben einem Einkaufszentrum liegt die große Viehversteigerungshalle, dichtgedrängt mit Rindern gefüllt. Sie werden hierhin und dorthin getrieben, ganz verstehe ich das Geschehen nicht, obwohl ich von der luftigen Freitreppe, welche die Halle überspannt, einen guten Überblick habe.

Cork ist langgezogen, ich enttäuscht, weil die Jugendherberge sehr weit vom Stadtzentrum entfernt ist. Alt-Cork mit einer hohen grauen Häuserfront über dem Fluss Lee ist ebenfalls zu weit vom Hostel entfernt, so dass ich es bei einem Stadtrundgang belasse: Bunte Läden, viele Pubs, Livemusik erst ab 22 Uhr.

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15.09.2013, Tramore, JH Hostel Beach Haven, Tkm 123, Gkm 8.234

Das Wetter unfreundlich, der Himmel bedeckt, einige Regentropfen, als ich morgens aufbreche. Cork ist wesentlich größer als angenommen, gestern habe ich nur einen winzigen Teil der Stadt gesehen. Die Wetterprognose ist nicht ungünstig: Bedeckt und leicht regnerisch, Regenwahrscheinlichkeit 20%, windstill in Cork, Wind 10 kmh im Zielort Waterford.

Als ich in Cork auf die Schnellstraße nach Waterford auffahre, schiebt mich ein kräftiger Rückenwind an. Vor Midleton hänge ich mich in den Windschatten eines Traktors, da fahren wir flotte 30 kmh. Vorwitzig rechne ich mit einer Rekordzeit in das 130 km entfernte Waterford, doch dann wird das Gelände hügelig, einsetzender Regen zerstört den Traum von einer schnellen Zeit.

Schnell muss ich erkennen, dass die irische Wetterprognose einem Lotteriespiel gleicht. Ein langer Anstieg: Bedeckter Himmel, als ich die Talsohle durchfahre. Einsetzender Regen nach wenigen hundert Metern, ich ziehe die Regenkleidung über, heftige Windböen bringen kurze Schauer, der Wind verbläste auf den nächsten hundert Metern die Wolken, die Sonne läßt sich kurz blicken, und bevor ich die Hügelkuppe erreiche, beginnt das Spiel von vorne. Erst als ich genervt beschließe, die Regenkleidung nicht mehr an- bzw auszuziehen, hört der Regen auf, doch unverändert bläst der Wind, gelegentlich in Sturmstärke.

Ab Dungarvan fahre ich die Coastal Route entlang der Copper Coast, gut zu erkennen die Reste einzelner Kupferminen. Ein kurzes Stück entlang der Küste, dann dreht die Straße ins Landesinnere, in die Hügel, steilste Anstiege, kurze Abfahrten, mühsam zu fahren. Ab Annaville wieder an der Küste, prächtig das Panorama, steil ins Meer abfallende Klippen, die Straße überwindet unzählige Hügel. Mancher Anstieg so steil, dass ich ohne Hilfe des kräftigen Rückenwindes absteigen müsste.

Das Hostel in Tramore ist, im Gegensatz zu Cork, fast menschenleer, das große Dormitory gehört mir allein. Im Grand Hotel spielen die Musiker ihre letzten Songs, als ich dort eintreffe. Im Murphy’s bereiten sich die Muggins auf ihren Auftritt vor, die Bardame kenne ich bereits, habe ich sie doch nach dem Weg zum Hostel gefragt. An der Eingangstür begrüßt mich Fiona, „feel my hair, I am from Kerry“. ihr Haar fühlt sich gut an, Kerry kenne ich bereits, und einige der Songs der Viererband sind wirklich gut.

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16.09.2013, Gorey, B&B Carreig View, Tkm 116, Gkm 8.350

Das Wetter isr besser als die Prognose, statt 20% Regenhäufigkeit ein einzelner leichter Schauer. Doch bei der Windgeschwindigkeit liegen die Wetterpropheten weit daneben, statt erwarteter 20 kmh weht ein deutlich kräftigeres Lüfterl mit derart heftigen Böen, dass ich auf der Brücke über die Eisenbahn bei Waterford vom Rad steige. Hoffentlich ist die Vorhersage für morgen – Schlechtweter mit heftigem Wind und intensiven Niederschlägen am Vormittag – ähnlich unzutreffend wie es die Prognose für die letzten vier Tage waren.

Der kräftige Westwind schiebt mich von Waterford nach New Ross am Barrow River, etwa 30 km im Inland. Die Hauptattraktion des Ortes ist Dunbrody Famine Ship. Ein „Hungerschiff“ im Landesinneren? Sollte ich überrascht sein? Die Iren waren schon immer erfindungsreich, man denke nur an die schlimmen Hungersnöte vor etwa 200 Jahren. Schlagartig stieg damals die Zahl der Verbrechen, weil viele Menschen ins Gefängnis wollten, wo Mahlzeiten regelmäßig gereicht wurden und man ein festes Dach über dem Kopf hatte. Auch die Dunbrody ist Teil irischer Geschichte, ein Segelschiff, auf dem viele Iren nach Amerika auswanderten. Heute klettern nur noch neugierige Touristen – natürlich gegen Gebühr – in den dicken Bauch des Schiffs und dürfen auch kurz das Steuerruder drehen. Und New Ross hat eine direkte Verbindung zum Meer, zumindest bei Flut, wenn der langgezogene Fjord schiffbar wird.

Enniscourty hat mit Kathedrale, Schloss und Altstadt nicht nur mehr Sehenswürdigkeiten als umliegende Orte, sondern auch viel mehr Schwerverkehr auf der schmalen Überlandstraße N 11. Einige Lkw’s kommen mir derart nahe, dass ich umkehre und eine Nebenstraße fahre. Auch eine unkluge Entscheidung, denn die Straße folgt einer Hügelkette. Hier trafen offensichtlich unzurechnungsfähige Straßenplaner auf unfähige Straßenbauer, kaum ein Fahrzeug auf der zerbröselnden Straße, seit Jahren vernachlässigt, abwärts gehts kaum schneller als aufwärts.

Am frühen Nachmittag noch sehr gut in der Zeit gelegen, komme ich erst bei Dunkelwerden in Gorey an. „What can go wrong, will go wrong“, bislang habe ich irischen Sprichwörtern keinen Glauben geschenkt, doch hier trifft es zu: Kein einziges Bed & Breakfast in Town, lediglich ein einziges, teuer aussehendes Wellnesshotel am Stadtrand. Also die Strecke zurück, die ich gekommen bin, bis zum feinen, aber teuren Carreig View.

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17.09.2013, Rathnew, B&B, Tkm 66, Gkm 8.416

Trödle beim Frühstück, was mir eine Englischstunde mit Georgia Bale, englische Turnierreiterin, auf Fohlensuche in Irland, einbringt. Schnell begreife ich, warum sie mich nach Stürzen mit dem Fahrrad erkundigt: Bei einem Wettbewerb vor wenigen Wochen vom Pferd geflogen, nützt sie das wegen geprellter Rippen vom Arzt verhängte Reitverbot für die Fohlensuche. Und will im nächsten Jahr für Holland bei Olympia in Rio an den Start gehen.

Bei leichtem Regen fahre ich in Gorey auf die zweispurige Autobahn M 11 Richtung Dublin auf und komme, wie auf Motorways üblich, auf dem Pannenstreifen gut voran. Lkw’s ziehen lange Gischtfahnen hinter sich her, der eine oder andere Autofahrer hupt empört. Hat mir nicht die Wirtin vom B&B Carreig versichert, dass ich auf dieser Straße fahren darf? Bei Arklow wird mir das Autobahnfahren doch unheimlich, zudem zeigt ein Vorwegweiser eine Wartezeit auf einer der nächsten Brücken an, so dass ich schweren Herzens auf eine Nebenstrecke abfahre.

Der Regen nimmt zu, die Sicht nimmt ab, ich folge dem Wegweiser Richtung Wicklow, eine ständig ansteigende Straße. Am Abend sehe ich es auf der Straßenkarte: Anstatt Richtung Küste bin ich ins Landesinnere gefahren, der Bahnlinie folgend, über Woodenbridge und Avoca Valley nach Rathdrum und Genealy. In Woodenbridge mache ich wegen dem Regen eine längere Pause, dann klart es wieder auf. In Rathdrum schaffe ich gerade noch einen überdachten Unterstand vor dem nächsten Schauer, doch später erwischt mich eine blitzschnell hereinziehende Regenfront auf offener Straße. Halbblind schaffe ich Wicklow, und als ich in der nächsten Regenpause aus der Stadt hinaus fahre, stelle ich nach einigen Kilometern erstaunt fest, dass ich diese Straße bereits gefahren bin.

Die Irrfahrt hat allerdings zwei positive Aspekte. Zum einem bin ich weniger als 50 km vom Dubliner Stadtzentrum entfernt. Zum anderen spreche ich, neben einem entlegenen Friedhof in einem Auto sitzend und auf seine Frau wartend, mit einen amerikanischen Radsportfan. Nun weiß ich, dass ich im Osten der USA die Great Allegheny Passage zwischen Pittsburgh, PA, und Washington, DC, fahren werde, auf einer aufgelassenen Bahnlinie und entlang dem C & O Canal

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18.09.2013, Dublin, Travelodge Hotel, Tkm 57, Gkm 8.473

Zu spät kommen die Geheimtipps des B&B-Hausherrn für den zu Ende gehenden Teil der Radtour durch Irland. Ich darf im County Wicklow den „Garten Irlands“, den Landstrich zwischen der Irischen See und den Wicklow Mountains, keineswegs versäumen. Sehenswert seien natürlich Glendalough, mit Ruinen des im 6. Jh. vom heiligen Kevin gegründeten Klosters, natürlich auch der Wicklow Mountain Nationalpark und die herrlichen Bergseen Lough Dan und Lough Tay. Einmalig sei aber die Mischung von Landschaft und Menschen. Hier wohnen mehr namhafte FilmschauspielerInnen als in Holywood, kommen auf einen Drink in die alteingesessenen Pubs, ohne auf großes Interesse der lokalen (Ur-) Einwohner zu stoßen. Sagt zumindest der beleibte B&B-Betreiber, ich notiere und speichere.

Die Ausläufer der Wicklow Mountains, höchste Erhebung der 926 Meter hohe Lugnaquilla, mit den vielen bis zum Meer reichenden Hügelketten, haben mich seit New Ross gefordert und auch heute geht es bis Dublin-Süd hügelauf und hügelab. Auch Dublins Norden ist kuppiert, wenngleich weniger hügelig als der Süden. Mit der Nähe zur Hauptstadt nehmen Wind und Verkehr ebenso stark zu wie die Rücksichtslosigkeit einiger Autofahrer.

Travelodge Airport Dublin Süd habe ich per Internet vorgebucht, das Fahrrad kann ich im geräumigen Zimmer abstellen. Für mich undurchschaubar bleibt die Preiskalkulation. Ich zahle € 61,00 inklusive einmaliger Umbuchung; eine am Haus angebrachte Schautafel offeriert Preise ab € 59,00; laut der an der Zimmertür angebrachten Preisliste ist ein maximaler Zimmerpreis von € 300,00 zulässig. Offenkundig ist nur, dass man schnell über den Tisch gezogen wird, wenn man nicht genau schaut. Eine ebenso hinterhältige Abzocke sind die Zusatzkosten für Frühstück oder Internetzugang. Travelodge berechnet € 5,00 pro Tag für die Nutzung des Internets, ganz im Gegensatz zu anderen irischen Hotels, Hostels, B&B’s oder Restaurants, wo der Zugang gratis ist. Ich sehe mich um nach dem nächsten Gratis-Internetanbieter, und das ist im Stadtteil Ballymun für mich überraschend ein Supermarkt der Einzelhandelskette Tesco. So stehe ich also im Eingangsbereich von Tesco, in der Hand das Tablet und die Broschüre „Join Clubcard today“, und versuche es mit dem angegebenen Code. Und, sieh an, es funktioniert, aktuelle Emails abgerufen, ein Email versandt. So dankbar bin ich Tesco, dass ich sofort einen Großeinkauf tätige. Das 3-er CD Set „Rebel Songs of Ireland“ um € 7,00 wird mich hoffentlich noch lange begleiten und mit dem Titelsong „God save Ireland“ werde ich erfahren, warum die Iren dem Allmächtigen eher vertrauen als der manchmal scheinbar allmächtigen Europäischen Gemeinschaft.

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19.09.2013, Dublin Airport, Tkm 5 zum Flughafen, Gkm 8.478

Feucht und windig gibt sich Irland am Tag meiner Abreise, in der Nacht hat es leicht geregnet. Gestern abend war es noch wolkenlos, als ich auf ein Smithwicks ins Tower ging! War von Außen gar nicht zu erkennen, dass im nicht so kleinen Pub eine Lotterie im Laufen war.

Einchecken mit Fahrrad ist auf Flughäfen oft mit Überraschungen verbunden, die Kosten für den Transport sind ebenso undurchschaubar wie die Art der von den Fluglinien gewünschten Verpackung. Pingelige Airlines transportieren Fahrräder lediglich in verpacktem Zustand, andere völlig unverpackt. Transat ist großzügig, ich muss lediglich Luft aus den Reifen lassen. Als ich mein Gepäck einchecken will, erlebe ich eine böse Überraschung: Hier gilt Stückverrechnung, 5 Gepäckstück zu € 75,00 Euro, zusammen stolze € 375,00, das habe ich nicht erwartet. Doch der Mitarbeiter der Fluglinie ist hilfsbereit, verweist mich an einen im Terminal befindlichen Dienstleister, der für 10,00 Euro die Gepäcksstücke zu einem Riesenpaket bündelt. Und plötzlich dürfen Gepäck und Fahrrad kostenlos nach Toronto in Kanada mitfliegen.

Cycling into the rain

Als ich in Dublin ankomme, geht ein Jahrhundertsommer zu Ende. Drei Monate war es in Irland ungewöhnlich warm, an einigen Stellen war die „Grüne Insel“ bereits braun. Ich fahre Richtung Westen, folge dem Grand Canal von der Ost- zur Westküste. Mit jedem Tag wird das Wetter irischer, die längerfristigen Prognosen sind meist falsch. Ist Windstille vorhergesagt, kommt Starkwind auf. Lautet die Vorhersage auf Regen, öffnen sich Sonnenfenster. Und umgekehrt. Die letzten Tage der Tour fahre ich in Regenkleidung, da bin ich zimperlicher als einige Iren in kurzen Radlerhosen. Heftiger und kühler Wind, dazu kräftige Regenschauer, das sind zu Tourende unerwünschte Konstellationen.

Der eher flachen Region zwischen Dublin und Galway folgen die landschaftlich interessanten Gebiete entlang der Südwestküste. Burren, Cliffs of Moher und Ring of Kerry stehen auf dem Programm jedes Reiseveranstalters. Mit Ende des Sommers ist auch der Massenansturm der Touristen vorbei, mit Ausnahme einiger Deutscher sind nur noch wenige Fremde unterwegs. Gut gefällt mir das touristisch vernachlässigte Gebiet zwischen Kenmare und Enniscorthy im Süden Irlands, die Orte überschaubar, die Küsten weniger schroff als im Westen.

Der Linksverkehr bereitet mir keine Probleme. Im außerstädtischen Bereich ist das Verkehrsaufkommen häufig gering, die Straßennetz mehr oder minder gut ausgebaut. Auf einigen schmalen Landstraßen und innerstädtisch wird es manchmal eng, wobei in Dublin die Autofahrer trotz vieler Radwege das Heft nicht aus der Hand geben wollen und allesbeherrschend agieren.

Völlig überrascht bin ich von der Hilfsbereitschaft und Kontaktfreudigkeit der Iren. Sie helfen ungefragt bei der Suche nach dem richtigen Weg, nach einem geeigneten Quartier, zücken ihr Handy und fragen bei Freunden nach, um keine falsche Auskunft zu erteilen. Das bisher freundlichste Volk auf meiner Tour, God save the Irish.

Das durchwachsene Wetter animiert mich nicht zum Campieren, also nächtige ich vorwiegend in Häusern mit Bed and Breakfast (B&B) oder in Hostels. In vollbelegten Dormitories ist das Schlafen in Hostels kein Vergnügen, speziell in Tralee, wo Weitwanderer ihre durchnässten und stinkenden Kleider flächendeckend ausbreiten.

Traurig stimmt mich der Besuch eines Pubs in Cahirsiveen, wegen des irischen Pubsterbens. Autofahrer werden zum Wenigtrinken angehalten, für die Alttrinker ist der jährliche Bierpreisanstieg eine Katastrophe, Nachwuchstrinker ziehen zum Studieren nach Dublin. Wie soll da eine Kneipe überleben? Opfer der Pubmisere sind auch die Musiker, die früher alltägliche Livemusik mutiert zum Event für Touristen. Aber es gibt noch Hoffnung, dank Kerry-Leuten wie „Touch my curly hair“-Fiona in Tramore, die in den Pubs für Stimmung sorgen und die irische Fahne hochhalten.

Den Abend vor dem Abflug nach Toronto verbringe ich in einem Hotel nahe Dublin Airport und nütze die Zeit für ein Smithwicks im Pub auf der gegenüber liegenden Straßenseite: Slãinte, Cheers, Prost! Goodbye Wetlands of Ireland!

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