USA 2014

Pannen, Pech und Pleiten zum Start der 2. Etappe

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18.03.2014, Rauchenwarth, Hotel Bauer

Und wieder ist alles anders. Um meine Radtour am Ziel der ersten Etappe fortzusetzen, buchte ich Ende November in New Orleans neben dem Heimflug nach Europa auch den Rückflug in die USA. Somit muss ich lediglich meine Siebensachen packen und am 19.03.2014 rechtzeitig am Flughafen in Wien sein, schon fliege ich zurück nach New Orleans zum Start der 2. Etappe. So der Plan.

Vorausschauend nehme ich an, dass airberlin und deren Kooperationspartner American Airlines mein Fahrrad kartonverpackt übernehmen wollen. Besorge mir einen Riesenkarton. Zu groß, um mit der Bahn oder einem Klein-Pkw zum Flughafen transportiert zu werden. Ursula wird mich in ihrem großen staubigen Audi nach Wien bringen, hat mich dort bei meiner Rückkehr im Herbst abgeholt. Hatte allerdings vergessen,  dass es damals ziemlich eng im Auto war, trotz kleinerem Karton mit einem großteils zerlegten Fahrrad.

Trödle beim Packen, hake die Packcheckliste mehrmals ab, alles vollständig vorhanden. Außer Zelt und Radlerschuhe, die ich in NOLA kaufen werde. Und dem zum Laden meines Tablets bei Radsport Kostel bestellten Pufferspeicher, tolles Gerät, doch am Tag meiner Abreise noch nicht eingetroffen. Hole bei Kostel das Fahrrad ohne Pufferspeicher – er will diesen in Las Vegas, wo er seinen diesjährigen Urlaub verbringt, Ende April montieren. Das Fahrrad ist unzerlegt zu groß für das nicht kleine Auto, also zerlegen, damit Gepäck, Fahrrad und Kindersitz mit nach Wien können.

Ein paar Tränen zum Abschied, meine Enkelinnen Marlene und Ines sind traurig. Aniela, das jüngste Enkelkind, hingegen fröhlich, fährt ja mit nach Wien. Schläft eine Weile. Bis bei Kapfenberg, auf halber Strecke zum Flughafen, das Telefon läutet. Ich habe alle notwendigen Sachen gepackt, doch die Lenkertasche zu Hause vergessen. Mit Dingen, auf die ich nicht verzichten kann: Radkarten, Kamera und Tablet.

Wir drehen um auf halbem Weg, fahren zurück nach Kärnten, um von Beatrix die Lenkertasche zu übernehmen, die sie nach Reichenfels bringt. Nun ist bereits dunkel, das Scheinwerferlicht von Ursulas Audi kaum stärker als das einer Taschenlampe, auf der Bundesstraße bis Zeltweg ein echtes Problem, auf den Schnellstraßen und Autobahnen bis Wiener Neudorf auch keine Erleuchtung, bei der Suche nach dem Hotelquartier im Süden von Wien keine Hilfe.

Zwischenzeitig hat Aniela eine Softdrinkflasche geleert, eine halbe Portion Kartoffelchips vertilgt, sich über eine Stange Maoam hergemacht. Das Kind rülpst und stöhnt, will natürlich nicht  in das Höschen pinkeln, so dass wir mehrmals anhalten.

Google leitet uns bei Wiener Neudorf von der Autobahn ab in die geschichtsträchtige Landschaft im Süden von Wien und Schwechat. Wir fahren durch die Orte Biedermannsdorf, Maria Lanzendorf, Himberg, auf der kürzesten, jedoch keineswegs bequemsten und und schnellsten Strecke nach Rauchenwarth, dem kleinen Ort, den die ersten zwei Befragten an der Tankstelle in Himberg nicht kennen. Bereits vor einer Stunde hat sich der Gastwirt nach unserem Verbleib erkundigt, und dabei unbewußt ein Zusatzgeschäft angebahnt. Denn Ursulas Wiener Quartiergeberinnen Doris und Milena sind gesundheitlich angeschlagen. Was wiederum bei Aniela für Begeisterung sorgt. Immerhin hat das Hotel Bauer noch ein freies Zimmer und Aniela darf endlich wieder in einem Hotel schlafen.

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19.03.2014,  New Orleans – Metairie, Motel Sun Suites of Metairie, Tkm/Gkm 28

Zu später Stunde schraubte ich mein Fahrrad zusammen, ahnend, dass es Probleme mit der Lichtanlage geben  könnte. Verlasse um 3 Uhr morgens das Hotel Bauer, um auf dem vom Wirt beschriebenen Weg zum Flughafen zu radeln. Landstraße, Güterweg entlang der Bundesstraße, ein kaum erkennbarer Schotterweg, entlang dem Grenzzaun am Flughafen, ein kurzes Stück auf der Bundesstraße, alles in nächtlicher Finsternis. Die Fahrradbeleuchtung ist ausgefallen, die Lichter der hell erleuchteten Raffinerie Schwechat blenden, helfen wenig beim Radeln.

Beim Einchecken beginnen die Probleme. Ohne Rückflugticket aus den USA keine Einreise, der Mitarbeiter am Schalter von airberlin gibt sich kompromisslos. Die amerikanische Einwanderungsbehörde würde mich auf Kosten der Airline zurück nach Europa schicken. Einziger Ausweg ist der Kauf eines Rückflugtickets von New York nach Berlin, billigster Preis etwa € 750,00, nicht refundierbar. Ich entscheide mich zähneknirschend für das alternative Angebot, stornierbares Ticket um € 1.123,82, mit Kaufpreisrückerstattung bei Storno. Bin skeptisch hinsichtlich der Stornomöglichkeit und der Refundierung, an den € 29,00 Stornogebühren soll es nicht scheitern. Wozu anzumerken ist: Weder werde ich bei der USA-Einreise nach einem Rückflugticket gefragt, noch gibt es Probleme mit dem Storno; also wieder einmal viel Lärm um Nichts.

Fahrradmitnahme rechtzeitig bei der Airline angemeldet? Natürlich nicht, habe erst vor zwei Tagen, also nach der für Großgepäckstücke vorgesehenen Anmeldefrist, mit der Servicestelle der Fluglinie telefoniert, wegen der Verpackung. Was hat man telefonisch nicht alles gefordert: Pedale abnehmen, Lenker verstellen, Luftschläuche entleeren, in eine Tragtasche oder zumindest in eine Kunststofffolie verpacken! Eine weitere Luftblase! Nochmals zum Infoschalter, zahle die € 150,00 Transportkosten, bringe das Fahrrad unverpackt zum Großgepäcksschalter. Bin überrascht, als ich nach den Anweisungen der airberlin gefragt werde. Erwähne Reifendruck vermindern, was ich an Ort und Stelle mache. Schon ist das Fahrrad eingecheckt. Bin neugierig, was American Airlines davon hält.Flug_Miami

Die Flüge mit airberlin von Wien nach Miami mit Umsteigen in Düsseldorf sind unspektakulär. Just als ich dies schreibe, zwischen Halifax und Boston, die seidigen Kondensstreifen eines Jets unmittelbar unter uns, quer zu unserer Flugrichtung, kaum beurteilbar, in welcher Entfernung dieses Flugzeug unseren Weg kreuzt. Dichte Wolken über Westeuropa und dem Atlantik, eine ausgedehnte Dunstschicht über Nordamerika, weite Schneefelder wechseln mit aperen Stellen. Außentemperatur bei Boston in 11.575 m Flughöhe minus 58ºC bzw.  minus 72ºF, Fluggeschwindigkeit 501 mph bzw. 807 kmh, noch 3:05 Stunden bis zur nächsten Destination Miami. Wir folgen der amerikanischen Atlantikküste nach Südwesten, die Küstenlinie klar zu erkennen, der Himmel dunstig, durchzogen mit aufgelockerten Wolken.

Ungewohnt freundlich ist der Empfang in Miami. Passkontrolle: Kein Problem, die Einreisebehörde fragt weder nach Esta noch nach Rückflugticket, der Beamte interessiert sich mehr für meine Reiseroute als für meine Papiere. Gepäck und Fahrrad durch den Zoll, ebenfalls keine Fragen. Durchchecken ist auch für Transitpassagiere nicht vorgesehen, also erneut einchecken, diesmal am Schalter der American Airlines. Die Mitarbeiter am Großgepäcksschalter schauen konsterniert, als sie mein unverpacktes Fahrrad übernehmen, selbst dem Kapitän von Flug nach New Orleans ist diese Art von Fahrradmitnahme zwei Sätze in seiner Begrüßung der Boardpassagiere wert.

Radle in der hereinbrechenden Dunkelheit vom Louis Armstrong New Orleans International Airport stadteinwärts zum vorgebuchten Hotel in Metairie. Frage Autofahrer, Passanten und zwei Polizisten in Streifenwagen nach dem Weg. Am Unergiebigsten ist die Anfrage bei einer Gruppe von 5 Obdachlosen, doch selbst einer dieser Männer radelte einst von Galveston in Texas nach New Orleans.

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20.03.2014, New Orleans -Metairie,  Sun Suites of Metairie,  Tkm 31, Gkm 59

Dunstig, schwül, Temperatur rund 25ºC. Verplempere den Vormittag mit Nichtigkeiten. Mittags zum Einkaufen in die Metairie Mall, Radlerschuhe bei Bicycle Connections und ein Zelt bei Dick‘ Sporting Goods.

Clearview Parkway

Clearview Parkway

Zu den Sportschuhen gibt es gratis ein BC T-Shirt und Infos zum Radweg nach Baton Rouge. Am späten Nachmittag radle ich den Clearview Parkway nach Süden, überquere auf der mächtigen Hoey P. Long Bridge, einer aus Stahl errichteten Straßen- und Eisenbahnbrücke, den Mississippi. Starker Verkehr auf der mehrspurigen Brücke. Als ich zum Fotografieren halte, warnt mich ein Polizist in einem mit Blaulicht vorbei fahrenden Streifenwagen mittels Lautsprecher: „Don’t stop to long, it’s too dangerous up here“!

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Von New Orleans, La, nach Austin, Tx

21.03.2014, Geismar, Buschcamp am Mississippi, Tkm 123, Gkm 182

Vormittags wolkenlos, nachmittags ziehen Federwolken auf. Temperaturen frühsommerlich, fahre mehrere Stunden lediglich im Radtrikot, bin abends krebsrot, die bereits kräftige Sonne sorgt für einen ordentlichen Sonnenbrand.

8 km starker Frühverkehr auf dem Clearwiew Parkway, dann bin ich auf dem östlichen Mississippi Radweg, vereinzelt ein Jogger oder Spaziergänger,  einige Radfahrer. Freundlich grüßend, nur die Leute auf Rennrädern haben nicht die Zeit, die Hand zum Gruß zu heben.

Der auf der Dammkrone (Levee) angelegte, vorerst asphaltierte und später schottrige Radweg folgt dem sich durch das Delta, einer endlosen Ebene, windenden Fluss. Der Damm soll das dahinter liegende Land vor den jährlichen  Hochwassern des Mississippi schützen, meist funktioniert das auch. Vorbei an Lagerhäusern und eingeschossigen Wohnsiedlungen,  dann vorbei an Industrieanlagen: Raffinerien von Dupont, Exxon und Marathon, erzverarbeitende Betriebe, riesige Getreidespeicher.

Zwischen den Industriebetrieben eingepfercht einige Ante Bellum Häuser, Herrenhäuser aus der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, zum Beispiel San Francisco Plantation:Mississipi_02 Zahlreiche Fracht- und Schubschiffe, Schlepper und Kähne sorgen für viel Verkehr am Fluss. Hingegen meist wenig Verkehr auf der den Fluss begleitenden Straße,  der Überlandverkehr rollt auf Interstate 10 oder auf Airline Hwy 61.

Abends schlage ich mein Camp direkt am Ufer des Mississippi auf einem gerodeten, vermutlich für eine Verladestation vorgesehenen Grundstück auf. Hinter mir einige Büsche, vor mir der Mississippi mit zahlreichen Schubschiffen.Mississippi_01

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22.03.2014, Port Allen, West Inn Motel, Tkm 70, Gkm 252

Die Nacht am Mississippi war feucht, dichter Nebel liegt morgens über dem Fluss. Die vorerst leichte Bewölkung verdichtet sich im Tagesverlauf, es ist warm und unangenehm schwül.

Ich folge dem Fluss, fahre zuerst auf der unbefestigten Dammkrone, später auf der asphaltierten River Rd.. Riesige Industrieanlagen von BASF und Shell, dazwischen unzählige Anlagen inländischer Betreiber. Die Hersteller umweltschädlicher Erzeugnisse geben sich hier ein Stelldichein, und tun auf riesigen Tafeln kund, wie gesund und umweltfreundlich ihre Produkte sind.

Kein Laden, kein Restaurant, keine Tankstelle, nirgendwo sieht es nur im Entferntesten nach Frühstück oder Kaffee aus. Ich verlasse River Road, fahre ins „Landesinnere“ nach St.Gabriel, habe bereits 30 km zurückgelegt, als ich ein Frühstück im Restaurant einer Trucker Service Station bestelle.

Die Weiterfahrt gestaltet sich nicht nur wegen des schwülen Wetters mühsam. Platter Reifen, mühsam geflickt, die reparierte Stelle bleibt undicht, alle 5 km anhalten zum Reifenaufpumpen, bis zu einem Motel in Baton Rouge will ich es ohne Schlauchwechsel schaffen. Während ich den Reifen flicke, unterhalte ich mich mit Trucker Jerry: Er fährt seinen Mack, der auch schon eine Million Meilen auf dem Buckel hat, noch immer mehrmals wöchentlich, obwohl er schon in Pension ist. Könnte sonst die Kosten für die Hausreparaturen nicht bezahlen. Sich seine Hobbies nicht leisten, Fischen und Jagen. Hier sei die Gegend ein Jagd- und Fischerparadies, 8 Hirsche pro Jahr und 20 Forellen pro Tag darf er von Gesetzes wegen schießen/angeln. Aber er hat keine Zeit zum Ausüben seiner Hobbies, seit 18 Monaten stehen seine drei Boote unbenützt im Unterstand.

Louisianas Hauptstadt Baton Rouge sieht heute im Sonnenschein deutlich freundlicher aus als bei Regen im letzten November. Doch ich muss, um nach West Baton Rouge zu gelangen, eine Engstelle passieren, die viel befahrene Brücke über den Mississippi. Hier vermengt sich der starke Verkehr von Interstate 10 mit dem Lokalverkehr zwischen East- und West Baton Rouge. Auf einer dreispurigen Fahrspur ohne Ausweichmöglichkeiten und ohne Seitenstreifen für Radfahrer; Fußgänger gibt es hier ohnehin nicht. Und mein Hinterreifen verliert kontinuierlich Luft. Also strample ich den langgezogenen Anstieg hoch zur mächtigen Brücke, werfe einige besorgte Blicke in die Tiefe auf die braunen Fluten des breiten Mississippi und bin heilfroh, körperlich unversehrt am westseitigen Flussufer anzukommen.

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23.03.2014, Rayne, Best Western Motel, Tkm 136, Gkm 388

Die Wettervorhersage verspricht eine Regenfront am Vormittag und Gewitter am Nachmittag, bereits vor dem Frühstüch setzt ein leichter Nieselregen ein. Fahren oder Nichtfahren?

Ich fahre, aber schon nach 10 km wird der Regen stärker. Der Fahrer eines Pickups hält, kommt von der Truthahnjagd, hatte kein Jagdglück, nimmt mich mit in die nächste Stadt an Highway 190, Hier könne ich in einem der Fastfoodläden die weitere Wetterentwicklung abwarten.

Die Temperatur fällt, der kühle Nordwind frischt auf, der Regen stoppt. Auf nach Westen, durch die vorerst sumpfigen Gebiete westlich des Mississippi. Hinein in die Atchafalaya National Heritage Area, Herz des Cayun Countys. Der Spillway, eine 10 km lange Brücke durch das Sumpfgebiet zwischen Lottie und Krotz Springs, eng, laut, viel Verkehr.

Krotz Springs am Atchafalaya River, breit, braun, träg dahin fließend. Jeremy will mir Appetit auf Meatballs machen, die besten in Louisiana. Mich interessieren eher die Hütten am örtlichen Fluss, mit einem Zelt im Flussbett.Krotz_Springs

Rase nach Rayne, doch bevor ich im Hotel einchecke, erwischt mich der eisige Regen eines schnell hereinziehenden Gewitters.

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24.03.2014, Lake Charles, Americas Best Value Inn, Tkm 115, Gkm 503

Morgens kühl und aufklarend, im Tagesverlauf lässt der kalte Nordwind etwas nach und es wird wärmer.

Crawley, Estherwood, Midland, Jennings, Welsh, Lake Charles, fast schnurgerade führt Highway 90 nach Westen. Durch brettelebenes, landwirtschaftlich genutzes Land, mit Viehfarmen und brach liegenden Feldern. Dazwischen ausgedehnte „Wasserfarmen“, zur Crawfishzucht. Wasservögel wollen ihren Anteil an den Krabben abbekommem, warten in Reih und Glied in einigen ablegenen Feldern. Crawfishfarmer fahren mit Booten durch die Felder, entleeren geschickt die Reusen.

Auf dem Highway mäßig starker Verkehr, einige überfahrene Schlangen und Gürteltiere, in den Begleitkanälen mehrere Schildkröten.Lake_Charles

Begegne einem überbreiten Transport in Polizeibegleitung, auf dem Sattelschlepper ein Haus. Einige Siedlungen sind nicht auf Dauer angelegt, auch im Örtchen Iowa dominieren langgezogene, aus leichtem material gebaute Häuser auf Stelzen. Sind nach den häufig auftretenden Wirbelstürmen weniger kostspielig aufzubauen als Ziegelhäuser.

Unterhalte mich Mittags in einem chinesischen Fastfoodladen mit Joe und J.C.. Joe verkauft Autos der Marke GMC, J.C. leitet einen McDonalds-Laden, will nicht jeden Tag Hamburger essen, geht mittags fallweise zum Chinesen…

Suche in Lake Charles ein Fahrradgeschäft, schwer zu finden in der ausgedehnten Stadt. Frage bei zwei Reifenhändlern – die gibt es im Überfluss – und erhalte die Adresse von Bicycle Superstore, „nicht zu verfehlen, etwa 2 Meilen Richtung Interstate-Unterführung und dann 3 Meilen auf der Parallelstraße entlang der Interstate. Dort finde ich mit Hilfe des freundlichen Personals die passende Bereifung für mein Hinterrad, und die Montage ist gratis. Danke! Der in Nashville montierte „amerikanische Reifen, made in China“ war mir suspekt, nach der Panne vor Baton Rouge. Bei Reifen vertraue ich jetzt deutscher Qualität der Marke Continental.

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25.03.2014, Hoppe Beach, Strandcamp, Tkm 112, Gkm 615

Wolkenloser Himmel, kühl, Nordostwind. Verlasse Lake Charles Richtung SO, um den östlichen und südwestlichen Abschnitt des Creole Nature Trail zu fahren.

Creole Nature Trail

Louisiana Official Highway Map beschreibt die Route im Cajun Country ziemlich zutreffend:

„Wild and ruggedly beautiful, the Creole Nature Trail All-American Road traverses more than 180 miles in Southwest Louisiana. World-class bird and alligator populations are a natural wonder. Top-notch fishing, hunting, crabbing, boating and nature photography distinguish the Creole Nature Trail as a recreational paradise“.

Mehr Informationen enthält der 30seitige Prospekt (Experience Guide) der CreoleNatureTrail.org, mit Routen- und Wandervorschlägen. Viel Blabla, aber doch einiges Substanzielles:

180 Meilen, Reisezeit 8 bis 10 Stunden, genug Vorräte und Wasser mitnehmen, in Sulphur oder Lake Charles tanken, Sonnencreme und Moskitoschutz nicht vergessen.

Dann noch die Hinweise eines Experten, wo ich Ausschau nach den „Gators“ halten soll. Der  Hotelmitarbeiter fischt häufig in den Kanälen, weiss also, wo Alligatoren zu finden sind.Holmwood

Kurz nach Holmwood die ersten, von ihren sonnigen Ruheplätzen ins dunkle Wasser gleitenden Gators. Nur kleinere Exemplare schwimmen im Teich um das Cameron Prairie Visitors Centre.

Ausgewachsene Tiere zu Hauf am Pintail Wildlife Drive, einer für Autos auf Dämmen angelegten Rundstrecke. Erst wenige Meter vor dem herannahenden Radfahrer gleiten oder schnellen die Tiere ins Wasser. Zahllose Wasservögel spazieren vor den Gators auf und ab.

Auf einer hohen Brücke über den Intercoastal Waterway, der Brownsville in Texas mit New York verbindet, in die Marsch- und Sumpfgebiete des Südens. Die Moskitos sind trotz des kühlen Winds lästig, riesig sind sie ebenfalls.

Die Hurrikane der Jahre 2005 und 2006 haben tiefe Spuren hinterlassen, viele Menschen die Gegend verlassen. Was von den Häusern nach den Wirbelstürmen übrigblieb, wurde abgetragen, nur noch die betonierten Fundamente sind erhalten.

Bei Cameron wurde 2005 eine ganze Ortschaft, etwa 300 Häuser, vom Wirbelsturm dem Erdboden gleichgemacht, die Siedlung aufgelassen. Die meisten, hier auf Stelzen errichteten Häuser haben den Hurrikanen nichts entgegen zu setzen.

Schlage abends mein Zelt am einsamen Strand von Hoppe Beach auf. Ungeschützt im kräftigen Südostwind, trüb das aufgepeitschte Wasser, im Golf von Mexiko einige Bohrtürme. Dort liegt im Öl der Reichtum, aber, wie vergangene Katastrophen zeigen, die größte Gefahr Louisianas.

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26.03.2014, Beaumont, Hotel Red Roof Inn and Suites, Tkm 100, Gkm 715

Der Wind frischte in der Nacht auf, drehte auf Südost, fegt herein aus dem Golf. Muss achtgeben, dass beim Zeltabbau keine Teile vom Wind verblasen werden.

Breche bei bedecktem Himmel früh auf, der seitliche Rückenwind schiebt mich ein wenig Richtung Westen an. Landseitig ausgedehnte Rinderweiden mit Tümpeln, Kanälen und Wasservögeln, meerseitig Schilf. Die Straße entfernt sich von der Küste, die Strände am Golf zwischen Constance Beach und Mae’s Beach bleiben unsichtbar.

Die Caravan-Parks an Johnsons Bayou sind schwach belegt, auch hier Spuren verlassener Grundstücke. Völlig anders die Gegend um Sabine Lake bzw. Sabine River, der Grenze von Louisiana und Texas. Werften für Schiffe und Bohrtürme, Be- und Entladestationen für Öl und Gas, petrochemische Betriebe, plötzlich viel Schwerverkehr.

Auf einer hohen Brücke über den Sabine River nach Texas, unmittelbar am Fuß der Brücke ein Gemischtwarenladen mit Restaurant. Herbert, 1960 aus der ehemaligen DDR nach Los Angeles ausgewandert, betreibt mit seiner Frau den Laden. Hat nicht nur zahlreiche Informationen parat, zu den immer häufiger werdenden Tornados und den Vorkehrungen, die er bei Sturmwarnungen trifft. Für mich besonders wichtig der Hinweis auf den eingestellten Fährbetrieb an der Meeresküste zwischen Port Bolivar und Galveston. Werde daher weit von meiner Planstrecke abweichen und Houston im Norden umfahren. Wenn man sich nicht für Weltraumfahrten und NASA interessiert, biete Houston keine Besonderheiten, meint Herbert. Der von seiner Frau zubereitete Cayun-Eintopf schmeckt hervorragend, zudem will Herbert partout kein Geld von mir nehmen. „Willkommen in Texas“, so seine Begründung.

Irrfahrt bei Port Arthur. Bleibe vor der Abzweigung zur nächsten großen Brücke auf einer Vorrangstraße, die mich gegen den Wind nach Pleasure Island bringt. Kein Verkehr, irgend etwas ist faul, ich fahre auf einer gut ausgebauten Straße in eine Sackgasse.

Einige Kilometer zurück, auf der Brücke in hohem Bogen über den Intercoastal Waterway. Die Brücke eng, verkehrsreich, ich dem heftigen Wind schutzlos ausgesetzt. Mit einem mulmigen Gefühl spähe ich runter in die braune Brühe.

In Beaumont fallen die ersten Regentropfen, als das Red Roof auftaucht. Um 14 Uhr checke ich ein, beende früh den Fahrradtag, zufrieden mit der zurückgelegten Strecke.

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27.03.2014, Liberty, Scottish Inns & Suites, Tkm 70, Gkm 785

Die Wettervorhersage ist abschreckend, verbreitet schwere Gewitter ab 9 Uhr morgens, Regenwahrscheinlichkeit 60%, Wind aus SSO mit 30 bis 40 kmh.

Bedeckter Himmel um 7 Uhr, es regnet nicht, also fahre ich. Halte an der Stadtausfahrt von Beaumont bei Jack in the Box zum Frühstücken, der Preis ist niedrig, die Qualität entsprechend schlecht.

Seitenwind, einige Regentropfen, ich radle auf Hwy 90 nach Westen.  Sorgen bereitet mir besonders der fehlende asphaltierte Seitenstreifen auf der zweispurigen Richtungsfahrbahn, was bei Regen und damit eingeschränkter Sicht problematisch werden könnte.

Flaches Weideland, Rinder, einige Sumpfgebiete, vereinzelt Buschwerk, die Landschaft ist eintönig. 15 km nach Beaumont erreiche ich den Ort China, mit 1.160 Einwohnern, einer/m Tankstelle, mexikanischen Restaurant, Elementary School, Getreidesilo, Straßenmeisterei, Wasserturm und einigen baufälligen Häusern beidseitig des Highways, nicht beeindruckend. China sollte mehr zu bieten haben!China_limitDie Landschaft bleibt unverändert, doch der Highway hat nun eine asphaltierte Shoulder. Wenig Verkehr, ich passiere Nome, Devers und Ames, der Highway zwischenzeitig nur noch zweispurig. Einige überfahrene Tiere, einige Wasservögel in den Kanälen und Tümpeln, einzelne Adler in der Luft.

Esse an der Ortseinfahrt von Liberty zu Mittag in einem Steakhaus. Vieles im Angebot, jedoch keine Steaks. Als ich das Lokal verlasse, regnet es leicht. Kein Problem, denn ich bin heute ohnehin auf Kurztrip eingestellt, wegen der vernichtenden Wetterprognose. Und habe bereits nach Motels Ausschau gehalten. Das Delux Motel macht einen schmuddeligen Eindruck, also beziehe ich Quartier im Scottish Inn & Suites, großes und bequemes Zimmer, nur unwesentlich teurer als das Delux. War wieder ein kurzer Radeltag.

Liberty, etwa 8.000 Einwohner, hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. In der Main Street drei Kirchen, zwei Banken, und einige vernachlässigte Läden, an dem am Ortsrand vorbeiführenden Highway die örtlichen Ableger der Fastfoodketten, Tankstellen und Warenhäuser.

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28.03.2014, Waller, Americas Best Value Inn, Tkm 125, Gkm 910

Die Temperatur ist über Nacht sprunghaft angestiegen, mit 90 % Luftfeuchtigkeit ist die Sicht auf wenige hundert Meter gesunken, es regnet nicht, aber alles ist nass, der Himmel bedeckt.

Bleibe bis Dayton auf Hwy 90. Will die 2 Mio. Stadt Houston im Norden umfahren, auf einer niederrangigen Straße,  Farm Road 1960. Erwarte eine enge, wenig befahrene Landstraße,  und sollte mich gewaltig täuschen. Vierspurig bis, sechsspurig ab Lake Houston, starker bis sehr starker Verkehr, kein Seitenstreifen, einige rücksichtslose Autofahrer, die um Haaresbreite an mir vorbei zischen. Eine gefährliche Strecke, die zahlreiche Verkehrsopfer fordert, wie Dan später in Hockley’s Backdoor Pizza bestätigt.

Froh, die 40 km Horrorstrecke am nördlichen Stadtrand von Houston überstanden zu haben, fahre ich auf Hwy 290 Richtung Austin auf. Erwähnte ich starken Verkehr auf 1960? Was sich auf 290 abspielt, stellt alles voran gegangene in den Schatten. Freitagnachmittag, auf drei Spuren rasen die Fahrzeuge stadtauswärts, höllischer Lärm, selbst auf der Begleitstraße viel Verkehr.

Und die Wolkenbänke werden dichter und dunkler, ich radle einem Regengebiet entgegen. Entnervt verlasse ich bei Hockley die Begleitstraße, radle Richtung Ortsmitte, die aus einer Straßenkreuzung, einer aufgelassenen Tankstelle, einem urigen Gastlokal und einem weiteren Gebäude besteht. Erreiche mit den ersten, überraschend kalten Regentropfen die Gaststätte.

Dan googelt, die erste von zwei Gewitterfronten wird uns in wenigen Minuten erreichen. Das Wetterradar behält Recht, wenige Minuten später regnet es. Bis zum Eintreffen der nächsten Front bleibt etwa eine Stunde, und da habe ich Waller erreicht.

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29.03.2014, West Point, Buschcamp, Tkm 146, Gkm 1.056

Unerwartet kühl der Morgen, mäßiger Nordwind, eine Kaltfront überquert Texas. Ich radle in Kaltwetterkleidung, davon können die Teilnehmer eines Radrennens bei Hempstead nur träumen. Auf der linken Straßenseite kämpfen die entgegen kommenden Rennradler um Positionen, am rechten Fahrbahnrand streiten ein Dutzend Geier um die Reste eines überfahrenen Gürteltiers.

Wenige Kilometer weiter begegne ich einem Klappradfahrer. Andreas,  Schweizer, auf dem Weg nach Norden. Ist gestern in Houson gestartet und fährt jetzt wieder Richtung Houson. Bei mir muss er sich nicht entschuldigen, dass die Ausfahrt aus Houston für Radfahrer schwer zu finden ist. Hat sich verfahren, kann passieren. Aber warum antwortet er eher ausweichend auf meine Frage nach seinem konkreten Ziel?Buschcamp

Das Land, rot und blau mit Blumen gesprenkelt, wird zunehmend hügeliger. Rinder- und Pferdeweiden wechseln mit Ackerflächen, vereinzelt Buschland. Im Lauf des Tages ist die Temperatur deutlich angesiegen, nun keuche ich schwitzend die Hügel hoch. Ziehe meine schwarzweiß gemusterte, tags zuvor in der Damenabteilung von Dollar General gekaufte Seidenbluse über, um meine von der Sonne in  Brandblasen verwandelten Unterarme zu schützen.

Ich nähere mich dem Colorado River, und bin enttäuscht. Braun und nicht vielfarbig, nicht breiter als die Drau, träge dahinströmend. Stocke in Le Grange im Licht der untergehenden Sonne bei Walmart meine Vorräte auf, doch die Quartiersuche breche ich ab. Die Motels sind entweder ausgebucht oder zu teuer.

Keine kluge Entscheidung, mit einbrechender Dunkelheit auf den Highway aufzufahren. Noch dazu bin ich zu feige, um die erstbeste Campingmöglichkeit zu nützen, ein eben erst gerodetes Grundstück,  mit noch glosenden Feuern, auf dem die örtlichen Methodisten eine Kirche bauen wollen. Es ist stockdunkel, als ich an einer Tankstelle um Erlaubnis zum Zeltaufbau frage. Doch die Mitarbeiterin schickt mich weiter zu einem Highway-Parkplatz, den ich in der Dunkelheit nicht finde. Radle also zurück Richtung Tankstelle, ein Weg führt hinauf auf ein kleines ebenes Grundstück über dem Highway. Ist allerdings Privatgrund, wie sich beim Zeltaufbau herausstellt. Sein Nachbar sei sehr eigen, meint Mike Zigal, ich solle mein Zelt doch wenige Meter auf seinem Grundstück aufstellen.

Mache ich gerne, doch der vom Highway herauf dringende Lärm ist ohrenbetäubend. Was mich nicht besonders stört, weil ich sofort einschlafe. Und als ich nach Mitternacht aufwache, fährt auf dem Highway kaum noch ein Fahrzeug.

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31.03.2014, Austin, Chrestwood Suites, Tkm 118, Gkm 1.174

Ein „trockener“ Morgen, dennoch ist das Außenzelt klitschnass, wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Und die Temperarur, habe ich Umrechnungsformel endlich parat? C=(F-32):1,8! Der Tag startet bei bedecktem Himmel mit 52ºF, umgerechnet mit etwa 12ºC, am Nachmittag ist es leicht bewölkt bei 80ºF, etwa 27ºC, bei kräftigem Südwind.

Austin Tankstelle

Austin Tankstelle

Smithville wirbt mit einem Historical Center. Mehrere Antiqutätenläden in einigen gut erhaltenen Gebäuden aus den 19. Jahrhundert, mehrere Läden leerstehend, das Westerncafe sonntags geschlossen, die Einheimischen bevorzugen kalorienreiche Kost von Dunkin Donuts an der Straßenkreuzung neben der Tankstelle.

Ich hole mir mein Frühstück, ein halbes Hähnchen vom Grill, im Supermarkt von Berkshire Brothers an der Ortsausfahrt. Unterhalte mich eine Weile mit Ben, der hier seit einigen Jahren arbeitet. Schlimme Kindheit, wurde häufig verprügelt, ging zur Army, war Anfang der 80-er Jahre in Würzburg stationiert, hat wenig von Deutschland gesehen, bezeichnet sich selbst als wenig ambitioniert.

Das Land bleibt hügelig, doch der breit ausgebaute Hwy 71 begradigt Steigungen, erleichert somit das Vorwärtskommen. Bei Bostrop ausgebrannte Pinienwälder, wurden im Vorjahr wohl Opfer einer längeren Dürreperiode. Einige freistehende Kamine auf Bodenplatten deuten darauf hin, dass auch Wohnhäuser dem Brand zum Opfer gefallen sind.

Eine letzte Hügelkuppe, dann erblicke ich in der Ferne die Hochhäuser der texanischen Hauptstadt Austin. Starker Verkehr, einige rücksichtslose Autofahrer, der Weg zu der vom (texanischen) Kapitol überragten Stadtmitte leicht zu finden. Ram, gebürtiger Nepalese, über Mexiko in die USA eingewandert, beschreibt die nächstgelegenen Motels, die ich dann doch nicht finde, weil ich zuerst das Kapitol fotografieren will.

Austin ist hügelig, zahlreiche Routen sind als Radwege gekennzeichnet. Am Rand des Stadtzentrums einige kleinere Gebäude, Bars und Restaurants, verstreut. Ist dies das Zentrum der Musikszene Südwest?

Radfahrverbot auf Hwy 1, also trete ich meilenweit nach Norden, hügelauf und hügelab, auf mehr oder minder steilen Nebenstraßen. Treffe wenigstens einige Leute, die ich um Rat fragen kann. Dann stadtauswärts auf Hwy 183, stark befahren, lange Zeit kein preiswertes Motel. Vorbei am Uni Campus, vorbei an den Forschungszentren, die Austin zum Silicon Valley des Südens machen. Vorbei an Hilton Garden Inn, mit Zimmerpreisen von $ 125,00 zzgl Steuern inklusive Pensionistenrabatt kein Schnäppchen. Stelle mich, verschwitzt und müde, auf ein Buschcamp ein, als ich entgegen meinen Erwartungen auf die Chrestwood Suites stoße.

 

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Das erste Teilstück der diesjährigen Etappe liegt hinter mir. Bin im Zeitplan geblieben, doch deutlich mehr Kilometer als geplant gefahren.

Das Wetter war meist schön, mit einigen Kapriolen und unerwünschten Regenschauern, die Temperaturen unterschiedlich. Die schwüle Luft und die hohe Luftfeuchtigkeit waren ungewohnt.

Das Land war überwiegend flach, gerade richtig zum Start der Jahresradtour. Lediglich die Teilstücke vor und in der texanischen Hauptstadt Austin waren hügelig.

Den Reifenschaden vor Baton Rouge nahm ich zum Anlass,  Reifen und Schlauch am Hinterrad zu wechseln. Ansonsten hält sich das hoch bepackte Fahrrad tapfer.

Der Start ist gelungen,  nun wartet der Wilde Westen.

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Vom Bible- in den Tornadobelt

31.03.2014, Lampasas, Buschcamp, Tkm 108, Gkm 1.282

Später Start, langsam verziehen sich die Wolken, am Nachmittag steigen die Temperaturen auf 84ºF (29ºC). Unangenehm warm für das hügelige Gelände, durch das ich fahre. Zudem dreht die Straße nach Westnordwest, in einen kräftigen Gegenwind.

Zwischen Brigg und Lampasas das erste lange Teilstück ohne Versorgungsmöglichkeiten. Gibt mir einen Vorgeschmack darauf, was mich in den Weiten des Westens erwartet.

Bei Brigg „The End of the Trail“, ein kleines Freizeitzentrum im Aufbau, noch nicht fertiggestellt, doch allemal gut für ein Foto.Buschcamp_01

Buschcamp auf einer Anhöhe etwa 10 km nach Lampasas. Die Gegend ist wildreich. Mehrere überfahrene Hirsche am Straßenrand, einige springlebendige im Gebüsch, selbst bei der Campsuche stoße ich auf ein verendetes Kadaver.

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01.04.2014, Cross Plain, Buschcamp, Tkm 141, Gkm 1.423

Am Morgen bedeckt und kühl, ab 11 Uhr sonnig und schwül. Verspricht einen mühsamen Nachmittag.

Mittagspause im Dairy Queen in Goldthwaite. Die Geschäftsführerin erkundigt sich nach meiner Fahrstrecke. Danach haben heute bereits drei Leute gefragt. Überraschend viele 70+Gäste im Fastfoodladen. Oder sehen die Leute so viel älter aus als sie sind?

Auf der Speisekarte 27 Gerichte, davon 50% Burger: Hungr-Buster, BellBuster, Triple-Buster, DQCrispy Chick’n, The Three Amigos, …., wer davon nicht dick wird, der schafft es nie und nimmer. Die Kellnerin Destinee, Alter unbestimmbar zwischen 25 und 45, geht mit schlechtem Beispiel voran, bringt sicher kg 130+ auf die Waage. Für die Gehfaulen gibt es das Drive Trough, an der Sprechsäule ordern, vorfahren, bestellte Speisen und Getränke übernehmen.

Mullin, Capital of Americas Meat Goats. Hauptort der amerikanischen Fleischziegen? Ich kenne nur Milchziegen. Offensichtlich gibt es in Texas mehr als Rinder, einige Esel sehe ich auch.

The End of the Trail

Bei Zephyr ein einsam gelegenes Gebäude abseits der Straße, die Cowboy Kirche. Heute verlassen, nicht nur wegen des Alkoholverbots. Dienstags müssen Cowboys arbeiten, haben allenfalls Zeit, um an Zäunen Schilder mit der Aufschrift „Pray for rain“ anzubringen. An vielen Stellen verdorrt die Wintersaat, die Wasserlöcher sind fast leer und die Riverbeds vielfach ausgetrocknet. Unverkennbar herrscht hier Wassermangel.

Endlos steigt nach Brownwood die Straße an. Dem einen Hügel folgt der nächste, noch höhere Hügel. Hätte ich den weiter westlich gelegenen Hwy 84 nehmen sollen? Mit Sonnenuntergang schlage ich mein Zelt auf einer leicht zugänglichen Viehweide auf, inmitten eines kleinen Wäldchens sterbender Laubbäume, vom Vieh nur Trockendung zu sehen.

Im Norden heftiges Wetterleuchten. Verlasse ich den Bible Belt, um in den Tornado Belt vorzustoßen?

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02.04.2014, Abilene, Travel Inn, Tkm 108, Gkm 1.531

Frühstücke morgens im Mexican Cafe in Cross Plains. An den Nachbartischen: Eine junge Großmutter mit neunmonatiger Enkelin, das fleißig Kekse futtert! Und eine schwergewichtige Frau mittleren Alters. Am Ecktisch vier ältere Herren, drei mit Kappen, der mit dem Stetson führt das Wort, zwei hören andächtig zu. Kay King vom dritten Nachbartisch erkundigt sich nach meiner Tour, rasch ergibt sich ein lebhaftes Gespräch, er warnt mich vor der gefährlichen Midland Route. Bezahlen? Geht nicht, Todd und Melinda Carter, Country-Musiker und Farmer auf TM Ranches, haben das bereits erledigt. Sie wollen nur ein paar Fotos.

Fahre durch eine dünn besiedelte Landschaft, hügelauf, hügelab. Rinderweiden und einige Felder, auf denen das Wintergetreide dahin kümmert oder den Rindern zum Abweiden überlassen wird.

Das Land wird flach, der Tower des Flughafens ist aus 12 km Entfernung zu sehen. Abilene mit 103.000 Einwohner bietet einen Zoo, mehrere Museen, einige ältere Gebäude im Stadtzentrum, davon zwei aus weiter Ferne sichtbare Hochhäuser.

Und wo sind die Korralls aus der Rinderverladezeit? Abgerissen und verschwunden, sagt man an der Touristeninformation.

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03.04.2014, Roby, Roby Motel Inn, Tkm 90, Gkm 1.621

Die Wetterprognose ist nicht dazu angetan, mich zu beeilen. Schönwetter mit Temperaturen um 33ºC, keine Gewittergefahr, aber kräftiger Gegenwind. Wozu rasen, wenn es morgen um 5 bis 7 Grad kühler sein soll?

Passiere zuerst ein kleines Industriegebiet nördlich vun Abilene, dann bei Howley die Achin‘ Back Farm. Der Farmer hat es schwer, der Radfahrer bei Gegenwind umso mehr.

Anson, Kreuzungspunkt zweier Highways, in der Ortsmitte einige verlassene Geschäftslokale. Shelley von Goldworks wollte mich schon gestern in Abilene ansprechen, als ich dort durchradelte. Betreibt drei Schmuckgeschäfte in Texas bzw. New Mexico, verarbeitet hauptsächlich Altgold zu modernem Schmuck. Ist mit dem Geschäftsgang zufrieden, denn im (Süd-)Osten von Texas boomt das Erdölgeschäft.

Shelley von Goldworks

Shelley von Goldworks

Anson nach Roby, 28 Meilen, die bislang 45 schlimmsten Kilometer meiner Tour. Eine üblicherweise problemlos zu bewältigende Strecke, nahezu schnurgerade durch fast brettelebenes Land. Doch bei 33ºC und einem Gegenwind von 60 kmh komme ich nur im Schritttempo voran, trete wie ein Esel im untersten Gang, steige mehrmals ab, schiebe das Fahrrad. Als ich um 20 Uhr in Roby eintreffe, bin ich fix und fertig.

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04.04.2014, Snyder, Days Inn, Tkm 51, Gkm 1.672

In der Nacht frischt der Wind nochmals stürmisch auf, flaut dann ab. Am Morgen ist es kühl, die vorausgesagte Kaltfront aus Norden ist eingetroffen, die Temperatur um 15ºC gefallen, der Wind drehte auf Nordost, gut, um mich nach Westen zu schieben.

Baumwollland. Die riesigen Ackerflächen umgeackert, hellbraun die Erde, gesprenkelt mit weißen Bällchen, Reste der vorjährigen Baumwollernte.

Erdölland. Pumpstationen in der Landschaft verteilt. Fahrzeuge mit Spezialaufbauten unterwegs zu den nächsten Bohrlöchern. Unscheinbare orange Kapseln auf einer Ackerfläche. Alberto von …Seismic erklärt deren Funktion: Sonargeräte, die bei der kleinräumigen Suche nach Erdöl verwendet werden.

Windkraftland. Hunderte Windkraftwerke des Betreibers Invenergy auf einer Anhöhe wenige Kilometer vor Snyder. Texas rühmt sich seiner führenden Rolle in den USA im Bereich Energiegewinnung aus Windkraft.

Storm Ready Community

Storm Ready Community

Snyder scheint winderprobt und sturmgerüstet, wenn man dem Zusatzschild ‚StormReady Community‘ zum Ortsschild glauben darf. Immerhin liegt der Ort im Tornadogürtel.

Am Ortsrand von Snyder im Gelände um das Coliseum zahlreiche Pferdetransporter, Reitpferde, mit Lassos übende ReiterInnen. Fahre eine Runde um die Veranstaltungshalle, will wissen, was Sache ist. Es ist WTC Rodeo-Time, Veranstalter ist die West Texas University, Turnierteilnehmer sind CollegestudentInnen aus verschiedenen Bundesstaaten. Die Atmosphäre ist locker, mit einer Gruppe von Reitern trinke ich ein Bier, ernst wird es um 19 Uhr mit Beginn der Qualifikationsrunden. Sehe mir die diversen Bewerbe am Abend an, unter der fachkundigen Aufsicht von Shelley. Sie kennt sich aus mit Rodeos, waren ihre geschiedenen Ehegatten ein Rodeoreiter und ein Rodeorichter.Snyder_Reiter

Shelley mag eine erfolgreiche Geschäftsfrau sein, doch ihr Faible fùr Tiere ist außergewöhnlich. Kommt verspätet zu unserer Verabredung, hat einen auf Highway 180 stehenden herrenlosen Huskie aufgelesen. In ihr Auto geladen, zu den beiden mitfahrenden Hunden und dem Waschbären, die sie meist auf den Fahrten nach Lovington in New Mexico begleiten. Deponiert ihren Racoon in meinem Hotelzimmer und verschenkt den Huskie an eine im Hotel residierendeFamilie, wahrend ich mich zum Ausgehen fertigmache.

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05.04.2014, Welch, Buschcamp, Tkm 140, Gkm 1.812

Morgens bedeckt, dann aufklarend, kühl, Wind aus Südosten. Was der Wind vor zwei Tagen verbockte, macht er heute wieder gut.

Endlose braune Ackerflächen, die Saat ist ausgebracht, noch ist kein Grün zu sehen. Die Weiden um Gail vertrocknet nach einer mehrjährigen Dürre. Um Lamesa und Welch riesige Bewässerungsanlagen zum Anbau von Futtergras (Alfalfa). Weizen wird vereinzelt, Baumwolle in großem Rahmen angebaut, doch werden diese Felder nicht bewässert. Zwischen Lamesa und Welch zahllose kleine Pumpstationen, für Erdöl.

Gail am Highway 180 ist mir ein Email mit 6 Fotos an Peter Krall für die Zeitung ‚Gailtaler‘ wert. Einige verstreute Häuser, eine aufgelassene Tankstelle, zwei verlassene Cafes, mehrere herumstehende Tanklastwagen, ein Gemischtwarenladen, in dem ich aus dem spärlichen Angebot ein Mittagsessen wähle. Unterhalte mich mit einem lokalen Rancher. Eine sechsjährige Dürre zwang ihm zum Verkauf seiner 1.500 Rinder, nach dem letztjährigen Regen hat er 300 Tiere eingestellt. Lebt wie zahlreiche benachbarte Rancher von den Einnahmen aus dem Erdöl. Mit „modernen“ Methoden wird aus vermeintlich ausgebeuteten Quellen neuerlich Erdöl gefördert, hier wird allerdings nicht gefrackt.Welch

Bei Sonnenuntergang erreiche ich Welch, ein Dorf an einer Straßenkreuzung. Zwei Männer und eine Schar Kinder vor einem kleinen Haus. Wohin des Weges, ob ich schon gegessen hätte? Von der Veranda direkt ins Wohnzimmer, das Fernsehgerät lautstark eingestellt, die jüngsten Kinder sind nur wenig älter als die Enkelkinder. 4 Erwachsene, 8 Kinder, da gehts hoch her in dem kleinen Haus.

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06.04.2014, Lovington, Macks Motel, Tkm 123, Gkm 1.935

Der kalte Wind schwächelt während der Nacht und dreht auf Nord. Ringsherum Lichter kleiner Bohranlagen. Habe das Gefühl, an einer Zapfsäule zu hängen, so stark riecht es nächtens nach Erdöl. Morgens kalt, fahre am Vormittag im Kaltwetteroutfit.Lovington

Die Straße nach Seagraves säumen rostbraune Äcker und einige brach liegende Grundstücke. Landwirtschaftliche Anbau- und Erntemaschinen, nichts wird verschrottet, alles aufbewahrt. An der Ortseinfahrt ein vergammelt wirkender Betrieb, Ziegen in einem Gehege, ein Llama vor dem einer Milchkanne ähnelnden Silo.

Kombiniertes Frühstück/Mittagessen in La Cuccina/ The Kitchen in Seagraves, mexikanisches Restaurant, reichhaltig und schmackhaft das Buffet. Immer wieder bin ich erstaunt, wie reichhaltig die Küche im Süden der USA ist und wie krampfhaft die Amerikaner an ihren Burgern hängen.

Westlich von Denver City dichte Wolken, der Wind frischt auf, kommt haargenau aus Westen. Zwei Meilen vor der Grenze zu New Mexico wälzt sich eine dichte Staubwolke heran, der Sturmwind trifft mich wie ein Hammer, glücklicherweise eine Farm an der Straße, in der ich Unterschlupf finde. Eine Stunde lang fegt der Sturm übers Land, mit dichten Staubwolken, dann lässt der Wind etwas nach. Da hatte Eddy in Denver City schon recht: „Eine nette kleine Stadt, aber vor allem haben wir den Wind“.

Shelley sorgt sich um meinen Verbleib, fährt stundenlang die Strecke nach und in Hobbs, dem nächstgrößeren Ort, auf und ab. Findet mich allerdings nicht, weil ich eine weniger befahrene nördliche Route nehme. Texas nach New MexikoQuere die Grenze von Texas nach New Mexiko und strample gegen den Wind nach Lovington. Gut, in den regionalen Nachrichten bezeichnet man diese hier üblichen 30 kmh Winde als Brise, doch als ich nach Dunkelwerden um 20 Uhr in Lovington eintreffe, hat mich die Brise geschafft.

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07.04.2014, Eddy County Rd 20, Buschcamp, Tkm 86, Gkm 2.021

Besuche Shelleys Tochter Whitney, die nach Abschluss ihres Chemiestudiums und einigen Jahren bei einem Uranaufbereiter in der Main Street einen eigenen Laden eröffnete.Whitney restauriert und verkauft gebrauchte Möbel, sieht aus wie 24 (ist allerdings 31) und hat einen 15 jährigen Sohn. Eddy beschreibt mir den Weg zu den Sanddünen im Schatten der Klippen von Maljamar, in denen sie fallweise nach Speerspitzen und Schmuck längst vertriebener Indianer suchen. War Indianerland, Orte wie Apache, Comanche und Seminole erinnern daran.

Die Prognose verspricht Erwärmung und abflauenden Wind, ich radle gen Westen, und dort brauen sich tiefhängende Wolken zusammen. Die Gegend bretteleben, die Straße schnurgerade, kein Baum, kein Strauch, auf den großflächig eingezäunten Weiden lediglich Sagebüsche. Plötzlich eine dunkle, aus Norden heranbrausende Staubwalze, ein in Sichtweite stehendes Gebäude für mich unerreichbar. Mit der Front kommt eiskalter Regen, kurz, aber heftig. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei, der kräftige Nordwind sorgt für das nächste Wolkenfenster.Eddy County

Während ich mich umziehe, stoppt ein Pickup. Am Steuer ein Rancher, Besitzer des umliegenden Landes. Hat wegen der anhaltenden Trockenheit den Rinderbestand um 75% auf 400 reduziert. Kann nur überleben mit den Einnahmen aus dem auf seinem Land geförderten Öl.

Die Dünen von Maljamar lasse ich rechts liegen, bin zu spät dran. Außerdem ist der örtliche Laden wie später jener in …Hill geschlossen, also keine Versorgungsmöglichkeit bis zur nächsten Stadt. Doch von Artesia ist nichts zu sehen ist, als die Sonne untergeht, ich in eine Landstraße einbiege und zwischen den zahllosen Ölpumpanlagen einen Zeltplatz suche. Natürlich stinkt es nach Erdöl und Erdgas, die laufenden Pumpen sind auch nicht leise.

Doch Erdöl ist der Reichtum dieser Gegend, Eddy County ist mit Pumpanlagen und Tankbehältern übersät, auf den Straßen zahllose Tankfahrzeuge. Das benachbarte Lea County steigerte seine Steuereinnahmen in 2 Jahren um das 28fache, von 2 Millionen in 2012 auf vorausichtlich 56 Mio. Dollar in 2014. Weil man auf Erdöl setzte und zahlreiche Bohrkonzessionen erteilte.

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08.04.2014, Highway 285 Restarea, Buschcamp, Tkm 163, Gkm 2.184

Vor den Toren Artesias enden die Ölfelder, doch der Reichtum, den das Öl dem County gebracht hat, ist unverkennbar. Moderne Verwaltungsgebäude aus Glas und Beton, breite baumgesäumte Straßen, kaum leer stehende Läden. In einer Nebenstraße Cowgirl Closet, besuche dieses allerdings nicht, muss weder klein noch groß.Cowgirl Closet

Der Wind dreht, kommt nun aus Südwesten. Ich halte es mit dem Wind, drehe ab nach Norden, in das 38 Meilen entfernte Roswell, Zentrum der amerikanischen UFO-Forschung, mit UFO-Museum an der Stadteinfahrt.

Frage Melissa im Visitors Center nach den UFOs. Sie habe einige gesehen, waren jeweils nicht identifizierte, in der Nacbt herumfliegende Hubschrauber. 1947 soll am südlichen Stadtrand von Roswell ein UFO gelandet sein, hat eine regelrechte Hype ausgelöst, noch immer kommen zahlreiche Neugierige, um die vermeintliche Landestelle zu besichtigen.

Am nördlichen Stadtrand von Roswell beginnt De Baca, eine Halbwüste. Die nächsten 160 km bis Vaughn werden zum Härtetest, außer einer Raststelle kein bewohntes Gebäude. Ganz vereinzelt eine Ranch, vorerst flaches Land wird später leicht hügelig, manchmal ein Rind auf den mit Sagebüschen durchzogenen hellbraunen Grasflächen.

Verlasse Rosewell um 18 Uhr und radle hinein in die Dunkelheit. Als ich um Mitternacht den Rastplatz erreiche, sind der Wind weitgehend abgeflaut und der Verkehr auf der Straße, mit Ausnahme einiger Trucks, weitgehend eingeschlafen.

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09.04.2014, Vaughn, Belair Motel, Tkm 92, Gkm 2.276

Von nun an ist der Wind wirklich ein Thema. Meine Fahrtrichtung ist Nordwesten, der Wind kommt zu dieser Jahreszeit üblicherweise aus dem Westen. Übliche Windgeschwindigkeit 40 bis 50 kmh, kann durchaus mehr sein. Heute weht so eine Brise, und ich habe keine Chance, um auzuweichen. Denn nur eine Straße führt in meine Fahrtrichtung, und das ist Hwy 285.

Heute kämpfe ich gegen den Wind, Meter um Meter. Ed hält am Straßenrand, transportiert täglich Arzneimittel von Albuquerque nach Roswell. Erzählt von seinem Traum, den Kontinent von Oregon nach Washington zu durchradeln, sein Fahrrad steht startbereit in der Garage.

Einige Meilen weiter stoppt Brad, ein Fahrrad auf dem Autodach. Arbeitet für den Ärzteflugdienst Native Air. Weiß genau, was ein angeschlagener Radfahrer braucht: Kekse, Obst, Wasser, Fettstift für die Lippen. Fährt weiter, kommt wenige Minuten später zurück, „vergaß zu fragen, ob ich nach Vaughn oder Albuquerque mitfahren wolle“.

Nachmittags eine einsame, verlassene Hütte am Straßenrand. Nütze sofort die Gelegenheit, um in deren Schatten eine Stunde zu schlafen. Darauf geht es leichter, doch nur mühsam bewältige ich Meile um Meile. Doch um 22 Uhr habe ich es geschafft, treffe ein in der Siedlung Vaughn, mit 4 Motels und einer Tankstelle für mich heute der Garten Eden.

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10.04.2014, Dilia, Buschcamp, Tkm 88, Gkm 2.364

Mein Tagebuch ist einigermaßen ehrlich, die Begegnung mit Shelley Saxton Fort facettenreich, wenngleich platonisch. Wie gut, dass es Facebook gibt, da muss nicht viel geschrieben werden.Dilia_Shelly

Es ist eine Alltagsgeschichte(?) aus Lovington, New Mexico. Wahr, aber beileibe nicht Radleralltag:

Worldbiker radelt durch „sweet“ Abilene in Texas, ist vom Ort eher enttäuscht.

Shelley, Inhaberin von drei Schmuckgeschäften, sieht den Biker. Will wissen, woher er kommt, spricht ihn jedoch nicht an.

Am nächsten Tag radelt Worldbiker durch die benachbarte Stadt Anson auf der Suche nach einer Bank. Auf der anderen Straßenseite entlädt Shelley Waren für ihren Laden. Heute spricht sie Worldbiker an, sie plaudern eine Stunde.

Er macht sich auf den Weg nach Westen, stoppt in Snyder wegen eines Rodeos.

Shelley, unterwegs mit Haustier Waschbär und zwei Hunden zu ihrem dritten Geschäftslokal in ihrer Heimatstadt Lovington, hat unterwegs einen dritten Hund aufgelesen. Findet 5 Minuten nach ihrer Ankunft in Snyder einen Abnehmer für den Huskie, sie ist einfach eine Vollblutgeschäftsfrau.

Shelley begleitet Worldbiker zum abendlichen Rodeo. Im Rodeogeschäft ist sie zu Hause, denn ihre beiden Exgatten waren Rodeo-Bullenreiter bzw. Rodeo-Schiedsrichter.

Am nächsten Tag, unmittelbar an der einsamen texanisch-neumexikanischen Grenze, gerät Worldbiker bei heftigem Gegenwind in eine Staubwalze, findet aber rechtzeitig Unterschlupf in einem der wenigen Farmschuppen.

Shelley fürchtet wegen des Staubsturms um Worldbikers Leben, fährt stundenlang durch Hobbs und Umgebung, auf der vergeblichen Suche nach dem Radfahrer. Findet ihn nicht, denn der hat eine nördliche Route gewählt, und ist spät, aber wohlbehalten in Lovington eingetroffen.

Weil spätabends kein Restaurant in Lovington geöffnet, Worldbiker hungrig und Shelley keine Köchin ist, holt sie zu mitternächtlicher Stunde ihre Freundin Beth aus dem Bett, um Worldbiker ein Abendessen zu servieren.

Worldbiker radelt am nächsten Tag nach Westen, Shelley fährt ihren krebskranken Vater zu einer Operation in nordöstlich gelegene Lubbock. Schickt dem Worldbiker via Facebook eine Botschaft, welch großartiger Kerl der sei. Und erwähnt mit keinem Wort, welch großartige Frau sie ist.Dilia_Shelly_3 Dilia_Shelly_2

Fortsetzung? Folgt wahrscheinlich nicht.

Tja Shelley, vaja con dios! Dein Vertrauen in mich hilft mir jedenfalls im Kampf gegen den allgegenwärtigen Wind und lässt mich vergessen, dass ich ständig bergauf radle, ins Hochland von New Mexico.

Nördlich der Interstate 40, auf der „alten“ Route 66, wird es hügelig in den südlichen Ausläufern der Rocky Mountains. Auf der kaum befahrenen Straße 84 hinein in die Hügel, ohne Shops. Ich fotografiere Blumen und Kakteen, eine überfahrene Klapperschlange, überquere den Pecos River. Einzig in Dilia hat eine Lounge, ein Laden überlebt, wohl wegen der Konzession zum Verkauf von Alkohol.Route 66_01

Errichte mein Zelt im Schatten einiger Büsche am Straßenrand, hier stört kein Schwerverkehr und nur wenige Autos passieren nachts meinen Zeltplatz. Dennoch bin ich vorsichtig, suche die Umgebung ab nach Schlangen und anderem todbringendem Getier.

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11.04.2014, Interstate 25, Buschcamp, Tkm 87, Gkm 2.451

Unmerklich steigt die Straße an, auf über 2.000 Meter. War mir nicht bewußt, dass ich vom tiefsten Punkt New Mexicos im Eddy County derart hoch hinaus muss. Und dann sehe ich in der Ferne die schneebedeckten Gipfel der Sangre de Christo Mountains, bis 4.000 m hoch.

Der Anblick der Gebirgskette bringt mich nicht ins Schwitzen, vielmehr sind es die untertags schnell steigenden Temperaturen und der vorerst noch leichte Seitenwind. Wozu es erwähnen, ist doch schon selbstverständlich: Highway 84 mündet 10 km vor dem „falschen“ Las Vegas, nämlich dem neumexikanischen, in die nach Südwesten führende Interstate 25, und schon wieder fahre ich gegen den Wind.

Radfahren auf Interstates, in einigen Bundesstaaten erlaubt, in anderen verboten. Was in Texas verboten war, ist in New Mexico erlaubt. Verboten ist lediglich das Fahren auf den beiden Richtungsfahrbahnen, doch mit den Trucks will ich mich ohnehin nicht duellieren. Also fahre ich dort, wo es erlaubt ist, auf der breiten Shoulder, dem asfaltierten Seitenstreifen der Autobahn. Interstate_01Und es ist der Santa Fe Trail, die modernisierte Route 66, auf der ich Richtung Santa Fe zockle, mehr hügelauf als hügelab. Langsam gehts voran. Selbst an der Interstate fordert der Verkehr seine Opfer: Kleine Tankstellen mit Kleinstläden werden zu Gunsten einzelner Großtankstellen aufgelassen. Ungünstig für den Radfahrer, weil nun die Versorgungsstellen weit auseinander liegen.

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12.04.2014, Santa Fe, Motel 6, Tkm 55, Gkm 2.506

Gestern begegnete ich auf der Interstate einem Radfahrer, Ricky auf dem Weg von Los Angeles nach Florida. Sofort überquert er die vier Fahrspuren, als er mich erblickt. Großes Hallo, er hat all das, was ich nicht habe: Fahrrad, geschenkt, eher klapprig. Ausrüstung spärlich, Zelt in Auflösung. Hose durchgescheuert. Geldtasche gähnend leer. Ich schenke ihm einen Zehner, damit kann er sich in der nächsten Raststätte ein warmes Essen kaufen. Und meine Vorräte an Crackern und Müsliriegeln. Rickcarter Pickens lebt wenig erfolgreich vom Verkauf selbstgestrickter Mützen, kann sich damit gerade über Wasser halten. Eines haben wir auf der Straße gemein, eine Art von Sammelleidenschaft: Ich sammle von Autos verlorenei Nummerschilder, 5 Stück habe ich aufgelesen. Ricky sammelt Handys, hat bereits drei funktionierende gefunden. Auf Facebook ist der 61 jährige auch vertreten, aber warum hat er dort keine Freunde?Interstate_Rick

Meile um Meile, mit 5 kmh radle ich die Interstate bergauf. Glaube, längst den höchsten Punkt der Autobahn erreicht zu haben, doch nach jeder weitgezogenen Kurve steigt die Interstate weiter an. Bis auf etwa 2.500 m Seehöhe. Hinunter in ein Tal, hinauf auf die nächste Anhöhe, vorbei an Gloriete und Apache Springs.

Endlich ein Cafehaus, 12 Meilen vor Santa Fe, mit einer Riesenauswahl an Frühstücksgerichten. Und Radsportlern, die den sonnigen Samstagvormittag für eine 50 Meilenrunde um die Hauptstadt von New Mexico nützen. Von nun an gehts leicht bergab, einer außergewöhnlichen Stadt entgegen. Und ich lande mitten auf der Plaza, mit einem Indianermarkt, rundherum braune Gebäude im Pueblostil. Indianer, Mexikaner, einige bleichgesichtige amerikanische Touristen. Dieser Ort ist extraordinär, kein Vergleich mit den gesichtslosen sonstigen amerikanischen Großstädten. Selbst mein vorausgebuchtes Hotel an der Cerillos Rd befindet sich in Gehweite vom Zentrum.

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13.04.2014, Santa Fe, Motel 6, Rasttag.

Emails schreiben, Tagebuch vervollständigen, Facebook aktualisieren, vormittags ausgiebig im Flying Star Cafe frühstückigen, nachmittags im Collected Works Bookstore & Coffeehouse mit Hannah plaudern und Postkarten schreiben, Fotos mit zwei Polizisten auf Fahrrädern schießen, abends im Railyard District im Beer House essen, und damit ist der Tag vorbei.

Der mühsame Kampf gegen den Wind

Viel Wind, zu viel Wind auf den 1.300 Kilometern zwischen der texanischen Hauptstadt Austin und der neumexikanischen Hauptstadt Santa Fe. Der „Tornadogürtel“ macht sich mit einem kräftigen Westwind, hier „Brise“ genannt, bemerbar. Ausweichversuche bleiben erfolglos. Zwar entkomme ich der stärksten Brise, dafür lande ich im stark kupierten Hochland.

Extrem schwankende Temperaturen, die Nächte teils empfindlich kalt, untertags fallweise sehr warm. „Storm Wind Area“ lautet ein Warnschild an der Stadtausfahrt von Denver City, und prompt gerate ich in zwei Staubwalzen mit heftigen Böen.

Unverkennbar die Folgen jahrelanger Dürre. Die Rancher haben ihre Viehbestände drastisch verringert, leben von der Substanz, und das sind die bereits erschöpft geglaubten Erdölfelder, die mittels „moderner“ Technik erneut ausgepresst werden.

Auf riesigen Ranches wird Vieh gehalten, auf Farmen werden Baumwolle und Alfalfa angebaut. Doch der wahre Reichtum liegt im Erdöl, ganze Landstriche sind mit Erdölförderpumpen übersät. Und zwischen den Erdölfeldern im Süden und dem hochliegenden Tafelland im Norden New Mexicos liegen die unendlichen Weiten einer nahezu unbesiedelten Halbwüste.

Mit der Landschaft verändert sich auch der Charakter der Bevölkerung. Man spricht Spanisch, man ist mexikanisch, die neumexikanische Hauptstadt Santa Fe hat wenig gemein mit sonstigen amerikanischen Großstädten.

Ich meide das angepeilte Ziel Albuquerque. Ist ein gefährlicher Ort für Durchreisende, lokale Polzei ist im Umgang mit Schusswaffen nicht zimperlich, handelt wie im Wilden Westen vor 100 Jahren. Bundespolizei ermittelt gegen lokale Polzei wegen der Erschießung von 12 Reisenden in den letzten 20 Monaten. Da will ich nicht unbedingt dabei sein.

Von Santa Fe nach Las Vegas

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14.04.2014, Abiquiu, Hotel Abiquiu Inn, Tkm 85, Gkm 2.591

Gestern düstere Staubwolken, in der Nacht heftiger Wind mit Temperatursturz, heute morgen eine dünne Schneeschicht. Klar die Luft, aber eisig kalt. Die Prognose „Wind aus Südosten“ macht es mir leicht, wieder eine nordwärts führende Straße zu nehmen.

Am Stadtrand von Santa Fe beginnt Indianerland, mit eigener Verwaltung und Jurisdiktion. Augenscheinlicher sind allerdings die Resorts mit Casinos, in denen die Indianer dem spielsüchtigen weißen Mann das Geld aus der Tasche holen. Späte Rache des roten Mannes. Ich passiere die prächtigen Erholungs- und Spielpaläste von Camel Rock, Buffalo Thunder und Cities of Gold, und überall sind die Parkplätze gut gefüllt.

Bei Espaniola überschreite ich den Rio Grande, die Straße leicht ansteigend, mit dem leichten Rückenwind problemlos zu bewältigen. Lasse die Gebirgskette der Sangre de Christo Mtns recht liegen, auch die Abzweigung in das Schigebiet von Taos, folge dem Highway 84 Richtung Chama. Bizarre Bergformen begleiten die Straße, die Luft ist frisch und klar, die Schneereste im Talboden bereits vormittags verschwunden.

Die Fernsehstationen finden den heutigen Tag in mehrerlei Hinsicht interessant. Werden wegen des geraden Datums überdurchschnittlich viele Paare heiraten? Fällt noch mehr Schnee im Nordosten der USA? In welchen Teilen der USA wird die mitternächtliche Mondfinsternis, der „rote“, „kupferfarbene“,“blutige“ Mond klar zu sehen sein?

Es bleibt kalt, Nachtfrost ist angesagt, also nehme ich nach einer kurzen Rabattschlacht ein Zimmer im einzigen Hotel des Orts, feudal, warm und bequem. Und schaue einige Male nach dem Mond, der kurz nach Mitternacht finsterer wird und im Erdschatten verschwindet. Doch blutrot wird er nicht in New Mexico.

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15.04.2014, Chama, Spruce Lodge Cabins, Tkm 99, Gkm 2.690

In der Früh kalt und wolkenlos, tagsüber mäßig warm bei zunehmender Bewölkung, abends Temperaturen unter dem Gefrierpunkt mit kaltem Nordwestwind und bedecktem Himmel.

Bin gestern im 2.000 m hoch gelegenen Santa Fe gestartet und habe einige zusätzliche Höhenmeter drauf gelegt. Wobei ich annahm, dass es nicht viel höher hinauf gehen kann. Weit gefehlt! Eine Steigung folgt der anderen, dazwischen kurze Abfahrten. Fahre bereits in den Ausläufern des Colorado Plateaus mit nicht gekennzeichneten Höhen um 8.000 feet, der Zielort Chama liegt 2.400 m über dem Meer.

Zur Höhenlage gesellt sich am Nachmittag ein kräftiger Wind, der mich ein einziges Mal einen Canyon hochschiebt, ansonsten eher hinderlich ist. Steigungen und Wind, 12 Stunden auf dem Fahrrad, in völliger Finsternis erreiche ich Chama um 21 Uhr.Erster_Teil_der_Etappe

Die Landschaft entschädigt für die Mühen. Kurz nach Abiquiu Felsformationen und Hügel in buntesten Farben, von grau und weiß bis dunkelbraun und schwarz. Besonders spektakulär die farbenprächtigen Hügel um Ghost Ranch bis Echo Amphitheater. Ich fotografiere, fahre einige Meter, fotografiere wieder, komme kaum voran.

Ein Frosch im Wald? Weit gefehlt, nur eine außergewöhnliche Felsformation am Straßenrand bei einem der zahllosen Anstiege.

Ein Frosch im Wald? Weit gefehlt, nur eine außergewöhnliche Felsformation am Straßenrand bei einem der zahllosen Anstiege.

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16.04.2014, Pagosa Springs, Pine Wood Inn, Tkm 86, Gkm 2.776

Morgens kalt und wolkenlos, vormittags ziehen Wolken auf, nachmittags bedeckt, doch es bleibt trocken. Im Osten schneit es, dichte Wolken über dem Brazos Peak und den Sangre de Christo Mtns.

Erinnere ich mich richtig an die Wegbeschreibung des Wirtes? Meist leicht auf und ab, später durch ein Tal, kurz vor dem Ziel eine längere Steigung. Keine Rede von den drei Pässen, alle über 2.700 m. Keine Rede von den vielen Anstiegen. Angenehm lediglich der geringe Verkehr, nur wenige Pkw auf der Straße.

Landschaft alpin, schneebedeckte Berge im Hintergrund. Fallen dort jährlich mehr als 10 Meter Schnee im Jahr, wie der Wirt von Pine Woods erklärt? In der Gegend um Taos befinden sich mehrere Schigebiete, und die brauchen tief im Süden doch eine Menge Niederschläge.

5 Meilen vor Pagosa Springs liegt der Rocky Mountains Wildlife Park. Einige Hirsche und Murmeltiere habe ich bereits in freier Wildbahn gesehen. Aber sonstige Wildtiere? Privat betrieben, dünn bestockt, der Schwarzbär gestorben. Aber es gibt Bobcat (Wildkatze), Kojote, Hogs (Stachelschweine), Elch, Bergesel, Berglöwe und Wölfe. Und eine mit 800 Pfund nicht so leichte Grizzlybärin, die von Cathy, der Enkelin der Parkbesitzer, mit dem Nachmittagssnack Weintrauben aus ihrem Bau gelockt wird. Schockierend, wie riesengroß die Bärin ist, als sie sich aufrichtet. Und die männlichen Tiere sollen 1.200 Pfund auf die Waage bringen! Auch der Berglöwin begegne ich lieber hinter Gittern als in freier Wildbahn.

Das Pine Wood Inn hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Dem Wirt, ein entfernter Verwandter der österreichischen Schilegende Karl Schranz, scheint das nicht zu beeindrucken, ist auch er ein Zugvogel. Führte Motels in New York, Montana und Texas. Ist Colorado für ihn nun ein Auf- oder Abstieg?

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17.04.2014, Durango, Motel Econolodge, Tkm 100, Gkm 2.876

Bergige Strecke durch die südlichen Ausläufer der Rocky Mountains, bergauf und bergab. Begegne einem englischen Radfahrer, Harry Mold, tourdemold.wordpress.com, auf dem Weg von Küste zu Küste, bevor ich mich an den nächsten Anstieg mache.

Erreiche Durango, eingeengt in den Bergen, bei Sonnenuntergang. Großes Eisenbahnmuseum, ist der Ort Ausgangspunkt der einst wichtigen Bahn nach Silverton.

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18.04.2014, Mesa Verde, A & A Camping, Tkm 69, Gkm 2.945

Ist da irgendetwas schief gelaufen? Wollte den heftigen Gegenwinden in den Ebenen von New Mexico und Arizona ausweichen. Und plötzlich radle ich durch die Rocky Mountains, in 2.500 bis 3.000 m Seehöhe, über etliche Gebirgspässe, bei Nachttemperaturen unter dem Gefrierpunkt. Einziger Trost: Heute passt der Wind.

Wieder eine morgendliche Schinderei! Ab Durango ein 16 km langer, mehr oder minder steiler Anstieg, durch ein enges Tal und entlang endloser Höhenrücken, hinauf auf einen namenlosen Pass. Höher sind nur die nördlich gelegenen schneebedeckten Gipfel der Sant Juan Mountains.

Ist Colorado Radfahrerland? Zwar sah ich heute kaum einen Radler, doch auf zahlreiche Fahrzeug sind Fahrräder gepackt. Oder fahren die Amerikaner gar nicht Rad? Verbreitet man lediglich den Anschein von Umweltbewusstsein? Zeigt der Autofahrer seinem Fahrrad nur die herrliche Landschaft?

Sieh an, ein Hitchhiker! Bergauf kaum langsamer als ich. Zahllose Autos fahren achtlos an ihm vorüber. Ist auch kaum zu unterscheiden in seiner dunklen Kleidung von der dunklen Landschaft. Nur sein schlohweißer Bart hebt sich deutlich ab. Just als ich vorüber fahre, hält ein Autofahrer und nimmt ihn mit.

Hinunter in das Schigebiet von Hesperus, der Schnee weggeschmolzen, die Liftanlage veraltet, ein Zweiersessellift, dessen beste Zeit lange vorbei ist. Die Piste, nicht mehr als ein Übungshang, inmitten eines Eichendickichts.

Hwy 160 folgt dem Spanish Trail, einer Handelsroute zwischen den vor 200 Jahren spanischen Provinzen Mexiko und Kalifornien. Gedenktafeln erinnern an den gemeinsamen Weg von Händlern, die Waffen an lokale Ute-Indianer verkauften, und Priestern auf der Jagd nach Seelen.

Die Suche nach einer Toilettanlage führt mich weg von der Hauptstraße in einen geschlossenen Campground der Nationalparkverwaltung. Target Tree diente bereits den Ute-Indianern als Lagerplatz. Noch immer sind Einschussstellen von Pfeilen an den uralten Zedern zu sehen, auf die die Indianer zu Übungszwecken schossen.

Mancos, die „Lahme“. Wer nennt einen Ort, der eine County-Verwaltung und eine Highschool sein eigen nennt, „lahm“? Treffe im Cafehaus die Mitarbeiterin des Visitor Centers, die mir Unterlagen aus dem Touristenbüro holt, während ich einen Kaffee trinke. Eine Bank gibt’s auch, und die ist lahm, denn Bares gibt es nicht, weil just heute der Bankomat ausgetauscht wird.

Fahre noch bis zum Ort Mesa Verde an der US 160, doch das Visitors Center für den Nationalpark ist bereits geschlossen, also versuche ich es morgen wieder.

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19.04.2014, Cortez, Rodeway Inn, Tkm 90, Gkm 3.035

Stark bewölkt nach dem kurzen nächtlichen Regen, kühl, gerade richtig, um in die Mesa Verde hochzufahren. Von 2.118 m Seehöhe an der US 160 auf 2.613 m bei Park Point Overlook hinunter auf 2.134 m bei Chapin Mesa Archeological Museum und das natürlich wieder zurück.

Den Berg hoch, vorbei am Point Lookout mit 2.569 m, über den East Rim hinunter in den Morefield Canyon, hinauf auf die nächste Hügelkette, hinunter ins nächste Tal, so geht es stundenlang dahin. Um letztendlich auf der Chapin Mesa zum Besucherzentrum, Museum und Touristenattraktion Spruce Tree House zu radeln. Mühsame 32 km hin, mühsame 32 km zurück.

Die im Schutz überhängender Felsen errichteten, bis etwa 1.300 n.Chr. mehrere hundert Jahre benützten Siedlungen sind Weltkulturerbe und sensationell gut erhalten. Viele Besucher aus Übersee, die Mehrzahl amerikanische Touristen.

Cortez_Rodeway_InnIm örtlichen Restaurant beteiligen sich gleich drei Gäste an einer Diskussion über meine Reise. Alle haben mich bei Herfahrt überholt, die Frau am Nachbartisch wird sich ehestens auf ein Rad setzen.

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20.04.2014, Bluff, Buschcamp, Tkm 105, Gkm 3.140

Ostersonntag? Schließe ich aus den Glückwünschen, die auf Facebook ausgetauscht werden. An mir gehen die Feiertage spurlos vorüber, mit Essensvorräten habe ich mich gestern bei Walmart für die nächste Etappe eingedeckt.

Und die führt mich von Cortez im südwestlichsten Eck Colorados vorerst nach Aneth im südöstlichsten Zipfel Utahs, und dann in das Monument Valley. Bin erstaunt, dass zwei junge Amerikaner diesen Naturpark nicht kennen. Adrian hat einige Zeit in Kalifornien gearbeitet und dort die in Alaska geborene Autumn kennengelernt, jetzt reisen beide zu seinen Eltern nach Florida.

Vielleicht liegt die Nichtkenntnis von Monument Valley an der nicht gekennzeichneten und auf vielen Karten nicht aufscheinenden engen Straße nach Aneth, die ich jetzt fahre. Einige übertrieben steile Anstiege, bröckelnder Asphalt. Aber welch eindrucksvolle Landschaft, dunkelroter bis heller Sandstein wechseln mit Hügeln aus scheinbar wahllos zusammen gewürfelten Felsen. Kleine Ranches, eng an Felswände geschmiegt. Kahle verkrüppelte Weiden in Bach- und Flussläufen. Je weiter ich nach Westen komme, desto trockener und kahler wird das Land, desto weniger werden die Bäume. Kaum eine schattige Stelle zu finden, wie jetzt unter einem uralten Weidenbaum.

Und es gibt ihn doch noch! Den Cowboy beim Rindertrieb. Auf einem Pferd, inmitten einer 80köpfigen Rinderschar, die langsam die Straße entlang trottet, auf dem Weg zur Sommerweide.Landesgrenze_ColoradoIch nehme an, dass ich die Landesgrenze von Colorado und Utah überschreite, denn nun gibt es Meilentafeln. Kein Straßen- und kein Hinweisschild, derart unbedeutend ist die Straße. Der Vorteil: Kaum Verkehr. Hügelauf und hügelab in der Mesa Rosa, der Roten Mesa, nach Aneth.

Ab Montezuma Creek weg vom McElmo Creek bzw. Montezuma River, hinauf in die von Canyons durchzogene nördliche Red Mesa. Bei Sonnenuntergang entdecke ich eine langgezogene Klippe mit Höhlen einige Meter abseits der Straße. Eine Höhle, windgeschützt, tief genug, um Fahrrad und Zelt bequem unterzubringen, wähle ich als Zeltplatz. Dürfte vor Urzeiten auch den Navajo Indianern als Unterstand gedient haben.

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21.04.2014, Monument Valley, Goulding Trade Post Campground, Tkm 88, Gkm 3.228

Der Lagerplatz war warm und bequem, wenngleich leicht abschüssig. Schaue ein bisschen genauer auf den in der Höhle herum liegenden Dung, wird wohl von Bären stammen. Und die dunklen Flecken auf der Höhlendecke von den Lagerfeuern der Navajo Indianer.

Ungewöhnliche Felsformationen beidseitig des nach Bluff führenden Canyons, besonders eindrucksvoll die Twin Rocks über dem gleichnamigen Cafe und Trading Post. Und ein strahlend schöner Vormittag, nachdem sich die gestern aufgezogenen Wolken verabschiedeten.

Unterhalte mich in Bluff eine Weile mit Korry Bird, den ich Wochen später in Salt Lake City wieder treffe. Zu den Informationen im Visitors Center von Bluff gibt es einen Film über die ersten Siedler. Sechs Monate statt geplanter 6 Wochen quälte sich eine Gruppe von Mormonen von Cedar Creek über Escalante und den Canyon des Colorado River nach Bluff, durch Winterstürme und über rauestes Land. Letzteres bleibt auch mir nicht erspart. Nach Bluff ein langgezogener, dann ein kurzer steiler Anstieg. Die erste Hügelkette überwunden, hinunter ins Tal, doch der nachfolgende Anstieg ist brutal. 8% Steigung, 4 km. Bin geschafft.

Hinunter ins nächste Tal, was für ein Anblick, welch seltsame Felsformationen. Valley of the Gods, das Tal trägt zurecht diesen Namen. Felswände, Klippen, einzelstehende Kegel, unterschiedliche Farben, natürlich dominiert roter Sandstein. Darauf Mexican Hat, eine große Platte über freistehenden Felsen.Monument_ValleyIn der Ferne ist bereits Monument Valley zu sehen. Besuch wegen der zahlreichen Betretungsverbotschilder laut Korry Bird, Bildhauer, nicht empfehlenswert. Viel interessanter sei die Gegend zwischen Bluff und Blanding. Monument Valley ist Tribal Land, da werde ich mich mit den in Reservaten geltenden Regeln abfinden müssen.

Vier lange Anstiege nach Mexican Hat und Gegenwind. Es dauert Stunden, bis ich um 20 Uhr bei Gouldings Trading Post an der Grenze von Utah und Arizona eintreffe. Es ist finster, als ich auf dem zwischen hohen Felswänden liegenden Campingplatz einchecken will. Die Empfangsdamen im Shop sind ungehalten, weil ich just zur Sperrstunde eintreffe. Mich stört der hohe Preis von 28 Dollar für einen einfachen Stellplatz. Also verabschiede ich mich kurz, was aber nicht heißt, dass ich dem Zeltplatz zur Gänze den Rücken kehre.


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22.04.2014, Black Mesa, Buschcamp, Tkm 86, Gkm 3.314

Andere Felsformationen mögen leichter zugänglich, die Straßen von weniger Verkaufsständen gesäumt, der durchs Land führende Highway von weniger Touristen befahren, das Land von weniger Siedlern bewohnt sein, doch die Landschaft des Monument Valley ist unvergleichlich. Besonders in den Abend- und Morgenstunden, wenn das Licht gedämpft ist und der rote Sandstein dunkel leuchtet.

Wäre da nicht der unbarmherzige Wind, der kräftig auffrischt und feinen Sandstaub über die Fahrbahn bläst. Hoffe heimlich auf ein Abflauen der heftigen Brise und lasse mir in Kayenta am süddwestlichen Ende des Navajo Reservats sehr viel Zeit für die Mittagspause.

Im Osten Kayentas wird es dunkler und dunkler, der Himmel hellbraun. Der von den Bergen herabfegende Wind emtwickelt sich in der Ebene zu einem Staubsturm. Ich warte nicht länger, fahre in den Wind, kämpfe um jeden Meter.

Eine Baustelle. Heimlich hoffe ich auf ein Begleitfahrzeug. Vergeblich. Ein Vorarbeiter schickt mich auf eine neu asfaltierte, für den Verkehr noch nicht freigegebene Fahrbahn. Vergeblich auch mein Hinweis, dass die staatlichen Gesetze Begleitschutz auf Baustellen vorsehen. Die Bauarbeiter feixen, machen meine wackelige Fahrweise nach. „The wind sucks“, ruft ein anderer. Wie recht er hat!

Dann noch die Indianergeschichte. Radle also nach Westen. Die Sonne geht bald unter. Höchste Zeit, einen windgeschützten Zeltplatz zu suchen. Schwierig, in der baumlosen Umgebung. Passiere die Kohleverladestation Black Mesa, rechterhand nun eine Eisenbahnlinie, vielleicht finde ich Schutz neben dem Bahndamm? Oder in einem der trockenen Flussläufe? Bahndamm zu niedrig, Flusslauf zu schmal, zurück auf die Hauptstraße.

Navajo-Indianer-Familie im Pickup auf dem Weg zu einer Wasserstelle, um Wasser zu bunkern. Will wissen, was ich auf Indianer-Territorium suche. Hank, nicht ganz nüchtern: Ich könne doch auf ihrem Grundstück oder in ihrem Haus übernachten. Angebot angenommen, das lasse ich mir nicht zweimal sagen.

Die Indianer an der entfernten Wasserstelle, ich bei ihrem von drei Hunden bewachten Haus, am Fuß der Hügelkette der Schwarzen Mesa. Hier gibt es viele Steine, einige Vertiefungen, Bäume, oberhalb des Hauses einen in die Felsen gebauten Schafstall. Finde zum Zelteln eine ebene, windgeschützte Stelle zwischen Felsen und Bäumen.

Später im kleinen Einzimmerhaus der Familie. Keine Elektrizität, rundes Zimmer, zentraler Punkt ein Eisenofen mit einem gerade nach oben führenden Blechrohr als Kamin. Die Einrichtung beschränkt auf das Notwendigste: Herd, Vorratsschrank, Esstisch, Wassschüssel, Couch, offener Kleiderschrank, Ehebett für Hanks Schwester und Schwager. Plumpsklo natürlich outside. Karg eingerichtet, dennoch gastfreundlich.

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23.04.2014, Page, Motel 6, Tkm 129, Gkm 3.443

Zwei Versorgungsstellen bis Page, Crossroad Trading Post und eine kleine Navajo Siedlung mit Tankstelle. Wolkig und schwach windig am Vormittag, heiter und Wind auffrischend am Nachmittag.

Vietnam Veteran Raymond M. Black repariert am Straßenrand seinen 4 Wheel Electric Pride Pursuit XL Scooter. Auf einer Charity Tour von Saint George, Utah, nach Florida, versucht er Spenden für Kriegsveteranen zu lukrieren. Eine Schande, wie die Amerikaner mit ihren Ex-Soldaten umgehen. Daran kann auch das geschmückte und beflaggte Gefährt des Herrn Raymond nichts ändern.

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24.04.2014, Kanab, Royal Inn & Suites, Tkm 125, Gkm 3.568

Hinunter zum Glen Canyon Staudamm, der Wasserspiegel niedrig, die unter dem Betondamm liegende Schlucht eng und dunkel. Die wenige Meter vom Damms entfernte Brücke ist eine der wenigen Übergänge über den Colorado River, der westlich von hier mit dem Grand Canyon das etwa 2.200 Meter hoch gelegene Plateau durchschneidet.

Staudamm Visitor Center an der Glen Canyon Bridge, Dinosaurier Visitor Center in Bigwater, ein weiteres Visitor Center nahe dem Paria Canyon, ein Campingplatz bei Paria. Kein einziger Einkaufsladen auf 100 km bis Kanab. Soll ich mich von Informationen ernähren, wenn meine Essensvorräte knapp werden? Bin positiv überrascht, als ich bei Paria ein uriges Restaurant am Straßenrand erblicke. Mit Tipi und einigen herumstehenden Autos. Und maßlos enttäuscht, weil der Laden geschlossen ist.Riesige_Felsklippen

Auf dem Anstieg nach Old Paria begegne ich zwei Fernradlern, Brigitte und Arno aus Berlin, auf einem Loop durch den Westen der USA von Palm Springs nach San Francisco. Sind heute in Kanab gestartet, müssen früh aufgebrochen sein. Gut ausgerüstet, haben ausreichend Erfahrungen auf Touren zum Nordkap, in Patagonien und Neuseeland gesammelt.

Riesige Felsklippen aus mehrfarbigem, meist roten Sandstein begleiten die Straße. Was wie eine Kulisse für einen Westernfilm aussieht, ist es auch. Zahlreiche Filme wurden hier gedreht, das „Fort“ bei Kabab mehrmals aufgebaut und niedergebrannt. Doch der Weg nach Kanab ist mühsam, vorerst geht es lang hügelauf, und als es abwärts geht, kommt das bereits bekannte Phänomen „Gegenwind“.

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25.04.2014, Colorado City, Buschcamp, Tkm 70, Gkm 3.638

Will wegen der ungünstigen Wetterprognose früh starten, doch die Abfahrt verzögert sich: Platter Reifen. Im Nachbargebäude residiert ein Radfahrgeschäft, also kein Problem? Doch, denn das Geschäft öffnet um 16 Uhr. Und die schadhafte Stelle finde ich erst nach längerem Suchen, ein feines Drahtgeflecht hat sich an der Seitenwand des Hinterrads festgefressen.

Erwarte mir wegen vorhergesagten „breeze“, also Gegenwind um 30 mph, nur ein langsames Vorwärtskommen, doch vorerst läufts besser als gedacht. Passiere bei Fredonia die Grenze nach Arizona, fahre Hwy 389 nach Westen, doch schon vor dem National Monument Pipe Springs wird der Gegenwind heftig. Eine optimale Gelegenheit, dort den Nationalpark zu besuchen. Ist kurios: Der auf Kaibab – Pajute Tribal Land liegende Nationalpark – somit eine amerikanische Exklave in einem Indianerreservat – zählt mit wenigen Acres zu den kleinsten und ältesten Nationalparks des Landes. Mormonen errichteten um 1860 um eine Wasserquelle eine befestigte Anlage (Fort), hielten insbesondere Milchkühe, erzeugten Butter und Käse, die sie an ihr lokales Hauptquartier in Saint George, immerhin 7 Tagesreisen entfernt, lieferten. Betrieben auch die erste Telegrafenstation im südlichen Utah – heute „nördlichstes Arizona“ -, wie Nationalparkrangerin Adrian bei einer Führung – ich der einzige Teilnehmer – erklärt. Vom Viehbestand übrig geblieben sind einige Hühner, zwei Pferde und zwei Longhornrinder, die Hörner des Bullen breiter als meine ausgestreckten Arme.Longhornrinder

Der Wind hat inzwischen Sturmstärke erreicht, dennoch fahre ich weiter. Plötzlich weht mich eine Bö von der Straße, hinunter durch das weiche Erdreich in den Straßengraben, mitten hinein in dürre stachelige Tumbleweedbüsche. Ein Glück, dass ich nicht stürze, mein linkes Bein ist ohnehin übel zerkratzt.

Ich fahre in eine Wand dichter brauner Staubwolken mit dem Ziel Colorado City an der Staatsgrenze Arizona zu Utah. Die weit verstreute Siedlung erreiche ich um etwa 20 Uhr, esse noch ein „daily’s special“ im Cafe des Border Shop, ziehe Kaltwetterkleidung an, fahre dann weiter, trotz der dicht gewordenen Bewölkung und der Dunkelheit.

Suche einen Zeltplstz, hantiere an einem Zufahrttor zu einer ungenützt scheinenden Weide, als auf der Gegenfahrbahn ein Pickup hält, der Fahrerauf auf mich zukommt. Erwarte natürlich eine Zurechtweisung, wegen unbefugtem Betreten fremder Grundflächen. Doch der Fahrer überreicht mir eine Plastiktüte, darin mein einziges langarmiges Radtrikot, dass ich beim Umziehen an der Tankstelle im Ort ausgestreut habe. Immer wieder diese überraschende Hilfsbereitschaft der Amerikaner!

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26.04.2014, Saint George, Motel 6, Tkm 76, Gkm 3.714

Regen in der Nacht geht frühmorgens in Schneefall über. Und das in der Wüste, in etwa 2.000 Meter über dem Meer! Alles nasskalt, eine Schneeschicht auf dem Zelt, das Fahrrad schneebedeckt. Chaos herrscht, Kameraobjektiv klemmt, Schnee weht beim Packen ins Zelt, die Finger kälteerstarrt, nur wenig schützt die Regenbekleidung. Zum Glück haben die Reifen bei der Tour durch die stachelübersäte Wiese keinen Schaden genommen, das hätte gerade noch gefehlt.Saint_George

Zurück nach Colorado City, zum Frühstücken und zum Trocknen der durchnässten Kleider. Dann einige Meilen leicht bergauf und viele Meilen steil bergab nach Hurricane, immer wieder heftiger Wind und ein kalter Regenschauer. Überflüssig zu erwähnen, dass die Landschaft, durch die ich fahre, fantastisch ist, vorwiegend rote Sandsteinklippen.

Fahrverbot für Fahrräder auf Utahs Freeways. Auf der Auffahrt zur I 15 umdrehen, zurückfahren, alternative Route erfragen. Die Einfahrt nach St. George ist gesäumt von zahlreichen Einkaufszentren, mit der Ortsnähe nimmt der Straßenverkehr stark zu, die Mormonenstadt ist kein Radlerzentrum. An der südlichen Ortsausfahrt die blanke Ernüchterung: Die River Road bringt mich nicht nach Nevada. Faith und ihr Sohn Josuah versuchen zu helfen, können nach mehreren Rückfragen nur die bergige Strecke über Santa Rosa empfehlen.

Gegenwind und Berge, 140 Meilen nach Las Vegas, das wird in zwei Tagen nicht zu schaffen sein. Erste Alternative: Autobus. Nach längerem Suchen finde ich Saint Georg Shuttle, fahren mit Kleinbussen samt Anhängern durch das Land, nehmen Fahrräder allerdings nur kartonverpackt mit. Doch welches Geschäft hat Samstag um 20 Uhr noch Fahrradkartons vorrätig? K-Mart hat es, packen ein jüngst geliefertes Mountainbike aus, nun habe ich einen Karton, aber viel zu klein für mein Rad. Klebeband und ein Messer gekauft, umständlich den Karton zum Busbetreiber geschleppt. Fahrkarte gekauft, morgen um 14 Uhr werde ich im Bus nach Las Vegas sitzen.

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27.04.2014, Las Vegas, Tuscany Suites & Casino, Tkm 6, Gkm 3.720

Fauler Vormittag, mittags zur Busstation. Natürlich ist der Karton für mein Fahrrad viel zu klein. Ein wenig gemogelt, die Box mit dem Klebeband notdürftig geschlossen, die Zustimmung des Stationsvorstehers eingeholt, schon ist das Fahrrad transportbereit.

Durch Schluchten, Täler und üppige Sandsteinformationen bergab nach Las Vegas. Der geräumige 14-Sitzer ist zur Hälfte besetzt, immer wieder nicke ich ein. Bin froh, nicht zu radeln, denn unverändert weht ein starker Westwind. Hätte mich beim Fahren doch erheblich behindert.

Las Vegas, unverkennbar die Silhouette. Geschwungene Hochhäuser, Türme, das Riesenrad. Die vielspurige Interstate 15 führt mitten durch die Stadt, der internationale Flughafen liegt fast im Stadtzentrum. Der Bus hält ohnehin nur am Flughafen, am dritten Halt ist Endstation. Buspassagiere aus Saint George fahren nicht zum Vergnügen nach Vegas, sie wollen mit dem Flugzeug weiter zu anderen Destinationen.

Das Tuscany ist leicht zu finden, beim Einchecken herrscht die für preiswerte Casinohotels übliche Hektik, das Zimmer riesengroß und bequem. Am späteren Nachmittag noch ein Spaziergang zum und entlang dem Strip, doch die Suche nach einem Fotoshop bleibt erfolglos.

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28.04.2014, Las Vegas, Tuscany Suites & Casino

Rast- und Ruhetag? Vormittsgs Wäschewaschen in der Laundry, endlich wieder saubere Radbekleidung. Beim Wäschewaschen mit Jan und Gattin plaudern, beide Südafrikaner unter 30, er in Israel geboren, seine Eltern von Russland über Israel nach Südafrika ausgewandert. Tagebuch vervollständigt, kostenloses WIFI nur in der Hotellobby, also im Eingangsbereich des Hotels herumgesessen.

Wo finde ich nur Fotogeschäft, das meine Kamera repariert, wer behebt die „Objektivstörung“? Das nächste Fotogeschäft fast 10 km entfernt, und 50 Dollar für eine Taxifahrt erscheinen mir doch ziemlich viel. Einer der Hotelportiere nennt eine andere Adresse, zu Fuß erreichbar, immerhin nur 3 km entfernt. Nach langem Suchen werde ich fündig, ein Großmarkt führt Kamrras, serviciert aber nicht. Zumindest weiß ich, wo ich eine Kamera kaufen kann. Zurück zum Hotel fahre ich mit einem Doppeldecker-Linienbus, bequem und geradlinig.

 

Von Las Vegas nach Salt Lake City

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30.04.2014, Pahrump, Buschcamp, Tkm 74, Gkm 3.794

Sonnig, windig, trödle am Morgen, füttere im Casino ein Wheel of Fortune mit einem Zwanziger, verlasse mit einem kleinen Gewinn die Spielhalle. Der Nordostwind bestimmt die Routenwahl, ich werde die Strecke entlang der kalifornischen Grenze Richtung Death Valley fahren.

Der 30 km lange Anstieg zum Mountain Spring Pass beginnt unmittelbar nach dem südlichen Stadtzentrum von Vegas, zuerst graduell, später stärker steigend. Der Seitenstreifen der Straße eine Bike Lane, einige Leute auf Rennrädern überholen mich, ist die Hausstrecke einiger lokaler Radfahrer.

Benk, holländischer Crazyguyonabike, kommt den Berg herunter, hat den Pass bereits überwunden. Ist auf dem Weg von LA nach Calgary, will dort Ende Juli eintreffen.

Auf der Passhöhe bin ich rechtschaffen müde. Doch dann gehts bergab, meilenweit, ohne zu treten. Fahre durch trockenes Land, einige kleine Sträucher, einige Kakteen, Wüste. Finde einen windgeschützten und von der Straße nicht einsehbaren Graben, in dem ich das Zelt aufstelle. Die Gegend ringsherum trocken, einzelne hohe Kakteen, dazwischen Sagebüsche. This is public land, zu trocken für Viehhaltung oder Weidewirtschaft.Sagebuesche

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01.05.2014, Furnace Creek im Death Valley, Buschcamp, Tkm 143, Gkm 3.937

1. Mai, Tag der Arbeit. Heute nicht weiter schlimm, denn der Wind ist freundlich gestimmt und die zu überwindenden Hügel nicht extrem.

Nur wenige hundert Meter von meinem Camp entfernt hat Christian aus Las Vegas in einem weiteren Seitengraben genächtigt. Mit Rad und Anhänger unterwegs nach Lake Tahoe bei Reno an der Grenze zu Kalifornien, um dort Dosenzu sammeln, mit seinem Anhänger als Transporthilfe. Beileibe nicht um des Sammelns willen, vielmehr um sich damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Für ihn ist das Radfahren, noch dazu mit Anhänger, ungewohnt, ist bereits nach dem ersten Tag ausgelaugt. Wie wird er nur den Anstieg von Furnace Creek nach Beatty schaffen?

Nur ein kleiner Teil des Death Valley Nationalparks liegt in Nevada, der größte Teil des Tal des Todes gehört zu Kalifornien. So unspektakulär die Einfahrt, so unspektakulär die Landschaft im nevadischen Teil des riesigen Wüstengebietes. Einige kleinere Erhebungen, schon habe ich die Grenze zu Kalifornien passiert.

Dann gehts bergab. Lagen Las Vegas noch auf 2.025 ft. und Mountain Springs deutlich höher, liegt der tiefste Punkt des Death Valley bei Furnace Creek unter dem Meeresspiegel auf -178 ft. Nicht der tiefste Punkt der Erde, aber immerhin 60 Meter im Minus. Je näher Furnace Creek rückt, desto spektakulärer wird die Landschaft. Kahl ist sie schon längere Zeit, doch nun werden die Felsformationen sehenswert, das Gestein verschiedenfarbig, die Badlands um Zabriskie Point fantastisch.Badlands

Heute sehe ich in den Badlands gut aus, die Fahrt war trotz der vielen Kilometer nicht anstrengend. Megie und Rolf aus Zürich, auf einer Rundfahrt durch den Westen, versorgen mich mit Wasser. Dann weiter bergab, ein Bächlein begleitet die Straße Richtung Furnace Creek. Eine Oase in der Wüste, mit einer Tankstelle, Camping Sites, Hotelanlage, teurem Geschäft und teurem Restaurant. Nicht die Qualität bestimmt hier den Preis, sondern die Lage. Wozu meckern, ich campiere ohnehin in der Wüste.

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02.05.2014, Beatty, Motel El Portale, Tkm 53, Gkm 3.990

Eine warme Nacht, verwende nur das Innenzelt, über mir der Sternenhimmel, um mich Stille. Sitze bei Sonnenaufgang auf dem Fahrrad an diesem wolkenlosen Morgen. Eine schwierige Strecke liegt vor mir, der 19 Meilen lange Anstieg zum Daylight Pass in den Amargosa Mountains, 1.500 m Höhendifferenz. Darauf die kurze Strecke durch die Amargosa Wüste, hinauf auf die Berge vor Beatty.

Ich habe eine schwierig zu fahrende Strecke erwartet. Und meine Erwartungen werden übererfült- der Anstieg ist brutal. Rasch steigen die Temperaturen, ich steige vom Rad, schiebe das Rad, fahre, schiebe, fahre, … Fange an zu rechnen, ob das mitgeführte Wasser reicht. Ein französisches Pärchen hält, sie geben mir eine Flasche mit Wasser. Auf halbem Weg bergauf eine überdachte Stelle, die Zahlstelle für die Parkeintrittsgebühr, mit Tischen und Bänken. Schlafe eine halbe Stunde. Zwei mit der Gegend vertraute kalifornische Ehepaare überlassen mir eine Gallone Wasser, 3,8 Liter! Damit ist der Tag gerettet, mit diesem Wasservorrat schaffe ich es über den Berg. Mehr schiebend als tretend erreiche ich Daylight Pass, den Übergang über die kahlen Amargosa Berge, vor mir eine lange Abfahrt in die Amargosa Wüste.

Mehr schlafend als wach nähere ich mich der Grenze von Kalifornien und Nevada, glaube nach dem Grenzübergang das Schild einer Tankstelle – mit kalten Getränken – zu erkennen, doch es ist die Willkommenstafel für Nevada. Was weiter nicht stört, denn auf der gegenüberliegenden Straßenseite, beim Willkommensschild für Kalifornien, unterhält sich eine Gruppe Harley Fahrer. Fordern mich auf, anzuhalten, bieten mir ein eiskaltes Bier für zwei Fotos. Dieses großzügige Angebot kann ich nicht ausschlagen. Retired Policeman und Firefighters mit ihren Gattinen, treffen sich jährlich in Death Valley, um auf ihren Harley-Davidsons die einsamen Straßen der Umgebung zu fahren. Nevada

Nur noch ein kurzes Stück bergauf, dann hat mich die Zivilisation wieder, mit Motels, Convenience stores, gas stations, Restaurants in Beatty. Und einem platten Hinterreifen, doch das merke ich erst, als mit einem lauten Krach inmitten der Nacht das Fahrrad zur Seite kippt.

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03.05.2014, Goldfields Summit, Buschcamp, Tkm 102, Gkm 4.092

Natürlich kein Radfachgeschäft in Beatty, der Kleber meines Repairkits eingetrocknet. Ich bin verwöhnt vom langen pannenfreien Fahren mit durchstechfesten Schwalbe-Reifen, rechnete mit keinem Reifenschaden. Stürme Punkt 8 Uhr morgens Lou’s Hardwarestore, 3 Artikel für Fahrräder vorrätig, davon zwei für mich genau passend: Ein fetter Mountainbike-Hinterreifen und dazu ein bei Durchstich selbstverklebender Schlauch. Wenn das nicht ewig hält!

Bin überrascht, wieviel Schaden der erst kürzlich getauschte Altreifen genommen hat. Kleine Löcher in der Lauffläche, Stein-, Glas- und Drahtsplitter. Ein Wunder, dass ich es ohne Panne bis Beatty schaffte.

100 km bis Goldfields ohne Versorgungsmöglichkeit, selbst die Tankstelle an der Junction mit Straße 266 hat den Betrieb eingestellt und steht zum Verkauf. Erst nachdem ich in Beatty Springs meine Wasservorräte aufstocke, bin ich sicher, dass ich die Strecke bis Goldfields schaffen werde. Immerhin etwa 1.000 Höhenmeter, sehr warm, aber seitlicher Rückenwind.

Auf den gesamten hundert Kilometern ein einziges bewohntes Haus, die Shaddy Lady Farm. Klingt vielversprechend, liegt etwas abseits der Straße, ich radle hin, will zumindest wissen, was Sache ist. No pets, no phone, no restrooms, no bar! Im Garten ein prächtiges Pfauenmännchen mit einigen schneeweißen Weibchen. Irgendwo lese ich „brothel“, läute an der Eingangstür, ich werde nicht ins Haus gebeten. Die Endvierzigerin sieht nicht aus wie eine Puffmutter, brothels mit Bars werden weiter im Norden, bei Reno, geführt, in bestimmten Regionen Nevadas seien Bordelle erlaubt. Adieu, brothel, hätte dort gerne ein kühles Bier getrunken.

Im Tagesverlauf ziehen Wolken auf, die Landschaft bleibt eintönig. Kahle Berge begleiten die Hochtäler, durch die ich fahre. Ich überquere Stonewall Pass, am Abend beginnt der lange Anstieg zum Goldfield Summit. Meilenweit sind die rotblau blinkenden Lichter zweier Sheriff-Autos zu sehen, die einen Verkehrssünder abstrafen. Überraschend viel Polizei, Sheriffs und Highway Patrol, auf den Straßen. Goldfields

Die erste windgeschützte Stelle wird mein Nachtquartier. Im Schutz einer kleinen Felswand, eine sandige und ebene Stelle, selbst ein Brett liegt bereit, um die wenigen unebenen Stellen zu glätten.

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04.05.2014, Tonopah, Jim Butlers Inn & Suites, Tkm 59, Gkm 4.151

Überraschend kühler Morgen, doch mit der aufgehenden Sonne wird es rasch warm. Der Anstieg zum 6.021 feet hohen Goldfield Summit zieht sich, dafür ist die Abfahrt nach Goldfield rasch erledigt.

Goldfields goldene Zeiten sind lange vorüber. Zahlreiche verlassene Shacks, viele alte Wohnwagen, ringsherum aufgelassene Minen, nur das Ortszentrum zeugt von vergangener Pracht.

Randy’s Spruch „there is no place like this place, ….“ habe ich schon mal gehört, und er passt gut zum Cafe mit dem ausgiebigen Frühstück. Auch zu Randy, pensionierter Versicherungs- und Immobilienmakler. Weiß über die wirtschaftliche Situation der Region gut Bescheid. Bin überrascht, wieviel Gold in Tonopahs Umgebung gefördert wird. TonopahAm Nachbartisch zwei Französinnen. Drehen einen Film über einen „Native American“, Vietnam-Veteran, der auf der Suche nach sich selbst das Land durchwandert. Vivianne Perelmuters Film Le vertige des possibles hatte gerade Premier in Paris, mit Isabelle Ingold arbeitet sie nun an ihrem zweiten Film. Verabrede mich mit den beiden am Abend im noblen Mizpar Hotel in Tonopah, wo wir über ihre Filmprojekte reden. schlange

Eine Schlange, vermutlich eine nicht giftige „bullsnake“, gelb mit schwarzem Muster, nutzt den warmen Seitenstreifen des Highways für ein morgendliches Sonnenbad nach einer kühlen Nacht. Hätte das Biest um Haaresbreite überfahren, liegt auf meiner Fahrspur, züngelt noch dazu ungehalten.

Stocke meine Vorräte auf, bunkere viel Wasser für die nàchste Etappe nach Ely. Mehr als 250 km ohne Versorgungsstellen, das wird ein harter Brocken.

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05.05.2014, Sandy Summit, Buschcamp, Tkm 134, Gkm 4.285

Wetterprognose ungünstig, Kaltfront mit Regen aus dem Norden, Regenwahrscheinlichkeit 30 % am Nachmittag. Kühl, der Himmmel bereits am Vormittag bedeckt.

Vor mir 167 Meilen bis Ely ohne Versorgungsstellen. Mit etwa 7 Liter Flüssigkeit, Obst und Essen eingedeckt, komme ich gut voran. Ich überquere McKinney Tanks Summit (6.390 ft), Saulsbury Summit (6.532 ft.), Warm Springs Summit (6.293 ft.), Sandy Summit (6.090 ft.), dazwischen langgestreckte Quertäler. Die Straße schnurgerade, kann von einem Pass zum Nächsten sehen, manchmal 30 km.

Auf der Steigung zum Warm Springs Summit dreht ein Auto um, hält direkt auf mich zu. Keeny aus Las Vegas reicht mir eine Flasche mit Wasser. Wie es mir in der Wüste gefällt, will sie wissen. Heute nicht schlecht, ist doch ein optimaler Tag zum Radeln!Sandy_Summit

Beim aufgelassenen Cafe in Warm Springs folge ich Isabelles Rat und wandere entlang einer weißen Furche hoch zur Quelle. Während ich mir überlege, wie ich am Einfachsten über die spitzen Steine in den „Pool“ gelange, tauche ich die Füße ins Wasser und verbrenne sie zugleich. Das Wasser ist mehr als warm, brodelnd heiß. Wechselt jahreszeitlich bedingt die Wassertemperatur? Isabelle hat hier ein Bad genommen, im Oktober 2013.

Mächtige düstere Wolkenfronten wallen über die im Norden gelegenen Berge, es riecht förmlich nach Regen. Wiederum bietet sich eine Höhle am Berghang als Nachtquartier an. Allerdings zu weit von der Straße entfernt und etwas zu klein.

An der Abzweigung nach Lunar Crater bricht die Dämmerung herein, ich muss von der Straße. Heute ist das Nachtquartier eine Art Schottergrube, umrandet von einer dichtgepressten Kohle- oder Lavaschicht, jedenfalls schwarz. Bin aus dem Wind. Kaum steht das Zelt, fängt es zu regnen an.

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06.05.2014, Currant, Buschcamp, Tkm 62, Gkm 4.347

Gefangen im Schnee zwischen Sandy Summit und Black Rock Summit. Regen in der Nacht, morgens dichter Schneefall. Sinnlos, im Schnee zu fahren, verschlafe den Vormittag im Zelt.Currant

Später Aufbruch, langer Anstieg zum Black Rock Summit, lange Abfahrt, seitlicher Gegenwind. Immer wieder Regen. Fahre ich nun ab- oder aufwärts? Ist in der wolkenverhangenen Landschaft nicht zu erkennen. Eine Farm, vereinzelt ein Ölbohrturm. Halte beim Lager einer Ölgesellschaft. Will mein Essen nicht im regnerischen Freien verzehren. Der Büroleiter gibt mir eine halbe Stunden, viel Zeit, wenn ich bedenke, dass Betriebsfremden das Betreten des Grundstückes untersagt ist.

10 Meilen weiter, bei Currant, die ersten Bäume nach fast 200 km. Mehrere verlassene Gebäude, darunter ein Motel. Richte mir darin ein Nachtlager ein, riecht übel, habe jedoch ein festes Dach über dem Kopf.

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07.05.2014, Ely, Four Sevens Motel, Tkm 85, Gkm 4.432

Bedeckt, Temperatur um den Gefrierpunkt, beginnt der Tag mit einem meilenlangen Anstieg zum Currant Summit, 6.999 ft., durch ein langgezogenes Tal, einzelne kleine Farmen, ein wasserführender Bach, selbst Weiden wachsen hier.

Die Straße führt durch den Humboldt National Forest, unverhältnismäßig grün die „Wüste“, kleine Sträucher. Von Hirschen und Elchen keine Spur, lediglich zwei Hasen und viele Vögel.

Bergab ins Railroad Valley, aus Norden wieder dichte Wolken und ein kalter (Gegen-)Wind. Ab der Junction mit Straße 318 (Silver State Classic Challege Hwy – wem ist nur diese unsinnige Bezeichnung eingefallen?) viel Verkehr, eine viel zu schmale „shoulder“, also wechsle ich vom Bankett auf die Fahrbahn und bei Gegenverkehr zurück, über die rumpeligen Vertiefungen, die betrunkene und/oder eingeschlafene Autofahrer aufwecken sollen.

Anstieg zum Murr(a)y Summit, mit 7.317 ft. der bislang höchste Pass seit einigen Tagen, das letzte Teilstück so steil, dass ich vom Rad steige und schiebe. Der Bergrücken bewaldet, unter mir dichte Wolken, bringen einen kurzen Schneeschauer. Es ist kalt, als ich in Ely einrolle. Downtown in einem Tal eingezwängt zwischen Bergen, lebt der Ort offensichtlich von einigen Minen, hauptsächlich jedoch von den Casinos im Ort. Nehme ein Zimmer im Four Sevens – 4 Siebener, mit denen im Casino an den Slot-Maschinen viel Geld zu machen wäre. Und Four Seven ist ein Ableger von Hotel Nevada, mit dem größten Casino in der Stadt.Ely

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08.05.2014, Antelope Range, Buschcamp, Tkm 130, Gkm 4.562

Wieder bin ich spät auf der Straße, nach einem ausgiebigen Frühstück im Jailhouse Casino und dem Ergänzen meiner Vorräte. Treffe zwei englische Radfahrer, Guy und Steve, auf dem Weg von Orlando in Florida nach Kalifornien, heute unterwegs nach Eureka.

Mittagspause nach 20 km in Marie’s Cafe in McGill, unterhalte mich schon wieder mit einem „Präsidenten“, Ryan Daley, von ABC Mini Storage, in Spokane, Washington. Ist noch sehr jung, vielleicht kein so gewichtiger President wie Herr Obama.

Folge einem langgestreckten Hochtal, beidseitig schneebedeckte Bergketten, die Straße leicht hügelauf und -ab führend. Einsatzfahrzeuge überholen mich, Ambulanz, Feuerwehren, Polizei, später ein Hubschrauber und noch viel später zwei Abschleppwagen. Drei Stunden nach der Ambulanz bin auch ich am Unfallort. Bremsspuren auf einer schnurgeraden Strecke, ein Fahrzeug bereits auf dem Abschleppwagen, ein riesiger Wohnwagen umgekippt, wird gerade aufgerichtet.

Dazwischen die Pony Express Station Schell Creek mit dem Pony Express Reiter Monument. Unglaublich, dass diese jungen Burschen – bevorzugt wurden zähe und drahtige Jungs unter 18, vorzugsweise Vollwaisen – auf ihren schnellen Pferden die 2.000 Meilen in 8 Tagen schafften. Von St. Joseph in Missouri nach Sacramento in California, Schnitt 12 mph, das schaffe ich mit dem Fahrrad bei weitem nicht. Doch diesmal waren es nicht die Eisenbahn, sondern die Telegraphen, die dem nur 1,5 Jahre dauernden Transportgeschäft ein Ende setzten, dann war Pony Express Stables bankrott.

Langer Anstieg in die Antelope Ranges, von Westen her verdichtet sich zusehends die Bewölkung, einzelne Regentropfen fallen. Heute stelle ich mein Zelt in den Windschatten einer kleinen Zeder.

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09.05.2013, Wendover, Motel 6, Tkm 76, Gkm 4.638

Regen während der Nacht, kalter Morgen, Wolken haben sich teilweise aufgelöst, kühler Wind, der mich zum Whitehorse Pass treibt, dichte Wolkenschleier mit kaltem Regen unterhalb des Passes. Mit den Wolken dreht der Wind auf Nord, mühsam für mich, der ich jetzt gegen den Wind fahre.

Ich radle auf halber Höhe den Goshute Mts entlang, rechterhand und weit tiefer die bis zum Horizont reichenden ebenen Salzflächen von Utah.

Mittags in Wendover, etwa 6 riesige Casinos, die günstigen Zimmerpreise in den Nobelhotels gelten nicht am Wochenende, heute ist Freitag und Muttertag steht bevor, also hohe Preise. Das feudale Peppermill Hotel ist gar ausverkauft. Wochenends sind die Motels deutlich preiswerter als die feudalen Hotels, die Gäste mit Bussen und Flugzeugen einkarren bzw. einfliegen lassen. Das Angebot ist einfach: Günstigster Pauschalpreis für Flug und Hotel, die Gäste verlieren ihr Geld ohnehin im Casino. Dennoch muss ich ins Casino, denn nur dort gibt es Restaurants und Cafes.

Wendover lebt von den Spielern, die massenweise in den Ort strömen. Abends sind wochenends die Casinos pumpvoll, die Slotmaschinen überwiegend belegt, an den Blackjack-Tischen drängen sich die Spieler.

Ich verspiele 15 Dollar. Teurer, doch lohnenswerter ist mit 35 Dollar die Eintrittskarte für ein Konzert der Eli Young Band, Band aus Texas, Southern Rock, ausgelassene Stimmung in der Peppermill Concert Hall. Meine Sitznachbarn, ein Ehepaar aus Wyoming, bereits in ausgelassener, leicht alkoholangeheiteter Stimmung. Sie ein leidenschaftlicher Eli Young Fan, er ein Gittarist-Selbstdarsteller. Bestreiten zwar meinen Kommentar zur Eli Young Band als „modernen Bruce Springsteen Verschnitt“, haben aber einige Bucks beim Blackjack gewonnen, geben sich großzügig. Sie drückt mir einen Zwanziger in die Hand, er einen Silber(halb) dollar. Soll mir Glück auf meiner Weiterfahrt bringen.Wendover

Kelly erwähnt in ihrem Friseursalon die hohe Arbeitslosenrate in Nevada. Bin angesichts des Beschäftigungsbooms in anderen Staaten doch einigermaßen überrascht. Gibt es gar ein Korrellation zwischen Arbeitslosigkeit und Wettfreizügigkeit? Haben Spieler zu wenig Zeit zum Arbeiten? Fast scheint es so, wenn ich morgens durch die Spielhallen wandere und Spieler an den Slotmaschinen beobachte.

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10.05.2014, Delle, Buschcamp, Tkm 132, Gkm 4.770

Morgens kühl und aufgelockert, doch bald nähern sich von Westen tiefhängende, bis zum Boden reichende Wolken. Ich quere die Grenze nach Utah, die Gebirgsketten Ostnevadas liegen hinter mir, vor mir die weiten Salzebenen Westutahs, bretteleben, die Interstate bis Clive schnurgerade, immerhin 100 km. Nur langsam dreht der kalte Nordwind auf Nordwest und schiebt mich etwas an.Delle

Bonneville Speedway, zwischen Interstate 80 und Silver Island Mts, weißglänzend der Salzsee in der hinter den Wolken verschwindenden Sonne. Eine unendliche Teststrecke für Autobauer und -bastler, verschiedene Geschwindigkeitsrekorde für Landfahrzeuge wurden hier aufgestellt.

Im Norden das Newfoundland Evaporation Bassin, im Süden die Salt Dessert. Dazwischen die Interstate, die Bahnlinie, die endlose Kette der Telegraphenmasten. Mäßiger Verkehr auf Interstate 80, heftig ist nur der Wind. Ein Auto hält auf der ersten Fahrspur. Fragt mich der Fahrer, ob ich eine Schokolade will. Kann nicht ablehnen, wäre unhöflich.

Nach Clive dreht die Straße etwas nach Norden, doch auch der Wind hat gedreht, hilft mir den Berg hoch. Doch alles vergebens, auf der Berghöhe verliere ich den Kampf gegen die Wolkenfronten. Meilenweit kein Unterstand, kein Baum, kein Busch, plötzlich ist die Front mit eiskaltem Regen über mir. Heuer fällt ungewöhnlich viel Regen in Nevada, während im benachbarten Kalifornien die Menschen unter Dürre leiden.

Was kümmert mich heute die Highway Patrol. Es ist feucht und kalt, es weht ein kalter Wind, das nächste Motel 40 km entfernt. Ich suche und finde einen windgeschützten Platz, wenige Meter von der Autobahn entfernt. Kaum steht das Zelt, setzt erneut der Regen ein. Und in der Nacht erbebt das Zelt unter den heftigen Windböen, immer wieder ziehen Regenschauer mit Starkwind über mich hinweg.

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11.05.2014, Salt Lake City, Tkm 80, Gkm 4.850

Es regnet mit Unterbrechungen am frühen Morgen, es ist kalt, es drängt mich nicht hinaus ins Freie, ich verweile lange im wärmenden Schlafsack. Erst als es im Westen aufhellt, baue ich im kraftigen Wind das Zelt ab.

Mit einem starken seitlichen Nordwind fahre ich hinein in die „High Wind Area“. Das Warnschild könnte zutreffender nicht sein. Steife Brise, heftige Böen, kalt, trotz des breiten Seitenstreifens gefährlich zu fahren. Jeder vorbeifahrende Sattelschlepper eine neue Herausforderung, mehrfach werde ich ordentlich durchgebeutelt. Ein Überkopfwegweiser warnt Gespannfahrer zur Vorsicht, 50 mph Winde.SaltLakeCity

Muttertag, spezielle Menüs, eine Blume für jede Mutter. Sitze nach einem ausgiebigen Lunch an der Junction mit 138 im Country Pride Restaurant und wärme mich auf. Nur noch 23 Meilen bis Salt Lake City, doch unverändert weht der kalte Nordwind. Die Kellnerinnen sind überfordert. Am Nachbartisch drei Personen, der Jüngste dem Reden nach ein Trucker, kommt wöchentlich mehrmals in dieses Lokal.
Warten eine Weile, bis die Kellnerin die Bestellung aufnimmt. Warten lange, bis die Getränke – drei Eistee – gebracht werden, warten über eine Stunde, bis das Essen serviert wird, noch dazu kalt. Das reicht den ansonsten sehr geduldigen Amerikanern: Sie beschweren sich, stehen auf und gehen.

Die nächsten 15 Meilen bis S.L.Airport sind ein Kampf gegen den Wind. Die restliche Strecke ist leichter zu fahren. Fahrverbot für Fahrräder auf der Interstate, also ab Richtung Flughafen, hier führt ein Radweg durch das Gelände des Flughafens. Unmittelbar nach der Interstate 215 stolpere ich über das Motel 6, und schon habe ich eingecheckt.

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12, 05.2014, Salt Lake City, Motel 6, Tkm 12, Gkm 4.862

Vormittags zu Pictureland, um dort meine reparierte Kamera abzuholen. Ungefragt bestätigt der Verkäufer, wie außergewöhnlich dieser Vorgang war. Hätte ich nicht zufällig Steve Lee, leitender Manager von Nikon-Amerika, in B&C Stores in Las Vegas getroffen, nie und nimmer hätte man meine Kamera kostenfrei zur Reparatur übernommen, in die Zentrale nach LA gesandt, binnen kürzester Zeit repariert, an ein Store zur Abholung in einer anderen Stadt gesandt. SaltLakeCity_2Treffe zum Lunch Korry Bird, Sculptor, im Internet unter einigen Gallerien gelistet. Stehen seit Bluff in Email-Kontakt, lebt in Mapleton etwa 50 Meilen südlich von SLC. Langer Lebenslauf und Werdegang im Internet abrufbar, vorwiegend Bildhauer, versucht sich jetzt als Ölmaler, hatte dazu einige Künstlerfreunde auf sein Hausboot am Lake Powell eingeladen. Für mich kam die Einladung zu spät, habe Lake Powell und Glen Canyon zehn Tage zuvor passiert.

Rocky Mountains High
Nationalparks und Indianer-Reservations

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13.05.2014, Willard, Buschcamp, Tkm 110, Gkm 4.972

Folge Claudias Rat und besuche das Lenardo Science Art Museum in der Innenstadt von Salt Lake City. Außergewöhnlich das Angebot. Habe ich jetzt eine bessere Vorstellung, was Leonardo da Vinci mit modernen Wissenschaften zu tun hat? Ich weiß es nicht. Ungewöhnlich ist jedenfalls, dass das Museum von einer deutschen Managerin, Alexandra Hesse, geleitet wird.

Ich folge auch dem Rat der Facebookfreundin Susanne und radle nach Norden, den heißen Quellen von Idaho entgegen. Starker Verkehr bis Ogden, rechts die steil ansteigenden Berge, links die weite Ebene des Salt Lakes.

Völlig ungewohnt nach den langen Wüstenetappen: Kein grüner Kunstrasen, sondern echtes grünes Gras. Überdies ungemäht, nach den Regenschauern der letzten Tage. Dazu Bäume! Obstplantagen! 20 km nördlich von SL City eine völlig andere Vegetation als 20 km westlich! Abgesehen davon, dass man in der Salt Lake Dessert ohnehin kaum von Vegetation sprechen kann.  Drive-Truh-KircheEine Drive-Truh Kirche in Ogden. Ist das nicht absurd? Drive-Truh Restaurants, Fastfood, Supermärkte, Banken: Nicht notwendig, aber okey. Aber warum zur heiligen Messe nicht aus dem Auto steigen? Wie zum Gebet im Auto knien, wie die heiligen Sakramente wie Fastfood durch das Autofenster entgegen nehmen? Sitzt der Pfarrer auch im Auto, erteilt er seinen Segen mit der Lichthupe? Was kommt als Nächstes? Das Drive-Truh Heim, das Drive-Truh Leben, der Drive-Truh Tod?

Philosophierend dahin radelnd, passiere ich so lange vielversprechende Raststellen, bis die Zeit knapp wird, weil die Sonne schon sehr tief steht. Das Eingangstor zum Willard Bay State Park ist längst unbesetzt, die Campinggebühr wäre in einem geschlossenen Kuvert in der dafür vorgesehenen Weise zu entrichten. Doch wofür? Duschen gibt es nicht, die WC’s benütze ich nicht, am nächsten Morgen bin ich früh unterwegs. Wozu Gebühren entrichten für Leistungen, die keine sind?

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14.05.2014, Virginia, Buschcamp, Tkm 142, Gkm 5.114

Am Morgen kühl und wegen der Seenähe feucht, der Himmel strahlend blau, seit geraumer Zeit das erste Mal windstill. Windstill aber nur bis 10 Uhr, dann macht sich eine Südwestströmung bemerkbar, die mir ein bisschen weiterhilft.

Wechsle bei Brigham City von Highway 13 auf die Interstate 15, doch das Intermezzo währt nur kurz. Blaulicht im kürzlich angeschafften Rückspiegel, eine Highway Patrol ist zur Stelle, ein Officer belehrt mich: Fahren auf Interstates in Utah ist nur dort erlaubt, wo es keine Alternativen gibt. Wie ist es mit Interstates im benachbarten Idaho? Weiß er nicht, jeder Bundesstaat hat seine eigenen Gesetze. Also an der nächsten Abfahrt runter von der Interstate.Industriegebaeude

Ein verfallenes Industriegegäude am Rande der Interstate, die verlassenen Gemäuer bunt bemalt. „Welcome home“ gilt offensichtlich den Kriegsheimkehrern, ich kann damit wohl nicht gemeint sein.

Wenig Freude bereitet mir die Fastfoodkette Arby’s in Elwood. Das Smokehouse Brisket Combo um $ 7,99 schmeckt nur nach Fastfood, also nach nichts. Wifi sei nicht vorhanden, lautet die Auskunft der Thekenkraft. Ich checke es am Tablet. Doch, es gibt Wifi. Aber nicht für Kunden, meint die Assistent Managerin. Werde ein Email an die Zentrale senden. Nun kommt der Local Manager, Auskunft gleichlautend, jeder Kunde könnte mit dem Passwort die internen Geheimnisse von Arby’s hacken. Die Aussage ist so dämlich, dass ich auf ein Email verzichte.

Nach dem Salt Lake steigt die Straße leicht, aber stetig an, in einem Hochtal, eingebettet zwischen zwei Bergketten. Nahezu verkehrsfrei die Frontage Road, der „Old Highway 191“, später 91, weicht gelegentlich weit von der Interstate ab.

Quere die Grenze nach Idaho, und in Malad – ist das nicht „krank“? – beginnen die Probleme. Kein Bargeld aus den ATM, wie die Bankomaten in Amerika genannt werden – bei US Bank und bei der Bank of Ireland. Lässt Befürchtungen aufkommen, dass es mit Bargeld ähnlich knapp werden könnte wie im Vorjahr.

Ab Malad gehts wieder mal zur Sache, mehrmals steil bergauf, auf einen Sattel, über den auch die Interstate führt. Nicht die Auffahrt macht mir Sorgen, es sind der kalte Wind und die nahen schneebedeckten Berge. Endlich bergab, führt die Straße durch ein ausgedehntes Talbecken. Marsh Valley wurde vor 17.000 Jahren ausgespült, durch die riesige Lake Bonneville Flut. Die Stadt Downey mit 626 Einwohnern war in der Vergangenheit mit der ersten Pony Express Station in Idaho bedeutender als heute. Nur im August, zur Messezeit, scheint der Ort gut besucht.

Will nicht inmitten der Kleinstadt im ungeschützten RV Park campen. Radle weiter Richtung Interstate, bis Virginia, es ist fast finster, als ich im Windschatten eines aufgelassenen Getreidesilos das Zelt aufschlage.

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15.05.2014, Pocatello, Motel 6, Tkm 66, Gkm 5.180

Morgens kühl und wolkenlos, am späteren Vormittag leicht bedeckt, am Nachmittag mit 27ºC warm, doch da bin ich bereits in Pocatello. watch_for_rock

Fahre ab Virginia auf der Interstate, weil die Alternativroute durch eher hügeliges Terrain führt. Schwarzes Gestein lässt auf mehrere Vulkanausbrüche mit Lavaausflüssen schließen, die Landschaft an einzelnen Stellen sehr zerklüftet.

In Pocatello löst sich das Bargeldbehebungsproblem. In der Idaho State Bank erzählt man mir dieselbe dumme Geschichte wie im Vorjahr: Kartenprobleme, mit Hausbank in Verbindung setzen, blabla. Probiere es an einem modernen Nixdorf-ATM bei der Wells Fargo Bank, und der spukt Geld aus.

Nachmittags Tagebuch ajourieren, Wäsche waschen, Einkaufen, schon ist der Tag vorbei.

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16.05.2014, Cuttroath Salmon Camping, Buschcamp, Tkm 81, Gkm 5.261

Sonniger Morgen. Auch die Prognose ist günstig, heiter, etwa 25ºC, kein Niederschlag, Wind aus SSW. Nächstes Ziel ist der Yellowstone Nationalpark, doch nicht schlüssig bin ich über die Fahrstrecke.

Nördlich von Fort Hall, Kreuzungspunkt von Hwy 91 und des alten Oregon Trails, trifft der Wind die Entscheidung. Wozu gegen den jetzt aus Norden wehenden kalten Wind ankämpfen, wenn sich als Alternative der nach Osten führende historische Oregon Trail anbietet. Nie um Superlativen verlegen, bezeichnen die Amerikaner diesen Trail als die meistgenutzte Route, die freiwillig von Menschen auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten, in diesem Fall Oregon, bewältigt wurde.

Nach Fort Hall zurückgekehrt, fotografiere ich das lokale Cafe, worauf ich von Anthony Broncho angesprochen und mit den Besonderheiten des Ortes vertraut gemacht werde. Fort Hall ist Verwaltungszentrum der Fort Hall Indian Reservation, mit eigener Gesetzgebung und Rechtsprechung, Schulen und Betrieben, zB Trading Posts, Großtankstelle, Casinohotel. Und Anthony wäre nach alten Maßstäben wohl ein Häuptling des Shoshone-Bannock Stammes.

Es dauert eine Weile, bis ich mein „Soda large“ vor dem Trading Post an der Kreuzung Main Street und Hwy 91 austrinke. „My name is Billy“ stellt sich eine ins Geschäft eilende Indianerin vor. Ist mit dem Pickup vorgefahren, die moderne Squaw.

An der Tankstelle marschiert Frank Koon, professional driver, mit einer Kaffee-Thermoskanne zu seinem Bus. Sein Cowboy-Outfit hat er nicht für die chinesischen Reisegruppen angelegt, die er im 3-Tages-Rhytmus von Salt Lake City in den Yellowstone NP kutschiert. Er liebe diese Kleidung, versichert er.

Die von der I 15 nach Osten führende Straße ist nicht gekennzeichnet, auch fehlt jeder Hinweis auf den Oregon Trail. Drei Personen versichern unabhängig, dass die Straße in die Geisterstadt Chesterfield und nach Soda Springs führt. Eine überfahrene Klapperschlange, im Anstieg zum ersten Bergrücken endet der Asphalt. Nicht schlimm, meine ich im ersten Moment, es wird nicht weit zur asphaltierten Straße um Chesterfield sein.

Nach dem ersten Bergrücken ein Hochtal, dann kreuze ich wieder die aufgelassene Bahn, ein Hinweisschild zu einer Mine und eine Hinweistafel auf die Blackfoot Indian Reservation, aber kein Hinweis auf „Chesterfield“. Langsam werde ich nervös. Bin ich richtig, bin ich falsch? „What are you doing out here?“, fragt mich ein Indianer in seinem Pickup, doch er sagt nicht, dass ich die falsche, eine viel zu südliche Route fahre. Die Hügelkuppen nehmen kein Ende, ich fahre knapp unterhalb der Schneegrenze, von Westen drängen dunkle Wolken über die Berge. Eine Gewitterfont aus Nordwest, eine weitere aus Südwest, es donnert und blitzt, der Gegenwind wird plötzlich zu einem staubaufwirbelnden Rückenwind. Getrieben vom Wind jage ich bergauf durch ein kahles Hochtal, die Gewitter im Genick, in der Ferne eine Buschgruppe. Mit den ersten Regentropfen erreiche ich die Büsche, baue in deren Windschatten rasend schnell das Zelt auf, und mit den ersten Hagelkörnern schlüpfe ich, ziemlich nass, ins Zelt. Es hagelt und schüttet eine kurze Weile, während ich versuche, trockene Kleider anzulegen.

Nach einer Weile verziehen sich die Gewitter, doch im Norden bleibt es wolkenverhangen. Der Regen hat die erdige Fahrbahn in eine glitschige und aufgeweichte Schlammspur verwandelt, schwer und kräfteraubend zu fahren. Ich passiere das Osttor der Fort Hall Indian Reservation und lese dort auf einer Hinweistafel, dass ich für die Durchfahrt eine schriftliche Zustimmung der Reservatsverwaltung benötigt hätte. Zu spät!

Fahre planlos die Dirt Roads und habe keine Ahnung, wo ich mich befinde. Bis endlich ein Ehepaar in einem Pickup hält und mir versichert, auf dem richtigen Weg zu sein. Gleich danach ein Hinweisschild auf die Campmöglichkeit am Bear River, also ab von der Straße und hinab zum Fluß.

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17.05.2014, Soda Springs, Trail Motel, Tkm 64, Gkm 5.325

Nur langsam klart es nach dem nächtlichen Regen auf, beim Frühstück kommen einige Vögel ganz nahe, knallgelb mit einigen schwarzen Federn. Habe sie schon am Vorabend bewundert, als sie pickend durch das kurze Gras hüpften.

Die Straße regendurchweicht, an einigen Stellen schlammig, schwer zu fahren. Weiden und buschiges Gelände werden abrupt von riesigen Ackerflächen abgelöst, große Traktoren ziehen gleich mehrere Geräte hinter sich her. Immer häufiger schwarze Lavafelder, vereinzelt gesprenkelt mit weißen Flecken, Reste von Schneeverwehungen. Endlich ein Wegweiser nach Soda Springs, jetzt weiß ich sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Der ist jetzt fester Schotter, es geht hügelauf, hügelab, in großen Kurven durch Lavafelder Richtung Süden.

Linkerhand ein weit verzweigter See, das Blackfoot Reservoir. Nur langsam rückt Soda Springs näher, endlich wieder Asphalt, auch die Farmen werden zahlreicher. Von weitem zu sehen eine von mehreren Phosphatfabriken, immens die Schlackehalden, hoch über der Straße entleeren Muldenkipper ihre glühendrote Fracht, die beim Herabströmen ihre Farbe auf weiß und grau wechselt.

2 Meilen nördlich von Soda Springs eine Recreation Area bzw. ein Historical Site, die bereits den ersten Siedlern bekannte Mineralquelle. Um die Wende zum 20. Jh. wurde dieses Mineralwasser in die ganze Welt exportiert, heute ist die Quelle frei zugänglich, nur Schwimmen ist im kalten Wasser verboten.

Das Trail Motel ist veraltet, und wer nun Eigentümer ist, die chinesische Familie oder doch der geschäftige Amerikaner, kann ich nicht eruieren. Die seit 7 Jahren in Amerika lebende chinesische Kellnerin ist nett, erzählt ein wenig über ihre alte Heimat, der Schwesterstadt von Hongkong, und was ihr an Amerika besser gefällt als an China.

Soda Springs hat also doch eine Attraktion, den weltgrößten, von Menschen gemachten Geysir. 1937 zufällig bei Bohrarbeiten entstanden, ist nun der Ausfluss geregelt, einmal pro Stunde zur vollen Stunde. Man hatte damals nach heißem Wasser für ein geplantes Schwimmbad gebohrt, war jedoch auf kaltes Wasser gestoßen, sehr zum Leidwesen der Stadtväter. Heute ist der Geysir die größte Sehenswürdigkeit der Stadt.Geysir

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18.05.2014, Alpine, Buschcamp, Tkm 120, Gkm 5.445

Hwy 34 fuhrt zuerst nach Norden, später nach Westen, über die Grenze von Idaho nach Wyoming. Trifft bei Freedom bzw. Etna auf den bedeutenderen Highway 89, dem ich bis zum Yellowstone Nationalpark und weiter nach Norden folgen werde.

Phosphatfabriken, ausgedehnte Ackerflächen, dazwischen einzelne Lavafelder, die Gegend ist ein Spiegelbild der gestrigen Fahrt. Der Unterschied besteht lediglich in der Fahrtrichtung. Gestern fuhr ich am Westufer des Blackfoot Reservoirs nach Süden, heute bin ich am Ostufer des Sees auf den Weg nach Norden.

Erstes Hinweisschild an der Ortsausfahrt von Soda Springs: 71 Meilen, etwa 114 km, „no gas“, also auch keine Versorgungsstation auf dem Pioneer Historic Byway. Formation Springs abseits der Hauptstraße lasse ich rechts liegen. In China Hat – ich sehe keine Ähnlichkeit mit einem chinesischen Hut – parken zwar einige Mobilheime, doch das Office ist geschlossen. Ich setze meine Hoffnungen auf Henry Chester’s „Country Store“. Das historische und alte Gebäude ist jedoch seit Jahren geschlossen. Selbst das auf der gegenüber der Country-Store-Ruine liegende The Cafe in Cedar Bay Landing ist geschlossen, das Lokal wird renoviert, aber man kocht mir einen „extrastarken“ Kaffee.

Im Areal der Bootsanlegestelle parken zwei Dutzend Mobilheime. Bruce und seine Gattin Sharon laden mich zum Frühstück ein, in das Areal ihres feudalen Mobilheimes. Nach beiden Seiten ausgefahren, bietet der Trailer ein komfortables Wohnzimmer neben großem Schlafzimmer, Küchenblock und Badezimmer. Daneben ein kleiner Geräteschuppen, ein kleiner 4-Wheeler, das Boot bereits im Wasser. Bruce, pensionierter Tiefbau-Vorarbeiter, und Sharon, pensionierte Militaristin, pendeln noch zwischen ihrem Wohnhaus in Bingham City im nördlichen Utah und ihrer Sommerresidenz am Blackfoot Reservoir, die Winter sind zu ungemütlich am meist tiefverschneiten Reservoir. Bruce bereitet auf dem Griller ein pompöses Mahl, zu bacon/eggs/hashbrowns gibts Orangensaft und einen großen Obstteller. Bald schließen sich Linda und ihr Mann unserer Gesellschaft an, doch dann ist es an der Zeit, aufzubrechen. Lind_und_Mann

Linda kam mit der Nachricht, dass in der Nscht im Camp ein Berglöwe, vermutlich eine Löwin, im Camp beobachtet wurde. Man müsse auf die kleinen Hunde aufpassen, die für die Löwin ein willkommener Happen wären.

Nach den nächsten Anstiegen eine weite ebene Fläche, Naturschutzgebiet, Grays Lake National Wildlife Refuge, ein weitgehend ausgetrockneter See. Zahlreiche Wasservögel, vorwiegend Enten und Kanadagänse. Nach dem See der lange Anstieg zum Übergang über die Caribou Mountains, dann eine kilometerlange Abfahrt Richtung Grenze zu Wyoming.Welcome_to_Freedom

Welcome to Freedom! Ein Teil des Ortes in Idaho, der andere Ortsteil in Wyoming. Doch Freedom macht einen sehr heruntergekommenen Eindruck, mit einzelnen verlassenen und vielen vernachlässigten Gebäuden. Freedom sieht schrecklich aus, so stelle ich mir Freiheit nicht vor!

Britney im Trading Post am Hwy 89 erzählt von ihren drei Monaten in einem fischverarbeitenden Brtrieb in Alaska. Alles sei grün, ihr hätte es dort sehr gut gefallen.

Mit Alpine erreiche ich die teure Gegend südlich von Yellowstone, ein einfacher Steakburger, faschiertes Fleisch mit Pommes, kostet 12 Dollar. Da verhandle ich nicht über den Zimmerpreis und schlage mein Zelt am Eingang zum National Forest an einer Stelle auf, wo campieren nicht gestattet ist.

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19.05.2014, Jackson Hole, Kudar Motel, Tkm 75, Gkm 5.520

Hatte wegen der Bärenwarnung vorsichtshalber meine Essensvorräte in einer Astgabel deponiert; am Morgen war noch alles da und unberührt. Radle für ein Frühstück zurück nach Alpine Junction, in ein uriges Cafe, will die ansteigende Strecke durch den Snake River Canyon gestärkt und nicht mit leerem Magen fahrenKudar_Cafe

Steil steigen die Berge beidseits des Canyons an, der Fluss führt wegen der Schneeschmelze viel Wasser, noch meiden die Kajakfahrer und Rafter den wilden Snake River. Einzelne Berghänge sind völlig kahl, andere baumbestanden, einige Hänge von zahllosen umgestürzten Bäumen bedeckt. War es Feuer, war es der Wind? Die National Forest Commission hat offensichtlich beschlossen, den Istzustand beizubehalten und nicht aufzuräumen. Kanadagänse schwimmen mit der starken Flut, am Straßenrand ein Fuchs.

Im Trading Post von Hoback Junction rede ich eine Weile mit der Verkäuferin, die einige Worte Deutdch spricht und deren Eltern vermutlich deutsche, über Israel nach Amerika ausgewanderte Juden waren. Viele Österreicher hätten sich in der Gegend angesiedelt, vorwiegend Schifahrer, allen voran Ex-1Olympiasieger Pepi Siegler mit Stiegler’s Austrian Restaurant & Copper Bar in The Aspens, auf der West Bank des Snake River, am Fuß der Teton Mountains.

Heftiger Gegenwind auf den letzten Steigungen vor Jackson, dunkle Wolken ziehen herein über die hohen Teton Mountains, doch es bleibt trocken. Eingeklemmt zwischen Hügeln der Ort Jackson, langgezogen, einzelne Gebäude in pseudo-alpinen Stil, die vier Eingangstore zum Stadtpark ein Kranz aus Hirschgeweihen. Aufgeregt einige chinesische Touristen, zeigen sich begeistert von der Kreativität der Amerikaner. Im Ortszentrum Restaurants, Hotels, Souvenirladen, doch das nächste größere Kaufhaus liegt an der südlichen Stadteinfahrt, zwei Meilen entfernt. Die Stadt sei in letzten zwei Jahrzehnten rasch gewachsen, sei nicht wiederzuerkennen, erzählt Sue am Tag darauf.Und das Kudar Motel? Veraltet, muffig, zentrumsnah, für lokale Verhältnisse preiswert.

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20.05.2014, Jackson Lake Lodge, Buschcamp, Tkm 60, Gkm 5.580

Vom Visitors Center im Norden Jacksons führt ein 35 km langer und gut ausgebauter Radweg bis South Jenny Lake. Auf dem Weg nach Moose Junction treffe ich mehrere Radfahrer, darunter Sue und Dave aus Kansas City, die mir eine Teilnahme an der Iowa Bikewoche ans Herz legen, Amerikas größte Radveranstaltung mit 10 bis 15.000 Teilnehmern.

Rechterhand eine ausgedehnte Ebene, das National Elk Refuge, Winterquartier zahlreicher Elche, die im Frühjahr in die Teton Mountains ziehen. Selbst sprungschanzenähnliche Noteingänge in das Riesengehege sind vorgesehen für Tiere, die sich auf dem Highway verirren

Linkerhand das National Museum of Wildlife Art mit lebensgroßen Skulpturen von Bär und Buffalo (=Bison), Elch und Hirsch, gut in die Hügellandschaft eingefügt. Gleich danach die überwältigende Kulisse der Teton Mountains, steil ansteigend mit vereinzelten Gletscher. Frühe Trapper, fantasielos und vom Biberfang überfordert, benannten die zackigen Berggipfel nach weibliche Rundungen, aus Titten wurden Tetons.

Bei Moose Entrance fahre ich in das Herz des Teton National Parks, doch der Radweg endet abrupt in einer Schneewehe, unmittelbar vor dem South Jenny Lake Visitors Center.Moose_Entrance

Der See ist großteils eisbedeckt, in den nördlich angrenzenden Wäldern um Signal Mountain liegt noch ein halber Meter Schnee. Die dunklen Wolken im Süden verziehen sich, doch über die Tetons ziehen plötzlich tiefhängende Wolken. Eine Stunde später, bei Jackson Lake Lodge, ist es dann soweit, die vom Süden hereinziehende Regenfront sieht bedrohlich aus. Rasch weg von der Straße, hinein in den windgeschützten Wald, noch bin ich mit dem Zeltaufbau beschäftigt, schon beginnt es zu regnen.

Schlafe ein Weilchen, bis die Sonne wieder scheint. Wandere entlang der Strommasten zurück zum Lodge, durch eine ausgedehnte Großbungalowsiedlung, hauptsächlich Dormitories, ist wohl ein Ferienlager für Jugendliche. Die Servicestation, die üblicherweise Kaffee und Snacks bereithält, ist geschlossen. Im Corral hängen Zaumzeug und Zügel, doch die Pferde sind noch nicht eingetroffen. Weitverstreut die Bungalows, mehrere Personen auf dem Weg zu einem zentralen Gebäude, wuchtig und mehrstöckig, die Lodge. Am Eingangstor nicht zwei Security-Leute, wie ich zuerst vermute, sondern Portiere, die die Türen öffnen und guten Appetit zum Dinner wünschen. Ebenerdig ein großzügiger Empfangsbereich und Geschenkartikelläden, diese auch im Obergeschoss mit mehreren Bars, Restaurants, und einer riesiegen, auf die Willow Flats und die dahinter liegenden Tetons gerichteten Glasfront. Wenige hundert Meter vom Hotel entfernt grasen drei Elche. Nur kurz verweile ich in dem mit Rockefeller-Geldern errichteten Lodge, ist nicht meine Preiskategorie. Was ich allerdings mitnehme, ist eine Warnung: Bären seien hier häufig, Essen sollte sicher in Bärenkästen verwahrt werden.

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21.05.2014, Old Faithful, Buschcamp, Tkm 110, Gkm 5.690

Kühl, Sonnenschein, spät nachmittags dichte Wolken aus dem Westen, aber es bleibt trocken.

Ab Jackson Lake steigt die Straße an. Zwischen Grand Teton NP und Yellowstone NP lediglig ein kurzes Stück „Nichtnationalpark“ um Headwaters Lodge Flagg Ranch, eine letzte Möglichkeit, etwas Warmes zu essen und die Essensvorräte zu ergänzen.

South Entrance zum Yellowstone Nationalpark, die Rangerin hat es eilig, will endlich zum Lunch. Kontrolliert noch meinen Annual Pass, die Jahreseintrittskarte für die Nationalparks, winkt dann ungeduldig die nachfolgenden Fahrzeuge durch. Wo sollen wir die Eintrittskarten kaufen, fragen mich einige chinesische Touristen. Ich weiß es auch nicht, rate ihnen, sie sollen einfach weiterfahren.

Viel Schnee im vergangenen Winter im südlichen Teil des NP. Straßen bis 2.700 m, die Seen mit einer dicken Eisschicht bedeckt, meterhoch Schnee in den Wäldern, zwei Meter hohe Schneewände am Straßenrand. Mache mir Sorgen, wo ich in dieser Schneehölle nächtigen werde.

Die Restaurants bei Grant Village sind noch geschlossen, von den 16 Campgrounds im NP haben überhaupt erst 3 geöffnet, die Mehrzahl der Betriebe öffnet am kommenden langen Memorialwochenende.

Yellowstone Lake, eine einzige Eisfläche. Dann wirds zäh, von West Thumb bergauf zum Craig Pass, 2.518 m, viel Schnee am Straßenrand, Gewitterwolken aus dem Westen. Endlich der Pass geschafft, dann bergab und bergauf, über mehrere Hügelketten. Lange bergab nach Old Faithful. Endlich verschwindet auch der Schnee.

Old Faithful Lodge, bin bereit, etwa 100 Dollar für ein Zimmer zu bezahlen. Ausgebucht mit Ausnahme eines einzigen Zimmers, kann ich um $ 296,00 zzgl Steuer haben. Danke, um diesen Preis schlafe ich trotz Kälte und Bärenwarnung im angrenzenden Wald.

Der Geysir Old Faithful ist zuverlässig, spukt alle 90 Minuten heißes Wasser und viel Dampf aus, heftig beklatscht von einer Kinderschar. Unterhalte mich eine Weile mit Aaron und Shue, zwei Studenten in Puerto Rico, auf einer Kurzrundreise durch den NP.Geysir_2

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22.05.2014, Gardiner, Jim Bridger Motor Inn, Tkm 104, Gkm 5.7941

Blauer Himmel nach einer kalten Nacht. Westwärts von Old Faithful erstrecken sich ausgedehnte Felder mit Geysiren, heißen Quellen, sprudelndem Wasser, immer wieder steigen Dampfwolken auf, es blubbert hier, es sprudelt da. Ich schiebe mein Fahrrad über gesicherte Wanderwege durch dieses Vulkanfeld, doch diese Sprudelei beschränkt sich nicht auf die Umgebung von Old Faithful. An verschiedenen Stellen im Park sind vulkanische Tätigkeiten zu beobachten, vielfarbene Ponds und Pools an der Straße nach Madison, ein riesiges Sinterfeld passiere ich später bei Mammoth Hot Springs.

Verkehrsstau am Firehole River: Wenige Meter neben der Straße ein Wolf auf der Jagd, hat eine Beute im Visier, einen kleinen Nager, spielt mit ihm, verspeist ihn. Das Publikum johlt begeister. Wandert zum nächsten Wassertümpel, trinkt, trottet einige Meter die Straße entlang, dann verschwindet er im Wald.

Madison, an der Abzweigung zum West Entrance, großer Picknickplatz, doch der Verkaufsstand ist geschlossen. Entzünde kurzentschlossen an einer Feuerstelle ein kleines Feuer, jetzt gibts Rindfleisch mit Karoffelstückchen aus der Dose.

Bisonherden, langsam die Straße kreuzend. Was schert den Büffeln der Straßenverkehr? Der Bulle sondiert das Terrain, trottet auf die Straße, beidseitig halten die Autos, es wird fotografiert und gefilmt, die Herde folgt dem Leittier, quert die Straße, hinein in die nächste Feuchtwiese, dann hinauf auf trockeneres Gelände.

Die Straße quert einen kleinen Bach, ich bin verschwitzt und will mich waschen. Angenehm, dass das Wasser so warm, geradezu heiß ist. Kommt es doch aus einem angrenzenden großen Pool, mit einer heißen sprudelnden Quelle. Bisons

Einem steilen Anstieg bei Gibbon Falls folgt bei Norris eine 5 Meilen lange Baustelle mit langen Wartezeiten für Kraftfahrzeuge. Doch Radfahrer dürfen die dead lane, die gesperrte Fahrspur benutzen. Just dort treffe ich einen weiteren Weltumradler, Szabo Zoltan (Kobra) aus Odorheiu Secuiesc, Rumänien. Ist er nun Rumäne, Ungar oder ein Angehöriger der ungarischen Minderheit in Rumänien? What does it matter? Fährt gegen Osten, war in Asien, Australien und quert nun die USA von West nach Ost, in der etwas irrigen Meinung, der einzige Weltumradler zu sein. Nun, sicher ist er der einzige ungarische Liegerad-Weltumradler.

Gardiner, bereits außerhalb des Nationalparks, zeigt noch Spurn vom hohen Yellowstone-Preisniveau. Auf der Zimmersuche verlasse ich unverrichteter Dinge das Office eines der zahlreichen Motels. Parkt neben meinem Fahrrad ein graues Ford Mustang Kabrio. Nettes Auto, sage ich zur aparten Fahrerin. Sie bedankt sich, doch das Auto sei geleast. Habe es wegen der nahenden Dunkelheit etwas eilig und ärgere mich später über meine abrupte Verabschiedung.

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23.05.2014, Livingston, Buschcamp, Tkm 106, Gkm 5.900

Trödle am Morgen, wie so oft, wenn ich in einem Motel nächtige, ergänze noch das Tagebuch, frühstücke in einem nahe gelegenen Restaurant. Was ein perfekter Radlertag sein könnte, mit Sonnenschein, Rückenwind und angenehmen Temperaturen, wird gegen Mittag zur Quälerei.

Die Straße führt flussabwärts, dem Yellowstone River entlang, beiseitig hohe Bergketten. Doch ab Mittag weht der Wind talaufwärts, mir entgegen. Da nützt keine Richtungsänderung, stundenlang habe ich Gegenwind. Zusätzlich drängen Wolkenmassen über die Bergkuppen, einige Regentropfen fallen, ich |mache mich regenfest. Doch ich schaffe es trocken durch das Paradise Valley nach Livingston.

Vergeblich die Suche nach einem Motel, das Preisniveau ist mir zu hoch. Ergänze meine Vorräte bei Albertsons, fahre dann auf die Interstate 90. Keine Ahnung, ob ich diese Interstate benützten darf. Zwei Autofahrer hupen. Warnung oder Gruß, wen schert’s? Die Sonne nähert sich dem Horizont, vor mir Berge, ein steter Anstieg, Richtung Bozeman Pass. Als ich den Kettenanlageplatz erreiche, ist die Sonne hinter dem Pass verschwunden. Die Richtungsfahrbahnen der Interstate liegen weit auseinander, die bergaufführenden Fahrbahnen hoch am Berg, über ihnen nur die Geleise der Eisenbahn, auf der gelegentlich ein Güterzug verkehrt. Drei Lokomotiven der Northern Pacific Railway ziehen, eine schiebt.

Ich sondiere das Gelände. Dreihundert Meter zwischen den Richtungsfahrbahnen, dazu eine Mulde auf einem kleinen Hügel, der Platz aus der Nähe kaum einsehbar. Scheint mir ein sicherer Ort, sicher vor wilden Tieren, denn Bären, Wölfe oder Kojoten werden die Autobahn wohl meiden, hoffe ich. Sicher auch vor der Highway Patrol, die ihr Augenmerk wohl nicht auf das Gelände zwischen den Fahrbahnen richten wird.

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24.05.2014, Three Forks, Broken Spur Motel, Tkm 88, Gkm 5.988

Bin mit Sonnenaufgang unterwegs, ein Stück auf der Interstate, das restliche Teilstück bis zum Bozeman Pass auf der Frontage Road. Almen weichen Wäldern, nach dem Pass werden die Berge kahler.

Der Bozeman-Halbmarathon soll heute hier gelaufen werden? Tut mir leid, ich weiß nicht Bescheid, die Amerikanerin in Shorts wird an anderer Stelle nach dem Startpunkt suchen müssen.

Grizzlybärland? Großes Hinweisschild am Straßenrand, doch ich habe keine Zeit für Grizzlybären, will endlich nach Bozeman, um dort zu frühstücken. Die Frontage Road wird zu einer Schotterstraße, ich wechsle zurück auf die Interstate, hier geht’s bergab, da lasse ich die Räder rollen.

Nach Bozeman fehlt der Biss, nur langsam komme ich voran, mal am Highway, mal auf der Interstate. Bis ich Three Forks erreiche, mich ein Weilchen mit der Frau im Visitors Center unterhalte, und den Nachmittag im Motelzimmer verbringe, während ein kräftiges Gewitter über den Ort hinweg zieht.

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25.05.2014, Helena, Motel 6, Tkm 114, Gkm 6.102

Morgens leicht, nachmittags stärker bewölkt, warm.

Three Forks, drei Gabeln? Wenige Kilometer nordöstlich des Ortes vereinigen sich drei Flüsse, Gallatin, Madison und Jefferson, zu einem einzigen Fluss, der nun den Namen Missouri führt. Drei wegen der Schneeschmelze in den umliegenden Bergen und wegen des Regens der vergangenen Tage Hochwasser führende Flüsse, selbstverständlich hält sich auch der Missouri nicht in seinen Ufern.

Servicestation an der Kreuzung I 90 / Hwy 287, hier tanken und parken zahlreiche Lkw’s. Einer beladen mit Heuballen, ein anderer mit einer bunt bemalten Lokomotive. Lorrain hantiert an ihrem riesigen Mack, seit 25 Jahren fährt sie Trucks. Heute ist sie von Vancouver nach Kansas City unterwegs, etwa 3.000 km. Nicht alleine, ihr Beifahrer ist ein kleiner Hund. Lastwagenfahren ist für eine Frau doch ungewöhnlich? Nicht, wenn man in einer Patchwork-Familie aufwächst, und man nach vielen Jahren herausfindet, dass der leibliche Vater auch Trucker war.

Wenige Meter weiter, auf der Nordseite der Interstate, eine weitere Tankstelle mit einem Imbissladen. Ken und sein Freund sitzen an einem Tisch am Eingang zur Wheat Montana Bakery, schlürfen ihren Kaffee. Just hanging out, wie sie es nennen, warten hier am Sonntagmorgen auf allenfalls vorbeikommende Freunde. Quatschen zwei Mädels in offenen Blusen, Shorts und Cowgirlboots an. Beide aus Bozeman und unterwegs zum Canyon Ferry Lake, natürlich rede auch ich später mit den Beiden.Truck_gelb

Wheat Montana Farm, nördlich der Interstate mit Schwerpunkt Weizenanbau, erstreckt sich meilenweit entlang Hwy 287. Nach 4 Meilen ansteigender Straße linkerhand ein Hügel mit Skulpturen, Pferde. BleuHorses.com Jim Dolan, ist auf einer Schautafel zu lesen; einige Pferde zeigen tatsächlich Spuren von Blau.

Am Straßenrand eine tote Schlange, ich prüfe die Musterung, es ist eine Klapperschlange. Ungewöhnlich ist der gelbe Grundton, bislang habe ich eher rötliche oder braunfarbene Rattlesnakes gesehen.

Bei Townsend dreht die Straße in die Hügel, steigt langsam an, verlässt den Canyon Ferry Lake, mit einigen Camping- bzw. RV-Parks an seinen Ufern. Unweit der Straße verläuft die Bahn, einspurig, Güterverkehr. Zwei Lokomotiven ziehen eine lange Schlange, etwa 100 Waggons, den Berg hoch, mit Containern beladen. Eine von 2 Loks gezogene Einheit ist die Ausnahme. Die nächste Zugseinheit ist schwerer, etwa 80 mit Erz beladene Waggons, gezogen bzw. geschoben von 5 Loks.

Acht Meilen bergauf, acht Meilen bergab nach East Helena, am Straßenrand ein Rudel Hirsche. East Helena ist abstoßend, ärmliche kleine Häuser, Kohlehalden am linken Straßenrand, Gas- und Tanklager rechterhand, dahinter ein großer Frachtenbahnhof. Unmittelbar an der Kreuzung von Highway 12 mit Interstate 15 ein Dutzend Motels, dazu die Supermarktketten Walmart und Albertsons.

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26.05.2014, Helena, Motel 6

Montag, Memorial Day, Feiertag, für die Amerikaner ein verlängertes Wochenende. Für mich ein Ruhetag, Tagebuch vervollständigen, in einem der vielen örtlichen Casinos frühstücken. 6 Dollar an den Automaten verlieren. Einer Mitdreisigerin am benachbarten Automaten geht es nicht besser, doch sie nimmt sich die Zeit, mir die Grundzüge einzelner Spiele zu erklären.Helena

Nachmittags schreibe ich endlich die News für meinen Blog. Noch bin ich allein im Pool vor dem Hotel, und er kommt mir sehr klein vor. Doch dann kommt eine Gruppe weiterer Gäste, darunter 4 SchwergewichtlerInnen. Da brodelt die Suppe im Pool, da gehe ich lieber zu Walmart jenseits der Interstate.

Ein teilweise bewölkter und windiger Tag endet mit einem grandiosen Sonnenuntergang, während ich mich mit dem kniffligen, jedoch völlig irrelevanten Thema „likes“ auf Face beschäftige. Wie schaffe ich es als Nichtsportler, mehr „likes“ als echte SportlerInnen zu generieren. Vorerst definiere ich mal ein Ziel: Heute habe ich auf Facebook 183 „gefällt mir“, am Jahresende will ich die 1.000er Marke überschreiten.

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27.05.2014, Cascade, Buschcamp, Tkm 115, Gkm 6.217

Vormittags wolkenlos und warm, nachmittags ziehen im Süden derart schnell Regenwolken auf, dass ich in Windeseile am Ufer des Missouri mein Zelt aufbaue. Doch der Regen ist nur von kurzer Dauer, bald klart es wieder auf.

Lange Steigung nach Helena, auf kahlen Flächen zahlreiche Erdhörnchenbaue. Aufrecht sitzt das wachhabende Tier über dem Erdloch, pfeift bei Gefahr und schon verschwindet die ganze Bande im Bau.

Die Lewis und Clark Expedition hat 1805, getrieben vom hereinbrechenden Winter, auf der Suche nach einer Verbindung nach Westen das langgestreckte Tal um die Siedler Ranch rasch durchquert. Noch immer sieht das weitgestreckte Tal aus wie damals, die Kleinstranches sind zwischenzeitig verschwunden, nur noch zwei große Ranches sind geblieben, und die haben sich zur Beibehaltung des status quo verpflichtet

Canyons, braune und grüne Gesteinsschichten, beeindruckende Felsformationen. Die Interstate 15 windet sich durch enge Täler, ab Wolf Creek begleitet von einer aufgelassenen Bahnlinie und einem dem Creek entlang führenden schmalen Highway. Kurz danach wieder im Tal des Missouri, hier zahm, wenngleich schnell dahinströmend. Ein Fischerparadies, zahlreiche Fischerboote auf dem Fluss, keines motorbetrieben, die Angler meist in Ufernähe, fischen mit Angelruten, versuchen sich im Fliegenfischen. Und die Fische beißen, kleinere werden sofort ins Wasser zurückgeworfen. Cascade

Bei Cascade öffnet sich das Tal zur leicht hügeligen Landschaft des nördlichen Montana. Das örtliche Store bietet Delis – offensichtlich eine Kurzbezeichnung für warme Imbisse, „Delikatessen“?. Esse die panierte Hühnerbrust auf der Bank vor dem Store, was mehreren Leuten Anlass gibt, mich anzusprechen.

In der Zwischenzeit sehen die Wolken bedrohlich aus. Raus aus dem Ort, wenige Meter nach der Ortsausfahrt ein Hinweisschild zu einer Bootsrampe und einem Picknikplatz am See. „Campen verboten“, dieses Hinweisschild kenne ich schon. Terry spricht mich an, Minister (Pfarrer?) der Church of Christ in Libby, ist vor wenigen Minuten nach einer Kajaktour mit Sohn/italienischer Schwiegertochter/Enkeltochter hier an Land gegangen. Ich solle doch mein Zelt auf dem ebenen Platz der Picknickarea aufstellen. Er hat das Verbotsschild noch nicht gesehen. Der nahende Regen lässt mir ohnehin keine Wahl, ich stelle mein Zelt außerhalb der Verbotszone im Windschatten einiger Büsche am Flussufer auf. Verwundert stelle ich fest, dass „irgendwo campen“ nicht tabu ist; vielmehr wird erwartet, dass an unterschiedlichen Stellen, in kleineren Parks, nahe Sportplätzen oder hinter Kirchen, gezeltet wird.

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28.05.2014, Dutton, Buschcamp, Tkm 110, Gkm 6.327

Frühmorgens zurück in das Zentrum von Cascade, an der Straßenkreuzung zwei Bars mit Casino. Um 6,30 Uhr wird noch die Losung des Vortages gezählt, da muss ich ein wenig auf das Frühstück warten. Langsam füllt sich das Lokal. Unterhalte mich mit einem vor 6 Jahren „Zuagrastn“, langer Bart, Grizzlyzahn als Halskettenanhänger, wohnt oben in den Bergen. Hat mich am Flussufer gesehen, als er dort am Morgen die Toiletten benutzte. Schnee? Mehrere Feet im Winter, ist schon manchmal für Wochen eingeschneit. Bären? Nur Schwarzbären, denen er fallweise eine Ladung Gummigeschosse verpasst, wenn sie zu lästig werden. Grizzlies? Gibt es eher auf der Westseite der Rockies, in der angrenzenden ehemaligen „Gary Cooper Ranch“.

Fahre heute vorwiegend die Interstate, über Great Falls, meist Richtung Norden. Ziel ist Shelby nahe der kanadischen Grenze, aber warum nicht vorher den Glacier National Park besuchen, die Going-to-the Sun Road fahren, wie von Terry empfohlen?Conoco-Tankstelle

Bei Vaughn ein riesiges Hinweisschild auf Montanas bestauszahlendes Casino, das Glacier Peaks Casino in Browning in der Indianerreservation der Blackfeet. Dort müsste es doch preiwerte Motels geben? Ist aber nicht so, wie es sich später zeigt. Mit dem Angebot der Conoco-Tankstelle in Vaughn ist mir nicht geholfen, lieber keine freien Drinks als 10 Gallonen (38 Liter) Flüssigkeit.

Vom Südwesten und Südosten dichte Regenwolken, unter einer Straßenbrücke bei Gordon warte ich zwei Stunden, bis sich Regen und Gewitter verziehen. Doch bevor ich den nächsten Ort, Power, schaffe, regnet es schon wieder. Schon wieder ein von 3 Loks gezogener Zug mit über hundert Waggons, der mir den Weg in das Ortszentrum versperrt.Lock

Hinein in die einzige Bar der Stadt, spiele einige Pokerrunden an den Automaten, die in jedem Ort in Montana anzutreffen sind. Unterhalte mich eine Weile mit Sam Heinert, dessen deutschstämmige Vorfahren vor Jahrzehnten aus Russland über Deutschland nach Amerika ausgewandert sind.

Als ich in Dutton eintreffe, ist es beinahe dunkel. Entscheide mich bereits an drr Ortseinfahrt für meinen nächtlichen Zeltplatz im örtlichen Park. Treffe dann in der örtlichen Bar den Trucker aus Kalifornien, der in seiner Jugend häufig mit Bike und Trailer unterwegs war. Dann kommen noch Edek, Dan und Mary in das Lokal, die mir von der Route über Shelby abraten und die landschaftlich schönere Strecke über Choteau und Hwy 89 empfehlen.

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29.05.2014, Bynum, Buschcamp, Tkm 75, Gkm 6.402

Machen wir es kurz und schmerzlos, es war ein beschissener Tag. 22 Meilen kerzengerade Strecke von Dutton nach Choteau, lediglich bei Milepost 10 eine langgezogene Rechts- nach einer langgezogenen Linkskurve. Ein knallharter Gegenwind, wie eine Faust ins Gesicht, der mich zu mehreren Pausen zwingt. 7 Stunden, für lächerliche 40 km.Bynum

Dann die überraschende Nachricht von Marions Tod. Da kommt das einsame Camp am Bynum River gerade recht. Mehrmals wache ich in der Nacht auf, vom Gezeter der Hirsche und Wasservögel. Auch aus Sorge, ein Bär könnte sich über meine im Zelt verwahrten Vorräte hermachen.

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30.05.2014, Browning, Holiday Inn, Tkm 91, Gkm 6.493

Eis am Zelt nach einer kalten Nacht. Zwei Hirsche verlassen fluchtartig die Wiese, als ich aus dem Zelt schaue.

Straßenbauarbeiten zwischen Pendroy und Dupuyer, der wenigen hier verkehrenden Fahrzeuge werden angehalten und von einem Pilot-Car durch die Engstelle geleitet. Die Baustelle ist breit und 8 km lang, lediglich zwei Schubraupen und 3 Lkw sind im Einsatz. In Fahrtrichtung Norden wartet ein Motorradfahrer aus Connecticut, auf einer Rundtour durch Amerika. Radfahren in einer hügeligen Baustelle macht keinen Spaß, also versuche ich es wieder mit der Frage, ob mich das Pilot-Car durch die Baustelle bringen kann. Eingehende Beratung über Funk, das Pilot-Car darfces nicht, doch der Chef der Baufirma macht es mit seinem großen Truck. Er transportiert mich und mein Fahrrad durch die Baustelle und den nächsten langgezogenen Hügel hinauf, zur nächsten Berkuppe.

Dupuyer, einige verstreute Häuser, ein niedergebranntes Cafe, das Scheriffoffice, ein Antiquitätenladen, ein Store, das um 11 Uhr öffnet. Schulkinder sammeln Müll am Straßenrand, offensichtlich eine Aktion im Rahmen von „Adopt a Highway“. Ich sehe mich um, jausne, warte, bis der Laden öffnet.

Dupuyer Cache ist „unique“, anders als andere Läden in Montana. Die freundliche weißblonde Inhaberin verkauft auch Lebensmittel. Doch mehr Interesse zeigt sie an Kunsthandwerk, Büchern lokaler Autoren, lokalen Produkten. Selbst ein Gästebuch wird geführt, natürlich bin ich heute der erste Gast. Ich blättere im Farmers Almanac, seit mehr als hundert Jahren ein Ratgeber für alle Lebenslagen, mit einigen kurios anmutenden Ratschlägen.

Am Birch Creek beginnt die Blackfeet Reservation. Ehedem bis zum Yellowstone River reichend, wurde den Indianern viel wertvolles Land weggenommen, die Reservation auf kaltes Hochland beschränkt. Ein Ort ist wohl bezeichnend für die Situation der Blackfeet Nation: Camp Disapointment. Doch auch die weißen Siedler kamen nicht ungeschoren davon. Ein Hochwasser des Birch Creek forderte vor wenigen Jahren mehr als 20 Menschenleben.Browning

Hügelig die Strecke nach Browning, dem Hauptort der Reservation. Mit der Nähe zu Browning – und den Rocky Mountains, die wie eine Festung im Westen erscheinen – werden die Steigungen länger und steiler. Nach vier Nächten im Freien gönne ich mir mit dem Holiday Inn ein passables Hotel. Angrenzend das Glacier Peak Casino, stark frequentiert, viele Gäste Indianer. Mit einem kleinen Gewinn verlasse ich das Casino, wieder hat ein Automat einen Bonus ausgezahlt.

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31.05.2014, East Glacier Park, Circle R Motel, Tkm 44, Gkm 6.537

Üppiges Frühstück und schlechte Nachrichten im Holiday Inn. Die Going-to-the-Sun Road durch den Glacier National Park über den Logan Pass ist voraussichtlich bis 20.Juni gesperrt, vorgesehen war die Öffnung der Straße am Memorial Day, vor einer Woche. Noch ist die Passstraße nicht geräumt, 20 Meter Schnee im letzten Winter waren doch sehr viel. Jedes Jahr verspricht die Straßenverwaltung eine frühe Öffnung der Passstraße, nie werde das Versprechen eingehalten, erfahre ich später aus verschiedenen Quellen. Fahre also Highway 2 über Marias Pass, 5.280 ft.

Die Rezeptionistin im Holiday Inn empfiehlt einen kleinen Umweg, die Looking Glass Road, mit herrlicher Aussicht auf die vergletscherten Two Medicines. Ich frage nur nach der Strecke, jedoch nicht, wie gut die Route für Radfahrer geeignet ist. War nicht klug. Doch bevor ich auf Highway 89 nach Westen radle, muss ich zurück ans andere Ortsende, zum größten Supermarkt Brownings.

Stelle mein Fahrrad wie üblich versperrt neben den Eingang ab, unterhalte mich mit zwei Kaliforniern. Kommt der beleibte Securityman angetrabt, gestikuliert aufgeregt, sagt, er habe vor wenigen Sekunden jemand auf meinem Fahrrad die Straße runtertreten gesehen. Die Kalifornier wollen sogleich mit ihrem Auto die Verfolgung aufnehmen. Ich bin geschockt, denn ich wurde von Terry von der hohen Kriminalität im Ort vorgewarnt. „War nur ein Scherz“, beruhigt der Security-Mitarbeiter, ich solle mein Fahrrad im monitorüberwachten Eingangsbereich abstellen, dort sei es sicherer. Ein übler Scherz.

8 Meilen au Hwy 89 hügelauf, erste Pause, in einem Roadside-Cafe. Ich bin derart überrascht, dass Wifi in dieser Einöde eingerichtet ist, dass ich beim Posten auf Facebook übersehe, dass das zu postende Foto nicht geladen wurde. Habe das Bild mit den Jungs Evangelo, David und Dayvon sowie der Kellnerin Jennifer auf Facebook später nachgereicht.Roadside-Cafe

2 Meilen bis Kiowa bergauf, dann die Abzweigung Richtung Rocky Mountains, dann 4 Meilen steiler bergauf. Durch kleinwüchsiger werdende Pappel- und Eichendickichte, durch steiniger werdendes Gelände mit grandioser Aussicht auf die schneebedeckten Bergspitzen der Rocky Mountains. Wäre ich unbeladen, könnte ich die Bergfahrt genießen, beladen ist es eine Plagerei.

Warum sind die Moskitos selbst in dieser Höhe so lästig? Weil sich die Wolken schnell verdichten, weil kurz vor der Passhöhe einige Regentropfen fallen? Mehrere hohe Berggipfel nicht weit entfernt, darunter die Two Medicines.East Glacier Park

Bergab gehts schnell, einige kurze Blicke über die zwischen den Bergen eingebetteten Seen, schon überquere ich den Two Medicine River, nach einem kurzen Anstieg bin ich in East Glacier und am Highway 2. Die Straßen sind noch nass vom vergangenen Regenschauer, schon zieht die nächste Regenfront über die nahen Berge herein. Kaum stehe ich im Motel unter der heißen Dusche, geht draußen der nächste kalte Regenschauer nieder.

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01.06.2014, Hungry Horse, Buschcamp, Tkm 120, Gkm 6.657

Im Circle R Motel zahlte ich 55 Dollar, doch Wifi funktionierte nicht. Wenige Meter weiter frühstücke ich in der Rock ’n Roll Bakery, und hier funktioniert Wifi problemlos. Dazu gibts von Pete Arnold eine auf Tuch gedruckte und handsignierte Nationalparkkarte.

Marias Pass, von den Blackfeet „Backbone Pass“ genannt, ist der niedrigste Punkt der Continental Divide in Montana. Blackfeet, Salish und Kootenai Indianer wanderten über diesen Pass, um Bisons in den „plains“ zu jagen. Seit 1893 quert auch die Great Northern Railway diesen Pass, als kürzeste Verbindung zwischen dem Oberlauf des Mississippi und dem Pazifik. Viel später, im Jahr 1930, wurde die 56 Meilen lange Straße über den Pass gebaut, als letztes Teilstück des 4.000 Meilen langen Theodore Roosevelt Highways von Portland, Maine, nach Portland, Oregon. Der Pass ist leicht zu bewältigen, doch die Straße entlang des Flathead River scheint kein Ende zu nehmen.

Mäßig schnell gehts bergab von Marias Pass nach West Glacier, stetig ist der Gegenwind. Rechterhand Mt. St. Nicholas (9.376 ft) und Mt. Stimson (10.142 ft), links die etwas niedrigere Flathead Range mit Grest Northern Mt (8.705 ft). Dazwischen rauscht und braust der Middle Fork Flathead River auf dem kurvigen Weg zum Flathead Lake. Dichte Wolkentürme, die Straße teils regennass, doch ich komme ungeschoren durch die Regenschauer.

Todd im Kajak, mit zwei Freunden, macht sich in Bear Creek startbereit, für die 15 Meilen flussabwärts, im kalten Wasser des Middle Fork des Flathead River.

Tag der Begegnungen. Dan aus Missouri, der den ganzen Weg aus dem Mittelwesten auf seinem Fahrrad meist auf Interstates zurücklegte, um an einer organisierten Tour von Adventure Cycling Association nach Alaska teilzunehmen. Nicht nur die Teilnahmegebühr von $ 3.000,00, mehr noch die Anzahl/ ca. 30/ würde mich von einer Gruppenfahrt abhalten. Doch Dan fährt gern in Gruppen, unterhält sich abends gern mit Menschen.

Dann treffe ich Jason aus Denver, Raftingführer, der im Vorjahr Teilstrecken der Great Divide geradelt ist. Und James, Eltern amerikanisch/japanisch, aufgewachsen in China, seit einem Jahr in Amerika. Kurz nach seiner Ankunft im Vorjahr in Denver belud er sein Fahrrad, radelte nach Wesent bis Jackson, dann dieselbe Strecke wie ich durch Yellowstone NP, beendete gerade eine Ausbildung zum Rafting-Führer in West Glacier.

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02.06.2014, Kalispell, Motel 6, Tkm 41, Gkm 6.698

Einfach zu fahrende Strecke, fauler Tag. Frühstück im Montana Coffee Traders in Columbia Falls, auch der Wind ist kein Hindernis auf dem Weg nach Süden.

Doch dann! Kein Geld aus den sonst so zuverlässigen Geldautomaten der Wells Fargo Bank. Bin ohnehin knapp bei Kasse, das Bargeld ist fast alle, doch nicht für jede kleine Transaktion will ich die Kreditkarte verwenden. Frage in der Geschäftsstelle von Wells Fargo um Rat, eröffne ein Konto, doch dieses will dotiert werden. Muss mir noch überlegen, wie ich das bewerkstellige.

Da kommen mir die Wolken gelegen, die sich zu einer dunklen Masse über Kalispell zusammenbrauen. Quartiere mich ein im Motel 6, aber auch hier ärgern mich kleine Probleme. Fasches Passwort für das extra zu bezahlende Wifi, eine nicht funktionierende Magnetkarte als Zimmerschlüssel. Zumindest das Wäschewaschen klappt, endlich wieder frisch riechende Radbekleidung.

 
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03.06.2014, Elmo, Buschcamp, Tkm 63, Gkm 6.761

Die Wettervorhersage ist durchwachsen. 40 % Regenwahrscheinlichkeit, hohe Luftfeuchtigkeit, vereinzelte Gewitter, Temperatur moderat (72ºF/20ºC). Doch vormittags ist das Wetter besser als prognostiziert, zuerst leichter Regen, dann lockert die Bewölkung auf, ich mache mich auf nach Süden, zum Hiawatha Bike Trail.

Dunkle Wolken über Blacktail Mtn. Ich schaffe 15 km bis zur Ortseinfahrt von Lakeside, dann setzt der Regen ein. Die Temperatur hält sich nicht an die Prognose, eine Anzeigetafel zeigt etwa 10ºC. Also rein zu Dairy Queen, zu einem $ 5 Buck Lunch.

Ist heute Betriebsbesichtigungstag in der lokalen DQ Filiale? 5 bis 6-jährige Kinder des benachbarten Kindergartens kommen in den Fastfoodladen, dürfen ihr Eis bestellen und in Kleingruppen die Küchenräumlichkeiten besuchen. Dann trotten die Gruppen im Regen weiter zur Fire Station. Ich verplempere eine weitere Stunde im angeschlossenen Casino, bis es soweit aufklart, dass ich weiterradeln kann.

Südlich von Lakeside wird die Straße hügeliger, führt weg vom riesiegen Flathead Lake, vorbei an Dayton nach Elmo. Eine Highway Patrol am Straßenrand, die Gegend wirkt ärmlicher, südlich von Rollins fehlen die sonst allgegenwärtigen Fastfoodläden und Servicestations. Ich befinde mich wieder in einer Indianerreservation, der Flathead Indian Reservation.Flathhead

In Elmo weht neben der amerikanischen Fahne jene der Flathead und Kotonai Nation. Dichte Wolken aus Südwesten, ich verzehre meine Jause, kurze Zeit später bedrohlich schnell wachsende Wolkentürme im Nordwesten. Ein rasch kleiner werdendes Wolkenfenster im Westen. Ein Schäferhund, bringt Steine und Holzstücke, zutraulich, will spielen. Als ob er mir die Weiterfahrt ausreden will.

Ich zögere, fahre dann doch weiter. Wenig Verkehr, hügelauf, beidseits der Straße ausgedehnte Weiden, eingezäunt, baum- und strauchlos. Die dahinter liegenden Berge sind waldbedeckt, also müssen die ersten Baumgruppen in Straßennähe doch irgendwo sein! Fernes Donnergrollen, die ersten Blitze über den Bergkuppen. Das Wolkenfenster im Westen ist längst verschwunden, dichte Wolken ziehen herein ins Tal. Werde ich vor dem Regen die in der Ferne erkennbaren windschützenden Bäume erreichen?

Erste Bergkuppe, erste Baumgruppe, erste Regentropfen, rasch wähle ich einen Zeltplatz neben zwei Föhren. Bin mitten im Zeltaufbau, da setzt heftiger Hagel ein. Als das Zelt steht, prasseln noch immer Hagelkörner auf mich herab. Wasser im Zelt, ich klatschnass, zudem kühlt es rasch ab. Während ich versuche, mich und das Zeltinnere notdürftig zu trocknen, blitzt und kracht es rundherum. Dann setzt Regen ein, von dem Menschen tags darauf sagen werden, das sei der stärkste Regen seit mehreren Jahren gewesen. Elmo

Viel später, in stockdunkler Nacht, verlasse ich nochmals mein Zelt. Nicht, um mein Fahrrad mit dem Schloß zu sichern. Sondern um meine Essensvorräte auf einen Ast des benachbarten Baumes zu hängen, ich bin ja im Bärenland, und ein Bär im zwischenzeitig halbwegs trockenen Zelt hätte mir gerade noch gefehlt.

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04.06.2014, St. Regis, Buschcamp, Tkm 130, Gkm 6.891

Vom Schlechtwetter des gestrigen Tages zeugen lediglich einige Pfützen und über die Berghänge ziehende Nebelschwaden, die sich langsam auflösen. Heute ist es küh und sonnig, und für die nächsten Tage ist Schönwetter prognostiziert.

Fahre mal innerhalb, mal außerhalb des Indianer-Reservationsgebiets, dessen Grenze allenfalls an der Beschaffenheit der die Straße begleitenden Weidezäune zu erkennen ist. Indianer legen auf Zäune keinen Wert; Hauptsache ist, das Vieh läuft nicht davon.

Langgestreckte Täler. Ohne Frühstück zieht sich die Strecke nach Hot Springs. Plötzlich dreisprachige Ortsbezeichnungen, hatten die lokalen Indianer gar eine eigene Schrift? Farbig die Gegend am Bitterroot River, dunkel das Gras am Fluss, heller auf den angrenzenden Höhen, schneeglänzend einige Bergspitzen im Westen. Ein riesiger Schuppen am Straßenrand entpuppt sich als Viehunterstand, zu früh freute ich mich, in Hot Springs eingetroffen zu sein. Wo doch die an den Weidezäunen angebrachten Schilder darauf schließen ließen: „Out in the middle of Nowhere“, „You are not alone“, dann Reklame einiger werbender Betriebe, aber leider noch 10 km bis Hot Springs.St_Regis

An Cornerstone Cafe und Tankstelle in Hot Springs hänge ich Zelt und Kleider zum Trocknen auf, bevor ich den nächsten, für heute letzten Anstieg vor der langen Abfahrt nach Plains starte. Im Tal des Clark Fork River fahre ich mit kräftigem Rückenwind nach Paradise, ein Hirsch genau dort, wo ich ihn nicht erwartet hätte, in einem Gebüsch am Straßenrand. Natürlich weg, als meine Kamera fotografierbereit ist.

2013 war Hundertjahrfeier in Paradise, alt ist der der Ort nur für westamerikanische Verhältnisse. Viel hat sich in dieser Zeit nicht verändert. Wäre überrascht, wenn Paradise hundert Einwohner zählt. Doch die Kulisse ist prächtig, steil ansteigende Felswände am Rand des flachen Tals.

Der Fluss zwängt sich zwischen Paradise und St. Regis durch einen engen Canyon. Als ich St. Regis erreiche, wird es dunkel. An der Tankstelle ein Greyhound Bus, einige Reisenden erledigen rasch ihr Einkäufe, andere warten auf die Weiterfahrt. Die Kassierin gähnt, ist bereits müde, obgleich ihre Nachtschicht erst vor wenigen Minuten begann. Man sieht ihr an, dass sie untertags wenig frische Luft atmete: Hell ihr Teint, hell ihre mächtigen Oberschenkel, die in einer viel zu engen und viel zu kurzen Hose stecken.

Motelzimmer $ 35,00 plus Tax, klingt verlockend. Gegenchecke im benachbarten Super 8, viel zu teuer. Doch der Billigpreis war einmal, jetzt ist das desolate Gästehaus pauschal an Straßenbauer vermietet.

Eine Wandkarte am Eingang zur Servicestation lädt ein zum Hiawatha Trail Lauf Ende Juni 2013. Je nach Distanz mehrere Startpunkte, Strecken von 10 Kilometer bis 50 Meilen, Ziel St.Regis. Mit Streckenbeschreibung, handschriftlich ergänzt um das Austragungsdatum für 2014. Nun kann ich zumindest grob meine Fahrstrecke abschätzen. In der hereinbrechenden Dunkelheit versuche ich eine Hinweistafel auf den Trail zu finden, vergebens. Radle also auf der vermuteten Strecke stadtauswärts, quere die Interstate und den St.Regis River, finde einen parallel zum Fluss führenden Waldweg. Pfützen, Steine, grober Schotter, doch ich bin auf dem richtigen Weg. Nach einigen Kilometer Fahrt bei Mondschein durch den dunklen Wald halte ich auf einer Lichtung, bin mit dem Zeltplatz zufrieden, den ich aussuche. In einer sanften Mulde zwischen Nadelbäumen, ein weiches Lager, da stört der Lärm der wenigen Fahrzeuge auf der nahen Autobahn nur wenig.

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05.06.2014, Cataldo, Buschcamp, Tkm 136, Gkm 7027

Ursula hat überraschend einen Flug nach Seattle gebucht, will einige Tage im Westen verbringen. Vereinbarter Treffpunkt ist Coeur d’Alene in Idaho, ich muss mich beeilen.

Auf der Interstate nach Saltese eine 7 Meilen lange Baustelle, Richtungsfahrbahn nach Wesren gesperrt, der Pannenstreifen viel zu eng, um sicher voran zu kommen. Keine Arbeiter zu sehen, wie auf vielen anderen Baustellen. Fahre in der gesperrten Baustelle bis zu einer Brücke, an der tatsächlich gearbeitet wird. Der Vorarbeiter ist verschnupft. Ein Radfahrer, der durch seine gesperrte Baustelle fährt! Ersucht mich, die Baustelle an der nächsten Abfahrt zu verlassen, wegen der vielen Baustellen-Lkw’s. Ich sehe keinen einzigen, dennoch verlasse ich die Baustelle an der nächsten Ausfahrt, für wenige hundert Meter, dann enden die „Bauarbeiten“ ohnehin.

Bei Saltese über den St. Regis River und steil hinauf zum Radweg, natürlich nicht beschildert. Falsche Auffahrt, hinunter zum Fluss, den nächsten steilen Weg hinauf. Enttäuschung, der Radweg ist eine grobe Schotterpiste. Ein Bauarbeiter weiß Bescheid, nach einigen hundert Meter beginnt ein plattgewalzter Radweg. Sagt aber nicht, dass 2 km weiter der Weg wegen eines Hangrutsches gesperrt ist. Allerdings hat ein Bagger bereits eine Schneise durch den abgerutschten Hang gebahnt, damit ist ein Durchkommen auch mit dem Fahrrad machbar.

Ein weiter Bogen hinein in ein Seitental, einige umgestürzte, in den Weg ragende Bäume. Was kümmert mich die Sperre der über das Tal führenden Brücke! Sind ja nur zwei Schranken, unter denen ich das Fahrrad hindurch manövrieren muss. Begegne einem holländischen Radlerpaar, in Seattle gestartet, auf einer mehrwöchigen Tour durch den Westen.

Weiter bergauf, nach einer Weile erreiche ich den Parkplatz und dann die Einfahrt zum Tunnel des Hiawatha Trails. Eine Frau kommt geschäftig auf mich zu, will $ 10,00 kassieren, für die Benützung des nachfolgenden Trails. Ich beschwere mich über die schlechte Beschilderung, mehr noch über die Wegsperre, von der sie angeblich nichts weiß. Das Gespràch hat ein für mich ernüchterndes Ergebnis: Der Tunnel führt nach Süden, ich will noch Nordwesten. Den Hiawatha Trail kann ich vergessen, wenn ich rechtzeitig in Coeur d’Alene sein will. Ich muss hinunter ins Tal und die Interstate hinauf zum 4.725 feet hohen Lookout Pass.

Ein Reisemagazin listet den Hiawatha Trail unter den Top 10 der schönsten Hiker- und Bikertrails weltweit. Ich finde das ziemlich übertrieben. Eine Radstrecke auf einer aufgelassenen Bahnstrecke, mit Tunnels und Brücken, durch eine kaum berührte Berglandschaft ist nett, aber nicht wirklich sensationell. Wird wohl eine besonders subjektiv geprägte Betrachtung des Autors gewesen sein.

Auf der Interstate 90 hinauf zum Lookout Pass, in schneller Fahrt hinunter nach Wallace. Parallel zur Interstate führt jetzt der Coeur d’Alene Trail, ein neu errichteter asfaltierter Radweg durch das Silver Valley, auch hier auf einer aufgelassenen Bahntrasse. Talauswärts entlang dem Coeur d’Alene River, breit, mit Gehirnschmalz und viel Geld errichtet. Um die Bevölkerung ein wenig ruhig zu stellen? Überall Tafeln mit Hinweisen, abseits des Weges nicht zu campen. Schautafeln mit dem Hinweis, dass der Untergrund des Radweges tief ausgekoffert ist, um jede Gefahr durch Strahlung auszuschalten. Denn der Radweg führt durch weitläufige Abraumgebiete. Etwa ein Jahrhundert lang wurde dss taube Material abgebauter Erze wahllos irgendwo und überall gelagert, die größte Silbermine der Welt liegt in diesem Tal. Blei, Zinn und Eisen wurden abgebaut, an Ort und Stelle verarbeitet oder mit der Bahn abtransportiert, Orte wie Silverton oder Smelterville erinnern daran.

Ich bleibe auf dem Radweg bis Cataldo, fahre noch einige Meilen bis zur Abfahrt Rose Lake. Schaffe es wegen des noch zu überquerenden Höhenrückens nicht nach CdA. Runter von der Interstate, über die Frontage Road in einen mit einem Schranken vrrsperrten Waldweg. Doch hier ist das Gelände steil, ich schiebe das Rad hügelauf, geplagt von zahlreichen Moskitos, finde einen geeigneten Zeltplatz nach einer Meile, auf der Bergkuppe.

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06.06.2014, Coeur D’Alene, Motel 6, Tkm 53, Gkm 7.080

Auf der Interstate 90 über den Fourth of July Summit, dann hinunter zum Coeur d’Alene Lake. Hätte mich auch sehr überrascht, wenn die dem See entlang führende Radstrecke – nach den gleichnamigen Mountains, Highway, Lake, River, usw. – nicht Coeur d’Alene Trail hieße. Führt mitten ins Stadtzentrum und weiter dem Spokane River entlang nach Spokane im Staat Washington.

Checke im Motel 6 ein, doch Ursula ist noch nicht eingetroffen. Besuche nachmittags das Visitors Center, eine Bank, und übergebe mein Fahrrad an Terra Sports für ein dringend notwendiges Service. Unterhalte mich eine Weile mit Suzy, die dort als Verkäuferin beschäftigt ist. Hat einige Jahre für die Air Force gearbeitet, war für die Betankung von Flugzeugen zuständig und in Neuseeland bzw. in der Antarktis stationiert. Doch ziemlich ungewöhnlich, jemanden zu treffen, der in der Antarktis arbeitete und lebte.

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07.06.2014, Coeur D’Alene, Motel 6

Alex, Ursula und Aniela kommen mittags in Coeur d’Alene an. Ein fehlerhaft gebuchter Flug mit einer um einen Tag veschobenen Abreise, ein versäumter Flug in London, um einen Tag verspätet in Seattle eintreffende Koffer, da ist einiges schief gelaufen. Ich hätte mich nicht beeilen müssen, auf meinem Weg in den Westen.Aniela

Aniela ist happy, ihren Opa wieder zu haben. Noch glücklicher ist sie mit dem Sand am Strand von CdA Lake, will nach dem kurzen Strand- und Stadtspaziergang zurück an den Strand, um im schlammigen CdA-Lake-Sand zu spielen.

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08.06.2014, Clarkston-Lewiston, Motel 6

Die Prioritäten für die kommenden 10 Tage sind besprochen. Ich will in den Hells Canyon fahren, Aniela im Schlammsand spielen, Ursula einige Sehenswürdigkeiten einschließlich Ghost Towns, Alex einige Farmen besuchen. Familientreffen_2
Erstes Ziel ist Lewiston-Clarkston an der Grenze von Idaho und Washington. Panoramablick auf die beiden Orte am Zusammenfluss von Clearwater und Snake River. Über den Old Spiral Highway in mehreren Serpentinen hinunter zum Snake River, auf der westlichen Seite des Snake River liegt ein großer Raddampfer. Vom Pazifik ist der Doppelort auf dem Wasserweg erreichbar, über den Columbia und den Snake River. Mit einer Tour auf dem Snake River sieht es nach ersten Informationen triste aus, laut Aushang an der Anlegestelle müssten wir 4 Tsge bis zum Ablegen des ersten Bootes warten.

Treffen beim verspäteten Mittagessen im Stadtzentrum zufällig Haille Creutzberg, ihr Urgroßvater war Deutscher, und ihre Schwiegermutter in spe, Buchhalterin. Deren ehemaliger Dienstgeber und nunmehriger Klient ist Snake River Adventures, Bootsbetreiber. Ein kurzes Telefonat und schon ist für morgen eine Fahrt in den Hells Canyon gebucht.

Haille belegte drei Jahre lang Deutschkurse in der High School, doch ohne Sprechpraxis schrumpfte der Wortschatz. Ich konnte ihr zumindest meine Lieblingsorte in Deutschland nennen.

Schnell gewonnen, schnell verspielt. Besuchen abends das Clearwater River Casino, doch Aniela darf sich nur in den Restaurant- und Cafehausbereichen aufhalten. Ein Automat schüttet einen Bonus aus, den ich nach kurzer Zeit an einem anderen Automaten verspiele. Alex hat eine kompakte Casinomitarbeiterin im Visier, doch die Security-Leute hätten gerne eine Übergenehmigung des Casino-Managements. Das erscheint für ein Foto dann doch zu umständlich.

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09.06.2014, Weiser, State Street Motel

Hells Canyon Jetboat Tour mit Snake River Adventures, 6 Stunden auf dem Snake River. Heute fährt ein „kleines“ Boot, geringer Tiefgang, 2 leistungsstarke Motoren, Geschwindigkeit etwa 50 bis 60 kmh. Etwa 20 Passagiere, ein Begleiter. Bootsführer Eric ist gleichzeitig Fremdenführer. Zeigt mit einer Hand auf Felsenformationen, erklärt Geologie, Tierwelt, Historie der Umgebung. Betätigt Schalter, isst, unterhält sich mit den Fahrgästen, hält Ausschau nach Tieren. Mit welcher Hand steuert er eigentlich das pfeilschnelle Boot durch die Stromschnellen, vorbei an Inseln und an steil abfallenden Felswänden?

Vor einer Woche habe er erstmals einen im Fluss schwimmenden Berglöwen gesehen, heute sehen wir einen aus der Ferne. Bighorn Sheep (Steinböcke) in Ufernähe beobachten wir am Nachmittag. Adler, Reiher, Schwalben an einer (mineralstoffreichen) Felswand. Mittagspause im Park des Visitors Center, zwei Kirschbäume mit reifen Kirschen, bei einem Rundgang mit Aniela sehen wir einen (wilden) Truthahn mit zwei Küken und eine Schlange.

Wir fahren etwa 52 Meilen flussaufwärts, der Snake bildet die Grenze zwischen den Bundesstaaten Idaho, Washington und Oregon. Teils steil ins Wasser abfallende Felsen, das Tal eng bis sehr eng, einzele Häuser nur über Stichstraßen mit 4WD zu erreichen. Der Bau mehrerer Kraftwerke wurde 1964 rechtzeitig gestoppt, um die Wildheit der Natur zu erhalten, bestehende Farmen wurden in den 70er Jahren zwangsenteignet.

Hells Canyon, mit mächtigen Stromschnellen, ist Nordamerikas tiefster Canyon, mit einem Höhenunterschied von 1,5 Meilen zwischen Fluss und den begleitenden Bergspitzen. Grand Canyon mit steil abfallenden Wänden ist einfach anders, weil schroffer und kahler. Auch die Leistung der Jetboots ist beeindruckend, Ursula am Heck des Bootes erlebt es hautnah, als sie eine riesige Gischtwolke in den Stromschnellen während der Rückfahrt trifft. Die „großen“ Ausflugsboote erreichen etwa 110 kmh, bei den jährlichen Bootsrennen fahren Boote auf dem engen Snake bis zu 300 kmh.

Es ist eine lange Strecke nach Süden durch hügeliges Land und später Abend, bis wir in Weiser ein Quartier finden. Aniela hält sich tapfer, während Alex mit seiner Sumperei über Quartier und Preise nervt.Familientreffen_

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10.06.2014, Twin Falls, Motel 6

Wir folgen im Wesentlichen dem mehr als 1.000 Meilen langen Snake River, der im Yellowstone Nationalpark entspringt, der auch unser Ziel ist.

Endlich etwas für Alex! Sun View Dairy der DeGroot Familie. Milchkuhhaltung, 3 Betriebe, 36 Mitarbeiter, 2.500 Acres eigener Grund, 6.000 Stück Vieh, 50.000 Gallonen/190.000 lt Milch pro Tag. 5 Milchtankzüge täglich bringen die Milch zur Weiterverarbeitung nach Jerome und Twin Falls. Aber sein Betrieb sei nicht der größte in Idaho, versichert Ed de Groot, 44 Jahre, vor 6 Jahren aus Washington zugewanderter Eigentümer der Milchfarm.

Bruneau Dunes State Park, die Dünen ein weiteres Überbleibsel der großen Bonneville Flut. Gewaltige Sandmengen wurden durch diese Flut im Becken um Bruneau abgelagert. Der ständige, aus zwei entgegengesetzten Richtungen wehende Wind verschiebt den Sand noch immer, türmt ihn zu den höchsten Dünen Idahos auf. Das trockene Klima begünstigt die Verwehungen, das umliegende Land ist nahezu vegetationslos.

Auf der Brücke über den Snake River gibt es bei Buhl kein Weiterkommen, ein defekter Mähdrescher blockiert den Übergang,. Einige Fahrzeuge warten, an der Brückenzufahrt eine Wiese mit zahlreichen Kanadagänsen. Mit Warnlicht erscheint der Scheriff, sondiert die Lage, und lotst jene Autofahrer, die ihm folgen wollen, über eine abgelegene Brücke zurück zur Hauptstraße.balanced_rock

Balanced Rock. In einer Felswand hoch über der Straße steht unübersehbar ein Felsen. Auf den Schultern ein schmaler Hals, darauf ein Kopf mit einem breitkrempigen Hut. Ursula, auf dem Steg zum Felsen, wirkt darunter wie ein Zwerg. Grafittis an der Felsbasis, mitten in der Einöde.

Wenige Kilometer östlich aus den Felswänden sprudelnde Quellen und Wasserfälle. Einzelne Gesteinsschichten sind derart porös, dass sich dss Wasser des Snake River eigene Wege durch den Untergrund sucht. Hingegen enttäuschen die als „Niagara des Westens“ bezeichneten Fälle des Snake River in Twin Falls. Geringe Wassermenge trotz der Schneeschmelze in den Bergen, vermutlich hohe Wasserentnahmen zur Bewässerung der östlich von Twin Falls gelegenen Farmen.

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11.06.2014, Lava Hot Springs, Motel

Wolkenlos und windig. Die Interstate 84 folgt dem Snake River, beidseits der Straße mit Beregnungsanlagen bewässerte Felder. Angebaut werden Getreide, Zuckerrüben, Mais (corn), Bohnen. Kein Ertrag ohne künstliche Bewässerung, es grünt nur dort, wo Wasser regelmäßig verteilt wird.

Noch sind wir nicht im Zentrum von Burley, als Alex einen großen Landmaschinenhandel entdeckt. Sofortiger Stop, Alex verschwindet im entferntesten Teil des Areals mit den ältesten Gebrauchtmaschinen. Aniela ist entzückt von der Stiege zur Kabine des 385 PS starken raupengetriebenen John Deer Traktors. Ein Verkäufer erscheint, überreicht Alex einen Generalschlüssel für alle auf dem Gelände befindlichen Fahrzeuge, davist Alex völlig aus dem Häuschen.

Im äußersten Süden Idahos erreichen wir City of thr Rocks, abgelegen, mit ungewöhnlichen Granitfelsformationen, die mächtigste davon Elephants Rock. Zwei Felskletterinnen, einige wenige Touristen. Neuerlich hat Alex Grund zum Jammern, denn Benzin wird knapp, doch wir schaffen es bis zu einer Tankstelle in Malta.

In American Falls neuerlich ein hoher Staudamm am Snake River. Im herabstürzenden Wasser am Power House fischen Pelikane mit Fischern um die Wette, wobei es den Anschein hat, dass die Pelikane deutlich erfolgreicher als die Fischer sind.

Bei Pocatello erreichen wir jene Strecke, die ich vor wenigen Wochen mit dem Fahrrad fuhr. In Lava Hot Springs überall heiße Quellen, in den Hinterhöfen von Hotels, am Flussufer. Schon nach wenigen Metern eine Schlange auf dem Weg, Alex marschiert wie angekakt, zwei aus Stein gebaute Pools im Fluss, wieder eine Schlange, Alex macht sich auf den Heimweg. Gespeist vom Wasser einer heißen Quellen haben die mit dem kalten Wasser des Flusses gekuhlten Pools eine erträgliche Badetemperatur. Doch die Pools sind nicht nur beliebt bei Naturliebhabern, sondern auch bei Schlangen, wegen der jahraus und jahrein immerwarmen Umgebung.

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12.06.2014, West Yellowstone, Holliday Inn Resort

Vormittags auf meinen Spuren durch Soda Springs mit Geysir und Mineralquelle, dann Formation Springs mit überwachsenen und kaum noch sichtbaren Sinterterassen, aber einer ausgedehnten Höhle.

Besuche Bruce und Sharon auf dem Campingplatz in Henry am Blackfoot Reservoir, während Aniela am Kinderspielplatz spielt. Keine neue Nachricht von der Berglöwin, doch Tage zuvor hat in Soda Springs ein Bär sein Unwesen getrieben. Ließ sich nicht vertreiben, so dass er mit dem Narkosegewehr betäubt und in die Berge ausgesiedelt wurde. Die Fische beißen noch immer nicht, doch die Moskitos hätten sich drastisch vermehrt.

Wir fahren durch Freedom, Alpine und Jackson in die Nationalparks Grand Teton und Yellowstone.
Rasch verrinnt die Zeit, bei unserer Ankunft in Old Faithful ist es 17,30 Uhr. Etwa 8 Stunden Fahrzeit mit dem Auto. Heute passt der Umrechnungsschlüssel 10:1 nicht, 10 Stunden Radfahren = 1 Stunde Autofahren. Waren wohl die drohenden Gewitterwolken, die mich vor wenigen Wochen in 4 Tagen von Soda Springs nach Yellowstone peitschten.

Der zweite Ausbruch von Geysir Old Faithful lässt auf sich warten, wir haben bis dahin eines Teil des Geysirfeldes abgewandert. Am späten Abend treffen wir in West Yellowstone ein, wobei sich die Quartiersuche erwartungsgemäß mühsam gestaltet. Viele Motels ausgebucht, die verbleibenden Quartiere sehr teuer. Geysir_03

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13.06.2014, Helena, Motel 6

Windig, kühl. Zurück in den Yellowstone NP via Madison, Old Faithful zum Yellowstone Lake. Auch bei West Thumb ausgedehnte Geysirfelder. Mit brodelnden Schlammpools und einer großen sprudelnden Schlammquelle, dem Mud Volcano. Sieht richtiggehend unheimlich aus. Beeindruckend die Yellowstone Falls, in die Tiefe stürzende Wassermassen des Yellowstone River, gefolgt vom Grand Canyon des Yellowstone. Über den vor einigen Wochen noch gesperrten Dunraven Pass, 8.850 ft, nach Norden, durch ausgedehnte Waldgebiete nach Nordwesten. Zahlreiche Baumskelette, vermutlich Reste von Waldbränden. Elche haben sich im Ortszentrum von Mammoth Hot Springs niedergelassen, die über dem Ort liegenden Sinterterassen sind beeindruckend, speziell angesichts ihrer Ausdehnung.Salzstufen

Spätes Mittagessen in Gardiner, der Kellner vergisst, unsere Bestellung an die Küche weiterzuleiten. Wir sitzen auf hohen Barhockern, Aniela spielt und kippt, zum Glück passiert nichts. Alex zahlt, verlässt als Letzter das Lokal. Am Ortsende Vorbereitungen für das Tage darauf stattfindende Rodeo, doch wir sind bereits spät dran, können aus Zeitgründen das Rodeogelände nicht besuchen.

Bei Livingston auf die Interstate 90, bei Bozeman dichte Wolken und Regen. Kurz vor Helena steigt Alex zweimal aus dem Auto, zum Fotografieren.

Im Motel in Helena warte ich beim Einchecken vergeblich auf Ursula, sie ist noch immer beim Auto. Helle Aufregung, Alex findet seine Bauchtasche nicht, mit den darin befindlichen Dokumenten und Barmitteln. Hat bereits das Auto durchsucht, rennt herum wie ein aufgescheuchtes Huhn. Völlige Panik, Wir müssen sofort zurück nach Gardiner, etwa 300 km, nur dort kann er seine Bauchtasche vergessen haben! Oder sofort dort anrufen? Aber wo anrufen, wenn er den Namen der Pizzeria vergessen hat und sein Handy in der verlorenen Bauchtasche ist? Bevor er völlig durchdreht, nehme ich die Sache in die Hand. Gegoogelt, Pizzeria ermittelt, Rezeptionistin hilft beim Anrufen, in der Pizzeria wurde keine Tasche gefunden. Ursula fährt mit Alex die Strecke Richtung Townsend zurück, um an den Stellen zu suchen, wo Alex fotografierte.

Zwischenzeitig will Aniela den Swimming Pool nicht mehr verlassen, so schön und warm ist es im Wasser. Wir gehen zum Einkaufen zu Albertsons, über die dreispurige Stadteinfahrt, einige Blocks entfernt, wollen bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Heimweg die Straße überqueren. Ein Auto kommt rasend schnell näher, zieht plötzlich von der mittleren über die rechte Fahrspur, über den Gehsteig in den mit Steinen ausgelegten Vorgarten eines Motel. Der Fahrer steigt voll aufs Gas, sitzt mit dem Auto mehrmals auf, nach mehreren Versuchen ist er wieder auf der Straße, rast mit dem beschädigten Auto weiter die Straße entlang. Diesmal versagen Anielas und meine kommissarischen Ermittlungsarbeiten: Wachhund Flocki und Kommissar Falkenauge notieren weder Kennzeichen noch Automarke, merken sich nur die Autofarbe beige.

Ursula und Alex treffen nahezu gleichzeitig mit uns beim Motel ein, auch sie haben eingekauft, bei Walmarkt. Weil Alex Glückschwein seine Tasche wiedergefunden hat, vollständig, mit allen Papieren und allem Bargeld. Ausgestreut an jener Stelle, wo er zum Fotografieren aus dem Auto stieg. Und bei der Rückfahrt von Walmart wurden sie von dem Autofahrer an einer Kreuzung fast gerammt, der wenig später vor unseren Augen den Unfall baute. Anrainer tippen auf Autodiebstahl oder schwere Alkoholisierung, eine Polizeistreife habe ich am Unfallort nicht gesehen.

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14.06.2014, Lethbridge, Canadian Best Value Motel

Morgens sehr windig, bewölkt, 11ºC. Abfahrt 8 Uhr, Aniela schläft tief und fest. Interstate 15 Richtung Norden nach Great Falls, spätes Frühstück bei Dennys in Great Falls.

Ein Blaskonzert im Park vor dem Great Falls Visitors Center, die honorigen Personen sitzen im leichten Nieselregen, keiner will in den vorderen Reihen den Schirm aufspannen. Heute ist Flag Day, Tag der Fahne, eben wurde eine riesige neue Fahne gehisst.

Die Mitarbeiter im Visitors Center empfehlen einen Besuch der Unterwelt von Havre, etwa 100 Meilen entfernt, und für den Abend das Rodeo in Belt, 20 Meilen östlich von Great Falls.

Mit Beginn der 13-Uhr-Führung sind wir in Havre, einige Kilometer südlich der kanadischen Grenze. Wir gehen in den Untergrund, machen einen Rundgang durch eine Stadt unter der Stadt, Havre Beneath the Streets.

Brandstiftung vor etwa 100 Jahren, ein aus einem Lokal verwiesener Gast zündete das Lokal an, das Stadtzentrum brannte nieder. Die Geschäftsinhaber ließen sich Zeit mit dem Wiederaufbau, verlegten ihre Geschäfte derweil in ihre Keller, die ohnehin miteinander verbunden waren. Einige Einrichtungen florierten und sahen das Tageslicht nie wieder: C.W. (Shorty) Young’s Office and Game Room, Tamale Jim’s Bar, Opium Den, das Bordello. Andere Geschäfte erschienen bald wieder an der Oberfläche: Post Office, Wright’s Dental Office, Pioneer Meat Markt, Holland & Bonine Mortuary. Wäre auch vermessen, ein Bestattungsunternehmen aus der Unterwelt zu betreiben.

Alex mosert bezüglich einer Rückfahrt nach Great Falls, Streifenlandwirtschaft und Riesengetreidesilos mit Mehrfachladestationen für Eisenbahnwaggons habe er bereits auf der Herfahrt gesehen. Also fahren wir via Shelby nach Conrad, doch das hier angeblich stattfindende Kinderrodeo ist bereits vorüber. Über die Grenze nach Lethbridge in Kanada. Weil ich meine, dass ich innerhalb der gesetzlich vorgesehenen Frist aus den USA ausreisen sollte und ein Wiedereinreisestempel nicht schaden könnte.

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15.06.2014, Coeur d’Alene, Motel 6

Rückreise in die USA, kurze Wartezeit an der Grenze, die Grenzbeamtin spricht deutsch, allerdings suche ich später vergeblich nach einem Einreisevermerk in meinem Reisepass.

Nähern uns den Rocky Mountains von der Ostseite, fahren dem Glacier Nationalpark entlang nach Süden, der Logan Pass ist noch immer gesperrt, die Schneeräumung ist noch im Gang. Zumindest die Schneehöhe ist nun bekannt, nicht 60 feet, wie vor wenigen Wochen eruiert, sondern 20 feet, etwa 6 Meter, immer noch beeindruckend

Über Marias Pass nach Kalispell. Kein einziges Tier im nördlichen Teil der National Bison Range in Moisse. Zuvor wunderten wir uns noch, warum der Parkranger kein Eintrittsgeld kassieren wollte.Familientreffen
Elche, Hirsche und Antilopen zuhauf auf und neben der Straße zum Thompson Pass. Der bereits in Idaho gelegene Ort Murray nur eine „halbe“ Geisterstadt, weil einige Gebäude noch oder wieder bewohnt sind.

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Tour durch Kanada

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Ein Loop im Norden

Tourplanung

Das Tagebuch ist auf dem neuesten Stand, die News für meinen Blog sind fertiggestellt. Ich bin auf dem Weg nach Norden, auf der M/V Taku, am 2. Tag der Fahrt nach Juneau, Alaskas Hauptstadt. Es regnet, außer tief hängenden Wolken ist wenig zu sehen, also nütze ich die Zeit für die Planung der weiteren Fahrstrecke. Einige Tage später werde ich wissen, dass die Detailplanung vergeudete Zeit war.

Variante 1, „Schiffsroute“: Prince Rupert – Skagway – Whittier – Bellingham, 10.07.-02.08.2014, 24 Tage,

davon 14 Tage mit Fahrrad, rund 1.000 Meilen bzw. 1.600 km.
10.-12.07.2014: Fähre Prince Rupert – Juneau – Skagway
13.-14.07.2014: Skagway – Whitehorse (108 Meilen), 2 Tage
15.-19.07.2014: Whitehorse-Dawson City (327 m), 5 Tage
20.-22.07.2014: Dawson City – Tok (187 m), 3 Tage
23.-26.07.2014: Tok – Valdez (254 m), 4 Tage
28.07.-02.08.2014: Fähre nach Bellingham (Washington State), 6 Tage
Lediglich 1 Tag für Allfälliges (Regen, Rast).

Variante 2, via Beaver Creek und ohne Dawson City, ca. 100 Meilen/ 160 km/ 2 Tage kürzer.

Variante 3 „Inland“ via Cassiar Hwy., vorerst nicht seriös in Betracht gezogen:
Skagway – Whitehorse – Watson Lake – Smithers – Prince George – Vancouver, 1.700 Meilen, 3.100 km, etwa 33 Tage, Radfahren vom 13.07. – 14.08.2014

AMHS (Alaska Marine Highway System) Information zur Fähre Whittier nach Bellingham:Abfahrt: Whittier, 28.07.2014; 11,45 p.m.
Ankunft: Bellingham, 02.08.2014, 8.00 a.m.

Voraussichtlich wird es Variante 2 wegen der unsicheren Witterung. Oder Variante 1, wenn Wind und Topografie es zulassen. Oder wird es doch Variante 3, wie ursprünglich angedacht? Mit der Fähre auf der Inside Passage nach Norden, Überland auf dem Alaska Hwy und Cassiar Hwy nach Süden. Allenfalls könnte ich, um die Strecke nicht zweimal zu radeln, zwischen Terrace und Prince George ein öffentliches Verkehrsmittel benützen – falls die Zeit knapp wird. Die erste Entscheidung über die nächste Etappe, West oder Südost, treffe ich nach White Pass, in Carcross.

Wochen später: Die gefahrene Strecke war Variante 3 mit Cassiar Highway und – abweichend vom Plan – Vancouver Island. Letzere Insel ist Ziel vieler Radfahrer, weil es dort angeblich so schön sein soll.

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Inside Passage

Eine Inselkette erstreckt sich über tausende Kilometer vor der nordamerikanischen Pazifikküste von Washington bis Alaska, mit den Aleuten fast bis Asien. Die Inseln schützen das amerikanische und kanadische Festland vor den tobenden Kräften des Nordpazifik. Viele Tiere, insbesondere Wale und Delfine, nutzen die schützenden Gewässer der Inselwelt. Auch der Mensch nutzt diesen Schutzschild. Freizeisportler, wie Kajakfahrer, gleiten von Insel zu Insel. Die Sportfischerei boomt, der kommerzielle Fischfang stagniert. Kreuzfahrschiffe bringen täglich tausende Besucher in kleinste Küstenorte, die kommerzielle Schifffahrt nutzt die Durchfahrten zwischen den Inseln für Fährverbindungen, zwischen Bellingham im US-Bundesstaat Washington und Whittier bzw. Homer in Alaska. Zahlreiche Orte sind durch Fähren verbunden, auch die entlegene Inselkette der Aleuten wird mit Fähren bedient.

Man nennt sie die Inside Passage, die maritimen Verkehrswege zwischen Festland und vorgelagerten Inseln. Zwei maßgebliche Gesellschaften betreiben den Fährverkehr, die kanadische Gesellschaft BC Ferries und die amerikanische AMHS.

Ich will nach Alaska, doch nicht zweimal die einzige dorthin führende Landverbindung, den Alaska Highway, radeln. Also fahre ich vorerst mit der Fähre nach Norden.

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10.07.2014, M/V Taku, Tkm 4, Gkm 9.100

Aufstehen um 4, am Schiffsterminal um 5,30, Boarding um 7, Abfahrt um 8,30 Uhr. Das Fährschiff Taku ist nicht das neueste Modell. Gebaut 1963, umgebaut 1981, 2.624 Tonnen, 120 m lang, 25 m breit, 16,5 Knoten, befördert bis 370 Passagiere, etwa 100 Kfz, 44 Kabinen, 3 Passagier- und ein Fahrzeugdeck. Taku ist eines der kleinsten Schiffe der AMHS (Alaska Marine Highway Systems) und bedient die Strecke Prince Rupert – Juneau.

An Bord einige Einheimische, vorwiegend jedoch Urlauber. Letztere reisen mit Wohnmobilen oder vollgepackten Pkws, einige werden Verwandte oder Freunde besuchen, andere sind unterwegs zum Fischfang. Viele Fahrgäste kommen aus amerikanischen Bundesstaaten, zB Bill, Farmer aus Minnesota, der vor vielen Jahren am Bau der Transalaska-Pipeline arbeitete. Man fährt nach Alaska in eine Richtung mit der Fähre, in die andere Richtung auf dem Landweg, entweder am Alaska oder am Cassiar Highway.

Im Vergleich mit den in Norwegen verkehrenden Hurtigenruten-Schiffen sind die Fähren von AMHS veraltet und einfach eingerichtet. Auf Deck 5 eine Panoramalounge, ein kleiner Kinoraum, eine weitere kleine Lounge, ein Computerraum, ein Restaurant mit Panoramablick. Auf Deck 6 der Aufenthaltsbereich für Schönwetter, eine teilweise überdachte Fläche mit Liegen, „Sauna“ genannt. Wegen der gelben Glasverkleidung, der warmen Temperaturen bei Sonnenschein, der Beheizung mit Infrarot-Strahlern?

Zu meiner Überraschung sind Duschkabinen auf diesem Deck installiert und ist das Aufstellen von Zelten erlaubt.Alaska_2014_01

Drei Stunden nach Verlassen von Prince Rupert ist die kanadisch/amerikanische Grenze überschritten und das Boot läuft im südlichsten Hafen Alaskas ein. Zwei Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen von Ketchikan, reihenweise landen und starten Wasserflugzeuge, nur Meter entfernt landen auf der gegenüber liegenden Insel einige Jets.Alaska_2014_02

Auf dem Weg nach Ketchikan hat das Schiff Dixon Entrance, die einzige längere offene Wasserfläche auf dieser Strecke, überquert. Nun schlängelt sich die Fähre durch Inseln, bewaldete und enge Passagen. Ein Leuchtturm, in der Ferne Bergketten mit schneebedeckten Spitzen, weiter nördlich vereinzelt bis zur Küste reichende Gletscher. In der Panoramalounge suchen Passagiere mit Ferngläsern unablässig die Wasserfläche ab nach Walen, Delfinen und Seelöwen, mit geringem Erfolg.Alaska_2014_03

Abends bzw. in der Nacht legt die Fähre in mehreren Häfen an, die Engstellen zwischen Wrangell und Petersburg werden um Mitternacht passiert. Ich versuche auf einer Liege zu schlafen, aber diese ist zu schmal. Stelle mein Zelt auf, aber bequem ist dieses Quartier nicht auf dem Stahlboden und den dröhnenden Motoren.

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11.07.2014, Juneau, Auke Bay Village Shelter, Tkm 3, Gkm 9.103

Typisches Südost-Alaska Küstenwetter. Die gestern hereinziehenden Federwolken haben die Wetterverschlechterung angekündigt, heute regnet es, den ganzen Tag, dann die Nacht hindurch.

Regentropfen prasseln gegen die Scheiben der Panoramalounge, die „Sauna“ auf Deck 6 ist verlassen. Wieder einige „Fernseher“, Ferngläser auf den Nasenspitzen. Zeigen aufgeregt in die eine odere andere Richtung. Ich brauche nur ihren Zeigefingern zu folgen, dann sehe ich sie auch: Wale in der Ferne, zeigen ihre Schwanzflossen, machen sich durch Wasserfontänen bemerkbar. Plötzlich eine riesige Schwanzflosse, in Schiffsnähe. Doch der Wal taucht ab und nicht wieder auf. In der Ferne unverändert Wasserfontänen und Flossen, in der Lounge ooohs und aaahs und „did you see“.

Wozu in Juneau das Schiff verlassen und nicht die zwei Stationen bis Skagway, dem nördlichsten Punkt dieses Routenabschnitts, weiterfahren? Ich wende mich an den Purser, vergeblich. Juneau ist Endstation, für alle Passagiere. Weiterfahrt am kommenden Tag, mit der M/V Mariposa, nach Haines und/oder Skagway.

16 Meilen vom Terminal bis zum Stadtzentrum von Juneau, das nichts Sehenswertes bietet, außer einem Gletscher in Stadtnähe, der ungewöhnlich rasch abschmilzt. Das verursacht Überflutungen und sorgt für Schlagzeilen in der örtlichen Presse. Wozu also im Regen nach Juneau radeln? Wenn es nur eine Meile vom Terminal entfernt ohnehin einen Zeltplatz in einem State Park gibt. Doch die wenigen Stellplätze im Park sind belegt. Außerdem ist mir der Gedanke zuwider, das Zelt im Regen in nasser Umgebung aufzubauen.

Denn ich habe auf der Herfahrt, etwas unterhalb der Straße, in einer Bucht zwei „shelter“, große und überdachte Hütten mit Picknicktischen und Feuerstellen, gesichtet. Natürlich mit dem üblichen Hinweisschild „Campingverbot“. Ich will ohnehin nicht campen, nur die Nacht an einem geschützten Ort verbringen. Erste Schwierigkeiten ergeben sich bei der Suche nach trockenem Feuerholz, denn jedes Holzstück in der Umgebung ist klitschnass. Dann kommen in kurzer Folge zwei Personengruppen zu den Hütten, wovon eine Großfamilie mit Kindern picknicken will.

Dann kommt Bill, erster Vertreter einer größeren Gruppe. Er schleppt Vorräte an für eine Grillerei, trockenes Feuerholz, Grillkohle, Kartons mit Burgern und Kuchen. Immer mehr Menschen treffen ein, Mitglieder und Gäste des örtlichen Poetenvereins. Monatliches Treffen, diesmal outdoors in der Bucht von Auke. Mit einem Wettbewerb, in dem der beste Dichter des Monats gekürt wird. Ich werde zum Essen eingeladen. Nach der üblichen Begrüßung durch die beiden Vereinsvorsitzenden vorerst 5 Gedichte/Poems von Autoren außer Konkurrenz. Darauf der eigentliche Wettbewerb, 2 Hauptrunden, in der 3. Runde wird zwischen den beiden Punktebesten den Monatssieger ermittelt. Diesmal ist es Max, 18 jähriger Highschüler, seine Poems effektvoll und frei sprechend vorgetragen. Bald darauf löst sich die Runde auf, man will eine warme Kneipe aufsuchen, der Regen in der Bucht lädt nicht zum Verweilen im Shelter ein.

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12.07.2014, Skagway, Alaskan Sojourn Hostel, Tkm 6, Gkm 9.109

Einchecken um 5,30 Uhr, zwei Stunden vor Abfahrt der Fähre, wie soll ich das ohne Uhr und ohne Wecker schaffen? Mit dem ersten Tageslicht bin ich auf den Beinen, unverändert regnet es. Mit nassen Füßen treffe ich im Terminal ein.

Unterhalte mich auf der Fähre mit Kevin und seiner Begleiterin Erin, Chiropraktikerin, aus Nelson, B.C.. Ziemlich lange, denn die junge Frau ist weitgereist und hat offensichtlich Probleme, sesshaft zu werden. Beschäftigt sich derzeit mit Kompostieren und Pflanzenzucht. Tage danach überholen mich Erin und Kevin auf dem Alaska Highway; sie freut sich riesig, mich wiederzusehen. Dann gesellt sich die Frau mit den fernöstlichen Gesichtszügen zu uns, mit der ich bereits gestern sprach. Tritt in wenigen Wochen eine Lehrverpflichtung an der Uni von Bangkok an, mit dem Thema „Communications in International Organizations“.

Die Fähre legt in Haines an, es regnet stark. Die Fähre erreicht ihren Bestimmungsort Skagway, es regnet. Es regnet auf der Suche nach dem Hostel, auf dem Weg zum Supermarkt, auf dem Weg zur Skagway Brewery Co, einem Pub-Restaurant mit Live-Musik am Abend. Gute Show der 3 MusikerInnen, hoher Lärmpegel im Gastraum, die Musikverstärker sind zu laut eingestellt. Die Stimme der Leadsängerin ist kräftig, aber gegen die Gitarrenverstärker hat sie keine Chance.

Skagway, „Garden City of Alaska“, 2.500 Einwohner im Sommer, 968 „permanent residents“. Etwa 90 % der Geschäfte sind nur während der kurzen Sommersaison geöffnet, wenn Kreuzfahrschiffe im Hafen anlegen und bis 10.000 Besucher täglich den Ort besuchen. Gut erhalten der historische Altstadtkern, in dem Goldsucher bereits zur Zeit des Klondike Goldrushes ihre Vorräte aufstockten, um auf dem Chilkoot Trail, später auf dem Klondike Trail, zu den Goldfeldern aufzusteigen.

Mir steht übrigens ein ähnlicher Aufstieg bevor. 22,5 km von Skagway zum 1.003 m hohen White Pass am Klondike Highway, ich erwarte eine schwierige Strecke.

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13.07.2014, Skagway, Alaskan Sojourn Hostel

Ich vervollständige mein Tagebuch und versäume damit die kurze morgendliche Regenpause. Glücklicherweise, denn dann regnet es erneut, obwohl die Prognose „fair“/“aufheiternd“ lautet. Und aus der vorausgesagten Regenwahrscheinlichkeit (POP – probability of perspiration) von 15% wird ein bis zum Abend anhaltender Dauerregen. Glücklicherweise vor allem deshalb, weil im Hostel ankommende Reisende von derart starkem Regen und dichtem Nebel auf dem White Pass berichteten, dass sie im Schritttempo fuhren und trotzdem kaum etwas sahen.Alaska_2014_04Stadtrundgang, einige Fotos, Besuch der Stadtbücherei, weil es dort Internetverbindung und kostenfreies Wifi gibt. Heute, am Sonntag, ist der Kommunikationsraum in der Library schwächer als gestern besucht, doch auch heute sind mehr Leute an der kostenlosen Internetverbindung als am Buchangebot interessiert.Alaska_2014_05

Gestern hatte ich das Dormitory für mich allein, heute ist das Hostel voll belegt. Mit einer Gruppe von fünf Hikerinnen aus Alberta, die morgen ihre 5-Tagestour auf dem Chilkoot Trail starten. Mit zwei Motorbikern aus Edmonton, die, nach fünf Regentagen im Yukon-Gebiet, eine verregnete Nacht wegen eines nächtens gesperrten Grenzüberganges im Gebirge verbrachten. Mit einem seit 44 Jahren in Chicago arbeitenden indischen Ehepaar, auf einer Rundtour durch das südliche Alaska.

Klondike Highway in Alaska, Alaska Highway im Yukon

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14.07.2014, Tagish, Buschcamp, Tkm 145, Gkm 9.254

Es regnet nicht mehr, aber trocken ist es auch nicht. Nebelschwaden steigen vom Fluss auf, feuchter Nebel hängt über Skagway, Nebel im und über dem Tal. Ich radle den Klondike Hwy, vorerst durch ein tief eingeschnittenes enges Tal, bergauf Richtung White Pass. Tief unten rauscht der Fluss, auf der gegenüber liegenden Bergseite bringt die Eisenbahn Touristen, vorwiegend Kreuzfahrer, zur Passhöhe. Wenige Tage später wird die Strecke wegen einer Zugsentgleisung mit mehreren Verletzten gesperrt. Auf der Straße wechseln Steilstücke mit bis 8% Steigung und flachere Strecken.

Mir begegnet die erste von vier Gruppen bergab fahrender „Radsportler“. Wurden von den Kreuzfahrtschiffen in Kleinbussen zum White Pass gebracht und fahren nun, begleitet von Guides, den Klondike Hwy runter nach Skagway. Fotos auf einem Parkplatz mit den Teilnehmern der zweiten Gruppe, dann radle ich weiter bergauf.

Der als Alternative zum Chilkoot Trail 1897 über den White Pass errichtete Pfad erreichte nie die Beliebtheit von Chilkoot. Schwere Regenfälle im Herbst und unerfahrene Stampeder verwandelten den White Pass Trail in eine tödliche Strecke. 3000 tote Maultiere und Pferde in einem einzigen Herbst machten ihn zum Deadhorse Trail. „Pferde starben im ersten Herbstfrost wie die Moskitos und verwesten haufenweise zwischen Skagway und Benett“, schrieb Jack London, der einen Winter in den Goldfeldern im Yukon verbrachte.

„You can make it“, ruft mir einer der entgegen kommenden Touristenführer zu, und ich schaffe es nach einer Weile zur Passhöhe. Eine Schar von Touristen applaudiert. Auf rauem Belag geht es eine Weile bergab, über eine baumlose, mit kleinen Seen bedeckte Hochebene. „Mondähnlich“ wird die Gegend in Prospekten bezeichnet, die sich entlang dem Moon Lake bis zum Grenzübergang nach Kanada erstreckt.

Die Felsen verschwinden, die Seen bleiben, der Bewuchs nimmt zu, die Bäume überschreiten Buschhöhe. Als der Wind dreht, erreiche ich Carcross, eine First Nation People Siedlung, Heimat der Tagish.

Warum nicht Indianer, warum First Nation People? Es ist bereits 20 Uhr, Sperrstunde, als ich im Visitors Center nachfrage. So viel verstehe ich: Wie es verpönt ist, einen Schwarzen als „Neger“ zu bezeichnen, hat es sich eingebürgert, das Wort „Indianer“ als abwertend zu betrachten. Man nennt die Nachkommen der Urbevölkerung nun „Native Americans“ oder brandaktuell „First Nation People“, weil sie vor den Europäern das Land besiedelten. Was allerdings nichts daran ändert, dass zum Beispiel das Kaffeehaus neben dem Visitors Center in Carcross von einer Deutschen geführt wird. Und die Totempfähle auf dem Vorplatz? Bear, Beaver, Crow, Whale, Wolf: Bezeichnen die Zugehörigkeit zu den einzelnen Clans. Groß können die Clans nicht sein, bei einer Gesamtbevölkerung von unter 400 in Carcross und Umgebung.Alaska_2014_06

 

Der Wind weht nun aus Westen und erleichert meine Entscheidung, nicht in nordwestlicher Richtung nach Whitehorse zu radeln, vielmehr die Stichstraße nach Osten über Tagish zum Alaska Highway zu fahren. Eine einsame Strecke, etwa vier Autos in zwei Stunden, durch Wälder, vorbei an Seen. Ein farbenfroher Sonnenuntergang in der FNP-Siedlung am Tagish River, unter der Brücke nehme ich ein kaltes Bad. Fahre noch einige Kilometer, doch irgendwann muss ich mich für ein Buschcamp entscheiden. Diesmal ist es eine von der Straßenverwaltung eingeebnete Fläche. Aber der Boden ist derart uneben und steinig, dass es eine hartes und unbequemes Nachtlager wird. Die vielen Moskitos erwähne ich nur der Vollständigkeit halber. Alaska_2014_07

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15.07.2014, Teslin, Buschcamp, Tkm 145, Gkm 9.399

Es ist nicht weit bis zum Alaska Highway in Jakes Corner, dennoch bin ich enttäuscht. Eine Tankstelle, die einzig und allein Treibstoff verkauft. Nichts außer Treibstoff und Motoröl, ich kann es nicht glauben! Wo doch jede mickrige Tankstelle im ganzen Land massenweise Pops (Softdrinks) und Snacks anbietet. Ich gerate genau an jene Tankstelle, die anders ist! Selbst Trinkwasser ist nicht vorrätig, davon überzeuge ich mich durch einen gründlichen Blick in die Kabine des Tankwarts.

Das im Tankstellenbereich gelegene Restaurant öffnet voraussichtlich um 11 Uhr, doch mehr als drei Stunden will ich nicht warten. Das Lokal in Johnsons Crossing an der Teslin River Bridge sei sicher geöffnet, meint der Tankwart, ist in weniger als einer halben Stunde erreichbar. Stimmt, wenn man Auto fährt, doch mit dem Fahrrad sieht die Sache anders aus.

Gestern traf ich keinen einzigen Radfahrer, doch heute ist ein Tag der Begegnungen.

Anton, Unternehmer aus Berg am Bodensee in der Schweiz, hat viel Zeit und Geld in seine Traumreise, eine Radtour von Halifax nach Anchorage investiert. Ist bereits mehr als 10.000 km in Kanada geradelt. Fährt mit leichtem Gepäck, denn er hat um 15.000 Dollar ein Begleitfahrzeug gekauft. Welches ein pensionierter, in Kanada lebender Schweizer, den er verköstigt, lenkt. Ein Geizkragen und Miesepeter, mit dem er sich nicht versteht. Er will seinen Begleiter nur irgendwie loswerden. Wollte ihm das Wohnmobil schenken, doch der wollte zusätzlich Geld für die Rückreise nach Halifax. Hat ihm noch nicht gesagt, dass er bereits zwei Flugtickets nach Halifax gekauft hat und die angebotene Schenkung nicht mehr gilt. Ein weiteres Angebot bleibt aufrecht: In seinem Haus in Berg bin ich jederzeit willkommen.

Nach einem späten Frühstück in Johnsons Crossing einige langgezogene Steigungen. El Marley und Ghislain de Laplante kommen mir entgegen. Aus dem Osten Kanadas, auf dem Weg nach Prudhoe Bay, dem nördlichsten auf dem Festland Amerikas erreichbaren Ort. Was macht nur die Faszination dieses Ortes aus, von wenigen Ölbohrern bewohnt, entlegen, verschmutzt, vergammelt, nur über eine raue Schotterstraße erreichbar?

Wenig später das nächste radfahrende Duo. Isaac Mackey von der University of Virginia und seine Begleiterin radeln von Austin in Texas nach Anchorage. Isaac „has a mission“, der Erlös aus seiner Tour wird für den Ankauf von Fahrrädern verwendet, mit denen asiatische Kleinstunternehmer eine Existenz aufbauen werden. Spendengelder seien willkommen; ich werde mir mal ihre Webseite anschauen.

Abseits der Straße, auf einer zum See abfallenden Wiese, ein großes rundes Zelt. Hinweistafeln am Straßenrand tragen die Insignien von 5 Stämmen und die Aufschrift Brooks Brook, TTC General Assembly. Eine Versammlung von Abgeordneten der First Nation People? Die Zufahrt zum Versammlungsort ist zu steil, ich frage nicht nach, fahre weiter.

Ausgedehnte Wälder, Sümpfe, kleine Seen, einzelne Flüsse. Der Alaska Highway ist breit, der Verkehr schwach, das Radfahren wegen des asphaltierten Seitenstreifens gefahrlos. Allerdings nicht aufregend, denn Wildtiere lassen sich selten blicken und die endlosen Wälder bieten kaum Abwechslung. Für den Radfahrer stellen lediglich die weit auseinander liegenden Versorgungsstellen eine Herausforderung dar.

Dennoch sind die Daten zum Alaska Highway beeindruckend:
Ursprünglich aus strategischen Gründen im 2.Weltkrieg gebaut, um eine Invasion Nordamerikas durch die Japaner zu verhinden, ist die Straße seit 1948 für den Zivilverkehr geöffnet.
Bauzeit etwa 10 Monate im Jahr 1942, 2.720 km (1.700 Meilen), in der Folge durch Begradigungen und Verbesserungen auf 2.219 km (1.387 Meilen) verkürzt. Ehedem Alcan, jetzt Alaska Highway genannt, führt die Straße von Dawson Creek in der kanadischen Provinz British Columbia (B.C.) durch das kanadische „Territory“ Yukon nach Anchorage in Alaska, meist durch unbesiedeltes, teilweise sumpfiges Land. Natürlich sparen die Touristiker nicht mit Übertreibungen, wenn sie diese lange Straße in dieses entlegene Gebiet anpreisen. „Take the Adventure“, „offers visitors a stretch of road that travels through some of the world’s most beautiful areas, filled with jaw-dropping scenery, wildlife sightings galore and historic communities that hold proudly to their frontier roots“. Nach 400 km auf dem Alaska Highway, zwischen Jakes Corner und Watson Lake, stelle ich fest: Alles ist relativ, aber „most beautiful, jaw-dropping und galore“ sind maßlos übertrieben.Alaska_2014_08Am späten Nachmittag erreiche ich Teslin, eine FNP-Siedlung. Mit einem Store und dem teuren Yukon Motel. Und einem Souvenirladen, spezialisiert auf Plüschtiere. Endlich habe ich das Fotomotiv, das mir in freier Natur bislang verwehrt blieb, einen Schwarzbär, sogar in Plüsch.

 

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