Kanada 2014

Die „wahren“ Rocky Mountains

Von Coeur D’Alene in Idaho nach Prince Rupert in British Columbia

Ob Kanada mit dem Auto oder dem Fahrrad, den Icefield Parkway darf man nicht verpassen. Doch Idaho ist nicht der ideale Ausgangspunkt für diese Strecke. Mehrere Bergketten in den Rocky Mountains muss ich überwinden, um zum Parkway zu gelangen. Am nördlichen Ende dieses Parkways liegt Jasper, wiederum ein Ausgangspunkt, diesmal für die Fahrt nach Alaska. Von den beiden möglichen Routen wähle ich dort den nach Westen führenden Highway 16, Transcanada Highway, ab der Grenze in British Columbia offiziell Yellowhead Highway, allgemein Highway of Tears genannt. Weil so viele Mädchen und junge Frauen Opfer von Verbrechen in diesem Straßenbereich wurden. Bei Hazelton bleibe ich auf Westkurs, zum nördlichsten Hafen Kanadas an der Pazifikküste. In Prince Rupert warte ich auf die Fähre, die mich durch die Inside Passage nach Juneau in Alaska bringen wird.

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16.06.2014, Sandpoint, Days Inn, Tkm 84, Gkm 7.164

Die radfahrlose Zeit ist vorüber. Aniela vergoss bereits gestern ein paar Tränen, als Vorbereitung für den Abschied. Heute warten auf meine Begleiter der letzten zehn Tage viele Stunden Autofahrt, wenn sie die geplanten Ziele im Staat Washington erreichen wollen.

Das Radgeschäft öffnet um 10 Uhr. Was mir Zeit lässt für den neuerlichen Besuch der Bank und des Visitor Centers. Viel Neues erfahre ich nicht im Touristenbüro, das auch hier mit Quasi-Freiwilligen besetzt ist. Wie sollen Menschen, die aus dem heißen Süden, zB aus Phönix, Arizona, kommen, wegen der angenehmen Temperaturen den Sommer im Norden verbringen, um nicht in der Hitze Arizonas zu verschmachten, detailliert über Idahos Norden Bescheid wissen?

Die Serviceleute haben mit dem Zusammenbau des Rads gewartet, wollten nicht ohne meine ausdrücklicke Zustimmung einen teuren Antriebsteil wechseln. Kluge Entscheidung, denn einige tausend Meilen hält die alte Tretkurbel noch.

Eine kleine Siedlung am Straßenrand. Wolf People haben neben einem Souvenirladen eine Herberge für Wölfe eingerichtet. Bestand zur Zeit etwa 16 Tiere. Man will Menschen im Umgang mit dem Wildtier Wolf sensibilisieren. Schwierig in einem Bundesstaat, dessen Wolfpopulation auf wenige Tausend geschätzt wird und der Abschuss von Wölfen im Vorjahr teilweise freigegeben wurde.Kanada_2014_01Dichte Wolken aus dem Süden. Aber auch ein kräftiger Südwind, ohne den ich heute nicht aus dem Haus gegangen wäre. Ich lasse mich nach Norden treiben. Doch in Sandpoint fallen einige Regentropfen, was es mir leicht macht, mich in einem Motel einzuquartieren.Kanada_2014_01

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17.06.2014, Sandpoint, Days Inn

Es regnet den ganzen Tag. Versuche mein Tagebuch zu vervollständigen. Es gibt nur einen einzigen, und zwar negativen Höhepunkt, am Abend. Die tiefgefrorene Pizza passt nicht in die Mikrowelle. Ich schneide sie zurecht. Sehe fern und verspeise den Hauptteil. Vergesse dabei das Reststück, das auf „hoch“ in der Mikrowelle erhitzt wird. Erst als der Rauchmelder angeht, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Dunkle Wolken aus der Mikrowelle. Zuerst tippe ich auf Maschinenschaden. Doch es ist die verkohlte Pizza. Das Zimmer rauchgefüllt, Hotelgäste beschweren sich in der Rezeption. Was soll’s, ich bin ohnehin satt und außerdem bin ich der Hauptleidtragende, denn das Lüften des Zimmers bringt auch nicht viel.

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18.06.2014, Bonners Ferry, Kootenai Valley Inn, Tkm 57, Gkm 7.221

Es regnet bis Mittag. Weil Aufheiterung für den Nachmittag angesagt ist, fahre ich mittags los. Und ich komme trocken in Bonners Ferry an.

Der Hauptteil des Ortes liegt hoch über dem Flussufer, südlich der Brücke, das Ortszentrum mit Visitors Center und dem Casino-Spa-Hotel jedoch nahe am tiefer liegenden Fluss. Ich radle vorbei an den Supermärkten, vorbei an mehreren Motels, hinunter durch eine enge Baustelle ins Ortszentrum.

Das in einer 2013 editierten Broschüre gelistete Hotel in der Main Street ist auch den beiden Mitarbeiterinnen im Visitors Center unbekannt. Nicht nur Informationen gibt es dort gratis, auch einige amerikanische Ausdrücke lerne ich dazu. „Things you have to do, before you give away the bucket“ scheint ein gängiges Sprichwort im Westen zu sein. Dinge, die man vor seinem Ableben noch erledigen will/soll, „bevor man den Löffel abgibt“. Die preiswerten Motels habe ich auf der Herfahrt passiert, also rauf aufs Rad und zurück auf den Neustadthügel.

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19.06.2014, Moyie, Buschcamp, Tkm 119, Gkm 7.340

9 Uhr, Frühstück im Chic & Chop Restaurant. Einige Stammgäste, vorwiegend ältere Semester, jedenfalls weit älter als die ohnehin alten Uhren im Lokal. Ein weißhaariger Gast ist nicht zu überhören. Hoch und durchdringend seine Stimme, unterhält sich mit einer übergewichtigen Frau, etwa 60, über eine Nachbarin. Ein weiterer Bekannter, mehr breit als hoch, mit einer Thermoskanne in der linken Hand, gesellt sich zu den Beiden. Zusammen bringen die Drei zumindest eine Tonne Pfund auf die Waage.

Die Kellnerin nimmt eine Bestellung am Nachbartisch entgegen. „What would you kids like today?“ fragt sie das 70-jährige Ehepaar. Die „kids“ beraten, benötigen eine Weile, bis sie sich entscheiden.

Wolkenlos. Letzte Nebelschwaden am nahen Berghang lösen sich auf. Die Spitzen der Selkirk Mountains sind noch in Wolken gehüllt. Wind aus Süden, hilft mir vielleicht über die nächste Anhöhe.

Wenige Blocks entfernt treffe ich Leslie, 78, aus Oregon. Sie fährt mit ihrem Rennrad den Selkirk Loop, 7 Tage, eine Panoramastrecke um die Selkirk Mountains. Zwar bekrittelt sie ihre mangelhafte Vorbereitung, doch auf der folgenden 3 km-Steigung hält sie mit mir mit.

16 Meilen vor der kanadischen Grenze trennen sich Selkirk Loop und der nach Cranbrook in Kanada führende Hwy 95. Ich fahre schon längere Zeit durch das Land des Kootenai Tribes, eine Schautafel nennt das Gebiet „Kootenai Nation“. Nunmehr auf 7 Kommunen, 2 in den USA und 5 in Kanada, geschrumpft, haben die Kootenai nie eine Vereinbarung mit Amerika unterzeichnet, vielmehr erklärten die verbliebenen 67 Kootenai am 20.09.1974 den Amerikanern den Krieg. Ohne Gewalt anzuwenden, verhalfen ihnen Publicity und Medien zu 12,5 Acres Land bei Bonners Ferry. Wurde auf diesem Land das große Hotel mit dem Casino errichtet, in dem ich gestern 5 Dollar verspielte?

Wochen später wird mir bewußt, dass auch die kanadischen American Natives nie eine Vereinbarung, zB über Landabtretungen, mit der Regierung unterzeichnet haben. Was ihnen eine gute Position einräumt bei den laufenden Verhandlungen mit Unternehmen und Regierung, beispielsweise beim geplanten Bau von Pipelines.

Grenzübertritt nach Kanada, eine lange Schlange von Fahrzeugen vor der Grenze. Ich überhole die wartende Kolonne, nur eine Abfertigungsspur ist offen. Die Einreisenden werden eingehend befragt, nach Alkohol, Waffen und Zigaretten, allerdings werden die Fahrzeuge nicht kontrolliert. Abfertigungszeit pro Fahrzeit etwa 4 Minuten, ergibt zusammen eine erhebliche Geduldsprobe. Jedoch nicht für mich, der ich mich in der vordersten Reihe einordne.

Am Straßenrand ein Pronghorn – so weit im Norden dürfte es diese Riesenantilope gar nicht geben. Wie ein federnder Ball hüpft das Tier davon, einem Kängeruh nicht unähnlich.

Hinein in die hügelige/bergige und dicht bewaldete Landschaft British Columbias, westlichste Provinz Kanadas . Ich folge dem Moyie River, vorbei an kleinen Siedlungen, viele Realitäten „for sale“. In Yahk ein aufgelassener Store und ein verwaistes Hotel, in Moyie ein Pub, das „world famous food“ serviert. Ich will es genau wissen, was speziell so einzigartig ist. Nach Rückfrage in der Küche meldet die Kellnerin: Fish & Chips, weil mit hausgemachter Butter zubereitet. Beim Essen finde ich zwar keine Einzigartigkeit, doch überraschend funktioniert Wifi in diesem abgelegenen Nest und mitten im Ort grast ein Hirsch.Kanada_2014_03

Einzigartig auch mein heutiger Zeltplatz, unter einer Baumgruppe, etwas abseits der Straße, doch unmittelbar neben der Bahn. Und nur wenige Meter vor einem unbeschrankten Bahnübergang. Näher kommende Loks betätigen mehrmals die Signalhörner, teils neben meinem Zelt, und mehr als einmal habe ich in der Nacht das Gefühl, vom Zug überrollt zu werden.

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20.06.2014, Columbia Lake, Buschcamp, Tkm 126, Gkm 7.466

Morgens aufgelockert, nachmittags stark bewölkt, in der Ferne Gewitter mit Blitz und Donner.

Noch ist das Visitors Center in Cranbrook geschlossen, als ich um 8 Uhr am Ortsrand eintreffe. Zum Glück radle ich nach einem Frühstück im Railway Station Cafe nochmals zur Touristeninfo zurück, und die beiden dort tätigen Mitarbeiterinnen sind gut informiert. Was Ann nicht weiß, das weiß Sheila. Und Ann kennt sich gut aus, fährt selbst Rad, ist auch den Icefield Parkway gefahren. Nun habe ich eine grobe Vorstellung, wie ich die Fahrt in den Norden anlegen könnte.

Nächste Station ist das benachbarte Fort Steele, nunmehr Heritage Town, eine Ansammlung alter Gebäude und Geräte aus Zeiten der Erzgewinnung. Wieder einmal war es die Eisenbahn, hier die Canadian Pacific Railway, die für Cranbrook als Aufsteiger und Fort Steele als Verlierer entschied. Denn Cranbrook wurde zur Be- und Entladestation erkoren, Fort Steele wurde umfahren.

Folge dem Kootenay River nordwärts, zwischen zwei Bergketten, rechts die (kanadischen) Rocky Mountains. Vor mir türmen sich über dem Columbia Lake mächtige Wolkenbänke auf, am nördlichen Seeufer über Fairmont Hot Springs eine schwarze Wand mit Blitzen. Ich fahre bis zur Rest Area am Highway über dem Columbia Lake, und es kümmert mich angesichts der nahenden Regenfront wenig, ob Campen in Rest Areas erlaubt ist.Kanada_2014_04_______________________________
21.06.2014, Vermillon Lake, Buschcamp, Tkm 124, Gkm 7.590

Fairmont Hot Springs, Spa, Ressort, Golfplatz; sieht teuer und vornehm aus, lasse ich links liegen. Folge dem Columbia River nach Norden. Die dichte Wolkendecke löst sich nur langsam auf, der Fluss ist weit entfernt, hat sich seinen Weg durch eiszeitliche Moränen gebahnt.

Radveranstaltung mit Start in Invermere. Einer Spitzengruppe folgen zahlreiche Radfahrer, einzeln oder in kleineren Gruppen. Einigen ist die erste Ausfahrt des Jahres anzusehen: Keuchend den Berg hoch, dickleibig, käseweiße Arme und Beine.

Noch einfacher als mit Autofahrern scheint es, mit Motorradfahrern ins Gespräch zu kommen. So in Radium Hot Springs, mit vier Biker aus Edmonton, davon einer auf einer KTM, die nach einer Rundfahrt durch den Westen Kanadas auf der Heimreise sind.

Steiler Anstieg in Radium Hot Springs, durch „Österreicherland“, vorbei an Salzburg Inn, Tirol Inn und Alpen Inn, durch eine enge Schlucht zum Schwimmbad mit den heißen Quellen. Das unterhalb der Straße liegende Bad ist mäßig gut besucht, mehr Interesse erregt eine Steinbockfamilie, die am Hang über der Straße grast.

Eine fahrbare Anzeigetafel im Kootenay Nationalpark warnt Verkehrsteilnehmer vor Bären auf der Straße. Neun Kilometer fahre ich den Berg hoch, sehe außer einem Hasen kein einziges Tier. Dann hält ein entgegen kommendes Fahrzeug der Nationalparkverwaltung. Parkrangerin Sonja warnt mich vor zwei an der Bergkuppe am rechten Straßenrand grasenden Bären. Meine Gegenfrage: Was soll ich tun? Sie bietet Begleitschutz mit zwei Alternativen an. Variante 1, ich fahre am linken, sie langsam mit ihrem Auto am rechten Fahrbahnrand, bildet einen Puffer zwischen mir und den Bären. Klingt ganz gut. Variante 2 gefällt mir besser, immerhin geht es noch immer bergauf: Fahrrad auf die Ladefläche des Pickup, ich auf den Beifahrersitz, meine Bedingung: Sonja fährt langsam an den Bären vorbei, damit ich fotografieren kann. Das ältere Tier ist groß, ein ausgewachsenes Exemplar. In den folgenden Tagen werde ich mehrere (Schwarz-) Bären sehen, nicht viel größer als große Schäferhunde oder gut gebaute Wildschweine, und alle Bären werden bei meinem Anblick die Flucht ergreifen.

Das Panorama ist großartig, hohe Berge, tief eingeschnittene Täler, ich rase hinunter ins Kootenay Valley zur gleichnamigen Junction. Der Fluss milchigweiß, vom Schmelzwasser und Schlick der nahen Eis- und Schneefelder, eiskalt das Wasser. Die Berghänge grau, bedeckt mit Totholz. Reste eines Waldbrandes, der 2001, ausgelöst durch Blitzschlag, etwa 300 qkm Waldfläche vernichtete. Auch hier die Entscheidung der Nationalparkverwaltung, das Feuer nicht zu löschen, sondern abzuwarten, bis es von selbst erlischt. Für das Hotel und den Store in Vermillon Jct wurden Evakuierungspläne erarbeitet, mit geeigneten Maßnahmen wurde das Feuer von den Gebäuden ferngehalten. Der Brand erlosch nach Monaten, langsam erholt sich die Natur.

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22.06.2014, Lake Louise, IH Jugendherberge, Tkm 62, Gkm 7.652

Die nächste Bergkette, endlos der Anstieg zum Vermillon Pass, an der Grenze von British Columbia und Alberta. Umso zügiger die Abfahrt in das breite Tal des Bow River. Tagesziel ist Lake Louise, groß in meinen Straßenkarten eingezeichnet, daher erwarte ich eine bedeutende Ansiedlung.

Die Straße von Banff nach Lake Louise, mehrspurig und autobahnähnlich, führt durch den Banff Nationalpark. Zum Schutz der Tiere (und/oder Autofahrer?) ein hoher Maschendrahtzaun entlang der Autobahn, dahinter Wald. Keine Tiere zu sehen, selbst die wenigen Wasserstellen sind kaum zugänglich. Einige Brücken über den Highway sollen den Tieren einen gefahrlosen Revierwechsel ermöglichen. Motorradfahrer erzählen später von Bären, die sie in Straßennähe gesichtet hätten. Allfällige Bären sind meiner Aufmerksamkeit entgangen, war wohl zu müde und beim Fahren fast eingeschlafen, stieg für ein kurzes Nickerchen dann auch vom Rad.

Lake Louise ist eine Enttäuschung. Mehrere teure Hotels und Restaurants, ein Campingplatz und eine Tankstelle, ein Einkaufszentrum. Erst beim zweiten Besuch im Visitors Center erzählt mir eine freundliche Parkrangerin von den Hostels in Lake Louise und entlang dem Icefield Parkway. Es gibt sie also doch, die Unterkünfte unter $ 170,00.

Zudem liegt die Jugendherberge ganz nahe am Ortszentrum. Mein Zimmergenosse ist ein sehr gut Deutsch sprechender Franzose aus Montpellier, war für einen deutschen Kleiderkonzern in Paris tätig. Später unterhalte ich mich eine Weile mit einem Quebecer mit portugiesischen Vorfahren, der sich für Geschichte interessiert und den Unterschied zwischen Kanadiern und Amerikanern zu erklären versucht. Nach wie vor erscheinen mir die zwischen den beiden Nationen vor mehr als hundert Jahren geführten Kriege unbedeutend, doch für die Identität der Kanadier waren die Konflikte prägend.

Am Nebentisch in der Küche essen zwei Frauen und ein Mann zu Abend, ich tippe der Sprache nach auf Portugiesen. Falsch, wie sich später herausstellt, es sind Spanier. Unterhalte mich eine Weile mit Marisol, Madrilenin, gut gebaut, weit gereist. Wie war doch der Name jener Mallorcanerin, auf der vorweihnachtlichen Bergtour 2009 nahe Huaraz in Peru, ähnliche Figur, ähnliche Interessen? Marisol schickt mir später ein Email, mit lohnenswerten Zielen in Alaska.

Ist heute ein Abend der Begegnung? Eine junge Kanadierin in den eng geschnittenen Shorts scheint geradezu beleidigt, dass ich sie nicht sofort anspreche. Natürlich vergesse ich sofort ihren Namen, weil sie mir ein Email senden wird. Kommt gerade von der Hochzeit ihrer besten Freundin, hat längere Zeit im Visitors Center von Prince George gearbeitet. Doch vergeblich warte ich auf ihre Nachricht, hat sich wohl einen Anschiss von ihrem Freund eingehandelt.

Jugendherbergen scheinen tatsächlich ein Ort von Begegnungen. Unterhalte mich am darauf folgenden Morgen mit Sabine aus Trier/D, auf Hikingtour in den Rockies. Wir könnten uns in Jasper treffen, schlage ich vor. Doch als ich ihr zustimmendes Mail lese, habe ich Jasper bereits verlassen.

Icefield Parkway

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23.06.2014, Rampart Creek, IH Jugendherberge, Tkm 98, Gkm 7.750

Mit Infomaterial reichlich versorgt, breche ich auf zu einem Highlight der diesjährigen Tour. Die offizielle Broschüre von parkscanada.gc.ca lautet „The Icefield Parkway, the most beautiful road in the world“. Ich bin skeptisch, denn Kanadier neigen zu Übertreibungen. Ich werde also in den kommenden Tagen den Wahrheitsgehalt des Prospektes testen.

Fakt ist: Der Icefield Parkway ist der nördlichste Teil des von Jasper in Alberta/Kanada bis an die Südgrenze Arizonas/USA führenden Highways 93. Icefield Parkway ist die amtliche Bezeichnung für den Streckenabschnitt von Jasper bis Lake Louise, 230 km, durch den Jasper National Park, mit den höchsten Punkten Bow Pass (2.067 m) und Sunwapta Pass (2.030 m). Ein langgestrecktes, in Nordsüd-Richtung verlaufendes Tal, beidseitig gesäumt von Bergketten der Rocky Mountains, höchste Erhebung laut Prospekt der 3.750 m hohe Columbia. Besonders sehenswert laut Broschüre das Panorama mit zahlreichen Gletschern, Wasserfällen, Seen und Flüssen, sowie „wildlife“, also wilde Tiere.

Steter Anstieg nach Lake Louise, nicht schwierig zu fahren. Die Mautstelle passiere ich auf der Gegenfahrbahn. Mit fortschreitendem Vormittag wird der Verkehr dichter, Motorbiker, Wohnmobile, Autos, der übliche Verkehr auf einer Touristenstrecke. Im Tagesverlauf vereinzelt ein Radfahrer. Erste sehenswerte Punkte Bow Lake und Helen Lake, spiegelglatte Seen vor prächtigen Bergkulissen.Kanada_2014_05Vom Süden kommend ist Bow Pass vergleichsweise leicht zu bewältigen. Vorbei an Waterfowl Lake, die ersten kleinen Gletscher hoch über der Straße, bergab nach Saskatchewan River Crossing. Mehrere Flüsse treffen hier zusammen, bilden den North Saskatchewan River, mit mehreren Inseln östlich der Brücke. Im reißenden Wasser quert eine Herde von Steinböcken/Bighornsheep den Fluss, zwei Jungtiere werden weit abgetrieben, gelangen dennoch ans rettende Ufer einer Insel. Die mächtigsten Tiere springen durch den Fluß, queren schwimmend die tiefsten Stellen, aber auch ausgewachsene Tiere haben Mühe beim Erklimmen der steilen Uferböschungen.Kanada_2014_06

77 km nach Lake Louise liegt eine der ersten Versorgungsstellen, The Crossing Resort. Preise hoch, Qualität des Essens gering. Nur wenige Resorts mit Essensmöglichkeit gibt es entlang dem Parkway, das Bestbesuchte zeifellos jenes im Icefield Center.

Nach wenigen Kilometern erreiche ich Rampart Creek Hostel, eines von fünf Wilderness Hostels am Icefield Parkway. Eine Frau sitzt strickend auf einem Hocker neben einem noch nicht entzündeten Lagerfeuer, Christa vertritt ihren Freund als Hostelleiterin. War auf Pilzsuche und hat mehrere Morcheln gefunden. Ist besorgt, dass ich zu wenig zum Essen habe, bringt zwei Eier, von glücklichen, weil freilaufenden Hühnern auf der Farm ihres Freundes.

Es ist ein „rustic place“, wie Christa eingangs betont. Strom aus einer Solaranlage, reicht bis 23 Uhr, dann Notbeleuchtung. Heißwasserduschen, gibt es nicht. Aber es gibt eine Sauna, Holzhäuschen, neben einem Creek. Sechs weitere Gäste in der Anlage, ein Ehepaar heizt den Saunaofen ein. Ich folge Christas Rat: Aufwärmen und Schwitzen in der Sauna, Abkühlen im Fluss. Das Wasser ist eiskalt, kommt direkt aus den Schneefeldern der Rockies, nach kürzester Zeit ist das „Duschen“ erledigt.

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24.06.2014, Athabasca Falls, IH Jugendherberge, Tkm 112, Gkm 7.862

Vormittags sonnig, mittags ziehen von WestenWolken auf, nachmittags tritt die angekündigte Wetterverschlechterung ein, am Abend regnet es.Kanada_2014_07

Unverändert hohe Bergketten auf beiden Talseiten, die höchsten Berge Columbia mit 3.750 m und die Twins mit 3.561 m. Das Columbia Icefield zählt zu größten Kanadas. Riesige Schneefelder, zahlreiche Gletscher, kahle Berghänge, steil abfallend. Rechterhand Weeping Wall, durchzogen von Wasserfällen, im Winter ein beliebtes Eiskletterzentrum.

Nach Weeping Wall steigt die Straße steil an Richtung Parker Ridge, das schwierigste Teilstück zwischen Lake Louise und Jasper. Nach dem ersten Anstieg eine ins Tal abfallende Schleife, dann wieder bergauf, nicht enden wollend. Bis Sunwapta Pass, 2.030 m. Wenig später Icefield Center, umgeben von Gletschern, deren Moränenfelder erkennen lassen, dass sich das Eis auf dem Rückzug befindet. Zahllose Autobusse, die Touristen herankarren. Mehrere Autobusse im Shuttleverkehr zum Glacier Skywalk, eine das Tal überragende Plattform. Eine lange Warteschlange, die im Icefield Center vor der Kasse auf den Bustransport zum Skywalk wartet.

Dann gehts bergab, das Wetter wird schlechter, der Wind hat gedreht. Eine kurze steile Abfahrt, dann entlang dem Sunwapta, später dem Athabasca River. Und zwei Kilometer vor dem Hostel beginnt es zu regnen. Bin der einzige Gast im Dormitory, das ist angenehm. Eine heiße Dusche? Im Prinzip ja, im Freien, der Behälter ist allerdings händisch zu füllen. Doch das Befüllen des Plastikbehälters ist umständlich, und von oben kommt ohnehin der kalte Regen.

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25.06.2014, Lake Moose, Buschcamp, Tkm 106, Gkm 7.968

Athabasca Falls, wenige hundert Meter vom Hostel entfernt. Der Parkplatz ist bereits um 9 Uhr morgens mit Pkws gefüllt. Nun kommen die Autobusse, Menschenmassen drängen zu den Aussichtspunkten am Wasser, in der Überzahl Chinesen und Japaner.

Nach wenigen Kilometern begegne ich Akiko, Japanerin auf einem Fahrrad. Arbeitet als Gymnastiktrainerin in Halifax, im fernen Osten Kanadas. Ihr gefällt die Landschaft und die Mentalität der Kanadier, doch nach vier Jahren will sie heim nach Japan. Kanada_2014_08Wenig später schon wieder ein Radfahrer, lange Haare, langer graumellierter Bart, Hut mit Feder auf dem Kopf, am Fahrrad vorne eine Blechkiste, ein Stock am Rahmen, hinten unmäßig viel Gepäck. Gerry Kurz, gerrythetramp, in Wien aufgewachsen, nahe München wohnhaft, grüßt mit einem lauten „Servus“. Hat einen langen Weg hinter sich, über Russland, wo er in einer Kommune den Winter verbrachte, nach Japan, darauf auf einem Kreuzfahrschiff nach Alaska. Ist auf dem Weg nach Südamerika und Australien, mit vorläufigem Endziel Tansania.

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