Mexico 2014

Baja California (Norte)

Nach USA und Kanada folgt Mexiko. Ein für Radfahrer unsicheres Land? Unterschiedlichste Versionen sind im Umlauf. Gefährlich wegen der engen Straßen, gefährlich wegen der hohen Kriminalität, gefährlich wegen der vielen Hurrikane, gefährlich nur in einzelnen Landesteilen. Als besonders gefährlich wird die Situation von Leuten geschildert, die noch nie im Land waren. Was mich ein wenig beruhigt, denn wer ein Land vom Hörensagen kennt, kennt es nicht wirklich.

Viel gefährlicher erscheint die Situation in den kleineren Ländern Mittelamerikas. Anarchie, Morde, Überfälle, Entführungen. Erzählen Hondurianer und Guatemalteken, die jüngst ihre Heimat besuchten. Daher ändere ich meine Reiseroute, überlasse Panama den Pamamesen und San Salvador den Salvadesen.

Grobe Reiseroute in den nächsten Wochen: Auf der Halbinsel Baja California nach Süden, mit der Fähre zum Festland, entlang der Westküste Mexikos weiter nach Süden, bis Acapulco. Dann quer über das Festland Mexikos zur Halbinsel Yukatan im Osten des Landes. Denn von Yukatan, beliebtes Ferienziel der Europäer, sollte ein Rückflug nach Österreich problemlos möglich sein.

Ich habe die Landkarte von Mexiko noch nicht angesehen. Daher eine grobe Schätzung für Distanz und Zeitaufwand, 4.500 km bzw. 50 Tage. Spätestens Ende November will ich im Flugzeug sitzen.

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04.10.2014, Puerto Nuevo, Bobby’s by the Sea, Tkm 50, Gkm 14.735

Heiß und schweißtreibend die Ausfahrt aus Tijuana, von den Eingeweihten liebevoll TJ, sprich Tìijeii, genannt. Rücksichtslos die Autofahrer. Viel Verkehr auf einer holprigen Straße. Ein langer Anstieg in die Berge, bevor die Straße nach Rosarito abfällt.

Nicht alles in Mexiko ist preiswert. Das Essen in den hier fest etablierten amerikanischen Fastfoodketten erreicht nahezu US-Niveau. War darauf nicht vorbereitet, nach den gewaltigen Unterschieden in den Hotelpreisen zwischen San Diego und Tijuana. So zahle ich für einen Salat bei Applebees in Rosarito fast ebenso viel wie in Los Angeles.

Ab Rosarito radle ich die Küstenstraße, gesäumt von Läden für kauffreudige Touristen. Alles riesig, vieles hässlich, vor allem die Keramiktöpfe und Schmiedearbeiten. Kleine Orte, gesäumt von Restaurants, Läden, Imbissständen. Liegenschaften entlang der Straße, teils verwahrlost und schmutzig, teils gepflegt und gediegen.Mexico_01_01

Ohne rechten Biss fahre ich bis Puerto Nuevo. Bobby’s Hotel ist mit US$ 80,00 für mexikanische Verhältnisse teuer, also müsste es auch Einiges bieten. Doch die Leistung kann mit den verlangten Preisen nicht mithalten. Dass ich nächtens durch die Moskitoschutztür wandere und diese mit lautem Knall nach außen fällt, will ich nicht dem Hotel anlasten. Dass die Lampen nur im Badezimmer, nicht aber im Wohnzimmer brennen, schon. Dass im kalten Wasser des Swimmingpools ein Skorpion seine letzte Ruhestätte fand, passt nicht so recht in das Bild des vornehmen Spa-Resorts. Und dass im hohen Zimmerpreis das Frühstück nicht inkludiert ist, nervt.

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05.10.2014, Mision de San Miguel, Dmytri’s Original La Fonda Hotel, Tkm 61, Gkm 14.796

40 km vor, 20 km zurück. Keine beeindruckende Entfernung, die ich heute zurücklege. Die Temperaturen sind hoch für die Jahreszeit, deutlich über 30ºC. An der Küste, wo üblicherweise eine kühle Brise für angenehmere Werte sorgt, ist es zu heiß. Hohe Temperaturen, schwache Leistung.

Fahre ohne Frühstück los. Im Ort Puerto Nuevo hat noch kein Lokal geöffnet. Frühstücke in einem Oxxo Store, Gemischtwarenladen mit Schwerpunkt Chips und Snacks. Über einem der kleinen Orte wacht eine riesige Christusstatue, der Heiland streckt erwartungsvoll seine Arme dem Meer entgegen.Mexico_01_02Am Ortseingang von La Mision eine alte Missionskirche, in einem ummauerten und von Security bewachten Areal. Aber es ist keine Kirche, sondern ein im Stil einer Kirche errichtetes Privathaus. Die Eigentümer seien gerade anwesend, daher sei Fotografieren nicht erwünscht. Könnte dem Security-Mann den Job kosten, daher verzichte ich auf ein Foto.

Blühende Sträucher, Blüten in allen Farben. Von weiß über gelb und blau bis dunkelrot. Doch nicht alle Grundstücke sind eine Augenweide. Einzelne gleichen Mülldeponien. Wer will schon ein Grundstück betreten, das mit unnötigem Kram vollgestopft ist. Da hätte der Eigentümer kein Geld für die Tafel „Visitors please park outside“ ausgeben müssen. Ich zweifle, ob überhaupt jemand den Grundbesitzer besuchen will.Mexico_01_03Von der parallel zur „Dörferstraße“ führenden kostenpflichtigen Autopista wird in La Mision der Verkehr ins Inland abgeleitet. Carretera cerrado, Straße gesperrt. Monatelang war die Schnellstraße nach Ensenada wegen eines Hangrutsches gesperrt, wurde kurz für den Verkehr freigegeben und wieder gesperrt, weil der Hang nochmals rutschte. Für Rad- und Motorradfahrer gäbe es eine Ausweichmöglichkeit, wurde mir versichert; heute findet auf dieser Strecke auch ein Radrennen statt.

Angenehm, dem starken Verkehr auf der alten Straße nach Ensenada zu entkommen. Auf der Schnellstraße vereinzelt ein Auto. Langsam geht es hügelauf, 7 km, brütende Hitze, die Steigung nimmt kein Ende, ich raste und mache ein Nickerchen im Schatten einer über die Autobahn führenden Brücke. Endlich über die Bergkuppe, ein kurzes Stück bergab, schon bin ich an einer Barriere angelangt. Zwei Mitarbeiter eines Bauunternehmens schieben Wache, sie lassen mich nicht passieren. Da hilft kein Argumentieren und kein Diskutieren. Der Veranstalter des vormittägigen Radrennens hatte eine Sondergenehmigung, seit Mittag darf niemand die Strecke passieren.

Frustriert radle ich zurück nach La Mision, notgedrungen muss ich die „alte“ Straße durch das Inland nehmen. Aber nicht heute. Frage im feudal wirkenden La Fonda nach einem Zimmer, gerate zufällig an eine zierliche weißhaarige Dame, gebürtige Russin, Miteigentümerin des Hotels. Sie macht mir einen anständigen Preis, 50 Dollar, für ein großes Zimmer, direkt über dem Pazifik gelegen, große Glasfront. Die Wellen brechen am Strand unter mir, das Meer rauscht, und wenn ich in der Nacht die Augen aufmache, schaue ich auf den im hellen Mondschein liegenden Pazifischen Ozean.Mexico_01_04

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06.10.2014, Ensenada, Coronet Motel, Tkm 62, Gkm 14.858

Führte die Autobahn gestern in Küstennähe bergauf, führt die „alte Straße nach Ensenada“ heute im Landesinneren deutlich höher hinauf in die Berge. Enge Straße, reger Verkehr, statt Bankett ein abrupter seitlicher Abbruch des Asphalts, viele Autofahrer überholen bei Gegenverkehr, ein gefährliches Straßenstück. Bergauf, 12 km, durch kahles und nahezu vegetationsloses Land. Auf der welligen Hochebene angelangt, bin ich überrascht. Ackerflächen, doch was soll hier in dieser Trockenheit gedeihen?

Eine schnelle Abfahrt, die nicht lange dauert. Das Rad „schwimmt“, platter Hinterreifen, direkt vor einem Kindergarten. Kleinste Drahtstücke zerfetzter Autoreifen haben sich in den Reifen gebohrt. Im Schatten des einzigen großen Baumes in der Umgebung mache ich mich an die Reparatur.

Einige Autofahrer hupen und grüßen. Auch der Fahrer eines Motobikes, den ich für einen Pizzazusteller halte. In der Ortsmitte von La Souza wartet der „Pizzazusteller“. Victor fährt auch Rad, gibt mir einige Tips zur näheren und weiteren Umgebung. Die nächsten Tips und eine Landkarte hole ich mir in der Touristeninformation in Ensenada. Eine Stadt mit mehreren amerikanischen Enklaven, wegen der günstigen Preise, der Golf- und Surfmöglichkeiten, sehr beliebt bei den wenigen Gringos, die sich ins benachbarte Ausland wagen.

Mittelgroßer gegrillter Fisch in einem Restaurant 120 Pesos, etwa US $ 9,00, das ist preiswert. Dazu gibt es einen farbenprächtigen Sonnenuntergang, gratis.

Nachtleben in Ensenada? Soll sich vorwiegend im Viertel um Av. Ruiz und Av. Lopez Mateos (1ra/primera) abspielen. Ich wandere die Primera entlang zu den drei schwach besuchten Diskotheken an der Avenida Ruiz. Einige Mexikaner in Bars und Cafes, zwei Nutten, ein Zuhälter, der mich zu einem Nachtclub führen will. Montags sei nie viel los, doch für eine Stadt dieser Größe – der amtliche Prospekt listet 27 Hotels, 11 Motels, 2 Hostels und 37 Restaurants im Stadtbereich – ist die Frequenz bescheiden. Die Zahl der Hotels und Restaurants überschreitet jene der in den Bars herumlungernden Gäste. Kein Vergleich mit dem Nachtleben in Tee Jay, amerikanisch für Tijuana.Mexico_01_05

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07.10.2014, Santo Tomas, Motel Palomar, Tkm 49, Gkm 14.907

Am Morgen führt mich der erste Weg ins benachbarte Waffelhaus, der zweite via Touristeninformation zur „Migracion“. Kein Grenzbeamter hat bei meinem Übertritt nach Mexiko nach meinem Reisepass gefragt, kein Zöllner hat sich um mich gekümmert, ich war mit der die Grenze überschreitenden Menschenmasse mitgewandert. Das erscheint mir für den Wechsel in ein anderes Land doch zu unkompliziert. Besonders angesichts der anhaltenden Diskussionen in Grenzangelegenheiten, der riesigen von den Amerikanern errichteten Mauer an der Südgrenze, der Abschottung Amerikas nach Süden.

Und ich tue gut daran, zur Einwanderungsbehörde zu radeln. Hätte mir gar keine Geschichte zurecht legen müssen. Einreiseantrag ausfüllen, 306 Pesos an Gebühren bezahlen, schon habe ich eine Aufenthaltsgenehmigung für 180 Tage. Und die Adresse der hübschen Elle, Angestellte der Bankstelle im Immigration Office, Radfahrerin, die mit mir auf Facebook befreundet sein will.

Es regnet, das erste Regen im heurigen Jahr erwischt mich in den Hügeln zwischen El Cipres und Santo Tomas. Auswirkung eines über Zentralbaja tobenden Hurrikans. Wolken an dessen Perpherie bringen lang ersehnten und dringend benötigten Regen nach Baja California Norte. Die Regenpause im Restaurant, vollgestopft mit alten Sachen – hier „Antiquitäten“ genannt -, dauert bereits mehrere Stunden. Zwei Motorradfahrer suchen hier ebenfalls Schutz, David und Frosty aus Portland, Oregon, auf einer Mexikotour.Mexico_01_06Radle in einer kurzen Regenpause weiter bergauf. Komme nicht weit, bis es erneut regnet. Auf der Bergkuppe regnet es stark. Ist nicht angenehm, weil die durchnässte Jacke am Körper klebt. Allerdings nicht wirklich schlimm, wegen der Temperatur um 25ºC.

Macht wenig Sinn, mit der Motel- (und Restaurant-, Store- und Tankstellen-)betreiberin über den Zimmerpreis zu diskutieren. Ihr Argument: In Europa sei im Vergleich zu Mexiko alles teuer. Stimmt, wenn man, wie die gute Frau, auf einer Europareise die teuersten Städte besucht. Aber stimmt es auch, wenn man die Qualität vergleicht? Ich sehe mir das Motelzimmer genauer an, Preis 400 Pesos, etwa 20 Euro. Türschloss defekt, uralter TV-Apparat mit einem einzigen bildspendenden Kanal, winziges Badezimmer, abschreckende Duschecke, Frühstück nicht inkludiert. Eine „Arizona“-Getränkedose mit einem aufgedruckten Preis von 10,90 Pesos um 20 Pesos zu verkaufen, ist purer Nepp. Da kann sich die Wirtin ihr hochgelobtes Abendessen wer weiß wohin schieben.

Es regnet, es schüttet, es tropft durch die Decke ins Store, das Wasser wird in Kübeln aufgefangen. Hausherr und Sohn steigen aufs Dach, versuchen das Leck zu schließen.

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08.10.2014, Camalu, Camping Rancho Ybarra, Tkm 102, Gkm 15.009

Landwirtschaftlich genutzte Flächen wechseln mit Ödland. Und so wechselt auch der Verkehr, von sehr zu weniger stark. Die vielen in den Tomaten- und anderen Feldern beschäftigten Arbeiter wollen befördert werden. Und dazu eignen sich am besten Autobusse, ausrangierte amerikanische Schulbusse.Mexico_01_07Tausendfüßler? Der mexikanische Olivenbaum braucht ein festes Standbein. Doch der Campingplatz bietet neben Bäumen und Grünflächen auch ein kleines Schwimmbad. Wie angenehm nach einem heißen Radlertag.

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09.10.2014, El Rosario de Arriba, Baja Cactus Hotel, Tkm 110, Gkm 15.119

Morgens fallen einige Regentropfen, doch dann löst sich die Bewölkung rasch auf. Je weiter ich nach Süden komme, desto deutlicher erkennbar sind die Spuren der letzten Regenfälle. Riesige Pfützen, kleine Seen. Ein Segen für die Landwirtschaft, der erste Regen seit einem Jahr, und dann gleich eine Unmenge.

Fahre vormittags durch eher flaches Land, landwirtschaftlich genutzt, Ackerflächen, Tomatenanbau, vereinzelt riesige Gewächshäuser. Kehrseite der Medaille: Intensive Nutzung der Flächen benötigt viele Arbeitskräfte, die zu den Feldern gebracht werden wollen, daher viel Verkehr auf der schmalen Straße.

Zwei kaputte Fahrradschläuche im Gepäck bereiteten mir seit Tagen Sorgen. Die Straßen sind für Reifenpannen wie geschaffen, Glassplitter, kleinste Drahtstücke aus geplatzten Lkw-Reifen. Zwei Geschäfte an der Ortseinfahrt von Camalu, die neben Kameras und Kinderwagen, Handys und Lautsprecher, auch Fahrräder reparieren. Ein Schlauch geflickt, der zweite erneuert, da fahre ich erleichtert weiter. Später stellt sich heraus: Der freundliche und hilfsbereite Fahrradhändler/Mechaniker verkauft mir einen Schlauch, der nichts taugt und bereits beim Aufpumpen Luft verliert.Mexico_01_08Ein Cowboy mit Pferd vor dem Schnapsladen Licores del Valle. Das muss ich fotografieren. Der Reiter, in Kalifornien geboren, lebt seit mehreren Jahren im Ort. Ihm gefällt es hier.Mexico_01_09Lunch in Miguels Restaurant in San Quintin. Miguel arbeitet nebenberuflich für die lokale Zeitung, und nützt meine Mittagspause für ein Interview. Mal sehen, ob es veröffentlicht wird.

Nahezu übergangslos wechselt die Landschaft bei San Simon. Das Land ist plötzlich kahl und trocken. Die nächsten 50 km bis El Rosario sind unbesiedelt. Kleine Büsche werden zu Kaktusfeldern. Kaum Verkehr auf der Straße. Dann ein 7 km langer Anstieg, der mich völlig schafft. Steigungen bis 10%, selbst die wenigen Lkw fahren hier vorsichtig, bergab im Schneckentempo.Mexico_01_10

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10.10.2014, San Agistino, Buschcamp, Tkm 90, Gkm 15.209

Wann wird ein Hügel zum Berg? 5 km flach, darauf 45 km bergig. Natürlich nicht immer bergauf, aber es sieht so aus.

Hinweistafel am Straßenrand: 318 km bis zur nächsten Tankstelle, 115 km bis zum nächsten Hotel. Ich verlasse besiedeltes Gebiet. Nach der Brücke von Rosario steigt die Straße an. Mit der ersten Steigung liegen die bewässerten Äcker des Rosariotales hinter mir. Mit jedem Meter wird die Vegetation spärlicher. An den nahen Ozean erinnert nur noch der vom Meer herein wehende Wind.

Die Straße führt nun ins Inland. Etwa 60 km, bis ich das erste Gebäude erblicke. Ein Restaurant, doch die Tätigkeit des Wirts beschränkt sich auf den Ausschank von Kaffee und den Verkauf von „Sodas“. Kinderspielzeug liegt herum, doch von Kindern und Frau keine Spur. Dürften das Feld geräumt haben, zu einsam ist die Gegend.

Ich fahre, bis es dunkel wird. Weit und breit keine Behausung, kein Zeichen von menschlichem Leben. Einige große Sträucher, bieten ausreichenden Sichtschutz zur Straße. Die erste Nacht in Mexiko, die ich „frei“ campiere.Mexico_01_11

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11.10.2014, Laguna Chapala, Camp beim Cafe, Tkm 99, Gkm 15.308

Auf vor Sonnenaufgang. Wie kann es in der Wüste nur so feucht sein? In der Außenhaut des Zelts steht das Wasser.

Frühstück mexikanisch. Gewöhnungsbedürftig. Huevos con jamon. Pürierte Eier mit einigen Schinkenflecken, Bohnen, einige Stückchen Salat und Paprika. Und Tortillas. Ärmlich das Lokal. Elisa, etwa 30, betreibt den Laden. Ihr Sohn, 8, und ihre Tochter, 4 Jahre, sehen im Nebenzimmer fern. Die älteste Tochter, 11, macht sich für die Schule fertig. Eine durchgesessene Couch, an der Wand ein Kalender, einige Stofftiere. Im Gastlokal 2 Tische, 8 Sessel. Ein Regal mit Snacks, ein Ständer mit CD’s, 3 Vitrinen mit Steinfiguren. Nun spielt der Sohn mit dem Computer, die jüngste Tochter sieht weiterhin fern.Mexico_01_12Mit jedem Kilometer wird die Landschaft spektakulärer. Unterschiedlichste Kakteen, teils bis 10 Meter hoch. Nach den schweren Regenfällen der letzten Tage blüht die Wüste. Der Hurrikan hat einzelnen Orten an der Ostküste der Baja Tod und Verwüstung gebracht. Doch der Sturm war von schweren Regenfällen begleitet. Pfützen am Straßenrand sind für eine Wüste mehr als ungewöhnlich.

Nach mehr als 100 km endlich wieder eine Ortschaft. Mit 2 Stores, mehreren Cafes, einem Hotel. Mision Santa Ines sieht teuer aus. Fahre zuerst vorbei, dann zurück, nach 50 km will ich mir eine Pause gönnen. Doch 94 Dollar sind zuviel. Nochmals zurück zum Store, um Wasser zu bunkern. Für die nächsten 100 km Wüste.

Die aktuelle Liste der Unannehmlichkeiten wird von den Fliegen angeführt. Kleinste Biester, unheimlich lästig. Kriechen in Nase und Ohren, natürlich über alle unbedeckte Körperteile. Nach den Fliegen reihe ich den Wind, die Steigungen, die Hitze.

Was gestern wie eine Rettung erschien, wiederholt sich heute. Auf einer der vielen Anstiege hielt gestern ein Auto, man reichte mir eine Wasserflasche. Heute bin ich ausreichend mit Wasser versorgt, und wieder hält derselbe Wagen. Serviceleute, auf dem Rückweg nach Ensenada. Überreichen mir wieder eine Flasche mit kaltem Wasser, wollen von Dank nichts wissen. De nada!

Eine einsame Strecke, die ich fahre. Fallweise einzelne Fahrzeuge, private Pkws, Pickups, Lkws, Autobusse. Viele Fahrer hupen, winken, grüßen. Weite Strecken mit Nichts außer Kakteen. Wie ernst muss ich Miguels Warnung nehmen, nicht „irgendwo“ zu kampieren, weil dies zu gefährlich sei? Gefährlicher als Klapperschlangen, Skorpione und Taranteln sind lediglich Menschen, und die halten sich vorwiegend in der Nähe von Ortschaften auf. Was nicht bedeutet, dass ich jetzt den Mexikanern mehr vertraue als vor Stunden und Tagen.Mexico_01_13Km 200 der Carretera Transpeninsular Mexico 1. Ein großer See inmitten der hügeligen Wüstenlandschaft. Außergewöhnlich. Ein großer Lkw-Parkplatz auf der Südseite des Sees? Die Lkw’s halten nicht freiwillig. Die Curva Peligrosa forderte ein weiteres Opfer. Ein Sattelschlepper ist umgekippt und blockiert die Fahrbahn. Am Abend treffe ich die Lenker des Bergungsfahrzeugs. Der Chauffeur ist ohne Verletzungen davongekommen.

Das ist der dritte schwere Unfall mit einem Sattelschlepper in den drei letzten Tagen. Jetzt ordne ich die Gefahren in Mexiko neu. Straßenverkehr scheint gefährlicher als Kriminalität. Mögen die mexikanischen Fahrzeuglenker noch so freundlich winken.

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12.10.2014, Rosarito, Restaurant Camping, Tkm 104, Gkm 15.412

War eine laute Nacht. Bis 22 Uhr liefen die dieselgetriebenen Generatoren. Irgendwie muss der Strom in der Wüste erzeugt werden. Zwischendurch liefen die Motoren der Sattelschlepper, die auf dem Parkplatz vor dem Restaurant parkten. Doch die ganze Nacht brüllten Kühe und Kälber, eingepfercht in einem Gehege unweit des „Restaurantkomplexes“. Einige Pferde höre ich die ganze Nacht am spärlichen und stacheligen Gras rupfen, auf dem auch mein Zelt steht.

Unterhalte mich am Frühstückstisch mit Don und Richard, beide ehrenamtlich im Organisationskomitee der Baja 500 (oder 1.000?) tätig. Ein Rennen für unterschiedlichste Fahrzeuge quer durch Baja California, das jedes Jahr neu organisiert werden will. Insbesondere heuer, weil der Wirbelsturm die Infrastruktur in einzelnen Landesteilen völlig verwüstete. Früher selbst aktive Fahrer, sind sie nun auf der Suche nach Quartieren für Streckenposten und Zeitnehmer. In wenigen Wochen startet das heurige Rennen, da dürfen sie nicht trödeln. Doch für die eine oder andere Geschichte muss Zeit sein. Sei es jene von der abenteuerlichen Suche nach Ersatzreifen für Richards Auto, wobei der größte Teil der Arbeit von der Polizei erledigt wurde. Oder dem massiven Einsatz von Fluggeräten. Streckenposten und Zeitnehmer bräuchten bei den führenden Werksteams nicht Ausschau nach den Rennfahrzeugen zu halten, sondern nach den diese begleitenden Hubschraubern. Oder Flugzeugen.

Die Landschaft wechselt. Von gelb blühender Wüste in kargeres Gebiet. Durchsetzt von Basaltfelsen und -feldern.Mexico_01_14Mit der karger werdenden Gegend machen die hohen „dicken“ Kakteen anderen Arten Platz.Mexico_01_15Schlangenkakteen, buschartige langarmige Kakteen füllen nun die Leerräume zwischen den Felsen.

Nach dem langen Anstieg am Morgen windet sich Straße endlos durch Hügel Richtung Südosten. Im Abschleppgelände von Punta Prieta steht der gestern verunfallte Lkw, aufgeladen auf dem Lkw des Abschleppdienstes.

Ich fahre gegen den Wind, doch der vertreibt die lästigen kleinen Fliegen. Nun ist die Landschaft sehr kahl. Selbst die verkrüppelten Kakteen und Minibäume scheinen zu leiden. Auf der Steigung nach der Abzweigung nach Santa Rosalitta hält ein entgegen kommendes Fahrzeug, Joe, John und Luke aus Arizona bzw Kalifornien. Haben mich gestern überholt, sind überrascht, wie weit ich es zwischenzeitig geschafft habe. Verbringen einen Kurzurlaub auf BC, versorgen mich mit Bananen und frischem Wasser. Jetzt bin ich meine Wassersorgen endgültig los, bis Guerrero Negro, in Baja California Sur.

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13.10.2014, Guerrero Negro, Halfway Inn Hotel, Tkm 93, Gkm 15.505

Zelteln in den Hinterhöfen mexikanischer Restaurants ist meist kostenlos, aber kein Vergnügen. Der Kinderspielplatz im Schatten mehrerer Bäume bietet zumindest eine ebene Fläche zum Aufbau des Zelts. Dusche und Toilettanlage sind überraschend sauber. Die Pinkelanlage für Männer erfordert eine gewisse Körpergröße, die nur wenige Mexikaner erreichen. Hier können Hombres ihre Geschicklichkeit im „über die Kante pinkeln“ unter Beweis stellen.

Bäume in der Wüste wachsen nicht von ungefähr, brauchen Wasser. Trink- und Grundwasser ist knapp, doch in den Toiletten und im Restaurant fallen Abwässer in großer Menge an. Die Bäume fragen nicht, woher das Wasser kommt, nehmen auch Abwässer. Gedeihen, doch die Abwässer sind nicht geruchsarm. Also riecht bei Hitze der gesamte Ort nach Abwasser. Stört besonders in der Nacht, wenn man die stinkende Abwasserluft einatmet, aber saubere Wüstenluft gewohnt ist.

Im Vorhof des Restaurants halten auch nach Mitternacht Fahrzeuge. Der Busfahrer lässt den Motor laufen, bis die Fahrgäste nach Verrichten der Notdurft wieder mitfahrbereit sind. Die Pickup-Fahrer nützen die Restaurantbeleuchtung, um ihre Ladungen zu sichern und lautstark Erfahrungen auszutauschen. Einzelne Fahrer von Sattelschleppern fürchten sich offensichtlich vorm Startknopf und stellen die Motoren nie ab. Die Motorbremse ist der ungekrönte Liebling der Fernfahrer. Das Verbot, diese in verbautem Gebiet zu benützen, wird durchgehend ignoriert.

Verlasse das Valle de Cires, komme der Küste näher, sehe Meer und Brandung. Je näher das Meer, desto vegetationsloser. Von Villa Jesus Maria bin ich nach Johns Schilderungen enttäuscht. Ein mickriges Hotel, mehrere kleinere Essensläden, mit einem einzigen Angebot, Kaffee und Tacos.

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Baja California Sur

14.10.2014, Carretera Transpeninsular, Buschcamp, Tkm 126, Gkm 15.631

Die Tour durch den Norden der Baja California war anstrengend. Ungewohntes Klima, enge Straßen, teils viel, teils nahezu kein Verkehr, große Entfernungen zwischen Versorgungsstellen. Doch ab jetzt ist Schluß mit Wassersorgen, nun habe ich mindestens 3 Liter Wasser im Gepäck.

Von Guerrero Negro zieht sich die Straße fast schnurgerade nach Osten. Sand, kleine Büsche, die höchste Erhebung eine Sanddüne. Nach 10 km eine Abzweigung zu einem kleinen Dorf, das nächste Dorf nach 40 km. Es ist heiß. Riesige Kakteen beidseits der Straße, einzelne weiß blühend. Die Wùste ist grün, fast kann man das Gras wachsen sehen. Der Hurrikan Odile ist die Ursache, zumindest die heftigen Regenfälle, die Odile mit sich brachte.Mexico_02_01Nach etwa 80 km San Alberto, ein überraschend großer Ort. Hotels, Restaurants, diverse Läden. Selbst eine Bank gibt es hier, mit ATM, was ich gleich zum Geldbeheben nütze. Wäre sinnvoll, hier zu übernachten. Doch es ist zu früh für einen Stop, erst 16 Uhr. Zeigt zumindest die Uhr im Restaurant, doch die Zeiger bewegen sich nicht. Könnte also früher oder später sein. Und der Wind ist günstig, also fahre ich weiter. Obwohl ich nicht weiß, wie weit entfernt der nächste Ort, San Ignacio, ist. Die Hinweisschilder zeigen die Entfernung nach Santa Rosalia, doch die km bis San Ignacio sind nirgendwo angeschrieben. Dass es schlußendlich fast 80 km ab San Alberto sind, kommt einigermaßen überraschend.

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15.10.2014, Laguna San Ignacio, Hotel la Huerta, Tkm 36, Gkm 15.667

Schauderhafte Nacht. Auf einer Freifläche neben einem Restaurant. Finster, kein Strom, einzige Lichtquelle die unzähligen Sterne der Milchstraße, später der Mond. Auf dem Parkplatz vor dem Restaurant halten einige Lkw, die Fahrer kontrollieren mit Taschenlampen ihre Ladungen, schlafen in ihren Kabinen, nicht alle stellen den Motor ab. Ein heftiger Wind fegt über die drei Hügel, die Vulkanen ähneln. Drückt gegen das Zelt. Die Luft kommt vom Pazifik, ist feucht, so feucht, dass sich auch im Zelt alles feucht anfühlt. Mir geht es nicht gut. Unzählige Male raus aus dem Zelt, in die kälter werdende Nacht, hinein ins Zelt. Ich döse oder schlafe einige Minuten, der Boden ist steinhart, wieder auf, hinaus aus dem Zelt. Bin ich dehydriert oder habe mich ein Virus erwischt? Was am Abend oben hineingeht, kommt am Morgen hinten unverdaut heraus. Bin froh, dass diese Nacht vorüber geht.Mexico_02_02Etwa 30 km bis San Ignacio. Durch vulkanisches Gelände, von Felsrücken und Quertälern zerrissen, leicht bergauf. Dich San Ignacio entschädigt für die Mühe. Der neue Ortsteil in einem vom roten Sandstein umrandeten Becken. Unzählige Palmen, eine Oase in der Wüste. Die Zufahrtsstraße nach Laguna San Ignacio leicht verwüstet, vom Hochwasser, verursacht von Hurrikan Odile am 20.09. dieses Jahres. Nicht nur Hochwasser-, auch Brandschäden. Mehrere Häuser am Ortsrand von LSI abgebrannt, dazu ein Teil des angrenzenden Palmwaldes. Laguna San Ignacio, ein Ort wie aus einem spanischen Bilderbuch. Hat man die Furt über die Laguna, den See, überquert, und den Palmwald passiert, kommt man in das Zentrum des Ortes. Im Westen Kirche und Kloster, im Osten eine baumbestandene Plaza, umringt von einstöckigen Häusern, meist kleine Läden.Mexico_02_03

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16.10.2014, Santa Rosalia, T&T Hotel, Tkm 78, Gkm 15.745

Sprach gestern mit dem Inhaber des Eissalons und heute mit den mexikanischen Motorradfahrern über die Strecke zur Küste. Übereinstimmend ihre Aussagen. Etwa 10 km Anstieg, dann nur noch abwärts, mit einem steilen Gefälle an der Küste. Beide sagen dasselbe, also wird es wohl stimmen.

Fast scheint es so, als hätten die Motorradfahrer die Version des Eisverkäufers übernommen. Erster Anstieg, 10 km, stimmt. Dann leichtes Gefälle, stimmt. Von den zwei weiteren Anstiegen war keine Rede. Die Straße steigt an, vorbei am fast 2.000 m hohen Vulkan Tres Virgenes. Fällt dann steil zur Küste ab. Cuesta de Infernio, eine passende Beschreibung. Wild zerklüftet, die verbleibenden kurzen 13 km bis Santa Rosalia nehmen kein Ende. Ich in einem wahrhaft beschissenen Zustand, von Durchfall gequält.

5 km entlang der Küste bis zum Ortszentrum von Santa Rosalia, wie abstoßend! Der Strand aus groben grauen Steinen, mit Müll, Baum- bzw. Gestrüppresten übersät. Die Straße eng, teils sandbedeckt, der Asphalt zerbröselnd. Schottertransporter rasen im Höllentempo dahin, Lkw und Pkw mit einer dicken Schmutzschicht bedeckt, viele Autos mit Blechschaden, ein Pickup ohne Motorhaube. Ich vergewissere mich, ob ich noch auf der Straße oder bereits auf einem Schrottplatz bin. Denn der küstenabgewandte Teil der Hauptstraße ist von Autoverschrottern gesäumt, dazwischen Karosseriebetriebe. Alles wird überschattet von einem an die Straße heranreichenden Minenbetrieb. Noch wird hier gearbeitet, doch die Anzahl der Beschaftigten sank von 3.000 auf 800, mit dem Wechsel der Eigentümer von kanadisch auf koreanisch. Noch wird gearbeitet wird, wobei die Brtonung auf noch liegt. Dass der Betrieb die Umwelt kräftig verschmutzt, interessiert hier Niemanden.

Nehme in Santa Rosalia ein Zimmer im ersten Hotel, das ich finde. Ist auch das teuerste Zimmer im Ort, doch das ist mir heute ziemlich egal.

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17.10.2014, Mulege, Villa Maria Helena, Tkm 70, Gkm 15.815

Quäle mich nach Mulege, dem nächsten, von mehreren Personen als attraktiv bezeichneten Ort. Nach den ersten Metern befürchte ich das Schlimmste, Anstieg, hinunter in ein Quertal, wieder bergauf. Dann „beruhigt“ sich die Strecke. Kurvig, eng, leicht bergauf und bergab, meist einige Kilometer von der Küste entfernt.

Mulege verspricht mehr, als es bietet. Nach mehreren überdimensionalen Hinweisschildern in Ortsnähe erwarte ich zahlreiche Hotels am Strand in einer am Meer, der Bucht von Kalifornien, gelegenen Stadt. Und was finde ich? Ein Städtchen an einem zum Meer führenden Fluss, eng verbaut, die am Fluss gelegenen zentralen Stadtteile nach einem Hochwasser notdürftig aufgeräumt, kein direkter Zugang zum Meer.Mexico_02_04Vier Hotels, ein bis drei Kilometer vom Ortskern entfernt, zwei mit RV Parks. Vom Hochwasser nach Hurrikan Odile am 20./21. September 2014 schwer in Mitleidenschaft gezogen. Fünf Meter hoch standen einzelne Gebäude unter Wasser, überall liegen noch Müll, Abfall, Gestrüpp, entwurzelte Bäume.

Frage in der Villa Maria Helena nach einem Quartier. Skipper „managt“ das Areal. War heute fischen, nimmt gerade die Fische aus und reinigt die Muscheln. Seine beiden Helfer sind Hitchhiker, Eferg und Guilio, aus Guadelajara, erledigen einige Arbeiten gegen freie Unterkunft. Frische Fische gibt es zum Dinner, einige der Muscheln essen wir sofort, verfeinert mit Limonen.

Der Zimmerpreis von 250 Pesos ist fair, nach einem letzten Aufwisch beziehbereit. Kahl, aber heiß, der Ventilator bewegt kaum die im Zimmer stehende Luft. Skipper fährt mit seinen beiden Helfern zum Einkaufen in die Stadt. Es ist finster, als er zurück kommt. Ich gab im 200 Pesos und er bringt mir ein Sixpack Bud Light im Wert von 70 Pesos. Das Restgeld hat er verbraucht. Ist er ein Trinker? Könnte sein, himmelhoch jauchzend, dann zur 2 Liter Flasche Tecate (Bier) greifend. So viel vor Ort zu tun, doch am nächsten Morgen schläft er bis 11 Uhr. Er wird die Folgen des Hurrikans überleben. Wie seine Mutter sagt, Skipper fühlt sich am wohlsten auf See und in der Wüste. Er überlebt jede Katastrophe.Mexico_02_05Seine Mutter! Wir essen zu Abend die von Skipper gefangenen Fische, köstlich zubereitet. Ich unterhalte mich mit ihr, Eigentümerin der Liegenschaft. Hat schon bessere Zeiten gesehen. Erzogen in einem Kloster von belgischen Nonnen, Umgangssprache für sie damals französisch. Besuchte High School in den USA, heiratete dort einen tüchtigen Bäcker, der Mehl zu Gold/Geld machte. Erwarben die große Liegenschaft in Mulege, bauten ein herrschaftliche Villa, als Hobby einen RV Park. Der Mann starb, das Geld verschwand in der Folge von fünf Hurrikanen. Nun sitzt sie, eingemüllt, mit den Überresten des letzten Hurrikans, in einem riesigen Wohnzimmer, stopft sinnlos Chips und Snacks in ihren immerhungrigen Mund, wird fett und fetter, redet von Änderung ihrer Lebensweise und wird es doch nie schaffen.

Einiges erfahre ich doch. Sie behauptet, ihre krebskranke Tochter mit den Früchten bestimmter Kakteen und einigen Zutaten gerettet zu haben. Darunter Pulver aus getrocknetem Klapperschlangenrückgrat. Im übrigen seien Klapperschlangen essbar, wegen des guten „weißen“ Fleisches. Zubereitung: Kopf ab, Haut abziehen, Körper entlang dem Rückgrat teilen, filetieren, Innereien entfernen, kochen oder grillen, würzen, fertig. Als Skipper, mit einem Doppler Tecate in der linken Hand, schwankend die in Folien gegrillten Fische und Muscheln serviert, bin ich nicht sicher, was ich glauben soll. Denn ich bin beim dritten Bud light angekommen, und nehme die Geschichte von der Riesenschildkröte, wie ich sie erzählt bekomme.

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18.10.2014, Mulege, Villa Maria, Helena, Tkm 12, Gkm 15.827

Verbringe den Tag im Wesentlichen mit Nichstun, radle in den Ort, später zum Restaurant am Kleinflughafen. Überall offensichtlich die Schàden von Hurrikan Odile.

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19.10.2014, Playa el Requesion, Privathaus, Tkm 41, Gkm 15.868

Kurzer Trip entlang der Küste, hügelauf, hügelab. Mexico_02_06Schönster Teil der Ostküste der Baja. Traumhafte Buchten, weiße Strände, palmengesäumt, glasklares Wasser. Kaum besiedelt. Schilfgedeckte Hütten. Einzelne kleine Restaurants am Strand. Die Schönheitsfehler: Meine Essensvorräte sind knapp, kein elektrischer Strom zum Aufladen der Batterie des Tablets.

Es ist kaum Mittag und – das weiß ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht – die letzte besiedelte Bucht, bis es in die Hügel vor Loreto geht. Sieht nach einer kleinen Hotelanlage in einer kleinen Bucht aus. Doch die Hotelanlage ist geschlossen, nicht von Odile verwüstet, sondern wegen gesetzlicher Auflagen. Das Restaurant liegt direkt am Wasser. Olivia empfiehlt Schrimps mit Reis oder Hamburger. Die Besten in der Baja, von einem Spezialisten zubereitet, ihrem amerikanischen Mann Mark. Der kämpft derweil mit einer Internet-Verbindung, ist aber auch Spezialist für Cocktails. Was seine Gäste schätzen, besonders Steve, von der Westseite der Baja. Kam, um mit Mark Details zu einer bevorstehenden Fishing-Tour zu besprechen. Blieb die ganze Nacht. Oder der Ingenieur von der Minengesellschaft in Santa Rosalia, den mich zwei Tage später auf dem Weg nach La Paz überholte.Mexico_02_07Ich könne auf ihrem Grundstück campieren. Letzte Nacht haben sechs Leute hier gecampt, die ich auf der Fähre nach Mazatlan treffen werde. Olivia konsultiert die Liste der konsumierten Getränke an, Kate steht an erster Stelle. Jetzt kenne ich die vor mir fahrenden Radler dem Namen nach, noch habe ich keinen grtroffen.Mexico_02_08Aber eigentlich will ich nicht campen, sondern in einem Bett schlafen. Olivia hat die perfekte Lösung, zwei Tage könnte ich in ihrem „alten“ Wohnhaus bleiben. Wenige Schritte vom Restaurant, drei Schlafzimmer, ein großes Wohnzimmer, 5 Schritte zum Meer, um 400 Pesos pro Nacht. Aber kein elektrischer Strom, denn hierher führt keine E-Leitung. Und Süßwasser sparen, das zugekauft und zugeführt wird.

Salzwasser ist genug vorhanden. Das Wasser der Bucht von Kalifornien ist bacherlwarm, etwa 27ºC. Auch ein bisschen gefährlich, denn Jason ist gestern auf einen Rochen getreten und hat einen ordentlichen Schlag abbekommen.

Während ich schwimme, kommt Bewegung in den nördlichen Rand der Bucht. Zahllose Vögel fliegen dort hin. Möwen, Pelikane, Fregattvögel. Drehen Kreise, stürzen mit atemberaubender Geschwindigkeit ins Wasser, jagen einen Fischschwarm. Dss Geschehen verlagert sich in meine Nähe. Weniger als 10 Meter entfernt kreisen die Vögel, stürzen wie Torpedos ins Wasser, die Erfolgreichen tauchen mit Fischen im Schnabel auf, die Erfolglosen kreisen wieder.

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20.10.2014, Loreto, Hotel, Tkm 103, Gkm 15.971

Entlang einer Bay in der Bay of California, mehrere Buchten, unbesiedeltes Land. Auf und ab, am Südende der großen Bucht ein langer Anstieg. Folgt jetzt das flache Stück nach Loreto? Steve hält, offeriert einen Ride nach Loreto, ich könne Stunden sparen. Doch seine Streckenbeschreibung ist so, dass ich lieber mit dem Fahrrad fahre. Kurvig, aber nicht hügelig.

Eine Hinweistafel am Straßenrand, teilzerstört von Odiles Wind. Weiter im Süden steht keine Tafel, alle von Odile verweht. Auf der Tafel sitzt ein Geier, wartet auf Aufwind.Mexico_02_09Typisch Autofahrer. Eine lange Ebene, nachdem ich die erste Bergkette quere. Dann zahllose Hügel. Halte an einem Restaurant an einer Furt. Kristan schließt auf, Londoner, auf dem Weg nach Panama.Mexico_02_10Wo sind die Restaurants und Raststätten? Zwei verlassen, zwei geschlossen. Endlich ein kleines Restaurant am Straßenrand. Softdrinks ausverkauft, Coke-Lieferant kommt erst. Nehme ein Tecate light, nicht klug in der Hitze des Tages, denn jetzt fahre ich leicht beduselt.

Ein weiterer Militärposten, Fahrzeuge werden kontrolliert, ich durchgewunken. Kristan kommt angeradelt, total verschwitzt, fährt deutlich schneller als ich.

Mit Sonnenuntergang schaffe ich Loreto. So viele Berge im Westen! Die ich morgen überqueren muss.

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21.10.2014, Puerto Escondido, Hotel Tripui Camping, Tkm 32, Gkm 16.003

Die im Westen aufragenden Berge sind abschreckend, braun, kahl, hoch. Die Strecke durch bzw. über die Berge bis zum nächsten Ort, Cd. Isurgentes, ist alles andere als verlockend. Zudem von Loreto in einem Tag nicht zu schaffen. Ich suche nach Alternativen. Entscheide mich für eine Kurzetappe bis Puerto Escondido, weil ich dort ein Hotel vermute. Die Bergetappe starte ich am Mittwoch.Mexico_02_11Trödle nach einer ziemlich schlaflosen Nacht in Loreto. Behebe Geld beim Bankomaten, von denen es nur zwei in der Stadt gibt. Fahre ins Stadtzentrum, eine baumgesäumte Fußgängerzone führt zur Mission und zum alten Rathaus. Die Bäume sind zu einer bogenförmigen Allee geschnitten, die Straße mit kugelförmigen Steinen ausgelegt, einige Leute eilen zur Kirche. Die Größe der Gebäude làsst erkennen, wer hier einst das Sagen hatte. Die Kirche ist deutlich pompöser als das Rathaus, obwohl Loreto einst Hauptstadt von „Groß Baja California“ war.

Rechts die wuchtige Bergkette, links der Golf von Kalifornien. 177.000 qkm, etwa 1/12 der Größe des Mittelmeers (2,5 Mio. qkm). Inselketten, Inseln, Buchten. Ich fahre nur wenige km in der Vormittagshitze, zweige ab nsch PE. Was fällt auf am Hotel? Hohe Preise, langsames Wifi, ich stelle mein Zelt in den moskitoverseuchten Garten und verbringe den Nachmittag im Pool.

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22.10.2014, Ciudad Insurgentes, Hotel Mision, Tkm 100, Gkm 16.103

Bewölkt, Wind dreht von NO auf NW, fahre lange Zeit mit Rückenwind. Temperatur abends 30ºC in Cd. Insurgentes. Wasche tagsüber mehrmals Gesicht und Arme, komme dennoch mit salzverkrustetem Gesicht in Ciudad (bzw. Ejido) Insurgentes an.

Eine Tafel auf der Zufahrt vom Hafen Escondido zur Carretera Transpeninsular: Feliz Viaje. Soll das ein Scherz sein? Vor mir die hohen Berge, die ich überqueren muss. Einiges ist überdimensioniert. Die breite Zufahrt zum Hafen mit den vielen Straßenlaternen, obwohl fast niemand diese Straße fährt. Zwei Dutzend Gemeindearbeiter, die das Gelände in Hafennähe säubern. Zwei Polizisten an der Kreuzung, der eine mit einem Schlagstock, der andere mit einem Wedel, um lästige Fliegen zu vertreiben.

Bei Ligui beginnt der lange Anstieg, weg von der Ostküste der Baja, hinauf in die Berge. Jeder der vielen Befragten hat die langgezogene Steigung südlich von Loreto erwähnt, die stärkste Steigung in der Baja. Und es geht bergauf, die ersten Kilometer sehr steil. Sind es 10%, oder mehr? Bevor ich den Himmel erreiche, verflacht die Steigung.

Ich bin nicht allein. Zigtausende Schmetterlinge, bunt, meist gelb, schwirren von einer blühenden Pflanze zur Anderen. Fliegen, taumeln, werden in den Sog der Fahrzeuge gezogen, verenden. Gelbe Schmetterlinge, rot blühende Büsche, grün sprießendes Gras – die Wüste lebt. Auf der Bergkuppe und im folgenden langen Tal dominieren braune Felsen, in ausgedehnten Kaktusfeldern.

Rückenwind, zuerst leicht bergab und später wieder leicht bergauf, dann etwa 40 km nahezu geradeaus. Der zweite Teil der Tagesetappe ab Agua Verde entschädigt für den vormittägigen mühseligen Anstieg.

Lange Baustelle, am Rand der Wüste einige Farmen. An der Ortseinfahrt von Ciudad Insurgentes ein heruntergekommenes Hotel. Würde als Notquartier dienen. Sehe mich um. An der Stadtausfahrt die „Mision“, nur 5 Zimmer, wird derzeit aufgestockt und ausgebaut. Die Wirtin eine gute Köchin, serviert Schrimps mit Reis und Gemüse, um preiswerte 80 Pesos (5 Euro?). Wozu ein anderes Hotel/Restaurant suchen?

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23.10.2014, Santa Rita, Buschcamp, Tkm 90, Gkm 16.193

Morgens in Ejido Insurgentes 21ºC und wolkenlos, ein weiterer heißer Tag zeichnet sich ab. Laut Plan/Prognose eine schnurgerade Strecke, Temperaturen um 35ºC und Wind aus Westen

Es ist heiß, doch der Wind kommt nicht aus dem Westen, sondern aus Süden. Schlecht für mich, denn meine Fahrtrichtung ist Südost, fast gegen den Wind. Schnurgerade die Strecke, öde. Rechterhand zwei Reihen Strommasten aus Stahl. Fallweise beidseitig der Straße ein Zaun, Tiere sehe ich nicht. Lediglich Skelette überfahrener Eidechsen, Schlangen und Skorpione, fest in den Asphalt gepresst. Kakteen, Büsche, Gras. Ganz vereinzelt eine Farm. Nach Cd. Constitucion auch diese nicht mehr,

Erste Kurve nach 80 km in Santa. Rita, es ist bereits später Nachmittag. Höchste Zeit, einen Zeltplatz zu finden. Das nächste Hotel Richtung Süden? In La Paz, etwa 160 km entfernt. Ein Sportplatz, ein blauweißes Kirchlein, ein Laden mit Cafe an der Hauptstraße. Danach eine Brücke über einen Fluss, der Wasser führt. Nun, viel ist es nicht, aber es blubbert.

Die Landschaft wird kahl, durchfurcht, sandige Hügel. Es dämmert, als ich die Hügelkuppe schaffe. Eine Ausweichbucht, hinter dem Stacheldrahtzaun eine ebene Fläche mit einigen Büschen. Was nützen Warnungen, nicht frei zu campen, wenn es keine Alternativen gibt. Sternenklare Nacht, sukzessive wird es feuchter, am Morgen bedeckt dichter Nebel das umliegende Land. Auf zum nächsten Restaurant, wird wohl einige Kilometer entfernt sein.

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24.10.2014, Carretera Transpeninsular km 60, Buschcamp, Tkm 97, Gkm 16.290

Der Eingangsbereich des Lokals ähnelt einer Kapelle. Marienstatue, geschmückt, brennende Kerzen. Allerdings gibt es hier auch Frühstück. Huevos con … ? Eier sind immer dabei, ob im Omlett oder als Spiegelei. Bestelle Huevos Rancheros, Spiegeleier überdeckt von einer scharfen roten Sauce, viel zu scharf, um einen Bissen runterzuwürgen. Dazu die üblichen braunen Bohnen und Tortillas, diesmal eher trocken und nicht fett.Mexico_02_14Den Rest des Tages vergesse ich lieber. Hügelauf, hügelab, meist auf enger Straße. Unbesiedeltes Kakteenland. Rette mich von einem „Restaurant“ zum nächsten, mehr als 4 sind es nicht. Eine Hügelkette, eine weitere. Immer leicht bergauf, einem Bergrücken entlang, durchzogen von zahllosen Quertälern. Was nützt der Rückenwind, wenn es elendslang aufwärts geht, wo ich doch eine eher flache Strecke erwartet hatte?

Reifenpanne, der hintere Reifen verliert rasch Luft. Wieder einer dieser kleinsten Drahtteile von zerfetzten Lkw-Reifen, die sich in meinen Reifen gefressen haben. Schlauchwechsel mit Fliegen bei 35 bis 40ºC, natürlich ohne Schatten, kein Vergnügen.

Cien, 3 Restaurants. 100 km bis La Paz. Cien=100, bei der Namensgebung wählte man die einfachste Bezeichnung für den Ort auf dem Bergrücken. Es wird Nachmittag, es wird Abend, somit Zeit, in den ausgedehnten Kakteenfeldern nach einem Platz fürs Zelt zu suchen. Diesmal ist eine eingeebnte Fläche für die noch im Bau befindliche zweite Starkstromleitung, staubig, aber frei von Kakteenstacheln.Mexico_02_15

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25.10.2014, La Paz, Pekin Hotel, Tkm 65, Gkm 16.355

Strahlend blauer Himmel nach einer windigen Nacht. Der Wind vertrieb die Moskitos und auch die unangenehme Feuchtigkeit.

Weiter hügelauf und hügelab. Erwarte nach jeder Steigung, endlich den höchsten Punkt erreicht zu haben. Und bin von Mal zu Mal enttäuscht. Der nächsten Hügelkette folgt die Übernächste. Endlos. Wäre halb so schlimm, wenn ich genug Wasser hätte. Obst und sonstiges Essbares, das schmeckt. Mit Schaudern denke ich an meine „eisernen Reserven“. Nach 15 km noch immer keine Hütte in Sicht, ich muss etwas essen. Öffne die beiden Fischkonserven, beiße in den pürierten Tunfisch, den ich nie anrühren wollte. Verfeinere das Gemisch mit den Saft von Limonen, die ich seit Tagen mitschleppe.

Habe ich die Frühstücksflinte zu früh ins Korn geworfen? Kaum sitze ich auf dem Fahrrad, steigt weißer Rauch hinter dem nächsten Hügel auf. Wo Rauch ist, sind Menschen, und das kann nur Eines bedeuten: Restaurant, heißer Kaffee, kalte Softdrinks. Auf dem Haus steht „Restaurant“, also alles in bester Ordnung?

Mitnichten! Die beiden vor dem Haus angeketteten Hunde machen einen Höllenlärm. Die Haustür ist abgesperrt. Im Haus bellen weitere Hunde. Ich schaue durch das Eingangstor. Eine Frau, in einer Küche ohne Dach. Hurrikan Odile hat nicht nur das Dach mitgenommen. Offensichtlich auch den Lebenswillen der Frau. Nein, Essen gibt es nicht, auch keine Softdrinks und kein Wasser. Ich soll weiterfahren, nach 10 km gibt es eine andere Behausung.

Riesenbaustelle, Staub, Sichtweite gleich Null, dennoch überholen einzelne Pkws die langsameren Sattelschlepper. Ausweichen unmöglich, zu tiefer Sand am Straßenrand. Beschimpfe unflàtig einen dieser rücksichtslosen Autorabauken. Lasse meinen Frust an jenen aus, die am wenigsten für die Misere verantwortlich sind, den Bauarbeitern. Hay agua? Tatsächlich, der Graderfahrer hat Wasser, die Flasche in einem nassen Fetzen gekühlt, füllt eine halbe Flasche für mich ab.

Wäre gar nicht notwendig gewesen. Denn am Ende der Baustelle befindet sich, schwer zugänglich, eine Hütte, Restaurant genannt. Drei Tische, die dicke Wirtin verwendet einen als Bügeltisch. Glättet mit einem altertümlichen Bügeleisen ihre Mullbinden, mit denen sie später ihre geschwollenen Unterschenkel einschnürt. Was bestellen in einem Lokal, das nicht vertrauenserweckend aussieht. Mein Wörterbuch hilft weiter. 3 Eier, hart gekocht, mindestens 5 Minuten. Wasser in Flaschen und Softdrinks. Zu den Eiern serviert die Wirtin in einer Schale einige Schoten Paprika, die schon beim Hinsehen xcharf aussehen. Ich rieche kurz, viel zu scharf.

Nun geht es endlich bergab. Die nächste lange Baustelle fahre ich nicht mehr auf der Ausweichspur, sondern auf der im Bau befindlichen neuen Straße. Ohne Einwände der Bauarbeiter, die nichts Besonderes daran finden, dass ein Radfahrer dem Schwerverkehr und dem Staub ausweicht.

Die Lichter von La Paz sah ich bereits in der letzten Nacht, zumindest den Lichtschein. Nun sehe ich auch die Stadt, langgestreckt an einer Bucht, entlang einer Bergkette. Zahlreiche Gebäude an der Stadteinfahrt dachlos, mehrere verlassen, auch das war Odile.

Verkehrskontrolle. Auch ich werde angehalten. Unterhalte mich mit einem Polizisten der berüchtigten Policia Statale. Über meine Reiseroute, meine Familie, mein Alter. Er ist beeindruckt, ruft seinen Kollegen. Bislang habe ich noch keinen korrupten mexikanischen Polizisten getroffen, vor denen so haufig gewarnt wird.

Hinter dem Bogen mit dem „Bienvenidos en La Paz“ der riesige Supermarkt von Walmart. Offensichtlich das einzige, vom Hurrikan unberührte Gebäude. Oder eines der wenigen Gebäude, die in den wenigen Wochen seit dem Tropensturm instand gesetzt wurden, als ob es nie ein Unwetter gegeben hätte

Wo in La Paz nächtigen? Eine Nacht bleiben oder einige Rasttage hier verbringen? Mittelgroße Stadt, bietet alle Annehmlichkeiten. Palmenstrand, breite Strandpromenade, auf der sich abends die Menschen tummeln. Radfahrfreundlich, jedenfalls sind Radfahrstreifen auf der Strandpromenade eingerichtet. Strand und Wasser allerdings nicht besonders einladend. Restaurants ohne Zahl, Imbissläden, große Supermärkte und Minimarkets.

Mehrere Hotels an der Promenade. Das erste gefällt mir nicht, die Zimmer sind zu dunkel bzw. nicht groß genug. Das La Perla ist zu teuer, im Posada da La Paz wurde das letzte preiswerte Zimmer wenige Minuten zuvor vergeben. Schlußendlich steige ich im Nuevo Pekin Hotel (und Restaurant) ab, mit 500 Pesos mittelpreisig und Zimmer mit Meerblick. Offensichtlich haben die chinesischen Besitzer die rechte Mischung aus Preis und Leistung gefunden, wenn man dies nach den in der Tiefgarage des Hotels stehenden Autos beurteilen kann.

Highlife nach Sonnenuntergang auf der Strandpromenade. Spaziergänger, Läufer, Radfahrer, kleine und große Kinder auf niedrigen Dreirädern. Liebespaare, kinderreiche Familien. Alles, was Beine hat, ist unterwegs. Zwischen den privaten Autos patrouillierende Polizei- und Militärfahrzeuge, Soldaten mit Maschinenpistolen auf den Pickups. Um Plünderungen, wie nach dem letzten Hurrikan, zu vermeiden?Mexico_02_16

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26.10.2014, La Paz, Fährschiff La Paz, Tkm 16, Gkm 16.371

Frühstück in einem chinesischen Restaurant. Nicht gerade eine kluge Entscheidung, wenn ich diesen Berg aus Hühnerfleisch, Gemüse und Reis anschaue.

Versuche, die Fährverbindungen zum Festland ausfindig zu machen. Dass die Fàhren nicht aus La Paz auslaufen, weiß ich bereits. Dass Mazatlan und Topolowampo nicht täglich bedient werden, noch nicht. Was ist heute überhaupt für ein Tag, fährt heute ein Schiff nach Mazatlan, wenn ja, wann? Es fährt, um 17 Uhr, aber wo ist der Fährhafen?

Dass Pichinigui nicht um die Ecke liegt, habe ich vermutet. Mit dem Auto 15 bis 30 Minuten, das klingt weit. Zudem ist es heiß, im Hinterreifen wenig Luft. Der Küste entlang, am Ortsende von La Paz hügelauf, in der prallen Mittagssonne. Langsam, zu langsam? Doch die Strecke wird flacher, folgt mehreren Meeresbuchten.

Ich schaffe es rechtzeitig zum Fährterminal. Will ein Ticket kaufen, wie ein mexikanischer Autofahrer vor mir. Warum dauert es so lange? Ich verstehe das Spanisch der Mitarbeiterin von BajaFerries nicht.

Zu viel Lärm im Hintergrund, sie bemüht sich nicht. Eine zweite Mitarbeiterin kommt hinzu. Ich soll in 20 Minuten wieder kommen, es gibt Computerprobleme, eine Fahrkarte könne im Augenblick nicht gedruckt werden. Dann klappt es doch mit dem Ticket.

Die Ceviches de Camarones im Terminal Cafe sind höllisch scharf. Versuche vergebens, die schärfsten Teile zu eliminieren. Doch die Pefferoni sind zu klein geschnitten.

Die beiden Radfahrer kenne ich doch! Kate und Spencer, Amerikanerin bzw. Kanadier, habe ich vor einigen Tagen getroffen! Doch da sind noch weitere Radfahrer, die nach Mazatlan wollen. Die Kanadier Daisy und Jason, der Amerikaner Taylor and der Holländer Menno, alle mit verschiedenen Reisezielen.Mexico_02_17Die Liegesitze an Bord sind rasch gefüllt. Lkw-Fahrer, etwa 100 einzeln oder in Familien Reisende, manche haben Kabinen gebucht.Mexico_02_18Das „wahre“ Leben findet einen Stock höher statt. Partystimmung. Ein schwüler und lauer Abend, die Fähre ist seit Stunden in Richtung Mazatlan unterwegs. Drei Stockwerke über dem Mar de Cortez fließt reichlich Alkohol..

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27.10.2014, Mazatlan, Hotel La Siesta, Tkm 10, Gkm 16.381

Schreckliche Nacht auf dem Schiff, kaum geschlafen. Zu eng in den Schlafsesseln, folge ich dem Beispiel der anderen Radfahrer und schlage mein Zelt auf dem Partydeck auf. Die Party ist vorüber, auf Bänken und am Boden schlafen mehrere Mexikaner. Die Luft ist lau und feucht, tropisch. Das Schiff macht Fahrt, zusätzlich zum Fahrtwind sorgt eine kräftige Brise für frische Luft. Der Boden aus Stahl. Rein ins Zelt, raus aus dem Zelt, alles ist feucht, der Boden zu hart, ich döse, finde keinen Schlaf. Wandere, vom Deck in den jetzt überfüllten Liegesaal zu den überquellenden Toiletten, die Nacht will kein Ende nehmen.

Lange vor Morgengrauen ist mein Zelt abgebaut, ich döse im Windchatten auf Deck. Mehrmals falle ich fast vom Sessel. Vor den beiden stinkenken Männer-Klos wird die Warteschlange länger. Erste Frühaufsteher kommen an Deck, rauchen, warten in der Morgenröte auf den Sonnenaufgang. Im Osten eine Wolkenbank, die Sonne zeigt sich später.

Aufregung. Hundert Meter vom Schiff entfernt schwimmen drei Delfine, scheinbar unbekümmert von den Vorgängen auf der Fähre. Tauchen ab und verschwinden. In der Cafeteria füllen sich die Sessel, mit Lkw-Fahrern, die Kaffee trinken und andächtig in die Glotze starren. Ist es Fury, das tapfere Pferd, das die hartgesottenen Könige der Landstraßen zu beifälligen Kommentaren und Aufmunterungen animiert?

Im Fahrpreis – ich zahlte 1.261 Pesos, etwa 70 Euro, für die siebzehnstündige Passage – sind zwei Mahlzeiten inbegriffen. Abendessen und Frühstück, Essensausgabe wie beim Bundesheer, lange Warteschlange, die Sitzplätze limitiert, die Qualität, naja. Ich geselle mich zu den Wartenden, nicht, weil ich hungrig bin, eher aus Langeweile. Heute verzichte ich auf Bohnen, Tortillas und Salsa, nehme lediglich Makkaroni mit Pilzen, schmeckt gar nicht übel. Das Essen begleitet von wiederkehrenden Lautsprecherdurchsagen, die Sitzplätze ehestens für die Wartenden zu räumen, doch die Warteschlange wird immer länger.

Der erste Blick aufs Festland zeigt kahle Anhöhen. Die Passagiere werden unruhig, packen ihre Sachen. Im großen Liegesaal ist der Film mit “ Mr. Bean“ Atkinson längst zu Ende, im „kleinen“ Saal sehen die Menschen unverändert fern. Wir Radfahrer nehmen Platz im Gang zu den Kabinen, der auch der Zugang zum Frachtraum ist. Lange Zeit tut sich nichts, dann heißt es plötzlich „Bikers first“. Enge und steile Stiegen führen drei Decks tiefer in den heißen Frachtraum. Bin heilfroh, nicht abzustürzen und im Laderaum mit nur einer Schramme anzukommen. Kaum ein Durchkommen zwischen den eng gestellten Sattelschleppern. Habe mich schon beim Beladen gefragt, wie es der Fahrer mit der Schubraupe auf dem Sattel schafft, so eng an den Tanklastzug heranzufahren.

Nächstes Ziel, das Touristenbüro im Altteil der Stadt Mazatlan. Die anderen Radfahrer beladen ihre Räder, ich nutze die Zeit, um meinen luftarmen Hinterreifen aufzupumpen. Doch die Luft geht raus aus dem Reifen, nicht rein. Abpacken, Schlauch wechseln, Aufpacken. Nun habe ich bereits eine gewisse Übung im Schlauchwechsel, dauert somit keine Ewigkeit.

Menno hat ein Hotel vorausgebucht, für sich, Kate und Spencer. Ich will mir die Unterkunft einmal ansehen. Zuvor wollen wir allerdings Daisy und Jason treffen, im Touristenbüro. Doch Mexiko ist nicht gleich Amerika oder Kanada, wir finden dieses auf Karten eingezeichnete Büro einfach nicht. Alle angeführten Touristeninformationen befinden sich in Gebäuden, die geschlossen wurden. Das Treffen findet erst am Abend statt, nach Kontaktaufnahme via Internet.

Zwischenzeitig kaufte ich nahe dem Stadtzentrum in einem verwegen anmutenden Laden ein Reifenset für das Hinterrad. 190 Pesos, etwa 10 Euro, für Schlauch und Reifen, preiswertest. Hoffe, dass es ein besserer Schlauchkauf als der letzte ist, denn die Lebensdauer jenes Schlauches war minimal. Montiere das Ganze, um zu sehen, ob alles passt.

Abends trifft Tanja, Radfahrerin aus Stuttgart, unterwegs von San Antonio, Texas, nach Belize, ein. Leicht genervt, weil die Halterungen des hinteren Gepäcksträger brachen. Ich habe Tanja in Santa Rosalia knapp verpasst, als sie dort die Fähre zum Festland nahm. Sie wurde auf der Strecke nach Mazatlan einige Tage von Polizeieskorten begleitet. So gefährlich am Festland, so hoch im Norden Mexikos? Wie sieht es da im Süden aus, um Acapulco mit den zahlreichen Entführungen oder in der Unruheprovinz Chiapas?

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28.10.2014, Mazatlan, Hotel Belmar

Am Abend sah das Hotel Belmar besser aus als das La Siesta. Doch in der Nacht sind alle Katzen grau, und bei Tageslicht ist das Belmar nicht mehr so attraktiv. Dennoch wechsle ich das Hotel, denn das Belmar ist halb so teuer wie das Siesta.

Reifen flicken, Quartier wechseln, Shrimps zu Mittag essen, den Swimming Pool testen, Tagebuch updaten, schon ist der Tag vorbei. Am Abend ein langer Spaziergang auf der Strandpromenade, bis zum 2 km entfernten Fischerdenkmal. Dann noch ein Abschiedsgeschenk vom Meer. Am Sandstrand vor dem Belmar eine Riesenschildkröte, gräbt eine Grube in den Sand, legt Eier, bedeckt die Grube mit Sand. Polizei ermahnt die gaffende Menge, Abstand zu halten. Die Schildkröte verwischt ihre Spuren, blickt sich um, robbt ins Meer, taucht in den Wellen unter. Die Zuschauer klatschen beifällig.Mexico_02_19

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Vom Meer ins Hochland

Mazatlan nach San Luis Potosi

29.10.2014, Concordia, Hotel Rancho Viejo, Tkm 58, Gkm 16.439

21ºC um 7 Uhr morgens in Mazatlan, sonnig und schwül. 28ºC abends um 19 Uhr in Concordia, stark bewölkt und schwül.  Zwischendurch wärmer und schwül. Auf der langen Steigung zur Mautstelle bei Concordia fließt der Schweiß in Strömen.

Brauche eine Weile, bis Mazatlan hinter mir liegt. Vom Hotel in der Altstadt dem langgezogenen Strand entlang bis zum Fischerdenkmal, durch das Zentrum zum Industriehafen, auf einer der Hauptstraßen zur Carretera 15. Als ich aufbreche ist wenig los auf der Promenade von Mazatlan, erst wenige Händler haben ihre mobilen Verkaufsstände aufgebaut, einige mit kleinen Motorbooten arbeitenden Fischer bringen Fang und Boote an Land.

Strand von Mazatlan

Strand von Mazatlan

Nach Mazatlan ein eher flaches Teilstück auf Carretera 15 durch die Küstenebene. Bevor ich auf die „neue“ Mautstraße nach Durango auffahre, mache ich Pause in einer Bäckerei. Torten, Kuchen, Gebäck.  Nehme zum Kaffee einen mexikanischen Apfelstrudel und gewinne mit Viridiana eine weitere hübsche mexikanische Facebookfreundin. Ihre nicht minder aparte Verkaufskollegin schaut ein bisschen neidisch, doch wer – wie Viridiana – mehrsprachig ist, macht das Rennen.

In der angrenzenden Tankstelle ergibt sich erneut eine Unterhaltung, mit Lkw-Fahrern, die mich über die Berge nach Durango bringen wollen. Doch ich bin auf Selbstfahren programmiert und lehne deren Angebot ab.

Mit der Autopista, der „neuen“ Straße nach Durango beginnt der Anstieg in die Berge. Benützung für motorisierte Fahrzeuge kostenpflichtig, daher verkehrsarm. Breites Bankett, gut für Radfahrer. Das umliegende Land dschungelartig bewachsen und nicht bewirtschaftet. Die Straße gleicht einem Übungsplatz für Schmetterlinge, tausende schwirren herum, alle Farben, alle Größen.

Autopista nach Durango

Autopista nach Durango

Schwül, bereits auf der ersten Steigung bin ich in Schweiß gebadet. An der Mautstelle bei Concordia werde ich umgeleitet, muss die Mautstelle auf der Nebenfahrbahn passieren. Palmito, den nächsten Ort an der Mautstrecke mit einem Hotel, schaffe ich heute ohnehin nicht. Fahre daher in das 4 km entfernte Concordia. Hier gibt es ein Hotel, an dem ich vorerst vorbei radle, weil es so verlassen wirkt. Als ich die rumpelige Zufahrt hinter mir habe und mit dem Kopf gegen das tiefhängende Hotelschild stoße, entpuppt sich das Rancho Viejo als das, was der Name sagt. Altes ebenerdiges Haus, breite überdachte Veranda, geräumige Zimmer, mit einem Sammelsurium alter Gegenstände.

Concordia besteht aus einer gut erhaltenen Altstadt und einer „Neustadt“ an der „alten“ Straße von Mazatlan nach Durango. Im Stadtzentrum eine alte Kirche, enge Gassen mit ebenerdigen bunten Häusern, ein baumgesäumter Dorfplatz, auf dem ein Mädchen in Rosa für Fotoaufnahmen posiert. Für die Wahl zur nächstjährigen Miss Mexico? Ihre Schwester verneint es nicht.Miss Mexico

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30.10.2014, Santa Rita, Hotel La Posadita, Tkm 48, Gkm 16.487

21ºC morgens um 7,15 Uhr in Concordia, wolkenlos, kurz nach Sonnenaufgang. Die Wirtin im Restaurant Vero reinigt den Vorplatz. Hay Desayuno? Si, Frühstück gibt es, aber keine Speisekarte.  Ich bestelle Manchaca, weil es gut klingt. Ist eine Mischung aus Eiern, faschiertem Fleisch, Zwiebeln und Paprika, selbstredend mit Bohnenpüree. Und ein Stapel Tortillas. Schmeckt gar nicht übel.

Die wenigen Fahrzeuge auf der Hauptstraße machen viel Lärm.  Einige Lieferwagen, einzelne Sattelschlepper, Kleinmotorräder, mehrere Radfahrer. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Busstop, mit zwei auf den Bus der Concordia Rojo wartenden Personen. Ein Mann mit rückwärts gesetztem Käppi und in der Hand eine schwarze Plastiktüte. Eine Frau, schwarzer Pulli und blaue Jeans, hält einen Sonnenschirm. Doch der Bus, der hält, ist diesmal nicht rot, sondern grün-weiß. Kinder in blau-weißen Uniformen auf dem Weg zur Schule, einige zu Fuß, andere auf dem Sozius von Motorrädern.

Bergauf, den ganzen langen Tag. Vorerst tropische Vegetation mit hohem Gras, ausladenden Bäumen, grünen Büschen. Blumen und blühende Sträucher, an manchen Stellen haben blühende Kletterpflanzen die Stromleitungen erobert. Mit zunehmender Höhe wird die Vegetation variantenloser, die Blütenpracht schwindet.

Die Erbauer der „neuen“ achteten auf eine strikte Abschirmung zur „alten“ Straße. Es gibt auf langen Strecken keine Zufahrt zu den wenigen Siedlungen. Der erste Ort, den ich von einer hohen Brücke aus sehe, liegt auf einem gegenüber liegenden Berghang. Stunden später sehe die nächste Siedlung, unter einer noch höheren Brücke, unzugänglich für mich mit Fahrrad, weil nur ein steiler Fußpfad zum Ort hinunter führt.

Ich bin in der „48 km Tunnelzone“. Die Straße führt bergauf, den Berghängen entlang, durch Tunnels und über Brücken. Durch scheinbar unbesiedeltes Gebiet. Nur vereinzelt lässt ein krähender Hahn oder eine muhende Kuh vermuten, dass hier Menschen leben. Die endlose Steigung zehrt an Kräften und Nerven, das Trinkwasser wird knapp, die Essensvorräte gehen zu Ende. Ich steige vom Rad und schiebe. Schon lange reagiere ich auf freundlich hupende oder winkende Autofahrer nicht mehr, Winken ist keine Hilfe.

Am späten Nachmittag die erste Abfahrt von der mautpflichtigen Straße, mit einem Wegweiser nach El Salto und zur gebührenfreien alten Straße nach Durango. Nach einem Kilometer ein Restaurant,  El Brillante, die Bezeichnung maßlos übertrieben, doch die Wirtin bereitet aus den wenigen im Kühlschrank lagernden Vorräten ein essbares Mahl. Und, oh Wunder, nach der nächsten Kurve ein weiteres Hinweisschild: Hotel und Restaurant, 1 km.

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31.10.2014, Durango (Victoria de Durango), Hotel Santa Cruz, Tkm 26, Gkm 16.513

Das Frühstück im La Posadita ist farbenfroh, aber ist es auch genießbar? Manchaca mit Bohnen, ist mir vertraut. Zwei verschiedenfärbige Salsas als Beilage: Die Rostbraune sieht scharf aus, doch die harmlos aussehende Grüne ist die Hölle. Tortillas aus Mais- oder Weizenmehl, dunkel- oder hellgelb, habe ich bereits gegessen, manchmal unangenehm fett. Zum ersten Mal sehe ich heute blaugraue Tortillas. Die fünf Bauarbeiter am Nachbartisch haben daran nichts auszusetzen, also esse ich sie auch.

Das Frühstück im La Posadita ist farbenfroh

Das Frühstück im La Posadita ist farbenfroh

Ein kräftiger Wind aus dem Landesinneren hat die nächtliche Feuchtigkeit vertrieben. Waren gestern Abend die umliegenden Bergspitzen von den vom Meer hereinziehenden Wolken verhüllt, ist es heute wolkenlos. Nochmals vergewissere ich mich beim Sohn des Hauses über die Entfernung bis zur Passhöhe bzw. zum Übergang in flacheres Gelände. Seine 5 km lässt er sich von einem Bauarbeiter bestätigen,  der 4 km nennt. Beide haben fast recht, addiert betrachtet. Es sind 8 km und 1.970 Meter über dem Meer, als ich den ersten Anstieg hinter mir habe. Sierra MadreWas ich jetzt sehe, ist deprimierend. Berge, Berge, Berge, soweit das Auge reicht. Die Zwei- bis Dreitausender der Sierra Madre, steil in Täler abfallend.Alte StrasseDie Straße windet sich den Berg entlang, über Kuppen, umrundet Schluchten und Felsvorsprünge, dreht in jede Himmelsrichtung. Ich gewinne etwas an Höhe, doch zum Preis eines stundenlangen Auf und Ab. War gestern die „neue“ Straße gut ausgebaut und steril, ist heute die „alte“ Straße das genaue Gegenteil. Eng, ohne Bankette, kurvig, den Konturen des Berges folgend, menschliche Behausungen, wo es bebaubare Plätze gibt. Auch die Vegetation hat sich von dicht bewachsenen tropischen Regenwald auf schütteren Pinienbestand geändert.

Palmito, mehrere Reifenhändler und ein Mini-Market, einige Restaurants und ein übel aussehendes Hotel, in dem ich nur im Notfall nächtigen würde. Mir reicht die Bergfahrerei. Antonio spricht Englisch, arbeitet fallweise in USA. Es seien 55 km bis zur nächsten Stadt El Ciudad, bergauf und bergab. Das schaffe ich heute nie, obwohl es erst Mittag ist. Der nächste Autobus kommt in etwa 15 Minuten, ich könne ja fragen, ob ich mitfahren kann

Ich kann, um 200 Pesos, etwa 12 Euro, nur 8 Passagiere an Board, viel Platz im Gepäcksraum. Kaum jemand, der von Mazatlan in das 300 km entfernte Durango will, benutzt die alte Straße. Der Bus ist flott unterwegs, auf der kurvigen und engen Strecke über den Abgründen, mir wird leicht übel. Jetzt sehe ich auch, warum Autofahrer eine Strecke meist als flach beurteilen: Vom Bus aus lassen sich Steigungen nur erkennen, wenn dieser schnell zu einem langsam bergauf kriechenden Lkw ausschließt.

El Ciudad, einige kleinere Orte, alles ärmlich. Das Land „semiarid“, vereinzelte Kornfelder, Garbenstapel. Holztransporter, Sägewerke,  holzverarbeitende Betriebe. Tiefe Canyons durchziehen das Hochland. Nach 5 Stunden Fahrzeit erreichen wir (Victoria de) Durango, etwa 600.000 Einwohner, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, in einer leicht gewellten Ebene.

Holloween in Mexiko. Man gedenkt der Toten, aber erst morgen. Heute haben die Kellner im vornehmen Restaurant Santa Cruz ihre Gesichter weiß-schwarz-rot geschminkt, das Lokal und die Hotel-Lobby sind halloweenmäßig dekoriert. 4 Sterne Hotel um 450 Pesos, 24 Euro, Luxus zu akzeptablen Preisen.

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01.11.2014, Durango, Hotel Santa Cruz

Radfreier Tag. Frühstück im Restaurant Santa Cruz, vom Buffet, 135 Pesos. Beliebt bei den Einheimischen, denn das Lokal füllt sich zusehends und die Warteschlange am Buffet wird länger

Bleibe heute in Durango, um die laut Prospekt „Größte Western Show Mexikos“ anzuschauen. Beginn anstatt der üblichen 15 Uhr wegen Halloween und „Diaz des los Muertes“ heute 20 Uhr, um dem Ganzen in der Dunkelheit einen schaurigen Anstrich zu geben.

Mit einem lokalen Autobus in das Stadtzentrum. Welchen Bus nehmen, wo aussteigen? Bus 10 „orange“ nach S. Mateo ist richtig. Steige dort aus, wo die meisten Passagiere aussteigen. Schon wieder richtig, ich bin fast im Stadtzentrum.

Party in einer Seitenstraße zur Kathedrale, 10 Mann Kapelle, 3 tanzende Paare, die Hauptperson übergießt sich beim Tanzen mit Bier. Eine Hochzeit, ein Jubiläum, oder was?

Party in einer Seitenstraße zur Kathedrale

Party in einer Seitenstraße zur Kathedrale

Zum Zeitvertreib eine Stadtrundfahrt. Pedro ist gleichzeitig Fahrer und Stadtführer. Hat es heute besonders schwer. Die Tonanlage will repariert werden, und er hat einen Fahrgast, der nicht Spanisch spricht: Mich. Er bemüht sich redlich, in seinem lückenhaften Englisch. Ich verstehe, was er sagt, und erfahre, was ich zuvor über Durango auf Wiki las. 400 Jahre alte Stadt, einige alte Bauten, einige namhafte Persönlichkeiten, die hier geboren wurden (General Pancho Villa) oder dier hier wirk(t)en.DurangoIch warte auf den Bus zur Filmstadt an der Carretera Parral km 12. Wollte mir die nachmittägliche Show ansehen, „Un Verdadero Set Western“, die „Mejor Show Western de Mexico“. Doch heute gibt es wegen Halloween eine Sondervorstellung um 20 Uhr. Am Plaza des Armas, dem Hauptplatz Durangos gegenüber der Kathedrale, werden Flugzettel verteilt, die zur Schau einladen.

Der Zubringerbus ist gratis, an der Haltestelle werden die Leute immer mehr. Verspätet trifft der Bus ein, die Leute drängeln. Nach einer Weile ist der alte Autobus unterwegs, überfüllt, in der finsteren Nacht, auf der Carretera Parral, bis km 12. Die Westernstadt vorerst im Dunkeln, inmitten der Einöde. Die „Mejor Show Western de Mexico“ Paseo del Viejo Oeste beginnt in wenigen Minuten. Etwa 200 Zuschauer unter dem bleichen Halbmond Mexikos. Das zu Halloween passende Thema: Spiel mir das Lied vom Tod. Das Publikum sitzt auf den Sidewalks der (nachgebauten?) Westernstadt, begleitet die Akteure zum Indianerdorf, erlebt dort Raub und Mord. Wandert in die Bar zu den GoGoGirls, zum Galgen, auf den Friedhof. Alles ein wenig gruselig, wie die Rückfahrt mit dem erneut überfüllten Bus ins Stadtzentrum.

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02.11.2014, Vicente Guerrero, Hotel Elena, Tkm 86, Gkm 16.599

Frühtemperatur 3ºC, um fast 20 Grad kälter als vor 3 Tagen an der Küste. Eine Wohltat, keine Moskitos und keine lärmenden Klimaanlagen.

Ausfallsstrasse nach Zacatecas

Ausfallsstraße nach Zacatecas

Sonntag, wenig Verkehr auf der Ausfallsstraße nach Zacatecas. 20 km mit leichtem Rückenwind durch das Valle de Guiana, danach durch Hügelland mit Seitenwind. Im Tal vereinzelt Maisanbau, in den Hügeln kniehohes, sonnengegilbtes Gras.

Weniger als eintausend Kilometer bis Mexiko City. Müsste in zwei Wochen zu schaffen sein. Die Straße folgt einer alten Route, dem Camino Real, der zu Zeiten der spanischen Herrschaft Mexiko-Stadt mit Santa Fe im heutigen New Mexiko verband.

General Vicente Guerrero, benannt nach dem mexikanischen Freiheitskämpfer, der die Unabhängigkeit von Spanien besiegelte und einige Jahre später ermordet wurde,  macht dem Helden keine Ehre. Zwei holprige Straßen führen ins Stadtzentrum. Wer die zentrale Plaza nicht gesehen hat, hat nichts versäumt.

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03.11.2014, Sain Alto, Hotel, Tkm 101, Gkm 16.700

Bin ich mitten in einem Krieg? Zwei Polizeieinheiten auf dem Weg nach Süden, fünf Armeekolonnen nach Norden. Sieht mehr nach Truppenverlegung als nach Übung aus. Gefechtsbereite Schnellfeuerwaffen auf gepanzerten Fahrzeugen, Soldaten unkenntlich durch Gesichtsschutz.

Ich sehe den Aufmarsch der bewaffneten Einheiten positiv, angesichts der hohen Kriminalität, vor allem wegen der vielen Entführungen in mehreren mexikanischen Staaten. Starke Polizei- und Militärpräsenz hält Kriminelle von der Straße fern, dient also auch zu meinem Schutz.

Morgens 20 km hügelauf. Vor der Bergkuppe eine Kontrollstation der Polizei, das Auto zweier junger Mexikaner wird gefilzt. Ich passiere ungefragt. Zuvor noch ein verfrühtes Mittagessen in Juanitas Lokal und ein Fotoshoting mit Gatten Arturo und Schwiegervater Fabian. Kam mit einem Quad angefahren und sitzt nun im Schaukelstuhl auf der Veranda.

Arturo und Juanita

Arturo und Juanita

Arturo und Juanita arbeiten fallweise als Wanderarbeiter in USA, sprechen gebrochen Englisch. Anders ihr erwachsener Sohn Ariel, der die englische Sprache perfekt beherrscht.

Nur wenige Kilometer entfernt liegt ein Nationalpark. Parque Nacional Sierra de Organos, im El Valle de los Gigantes. Ein nahezu unkenntliches Hinweisschild, eine schmale Straße durch den Ort San Francisco de Organos, eine langgestreckte Hügelkette mit außergewöhnlichen Felsformationen. Nichts deutet auf einen Nationalpark hin, nicht die ausgedehnten Rinderweiden am Fuß der Hügelkette, nicht der kleine Friedhof auf dieser Weide, keine Verwaltungsgebäude.

Friedhof in San Francisco de Organos

Friedhof in San Francisco de Organos

Sombrerete, puebla magical, magisches Dorf. Die neue Umfahrungsstraße ist wegen Brückenbauarbeiten gesperrt, also fährt man auf der alten Straße hinunter in den Talboden zum nicht so kleinen Dorf. Ich fahre ins Ortszentrum, viel Verkehr und holprig auf der mit Schieferplatten ausgelegten engen Straße. Das ist kein Dorf, das ist eine sehenswerte Stadt! Alte Kirchen und Gebäude, Franziskanerkloster, Laubengänge, mehrere baumbestandene Plazas. Und der Kiosk einer Touristeninformation, die gerade schließt. Rasch hin, vielleicht ergattere ich noch eine Karte der Region! Keine Karte, diese könne ich morgen abholen. Doch mehrere umstehende Personen sind wahrlich happy. Sammeln Material für die Neuauflage der hundertseitigen Informationsbroschüre Guia Paisano und verwenden mein Fahrrad und mich gleich als Fotomotiv. Diesmal vergesse ich nicht, eine Gegenleistung zu verlangen: Gruppenfotos mit meinen Kameras.

Touristeninformation in Sombrerete

Touristeninformation in Sombrerete

Die Sonne steht noch hoch am Himmel, daher fahre ich weiter. Hinauf auf die nächste Bergkuppe, dann durch welliges Land. Die Sonne beginnt hinter den Wolken zu sinken, ich erhöhe mein Tempo. Die Sonne steht tief am Horizont, ich jage dahin, hinunter in Quertäler und über Hügelkuppen. Die Sonne geht unter, noch sehe ich kein Anzeichen einer Stadt. Sei nie nach Einbruch der Dunkelheit auf Mexikos Straßen unterwegs! Ich wurde mehrmals gewarnt, nun stecke ich mitten im Schlamassel. Endlich ein Kiosk, wo ich nach dem nächstgelegenen Quartier fragen kann. Nur noch 5 km!

In der Finsternis radle ich durch Sain Alto. Abseits der Hauptstraße, langgezogen, an einem Berghang. Ein einziges Hotel gibt es im Ort, schwer zu finden. Nach langem Fragen bin ich dort. Ein Hotel ohne Kennzeichnung und Personal? Einheimische helfen weiter, klopfen an Türen, befragen den einzigen weiteren Hotelgast. Nach einer langen Weile erscheint er doch, der junge Mann im roten Auto, carre rojo, der im Zimmer 1 wohnt und den Betrieb managt. Ich nehme Zimmer 7, das bislang kahlste, größte und billigste Quartier meiner Radtour. 2 Schlafzimmer, Küche, Bad, etwa 70 qm, um 200 Pesos.

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04.11.2014, Fresnillo, Hotel del Fresno, Tkm 70, Gkm 16.770

Spärliches Frühstück aus den Resten des gestrigen spärlichen, aber gesunden(?) Abendessens. Zu Käse gibt’s Tomaten, Zwiebel, Karotten und Avocado. Den Cappuccino hole ich mir im Shop der PEMEX- Tankstelle und dazu ein Foto von Elvira und Araceli, wobei letztere ganz gut Englisch spricht.

Überraschung auf der Straße nach Zacatecas. Nicht der Hubschrauber, der 30 Meter über mir die Straße entlang donnert. Nicht die aus drei Fahrzeugen bestehende Polizeieinheit, die Polizisten stehend auf den Pickups mit Schnellfeuerwaffen im Anschlag. Es sind zwei entgegen kommende Motorradfahrer. Einen habe ich in Baja getroffen, jetzt ist er nach einer Tour durch Mexiko auf dem Rückweg in die USA.

Zu Wetter und Landschaft äußere ich mich erst wieder bei wesentlichen Änderungen. Bedeckter Himmel, ich fahre durch welliges Hochland, meist hügelauf und hügelab. Kakteenfelder und Rinderweiden in höheren Lagen wechseln mit Ackerflächen, auf denen in tiefer gelegenen Regionen Bohnen und Mais angebaut werden, Frühtemperatur kühle 5ºC, ich fahre heute eine Stunde im langen Radlerdress. Mittags etwa 22ºC. Radfahren wäre angenehm, wäre da nicht der ständig wehende Wind, tageszeitlich aus unterschiedlichen, meist natürlich verkehrten Richtungen. Was besonders auf engen und verkehrsreichen Stadteinfahrten, wie jener von Fresnillo, nicht ungefährlich ist.

Fresnillo, wieder ein Ort ohne Sehenswürdigkeiten? Sehenswert sei Zacarates, meint Gina von der Rezeption. Und der hohe Zimmerpreis? Darüber haben sich bereits andere Gäste beschwert.

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05.11.2014, Zacatecas, Hotel Maria Conchita, Tkm 34, Gkm 16.804

Wetterprognose: Ein Tiefdruckgebiet im Pazifik vor der Südwestküste Mexikos bringt viele Wolken mit einzelnen Regenschauern. Nur etwa 60 km bis Zacatecas, also beeile ich mich nicht am Morgen. Weil ich im örtlichen Reisebüro den Rückflug nach Österreich fixieren will. Doch um 10 Uhr arbeitet deren Computer noch immer nicht. Ich packe meine Sachen, mache mich auf den Weg.

Der Himmel bedeckt. Den starken Wind bemerke ich erst nach Verlassen der Stadt. Umdrehen, wegen der ungünstigen Wettervorhersage im Ort bleiben oder einen Autobus nehmen? Doch die Strecke nach Zacatecas sollte auch unter ungünstigen Bedingungen zu schaffen sein. Ich fahre weiter, bis Nuevo Diaz.

Hier endet auf der vielbefahrenen Straße das asphaltierte seitliche Bankett. Staubfahnen bedecken das Land, aufgewirbelt von einem starken und böigen Wind, der mich in die Fahrbahn drückt. Einige vorbei fahrende hochbeladene Fahrzeuge schlingern. Ein Weiterfahren unter diesen Bedingungen ist lebensgefährlich. Ich drehe um, radle zurück, zuerst in den nächsten Ort, dann nach Fresnillo.

Ich werde mit dem Bus nach Zacatecas fahren. Doch wo eine Busstation finden, welchen Bus nehmen, bei dem breiten Angebot? In Mexiko operieren zahlreiche Buslinien, regional und überregional, der Personentransport wird vorwiegend mit Bussen abgewickelt. Fahrradmitnahme kein Problem, sofern Platz vorhanden ist. Ich frage an der ersten estacion, bei Mares. Frage ich an der falschen Adresse? Im Schalterraum sind die Zielorte gelistet: Dallas, Houston, Los Angeles, San Francisco, Chicago; Orte in USA, kein einziger Ort in Mexiko. Die können mir bestimmt nicht weiterhelfen! Oder doch? Vor wenigen Minuten ist ein Autobus aus Fort Worth, Texas, eingetroffen, Fahrzeit 16 Stunden. Ein kleiner Zubringerbus bringt zwei Passagiere nach Zacatecas, ich kann mitfahren. Ich will zahlen, es kostet nichts, die Fahrt ist gratis!

Heftiger Wind, der Fahrer jagt den Kleinbus über die bemautete Straße. Die Landschaft „harmlos“, leicht wellig, bis wir Zacatecas erreichen. Viele Hügel, Riesenbaustelle, doch das Stadtzentrum bleibt vorerst unsichtbar, umringt von Bergen in einem Talkessel. Wurde Rom auf sieben Hügeln erbaut, liegt Zacatecas auf zahllosen Hügeln.

Steil bergab vom Autobusbahnhof ins Zentrum der Stadt, wieder einmal über holprige, mit Schieferplatten ausgelegte Straßen. Das Hotel Maria Conchita am stark befahrenen Boulevard, mit 260 Pesos sehr billig. Mein Zimmer mit Blick auf eine gegenüber liegende Haltestelle lokaler Busse und einem Riesenkamin. Einem von mehreren, welche die industrielle Bedeutung von Industrie und Bergbau in Zacatecss symbolisieren.

Ein langer Stadtrundgang, leicht bergauf, durch enge Gassen, über Plazas, vorbei an zahllosen gut erhaltenen alten Gebäuden, Museen, zur mächtigen Kathedrale und zum Gouverneurspalast, durch die „historische“ Altstadt, über der in luftiger Höhe zwei Gondeln verkehren, die zwei Hügelkuppen miteinander verbinden.

Altstadt in  Zacatecas

Altstadt in Zacatecas

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06.11.2014, Zacatecas, Hotel Maria Conchita

Radfrei. Vormittags mit dem Taxi zur Mina el Edèn, auf einer Anhöhe mitten in der Stadt. Der Ort wuchs, wie viele andere Städte im Norden Mexikos, um das Bergwerk. Der Silberabbau wurde in der Stadt Zacatecas in der Zwischenzeit eingestellt, weil Sprengungen im Berg die darauf gebauten Häuser zum Einsturz bringen könnten.

Der Bundesstaat Zacatecas lieferte einst die Hälfte des Weltsilberbedarfs, im Bergwerk von Fresnillo wird unverändert gefördert. Die Landwirtschaft beschäftigt die meisten Menschen, doch Industriebetriebe und Tourismus gewinnen an Bedeutung. Mexikos größte Bierbrauerei „Corona“ haben wir gestern passiert. Und Zacatecas liefert Menschen. Eine Million Zacateken leben in den USA, die Mehrzahl im weit entfernten Chicago. Nur 1,3 Millionen blieben in der Heimat.

Silberbergwerk Zacatecas. Helm auf, mit einer Kleinbahn in den Stollen. Der Führer spricht ausschließlich Spanisch, ich verstehe keine Silbe. Bergbaumuseum, Verkaufsraum, Disko, Stollen, ein teilweise ausgehöhlter Berg. Das Erz wurde von Steigern, meist Sklaven, auf schmalen Leitern nach oben geschleppt. Wir benützen einen Lift, um zum Ausgangsstollen zu gelangen.

Auf dem Rückweg in die Innenstadt ins Museo Pedro Coronel. Einige Skulpturen aus Stein zwischen den Arkaden im Erdgeschoss. Die Orangen- und Zitronenbäume im Innenhof sind interessanter als die Kunstwerke. Moderne Malerei im Obergeschoss, Fotografieren verboten. Masken aus Afrika, musste ich deretwegen nach Mexiko? Naja, zum Eintrittsgeld von 15 Pesos, etwa 0,90 Cent, hätte ich mir eine Reise nach Afrika nicht finanzieren können.

Nachmittags Kaffee mit Torte im „Kultur-Kaffeehaus“. Heute eine mexikanische Version der Schwarzwälder Kirschtorte, nach der gestrigen Sachertorte. Jene ein passender Anlass zum Fachsimpeln mit Alvaro, dem jungen Küchenchef und der Tortenbäckerin Daniela. Kommt auch heute zu meinem Tisch, will nicht nur wissen, wie die Torte schmeckt. Sie liebt Reisen, war in Toronto, „als sie jung war“, mit 15. Jetzt ist sie 23, will nächstes Jahr mit mir mitfahren.

Ein Museum ist bei Nieselregen nicht genug, daher besuche ich ein Zweites. Museo Zacatecano bietet eine breitere Palette als Museo Pedro Coronel. Ausstellungen zu indianischen Ureinwohner, spanischen Eroberern, regionaler Entwicklung mit Silberförderung, Unabhängigskeitsbewegung, Münzprägung und zacatecanischer Währung. Danach noch rasch in die wuchtige, außen mit ausladenden Skulpturen geschmückte Kathedrale. Innen schlicht, nach mehreren Plünderungen in den Bürgerkriegen.

Im Hotel ist der Boden meines Badezimmers wasserbedeckt. Es tröpfelt leicht von der Decke, Quelle undefinierbar. An der Rezeption verstehen mich die spanisch sprechenden Mitarbeiter vorerst nicht, ich erkläre es telefonisch einer englisch Sprechenden außer Dienst. Der Hotelhandwerker erscheint mit Putzkübel und Leiter. Wischt den Boden sauber, für ihn ist das Problem behoben. Es tröpfelt auch nicht mehr. Mir ist die Sache unheimlich, das Wasser war neben der Glühlampe ausgetreten Nach kurzer Diskussion ziehe ich um, in ein anderes Zimmer.

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07.11.2014, San Luis Potosi, Hotel Napoles, Tkm 5, Gkm 16.809

Hotel in Mexiko-Stadt und Flug nach Wien sind gebucht. Mit der Hauptstadt Mexikos ist das heurige Etappenziel und der nächstjährige Startpunkt meiner Tour fixiert. Abflug am 22.11. via Toronto, Rückflug nach Mexico-City im Juli nächsten Jahres.

Ich surfe im Internet. Was gibt es auf der Strecke in den Süden zu sehen, welche Route ist die Interessanteste? Ich entscheide mich für San Luis Potosi, in Liedern häufig besungen. Die Millionenstadt liegt zwar nicht am Camino Real, hat aber eine 500jährige Tradition als Zentrum der Silbergewinnung. Benannt nach dem französischen König Louis und der bolivianischen Stadt Potosi, weil die Stadtväter auf ähnlichen Reichtum wie beim südamerikanischen Namensvetter hofften.

Die Straßen sind nass, es nieselt. Keine Motivation, mit dem Fahrrad ins 200 km entfernte San Luis Potosi zu fahren. Bleibt nur der Bus, doch die Busstation liegt auf einer Hügelkuppe. Schiebe das Rad eine enge Gasse hoch, die Bahnlinie entlang, trete keuchend ein steiles Stück bergauf. Am Busbahnhof reagiert Omnibus de Mexico bürokratisch, die Mitarbeiter verweisen mich mit dem Fahrrad an einen Paketdienst. Chihuahuenses ist flexibler; man fragt den Busfahrer nach verfügbaren Stauraum für das Rad.. Natürlich fahre ich mit Leuten aus der Heimat der kleinsten Hunde der Welt: Chihuahuas, sprich Tschiwawas.

Bus 4769 nach Mexico City ist mit etwa 10 Passagieren schwach besetzt. Viele Pakete im Frachtraum, viel Müll zwischen den Sitzen, von Leuten, die zwischenzeitig ausgestiegen sind. Fahrpreis 220 Pesos, etwa ein Peso pro Kilometer.

Bus 4769 nach Mexico City

Bus 4769 nach Mexico City

San Luis Potosi, Millionenstadt. Der Busbahnhof nahe dem Hotelviertel, aber drei Kilometer von der „historischen“ Altstadt entfernt. Diese in Rasterform angelegt, die Gassen eng, teils Fußgängerzone.

Buntes nachmittägliches Treiben am Plaza des Armas

Buntes nachmittägliches Treiben am Plaza des Armas

Buntes nachmittägliches Treiben am Plaza des Armas. Müßiggänger, Schuhputzer, Ballonverkäufer. Ein blutverschmierter Gnom wirbt für die Vorstellungen „Casa del Terror“ im Estadio 20 de Novembre, die noch eine Woche zu sehen sind. Am benachbarten Platz zwei Dutzend Rennautos, die an der heutigen Nachtrally in Potosi teilnehmen. Am Ausstellungsstand von Ford zwei „Augenweiden“, in engen kurzen Hosen in den Farben des Sponsors.

Es wird Abend. In der Kathedrale werden im Stundentakt Paare getraut. Die erste Braut, übergewichtig und ausladend. Die Nächste schlank und rank, auch eine Augenweide, in einem grünen Rüschenkleid.

Unweit der Kirche wurden bereits am Nachmittag Sessel am Straßenrand aufgestellt und eine Bühne aufgebaut. Um 20 Uhr Livemusik, Cumbia, Rock and Roll, Lateinamerikanisches. 10 Mann Band, die Sängerin mit einer kräftigen Stimme. Zahlreiche Paare tanzen, alle +60, mit Showeinlagen einzelner Tänzer. Das Publikum geht begeistert mit, auch dann noch, als leichter Regen einsetzt.Plaza de Mariachi_2Von einer belebten Straßenkreuzung nahe dem Hotel höre ich Musik. Auf der Plaza de Mariachi sechs spielende, daneben zahlreiche herumstehende oder -sitzende Musiker. In der typischen Mariachitracht, weiß, schwarz-weiß, oder schwarz, bestickt, mit breiten Sombreros. Die Spieltruppe verabschiedet gerade ein Paar, das einen Hochzeitstag feiert. Oft wird die ganze Nacht gespielt, erfahre ich im Hotel. Heute spielten die Mariachi Real de Potosi.

 

Hochland

Von San Luis Potosi nach Süden

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08.11.2014, Villa de Reyes, Hotel San Francisco, Tkm 60, Gkm 16.869

Tagesziel ist Parque Natural Gogorron bei Villa de Reyes an der Straße nach Leon. Der Bekanntheitsgrad dieses Naturparks ist offensichtlich gering, denn der englisch sprechende Hotelmitarbeiter muss bei Kollegen rückfragen, wo der Park liegt.

Auch mit der Wegbeschreibung hat er Probleme, was mir die Umfahrung von halb San Luis Potosi einbringt. Zugegeben, ich bin völlig orientierungslos. Der Himmel ist wie gestern wolkenverhangen, ich erkenne keine Himmelsrichtung. Fahre stadtauswärts, frage mehrmals, bis ich die autobahnähnliche Umfahrungsstraße erreiche. Einmal links abbiegen, dann immer geradeaus. Nach 20 km und vielen Abzweigungen zu Wohn- und Industriegebieten liegt San Luis hinter mir, ich bin auf der Straße nach Mexico-City, zumindest stimmt jetzt die Richtung.

Im Areal einer Tankstelle mehrere Essbuden, um 40 Pesos gibt es gefüllte Teigtaschen und ein Getränk. Unterhalte mich mit Gabriel, der im Industriegebiet mit dem Neubau von Produktionshallen für General Motors beschäftigt ist. Neben Mercedes und Nissan also auch GM, die Autos in Potosi bauen. Gabriels Englisch ist perfekt, seine Familie lebt in Oregon, seine Tochter studiert an der Universität Eugene – und fährt Rad.

Die Landschaft ist trocken, zwischen Kakteen und Yukapalmen grast vereinzelt ein Rindvieh. Ein Ehepaar aus Villa de Reyes steigt aus ihrem Auto, erfragt meine Reiseroute, umarmt mich zum Abschied. Der Wind ist günstig,  die Strecke nur leicht hügelig,  bereits am frühen Nachmittag bin ich in Villa de Reyes, wo ich die zum Naturpark nächstgelegenen Hotels vermute.

Francisco (Frank) führt mit dem Sechs-Zimmer-Hotel San Francisco einen kleinen Beherbergungsbetrieb, doch mehr Geld verdient er mit dem Liquor-Store im Ortszentrum. War zehn Jahre in Chicago beschäftigt, ist jetzt 68, sitzt von 19 bis 22 Uhr in seinem gut sortierten Wein- und Schnapsladen.

Ist dies die Zeit der Hochzeiten? Ein frisch getrautes Paar wird von einer Musikkapelle aus der benachbarten Marienkirche zu den wartenden Autos begleitet. Eine Stunde später nehmen vor der neuen Kirche im Stadtzentrum zwei Frischgetraute Gratulationen und Geldscheine entgegen, im Reisregen, aber ohne Musikbegleitung.Zeit der HochzeitenAbends nochmals ins Stadtzentrum. Die Kirche tut was für die Jugendlichen. Im Vorhof eine geschmückte Marienstatue, ein Gitarrist, ein Vorbeter/Vorsinger. Etwa 60 Jugendliche, die auf Anweisung einen Kreis bilden und Ringelreia tanzen, hopsen, hüpfen. Und beten.

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09.11.2014, Hotel de Luz, San Felipe, Tkm 58, Gkm 16.927

Die Nächte im Hochland, cirka 2.000 Meter über dem Meer, sind kühl, mit Temperaturen um 5ºC. Mit Sonnenaufgang bin ich reisefertig, den Kaffee hole ich im nahen Oxxo. Ein Store einer Franchise-Kette nach amerikanischem Vorbild, Schwerpunkt Snacks, modern eingerichtet, 24 Stunden am Tag geöffnet.

Nach Leon schaffe ich es heute nicht, habe keine Eile. Das erste Teilstück der Straße nach San Felipe ist schmal mit brüchigen Asphalt. Doch am Sonntagvormittag sind nur wenige Lastwagen unterwegs, die noch dazu ausreichend Abstand halten. Das umliegende Land trocken, vereinzelt ein Maisfeld. Weitgehend erntereif oder bereits geschnitten, die Stengel kegelförmig zusammengestellt.

Parque Natural Gogorron ist enttäuschend. Nördlich der Straße ein Hinweisschild zu einem Hotel mit Spa in Viejo Gogorron, eine Art Freizeitzentrum auf der südlichen Straßenseite. Nicht wert, hier anzuhalten.

Ein anderes Hinweisschild ist interssanter: Restaurant Adobes, 2 km, Desayuno Buffet 69 Pesos. Ein Frühstücksbuffet zu einem unschlagbaren Preis. Meinte ich jedenfalls zu diesem Zeitpunkt, denn später werde ich noch preiswertere Lokale finden. Ein modernes Restaurant mitten in der Einöde. Und ein laufendes Kommen und Gehen, jetzt zähle ich etwa 40 Gäste, Kinder nicht eingerechnet. Groß- und Kleinfamilien, mit und ohne Kleinstkinder, Paare, sechs Motorradfahrer. Die meisten Besucher kommen in Pickups.trocken ist das Land_2Leicht ansteigend die Straße, öder und trockener wird das Land. Schafe-, Ziegen-, Rinderland. Laut rufend treibt ein Schafhirte seine Herde voran. Die Hüter einer größeren Herde sind fortschrittlicher, überlassen das Treiben zwei Hunden. Auf der Passhöhe werden selbst die Kakteen seltener und das braune Gras spärlicher, derart trocken ist das Land.trocken ist das LandSan Felipe. Ich radle in das Ortszentrum, doch ich sehe kein Hotel. Die Unterkunft nahe der Haltestelle für Fernbusse in die USA finde ich nicht. Ich versuche es an der zweiten angegebenen Adresse, mit Erfolg.

Von außen ein rot bemalter Kasten, entpuppt sich das La Paz als nett ausgestattetes Quartier mit hilfsbereiten Personal und zweckmäßig eingerichteten Zimmern. Diese landesüblich schlecht gedämmt. Nur wenige Gäste, nicht alle schlafen die ganze Nacht. Das Kichern und Stöhnen einer Frau sind stundenlang zu hören, doch weit nach Mitternacht ist auch sie befriedigt.

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10.11.2014, Silao, Hotel Villa Victoria, Tkm 70, Gkm 16.997

Die Ortsausfahrt von San Felipe ist schmal, ein Autobus fährt unmittelbar vor mir in eine Haltebucht, macht den Platz eng wegen eines parkenden Lieferwagens. Empört halte ich neben den in den Bus einsteigenden Passagieren. Beschimpfe den Fahrer, der gelassen sein Handy betätigt und mich gewollt nichtsahnend betrachtet.

Die „neue Straße 2010“, auf meiner veralteten Straßenkarte nicht eingezeichnet, verkürzt die Strecke nach Leon um einige Kilometer. Von San Felipe geht es ständig, aber nicht steil bergauf. Lästig ist nur der Gegenwind. Links der Straße ein stellenweise landwirtschaftlich genutztes breites Tal, rechts kahler werdende Höhenrücken. Einzelne niedrige Bauernhöfe, die Gebäude aus unverputzten Ziegelsteinen. Ein Esel beobachtet mich neugierig, nimmt dann Reißaus.

Frühes Mittagessen in einem Restaurant. Das Essen ist gut und preiswert, Chuletto mit Reis und Salat.. Ein Sattelschlepper fährt auf den Parkplatz, der Fahrer kommt ins Lokal und bestellt ein Getränk. Geht ins Banjo, kommt zurück zur Theke, leert rasch sein Bier. Verlässt das Lokal, kotzt auf dem Weg zur Fahrerkabine, fährt in einer Staubwolke vom Parkplatz, auf die gegenüber liegende Fahrbahn, ohne auf den Verkehr zu achten. Mehrere Fahrzeuge bremsen scharf, um Kollisionen zu vermeiden. Betrunkene Lkw-Fahrer, auf diese Gefahrenquelle habe ich bislang nicht geachtet.nch_LeonIn einer Parkbucht hält ein Pickup. Annuar, Baustoffvertreter, bietet an, mich über die Berge mitzunehmen. Ich lehne dankend ab, denn das umliegende Land ist abwechslungsreich und den höchsten Punkt der heutigen Etappe habe ich fast erreicht.   Weisse Blueten im NovemberDas Land ist von Canyons durchzogen. An geschützten Stellen blühende Bäume. Weiße Blüten im November! Dazwischen ausgedehnte Flächen kniehoher und gelb blühender Blumen.

Nach 25 km Steigung eine eher flache Bergkuppe. Nun führt die Straße durch eine kurze Schlucht bergab, über die Puente Canada de los Muertes, vorbei an einigen kleineren Orten. Dann weitet sich das Tal, links der mit 2.500 m höchste Berg der Umgebung. Auf der Bergspitze eine weithin sichtbare, das Land überblickende, 20 m hohe Christusstatue.

Silao, eine unattraktive Stadt ohne Sehenswürdigkeiten. Ausgedehnt, aber wo ist das Zentrum? Ich sehe einige Funk-, aber keine Kirchtürme. Radle offensichtlich Ortszentrum vorbei. Wer benötigt schon Hinweisschilder, wenn sich ohnehin keine Touristen hierher verirren?

Warum Silao und nicht Leon? Nicht 30 km, sonderm Welten trennen die beiden Städte. Silao ohne nennenswerte Geschichte und Gebäude, Leon eine der ältesten spanischen Siedlungen in Mexiko. Doch Silao liegt zentral, auf der Strecke nach Mexiko-Stadt, und ich will die verkehrsreiche Straße nach Leon nicht zweimal radeln.

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11.11.2014, Silao, Hotel Villa Victoria

Radfrei. Mit dem Taxi zum Busbahnhof, mit dem Bus nach Leon. Das Stadtviertel vor der Estacion Central de Autobus gespickt mit Zapaterias, ein Schuhgeschäft neben dem Anderen. Leon ist Mexikos Zentrum der Lederverarbeitung, und die hier hergestellten Schuhe werden in alle Landesteile verkauft.

2 km vom Busbahnhof entfernt liegt das „historische Zentrum“, wobei sich die eigentliche Altstadt kaum von den angrenzenden neueren, auch alt aussehenden Stadtteilen unterscheidet. Eine Grenze zwischen Alt und Neu bildet lediglich Blvd Adolfo Lopez Mateos mit mehreren modernen Hotels. In der Altstadt zahlreiche Kirchen, alt und ehrwürdig oder neu und ausladend.Stadtviertel vor der Estacion CentralDas Museum der Stadt Leon ist aus einem einzigen Grund besuchenswert: Es ist winzig klein und eine Schande für eine Millionenstadt. Etwa 60 Bilder lokaler Künstler, verteilt auf 4 Räume in 2 Stockwerken. Der Eintrittspreis ist entsprechend niedrig, 2 Pesos, etwa 12 Cent.  StadtverwaltungDie Stadtverwaltung unternimmt zumindest den Versuch, die Stadt nach Außen als „bedeutend“ zu präsentieren. Eine Ausstellung vor dem Rathaus, eine weitere Großausstellung am Wochenende.

Ich wandere durch die Stadt, von Kirche zum Museum zur nächsten Kirche. Esse zwei Pizzastücke (20 Pesos, sehr preiswert), am Markt eine Suppe mit Meeresfrüchten (70 Pesos, preiswert), Torte und Kaffee am Hauptplatz (67 Pesos, teuer). Dort neben den zahlreichen Menschen eine Militärpatrouille, 4 Mann mit Schnellfeuerwaffen, auf dem Fahrzeug ein Maschinengewehr. Was ist nur los in Mexiko, wovor fürchten sich die Machthaber? Viele sprechen von Korruption. Die Meldungen zu den Vorkommnissen im Bundesstaat Guerrero sind unterschiedlich. 48 verschwundene Personen. Studenten, Oppositionelle, entführt, ermordet, von Kriminellen, Regierungsgegnern, Polizei oder Militär? Sicher ist nur, dass keine Klarheit herrscht. Und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Regierungsgegnern und Sicherheitskräften stattfinden.

Hier im zentral gelegenen Staat Guadajuato ist von diesen Auseinandersetzungen nichts zu merken. zudem kühlt der sporadische Regen die Gemüter. In Leon konzentriert man sich auf das Schuhgeschäft, in Silao auf die Ansiedlung ausländischer Betriebe. Im Restaurant klang es gestern Abend an den Nachbartischen amerikanisch und italienisch, wobei ich nicht ausschließe, dass der Mann mit der Pirelli-Kappe ein Mitarbeiter des gleichnamigen Reifenkonzerns war.

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12.11.2014, Silao,  Hotel Villa Victoria

Nochmals ein radfreier Tag. Auf dem Programm steht der Besuch von Guanajuato, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates. Mit 360.000 Einwohnern wesentlich kleiner als das 60 km entfernte Leon, etwa um dieselbe Zeit, 1570, gegründet. Weltkulturerbe.

Mit einem modernen Reisebus zur Estacion am Stadtrand von Guanajuato, mit einem alten 30 Sitzer in das 2 km entfernte Stadtzentrum. Eingezwängt zwischen zwei Bergketten und mehreren querlaufenden Hügeln sind die Straßen der Stadt für große Fahrzeuge viel zu schmal. Ein Großteil des Verkehrs spielt sich im Untergrund ab. Haupt- und Nebentunnels, Abzweigungen, parkende Autos, Haltestellen. Alles unter der Stadt, die sich über die steilen Berghänge ausbreitet. Der ehemalige Hauptentwässerungskanal ist nun eine unterirdische Hauptstraße.GuanajuatoGuanajuato, eine Stadt mit einer wechselvollen Geschichte. Aufstieg und Fall, Blütezeiten und Rückschläge. Bergwerksstadt, gewachsen mit der Entdeckung immer neuer Silbervorkommen, geschrumpft nach Arbeiteraufständen, Hungersnöten, Silberpreisverfall. Mehrmals von Hochwassern heimgesucht, immer wieder aufgebaut. Es müssen gewichtigte Gründe sein, diesen verkehrsmäßig und topographisch ungünstig gelegenen Ort als Hauptstadt des Bundesstaates beizubehalten.

In einem unterirdischen Tunnel hält der Bus, ich folge den anderen Passagieren, über eine enge Steintreppe nach oben, zum Mercado Hidalgo. Die riesige Markthalle ist nicht das einzige Kuriosum der Stadt. Vom französischen Architekten Eifel – siehe Eifelturm – als stahlgerüstete Bahnhofshalle entworfen und gebaut, vom Staat Mexiko finanziert, 1910 eingeweiht, hat dieses Gebäude nie einen Zug gesehen. Die Geleise enden vor den Stadttoren, an der Ex-Estacion del Ferrocarril, nunmehr Kultur-, Künstler- und Ausstellungszentrum.MarkthalleVon der Markthalle durch enge Gassen, gesäumt von gut erhaltenen bzw. restaurierten Gebäuden, über kleine schattige Plazas, vorbei an zahlreichen alten Kirchen zur Kathedrale, korrekt Basilica Colegiata de Nuestra Senora de Guanajuato.  Warum nicht den davor wartenden Sightseeingbus besteigen, mich während der eineinhalbstündigen Rundfahrt ausruhen? 100 Pesos ist für eine kurze Stadttour ein stolzer Preis, zudem spricht der Führer lediglich Spanisch. Wir fahren an einzelnen Gebäuden vorbei, bergauf, vorbei am Gouverneurspalast. Zu einem Aussichtspunkt, mit zwei Verkaufsläden. Gratisverkostung von Likör und Süßigkeiten. Natürlich wird erwartet, dass der Besucher einkauft. Nach zwanzig Minuten platzt mir der Kragen. Soll ich dafür bezahlen, um irgendwo einzukaufen? Ich beschwere mich, und der Führer trommelt eilig die anderen Fahrgäste zum Weiterfahren zusammen.

Die Berghänge überzogen von kleinen, in allen Farben strahlenden Wohnhäusern. In Zentrumsnähe Kirchen, Museen, Paläste, Theater. In der Zona Centro zahllose sehenswerte Gebäude. Ein Prospekt listet 20 „Touristenattraktionen“ von Märkten und Minen bis Parks und Plazas, 9 Kirchen, 26 Museen und Ranchos. Im Museo Iconografico del Quijote mit 800 Ausstellungsstücken zu Don Quijote de la Mancha streikt die Batterie meines Fotoapparats.

Die Rückfahrt in einem der zahlreichen Kleinbusse in Silao wird zur Stadtrundfahrt. Denn der Bus fährt nicht direkt ins Zentrum, sondern klappert mehrere ärmliche Vororte ab. Holpert über Eisenbahnschienen und Betonschwellen, dreht in einer Sackgasse um, bis er in Zentrumsnähe ankommt. Und sieh an, auch in Silao gibt es Plazas und mehrere Kirchen, weniger gepflegt als in Leon oder Guanajuato,  mit dem Odor des Verfalls.

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13.11.2014, Celaya, Hotel San Francisco, Tkm 105, Gkm 17.102

Mir bleibt mehr als eine Woche für die 300 km in die Hauptstadt Mexikos, reichlich Zeit zum Bummeln.

Ich radle auf einer der längsten Straßen der Welt, der Panamericana. Ein System von Straßen, das Alaska mit Feuerland verbindet bzw. verbinden soll. Denn in Kanada und USA existiert die Panamericana offiziell nicht, und zwischen Panama und Kolumbien ist ein 70 km langes Teilstück aus unterschiedlichsten Gründen nicht fertiggestellt. In Mexiko werden drei Nord-Süd-Verbindungen unter dieser Bezeichnung geführt, eine davon ist die Strecke von Durango nach Mexico-Stadt.

Zahlreiche Restaurants säumen die Straße von Silao nach Queretaro, bevor diese bei Irapuato zweigeteilt, mautpflichtig bzw. mautfrei, geführt wird. Die Konkurrenz zwischen den Restaurants fördert den Wettbewerb, mehrere Lokale bieten preiswerte Frühstücks- und Tagesbuffets. Iss, soviel du kannst, um unter 70 Pesos. Das Restaurant La Fe setzt einen drauf und wirbt mit dem Slogan,  „nur zahlen, wenn zufrieden“.Restaurant La FeEnttäuscht bin ich vom  Zustand der mautpflichtigen Schnellstraße zwischen Irapuato und Salamanca. Schmaler Seitenstreifen, brüchiger Asphalt, Schotter und Abfälle am Straßenrand. Viel Verkehr, in geringem Abstand vorbei rauschende Schwerfahrzeuge, höllisch laut.

Hundert Meter vor mir fährt ein Radfahrer mit Anhänger aus einer Tankstelle. Hat sich vermutlich im angeschlossenen Cafe gestärkt. Er fährt auf der Fahrbahn, nicht am Seitenstreifen. Trägt ein Alaska-Trikot. Ich bin beeindruckt, trete in die Pedale, schließe auf, klingle. Keine Reaktion, er radelt weiter, bis zu einer Ausweichbucht. Er ist kein wahrer Fernfahrer, das „Alaska“-Trikot hat er irgendwo gekauft. Fährt von Guadalajara nach irgendwo in Mexiko, ich habe es vergessen. Er fährt jetzt in meinem Windschatten, ich lege ein zügiges Tempo vor. In einer Baustelle hänge ich ihn ab. Ich fahre die gefahrlose Strecke, viele Kilometer durch die lange Baustelle. Er fährt mit allen anderen Fahrzeugen auf der Umleitungsstrecke, hier die enge Gegenfahrbahn. Eine Weile höre ich das empörte Hupen der Autofahrer, dann nur noch das Rattern der Baumaschinen.

Die Gegend ist nun flach und fruchtbar. Gewächshäuser, Erdbeer- und Paprika-/Pfefferonifelder. Männer und Frauen im Ernteeinsatz. Feldarbeit ist Handarbeit.ErnteeinsatzIch komme rasch voran, schaffe die Strecke nach Celaya schneller als erwartet. Fahre auf der Suche nach einem geeigneten Hotel durch Vororte und die Innenstadt. Die einen Hotels sehen zu vergammelt aus, das Andere ist zu teuer, ein Drittes ausgebucht. Das San Francisco liegt einige Blocks vom Hauptplatz entfernt, was mir einen frühabendlichen Spaziergang in die Innenstadt beschert.

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14.11.2014, Queretaro, Hotel Flamingo, Tkm 55, Gkm 17.157

Die mautfreie Straße nach Queretaro ist um nichts leichter oder schwerer zu fahren als die gebührenpflichtige Schnellstraße. Viel Verkehr, manchmal ist das asphaltierte Bankett breit, fallweise fehlt es gänzlich. Neben der Maut ist ein wesentlicher Unterschied klar erkennbar: Die Schnellstraße meidet, die alte Straße führt durch besiedeltes Gebiet.

Schrottplätze und Autoverwerter, Reifenhändler und Autowerkstätten, das Angebot ist auf den Bedarf von Altfahrzeugen abgestellt. Einige kleinere Orte mit noch kleineren Imbissläden. Auf mehreren Kilometern ein Holzpalettenerzeuger/-händler neben dem anderen, die Betriebe mittelgroß bis winzig klein. Apaseo del Alto ist das Zentrum der Möbelerzeuger. Bettgestelle und Kästen, Sessel und Tische, vieles wird auf den Gehsteigen oder auf der Straße gefertigt. Normales und Skuriles, man bearbeitet Bretter, Baumstücke, Wurzelstöcke.

Auf der Steigung nach Apaseo werde ich langsamer. Weil es sehr warm ist, weil es lange aufwärts geht, weil der Hinterreifen Luft verliert. Wieder ein platter Reifen, ein Drahtstück von einem zerfetzten Lkw-Reifen hat sich tief in die Karkasse meines Hinterrrads gebohrt.

Queretaro, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaats, 760.000 Einwohner, an der Ortseinfahrt einige größere Betriebe. Werke von TetraPak und Siemens sind hier angesiedelt. Doch Queretaro ist auch Weltkulturerbe.Maria de Guadalupe gewidmete KircheViele, aber nicht alle Kirchen sind pompös. Ich schaue mal in eine mit schlichter Decke und einfacher Dekoration, in der gerade zwei Personen beten. Auch im Templo de la Congregacion beten Menschen, aber hier ist die der Maria de Guadalupe gewidmete Kirche prächtig geschmückt.

Die Museen haben bereits geschlossen, doch am Plaza des Armas herrscht Hochbetrieb. Auf einer Bühne „alternative“ Musik, angrenzend ein Kunstmarkt. Ich lasse mich mit dem Indianer fotografieren, doch der hat mit der heute stattfindenden Präsentation der Kunsthandwerker nichts zu tun.dem Indianer fotografierenEin Gringo spricht mich auf der Straße an. Eugene aus dem frankophonen Teil Kanadas ist gleichfalls mit dem Fahrrad unterwegs. Ist ab Vancoucer die Westküste entlang nach Süden geradelt und im August die Baja gefahren. Bei brütender Hitze, immer einen möglichen Hurrikan im Genick. Eine extreme Quälerei, hat es nur mit Mühe geschafft.

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15.11.2014, San Juan del Rio, Hotel Castel, Tkm 59, Hkm 17.216

Ich folge den Wegweisern „Mexico“, als ich Queretaro verlasse, fahre auf eine autobahnähnliche Straße. Zuviel Verkehr, also folge ich einer Begleitstraße. Die Straße ist breit, führt lange bergauf, der Verkehr wird weniger. Weniger Verkehr? Ein Hinweisschild nach Celaya, da war ich doch gestern! Die Begleitstraße hat mich in die Irre geführt, bin vergeblich einen Berg hochgeradelt. Umdrehen, zurückfahren, jetzt bin ich endlich auf der richtigen Straße.

Vierspurig in Fahrtrichtung Mexiko-Stadt, lange bergauf, die östlichen Stadtteile Queretaros erstrecken sich über ein ausgedehntes hügeliges Gebiet. Mit tausenden qualmenden Schwerfahrzeugen krieche ich den Berg hoch, kann den stinkenden Abgasen nicht entkommen, versuche den extrem schmalen Seitenstreifen zu nutzen. Ohrenbetäubend der Lärm, ein Lkw lauter als der andere, dazu die gerillte Betonfahrbahn, die Reifengeräusche maximiert.Vierspurig in Fahrtrichtung Mexiko-StadtAuf der Hügelkuppe endlich mehrere Restaurants, ein „Original-Barbecoe“ Lokal wirkt vertrauenserweckend. Auf dem Parkplatz zahlreiche Autos, im Lokal zahlreiche Gäste.

Spezialtät: Tacos mit Lammfleisch. Dazu bestelle ich eine Suppe mit Gemüse und Schaffleisch. Eine Prise Salsa, mit Limonensaft würzen, dazu kleingehackte Zwiebel und Petersilie, schmeckt gut, ist aber nicht billig.

Mein Tischnachbar im Restaurant ist Konsulent und selbständiger Unternehmer. Verkauft im wesentlichen Futtermittel an die hühnerzüchtende Industrie, die in Mexiko ähnlich bedeutend wie die Schweinezucht sein dürfte. Dass diese bedeutend ist, schließe ich aus den vielen Tiertransportern, die mich auf den Straßen überholen. Ich frage den Konsulenten nach seiner Meinung zu den inneren Unruhen in Mexiko. Und höre das, was ich nie sehe: Die Menschen im Land haben die Schnauze voll von der omnipräsenten Korruption und machen ihrem Ärger Luft. Die Entführung – oder auch Ermordung? – der vierzig Studenten in Guerrero war ein weiterer Anlass für die teils gewalttätigen Demonstrationen.  Speiseangebot im Hotel CasteloDas Speiseangebot im Hotel Castelo stellt jenes des Straßenrestaurants bei weitem in den Schatten. Ich halte früh nachmittags in San Juan, weil dies auf meiner Straßenkarte der einzig größere Ort zwischen Queretaro und Mexico-Stadt ist.Hotel CasteloWas ist das Hotel Castelo? Ein moderner Bau, Hotel und Motel. „Normaler“ Hotelbetrieb und Stundenhotel. Zimmerpreis 480 Pesos, bei normaler Checkout Zeit. Bei Bleibedauer bis 8 Stunden günstiger, 370 Pesos, danach Stundenverrechnung, 50 Pesos pro Stunde. Sehr diskreter Motelbereich, eine eigene Garage mit Rollbalken zu jedem Zimmer, diese modernst eingerichtet und geräumig. Von drei Leuchten im Badezimmer brennt nur eine, der Haushandwerker kommt durch einen Seiteneingang und wechselt die Lampen in kürzester Zeit. Die Speisekarte eine Augenweide, die Preise nicht überhöht, die Speisen magenfüllend. Das T Bone Steak, das ich bestelle, kann sich sehen lassen. Wie auch die Articulos Varios auf der letzten Seite der Speisekarte, von Crema Nivea und Pasta Dental bis  Preservativo M-Force und Sico Ring Anillo Vibrador, nicht zu vergessen die Aspirinas. Wiewohl mein Spanisch bruchstückhaft ist, meine ich zu verstehen, dass es sich bei letztgenannten Artikeln nicht um Essbares handeln dürfte.

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16.11.2014, Tepeji de Ocampo, Hotel, Tkm 99, Gkm 17.315

Bergauf, nicht steil, aber stetig. Die Steigungen erkenne ich nur an den immer höheren Hügeln vor mich, zudem komme ich sehr langsam voran.

Nach 50 km das Restaurant Monte Alto am Straßenrand. Monte Alto, hoher Berg. Ich bin stundenlang bergauf gefahren, die Beine schmerzen, aber ich sehe Licht am Horizont: Täler und niedrigere Berge.Tepeji de Ocampo30 km bergab, dann wird die Landschaft rauer. Tiefe Schluchten, Felswände, die Gegend unbewohnt. Vorerst problemlos zu fahren, bis ich in eine über Tepeji hinausreichene Baustelle gelange.

Diese ist vorerst harmlos, aus drei Fahrspuren werden zwei, der Hang wird abgetragen. Heute ist Sonntag, es wird nicht gearbeitet, die Absicherung der Baustelle erfolgt mexikanisch, mit Pollern, die irgendwo herumstehen. Kein Fahrzeug verringert bei der Einfahrt in den Baustellenbereich die Geschwindigkeit, die Fahrer drängeln, ein Kleinlastwagen wechselt von der gesperrten Fahrspur auf die überfüllte zweite Spur und verfehlt einen Sattelschlepper um Haaresbreite.

Die Hangabtragung ist der Beginn. Auf den nächsten 10 km wird der Belag erneuert, eine 60 cm dicke Betonschicht wird aufgetragen. Ich muss auf die Hauptfahrbahn. Rechts die scharfe Abbruchkante, links die vorbei donnernden Fahrzeuge. Bin heilfroh, unfallfrei in Tepeji anzukommem.

Das Hotel an der Hauptstraße macht von außen einen tristen Eindruck. Im Erdgeschoss ein Schreibtisch mit einem Uralt-PC, im Stiegenaufgang eine Christusstatue und ein Madonnenbild. Doch die Zimmer sind größer und sauberer als erwartet, wenngleich spärlichst eingerichtet. Kein Tisch, kein Sessel, keine Ablage, ein alter Fernsehapparat.

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17.11.2014, Mexiko-Stadt, Hotel Faja de Oro, Tkm 85, Gkm 17.400

Montagmorgen, Sonnenschein, verlängertes Wochenende. Der Montag vor dem Unabhängigkeitstsg am 20. November wird in Mexiko als nationaler Feiertag betrachtet. Mehr Pkws, aber weniger Lkws auf den Straßen als an normalen Wochentagen.

In der Ortsmitte von Tepeji beginnt die nächste Steigung, 9 km bergauf. Heute ist das Bergauffahren kein Problem, ich bin auf Steigungen programmiert. Die Baustelle endet kurz nach Tepeji, ich habe auf dem Pannenstreifen freie Fahrt.Este_CaminoIm Anstieg nach Tepeji überholt mich stotternd ein vollbesetzter Renault-Kleinwagen. Zwei Kilometer weiter steht das Fahrzeug mit offener Motorhaube am Straßenrand, der Fahrer werkt im Motorraum, vergeblich. Mit Blau-/Rotlicht hält ein Streifenwagen der Policia Statal hinter dem Pannenfahrzeug, ein Polizist spricht mit dem Autofahrer. Wenig später werde ich überholt: Das Polizeiauto schiebt den Kleinwagen den Berg hoch, mitten im fließenden Verkehr, mit etwa 70 kmh. Das defekte Fahrzeug sehe ich später wieder, in der Einfahrt zur nächsten Tankstelle, auf der anderen Seite des Berges.

Este camino no es de alta velocidad. Diese Straßen sind nicht für hohe Geschwindigkeiten gebaut. Was allerdings einzelne Autofahrer nicht hindert, trotz hoher Polizeifrequenz ordentlich aufs Gaspedal zu steigen.

Ich habe ein Hotel in Flughafennähe gebucht, allerdings erst für den kommenden Freitag und Samstag. Will sehen, ob ich mich für den Rest der Woche dort einquartiere. Ich folge den Hinweisschildern Aeropuerto, auf einer Autobahn, die auf meiner Karte lediglich als „geplant“ aufscheint. Wenig Verkehr auf dieser Ausweichstrecke, aber es wird schwieriger, die Mautstellen zu passieren. Runter von der Straße über steile Stufen, auf einem holprigen Feldweg die erste Mautstelle umfahren, die nächste Auffahrt nehmen, in einem Entwässerungskanal das nächste Mauthäuschen umrunden.

Im Norden sehe ich Laguna Zumpango, einen der wenigen verbliebenen Seen der vor Jahrhunderten ausgedehnten Seen- und Sumpflandschaft im Valle de Mexico. Im Süden ausgedehnte Reihenhaussiedlungen, doch die Bauern haben den Kampf gegen die wuchernde Stadt noch nicht aufgegeben. Treiben auf Pferden, begleitet von Eselskarren, ihre Rinder- und Schafherden auf die Weiden.Laguna ZumpangoNur noch 15 km bis zum Flughafen, doch an der Ausfahrt Avenida Central ist Schluss mit Fahren auf der Autobahn. Keine der 8 Fahrspuren durch die Mautstelle darf ich benutzen, unbarmherzig weisen mich die Mauteinheber von der Autobahn. Avenida Central, klingt wie eine wichtige Verkehrsverbindung, die durch Mexiko City führt.

Ich radle und radle. Ist schon schwer genug, wegen des starken Verkehrs auf die stadteinwärts führende, mehrspurige Richtungsfahrbahn zu gelangen. Doch nun muss ich mit dem Lokalverkehr mithalten. Eng vorbeifahrende Pkws, zahllose Taxis, Busse, Lkws. Bröckelnder Asphalt; Löcher, wo Kanalgitter sein sollten. Nach einigen Kilometern wird es einfacher: Die Metrobusse haben nun eine eigene Fahrspur in der Straßenmitte, die Hauptstraße bekommt eine parallel, wenngleich überlastete Seitenstraße.

Ich frage nach der Hoteladresse. Niemand kennt die Straße. Ich frage nach der generellen Richtung zum Flughafen. Immer geradeaus. Langsam wird mir klar, dass ich noch nicht in der Hauptstadt, sondern in der riesigen Satellitenstadt Ecatepec bin. Ich frage Passanten, Busangestellte, Taxifahrer, bis ich endlich ein älteres Ehepaar finde, das das Faja de Oro kennt. Und, sieh an, die letzten Kilometer radle ich auf der zum Hotel führenden Av. Eduardo Molina auf einem Radfahrstreifen.

Nach 8 Monaten und 17.400 km stelle ich mein Fahrrad im Zimmer 406 des Hotels Faja de Oro in Mexiko-Stadt ab. In jener Stadt, die ich nie ernsthaft als Ziel der heurigen Etappe in Erwägung zog. Zu groß, zu chaotisch, zu gefährlich. Jetzt bin ich hier, vor allem wegen der günstigen Flugverbindungen nach Europa. Die Stadt ist nicht nur groß, sondern riesengroß. Und für Radfahrer wegen des chaotischen Straßenverkehrs besonders gefährlich.

Was sagt Wikipedi? Mexiko-Stadt (spanisch: Ciudad de Mèxico oder Mèxico D.F.) ist die Hauptstadt von Mexiko, kein Bundesstaat, sondern ein bundesunmittelbarer Hauptstadtbezirk (Distrito Federal), etwa 9, im Ballungsraum etwa 22 Millionen Einwohner. Etwa 2.300 m hoch gelegen, auf drei Seiten von Bergen umgeben, die man wegen der starken Luftverschmutzung nur selten klar sieht. Eine schnell wachsende Stadt, erdbebengefährdet. Weltkulturerbe.

Mexikos Hauptstadt

im bundesunmittelbaren Hauptstadtbezir
18.–22.11.2014, Mexiko-Stadt, Hotel Faja de Oro

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18.10.2014.

Stadtbesichtigung. Mit dem Metrobus in die Stadt, mit der Metro(bahn) – teils über, teil unter Grund – zurück. Abenteuerliche Fahrten, der Bus am späten Morgen überbesetzt. Doch kein Vergleich mit der Metro um 18 Uhr. Schier unglaublich, welche Menschenmassen zu den Stationen strömen, dort vierreihig warten, sich in die Züge quetschen.

Fit bin ich heute nicht, die gestrige Sopa Marisco ging unverdaut durch den Körper. Was, wenn ich in der Altstadt dringend muss? Noch habe ich die zahlreichen öffentlichen WC nicht entdeckt, die für das Ausscheidungsbedürfnis der Hauptstädter eingerichtet sind. Ich bleibe in der Nähe modern aussehender Kaffeehäuser, was nicht einfach ist, denn viele gibt es im Altstadtbezirk nicht.

Ich wandere von Kirche zu Kirche, von einem Palast zum nächsten, durch einen Büchermarkt auf offener Straße, zum Torre Latinoamericano. Eröffnet 1957, war das Bauwerk mit 45 Stockwerken und 161 Meter Höhe einst das höchste Gebäude Lateinamerikas. Ich zweifle nicht daran, dass die Aussicht von der obersten Plattform grandios ist. Doch wozu hoch hinauf in einer erdbebengefährdeten Zone, wenn die Sicht wegen Smog und Wolken eher gering ist und ich von meinem Hotelfenster im 4.Stock auch einen guten Ausblick habe?

Im Restaurant des Hotels bin ich abends vorerst der einzige Gast, bestelle ein T-Bone Steak. Beachte einen später erscheinenden Gast kaum, nimmt das Käppi nicht vom Kopf. Nicht fehlende Manieren, sondern fortschreitender Haarausfall sind der Grund, warum Sara eine Kopfbedeckung trägt. Wohnt in Los Angeles, ist in Mexiko, um Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. Ihr 80-jähriger Vater ist Hälfteeigentümer einer Ranch, auf der über Jahrzehnte sukzessive Campesinos siedelten. Miteigentümer ihr kürzlich verstorbener Onkel, Trinker und Spieler, dem die Verwaltung der Ranch oblag. Nun geht es um unklare Geldflüsse und unterschlagene Urkunden. Sara scheint überfordert, im Umgang mit den Miterben, mexikanischen Behörden, Hotels.

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19.10.2014.

Wandere von Osten nach Westen durch die Altstadt, vorbei an den unzähligen Verkaufsläden und -ständen. Setze mich zum Ausrasten in die nächstbeste Kirche, Parroquia Jesus Maria, ehemaliges Kloster, gebaut 1580. Wegen der alten Wandmalereien (Murales) unter Verwaltung der Comision Nacional de Arte SacroKirche Jesus MariaMoneda, die belebte Straße vor der Kirche Santa Ines, wird betoniert, der Besuch des von Diego Caballero und seiner Gattin Ines de Vellasco, Condes de Cadena gegründeten Gotteshauses daher schwach. Ein mexikanisches Touristenehepaar, zwei betende Männer. Die Kirche Jesus Maria war besser besucht: Mehrere Betende, zwei schlafende Männer und ein schlafender Hund.Kirche Santa InesEl Museo de las Culturas, heute freier Eintritt. Was in dem ausgedehnten Palast geboten wird, ist allerdings eine Schande. Rechterhand im 2. Stock La Sala Intermedia. Bunte Sitzgruppen in der Saalmitte, veraltete Personalcomputer an zwei Wandseiten. 5 Personen, die das Angebot nützen. Im Obergeschoss des zweiten Gebäudetrakts in fünf Räumen die Sonderausstellung „China“, vor allem Keramiken. Im Erdgeschoss nicht zu vergessen die Sonderausstellung „Arabia“, mit Exponaten zur Geschichte der Ägypter über Babylonier und Perser bis Griechen und Römer, gezeigt an Hand einiger Vasen und Skulpturen. An mehreren Stellen die Hinweistafel „Sala de Exhibicion, cerrado por montaje“. Geschlossen. Mehr uniformiertes Wachpersonal als Besucher, unter diesen mehr Gringos als Mexicanos.

Schlapp hängt die mexikanische Fahne vom riesigen Mast in der Mitte der Plaza de la Constitucion, was wohl der Stimmung im Land entspricht. Der weite kahle Platz vor der größten Kathedrale des Landes ist mäßig bevölkert. Ein Sattelschlepper in Tarnfarben der Armee kommt angefahren, am Platz aufgestellte Absperrgitter werden abgebaut und von Zivilisten auf den Sattelzug geladen. Auf 5 weiteren Militärlastwgen sitzen Zivilisten, unterhalten sich mit den Soldaten. Die Stimmung scheint entspannt auf dem im Volksmund „Zocalo“ genannten Platz. Weil hier nach Erlangen der Unabhängigkeit ein Denkmal errichtet werden sollte. Doch nur der Sockel wurde gebaut.Plaza de la ConstitucionIch bereite mich auf meine Rückkehr in den kalten Winter vor und kaufe in einem Outlet-Store eine Jacke. In der Zwischenzeit ziehen die obligaten nachmittäglichen Wolken auf und es beginnt leicht zu regnen.

Die Iglesia Nuestra Senora de Pilar ‚La Ensenanza‘ ist die bislang üppigst ausgestattete in der Stadt. Eine vergleichsweise kleine Kirche, Altarbereich und Seitenwände vergoldet, zahlreiche Heiligenfiguren, dazwischen Wandgemälde. Seit einer halben Stunde beten etwa 10 Leute den Rosenkranz, unter Anleitung einer aus dem Lautsprecher schallenden weiblichen Stimme. Das Gebet ist endlich zu Ende, jetzt kann ich fotografieren.Iglesia Nuestra Senora_______________________________
20.11.2014:

Habe nichts Besonderes vor, also fahre ich Metro(bahn). Fahrpreis 5 Pesos, 3 Stationen, bis Pino Suarez. Vor der Kirche Parroquia de San Miguel Arcangel, erbaut 1690, fünf Obdachlose. Die Kirche hell und geräumig. Ein großzügiger Altar aus weißem Marmor, die Kuppelgewölbe aus gemauerten Ziegeln. Ein Hauptschiff, drei Seitenkapellen. Vier betende Besucher, zwei Männer mit Besen und Staubwisch reinigen den Altarbereich, ein Obdachloser auf Krücken inspiziert den Kirchenraum, auf der Suche nach Verwertbarem.

Ein Obdachloser (oder Reisender?) hat die Nacht auf einer Parkbank vor der Kirche verbracht. Faltet mehrere Decken zusammen, ist gut ausgerüstet, mit einer Zehnliter Plastikflasche für Wasser und zahlreichen Styroporbehältern für Essen. Lässt sich von einem Bettler einen Weg beschreiben.Parkbank vor der KircheEsta jardin vertical …, ein vertikaler Garten in der Calle Regina. 280 qm Grünfläche mit 6.745 Pflanzen, gesponsort von Garnier. Ein Blickfang und ein netter Versuch, die Luftqualität in der Stadt zu verbessern.FranziskanerkonventKleine Springbrunnen auf dem Platz vor dem Franziskanerkonvent mit dem angrenzenden Hospital. MüllarbeiterInnen nutzen das Wasser der Brunnen, um die gelben Mülltonnen zu reinigen. Das Hospital ist verwaist, von Orden geführte Spitäler wurden vor langer Zeit geschlossen. Einlass in die Franziskanerkirche ab 16,30 Uhr, so lange will ich nicht warten.

Durch seine rostbraunen Mauern und vergitterten Fenster macht der riesige Gebäudekomplex des Colegio de San Ignacio de Loyola Vizcaines einen abschreckenden Eindruck. Der noch verstärkt wird durch hunderte schwerbewaffnete Polizisten der Policia Federal, die in einer durch Gitter abgesperrten Seitengasse herumstehen.

Neben dem Museo Franz Mayer, dessen Eingangstore in einer halben Stunde schließen, der Templo San Juan de Dios. Innen eher schlicht, Hauptschiff mit einem Seitenaltar, sechs große Gemälde an den ockerfarbenen Wänden, einige Heiligenstatuen. Der Altarbereich einfach, gekreuzigter Christus, flankiert von zwei Statuen. Entsprechend gering die Anzahl der Besucher, fünf Personen.

Den Palacio Nacional habe ich auf dem Weg zum Zocalo, dem zentralen Platz vor der Catedrala Metropolitana, mehrfach passiert. Lauthals boten mittags zahlreiche Verkäufer ihre auf dem Boden liegende Ware zum Verkauf an. Spät nachmittags ist ihre Marktschreierei noch nicht verstummt, doch in der Straßenmitte stehen mehrreihig Absperrgitter. Dahinter Hundertschaften von Polizisten, mit Schutzhelmen, Schutzschildern, Schlagstöcken, Feuerwaffen. In der angrenzenden Seitengasse treffen Pickups mit schwerbewaffneten Polizisten ein. Viele Inhaber lassen die Rollbalken ihrer Läden herunter. Andere Geschäftsleute und Passanten gaffen. Am Abend sehe ich es im Fernsehen. Zigtausende Menschen demonstrieren am Palacio Nacional, zuerst friedlich, dann gewalttätig. Die Absperrgitter wurden als Rammböcke verwendet, durch die Luft geschleudert, von Demonstranten übersprungen; die Polizei setzt Tränengas ein.

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21.11.2014

Plaza de Alameda. Großzügig der Platz, am frühen Nachmittag Wind und leichter Regen. Mehrere Verkaufsstände sichern ihre Waren mit Plastikbahnen. Immer wieder wirft der Wind einen der großen Schirme um. Wird die hier verkaufte Ware lokal erzeugt? Nicht alles. Ein Blick in eine Mütze genügt: Made in China.

Zeigt wenigstens das Museum lokale Kunst? Im Museo Mural Diego Rivera ein riesiges Wandbild mit den wichtigsten Persönlichkeiten, ein Geschichtsbild Mexikos. Der General: Diktator Porfirio Diaz. Der hochdekorierte Veteran auf Krücken: Leutnant Luis “ Lobo“ Guerrero, Spitzname General Medals, ein Held aus dem mexikanisch-amerikanischen Krieg. Der Bräutigam: Jose Guedalupe Posada, Mexikos populärster Graveur. Neben ihm eine Braut mit Totenkopf: La Cavalera Catrina, die mexikanische Version des Tods aus der Sicht Posadas. Bürger, Gendarmen, Landbewohner, die breite Palette der Bewohner Mexikos.Habsburger Kaisers MaximilianIm Obergeschoss Portraits des Malers Santiago Rebull. Darunter Bildnisse des Habsburger Kaisers Maximilian von Mexiko und seiner Gattin.

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22.-24.11.2014

Ist das Kuriose normal in Mexiko-Stadt? Ein Gitarre spielender Radfahrer. Ein brutaler Faustkampf im Park vor dem Museo Mural Diego Rivera, der durch fünf einschreitende Polizisten beendet wird. Vor der Metrostation Hidalgo wird ein Boxring errichtet. Ein auf dem belebten Plaza de Republica liegender Mann, gerüttelt von einem Zweiten, von zwei nebenstehenden Polizisten ignoriert. Schuhputzer mit fixen Ständen, andere mobil mit Putzkasten und Stockerl. Schachspieler in Alameda Central, einem beliebten Park angrenzend an den Torre Latinoamericana.Schachspieler in Alameda CentralMuseo Franz Mayer, Artes Decorativas y Diseñjo. Eine Kollektion von Zier- und Kunstgegenständen neben einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bilder, religiöse Gegenstände, Paravents, Möbel, Keramik, Silber. Der in Mannheim/D geborene und mexikanisierte Finanzmann und Kunstsammler Franz Mayer hat eine umfangreiche Sammlung hinterlassen, die in den Räumlichkeiten des früheren San Juan de Dios Hospital ausgestellt wird.Museo Franz MayerDie mexikanischen Männer sind beileibe nicht schön, meist klein und übergewichtig. Und die Frauen? Fette Bäuche, feiste Hintern, noch kleiner als die Männer. Ausnahmen bestätigen die Regel, gut aussehende Exemplare beiderlei Geschlechts sind gar nicht so selten. Bemitleidenswert die Kinder, meist übergewichtig. Habe ich irgendwo gelesen, dass Mexiko die fettleibigste Bevölkerung der Welt hat?

El fin – o el inicio – de Ruth. Ein großer Raum beherbergt die Sammlung von Ruth Deutsch Reiss (Ruth D. Lechuga), 1920 in Wien geboren und 1939 nach Mexiko emigriert, 2004 im Cuarto Rosa gestorben. Sie sammelte und schuf Gegenstände zum Tod, wie ihn die Mexikaner und sie sahen. Un dia, cuando yazca muerta en mi cama, me convertirè en parta de esta coleccion. Eines Tages, wenn ich tot in meinem Bett liege, werde ich selbst Teil dieser Sammlung sein.

In einem weiteren Gebäudetrakt, auf zwei Stockwerken in den Säulenhallen um einen Innenhof, eine umfangreiche Sammlung von Plakaten. Überragt von der Kuppel der Kirche San Juan des Dios und geprägt durch einen Brunnen mit einem kleinen Springbrunnen, ist das im Museum integrierte Cafe gut besucht.Mexico_Stadt_MuseumMexikanischer Nationalfeiertag. Menschenmassen in Parks und auf den Straßen. Nur wenige Geschäfte sind geschlossen, die Straßenhändler haben Hochbetrieb. Absperrungen um zahlreiche Gebäude wurden über Nacht weggeräumt, das Theater Bella Arte ist frei zugänglich. Auf dem Zocalo, dem riesigen Platz vor der Kathedrale, spielt zum Einholen der Fahne die Militärmusik. Die Tore zur Catedral Metropolitana stehen offen, das Innere der größten Kirche Nordamerikas ist atemberaubend. Zwei Altäre, 14 Kapellen, 2 riesige Orgeln, Statuen, Gemälde, Schnitzereien. Vor der Kanzel eine große Uhr. Damit der jeweilige Geistliche seine Zeit nicht überzieht.

Ich will nicht in der Dunkelheit zum Flughafen radeln, zu gefährlich sind die Straßen der Hauptstadt. Habe allerdings nicht mit zwei Terminals gerechnet. Terminal 2 ist falsch, also zurück zu Terminal 1. Als ich dort ankomme, ist es dunkel, und nach einigem Suchen finde ich die Abfertigungsspur von Air Canada.

Fahrradmitnahme problemlos, aber verpackt muss das Rad sein. Diesmal ist nicht der Transport, sondern das Einpacken unverhältnismäßig teuer. In Halle D checke ich ein, aber die (mobile) Verpackungsmaschine steht in Halle F. Dorthin schiebe ich das Fahrrad, dort wird es mit Folie umwickelt, von dort schleppe ich es zurück zum Großgepäcksschalter in Halle D. Die Radübergabe an das Flughafenpersonal wird in einer Liste vermerkt und durch Unterschriften bestätigt – der Amtsschimmel wiechert. Stückeverrechnung beim Gepäck, Transportkosten für eine Fahrradtasche etwa 80 Dollar. Der Vorschlag der Airline-Mitarbeiterin, die Tasche als Handgepäck mitzunehmen, klingt gut. Nun wandere ich mit drei Gepäcksstücken, umgehängter Handtasche und zwei Fahrrad-Gepäcktasche, zum Flugzeug.

Ich fliege von Mexiko-Stadt nach Wien, mit Zwischenlandung in Toronto. Das Flugzeug der Air Canada hebt kurz vor Mitternacht in Mexiko-Stadt ab, ist etwa zu einem Drittel besetzt, landet nach ruhigem Flug nach 4 Flugstunden um 5 Uhr Ortszeit am 23.11. in Totonto, Kanada.

Warte im Ausgangsbereich des Flughafens auf Elley. Zufall und praktisch zugleich, dass Toronto die Zwischenstation meines Heimflugs ist. Elley war im Vorjahr meine Gastgeberin in der größten kanadischen Stadt und holt mich heute vom Flughafen ab. Damit ich Jaques, ihren Mann und pensionierten Uni-Chemieprofessor kennenlerne. Um gemeinsam in einem Chinarestaurant in Kensingtons Chinatown zu brunchen. Wohl auch, um Jaques (und meine) Zustimmung zu ihrer nächstjährigen großen Radtour einzuholen. Sie will mehrere Monate mit mir durch Südamerika radeln.

Personen- und Gepäckskontrolle in Toronto vor dem Abflug nach Wien. Diesmal ist es nicht die Nagelschere, die beanstandet wird. Zahnpastatube und 15-er Schraubenschlüssel dürfen nicht ins Flugzeug. Ohne die beiden gefährlichen Gegenstände hebt der vollbesetzte Flieger der Austrian Airlines um 18 Uhr in Toronto ab und landet tags darauf, am 24. November, nach 8 Stunden Flugzeit um 8 Uhr Ortszeit in Wien.

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