Mexico 2015

Mexico von Nord nach Süd

29.08.2015, Chihuahua, Hotel Santa Regina, Tkm 15, Gkm 4750

Vor mir 375 km heiße und trockene Chihuahua Wüste. Die Mitarbeiterin im Visitor Center spricht von zwei Orten mit Versorgungsmöglichkeiten: Nach 117 km Villa Ahumada, nach weiteren 50 km Mochezuma, dann 200 km Nichts. Ausschlaggebend für meine nächste Entscheidung ist jedoch die Windprognose: Südwind mit 25 kmh. Gegen einen derart kräftigen Wind ist das lange dritte Teilstück kaum zu schaffen und auf abflauenden Wind will ich nicht warten.

Die im Touristenbüro zur Wüstenstrecke erhaltene Auskunft ist aber nur teilweise richtig. Die Straße verläuft nicht schnurstracks geradeaus und in flachem Gelände. Ebene Strecken wechseln mit Hügeln, kurvige Streckenteile mit geraden. Zahlreiche kleine Stores und Restaurants in Villa Ahumada, einige weitere Lokale und Tankstellen über die gesamte Strecke verstreut. Doch das sehe ich erst, als ich im Bus nach Chihuahua sitze.Chihuahua(Ciudad) Chihuahua, Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und Heimat der kleinsten Hunde der Welt, profitiert von der relativen Nähe zur USA. Viele Betriebe haben sich hier angesiedelt. Die über Hügel verstreute Stadt wächst wie ein Moloch. Entsprechend weit ist der Weg vom Busbahnhof in einem Vorort ins Stadtzentrum. Dort will ich wohnen, dort finde ich ein Hotel, das Santa Regina zentral gelegen, aber abgewohnt.

Eine Kathedrale im Stadtzentrum, mehr Sehenswürdigkeiten gibt es nicht. Auf einer Freifläche beim Regierungspalast ist eine Bühne für eine Musikveranstaltung aufgebaut. Das Grand Final im diesjährigen – zwischen Volksmusik und Rock angesiedelten – Songcontest wird ab 17 Uhr live im Fernsehen übertragen. Solisten und Musikgruppen, Fanclubs, Stimmungsmacher, etwa eintausend Besucher. Am Schluss erhalten die drei Erstplazierten Schecks in Höhe von 10000 bis 50000 Pesos. Laute, ins Ohr gehende Musik, die viele Straßenblocks entfernt noch gut zu hören ist.Kathedrale im Stadtzentrum

Chihuahua ist Ausgangspunkt einer Bahnlinie, die entlang dem „Kupfercanyon“ durch die Berge der Sierra Madre Occidental nach Los Mochis an der Pazifikküste führt. Ich beschließe, die Gegend um Barranca de Cobre nicht mit „Chepe“, dem einmal täglich auf dieser Strecke verkehrenden Zug zu besuchen, sondern ein Mietauto zu nehmen. Womit ich mir, um es vorwegzunehmen, unerwartet Probleme einhandle. Ich buche am späten Abend via Internet ein Mietauto, das ich morgen Mittag am Flughafen Chihuahua abholen will.

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30.08.2015, Chihuahua, Hotel Santa Cruz, Tkm 14, Gkm 4764

Ich radle zum Flughafen, durch das hügelige Chihuahua. Der Airport ist nicht leicht zu finden, liegt weit außerhalb der Stadt; ich muss mehrmals nach dem Weg fragen. Bin um 11 Uhr vor Ort, voller Zuversicht, das Mietauto zu übernehmen. Bedenken habe ich lediglich im Hinblick auf die aggressive Fahrweise der Mexikaner.

Ich frage nach Argus (Car Trawler), doch ein Vermieter dieses Namens ist am Flughafen Chihuahua unbekannt. Ist nicht Hertz der Vermieter? Der Mitarbeiter im Abstellbereich der Hertz-Autos kennt weder Argus noch ist unter meinem Namen ein Auto bei Hertz reserviert. Eigentlich darf ich die Flughafenhalle nicht betreten, denn ich habe weder Flugticket noch eine Druckversion der Autoreservierung. Der Security-Mann hat ein Einsehen, hilft beim Übersetzen, behält mein Fahrrad im Auge.

Was nun folgt, ist Gegenstand eines intensiven Emailverkehrs mit billiger-mietwagen.de. Jener Gesellschaft – oder Internetplattform – bei der ich den Mietwagen buchte. Die wiederum behauptet, nur als Vermittler für irischen Anbieter Argus (Car Trawler) aufzutreten.

Kurz gesagt: Mit der Buchung wird mein Kreditkartenkonto mit etwa 190 Euro belastet. Dafür sollte ich einen Mietwagen von Hertz für drei Tage erhalten. Aber der Hertz-Schalter ist eine Stunde lang unbesetzt, weil sich der Hertz-Angestellte in der Stadt sein Mittagessen besorgt. Zwischenzeitig werde ich vertröstet. Hertz-Mann erscheint, durchsucht mehrmals seine Unterlagen, sagt mir, dass weder eine Reservierung unter meinem Namen vorliegt noch ein entsprechendes Fahrzeug vorhanden ist. Gibt sich mit meiner Reservierungsbestätigung auf dem Tablet nicht zufrieden, will diese in Schriftform. Hektische Beratung unter Beiziehung mehrerer Personen, die mir unterschiedlichste Ratschläge erteilen. Endlich kann ich WIFI nützen, die Daten am Hertz-Schalter drucken lassen. Nun folgen lange Telefonate des Hertz-Vertreters am Airport mit dem Stadtbüro, dort (laut Auskunft HVaA) Telefonate mit Hertz-USA. Ergebnis um 14 Uhr: Die Buchung sei von Hertz-Europa nicht an Hertz-USA weitergeleitet worden. Ich trete vom Vertrag zurück, weil zum vereinbarten Zeitpunkt das vereinbarte Fahrzeug nicht verfügbar war und ich ein Ersatzfahrzeug nur gegen neuerliche Zahlung mittels Kreditkarte erhalten hätte. Sende ein entsprechendes Email noch vom Flughafen an billiger-mietwagen.de. Was folgt, ist ein über Wochen dauernder Emailverkehr, in dem „billiger-…“ auf gehabte Probleme mit „Argus ..“ hinweist, meine Reklamation an die Iren weiterleitet, die 6 Wochen später mitteilen, dass die Reklamation bearbeitet wird.

In der Zwischenzeit ist ein lokaler Vermittler nicht untätig. Bietet eine Dreitagestour mit BUSOR zum Kupfercanyon an. Creel, Teleferico y Barrancas del Cobre um 2590 Pesos an. Mit einem Besuch einer Mennonitensiedlung und der Wasserfälle von Basaseachi, zusätzlich 1150 Peso. Wir verhandeln den Preis und einigen uns bei 3400. Also zurück in die Stadt Chihuahua, diesmal jedoch im Auto des Vermittlers.

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31.08.2015, Creel, Hotel Santa CruzDreitagestour

Der Start der Dreitagestour nach Creel und zum Copper Canyon wurde von 8 Uhr auf 7,30 Uhr vorverlegt. Was allerdings das Personal des mitveranstaltenden Hotels nicht interessiert, denn das „Frühstücksbuffet“ öffnet mit 20 minütiger Verspätung um 7,20 Uhr. Vor dem Eingang wartet ein Hoteltaxi, mal kommt der Fahrer zur Rezeption, mal wandert er zum nahen OXXO-Store. Ich schenke dem Fahrer keine Beachtung, weil ich kein Taxi, sondern zumindest einen Kleinbus als Transportfahrzeug erwarte.

Das Hoteltaxi bringt mich ans Ziel. Entgegen der Zusage des Tourveranstalters spricht der Fahrer und „Führer“ Santiago kein Wort Englisch. Mühsam erfrage ich den nächsten Zielort und verstehe „Junta“. Ist dies ein Hotel in Chihuahua, wo wir drei weitere Personen abholen? Nein, denn der Fahrer kämpft sich im dichten Morgenverkehr durch die Vororte von Cd. Chihuahua und rast dann in einem Höllentempo auf der Landstraße nach Westen, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen missachtend.

Wir fahren durch kleine Orte und durch die Stadt Cuauhtemoc. Nach 170 km erreichen wir einen Bahnübergang mit der Abzweigung zum Dorf La Junta. Einige hundert Meter vom Ortsrand entfernt hält inmitten einer Wiese „Chepe“, einer der wenigen noch in Betrieb befindlichen Personenzüge Mexikos. Neben einigen Dörflern entsteigen drei Frauen dem Zug, schleppen ihre Koffer über den holprigen Wiesenweg. Eugenia und ihre Tochter Beatriz sowie deren Freundin Paulina, 29, alle aus Cd. Mexico, sind also die weiteren Tourteilnehmerinnen. Paulina ist aufgeschlossen und spricht gutes Englisch, das Englisch ihrer Freundin Beatriz ist stockender.

Wir starten das Tourprogramm mit einer fast einstündigen Rückfahrt zur Mennonitensiedlung nördlich von Cuauhtemoc. Deutsch sprechende Mennoniten siedelten nach 1921 unter anderem auch in Mexiko, noch immer ist deren Umgangssprache Plattdeutsch und die offiziell verwendete Sprache Hochdeutsch.

Wir beginnen mit einer Museumstour, mein Führer ist deutschsprechend. Ich erfahre Details zur Vergangenheit und Gegenwart der Mennoniten. Gegründet vom antipaptistischen katholischen Priester Menno Simmons 1536 in den Niederlanden, verfolgt, nach Preußen und später nach Russland, in der Folge nach Kanada und USA umgesiedelt. Probleme in Kanada im ersten und zweiten Weltkrieg, weil Kriegsverweigerer und als „feindlich“ eingestuft. Die hiesige (und andere nunmehr mexikanische) Gemeinde(n) verlassen Kanada 1921, zählen weltweit etwa 2 Mio. getaufte Mitglieder (plus etwa ebenso viele umgetaufte), sind mit bedeutenden Gemeinden weltweit vertreten, wirtschaftlich erfolgreich, in Konservative (hier 80%) und Liberale (hier 20%) geteilt. Wir besuchen die mennonitische Käserei – die ihren Käse mexikoweit vertreibt – , eine mennonitische Bäckerin und essen in einer mennonitischen Pizzeria. Fazit: Um die wirtschaftlich prosperierende mennonitische Gemeinschaft am Campos Menonitas bei Cuauhtemoc, die etwa zehntausend Nichtmennoniten als Arbeitskräfte beschäftigt, braucht man sich vorerst keine Sorge machen.

Stundenlang fahren oder rasen wir dann nach Westen, zu den Cascada de Basaseachi, la mas Grande de Mexico, den höchsten Wasserfällen Mexikos. Auf engen Bergstraßen nach Creel, das hauptsächlich von Touristen lebt.

Bei so vielen Polizisten im und um das Hotel Santa Cruz in Creel kann ich mich nur sicher fühlen. Es ist zumindest eine Hundertschaft, viele essen und wohnen im Hotel, das an ein Polizei-Ausbildungszentrum für die Provinz Chihuahua angrenzt.

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01.09.2015, Creel, Hotel Santa Cruz

Zweiter Tag der Tour. Heute nicht in einem Pkw, sondern in einem „richtigen“ Kleinbus. Zuerst zum wenige Kilometer entfernten Lago de Arareko. Wandersteige führen in lichten Pinienwäldern um den See. Für mich ist der See nichts Besonderes, für die drei Mexikanerinnen schon. Sauberes Wasser ist in Mexiko selten, saubere Bergseen eine Attraktion.Beatriz

Beatriz ist ein Selfie-Freak. Fotografiert sich und die Umgebung in allen möglichen Positionen. Am Arareko See, am Elefanten- und am Froschfelsen, vor der um 1670 errichteten Kirche Mision Indigena San Ignacio de Arareko, im Valle de los Ranas und im Valle de los Hongos. Ärmlich und klein die Häuser bzw Hütten der Indigenas, aufgeräumt und bunt die neben der Kirche errichtete Schule mit Quartieren für Schüler aus entfernteren Gebieten.

Ein ausgewaschener Feldweg führt hügelauf zu den Cuevas de Sebastian. Hier lebten Indigenas in Vorzeiten in Höhlen und bewirtschafteten umliegende Felder. Hier leben zwei Indigena-Familien unverändert in Höhlen. Gesetzliche Bestimmungen erlauben keine Veränderung dieser Behausungen, weshalb die Bewohner umliegender Höhlen in einfache Häuser umzogen. In überhängende Felswände gebaut, Schlafkammern in den Fels gehauen, offene Feuerstellen, Speicherschränke im Schutz von Felsen, herabtropfendes Wasser in Scheffeln gesammelt. Ein geschützter, aber nicht wirklich wohnlicher Bereich.

Die drei reizenden Mexikanerinnen aus Mexiko-Stadt.

Die drei reizenden Mexikanerinnen aus Mexiko-Stadt.

Wir fahren die schmale Straße durch jetzt bergiges Terrain ins Canyonland. Barranca de Cobre – Copper Canyon – Kupferschlucht, der tiefste Canyon Nordamerikas, sagt man, viel tiefer als Grand Canyon in USA. Beide werden oft in einem Atemzug genannt, unterschiedlich sind die Meinungen. Nach dem Besuch von Grand Canyon im August habe ich den direkten Vergleich. Copper Canyon ist weitläufiger, baumbestandener, grüner. Grand Canyon mit steil abfallenden Felswänden ist kahl, enger, farbenprächtiger. Später checke ich die Tourist Map of Chihuahua und sieh da! In der Liste der (elf) Barrancas und (zwei) Cañones liegt Barranca de Cobre mit 1300 m nur an neunter Stelle der tiefsten Schluchten der Sierra Tarahumara, weit hinter Barranca de Urique (1879 m), Barranca de Sinforoso (1830 m) und Barranca de Batopilas (1800 m).

Beatriz hat eine Fahrt mit dem „Tirolese“ vorausgebucht. Die Anspannung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Mutter stirbt fast vor Angst, als sie den kleinen Sitz auf dem in die Tiefe führenden Seil sieht. Ob ich nicht Tirolese fahren will? Danke, kein Interesse, außerdem zu teuer. Ich begleite Eugenia und Paulina im Teleferico, der Gondel, die vom Nordrand des Canyons zu einer Bergspitze im Canyon führt.

Beatriz ist zwischenzeitig im Sitz gesichert und abfahrbereit, wir fotografierbereit. Abfahrt, rasend schnell gehts hinab, bald ist Beatriz nur noch als kleiner Punkt zu sehen, der sich auf einen gegenüber liegenden Berghang zubewegt. Wenig später ist die Fahrt zu Ende, Beatriz an der Talstation angelangt, macht sich auf dem Weg zum Umkehrpunkt des Teleferico. Wir fahren in einer Gondel mit der Seilbahn zur „Bergstation“. Eugenia hat Angst, ich beruhige sie: Wir werden heil hin und zurück kommen, denn wir fahren auf österreichischen Qualitätsprodukten, made by Doppelmayer. Eugenias Erleichterung ist spürbar, als sie ihre Tochter wohlbehalten in den Armen hält. Und die Rundumsicht vom Endpunkt des Teleferico ist imponierend.

Zurück zum Auto, ein kurzes Stück gefahren, dann trennen wir uns. Die drei Mexikanerinnen haben in Oteviachi ein Hotel gebucht und nehmen morgen „Chepe“ nach Los Mochis. Der Kleinbus bringt mich zurück nach Creel. Im Ort definitiv mehr Hunde als Menschen. Besonders lästig beim Abendspaziergang, wenn mich das Gekläff dutzender Köter begleitet und nicht wenige Biester frei herumlaufen.

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02.09.2015, Chihuahua, Hotel Plaza, Chihuahua.

Das Besuchsprogramm ist beendet, der Tag steht mir zur freien Verfügung. Als ob ich über meine Zeit nicht frei verfügen könnte. Was mache ich nur in diesem Kaff Creel? Ich wandere stadtauswärts zu dem am Berghang liegenden Friedhof. Ich wandere weiter auf der Straße, auf der wir gestern in den Ort gelangt sind. Über die kleine Kuppe zu den Höhlen von Sebastian, die wir bereits gestern besuchten. Zurück im Hotel in Creel aktiviere ich den Fahrer, der mich in rasender Fahrt nach Chihuahua bringt

In Chihuahua wechsle ich in das teurere Hotel Plaza, gleich hinter der Kathedrale. Nun wohne ich zentral und komfortabel. Muss aber nach einem kurzen Markt- und Stadtspaziergang feststellen, dass die Attraktionen die alten sind.Hotel Plaza

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03.09.2015, Delicias, Motel, Tkm 92, Gkm 4856

Langgezogen die Stadtausfahrt von Chihuahua. Immer trockener wird die Umgebung, als die Straße langsam in höheres Gebiet ansteigt. Viel Verkehr, steinig mit spärlichem Gras und Kakteen durchsetzt das hügelige Gelände ringsum. Komme mit Rückenwind rasch voran. Nach Querung der Hügel eine leicht abfallende Strecke bis Cardenas, dann wird das Land grüner. Vereinzelte Maisfelder und Wiesen, das Gras gemäht, das Heu zu kleinen Ballen gepresst.Langgezogen

Bei Meoqui überquere ich den Rio Chonchos. Wasserführend, kein verschmutztes Rinnsal wie zahlreiche andere mexikanische Gewässer. Eine Allee uralter Pappeln begleitet die Straße, eine Rarität in Mexiko.

Früh ist die Tagesleistung vollbracht, früh suche ich eine Herberge. Das American Inn ist mir zu teuer, also frage ich einer nett aussehenden Anlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Verschwitzt, wie ich bin, will ich sofort unter die Dusche. Wasche das Salz aus meinem Gesicht, will mein Raddress waschen. Doch halt, bei 36ºC zuerst die Klimaanlage einschalten! Schalter auf „Fresco Alto“, sehr kalt. Im Zimmer wird es immer heißer, warme Luft kommt aus dem Luftschacht. Keine kalte Luft, weder bei fresco alto noch bei fresco bajo, auch nicht bei vent alto und bei vent bajo. Ich reklamiere an der Rezeption, der Hausmeister repariert. Kurze Zeit entströmt kühlere Luft der Anlage, dann lange Zeit wieder warme Luft. Ich packe meine Sachen, will an der Rezeption den Zimmrrpreis zurückverlangen. Man entschuldigt sich, gibt mir ein anderes Zimmer, auch hier kommt warme, wenngleich nicht ganz so heiße Luft aus dem Ventilator. Der Austausch einer „Bomba“, eines Filters, soll Besserung bringen. Ich bin skeptisch und warte ab. Nach einer Weile strömt kühlere Luft aus der Klimaanlage. Ist es die „Bomba“, ist es die zunehmende Bewölkung, ist es der nahende Abend mit sinkenden Temperaturen, der die Änderung bewirkt? Ich weiss es nicht und bleibe im Motel.Motel

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04.09.2015, Camargo, Hotel Santa Rosalia, Tkm 71, Gkm 4927

Wohnen an der Stadtausfahrt. Die Billighotels, in denen ich in der Regel absteige, bieten meist kein Frühstück. Ein einziges Restaurant auf der dem Hotel gegenüber liegenden Straßenseite. Öffnet um 8 Uhr, bietet ein Frühstücksbuffet um 85 Pesos. Kurz nach 8 Uhr ist der Vordereingang noch geschlossen. Ohne Frühstück will ich die heikle Teilstrecke nach Camargo nicht fahren, also versuche ich es an der Hintertür. Offen, aber kein anderer Gast im Lokal. Nur noch zehn Minuten, dann werde das Buffet eröffnet. Aus den zehn werden zwanzig Mjnuten, doch das Warten zahlt sich aus. Es ist ein üppiges Frühstück.

Die Straße voerst leicht ansteigend, die Umgebung wird kahler, nach einer Weile nur noch Kakteenfelder. Als ich die erste Anhöhe überwinde, dreht der Wind. Zäh ist das Radeln gegen den Wind. Noch langsamer komme ich in einer 15 km langen Baustelle voran. Teer wird auf die Fahrbahn gesprüht, der den später aufzutragenden Split binden soll. Das Fahren im Teer ist zu anstrengend, Steinchen kleben an den Reifen. Ich wechsle auf die getrennt geführte zweispurige Gegenfahrbahn. Radle zehn Kilometer auf dem schmalen Bankett der Gegenfahrbahn. Fallweise wird es eng auf dem Pannenstreifen, wenn einzelne Lenker partout nicht ausweichen wollen.

Ich bin überrascht von den schmalen Seitenstreifen dieser mautpflichtigen Straße. Bankettbreite scheint Sache des einzelnen Bundesstaates. An der Mautstelle in Camargo unterhalte ich mich mit Oscar, bekleidet mit langer Hose und einem Sommermantel, bei einer Temperatur von 34ºC. Reinigt die WC-Anlagen, spricht gebrochen Englisch. Unterbricht fallweise das Gespräch, um mit seinen Wischbesen die Toilettanlagen und den gefliesten Vorplatz zu reinigen.

Um 14 Uhr ist Schluss mit Radfahren. Zu heiss, ich verschwitzt, das Gesicht salzverkrustet. Freundlicher Empfang im Santa Rosalia im Zentrum von Camargo, 1250 Meter hoch gelegen, 40000 Einwohner, als Santa Rosalis del Camargo gegründet, Handels und Agrarzentrum, Rinder, Mais, Weintrauben, Pistazien und Marillen. Bietet einige Ausflugsziele besonders für mexikanische Touristen.Kaffeehaus

Ein Kaffeehaus in einer Seitengasse. Eine Mischung aus Cafe und Antiquitätenladen, Sammelplatz für alte Fahrräder, Masken und Werkzeuge. Ich trinke eine Piña Colada in dieser Wüstenoase.

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05.09.2015, Jimenez, Hotel Colonial, Tkm 74, Gkm 5001

Mühsame Etappe. Nicht, weil es leicht hügelauf und hügelab geht. Auch nicht wegen der Temperaturen über 35ºC. Vielmehr wegen des Gegenwinds in der wüstengleichen Umgebung, die auf meiner Straßenkarte als Zona del Silencio bezeichnet wird. Knie- bis mannshohe Büsche, stacheliges Gras, drei Farmen/Ranches – Lärm erzeugen nur die gelegentlich vorbeifahrenden Fahrzeuge. Endlich neben der Gegenfahrbahn eine betonierte und schattige Stelle, wo ich mich setzen und etwas essen kann.betonierte Häuschen

Das nächste betonierte Häuschen kommt wirklich gelegen. Ich bin so müde, dass ich beim Fahren fast einschlafe. Runter vom Rad, rauf auf die betonierte Bank, schon schlafe ich.

Können 70 km wirklich so lang sein? Die Strecke scheint kein Ende zu nehmen. Endlich die Mautstelle von Jimenez. Ein fliegender Händler verkauft Obststücke in Bechern. Ananas, Wassermelonen, diesmal spicy, scharf gewürzt.Miguel und Veronica

Sitze geschafft auf einer Bank vor den „banjos“. Unterhalte mich mit dem Obstverkäufer, komme mit Miguel und Veronica ins Gespräch. Beide aus Guadelajara, auf einer Mexikorundfahrt, haben einen Einwanderungsantrag für Kanada gestellt. Veronica hat ein Semester in Dresden studiert, ist von ihrem Besuch in Österreich noch immer begeistert. Postet später einen aufbauenden Kommentar auf Facebook, den ich frei interpretiere: „Wenn man glaubt, bereits viel gesehen zu haben, trifft man einen echten Weltreisenden. Wenn ich älter werde, möchte ich so sein wie er“.

Die restlichen 10 km bis Jimenez sind ein Kinderspiel. Dort beginnt samstags das Leben ohnehin erst mit Einbruch der Dunkelheit. Verkehrsstau auf der Hauptstraße. Autoradios voll aufgedreht, fahren Einheimische die Straße auf und ab. Laute Musik such aus Bars und Nachtclubs, Hochbetrieb bei den Imbissständen, laute Musik in den Festräumen des Hotels Colonial. Noch lauter ist allerdings die Klimaanlage, die die Musik locker übertönt.

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06.09.2015, Highway 54, Buschcamp bei km 145, Tkm 91, Gkm 5092

Etwa 240 km von Jimenez im Bundesstaat Chihuahua nach Gomez Palacio im benachbarten Staat Durango an der Grenze zu Coahuilla. Endlose Kilometer durch die südlichen Ausläufer der Chihuahua Wüste. Die Hölle.Chihuahua Wüste

Ich fahre die Mautstraße, Torreron „cuota“. Geteilte Richtungsfahrbahnen mit jeweils zwei Fahrspuren, wegen des asphaltierten Banketts gefahrloser als die „alte“ Hauptstraße. Radfahrverbotsschilder außerhalb der Region Chihuahua bringen etwas Farbe in die eintönige Wüstenlandschaft, aber Verbotsschilder werden in Mexiko ohnehin ignorirrt

Die Benützung der Straße mag aus fahrtechnischer Sicht sicher sein. Doch sie umfährt großräumig bewohntes Gebiet, was in der ohnehin menschenleeren Quasi-Wüste kritisch sein kann. Die in den Straßenkarten angeführten Orte Escalon und Ceballos erkenne ich am Abend lediglich als Lichtermeer in unerreichbarer Ferne.

Keine Versorgungsstellen, Temperaturen um 40ºC, Gegenwind, nirgendwo das Anzeichen eines Schattens. Fallweise minutenlang kein Fahrzeug auf der Straße. Die Umgebung: Kniehohe Büsche. Nach Escalon verschwinden sogar die Strommasten, fernab gebaut neben der „alten“ Straße.

Nach der einzigen „Caseta“, der Mautstelle von Escalon, nur noch Wüste. Darauf bin ich nicht vorbereitet. Ich erwarte, wie in der Straßenkarte eingezeichnet, kleine Siedlungen, doch da ist nichts! Der Abend naht, die Dunkelheit bricht herein. In diesem Streckenteil ist das Bankett schmal, der Asphalt holprig, radfahren trotz des geringen Verkehrs ein Risiko.Monument

Was nützen die wohlwollendsten Ratschläge mexikanischer Freunde? Fahre nur bei Tageslicht! Campiere niemals während der Nacht irgendwo entlang einer Straße! Ich habe keine Wahl. Ich kann nicht weiterfahren, ich muss irgendwo nächtigen. Das Irgendwo ist heute das riesige Monument zwischen den Richtungsfahrbahnen an einer Umkehrstelle an der Grenze der Bundesstaaten. Der Steinkoloss ist Windschutz und geringer Sichtschutz zugleich, der gewählte Zeltplatz so unsicher wie jeder andere an der Hauptstraße. Über mir ein Sternenmeer, unter mir der zitternde Boden vorbeidonnernder Schwerfahrzeuge. Was, wenn das Monument wie viele andere Bauwerke in Mexiko mit minderwertigem Material erbaut wurde? Kann es mir auf den Kopf fallen?

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07.09.2015, Juan Aldama, Hotel Ojo de Agua, Tkm 81, Gkm 5173

Die langen Nacht unter dem Riesenmonument geht vorbei. Im ersten Morgengrauen packe ich meine Sachen. Der Fahrer eines in der Umkehrschleife haltenden Lkw-Zugs erkundigt sich nach meinem Befinden. Ob ich etwas benötige? Eine Literflasche eiskalten Coca-Cola. Hat er leider nicht. Verstehe ich richtig, dass irgendwo in der Ferne die Mautstelle von Cebolles liegt? 6, 16 oder 60 km entfernt? Ich tippe auf 6 und werde naturgemäß enttäuscht.

Ein kleines Dorf abseits der Mautstraße, über Feldwege erreichbar. Zwei verstaubte Straßen, einige Dutzend Häuser, aber auch eine Schule. Wo eine Schule, da ein Laden. Nahezu unkenntlich, aber mit kaltem Coca-Cola im Angebot. Die 0,6 Literflasche leere ich fast in einem Zug. Eine Literflasche nehme ich mit, säuberlich eingepackt in ein Handtuch. Zum Schutz gegen ein sofortiges Kochen des Cola.Die Caseta von Ceballos

Die Caseta von Ceballos schaffe ich gerade noch. Mitarbeiter der Mautstelle weisen mir den Weg, die beschrankte Fahrbahn darf ich nicht benützen. Würde ein Chaos in ihrem Abrechnungssystem verursachen. Lassen sich mit dem Weltreisenden fotografieren. Nahe den Banjos frühstückt eine Familie aus Chihuahua, Mutter mit vier mittelalterlichen Töchtern von dünn bis dick und Schwiegersohn, auf Urlaubsreise zur Pazifikküste. Laden mich zu Kaffee und Kuchen ein, ist auch die einzige Mahlzeit, die ich heute zu mir nehme.

Bei OXXO an der nachfolgenden PEMEX-Tankstelle stocke ich meine Vorräte nicht auf, weil ich gleich nach der nächsten Kurve den Ort Ceballos mit Restaurants erwarte. Doch Ceballos an der „alten Straße“ ist 11 km von der Mautstraße entfernt und diesen Umweg will ich nicht fahren. Ein leichtsinniger Fehler, denn ich vergesse, wie angeschlagen ich bereits bin.

Hitze und Gegenwind fordern ihren Tribut. Jeder Kilometer wird zur Qual. Ich komme kaum vorwärts. Umdrehen? Kommt nicht in Frage, zu weit bin ich bereits geradelt! Vielleicht dreht der Wind, wie prognostiziert, doch noch auf Nord? Ich hätte es wissen müssen, dass auf Prognosen kein Verlass ist und der Wind kein Erbarmen kennt.

Endlich eine Brücke, die die Mautstraße quert, endlich Schatten. Ich versuche, das zwischenzeitig warme Trinkwasser zu schlucken. Ich versuche, zu den zerquetschten Brötchen etwas Käse und Thunfisch aus der Dose zu essen. Vergeblich, das Zeug ist ungenießbar. Eine Tomate, mehr schaffe ich nicht.

Macht Weiterradeln in diesem Zustand Sinn? Ich versuche vergeblich, drei Autobusse anzuhalten. Radle weiter, in der Hoffnung, dass ich die nächste Caseta erreichen kann. Ein weiterer Anhalteversuch ist erfolgreicher. Ein Busfahrer hält, doch der Gepäcksraum seines Fahrzeugs ist zu voll, um mein Fahrrad mitzunehmen. Weitere Anhalteversuche erfolglos, ich bereits zu schwach, um Steigungen hochzufahren. Ein altes Gemäuer in einer aufgelassenen Schottergrube bringt nicht den erhofften Schatten, einen weiteren Anstieg schaffe ich noch, auf der nächsten Kuppe ist Endstation. Völlig ausgelaugt setze ich mich in den Schatten einer Felswand, versuche ein Fahrzeug anzuhalten.

Dieser Tag zeigt die Grenze meiner Leistungsfähigkeit. Die restlichen 60 km bis Torreon schaffe ich nicht ohne fremde Hilfe. Und die kommt in der Person von Victor, mit einem Pickup auf dem Weg von Chihuahua nach Mexico City. Gepäck und Fahrrad auf die Ladefläche, ich könne bis in die mexikanische Hauptstadt, fast 1500 km, mitfahren. Doch ich will nur zur nächsten Caseta, ändere dann meine Meinung. Zum nächsten Hotel, zur nächsten Stadt, hinauf ins Hochland, wo es weniger heiß ist.

Unfall auf der durch eine Betonmauer geteilten Mautstraße Richtung Durango. Einige Pkw wenden und fahren gegen die Fahrtrichtung 40 km zurück zur Mautstelle. Die „alte Straße“ nur einen Kilometer enfernt, doch unerreichbar. Hier ist die Kurzsichtigkeit mexikanischer Straßenbauer besondrrs evident. Wir warten drei Stunden lang. Chaotisch das Auftreten der Einsatzkräfte. Straße und Bankett von den haltenden Fahrzeugen verparkt. Fahrzeuge der Straßenmeisterei, die neben der Straße durch dichtes Gras zum Unfallort fahren. Polizisten im Laufschritt zur Unfallstelle, weil ihr Fahrzeug zwischen den ankommenden Fahrzeugen eingeklemmt ist. Nach einer Weile wird die Gegenfahrbahn gesperrt, Einsatzfahrzeuge und ein Traktor mit einem Pflug nähern sich dem Unfallort. Nach langem Warten kommt Bewegung in das Geschehen, eine Lücke zur Gegenfahrbahn wird aufgetan, Pkw und Autobusse auf dieser zur weit zurück liegenden Mautstelle umgeleitet.

Chaos auch an der Mautstelle. Um nicht ein zweites Mal die Maut zu bezahlen, werden bezahlte Tickets kontrolliert, Kennzeichen und Namen der Fahrer gelistet, Unterschriften abgegeben. Nun bei viel Verkehr auf der „Durango libre“, der alten Straße, Richtung Zacatecas, vorbei am Unfallort, vor dem unverändert zahlreiche Schwerfahrzeuge auf die Weiterfahrt warten.

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08.09.2015, Juan Aldama, Hotel Ojo de Agua, Tkm 7, Gkm 5180

Rasttag. Zweimal in das Stadtzentrum „La tierra del frijol y del maiz“, steht auf der Bienvenidos-Tafel an der Ortseinfahrt. Kaufe Obst, versuche zu Kräften zu kommen, für die folgenden Etappen.Stadtzentrum

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09.09.2015, Rio Grande, Motel de Carreton, Tkm 66, Gkm 5246

Ich frühstücke im Restaurant einer Tankstelle. Scharf gewürzt das Ranchero Assada. Was sofort ins Auge sticht, ist die Schlagzeile der Tageszeitung El Centinela: „Decapitado“. Enthauptet, der Kopf säuberlich auf einem OXXO Karton abgelegt. Die Aussagen auf Seite 5 der Zeitung sind dürftig. Man vermutet eine Hinrichtung im Drogenhandel mit einer entsprechenden Botschaft.zeitungsausschnitt

Was ist das Gefährlichste in Mexiko? Kriminalität, Klapperschlangen, Autofahrer? Vom Drogenhandel sollte man jedenfalls einen weiten Abstand halten.

Über einige Hügelketten und durch mehrere Talbecken, schon ist die heutige Etappe um etwa 14 Uhr erledigt. Mit dem Wind im Rücken geht es doch ganz leicht. Aus dem Bohnen- und Maisanbaubecken von Juan Aldama in höher gelegenes Gebiet, das Land nun kakteenübersät.

Viel Verkehr auf der zweispurigen Staatsstraße 49 Richtung Fresnillo und Zacatecas. Hier ist das asphaltierte Bankett nicht dem Radfahrer vorbehalten, hier benützen nur die schnellsten Fahrzeuge die normale Fahrspur. Überholen bei Gegenverkehr ist die Tagesordnung. Überraschend daher die doch geringe Zahl von VerkehrsunfällenRio Grande

Rio Grande, 64000 Einwohner, bietet nichts Sehenswertes. Ein Agrarzentrum, bunt das Straßenbild, eine mickrige Kirche, eingekesselt in das Häusermeer. Selbst der Fluss, über den mehrere Brücken führen, ist nichts weiter als ein dünnes Rinnsal.

Ist das Motel ein Teil des benachbarten Transportunternehmens? Abgegrenztes Areal, Restaurant geschlossen, das im Motelbereich geparkte Auto der Policia Statale verlässt kurz Mitternacht den Innenhof und kehrt im Morgengrauen zurück. Eine Zimmerflucht angebaut an die Transporthalle, die Zimmer ausreichend groß. Hat im Badezimmer ein Zwerg gefuhrwerkt? Der Türstock derart niedrig, dass ich viermal mit dem Kopf dagegen knalle. Aus der Dusche fünf dünne Wasserstrahlen, durch die man gehen könnte, ohne nass zu werden.