Guatemala

Allgemeines (aus Wikipedia und anderen Quellen):
Fläche: 109.021 qkm (Österreich rd 80.000 qkm), Einwohner rd 13 Mio (Österreich rd 8 Mio),
Hauptstadt: Guatemala-Stadt (1,2 Mio Einwohner).
Wichtige Städte (Einw./Mio.): Villa Nueva 0,7; Mixco 0,7; Quetzaltenango 0,2
22 Departamentos
Amtssprache: Spanisch. 7 weitere anerkannte Sprachen.
Währung: Quetzal. Wechselkurs per 10/2015: USD 1,00 = Q 7,75 (USD/€: 1,00 / 0,88)
BIP / Einwohner (2011): $ 3.182; Einwohner: Stadt 46 %, Land 54 %
BIP (2002):
Dienstleistung 58 %, Landwirtschaft 23 %, Industrie 19 %
Bevölkerungsreichstes Land Mittelamerikas, Landbrücke zwischen Pazifik und Karibik.
Im Norden flach, das restliche Land gebirgig, zentrales Hochland Altiplano (1.500 bis 3.000 m). Im Süden die Gebirgskette Sierra Madre de Chiapas mit zahlreichen aktiven Vulkanen. Höchster Berg der erloschene Vulkan Tajumulco (4.220 m). Erdbebengefährdet mit intensiver Plattentektonik am Schnittpunkt von Nordamerikanischer, Karibischer und Cocosplatte. 85 km karibische, 250 km pazifische Küste.
Klima: Küsten tropisch, Niederschläge bis 5.000 mm an Karibikküste und um Petèn, Regen vorwiegend Juli und November, geprägt durch Nordostpassat.
Hochlandklima gemäßigt, höhenabhängig. Ausgeprägte Regenzeit zwischen Mai und Oktober.
Fauna: Reiche Artenvielfalt in dem tropischen Regenwäldern, Affen, Tapire, Ozelot, Jaguar, Nabelschweine, Schlangen, Krokodile, Leguane, zahlreiche Vogelarten, u.a. Quetzal
Flora: Im Norden tropischer Regenwald, im Landeszentrum Kiefernsavanne, im Gebirge tropische Regen- und Nebelwälder. An der Küste tropischer Feuchtwald.
Bevölkerung:
Ladinos 59 % (europäisch oder gemischt europ.-indigener Abstammung), Indigene 40 %.
Laut Gallup Umfrage 2012 zählen sich die Einwohner des Landes zu den glücklichsten Menschen auf der Erde. Bevölkerungsanteil unter 15 Jahre: 40%. Religion: 55 % römisch-katholisch, 45% protestantisch
Geschichte:
250–900: Hochkultur der Maya, diverse kulturelle Zentren, zB. Tikal, Cival
1524–1821: Spanische Kolonialherrschaft (Conquista)
1823 – 1839 Mitglied der Zentralamerikanische Konföderation, seitdem selbdtändig.
Politische Wirren und (Militär-) Diktaturen, 1954: CIA-Intervention, 1960 – 1994: Bürgerkriege mit 200.000 Toten und 1 Mio Flüchtlingen, starke Abhängigkeit von Amerika und amerikanischen Großkonzernen. Seit 2005 schwere Konflikte zwischen Regierung und Drogenkartellen.
Vertrauen der indigenen Bevölkerung in staatliches Rechtssystem schwer gestört, führt zu Selbstjustiz. Angespannte Lage. Polizei und Justiz werden in städtischen Bereichen von Militär unterstützt.
Wirtschaft:
Eines der ärmsten Länder der Welt. Enge Verstrickung von Unternehmen mit Politik und Militär. Korruption, Rechtsunsicherheit, Umweltschäden.
Export: Kaffee, Zucker, Bananen, Kardamon. Textilien (aus Maquiladorawirtschaft/Veredelung).
Bedeutend sind Geldtransfers der 1,6 Mio, meist illigal in USA lebenden Guatemalteken.
Landwirtschaft: Großgrundbesitz versus Subsistenzwirtschaft (Eigenversorgung)
Bergbau: Nickel, Gold, Erdöl
Tourismus / Anziehungspunkte:
Atitlàn-See, alte Hauptstadt Antigua Guatemala, antike Maya-Stadt Tikal, Lago Izaball, Livingston an der Karibikküste, sehenswerte Städte Quetzaltenango und Chichicastenango im Hochland
UNESCO Welterbe: Antigua Guatemala (einst schönste Barockstadt der Neuen Welt, erdbebenzerstört), Nationalpark Tikal, 567 qkm mit Ruinen Tikal, größter zusammenhängender Regenwald Mittekamerikas, Maya-Ruinen im archäologischen Park Quirigua, Stelen und Steinskulpturen.

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07.10.2015, Catarina, Hotel Bella Vista, Tkm 46, Gkm 6081

Den ersten Teil der Strecke von Tapachula zur guatemaltekischen Grenze habe ich auch gestern zurückgelegt. In Collectivos, als ich die Ruinen von Izapa besuchte. Da jedweder Hinweis auf einen Grenzübergang fehlt, fahre ich dem Weg, den zwei IN TOW Gespanne nehmen, Richtung Talisman.

Vorbei an Izapa, mühsam gehts vorwärts, ich schwitze zum Gotterbarmen. Habe ich nicht gelesen, das Izapa auf den Ausläufern des Vulkans Tacana liegt, mit 4093 m sechshöchster Berg Mexikos und zweithöchster Berg Guatemalas? Ich fahre also bergauf, folge den Hinweisschildern Union Juarez. Wie steil? Eine Orientierung ist unmöglich, zu diesig sind die Sichtverhältnisse. Vom Vulkan ist in den Wolken natürlich nichts zu sehen

Ich passiere Tuxtla Chico und zweifle, ob ich auf der richtigen Straße bin. Ich passiere die kaum erkennbare Abfahrt nach Talisman und folge der Hauptstraße. Nach einer Weile nehmen Schweiß und Zweifel überhand. Ich frage die Wirtin in einem Restaurant nach dem Grenzübergang. Sie redet wie ein Wasserfall, aber nun weiss ich, dass ich 4 km zu weit bergauf gefahren bin.

Umgedreht, rasch erreiche ich Talisman. Das Szenario an der Grenze kommt mir bekannt vor, habe es vor einigen Jahren in Südamerika mehrmals erlebt. Aufdringlich werden Servicios angeboten. Plaketten für mein Fahrrad seien erforderlich. Geldwechsel zu günstigen Kursen. Man wolle Zollformalitäten für mich erledigen. Mich zu den Immigrationsstellen begleiten.

Neugierig sind lediglich die mexikanischen Dreiradfahrer, die in Reih und Glied darauf warten, ihre Kundschaft den Berg hoch nach Tuxtla Chico zu befördern. Eine schweißtreibende Angelegenheit, die mir nach Grenzquerung und überraschend schneller Erledigung von Aus- und Einreiseformalitäten auf der Ostseite des Rio Suchiate, Grenzfluss zwischen Mexiko und Guatemala, noch bevorsteht.Malacatàn

Ich habe nicht die Absicht, heute weit zu fahren, aber die Hotels auf guatemaltekischer Seite in El Carmen machen einen zu schäbigen Eindruck. Ich versuche es in Malacatàn, der nächstliegenden Stadt. Ein „Ecologicohotel‘ hat keine Klimaanlagen, die nächsten Häuser haben welche. Nennen sich Auto Hotels. Sichtschutz an der Einfahrt, meist zweistöckig, Parkgarage mit Rollos im Erdgeschoss, Zimmer im Obergeschoss. Eindeutig Stundenhotels, mittags gähnend leer. Die Mitarbeiter zweier Hotels können den Preis für eine Nächtigung nicht ermitteln. Hier steigt man stundenweise ab, hier wird nicht genächtigt, man schläft hier nicht, hier gilt Stundenverrechnung mit Basispreis und Zuschlägen.

Auf offener Strecke hält Miguel. Er kennt einige Hotels „down the road“. Fahrrad auf die Ladefläche seines Pickups. Wir begeben uns auf Hotelsuche. Erstes Hotel: Problem mit stundenweiser Verrechnung wie oben. Zweites Hotel: Zu schägig, Zimmer ohne Klimaanlage. Das Bella Vista ist für lokale Verhältnisse teuer, bietet allerdings das, was ich suche.

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08.10.2015, Quetzaltenango, Hotel Las Amèricas, Tkm 44, Gkm 6125

Nach dem abendlichen Gewitter und nächtlichen Regen ist es morgens bedeckt. Temperatur angenehm bei 22ºC, leichter Rückenwind, die ersten 10 km in südlicher Richtung sind rasch geschafft.

Bei Ayutla treffe ich auf die vom Grenzort Cd. Tecun Uman nach Guatemala-Stadt führende Hauptstraße. Viel Schwerverkehr, tiefe Schlaglöcher, bröckelnder Asphalt. Nach wenigen Metern in einer unübersichtlichen Kurve ein mitten auf der Fahrbahn stehender Autobus. Motor- oder Getriebeschaden, wen interessiert das schon? Ein vorbei kommendes Polizeifahrzeug hält kurz – und fährt dann weiter. Verkehrsstau, Absicherung der Pannenstelle? Ist nicht Sache dieser Polizeipatrouille.

Ist nicht weit her mit der „300 km flachen Strecke“ nach Guatemala-Stadt, wie dies der gute Mann an der Grenze erklärte, der mir das Guatemala-Infomaterial überreichte. Stetig steigt die Straße an. Erst bis Pajapita, dann bis Coatepeque. Müde und verschwitzt frage ich an einer Tankstelle nach der Strecke nach Quetzaltenango. 100 km, steil bergauf! Autobusse? Halten gleich um die Ecke. Nicht lange überlegt, schon ist mein Fahrrad auf dem Dach eines urigen Busses und wir auf dem Weg von der Pazifikküste ins Hochland.

Längere Strecken fährt man in Guatemala mit Sammeltaxis („Microbus“) oder mit größeren Bussen, die verblüffend den gelben amerikanischen Schulbussen ähneln. Bunt bemalt, sind sie schlechthin die „größte Gefahr“ auf Guatemalas Straßen. Fahren mit Vollgas, verlangen Vorrang, machen laut hupend auf ihr Kommen aufmerksam. Dennoch bin ich froh, im Bus zu sitzen, das Fahrrad auf dem Dachträger, die Packtaschen unter den hintersten Sitzreihen verstaut. Der Fahrer telefoniert, hupt, schneidet Kurven, isst, rast, hält sich mit der linken Hand am Fensterrahmen fest, wenn er die Kurven zu schnell fährt. Unterhält sich seinen beiden Gehilfen, von denen ich den einen mehrmals verloren glaube und der dann doch wieder in voller Fahrt vom Dach durch ein Seitenfenster in das Businnere klettert.

Weit vor Colomba geht es bereits steil bergauf. Wir passieren den kleinen See Laguna Chicabal und haben bei San Martin Sacatepequez, das sich in einem Bergkessel eng an die Hänge schmiegt, den höchsten Punkt der Bergkette noch nicht erreicht. Leute steigen aus und ein, mal ist der Bus halbleer, mal ziemlich voll. Nach dem Pass steil bergab, durch einige kleine Orte nach Quetzaltenango.

Das Tal um Quetzaltenango ist dicht besiedelt, der Busbahnhof unüberschaubar. Hektischer Betrieb, wie ich das hasse! Genau das Umfeld, in dem Sachen gestohlen werden. Und doch herrscht eine gewisse Ordnung, denn an einer bestimmten Stelle ist für den ankommenden Bus ein Stellplatz reserviert.

Den Hauptplatz von Quetzaltenango sehe ich erst am folgenden Morgen, denn um 16 Uhr zieht ein heftiges Gewitter durch das Tal. Da bin bei Walmart in einem Rieseneinkaufszentrum und höre den Regen auf das Dach trommeln.

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09.10.2015, Sololà, Hotel La Encantada, Tkm 64, Gkm 6189

Es ist kalt im Hochland. Nicht nur im Vergleich zur tropisch schwülen Küstenebene, sondern richtig kalt. Unter 10ºC am frühen Morgen und in der nächsten Nacht wird es noch kälter werden.

Marienkirche Virgen de las Flores

Marienkirche in Virgen de las Flores

Fahre zuerst mal in die falsche Richtung, bevor ich mich zum Stadtzentrum durchfrage. Sehenswerte bunte Gebäude, zahlreiche Buden um die zentrale Plaza, die alte Marienkirche Virgen de las Flores.Auskunftsfreudige Taxifahrer. Ein rostiges, an mehreren Stellen aufgeschrammtes Taxi. Zwei Jungs mit je drei Ziegen, die diese an Ort und Stelle melken, um die Milch an Passanten zu verkaufen.

Quetzaltenango, im 14. Jh. von den Mam-Mayas gegründet, 140.000 Einwohner, 2234 m hoch in einem fruchtbaren Tal der guatemaltekischen Sierra Madre gelegen, 1902 bei einem Ausbruch des Vulkans Santa Maria fast völlig zerstört, verdankt seinem Reichtum dem Kaffeeanbau. Im Süden von einer Vulkankette, mit den Vulkanen Cerro Quemado, Santa Maria und Siete Orejas begrenzt.

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Denkmal zur Erinnerung an ihre Auswanderer in Salcaja

Eine flache Strecke stadtauswärts, durch die Stadt Salcaja, die zur Erinnerung an ihre Auswanderer am Stadtrand ein riesiges Denkmal errichtete. Sie zählen sich zu den glücklichsten Menschen der Welt, dennoch sind unzählige Guatemalteken ausgewandert. Vorwiegend in die USA, leben dort als legale oder illegale Einwanderer.

Guatemala_2

Und die Familie des Wirtes Agustino posiert gerne für einige Fotos.

Den nächsten Anstieg habe ich nicht erwartet. Zwar fragte mich der Taxifahrer am Hauptplatz, ob ich die Ruta Fria oder die Ruta Caliente nach Guatemala Stadt fahren werde. Natürlich nicht die „kalte“ Straße durch hochgelegenes Gebiet, sondern die „warme“ Straße, weil ich hier eine ebene Strecke vermutete. Weit gefehlt, denn die Ruta Caliente führt bergauf. Steil, 90% der Strecke schiebe ich das Rad, immerhin 18 km. Mache Pause in Mirador. Die Aussicht ist grandios auf das tief unter mir liegende Talbecken von Quetzaltenango.

Doch den höchsten Punkt dieses Streckenabschnitts habe ich noch nicht erreicht. Den Bergübergang, den die Einheimischen „Alasca“ nennen, weil es dort wegen der Höhe – wohl um die 3000 Meter – so kalt ist.

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10.10.2015, Panajachel, Hotel Los Volcanos, Tkm 32, Gkm 6221

Kalte Nacht im Hotel Encantada. Türen und Fenster nicht dicht, selbstverständlich keine Heizumg, drinnen so kalt wie draußen. Im Hotel, seit 80 Jahren im Familienbesitz, Sammlerstücke zuhauf. Könnte ebensogut ein Museum sein, wie ich gestern auf dem ersten Blick vermutete. Verwechselte nämlich den Hinweis „Almuerzo“ (Mahlzeit?) mit „Muzeum“.

Na gut, ich friere in der Nacht und beim Frühstück, doch nach den ersten Straßenkilometern wird mir warm. Einige kurze Abschnitte derart steil, dass ich absteigen und das Fahrrad schieben muss. Der nächstgrößere Ort, Sololà, ist weiter entfernt als vermutet. Heutiges Ziel ist Panajachel am Atitlàn See, von mehreren Guatemalteken als „unbedingt besuchenswert“ empfohlen.

Vorerst führt die Straße steil bergab nach Sololà, dem Hauptort der Region. Steilab auf einer holprigen Kopfsteinpflasterstraße durch den Ort. 8 km steil bergab nach Panajachel, den Atitlàn See zu meinen Füßen. Nach der steilen Abfahrt bin ich mir sicher: Hinauf schaffe ich es mit dem Fahrrad nicht.

Panajachel am Atitlàn See, 11000 Einwohner, war 1523 Schauplatz eines letzten Gefechtes zwischen den hier lebenden Tzutuhil-Mayas und den spanischen Eroberern unter Pedro de Alvarez. Die Spanier siegten, errichteten Kirche und Kloster, missionierten die indigene Bevölkerung. Die prunkvolle Kirchenfassade blieb erhalten, das festlich geschmückte Kircheninnere ist fahnenverhangen, für einen stimmungsvollen Beginn der abendlichen Messe sorgt eine 6-Mann-Band, die in einer Kirchennische unter einem Marienbild mit Gitarren und Trommeln leise Musik macht.

Atitlàn_See

Der Atitlàn See – eine mit Wasser gefüllte Caldera.

Der Atitlàn See ist nicht weniger beeindruckend. 1560 Meter über dem Meeresspiegel, 125 qkm, eine mit Wasser gefüllte Caldera, entstanden aus der Explosion eines mächtigen Vulkans, jetzt ein „Naturpark“. Im Süden und Westen umgeben von mehreren Vulkanen. El Toliman, Atitlàn und San Pedro ragen am Südufer bis 3357 m in die Höhe, der Cerro San Marcos ist mit über 2900 Meter die höchste Erhebung im Westen. Seit dem Erdbeben 1974 ist der Wasserspiegel um 10 Meter gesunken, was aber auf das Treiben im und um den See keine Auswirkung hat.Atitlàn_See_2

Die ein Kilometer lange Straße vom Stadtzentrum zum See ist gesäumt von Verkaufsbuden. Jeden Morgen werden die Verkaufsstände aufgebaut, jeden Abend packen die Verkäufer ihre Waren ein und verbringen diese an sichere Orte. Zurück bleiben nackte Wände und Zäune sowie streunende Hunde. Zahllose Marktbuden, Straßenhändler und Restaurants in Seenähe und an der Uferpromenade. Unzählige Vermittler, die Fahrten auf dem See in öffentlichen oder privaten Booten anbieten. Am Wochenende viele guatemaltekische Besucher in Gringotenanga, wie Panajachel von Einheimischen spöttisch wegen der – jetzt nicht mehr so zahlreichen – amerikanischen Touristen genannt wird.

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11.10.2015, Antigua Guatemala, Hotel Uxlabil, Tkm 23, Gkm 6252

Nach dem Frühstück zum See, danach zur Kathedrale von Panajachel. Aus dem Hotel ausgecheckt, das Fahrrad durch die Souvenirstraße zur Bushaltestelle geschoben. Zumindest dorthin, wo ich die Haltestelle vermute, denn der Bus nach Guatemala-Stadt parkt in einer engen Seitengasse. Alles scheint irgendwie schwammig: Der Junge, der mich zum Bus begleitet – es ist der Busbegleiter, wie ich später feststelle. Wer sind die beiden Leute, die mein Fahrrad über die Motorhaube des Busses auf das Dach hieven? Ist es überhaupt der richtige Bus, warum sehe ich keinen Fahrer? Schlussendlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, der Fahrer dreht eine Runde durch das Stadtzentrum und fährt dann die Straße hoch, die ich gestern runter gefahren bin. In Sololà würgt er auf einem Steilstück den Motor ab und hat Mühe, das Fahrzeug wieder in Schwung zu bringen.Antigua Guatemala

Der Bus fährt nach Guatemala-Stadt. Hat der Fahrbegleiter verstanden, dass ich nach Antigua will? Passagiere steigen entlang der Strecke ein und aus, wir nähern uns der Hauptstadt, erreichen Chimaltenango, wo ich den Bus verlassen soll, an der Abzweigung nach Antigua. Rasch steigen einige Fahrgäste aus, der Bus fährt weiter. Nach hundert Meter ein fragender Blick des Fahrbegleiters. Ob ich aussteigen will? Selbstverständlich! Nochmals hält der Bus, Fahrrad und Gepäck vom Dach, noch ist der Fahrbegleiter auf dem Dachträger, als der Bus weiterfährt.

Die Strecke von Chimaltenango nach Antigua sei relativ flach mit einer leichten Steigung vor dem Ziel. Sagte man mir im Hotel in Panajachel. Lediglich 7 km Entfernung, habe ich gelesen. Das mit der Entfernung mag schon stimmen, wenn man die Luftlinie als Grundlage nimmt. „As the crow flies“ kannst in Guatemala vergessen. Wie die Streckenbeschreibung der Einheimischen. Steil hinunter in einen Graben, steil hinauf auf der anderen Seite, nicht einmal, sondern dreimal. Hätte ich später den Bus verlassen und eine andere Straße nach Antigua nehmen sollen? Ja, wie mir zwei Tage später klar wird.

die Kirche der Nuestra Virgen de la Merced

Die Kirche der Nuestra Virgen de la Merced

Nach 23 – und nicht nach den erwarteten 7 – Kilometern erreiche ich endlich Antigua Guatemala, UNESCO Weltkulturerbe. Die Straßen wie in Kolonialzeiten mit runden Steinen ausgelegt – mit schwerem Gepäck nicht fahrbar, ohne das Fahrrad komplett zu ruinieren. Der Sattel ist ohnehin kaputt, die Halterung gebrochen. Also schiebe ich das Rad auf der Suche nach einem Quartier eine holprige Straße stadteinwärts und nehme ein Zimmer im ersten Hotel, dss ich finde. Uxlabil st ein Maya-Wort, bedeutet „Atem“, wie Maria erklärt, die neben der Hotelrezeption einen Verkaufsstand mit indigenen Artikeln führt. Arbeitet für eine Gesellschaft, die wiederum Vertriebskanäle für Maya-Kunsthandwerk sucht. Maria ist füllig und auskunftsfreudig: Abendesssen gäbe es günstig um die Ecke bei der Kirche. Nein, nicht in der Kirche de la Merced, sondern neben der Kirche, wo am Wochenende Imbissstände aufgebaut werden und Speisen um 2 bis 3 Euro verkauft werden.

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12.10.2015, Antigua Guatemala, Hotel de la Veridad, Tkm 3, Gkm 6255

Obwohl zahlreiche Leute radfahren, habe ich Probleme, ein Radfachgeschäft zu finden, das Sättel führt. Wechsle in ein billigeres Quartier, besuche den Zentralen Park mit den angrenzenden Kolonialbauten, den staubigen Busbahnhof und den überquellenden Markt, wandere durch die Straßen mit den bunten Hàusern, sehe mir einige verfallene Kirchen an, aktualisiere das Tagebuch. Und versuche mein nächstes Ziel festzulegen, denn Guatemala-Stadt und das benachbarte El Salvador erscheinen nicht attraktiv, weil zu gefährlich.

Sehe mich mal am Busbahnhof nach einem Zielort um, der nicht „Guate“ ist, doch die meisten Busse fahren in die Hauptstadt. Sie sind das verbreitetste Verkehrsmittel, verkehren im ganzen Land. Sie, das sind ausgemusterte amerikanische Schulbusse, auf Auktionen ersteigert, durch Mexiko nach Guatemala transportiert, hier mit stärkeren Motoren und Dachträgern ausgestattet, meist umlackiert und von den Fahrern liebevoll mit Kleinkram geschmückt. Man nennt sie „chicken buses“, weil in und auf diesen Autobussen alles Erdenkliche transportiert wird. Zum Beispiel mein Fahrrad, Pakete und landwirtschaftliche Erzeugnisse, natürlich auch Hühner (chicken).

chicken buses

Chicken buses

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13.10.2015, Guatemala-Stadt, Hotel Ajau, Tkm 47, Gkm 6302

Vor einem Jahr umrundete ich fahrend den Großteil einer Stadt – San Luis Potosi in Mexico – weil ich, wegen des bedeckten Himmels orientierungslos – den Verkehrsschildern folgte. Heute umrunde ich auch den Großteil einer Stadt – Antigua Guatemala -, weil mich ein unvollständiger Ortsplan irreführt. Diesmal nicht radelnd, sondern wegen der steinigen Holperstraßen das Fahrrad schiebend.

Am Ortsrand mündet die Holperstraße in eine breite und betonierte, autobahnähnliche Straße mit jeweils zwei Fahrspuren in jede Fahrtrichtung. Zudem ein betonierter Seitenstreifen. Ideal zum Radfahren, wäre da nicht die folgende Steigung. 15 km bergauf, an der Grenze zwischen fahrbar und nicht fahrbar. In einem Wald den Berghang hoch. Fahren wäre toll, wären da nicht die Pickups, Lkw und „Chicken Buses“, die beim Gasgeben dicke schwarze Abgaswolken ausstoßen.

Der Wald endet, die Steigung bleibt, nun reiht sich Dorf an Dorf. Jedes spezialisiert auf die Herstellung verschiedener Produkte. Möbel, Kücheneinrichtungen, Schmiedearbeiten, Blumen, Keramik.Produkte

Mit der Einmündung in die Interamericana nimmt der Verkehr deutlich zu. Wäre ich vorgestern an dieser Kreuzung ausgestiegen, wäre mein Weg nach Antigua ein leichter gewesen. Im Nachhinein …

Noch ein kurzes Stück bergauf, dann hinunter. Tief unter mir weit ausgebreitet die Hauptstadt des Landes, Guatemala City. Die Ausweiche in Mirador nütze ich, um zu Mittag zu essen.

Pollo Caldo

Pollo Caldo, zum gebratenen Hähnchen eine Gemüsesuppe, Kartoffel und Karotte, Mais und die obligaten Tortillas.

Bei ständig zunehmenden Verkehr kilometerweit bergab in das Zentrum der Hauptstadt. Der Reiseführer lonely planet beschreibt die Stadt als „either big, dirty, dangerous and utterly forgetable or big, dirty, dangerous and fascinating“. Nach einigem Suchen finde ich das Hotel in der Zona 1, die noch vor Kurzem als extrem gefährlich galt. Ich will nicht testen, wie gefährlich der Altstadtbereich nächtens ist, und belasse es bei einem kurzen Rundgang während der Abenddämmerung. Menschenmassen, dichtes Gedränge, mir behagt das Ambiente nicht. Utterly forgetable oder fascinating? Kann ich nicht beurteilen. Werde lediglich versuchen, morgen heil aus der Stadt zu kommen.

 

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14.10.2015, Barberena, Hotel Bella Vista, Tkm 63, Gkm 6365

Im starken Frühverkehr durch Guates Innenstadt zur Interamericana, die in Zentralamerika fallweise verwendete Bezeichnung für die Panamericana. Hinunter in ein Tal, dann etwa 15 km bergauf. Gestern schaute ich von Norden auf die Stadt, heute von Süden. In dem nord- und südseitig von Bergen begrenzten Zentralraum mit den zusammengewachsenen Orten Guatemala, Mixto und Nuevo Villa lebt ein Viertel bis ein Drittel der Bevölkerung Guatemalas, in vornehmen Wohngegenden und in Favellas.

Mühsam gehts bergauf in den Abgaswolken von Lastwagen und Pickups, Chicken- und Microbussen, wie die kleineren und moderneren Sammeltaxis hier genannt werden. Von der Bergeshöh 20 km bergab in das nächste breite Flusstal. Da lasse ich das Rad laufen und mehrere Sattelschlepper hinter mir.

Kurzzeitig ist die Straße bei der Abzweigung nach Santa Cruz Naranjo blockiert. Noch habe ich das – in Häppchen geschnittene – Kotelett mit Tortillas (Q12 = €1,50) nicht verzehrt, hat sich der Stau aufgelöst. In Guatemala sind die angebotenen Portionen in den zahlreichen Verkaufsbuden und in den Restaurants klein, unterschiedlich ist lediglich der Preis. Ab Q15 in den Verkaufsbuden, ab Q30 in preiswerten Restaurants, ab Q50 in gepflegteren Lokalen. Doch die wenigen teuer wirkenden Lokale sind meist gähnend leer.

Santa Cruz Naranjo, offensichlich bin ich nicht nur im Kaffee-, sondern auch im Orangenanbauland. Verkaufsstände an der Straße bieten säckeweise „Valencia“ Orangen und Ananas. Hier ist es deutlich wärmer und schwüler als im Hochland, doch die nächste Steigung lässt nicht lange warten. Ein langer Anstieg nach Barberena, die Straße auf zwei Fahrspuren geschrumpft, der Ort auf einem Bergrücken gelegen, schmutzig und geschäftig. Vor der Ortseinfahrt passiere ich das Bella Vista, in der irren Meinung, dass es Hotels im oder nahe dem Stadtzentrum geben müsste. Was nicht so ist, wie ich am östlichen Stadtende feststelle. Muss zurück über den Berg. Einziger Trost: Das Bella Vista ist mit einem Zimmerpreis von Q100 / € 12,50 mein preiswertestes – und nicht das schlechteste – Quartier in Guatemala.

Das Bella Vista

Das Bella Vista

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15.10.2015, Ahuachapan (El Salvador), Hotel Casablanca, Tkm 23, Gkm 6388

Staatsgrenzen zu später oder gar zu nächtlicher Stunde passieren, ist in Mittel- und Südamerika möglich, aber nicht ratsam. Zuviele zwielichtige Gestalten treiben sich an den Grenzübergängen herum, zu unsicher kann sich die Suche nach einem Hotel gestalten. Daher will ich in Barberena einen lokalen Bus zur Grenze besteigen, möglichst früh die Grenze queren und allenfalls bis Santa Ana weiterradeln / mit einem Bus weiterfahren.

Ein Chicken Bus bringt mich via Ciulapa nach Jalpatagua. In Ciulapa ein längerer Aufenthalt, weil die Hauptstraße von Fahrzeugen der Polizei blockiert ist. Einem Gefangenentransporter entsteigt ein Mann in Handschellen und wird unter Aufsicht mehrerer Polizisten zu einem eisernen Tor geführt. Durch hügeliges Gelände nach Jalpatagua. Die Busse fahren nicht weiter, ich könnte in einen Microbus umsteigen. Ein Mann gibt mir eine Wegbeschreibung, flach und dann berbgab. Eine typische Nichtradfahrerwegbeschreibung. Wie nicht anders zu erwarten, mischen sich auf den 23 km zur Grenze auch lange Steigungen. Unangenehm, weil ich bei zunehmender Hitze in Straßenbekleidung fahre.

Wenig Verkehr, rumpelig die Straße, dschungelartig die Umgebung. Schlussendlich gehts doch bergab zu den Grenzstationen am Rio Paz, Valle Nuevo in Guatemala bzw Las Chinamas in El Salvador. Abgesehen von einigen Geldwechslern, die ich sukzessive los werde, funktioniert die Grenzabfertigung überraschend problemlos. Wohl auch, weil die G 4 Staaten (Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua) vor einigen Jahren eine einheitliche Reiseregelung vereinbarten. Zum Beispiel 90 Tage Aufenthalt ohne Visumpflicht für die meisten EU-Staatbürger. Ausreisestempel für Guatemala geholt, kleines Zettelchen übernommen, Brücke überquert, Zettelchen dem savadorianischen Grenzposten überreicht, ein wenig geplaudert, Landkarte für El Salvador vom Grenzer übernommen, schon bin ich in El Salvador.

Brücke El salvador

Brücke nach El Salvador

Nach dem Grenzübergang gehts bergauf. Zudem scheint sich das Wetter an die Prognose – leichter Regen im gesamten Bereich Guatemala / El Salvador – zu halten, denn die Wolken werden rasch dichter. Ich sehe mich nach einer Mitfahrgelegenheit zur nächsten Stadt um. Aber hier verkehren im Grenzgebiet keine „Hühnerbusse“ mit Dachträgern, sondern mittelgroße Autobusse mit kleinen Stauräumen für Gepäck. Ein Einheimischer hilft bei der Suche, befragt mehrere Busfahrer. Einer nimmt mich mit nach Ahuachapan. Grinst freundlich, wohl weil ich einen weit überhöhten Fahrpreis kommentarlos akzeptiere. Statt 50 Cents zahle ich 3 Dollar – und hätte gerne auch mehr gezahlt. Denn die Steigung nach Ahuachapan ist elendslang, noch dazu setzt leichter Regen ein.

Ich schaue zurück auf Guatemala. 350 km mit dem Fahrrad, 210 km in „Chicken Buses“ gefahren. Meine Bedenken hinsichtlich Sicherheit waren zum Glück unberechtigt. Hingegen war das Land deutlich bergiger als erwartet. Kaum ein Flachstück, meist hügelauf oder hügelab, manchmal steil bergauf oder bergab. Das Wetter schwülheiß im Küstengebiet und überraschend kalt im Hochland. Noch ist die Regenzeit nicht vorbei, doch dem Regen bin ich entwischt. Habe allerdings auf diversen Teilstücken erbärmlich geschwitzt. Am Fahrrad den Sattel getauscht und die als besonders gefährliche Hauptstadt Guatemala City unbeschadet durchquert.