Kolumbien

Land und Leute

Fläche (qkm): 1.138.910
Einwohner (Mio.): 48
Hauptstadt: Bogota D.C.; 9,2 Mio Einwohner
Größte Städte / Einw. in Mio: Medellìn 3,7; Cali 2,7; Barranquila 1,9; Bucuramanga 1,1; Cartagena 1,1; Cucuta 0,8; weiters Popayan (0,2), Pasto (0,3), Ipiales (0,1).
Amtssprache: Spanisch
Währung: Kolumbianischer Peso. Wechselkurs per 11/2015: 1 US$ = 2500 bis 3100 Pesos
BIP / gesamt $ 329 Mrd, BIP / Einwohner $ 7132
Topographie: 4 Großräume. Karibisches Küstenland, Pazifisches Küstenland, Anden, Amazonien und Orinokien. 1616 km karibische Küste, 1448 km pazifische Küste. Das Gebiet der Anden besteht im Wesentlichen aus drei in Nordsüdrichtung verlaufenden Gebirgsketten, der östlichen, zentralen und westlichen Kordillere.
Klima: Tropisch heiss die Küstengebiete, gemäßigt tropisch das andine Hochland
Geschichte:
Vorkolumbisch: Älteste Funde (Werkzeuge, Keramik) lassen auf eine mehr als zehntausendjährige Besiedlung durch indige Volksgruppen, die allerdings kein einheitliches Reich bildeten, schließen.
Kolonialzeit: Spanische Seefahrer gründeten 1527 Santa Marta und 1533 Cartagena an der Karibikküste.
– Der spanische Eroberer Gonzalo Jimenez de Quessda drang 1537 in das Andengebiet vor und unterjochte die Chibcha. Aus ehemaligen spanischen Handelsposten entstanden 1539 die Siedlungen Bogota und Tunja, kurze Zeit später erfolgte die Gründung einer Provinz, aus der sich das Vizekönigreich Neugranada entwickelte.
– 1821 Unabhängigkeit von Spanien.

Reiseplan

Rionegro – Medellìn – Itagüi – Manizales – Pereira – Cartago – Tulua – Buga – Cali – Popayan – El Bordo – Pasto – Ipiales.

 

Eine Berg- und Talfahrt durch ein grünes Land

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20.11.2015, Medellìn, Hotel Poblado Boutique Express, Tkm 31, Gkm 8674

Von Panama kommend, lande ich mit dem Flugzeug in Rionegro, dem der Stadt Medellìn nächstgelegenen Flughafen. Auf der Fahrt vom Aeropuerto in die zweitgrößte Stadt Kolumbiens habe ich genügend Zeit, erste Eindrücke zu sammeln und Vergleiche mit Mittelamerika anzustellen.

Es ist deutlich kühler als in Mittelamerika. Radelte ich zwischen Puerto Escondido in Mexiko und Panama Stadt im tropisch schwülen 30 bis 35ºC Bereich, steigen die Tagestemperaturen im 1500 Meter hoch gelegenen Medellìn selten über 28ºC. Nachts wird es mit 16ºC richtiggehend kalt. Die Luft, in Zentralamerika feucht und schwül, ist auf den Bergeshöhen Kolumbiens erfrischend,

Bergeshöhen gibt es zuhauf. Ich nächtigte im Hostel El Hangar in Rionegro, 500 Meter vom Flughafen Jose Maria Cordoba entfernt. Medellìn im langgestreckten Aburra Tal in den Anden.und die nach Süden führende Panamericana sind, gemessen an der Luftlinie, nicht übermäßig weit entfernt, Aber ich muss eine Bergkette überwinden, um nach Medellìn zu gelangen. Die Straße windet sich zuerst 6 km bergauf, dann hügelauf und -ab entlang einem Bergkamm. In Las Palmas ein kurzer und giftiger Anstieg, dann habe ich den südöstlichen Ortsrand von Medellìn erreicht. Ein herrlicher Ausblick auf die 600 Meter tiefer liegende, mit Wolkenkratzern durchsetzte 3 Millionen Stadt. Von da an gehts bergab. Ab der Abzweigung zum Stadtteil Poblado, in dem ich das Hotel vorausbuchte, derart steil, dass ich mit meinen schlecht eingestellten Radbremsen um die Wette zittere. In der Ferne kann ich die endlosen Bergketten der Anden, die in einem Meer sich hoch auftürmender Wolken verschwinden, nur ansatzweise erkennen.Aburra Tal in den AndenDie Straße von Rionegro nach Medellìn ist, ganz im Gegenteil zu den Straßen im Norden, in einem ungemein gepflegten Zustand. Liegt es daran, dass die Straßenreinigung mit der von zweispurigen Fahrzeugen eingehobenen Maut finanziert wird? Liegt es am Umweltbewusstsein oder an Sanktionen? Zwei Lastwagen verlassen gerade ein erdige Baustelle. Vor Auffahrt auf die Hauptstraße werden die verdreckten Reifen gereinigt, zuerst mit Stahlstangen abgeklopft und dann mit einem kräftigen Wasserstrahl abgespritzt. Ein absoluter Ausnahmefall..

Grün die Umgebung, wie in Zentralamerika. Doch die Blütenpracht, begünstigt durch das ewig-frühlingshafte Klima, ist einzigartig. Medellìn rühmt sich seiner Parks, Blumen und Orchideen. nennt sich Capital de las Flores und Capital de la Eterna Primavera. Ist wirtschaftlich ein Zentrum der Orchideenzucht, die in alle Welt, vorwiegend die USA, exportiert werden.Hauptstadt des Departamento Antioquia_MedelinGemessen an der Größe der Stadt, gegründet 1616, Hauptstadt des Departamento Antioquia, bietet Medellìn dem Fremden wenig. Kathedrale, Botanischer Garten, das eine oder andere Museum. Die Metropole ist ein Handels- und Industriezentrum mit Schwerpunkt Textil und versucht, ihrer Elendsviertel durch gezielte Errichtung von Wohnsiedlungen Herr zu werden. Den Ruf ihrer „Kartellvergangenheit“ ist sie seit 1991 mit der Zerschlagung der „Kartelle“, die in großen Stil Kokain produzierten und primär über Miami in die USA einschleusten, bereits los. Die Mordraten sanken seitdem dramatisch, um in den letzten Jahren wieder anzusteigen.

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21.11.2015, Santa Barbara, Hotel, Tkm 56, Gkm 8730

Einige hundert Meter bergab zur Panamericana. Dann solange bergauf, bis es regnet. 6 Stunden und 34 km unterschiedlich steile Steigungen bis Altos de Minas, 2500 Meter hoch gelegen. Die letzten 10 km bis zur Passhöhe schiebe ich das Fahrrad

Starker Verkehr in den südlichen Vororten von Medellìn. Bis Itagüi säumen Industriebetriebe und Handelshäuser, Werkstätten und Wohnsiedlungen die Panamericana. Am Ende des dicht verbauten Gebiets mündet die vielspurige Fahrbahn in eine zweispurige Straße mit einem in Teilbereichen breiten Bankett. Am Straßenrand eine Statue Mariens, die von einem blumenumringten Sockel besorgt auf die Straße blickt.Am Straßenrand eine Statue MariensDie Straße windet sich durch ein immer enger werdendes Tal die Berghänge hoch. Mit zunehmender Höhe wird hier in einem kleinen Bereich immergrüner Dschungel durch Pinienplantagen ersetzt. Bis zur Passhöhe noch einige Restaurants, mit offenen Küchen und Kochtöpfen über offenen Feuerstellen.Restaurantsmit offenen Küchen

Dicht die Wolken. Erste Blitz und ein kräftiger Regenguss, als ich die schützenden Gebäude auf der Passhöhe erreiche. Auf der Straße das übliche kolumbianische Verkehrsgeschehen. Auf einer zweispurigen Fahrbahn treffen Bündel überholender Fahrzeuge auf Bündel ebenfalls überholender Fahrzeuge. Ein bergab fahrender Autobus hält laut hupend auf der Gegenfahrbahn, muss sich erst Platz schaffen zum Einordnen. Denn der entgegenkommende, bergauf fahrender Sattelschlepper kann und will nicht anhalten, hätte möglicherweise Probleme mit dem Anfahren auf der regennassen Fahrbahn.

Während ich das Tagebuch schreibe, zieht das Gewitter Richtung Norden ab. Auf der regennassen Straße fahre ich vorerst steil bergab nach Montebello, weithin sichtbar auf einer Bergkuppe. Die Straße folgt dieser Bergkuppe, meist bergab, fallweise auch kurz steil bergauf. Die Aussicht ist schier unbeschreiblich. Hinter mir die Bergkette, die ich gerade querte. Links und rechts steil abfallende Hänge, an denen Häuser wie Fliegen kleben. Vor und fast 2000 Meter unter mir eine hügelige, von Rio Cauca durchzogene Landschaft. Alles umrahmt von Gebirgsketten und Bergkuppen, die im Dunst verschwimmen.Vor und fast 2000 Meter unter mir eine hügelige, von Rio Cauca durchzogene LandschaftRücksichtslos sind einige kolumbianische Autofahrer zweifellos. Auf einer kurzen Geraden bin ich bergab flott unterwegs, als mehrere Fahrzeuge um die nächste Kurve kommen. Ein Kleinbus überholt den vor ihm fahrenden Laster. Ausweichen nicht möglich, bremsen zwecklos, ich muss an den beiden Fahrzeugen vorbei. War knapp.

Ein weiterer Ort auf der Bergkuppe sieht, von Norden kommend, klein und einladend aus. Weil ich nicht weiss, wie weit die nächste größere Stadt entfernt ist, frage ich hier nach einem Quartier. Santa Barbara ist viel größer als erwartet, erstreckt sich weit auf beiden Seiten des Berghangs. Zentrale Plaza, lebhaftes Treiben in den Straßen, eine dreischiffige Kathedrale, in der ein Priester die Messe liest. Ich trete aus der Kirche mit den ersten Tropfen des nächsten Regenschauers. Und setze mich in die Panaderia y Reposteria Monterrey am Hauptplatz. Zwölf Tische, gut besucht, der Inhaber scheint zufrieden.

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22.11.2015, La Felisa, Hospedaje Nancy, Tkm 75, Gkm 8802

Es war eine an Lärm kaum zu übertreffende Nacht. Die Hotelauswahl in Santa Barbara war nicht groß. Im benachbarten „guten“ Hotel Andrea wollte ich nicht wohnen, weil nur fensterlose Zimmer im Innenbereich des Gebäudes verfügbar waren. Am Hauptplatz zwei abgewohnte Hotels, um die ich einen Bogen schlug. Ein Hotel blieb übrig, mit fast abgeschlossenen Renovierungen. Sah am Tag gar nicht übel aus, war aber nachts eingehüllt in eine Wolke von Lärm. Eine Diskothek auf der anderen Straßenseite, eine weitere Diskothek im Erdgeschoss, laute Musik aus drei Kneipen. So viel Lärm für die vielleicht vier Dutzend Besucher im „Vergnügungsviertel“, die Musik ohrenbetäubend. Ich versuchte es mit handgefertigten Ohrstöpseln, ich versuchte die Musik zu ignorieren. Erst nach 1,30 Uhr wurde es ruhig.

Steil bergab zu Rio Cauca heisst noch lange nicht, dass es durchgehend abwärts geht. Zwischendurch immer Teilstrecken steil bergauf.steile_TeilstreckenFrühe Mittagspause in La Pintada, das sich als Fremdenverkehrsort profilieren will. Folge darauf dem Rio Cauca flussaufwärts, die Straße meist leicht ansteigend. An Engstellen, wie am Canyon von Pintada, die Berghänge hoch und dann wieder steil hinab.

Hungrig bin ich nicht, als ich im Lucho Restaurante des Luis Edgar einkehre. Brauche lediglich eine kurze Auszeit, bin ohnehin der einzige Gast. Luis und Marta legen Kochschürzen an, eine Fleißaufgabe. Ich will nur eine Cola. Luis empfiehlt eine hausgemachte Limonade. Die erfrischende Mischung aus Zitronen- und Orangensaft ist tatsächlich die bessere Wahl.

Unterhalte mich eine Weile mit Luis, der mir eine ungewohnt präzise Wegbeschreibung für die nächsten hundert Kilometer bis Manizales gibt und diese auf einer Skizze festhält. 23 km leicht ansteigende Strecke bis La Felisa, 15 km stärker steigende Strecke bis Irra, der nächste Streckenabschnitt bis La Estrella noch stärker steigend, bevor das eigentliche Steilstück nach Manizales folgt. Insgesamt 1600 Höhenmeter zwischen La Pintada und Manizales, davon der Großteil im letzten Streckenteil. Als Luis den Plan zeichnet, weiss ich bereits, dass ich das letzte Teilstück nicht hochradeln werde.

Es gäbe keinen Mangel an Hotels und Hospedajes entlang der Strecke, erklärt Luis. Zudem könne ich auf seinem Areal auf einer Wiese am Rio Cauca kostenlos campen. Ich will aber noch die kurze Strecke bis La Fenisa radeln und mache, dass ich weiterkomme.

La Fenisa, ein größeres Straßendorf. Wieder eine Mautstelle – mehrspurige Fahrzeuge entrichten auf kolumbianischen Hauptverkehrsstraßen eine Abgabe. Einspurige Fahrzeuge sind von der Maut ausgenommen, an jeder Mautstelle ist eine „Schmalspur“ zum Passieren von Zweirädern eingerichtet. Was Kolumbien zu einem Land der motorisierten Zweiradfahrer macht.

Nach der Mautstelle eine lange Reihe von Hütten und Häuser. Reifenflicker, Mechaniker, Autoersatzteilhändler, Verkaufsbuden, Restaurants, einige mit, meist ohne Hospedajes, die allesamt nicht vertrauenserweckend wirken. An der Ortausfahrt ein kleiner Laden, in dem ich mich nach Unterkünften erkundige.

La Fenisa, ein größeres Straßendorf.

La Fenisa, ein größeres Straßendorf.

Eine Hospedaje ist nicht weit entfernt, das auf der Flussseite liegende Zimmer sauber und mit 12000 Peso (5 Dollar) preiswert. Ich erhalte einen Zimmerschlüssel und einen Schlüssel für den Hauseingang, denn das Haus ist „unattended“. Welche Nachteile damit verbunden sind, merke ich zwei Stunden später, als ich von einem Rundgang zurückkehre. Minutenlang versuche ich vergebens, die Haustür zu öffnen. Etwa eine Stunde dauert es, bis der Besitzer alarmiert und die Tür offen ist. Und ich in das Geheimnis des Türöffnens – schnelles zuckendes Hin- und Herbewegen des Schlüssels – eingeweiht bin.

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23.11.2015, Manizales, Hotel Amaru, Tkm 36, Gkm 8838

Die von Luis gegebene Wegbeschreibung entspricht weitgehend der Realität. Leicht aufwärts bis Irra. Im Freilandgebiet einige Hinweistafeln auf Wildtiere, von denen ich auf der Straße nur einige überrollte Exemplare sehe. Kein Mangel herrscht allerdings an grauen und dunkelbraunen Raupen, die stellenweise in Scharen auf der Straße herumkriechen. Lästig auch die grünen Raupen, die von den Bäumen auf mein/en Hemd und Helm fallen.StrassenschildIn Irra suche ich eine Weile vergeblich eine Mitfahrgelegenheit. Beide im Ort wartenden Autobusse sind voll besetzt. Natürlich verkehren auf den Überlandstraßen auch moderne Reisebusse, doch einmal will ich mit einem urigen lokalen Bus mitfahren.Mitfahrgelegenheit

Des Wartens überdrüssig radle ich weiter bis La Estrella. Die Strecke wird steiler, die Anstiege länger. Weiter will ich nicht radeln. Frage also mehrere Leute nach einem Autobus. Schlussendlich ist es ein alter Jeep, der mich – und neun weitere Passagiere – nach Manizales bringt.

Manizales in der zentralen Kordillere der Anden.

Manizales in der zentralen Kordillere der Anden.

Manizales in der zentralen Kordillere der Anden, Hauptstadt des Departamento Caldas, 380.000 Einwohner, 1849 gegründet, 2160 Meter hoch inmitten des Kaffeeanbaugebietes Kolumbiens gelegen, eine Großstadt auf Bergkämmen. Steil abfallende bzw. ansteigende Straßen, selbst die Kathedrale mehr hoch als breit. Zum Frühstück gibt es am nächsten Morgen übrigens heisse Schokolade.

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24.11.2015, Cartago, Hotel Balcones de San Francisco, Tkm 79, Gkm 8915

Am Morgen Sonnenschein in Manizales, rasche Eintrübung, mittags leichter Regen in Pereira, nachmittags einige Regentropfen in Santa Rosa und Sonnenschein in Cartago, abends schwarze Wolken und ein Gewitter über der Stadt.

Bin ich nicht vorgestern und gestern dem Rio Cauca entlang geradelt, vor dem Anstieg nach Manizales? In Cartago treffe ich wieder auf den Fluss, der mit 1180 km zu den längsten Flüssen Kolumbiens zählt. Nördlich von Cartago durchbricht der Rio Cauca ein kaum zugängliches Gebiet der zentralen Kordillere, um später in den Rio Magdalena zu münden. Ich werde dem Flusslauf nun eine Weile nach Süden folgen, bis zu seinem Ursprungsgebiet nahe Popayan in 3000 m Seehöhe. Meine ich irrtümlich, denn mehrere Tage werde ich vom Rio Cauca gar nichts sehen.

Was haben die etwa 30 km auseinander liegenden Städte Pereira und Cartago gemeinsam? Cartago, 917 m Seehöhe, 127000 Einwohner, wurde 1540 an der Stelle am Rio Otun gegründet, an der sich heute die Stadt Pereira befindet. 1691 wurde Cartago an den heutigen Standort am Rio Cauca verlegt, wo sich die Stadt noch immer befindet, wie Wikipedia treffend formuliert. Pereira (Antigua Cartago) wurde 1863 auf den Ruinen des alten Cartago neu gegründet und übertrifft mit einer Bevölkerung von 370000 deutlich ihre Vorgängerin. Mit Manizales und Armenia bildet Pereira das Eje Cafetero, das Zentrum des Kaffeeanbaugebietes in Kolumbien.KaffeeplantagenDie Landschaft ist von Kaffeeplantagen durchzogen. Die Büsche etwa mannshoch, nur fallweise sind Arbeiter in den Plantagen zu sehen, menschliche Stimmen aus dem Dickicht der Büsche zu hören.