Riedlingen

Deutschland

Erst versickert die Donau, dann bricht sie durch

Mit der Radreparatur habe ich mehr Zeit verloren, als mir lieb ist. Allerdings steht Deutschland nicht auf meinem ursprünglichen Etappenplan, was den Vorteil hat, dass ich überall anhalten kann, aber nirgendwo anhalten muss. Und den Nachteil, dass ich die Lücken im Tagebuch erst viele Monate später notdürftig schließe.

Für eine bequeme Durchradlung von Süddeutschland gibt es kaum Alternativen zum Donauradweg. Von Passau nach Donaueschingen radelte ich vor einigen Jahren, darauf durch den Schwarzwald zum Rhein. Warum also in meiner Eile von einer Strecke abweichen, die leicht zu fahren ist? Ein Esterbauer-bikeline-Radführer „Donau-Radweg Teil 1“ aus meinem Radreise-Antiquariat wird mich bei der Suche nach Sehenswürdigkeiten unterstützten. Neben ehrwürdigen Städten wie Regensburg und Ulm warten Burgen, Schlösser, Klöster und einige Donauabsonderlichheiten. Die Donauquelle in Donaueschingen ist nicht der Donauursprung, im Naturpark Obere Donau versickert das Donauwasser, bei Weltenburg durchbricht der Strom das Juragebirge, Passau wurde erst vor wenigen Wochen Opfer eines Donauhochwassers. Werden wenigstens die Schwarzwälder Kirschtorten ihrem Ruf gerecht?

Was sagt Wikipedia zu (deutschen) Radwegen? Der Donauradweg wird als beliebtester Radweg Europas bezeichnet, was vor allem am hervorragend ausgebauten österreichischen Streckenabschnitt liegt. Der deutsche Abschnitt des Donauradwegs liegt in der Beliebtheitsskala nur auf Rang drei, nach Elbe und Main, vor Weser und Ostsee Radwegen. Nur an neunter Stelle dieser unbedeutenden Skala liegt der Rheinradweg, zu stark verbaut und industrialisiert ist die Umgebung. Egal , ob sehr oder weniger beliebt, ich mache mich auf nach Westen.

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Donauaufwärts, meist auf Radwegen

17.07.2013, Straubing,  Camping Straubing, Tkm 94, Gkm 3.284

18.07.2013, Neustadt an der Donau, Camping, Tkm 106, Gkm 3.390

19.07.2013, Dillingen, Camping Zoll, Tkm 153, Gkm 3.543

20.07.2013, Ulm, Jugendherberge,  Tkm 67, Gkm 3.610

21.07.2013, Sigmaringen, Camping, Tkm 107, Gkm 3.717

22.07.2013, Donaueschingen, Camping Riedersee, Tkm 93, Gkm 3.810

23.07.2013, Grenze Waldshut/Koblenz, Zwischenstation, 50 km, Gkm 3.860

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Einige Ländervergleiche, weil wir schon bei Zahlen und Ziffern sind. Wenn ich durch Deutschland oder Frankreich radle, will  ich doch wissen, wieviele Leute ich dort treffen und wieviel Platz ich dort haben werde.

 

Österreich               83.871 qkm       8,1 Mio. Einwohner

Deutschland         357.026 qkm      82,5 Mio. Einwohner

(davon: Bayern)     70.552 qkm      12,5 Mio. Einwohner

Schweiz                  41.285 qkm        7,4 Mio. Einwohner

Frankreich             543.998 qkm      59,6 Mio. Einwohner.

 

Was hat Bayern, das Österreich nicht hat?  Beide Länder sind seit 1918 monarchiefrei. Bayern ein  „Freistaat“, eine parlamentarische Republik, ein teilsouveräner Gliedstaat der Bundesrepublik Deutschland. Österreich lediglich eine einfache Republik. Bayern hat den Millionärsclub Bayern München und des Münchner Oktoberfest, Österreich die Lippizaner und eine Spanische Hofreitschule. Gemeinsam haben die Bayern mit dem kleinen österreichischen Bundesland Kärnten die Probleme mit der maroden Bankentochter Hypo Alpe Adria Bank

Erst beim Zahlenvergleich fällt mir auf, dass Deutschland im Vergleich zu Frankreich klein und im Vergleich zu Österreich weniger groß ist, als das manchmal dominierende Auftreten der Bundesrepublikaner vermuten läßt. Nur ungern gibt man zu, dass sich der Gastarbeiterstrom gedreht hat, die Zahl deutscher Studenten in Österreich dramatisch gestiegen und viel Kapital Richtung Südosten geflossen sind. Das Verhältnis zwischen Ösis und Piefkes ist freundschaftlich ambivalent und ziemlich entspannt. Wenngleich in wichtigen Dingen die Deutschen zu oft vergessen, dass im Jahresdurchschnitt zur Wassermenge der mittleren Donau der österreichische Inn wesentlich mehr beiträgt als die deutsche Donau.

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Brigach und Breg bringen die Donau zuweg

16.07.2013, Passau, Jugendherberge

Von Österreich kommend, treffe ich mit einsetzender Dämmerung in Passau ein. Zäher und stockender Verkehr an der Einfallstraße, die meisten Autofahrer stadtauswärts unterwegs, von der Arbeits- zur Heimstätte, ich auf dem Weg zur Jugendherberge.

Jugendherbergen sind weder billig noch bequem. Hinsichtlich Unbequemlichkeit ist die Herberge in Passau kaum zu übertreffen. Mit meinem schwer beladenen Fahrrad ist der steile Anstieg zur Veste Oberhaus kaum bewältigbar. In Schlangenlinien schleppe ich das Rad auf Pflastersteinen die enge Straße hoch. Um den Berg herum, auf einer noch immer steilen Einbahnstraße zum Sportplatz, hoch über der Burg. Die Zimmer befinden sich  in mehreren Gebäuden der Burganlage, Zimmer 11 versteckt im Sonnenturm, kaum auffindbar und überbelegt. 27,– Euro sind ein stolzer Preis für eine enge Koje in einen mit 7 Personen belegten Raum

Wegen der in Passau stattfindenden Paraolympics ist die Herberge ausgebucht, doch der Mitarbeiter an der Rezeption behält den Überblick. Wir sprechen über seine langjährige Tätigkeit im oberösterreichischen Raiffeisenverbund, zweimal wurde er als Kassier in der Filiale Passau überfallen. Über die Allmacht einiger Landesbankenchefs, seinen unfreiwilligen Abschied aus dem Bankensektor und seine dreijährigen Tätigkeit in einem Bestattungsunternehmen. Beherzt greift er zum Telefon, als ich meine Reisepläne schildere, um für mich für den nächsten Tag ein Treffen mit einem Reporter der Passauer Neuen Presse zu arrangieren.

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 17.07.2013, Straubing, Camping Straubing, Tkm 94, Gkm 3.284

Morgens in der Jugendherberge eine lange Warteschlange im Frühstücksraum. Auch behinderte Sportler gehen nicht mit leerem Magen an den Start. Ihre körperliche Behinderung hält Einzelne nicht davon ab, den Schmäh laufen zu lassen. Mein Tischnachbar startet im Bowlingbewerb, Titelchancen rechnet er sich nicht aus, ist ja auch zum ersten Mal am Start.

Vormittags radle ich donauaufwärts in nordwestlicher Richtung durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet, treffe in Vilshofen den Lokalredakteur der PNP. Das Rudererhaus am nördlichen Donauufer hat schon viele bekannte Leute gesehen, darunter einige Exoten wie eine Faltbootfahrerin auf dem Wasserweg nach Australien. Ich werde freundlich empfangen, trage mich im Gästebuch des Ruderclubs ein. Auch diese Gegend war vom Hochwasser der vergangenen Wochen arg betroffen, wenngleich weniger stark als Passau mit seiner meterhoch überfluteten Altstadt.

Verglichen mit dem stark befahrenen österreichischen Donauradweg fristet der deutsche Streckenabschnitt ein Aschenputteldasein. Zu den wenigen Radfahrern gesellen sich einige Läufer, darunter ein Oberösterreicher, der für den Burgenlandlauf trainiert. Begleitet von seinem radfahrenden Vater legt er laufend cirka 100 km am Tag zurück, macht etwa 10 kmh, eine Wahnsinnsgeschwindigkeit! Ich bin mit etwa 15 kmh auf dem Fahrrad zufrieden, er läuft kaum langsamer als ich fahre! Will die Strecke von Wels nach Kufstein über ein sehr großes deutsches Eck in drei Tagen schaffen, das ist heavy!

Osterhofen, Niederalteich, Deggendorf, Bogen, die Strecke entlang der Donau ist eher flach und problemlos zu fahren. Einige festlich geschmückte Dorfplätze. Transparente, auf denen den Helfern der vormonatigen Hochwasserkatastrophe gedankt wird.

Nach 20 Uhr erreiche ich den Zeltplatz in Straubing, erzähle den Betreibern von meinem mittäglichen Interview mit der Passauer Neuen Presse. Da wollen die Straubinger nicht nachstehen, flugs ist die Lokalredaktion informiert, doch abends ist das Büro schwach besetzt. Ich hatte es nicht erwartet, doch Michaela Pollak nimmt sich spät am Abend Zeit für ein ausführliches Interview. Und wenige Tage später werden die Leser des Straubinger Tagblattes unter der Überschrift „Weltumradler macht Station“ darüber informiert, dass ich auf dem Weg von Klagenfurt nach China eine Nacht auf dem örtlichen Zeltplatz verbracht habe.

Niemand interessiert sich für durchreisende Autofahrer. Warum sollte sich jemand für einen unbekannten Radfahrer interessieren? Mehrmals stelle ich diese Frage, die Antworten sind überraschend einheitlich: lMan erinnert sich an Zeiten, in denen man selbst Rad fuhr, und man verbindet Positives mit Radfahren, als willkommene Abwechslung zu den vielen schlechten aktuellen Neuigkeiten.

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18.07.2013, Neustadt an der Donau, Camping Neustadt, Tkm 106,  Gkm 3.390

Wörth, Donaustauf, Regensburg, Bad Abbach, Kelheim, Weltenburg, Neustadt an der Donau. Ich halte nur, um einige Fotos zu schießen, für ein kurzes Mittagessen.

Die Strecke verläuft vorerst durch flaches, landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Nach Demling wird es eng zwischen Donau und Scheuchenberg. Auf dem Breuberg über Donaustauf hell leuchtend „Walhalla“, 1842 von König Ludwig I. eröffnet, Ehrentempel für „rühmlich ausgezeichnete Teutsche“, dem griechischen Parthenon nachgebildet. Nachbauten zeugen von Phantasielosigkeit, Büsten berühmter Deutscher stehen auf zahlreichen unbedeutenden Plätzen, mehrere hundert Stufen bergauf, da lasse ich Walhalla unbesucht rechts liegen.

Regensburg, vor etwa 2.000 Jahren am Limes gegründet, ist reich an Sehenswürdigkeiten. Mittelalterliche Gebäude, ein im 8. Jh. begonnener Dombau, die älteste noch in Betrieb befindliche Brücke über die Donau, die Regensburger Reichsbrücke.

Nach Regensburg dreht das Donautal nach Südwest mit dem angenehmen Effekt, dass der leichte Seitenwind zu einem hilfreichen Rückenwind wird. Hügelig nunmehr die Umgebung, enger die Straßen, am späten Nachmittag treffe ich in Kelheim ein. Über dem Ort ein weiteres Denkmal für deutsche Helden,  die „Befreiungshalle“, errichtet vor 150 Jahren im Auftrag des Bayernkönigs Ludwig I., „zum Andenken ‚an die Befreier Deutschlands aus dem napoleonischen Joch“. Angesichts eines derart heroischen Auftrags verwundert es nicht, dass das Gebäude mit 18 germanischen Riesenfrauen eher groß als schön ist.

Sehenswerter als die Befreiungshalle ist der Donaudurchbruch zwischen Kelheim und Weltenburg. Durch ein 6 km langes Tal, gesäumt von steil aufsteigenden Felsen, zwängt sich der Fluss durch den fränkischen Jura. Die Frachtschiffe haben die Donau in Kelheim Richtung Altmühltal verlassen, nach Weltenburg verkehren nur noch Ausflugsschiffe. Der Radweg macht einen weiten Bogen über den Arzberg durch die südlichen Höhen des Jura, ich nehme in Kelheim das letzte heute nach Weltenburg fahrende Schiff. An Bord einige asiatische Touristen, die vom Kloster Weltenburg wenig sehen, weil das Schiff wenige Minuten nach seiner Ankunft wieder ablegt. Enge Durchfahrt, einige spektakuläre Felsformationen, einige Menschen schwimmend oder bootfahrend im Strom.

Das am westlichen Ende der Felsenge gelegene Kloster von Weltenburg, gegründet 617 von Kolumbianermönchen, ist Deutschlands ältestes Kloster. Altes Kloster, alte Tradition, noch vor 18 Uhr werden die Pforten geschlossen, das Weltenburger Bräu nicht mehr ausgeschenkt. Letzte Besucher eilen zum Schiff, angetrieben vom ungeduldig hornblasenden Bootsführer.

Ab Weltenburg fahre ich auf der Landstraße nach Eining, passiere vor dem Ort die Reste eines römischen Legionslagers und gelange nach Eining zum Römerkastell Abusina. Gepflegtes Gelände, mit Rasenmähern gemäht, am Eingangstor die bayerische Flagge, daneben eine zweite (gar die römische?), im Kastellgelände  vereinzelte Besucher und drei Früchte tragende Kirschbäume. So wichtig zur Römerzeit der quer durch Europa führende Limes gewesen sein mag, so sehr schätze ich die Weitsicht der Römer und die Nachsicht der Vandalen und sonstigen Germanen. Sie haben für die spät eintrudelnden Touristen vorsorglich Steinobst gepflanzt und die Bäume nicht zerstört, extem kluge Entscheidungen, denn nun kann ich die Kirschen ernten!

Vom Campingplatz läßt sich abends das Stadtzentrum leicht erreichen, und die wenigen geöffneten Lokale sind gut besucht. Am Stammtisch unterhalte ich mich mit Robert, Sepp und Sigi, begeisterte Motorradfahrer, und die wissen genau, wie man am Schnellsten durch die Schweiz in die französischen Alpen gelangt.

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19.07.2013, Dillingen, Camping Zoll, Tkm 153, Gkm 3.543

Es ist eine der längsten Tagesetappen dieser Tour, von Neustadt über Vohburg, Ingolstadt, Neuburg, Donauwörth und Hochstädt, alles an der Donau

Wozu in Wackerstein über den Schloßberg fahren, wenn es eine Umfahrungsstraße gibt? Ich wähle die flache Route und umfahre den Ort auf der Hauptstraße.

In Vohburg a.d. Donau wechsle ich, dem Radweg folgend, zum Südufer des Flusses, doch am Ortsende sieht alles sehr verwirrend aus. Ein Netzwerk aus Pipelines, dicken und dünnen Rohren, hohen Dämmen, linkerhand ein Kraftwerk. Ein einheimischer Radfahrer erkennt meine Planlosigkeit, gibt bereitwilig Auskunft, schlussendlich bin ich erleichtert. Viel planloser, als ich es nun bin, waren die Errichter des vor zwei Jahren fertiggestellten örtlichen Gaskraftwerks, die das Werk wegen zu stark gestiegener Rohstoffpreise nicht in Betrieb nehmen wollten. Ich kann mich sogar glücklich schätzen: Meine Planlosigkeit kostet mich nur einige Minuten, aber keinen Cent. Deren Planlosigkeit kostet den Bürgern Millionen.

Ingolstadt finde ich nicht besonders beeindruckend, die Rokokokirche Sankt Maria Victoria und die spätgotische Hallenkirche Liebfrauenmünster sehe ich nur von außen. Woher der urige Name ‚Sankt Maria Victoria‘, ist die siegreiche Maria gar männlichen Geschlechts? Die andere Kirche hätte ich mir angesehen, wenn die Bezeichnung ‚Liebfrauenmonster‘ gelautet hätte. Westlich von Ingolstadt wieder landwirtschaftlich genutzte Flächen, in den Donauauen das weitläufige Jagdschloss Grünau.

Neuburg a.d. Donau erwartet mich mit hohen Temperaturen, vielen geschlossenen Gaststätten und dem Residenzschloß Neuburg, dem schönsten Renaissanceschloss an der Donau. Im 8.Jh. bereits Bischofssitz, im 16.Jh. Residenz der Fürsten von Pfaltz-Neuburg, thront das Schloss gebieterisch über Stadt und Donau.

Ist das Mündungsgebiet des Lech tatsächlich dermaßen schön, dass die Bezeichnungen Schönenfelder Moos und Schönenfelder Holz angebracht sind? Ich blicke auf den kleinen Ort zurück, den  ich vor wenigen Minuten passiert habe, und fahre zurück, nach Niederschönenfeld. Ein Prachtbau südlich der Landstraße,  zwei Zwiebeltürme über Maria Himmelfahrt, einer ehemaligen Klosterkirche.

Die gut ausgebaute Zufahrtsstraße entpuppt sich als Sackgasse und endet, für ein vormaliges Klosterareal nicht wirklich überraschend, an hohen Mauern. Und zwar an den Mauern der bayerischen Justizanstalt für Jugendstrafvollzug. Ich wende, radle einige Meter zurück, zum Eingangstor der Klosterkirche, besuche die prächtige Kirche, in der fleißig dekoriert wird. Für die morgen stattfindende Hochzeit, die Braut gibt letzte Anweisungen zur Platzierung der Blumengestecke, Klein-Marie rast durch das weitläufige Gotteshaus. Fotografiert man eine Braut vor der Trauung? Ich frage sie einfach, und sie macht sich fotogen.

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20.07.2013, Ulm, Jugendherberge,  Tkm 67, Gkm 3.610

Die Sonne scheint, ein leichter Wind weht aus Nordost, alles ist wie gestern, doch heute fehlt die erforderliche Motivation, nach einer Woche auf dem Fahrrad bin ich einfach müde.

Wieder ein früher Start. Um 7 Uhr morgens fotografiere ich das Schloss in Dillingen, die Marktfiranten bauen noch ihre Verkaufsstände auf, ich halte in der einzigen offenen Bäckerei der Stadt, um einen Kaffee zu trinken und, der Empfehlung eines Neudillingers folgend, die besten Brezen im Ort zu essen.

Ich fahre durch Lauingen und Gundelfingen, Günzburg und Neu-Ulm, passiere die Grenze von Bayern und Baden-Württenberg, schon bin ich am Ulmer Dom. Hier herrscht kurz nach Mittag hektische Betriebsamkeit, im Stadtzentrum mehrere Großbaustellen.

Am Domplatz gibt es wegen der vielen Marktstände und Besucher kein Durchkommen, die umliegenden Gastlokale sind pumpvoll. Das gotische Ulmer Münster ist mit 162 Metern der höchste Kirchturm der Welt, und das seit 1890. Ein idealer Sprungplatz für den „Schneider von Ulm“ Albrecht Berblinger, der mit selbstgebastelten Flügeln 1811 von der Adlerbastei abhob und nach einem mißglückten Flug in der Donau landete. Der Schneider hätte für die Berechnung der Flugbahn doch den hier geborenen Albert Einstein kontaktieren sollen. Abseits des Doms drängen sich im Fischer- und Gerberviertel die Touristen, zwischen den eng aneinander gereihten und in die Blau gebauten Fachwerkhäuser. So ein Gedränge!

Auf dem engen Radweg zwischen Bahn und Donau verlasse ich die Stadt, als ich nach drei Kilometern auf das Hinweisschild ‚Jugendherberge‘ stoße. Der Nachmittag ist heiß, meine Motivation zum Weiterfahren gering, also folge ich dem Schild, durch eine enge Bahnunterführung, über die vielbefahrene Bundesstraße, auf einer Nebenstraße steil bergauf in der sengenden nachmittäglichen Sonne, in die Gebrüder-Scholl-Jugendherberge auf dem Oberen Kühberg.

Hier erfahre ich den Grund für das Gedränge in der Stadt: Ulms beliebtestes Volksfest, verlängertes Wochenende mit Fischerstechen und Schwörmontag. Zur abendlichen Lichterserenade auf der Donau nehme ich den Bus ins Stadtzentrum. Zigtausende Menschen drängen sich auf der Konrad Adenauer Brücke und auf den Straßen und Stegen entlang der Donau. Zuerst halte ich mehrere bunt beleuchtete Schiffe für die angekündigte Sensation. Bis ein vielstimmiges Ooohhh und Aaahhh durch die Menschenmassen geht und ein rotes Lichtermeer die Donau herabkommt. Zigtausende brennende Kerzen, man spricht von der jüngsten und romantischsten Lichterprozession auf der Donau. Naja, viele Besucher der im Altstadtbereich aufgestellten Bier- und Schnapshüten sind nicht weniger illuminiert.

Einzelne Festzüge und der Fischertanz auf dem Kornhausplatz haben das alle 4 Jahre stattfindende Fischerstechen, auch Schifferstechen genannt, eingeleitet, die Ausscheidungskämpfe für das morgen auf der Donau stattfindende Finale sind ausgetragen, die Karten für den Endkampf seit Wochen restlos vergriffen. Schifferstechen, eine Art Ritterturnier auf Boot statt auf Pferd, hat in Ulm eine uralte Tradition und stammt aus Zeiten, in denen aussiedlungswillige Schwaben auf kleinen Booten, den ‚Ulmer Schachteln‘ oder ‚Schwabenplättchen‘ nach Wien transportiert wurden.

Tags darauf ist mit Schwörmontag ein örtlicher Feiertag, mit der Schwörrede und dem Schwörakt des Oberbürgermeisters. Keineswegs die Einleitung des schwäbischen Karnevalls, wie ich vermute, sondern ein seit Jahrhunderten gehandhabtes, in der Nazizeit missbrauchtes Ritual.

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21.07.2013, Sigmaringen, Camping Simaringen, Tkm 107, Gkm 3.717

Ich überlasse Fischerstechen und Schwörmontag den Schwaben und radle nach Südwesten. Heute fahre ich  eine „ingen“ Strecke, durch Ersingen und Öpfingen, Ehingen und Riedlingen und Munderkingen, durch Mengen nach Sigmaringen.

Sonntags herrscht Ruhe in den auch wochentags nicht sehr betriebsamen Orten. Gasthöfe oder Cafes, die offenhalten? Gibt es nicht! Zwar haben die vormals deutschen Besitzer die Läden an zugewanderte Konkurrenten verkauft, und die haben freudig den altdeutschen Brauch der Sonntagsschließung übernommen.

Munderkingen, obwohl ehedem vorderösterreichisch, bildet da keine Ausnahme. Doch ist das Städtchen sehenswert, mit hohen Giebelhäusern und zahlreichen Kirchen in einer malerischen Altstadt.

Ich mache Pause in der Prämonstratenserabtei in Obermarchtal. Am Eingang zum ausgedehnten Gebäudekomplex warten mehrere Frauen längere Zeit auf ein Großtaxi, das sie in belebtere Regionen bringen wird. Das Kloster, von Mönchen vor zweihundert Jahren in die zuverlässigen Hände derer von Thurn und Taxis übertragen, beherbergt neben zahlreichen Gebäuden insbesondere eine Kirche mit Stuckornamenten, schönster deutscher Barock der Wessobrunner Schule. Unbedingt erwähnen muss ich den südöstlichen Pavillon des Gebäudes, nächtigte doch hier Marie Antoinette auf ihrem Weg nach Paris zu ihrem königlichen französischen Bräutigam. Ach, wäre sie doch hier geblieben! Nein, sie wollte unbedingt nach Paris, um dort ihren Kopf zu verlieren.

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22.07.2013, Donaueschingen, Camping Riedersee, Tkm 93, Gkm 3.810

Die Strecke zwischen Sigmaringen und Beuron ist spektakulär, die hier eher wasserarme Donau windet sich in Schleifen durch beidseitig hoch aufragende Felsen. Hinauf zum Kloster Inzigkofen, wieder bergab, vorbei am Teufelsloch, hinein nach Gutenstein. Ich wechsle ans nördliche Donauufer, auf die wenig befahrene Bundesstraße, ist leichter zu fahren als der enge, geschotterte Radweg.

Beuron beeindruckt aus der Entfernung mit einer mächtigen Anlage. Die Klosterkirche und insbesondere der Seitenaltar sind oppulent ausgestattet, echter Beuroner Barock.  Vor der Kirche sind Fahrräder und Bettler nicht erwünscht, die Mönche sind ohnehin Profis im Abkassieren. Viele Gebäudeteile sind als „Klausur“ gekennzeichnet, für die Öffentlichkeit daher nicht zugänglich. Zutritt zum Klostergebäude nur für Tagungsteilnehmer und Zimmergäste, Besuche der Ausstellung nur nachmittags, eigene Landwirtschaft, eigene Klostermetzgerei. Wen schlachten die Mönche, etwa finanzschwache Gäste?

Wahrscheinlich Zufall, doch wie Weltenburg am Donaudurchbruch vor Kelheim liegt auch das Benediktinerstift Beuron an einer strategisch günstigen Stelle. Hier waren im Mittelalter Gütertransporte leicht überwachbar und Wegezölle leicht einhebbar, wenn nicht von den Mönchen, dann von den Adeligen, die ihre Burgen an höher gelegenen Stellen errichteten.

Nach Fridingen wird das Tal weiter, die Strecke weniger hügelig als um Beuron. Auf die  vereinzelt fehlende, teils irreführendeBeschilderung hat dies keinen Einfluss, wie im kleinen Ort Stetten. Anstatt mittendurch fahre ich die ausgeschilderte Strecke bergauf, um den Ortskern herum. Eine freundliche Autofahrerin hält, erklärt den kürzesten Weg durch den Ort, versucht gutzumachen, was Bürohengste verpfuschten.

Am Ortsrand von Tuttlingen ist die Donau noch da, wenngleich eher ein Tümpel als ein fließendes Gewässer, dann ist das Flussbett plötzlich trocken. Zwischen Möhringen und Immendingen verschwindet das Wasser einfach im Boden, versickert in den durchlässigen Schichten des Jura, um im Achloch wieder auszutreten und den Bodensee bzw. Rhein zu speisen. Ein mehrere Meter breiter Strom endet einfach in einem Steinbett. An 150 Tagen im Jahr ist das Flussbett staubtrocken, kaum zu glauben bei einer Hochwassermarke von über zwei Metern. Selbst die Regentropfen eines vorbeiziehenden Sommergewitters können den Wasserstand nicht heben.

Die letzten Kilometer vor Donaueschingen sind weitgehend flach, doch noch einmal schlagen die Straßenverplaner zu, mit einem unnötigen Anstieg  nach Pfohren. Eine Beschilderung des asphaltierten Wegstückes am südlichen Ortsrand hätte mein Vorwärtskommen wesentlich erleichtert.

Welchen Weg nehme ich nun ins Rhonetal? Ich frage Einheimische, den Betreiber des Campingplatzes, Annemarie aus Bern, keine/r hat eine brauchbare Antwort parat.

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23.07.2013, Grenzstation Waldshut/Koblenz, Tkm bis zur Grenze 50, Gkm 3.860

Vom Riedersee nach Donaueschingen sind es nur wenige Kilometer. Der Schlosspark ist weitläufig, das Schloss imposant, aber nicht öffentlich zugänglich und nur aus der Distanz zu betrachten.

Die Donauquelle ist eine weitere Sehenswürdigkeit, so der Reiseführer. Aber welche Enttäuschung, die Zugänge zum Quellbrunnen sind wegen notwendiger Sanierungsarbeiten gesperrt.  Was ist hier wirklich sehenswert? Gar die ausgedehnte Baustelle zwischen Fürstenbergscher Brauerei und Schloss? Wie nicht anders zu erwarten,  ist auch die Donaueschinger Donauquelle keine richtige Quelle, sondern nur ein steinernes Rondeau im Schlosspark. Der Streit um den Donauursprung war ja gerichtsanhängig, nur soviel ist sicher: Brigach und Breg bringen die Donau zuweg. Der Zusammenfluss dieser beiden Zuflüsse ist der Anfang der Donau, wen verwundert es bei derart schlampigen Verhältnissen, dass die Donau nach Immendingen im Erdreich versinkt?

Donaueschingen scheint fest in italienischer Hand. Die Esslokale nennen sich Ristorante, nicht Gasthaus oder Restaurant.  Wurden hier Mafiagelder veranlagt, Schwarzgeld am Rand des herrlichen Schwarzwaldes? Aber einige Türken und Sonstige seien auch hier, dazwischen einige Deutsche, betont die Verkäuferin in der Backstube.

Ich habe mich für die Route über Singen zum Rhein nach Basel entschieden, doch noch mehrmals ändere ich heute die Planstrecke. Ich frage einen Reifenhändler, eine Oberkellnerin, einen Lkw-Fahrer, einen Mofa-Monteur. Singen liegt zu weit im Westen, über Bonndorf wird gerade der Schwerverkehr umgeleitet, bei Basel ein zu hoher Hügel, nach Aarau kann ich auch eine flachere Strecke fahren.

An den südlichen Hängen des Schwarzwaldes rase ich hinunter in die Wutachschlucht, muss am Gegenhang hinauf nach Evatingen, esse endlich eine Schwarzwälder Kirschtorte, am Rande eines Schwarzwälder Sommergewitters. Auf dem Weg bergab zum Rhein erwischen mich einige Regentropfen, bei Waldshut/Koblenz passiere ich am frühen Nachmittag die deutsch-schweizerische Grenze.

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