AT 2013 006 Donauradweg Linz 3

Österreich

Nördliche Route nach Südfrankreich

Die Reparatur meines Fahrrads hat mir zehn Tage Zeitrückstand beschert. Und mich weit von meiner Planroute entfernt. Was mich nicht davon abhalten wird, in Frankreich entlang dem Canal du Midi zum Atlantik zu radeln. Muss mir nur eine passende Route auswählen, um nach Südfrankreich zu gelangen.

Viele Wege führen nach Avignon, einst Sitz eines Gegenpapstes, mit einem stark befestigten Papstpalast. In eine Stadt weitsichtiger Entscheidungen!? Dachte ich jedenfalls, als ich die Mär vom Bau der mächtigen Brücke über die Rhone vernahm: Lange Brücke, zu schmale Fahrbahn, der halb fertig gestellte Bau wird noch in der Bauphase eingestellt. Wikipedia belehrt mich eines Besseren: Pont d’Avignon, errichtet im 12.Jh. als damals mit 900 m längste Bogenbrücke Europas, wurde Opfer von Kriegen und Hochwasser. Von 22 Bögen sind 4 erhalten, immer noch genug, um Touristenscharen anzulocken.

Zwei Alternativen bieten sich für die Fahrt nach Südfrankreich an, wobei ich die Südroute mit der Einstiegsstelle Genua sofort verwerfe. Zu heiß war es wenige Wochen zuvor in Süditalien, zu verlockend ist die Aussicht auf gemäßigte Temperaturen in Mitteleuropa. Bleibt also die nördliche Route, Donauradweg bis zum Donauursprung, durch den Schwarzwald zum Rhein, entlang der Aare durch die Schweiz und durch das Rhonetal hinein nach Südfrankreich.

Das Rad ist repariert, die Fahrstrecke liegt fest,  der Zeitrückstand kann aufgeholt werden. Im Klartext: Fahren, schlafen, fahren, Tagebuch später nachschreiben.

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Eine indirekte Direktverbindung

 14.07.2013, Sankt Pölten, Jugendherberge, Tkm 54, Gkm 2.950

Ich wähle Wien als Ausgangspunkt meiner Reise, weil ich mir von einem Bekannten Lösungsvorschläge zur Behebung von PC-Problemen erwarte. Nicht bedenkend, dass einige Wiener PC-Fachleute ihre Freizeit mountainbikend in Kärnten verbringen und dabei telefonisch nicht erreichbar sind/sein wollen. Ich im Zug auf dem Weg nach Wien, Thomas P. auf Mountainbiketour in Kärnten, das kann nicht gut gehen!

Natürlich ist es eine indirekte Direktverbindung, die ich benütze. Weil Radfahrer bei europäischen Eisenbahnbetreibern, somit auch bei der ÖBB, nur auf Nebenstrecken, nicht jedoch auf Hauptverbindungen gern gesehen sind. Kein verfügbarer Radstellplatz im Intercity von Klagenfurt nach Wien. Ich fahre mit der Bahn über Salzburg und Linz Richtung Wien, ist noch immer schneller als radeln.

Kaufe die Fahrkarte in Klagenfurt und nütze die Zeit bis zur Zugsabfahrt für eine Radtour nach Villach. In Pörtschach eine Beinahe-Kollission, als ein Zwölfjähriger zeitungslesend sein Fahrrad aus einer Seitenstraße lenkt. Wörthersee Radweg und  Drauradweg kenne ich. Bei Magdalen quere ich die Drau, um ein Foto von Südösterreichs bekanntestem Establissement zu schießen, mehr noch, um potente Sponsoren anzusprechen. Doch heute ist der Parkplatz leer, der Haupteingang verschlossen. Ich schildere dem Geschäftsführer mein Begehr, als leidenschaftlicher Mountainbiker zeigt er Verständnis, aber kein Mitleid. Sein Betrieb lebe sehr gut von Mundpropaganda, PR werde nicht benötigt, seine Damen lehnen jede Publicity ab, aber er will mir gerne nach Ende meiner ersten Etappe den Freizeittempel zeigen.

In Villach sind die Zugsbegleiter ungehalten, hätte ich doch mein Fahrrad in Klagenfurt verladen sollen. In Linz sind sie auch ungehalten, weil ich mich zum Verlassen des Zugs in Sankt Pölten entschlossen habe. Wieder kommt Unordnung in die Reihe der mitgeführten Fahrräder. Hätte während des langen Aufenthalts in Salzburg umdisponieren können. Wie soll ich dem Zugspersonal begreiflich machen, dass ich trotz miserabelster Telefonverbindungen auf der Westbahnstrecke herausgefunden habe, dass für mich ein Wienbesuch heute sinnlos ist?

Seit Attnang-Puchheim sitzt mir Martina F. gegenüber, war mehrere Jahre in Australien, ist recht aufschlussreich, Einzelheiten über neueste Entwicklungen auf der Südhalbkugel zu erfahren. Arbeitet in der Marketingbranche, nach London nun in Wien. Also, wenn Thomas in Kärnten mountainbiked, kann ich mir die Reise um den Wienerwald sparen und meine PC-Probleme von Sankt Pölten aus mit auf die Radtour nehmen.

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15.07.2013,  Mitterkirchen, Gasthaus Haberl, Tkm 100, Gkm 3.050

Auf der verkehrsarmen Bundesstraße 1 nach Westen. Hier zeigen sich die wahren Vorteile von Autobahnen. Autofahrer benützen die gut ausgebaute Autobahn und schaffen dadurch Platz für den Radfahrer auf der Bundesstraße.

Das Wetter ist hingegen weniger einsichtig. Vor Loosdorf verdichten sich die Wolken, an der Ortseinfahrt fallen erste Regentropfen. Bevor es richtig schüttet, sitze ich in einem Cafe bei Apfelstrudel und Cappuccino. Und das Wetter hält sich an die Prognose, bald durchbrechen Sonnenstrahlen die dünner werdende Wolkendecke.

Auf der Südseite der Donau bis Ybbs, beim Kraftwerk auf die Brücke zum Nordufer. Mehrere Personen, darunter ein Großelternpaar mit drei Enkelkindern, kommentieren auf der Radfahrspur die Einfahrt von zwei Schiffen in die Schleusenanlagen. Was der Großvater, Bereichsleiter für den örtlichen Staubereich, erzählt, interessiert mich mehr als die Kinderschar. Am Ausgang des Strudengaus gelegen, ist das Kraftwerk Ybbs-Persenbeug Österreichs zweitältestes und viertgrößtes Donaulaufkraftwerk, erbaut 1959, liefert etwa 1% des österreichischen Energiebedarfs, Stauseelänge 30 km. Betreiber ist die Austria Hydro Power AG, hat die alte Bezeichnung Österreichische Donaukraftwerke AG schubladisiert. Lerne auch Neues betreffend Donauschifffahrt, internationale Vereinbarungen, Schiffsausmaße, Schleusentornormen. Vielleicht kann ich mein neu erworbenes Wissen umsetzen, wenn ich auf meinem Weg Donau aufwärts einzelnen Schubverbänden begegne? Ob Wissen oder Unwissen: Seit Eröffnung des Main-Donau Kanals 1996 zählt die Donau als Teil des Wasserwegs von Amsterdam zum Schwarzen Meer zu Europas wichtigsten Wasserstraßen.

Und der österreichische Teil des Donauradwegs mit jährlich über 600.000 Benützern ist Europas meist befahrener Fernradweg. Wovon heute trotz Sommerferien nicht viel zu merken ist, nur wenige Radfahrer sind im Strudengau unterwegs. Eng der Donaudurchbruch, steil fallen die Felsen zum Donauufer ab, einst bei den Donauschiffern wegen der Stromschnellen gefürchtet, heute von den Freizeitradlern wegen der abwechslungsreichen Aussichten geliebt.

In Grein geht der enge Strudengau ins weite Machland über. Zwar sind einige Jahre vergangen, seitdem ich diese Strecke fuhr – damals 240 km in einem Tag mit Rückenwind, das war einsame Spitze – doch jetzt ist vieles anders. Das Jahrhunderthochwasser 2002 hat einen unglaublichen Wandel bewirkt, mit den größten „freiwilligen“ Umsiedlungsprojekt des letzten Jahrhunderts wurden Dörfer aufgelassen und Menschen umgesiedelt, riesige Schutzdämme errichtet. Ich radle durch Schleusentore, und durch einzelne von Dämmen umgebene Dörfer, beziehe Quartier im Gasthof Haberl, unterhalte mich mit der Gastwirtin.

Die Bewohner der Ortschaft Mitterkirchen im Machland haben sich für einen Verbleib und gegen eine Absiedlung entschieden, erzählt Wirtin Sieglinde. Den um den Ort errichteten Damm habe ich gesehen, sieht nicht einladend aus, hat aber dem Hochwasser vom Juni 2013 standgehalten. Die Auswirkungen des Hochwassers 2002 auf die örtliche Wirtschaft werden erst langsam sichtbar: Kaufkraftverlust durch abgewanderte Ortsbewohner und durch ausbleibende Touristen, einige Geschäfte stehen vor dem endgültigen Aus. Keine rosige Zukunft, trotz hoher Schutzdämme.

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16.07.2013, Passau, Jugendherberge, Tkm 140, Gkm 3.190

Wenige Radfahrer, aber viele Fahrzeuge mit ZT Aufklebern. Was machen die zahlreichen Vermessungstrupps auf den Dammkronen im Machland? Ich frage Sonja, Ziviltechnikerin. Der Zustand der Dämme werde genauestens überwacht, dafür sei eine laufende Vermessung notwendig. Gute Arbeit, Sonja, Sicherheit ist wichtig!

Die Ziviltechniker verdienen prächtig im Machfeld, doch nicht jedermann ist glücklich mit den errichteten Dämmen. Ich vernehme kritische Stimmen, mit Verweis auf das nur wenige Wochen zurückliegende Hochwasser. Die zu schwach dimensionierten Machfelder Dämme hätten ohne Flutung des Efferdinger Beckens dem Hochwasser nicht standgehalten, der entstandene Schaden ist nur andernorts aufgetreten, die Gefahr sei noch lange nicht gebannt.

Mit einer östlichen Brise fahre ich vorbei an Mauthausen, durch Linz nach Ottensheim und Aschach. Strecken, die ich während meiner beruflichen Tätigkeit in Linz häufig gefahren bin. Vertraute Strecken, doch auch hier ist im Uferbereich der Donau vieles anders. Auffallend vor allem die vielen Sandbänke, unübersehbare Überbleibsel des Junihochwassers. Im Staubereich der Donau bei Ottensheim werden letzte Vorbereitungen für eine Ruderregegatta getroffen, inmitten einer Sandwüste.

Ich bewundere die Oberösterreicher, ein kultiviertes Volk! Klangwolke, Brucknerhaus in Linz, riesiger Volksfestplatz in Urfahr. Selbst Radfahrer müssen nicht auf unkultivierten Pfaden radeln, sie fahren den Kulturradweg in der Schlögener Schlinge. Danke OÖ! Nur Radfahrer wie ich, die mit dem Fahrrad die große weite Welt bereisen, wissen zu schätzen, dass Hinweisschilder und genaue Streckenbezeichnungen sehr wichtig sind.

Mit den letzten Sonnenstrahlen erreiche ich Passau, die Bischofsstadt am Zusammenfluss von Donau, Inn und Ilz. Fast am Ziel angelangt, beginnt der schwierigste Abschnitt der heutigen Etappe, der Aufstieg zur Veste Oberhaus.

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