Pisa

Italien

Erstes Land meiner Radtour 2013

Für die Erteilung eines Visums für Algerien waren genaue Angaben zu Ort und Zeitpunkt des Grenzübertritts erforderlich, was wiederum einen detaillierten Zeitplan für die erste Etappe durch Italien und Tunesien voraussetzte. Das Visum habe ich nicht erhalten, doch der Routenplan war punktgenau, im Gegensatz zu allen anderen nachfolgenden Streckenabschitten. Ich wollte also Italien (und Tunesien) in einem voraus bestimmten Zeitraum durchradeln, nicht darauf Bedacht nehmend, dass sommerliche Hitze das Radfahren keineswegs erleichtert.

Den ersten Teil der Planstrecke, vorbei an Venedig in die Poebene, bin ich mehrmals in Vorjahren gefahren. Dann folgt der mir unbekannte Streckenabschnitt über den Appenin zur tirrenischen Küste mit Cinque Terre und Pisa. Die darauf folgenden Städte Rom, Neapel, Messina und Palermo habe ich in grauen Vorzeiten besucht, die dazwischen liegenden Landschaften jedoch nie mit einem Fahrrad durchquert. Es gilt also Neuland im südlichen Nachbarland zu entdecken.

Also: Start in Österreich, erstes Zielland ist Italien, von Palermo in Sizilien nehme ich ein Fährschiff nach Tunesien. Ich fahre vom 01. bis 29.06.2013, 29 Tage, 2.489 km.

 

01.06.2013, Resiutta, Hotel Val Fella, Tkm/ Gkm 145 km

Nächtlicher Regen verzögert den Start. Um 8 Uhr sind die Straßen trocken, ich starte Richtung Italien. Natürlich nicht auf direktem Weg.

Erster Halt ist Kostels Radshop in Klagenfurt. Nicht selten stand ich hier vor verschlossener Tür mit dem  gelben Hinweisschild  „I am biking“. Heute ist Norbert Kostel im Laden, freut sich über meinen Besuch, wälzt bereits Pläne für eine staubtrockene Rundfahrt, durch die Atacamawüste im Norden Chiles.

Nächster Halt am Neuen Platz in Klagenfurt: Ein Foto vom lädierten Wahrzeichen der Kärntner Landeshauptstadt will ich mit auf die Reise nehmen. Vandalen haben dem Urtier übel zugesetzt, seinen geringelten Schwanz malträtiert, der nun, von einem Holzgerüst gestützt und von einem Restaurateur  liebevoll behandelt, mit einer Alarmanlage gesichert wird. Armes Klagenfurt, hat kaum Geld für die Sanierung von Straßen, muss viel Geld in einen alten Schwanz investieren. Zwei Lindwurmkinder, das Klagenfurter Ehepaar Anna und Rudi, laden mich zu einem Abschiedscafe ein, weil sie begreifen, wie sehr ich mit dem keuleschwingenden Herkules leide.

An Klagenfurts Riviera, am Lido beim Strandbad, wartet bereits mein Begleiter für das erste Teilstück nach Italien, Gustav Mostetschnig, Konsulent für erneuerbare Energien, aus Strau im Rosental, der mich bis Gemona in Italien begleiten wird. Schamlos nutze ich die Gelegenheit, Fotos von mir auf, neben und hinter meinem Fahrrad schießen zu lassen, am Klagenfurter Lido, an Werzers Schiffsanlegestelle in Pörtschach, am Eingang zu Veldens Spielcasino, am Parkplatz von Villachs bestbesuchtem Bordell in Maria Gail, in der Finkensteiner Eiernudelfabrik. Nur Kennybär in Müllnern darf ich nicht besuchen, er ist ungehalten, seine Ziehschwester ist noch auf einer Bergtour. In Tarvis noch ein Cappuccino im In-Lokal Bar Commercio, dann machen wir Speed.

Der Ciclovia Alpe-Adria, überwiegend der aufgelassenen alten Bahntrasse folgend, asphaltiert und breit,  ist mit Ausnahme einiger giftiger Anstiege vor noch nicht fertiggestellten Teilstrecken gut zu fahren.

Der mittags blaue Himmel wird zunehmend blässlich, die Gipfel der Julischen Alpen verschwinden in den Wolken, erste Regentropfen werden zu einem lästigen Nieselregen. Das Tagesziel Moggio Udinese in Sichtweite, finden wir ein Quartier in einem Hotel an der Staatsstraße in Resiutta.

Mit der zurückgelegten  Strecke bin ich zufrieden, die Durchschnittsgeschwindigkeit von 19 kmh ist ungewöhnlich hoch. Zum Tagesausklang gibt es einige Gläser Rotwein, weil dieser, so Gustav, bereits bei seinen Vorfahren für biblisches Alter sorgte. Neben dem Abendessen eine Kurzeinschulung am Tablet. Erste Erfolge stellen sich ein, das Gerät lässt sich zumindest ein- und ausschalten.

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02.06.2013, Castions, Hotel Parco d’Oro, Tkm 92, Gkm 237

Spätstart in Resiutta. Wir sind um 8 Uhr abfahrbereit, aber der Frühstücksraum ist geschlossen. Die Aushilfskraft hat die Gäste wieder einmal vergessen. Völlig verschlafen erscheint der Gastwirt um 9 Uhr. Da diskutiere ich nicht, da bestimme ich den Preisnachlass.

Wir starten verspätet, fahren bei Moggio Udinese auf die Nebenstrasse nach Campiolo. Wir radeln bergauf Richtung Stavoli, neben Moggessa di la und Moggessa di qua eines der verlassenen Dörfer am Ausgang des Kanaltales. Eine beinharte Wanderung bringt uns in eine abgeschiedene Gegend, die noch nie ein Fahrzeug gesehen hat, auf einem Maultierpfad durch ein enges Tal, über tausend Stufen hinauf auf einen Höhenrücken. Die Autoren W. Berger und G. Pilgram beschreiben diese Strecke als eine der aussergewöhnlichsten und schönsten Wanderwege Friauls. Trittsicherheit sei erforderlich, aber es ist nicht jene Art von Trittsicherheit, die ich vom Radfahren gewohnt bin.

An der Gabelung von asphaltierter Straße und Wanderweg hilft ein Ortsbewohner mit einer Streckenbeschreibung: Zwei Wege stehen zur Auswahl, wir sollen der asphaltierten Straße folgen. Diese führt steil berauf, endet am Fuß einer Materialseilbahn. Fahrrad angekettet, Gepäck in den Büschen versteckt, steigen wir auf einem engen Pfad zuerst hinunter zum Flussbett, folgen auf Wanderweg 427 dem Fluss Glagno, dann gehts steil bergauf. Ich leide wie die Maultiere, die diesen Pfad Jahrhunderte lang gegangen sind. Die Gegend ist menschenleer, bewaldet, zerklüftet, durch enge Schluchten rauschen Gebirgsbäche. Ich quäle mich den Berg hoch und werde mit einem bemerkenswerten Ausblick belohnt. Nach einer Bergkuppe erstreckt sich eine blumenübersäte Wiese bis zum Dorf Stavoli, mit vierstöckigen Häuser, in die die Menschen zurückgekehrt sind und jetzt liebevoll renoviert werden.

Drei enge Gassen, dem Rundgang durch das Örtchen folgt der lange Abstieg zum Glagno und eine Katzenwäsche im eiskalten Gebirgsbach. Durch den Buchenwald hinauf zu den Fahrrädern, eine schnelle Abfahrt nach Moggio, der Ausflug in eine vergessene Welt ist zu Ende.

Kräftiger Gegenwind auf der Staatsstraße nach Venzone. 1976 von einem verheerenden Erdbeben total zerstört, wurde das Städtchen zu einem Schmuckkasten wiederaufgebaut. Für einen Sonntagnachmittag ist es sehr ruhig, drei slowenische Besucher zeigen sich von meinen Reiseplänen begeistert. Renoviertes Rathaus, renovierte Kirche, einzelne auf Lavendel spezialisierte und in lavendelblau gehaltene Läden sind beliebte Fotomotive. Zwei lavendelblau gekleidete Verkäuferinnen wollen erst überzeugt werden, als passend gekleidete Modells zu posieren.

Gustav begleitet mich bis Gemona, fährt mit der Bahn zurück nach Tarvis bzw. Österreich, morgen wartet ein normaler Arbeitstag auf ihn. Für die Umsetzung seines Planes, mit einem noch zu bauenden solarstrombetriebenen Fahrrad nach Mali zu radeln, wünsche ich ihm viel Erfolg.

Der Platz vor der American Bar in Udine ist offensichtlich der geheime Treffpunkt österreichischer Radfahrer. Eine allein radelnde Arnoldsteinerin, nach Süden die Via Augusta gefahren, jetzt auf dem Heimweg auf dem Alpe-Adria Radweg, heute morgen in Grado gestartet, will heute noch einige Kilometer nach Norden zurücklegen. Ein Grazer Student legt seine Reise weniger aufwendig an: Zum Start hatte er zwar die notwendige Ausrüstung, aber – ob bewusst oder unbewusst, danach frage ich ihn nicht – kein Geld. Er lebt von dem, was ihm die Leute geben; ein Italiener hat ihn gerade zu einem Glas Wein eingeladen. Für die Bahnfahrkarte nach Villach fehlen ihm noch € 4,00, die bekommt er von mir. Nicht jedermanns Sache, auf fremde Kosten zu reisen, aber doch eine aus dem üblichen Rahmen fallende Geschichte, die er gegen freiwillige Spenden in Erlebnisberichten präsentieren will.

In Udine wähle ich die falsche Richtung, umfahre die Stadt im Süden, ehe ich auf die Straße  nach Pozzuollo gelange. Nach Castions di Strada ein vereinsamt und etwas heruntergekommen wirkendes  Hotel am Straßenrand. Der Zimmerpreis passt, das Fahrrad ist sicher im leeren Ballsaal verwahrt, im Restaurant diskutieren zwei Italiener lautstark ihr Lieblingsthema Politik

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03.06.2013, Chioggia, Camping Miramare, Tkm 108, Gkm 345

Ich fahre durch das Hinterland von Grado, Lignano und Caorle, im Sommer Hauptquartiere der Wiener Hausmeister. Durch Latisana und Eraclea nach Jesolo, um in Punta Sabbioni die Fähre nach Venedig zu nehmen. Brettelebenes Land, Wein- und Weizenkulturen wechseln mit landestypischen Pappelhainen, die Temperatur steigt auf angenehme 26ºC, nur der Wind hält sich nicht an die Prognose, weht hartnäckig aus der Gegenrichtung.

Abseits der Straße, im Schatten einer dunklen Wolke, liegt ein riesiger Fabrikskomplex, hinter einem sonnendurchfluteten abgeernteten Feld. Ein Spiegelbild der italienischen Wirtschaft? Ich fahre zum Wachhäuschen am Eingangstor, unterhalte mich mit der letzten hier noch beschäftigten Mitarbeiterin. Die vormals hier bedeutende Zuckerfabrik wurde vor einigen Jahren geschlossen, alle Mitarbeiter haben ihre Arbeitsplätze verloren, kein Nachfolgebetrieb sei zu finden, nun ist der riesige Gebäudekomplex dem Verfall preisgegeben. Wäre ein geeignetes Projekt für Gastavs Alternativenergien, müsste doch mit EU-Unterstützung umzusetzen sein!.

Vorbei an mohnblumenübersäten Feldern, vorbei an verfallenen Gehöften und gepflegten Häusern, vorbei an Eraclea gelange ich nach Jesolo, Ziel zahlloser deutschsprachiger Urlauber. Noch sind Aqualand und Campingplätze schwach besucht, noch sind die Bauarbeiten auf der Hauptstraße von Lido di Jesolo nach Punta Sabionni in vollem Gange, noch hält sich der Besucheransturm in Grenzen, das Wetter ist zu kalt für die Jahreszeit. Das habe ich bisher noch nicht gesehen: Eine Salaterntemaschine im Einsatz, vier Leute auf dem selbstfahrenden Gerät, der geerntete Salat wird verkaufsfertig in Kisten verpackt und gestapelt zum Weitertransport abgestellt. Ein im benachbarten Weingarten Pestizide versprühender Traktor beeindruckt mich da schon weniger.

In Punta Sabbioni löse ich ein Tagesticket für Venedig um € 18,00 plus € 3,30 für das Fahrrrad. Kann damit alle Fähren benützen, doch nur die Großfähren erlauben einen Fahrradmitnahme. Venedig ist im Altstadtbereich um San Marco ohnehin keine geeignete Gegend für Fahrräder, zuviele Besucher, zuviele Treppen auf Brücken über Kanäle, zu enge Gassen. Ich versuche nicht herauszufinden, ob die Altstadt für Fahrräder gesperrt ist, wie mir einige Leute auf dem Markusplatz erzählen. Ich besteige die Fähre, sieh da, ein Fährangestellter besitzt eine Wohnung im Kärntner Gailtal, steige an der Anlegestelle vor San Marco aus, schleppe das vollbepackte Rad über Seufzer- und andere Brücken, mache Fotos am Markusplatz mit und ohne Rad, bitte andere Leute, von mir Fotos zu machen. Spreche mit Kanadiern und US-Amerikanern, Mexikanern und Italienern, Deutschen und Franzosen. Schleppe das Rad zurück über die Brücken zur Fähranlegestelle, muss lange auf die nächste Großfähre warten, nehme dann doch die falsche, zurück nach Punta Sabbioni. Um 8 Uhr abends bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Fahrt nach Venedig, nehme die nächste Fähre nach Lido, unterhalte mich mit einem US-Amerikaner indischer Abstammung und seiner aus Pakistan stammenden Gattin, er begeisterter Rennradfahrer in Texas. In Venezia-Lido schwinge ich mich aufs Rad, beginne das Inselhüpfen, trete in die Pedale, doch die Fähre bei Alberoni verpasse ich um Minuten, warte fast eine Stunde auf die nächste Fähre. Selbes Spiel an der Fähre von Pellestrina nach Chioggia

Als ich in Chioggia ankomme, ist es stockdunkel und fast Mitternacht. Uralte Stadt, holpriges Pflaster rüttelt mich wach, ich will in den angrenzenden Badeort Sottomarina, mit zahlreichen Hotels und Campingplätzen. Doch zu dieser Stunde sind alle Tore verriegelt und verschlossen, Lungomare hat sich eingeigelt. Nach langem Suchen endlich ein Licht, ein Nachtwächter im Camping Miramare erkennt im  hilflosen Ausländer keinen potentiellen Räuber, öffnet das Gittertor zum Zeltplatz. Im schwachen Licht einer Laterne errichte ich um 1 Uhr morgens mein Zelt: Es war ein langer Tag.

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04.06.2013, Ferrara, Ferrara Camping, Tkm 124, Gkm 469

Ich frühstücke am Sandstrand vor dem Campingplatz, eifrig lenkt ein Fahrer seinen Traktor den Strand auf und ab, glättet mit einer Egge den Sand. Dann radle ich zurück in die Stadt Chioggia, dem kilometerlangen Strand von Sottomarina folgend. Hotel reiht sich an Hotel, Pizzeria an Restaurant, Kleider- an Souvenirladen. Am Strand aufgereiht die Liegen und Sonnenschirme, der übliche Sandstandrummel. Nur die Feriengäste fehlen.

Die Altstadt von Chioggia ist eine andere Welt. Fischerboote am Kanal, Weintrinker und Zeitungsleser auf glänzenden Aluminiumsesseln vor Bars, engste Gassen, wenig Autos, viele Menschen auf Motorrollern und Fahrrädern. Die Altstadt ein einheitliches Ensemble, ähnlich gebaute Häuser, zahlreiche Brücken über einen kleinen Kanal. Ich fotografiere in der Altstadt, am Kanal, in der Hauptstraße, an der Fähranlegestelle. Trinke einen Cappuccino in einer Bar am Kanal, für eine Prosecco ist es wegen der bevorstehenden langen Fahrt noch etwas zu früh.

Zurück durch Sottomarina, vorbei am Campingplatz Miramare, minutenlang warte ich an der nach Süden führenden E 55, bis sich eine Lücke in den endlosen Lkw-Kolonnen auftut und ich die Hauptstraße überqueren kann. Von der geplanten Strecken über Adria und Malborgheto nach Ferrara weiche ich schon nach wenigen Metern ab, ein Mitarbeiter des Camping Miramare hat eine verkehrsärmere Route empfohlen. An der nächsten Kreuzung verlasse ich die Hauptstraße und fahre in großen Bögen und Kurven nach Süden, Westen, Süden, Westen. Auf Land- und Seitenstraßen, auf Dammkronen, entlang verschiedener Kanäle, wie dem Adige Kanal, in dem sich die im Gebirge wilde Etsch als schmutzige Brühe dem Meer nähert.

Mittags bei Bottrighe in einem Tankstellencafe an der Straße nach Polesella: Temperatur um 30ºC, ich bin müde, ein Cafe lungo wirkt Wunder. Drei Gäste wollen Näheres über meine Reiseziele wissen, sprechen jedoch nur italienisch . Also mache ich Nägel mit Köpfen: „Alora, siamo in Italia, parliamo Italiano“! Klingt gut, versteht auch jeder, die Leute zeigen mir den kürzesten Wegnnach Po Sinistra, dem Radweg auf der Nordseite des Flusses Po.

Bis Ferrara bleibe ich auf dieser vorwiegend von Radfahrern benützten schmalen Straße auf der nördlichen Dammkrone des Po. Nur einige ortskundige Autofahrer weichen auf diese Seitenstraße aus, die sich dem Po entlang schlängelt. Hier treffe ich einen Deutschen auf einem E-Bike, er ist auf Quartiersuche, will  heute nicht mehr weiterfahren.

Die Landschaft ist eintönig, tiefliegende flache Felder, durch einen mächtigen Damm vor den Hochwässern des Po geschützt. Der vor wenigen Wochen weite Gebiete überschwemmt hat, wie ausgedehnte Tümpel und Schlammflächen im Uferbereich zeigen.

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05.06.2013, Sassuolo, Buschcamp, Tkm 125 km, Gkm 594

Nach einem Fotoshooting in Ferrara verlasse ich den Fluss Po – wie kann ein Fluss nur so einen gewöhnlichen Namen haben? – Richtung Modena. Auf dem Weg liegen Mirabello und Dosso, Cento und Crevacore, typische Kleinstädte der Region Emilia Romagna, sehenswert besonders Cento.

Jetzt sitze ich vor der verschlossenen Hintertür des Lamborghini Museums in Dosso, laut Straßenkarte 22 km von Ferrarra entfernt, doch mein Radcomputer zeigt bereits 37 km. Gegenwind und holprige 1Fahrbahn haben mich aufgehalten, aber auch der Museumsbetreiber ist nicht pünktlich. Nach einigen Minuten öffnet sich das Tor, ein elegant gekleideter Herr von Welt tritt auf, Herr Fabio Lamborghini, Spross der gleichnamigen Familie. 1946 begann Feruccio Lamborghini unweit von Dosso mit der Produktion von Traktoren, später folgten Sportwagen, leistungsstarke Motoren für den Rennsport und Motorboote, selbst Schi wurden produziert. Die Familie Lamborghini ist aus dem risikoreichen Produktionsgeschäft ausgestiegen, die Automarke wurde vor Jahren vom deutschen VW-Konzern geschluckt, die Traktoren von der Same-Gruppe; Boiler und Pumpen werden im benachbarten Areal von einer weiteren italienischen Gruppe erzeugt. Fabio kümmert sich um weniger konzernrelevante Dinge und führt, gegen Voranmeldung, Gruppen oder Einzelpersonen durch das Ausstellungsgebäude. Selbstverständlich nicht gratis, die Eintrittsgebühr von € 15, 00 ist nicht kostendeckend, preisgesenkte Artikel im Museumshop sollen für entsprechende Erlöse sorgen. Die ausgestellten Prototypen und Sportwagen mit einer Leistung bis 400 PS wären auch für den heutigen Straßenverkehr nicht untermotorisiert. Selbst auf einen speziellen Rotwein im Museumshop hat Fabio nicht vergessen, aber er versteht, dass ich diesen auf meiner Reise nicht mitnehmen kann. War ein interessanterAusflug in die italienische Motorsportvergangenheit, wobei nur wenige Kilometer entfernt, in Maranello südlich von Modena, ein weiteres Zentrum des Rennsports, das Ferrari Entwicklungszentrum, liegt. Einige Fotos für das Album, Visitenkarten ausgetauscht, wir bleiben im email-Kontakt, werde dann Fabio die entscheidende Frage stellen, welches Auto er fährt: Volkswagen oder Lamborghini?

Verkehrsstau an der Ortseinfahrt von Modena, ein defekter Lkw blockiert eine Richtungsfahrbahn, Polizei regelt den Verkehr. Ich überhole die Kolonne, reihe mich an der Spitze ein. Dem verkehrsregelnden und sehr drahtigen Polizisten gefällt mein Outfit: Selbstverständlich kennt er Klagenfurt, er ist Ironman-Teilnehmer, und mehrfach zu Wettkämpfen am Wörthersee gestartet

Die Einfahrt nach Modena erscheint endlos, ich fahre einen weiten Umweg entlang der Bahn, Richtung Norden statt Süden, schließlich erreiche ich doch das Stadtzentrum. Beeindruckend der Dom mit dem riesigen Campanile, das Rathaus, die einheitlich erhaltene Altstadt. Prädikat sehr sehenswert, zu Recht UNESCO Wellterbe.

Mühsam die Ausfahr nach Sassuolo, irreführend die Verkehrsschilder, die Landstraße geht nahtlos in eine Autobahn über, ich fahre mehrere Umwege, lande wieder auf der Autobahn, folge dieser in das Zentrum  der Keramikindustrie. Zwei teure Hotels am Stadtrand, der Zimmerpreis für Geschäftsreisende kein Problem, weil deren Rechnungen ohnehin von ihren Unternehmen bezahlt werden. Für mich ist auch der Sonderpreis von € 75,00 zu hoch. Ich radle weiter in die jetzt hügelige Gegend am Secchia Fluss, einen abgeschiedenen Platz zum Campieren finde ich am Fuß einer Staumauer. Samen vom wilden Hafer kleben wie Kletten an meinen Socken, doch mit Einbruch der Nacht werde ich dafür hundertfach entschädigt: Unzählige Leuchtkäfer verwandeln die triste Umgebung in eine Märchenlandschaft, selbst ein leichtes nächtliches Erdbeben beunruhigt mich nicht sonderlich

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06.06.2013, Passo Cerreto, Buschcamp, Tkm 78 km, Gkm 672

Die Staumauer am Secchia Fluss gleicht bei näherer Betrachtung eher einer Attrappe, nur Sand und Geröll, aber kein Wasser im Staubecken. Nach Cerredolo steigt die Straße kontinuierlich an, noch bereitet der Anstieg kein Problem, noch habe ich Muse, einen Landwirt auf einem Traktor bei Heuarbeiten im steilen Gelände zu fotografieren. Beim nächsten Motiv muss ich mich mit Halbheiten zufrieden geben: Landwirt bei Heuarbeiten mit Hund auf Traktor, aber der Bauer ist stur, bereits vom Traktor abgestiegen, will sich wegen eines Fotos nicht nochmals auf sein Gefährt setzen. Der Hund ist ohnehin wütend, sitzt angekettet auf dem Kotflügel und kläfft unaufhörlich, ist sehr bissig, wie der Bauer mehrfach betont.

Die nä0chsten 6 km zur Staatsstraße sind steil ansteigend und schweißtreibend. Je weiter ich komme, desto bedrohlicher wirkt die Situation. Wolken bedecken den Himmel, Gewitter ziehen auf, eines im Nordosten, das nächste im Südosten, im Westen sieht es auch nicht besser aus. Kurz nach Gatta die ersten Regentropfen, ich suche Schutz in einer baufälligen Scheune mit Kuhstall, vor dem drohenden Regen, der auf sich warten lässt.  Ich fahre weiter, Donner und Blitze treiben mich den Berg hoch, doch als der Regen niederprasselt, sitze ich in einer Trattoria bei Primo und Secondo.

Die Etappe ist schwerer als schwer und den Cappuccino,  den ich im La Baita d’Oro trinke, habe ich wohl verdient. Ein 5 km langer Anstieg seit Castelnovo ne‘ Monti, noch bin ich nicht in Busana, aber doch schon auf einer Bergkuppe. Welch zutreffende Bezeichnung für den durchfahrenen Ort, Monteduro, „harter Berg“! Hart für die hier lebenden Menschen, noch härter für mich, der ich mit viel Gepäck die Straße hochkeuche.

Kaum mokiere ich mich über Steigungen, gehts in Busana wieder bergab, ziemlich steil, dann wieder steil bergauf. Passo Cereto mag mit 1.261 m von der Höhe nicht beeindruckend sein. Sehr wohl sind es die Höhenmeter, die ich heute zurücklege, wegen der vielen Anstiege und Abfahrten.

Kein freies Zimmer in Alpi Cerreto, das Refugio ist ausgebucht, das Albergo wird renoviert. Einheimische verweisen mich an das nächste Hotel, auf der Passhöh, nur 5 km entfernt. Nach zwei Kilometern steige ich vom Rad, schiebe es bergauf, auf der Suche nach einem passenden Zeltplatz. Nicht leicht zu finden, denn die Laubwälder sind steil und nach dem heftigen Regen feucht. Dann einige steile Bergwiesen, Rehe flüchten, plötzlich eine flacher Auslauf am Fuß einer steilen Bergwiese oberhalb der Straße,  mein heutiger Campingplatz.

Es war die erwartet schwere Bergetappe, über Cerredolo, Castelnovo ne‘ Monti, Busana und la Gabelin. Aber warum weicht die Wegstrecke laut Karte (etwa 70 km bis zur Passhöhe) schon wieder deutlich von der tatsächlich gefahrenen Strecke ab, bin ich schon wieder Umwege gefahren?

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07.06.2013, La Spezia, Zimmer der Pizzeria Bella Napoli, Tkm 100 km, Gkm 772

Einer feuchtkühlen Nacht folgt ein wolkenloser Morgen, mein heutiges Tagesziel ist La Spezia, mit den UNESCO Welterben Cinque Terre und Portovenere in unmittelbarer Nähe.

Auf dem Passo Cerreto, an der Abzweigung zum Lago Cerreto, zwei Hotels. Vor dem Albergo Passo del Cerreto ein freundlicher Mann, Signore Paolo Giannarelli, Mitinhaber des Hotels, der mir sofort einen Brunnen zum Waschen zeigt. Dann eine kurze Einführung in Familiengeschichte und örtliche Geografie. Die Familie Giannarelli, aus dem Schweizer Engadin stammend, führt das Hotel am Passo Cerrato seit mehr als hundert Jahren, doch ehe die Giannarellis Hoteliers wurden, waren sie Generäle beim Militär. Bei welchem, vergesse ich zu fragen. Das Hotel liegt an der Grenze der Regionen Emilia und Toskana, beide kommunistisch und chaotisch regiert, wie Lino wenige Stunden später erklärt.

Eine lange Talfahrt, durch die Laubwälder des Appennin, kaum Verkehr, ich fühle bereits das nahe Meer. Am Flussübergang vor Fivizzano  ein schön gelegenes und gut erhaltenes Kastell. 6 km vor Aulla eine Lkw-Kolonne, die Hauptstraße ist wegen Brückenbau gesperrt. Umleitung über engste Dörferstraßen, hinauf auf Bergrücken, eine brutal steile Strecke. Vorbei am Dorf Barbaria: Richtig, diese Strecke ist pure Barbarei.

Aulla, die nächste Stadt, ist abstoßend, eingekesselt in einem Flusstal zwischen Autobahn und Hügeln. Kurz nach der Ortsausfahrt eine erste Raststelle, fast zeitgleich mit dem 70jährigen Lino Ricci  biege ich zur Kapelle Santa Madonna degli Angeli ein. Lino fuhr einst Radrennen, arbeitete jahrelang als Monteur im Ausland, ist jetzt wieder mit dem Rennrad unterwegs. Er liebt diesen speziellen Ort, an der einst ein Prinz von Banditen überfallen und von der lieblichen Madonna gerettet wurde. Und wie das mit Prinzen so ist: Er spendete der Madonna eine Kapelle, das einfache Volk schmückt diese heute noch mit zahllosen Gestecken, und auch Lino weiss nicht genau, wie die Geschichte wirklich endete.

Eine für Radfahrer geeignete Einfahrt nach La Spezia ist schwer zu finden. Ein erstes Hinweisschild (für Lkw) ignoriere ich, die zweite Einfahrt mündet direkt in die Stadtautobahn. An einem Imbissstand frage ich mehrere Leute, keiner spricht Englisch, alle wollen helfen. Der cleverste Gast zeichnet den Weg nach La Spezia auf eine Serviette und die Beschreibung ist exakt: Mehrere Kurven und Abzweigungen, durch ein Rondell auf die enge Brücke am abgetrennten Seitenstreifen der Autobahn, über ein Rondell hinunter und wenig später bin auf der SS 1 – Staatsstraße 1 – Richtung La Spezia.

Wenig überraschend, dass die Quartiersuche lange dauert. Das Angebot ist groß, die im Touristenbüro aufliegende Liste der Beherbungsbetriebe lang, die Listenpreise von den tatsächlichen Zimmerpreisen gravierend abweichend, einzelne billige Hotels wegen Renovierung geschlossen. Die beiden Mitarbeiterinnen im Touristenbüro sind extrem hilfsbereit und finden nach unzähligen Telefonaten ein mir passendes Quartier, in der Dependence der Pizzeria Bella Napoli.

La Spezia, Kriegs- und Seehafen sowie Containerumschlagplatz, in einer  geschützten Bucht gelegen, besticht nicht gerade durch Sehenswürdigkeiten. Eine lange Promenade im Hafenbereich, eine eher rundliche moderne Kathedrale, eine kilometerlange Mauer an der Straße nach Portovenere, die dem neugierigen Fremden den Blick auf die im Hafen liegenden Kriegsschiffe verwehren soll.

Ich nütze den auslaufenden Tag fùr eine kurze Radtour in das 10 km südlich gelegene Portovenere, nicht so fotogen wie das auf dem Weg noch im Sonnenschein liegende La Grazie, dennoch beindruckend mit dem geschlossenen Ortsbild. An der Südspitze einer hier steil abfallenden Halbinsel gelegen, der Hauptplatz überragt von einer mächtigen Burganlage, die Restaurants und Cafehäuser vor den fünf- bis sechsstöckigen Häusern nur schwach besucht, bietet der Ort einen starken Kontrast zum geschäftigen und monotonen La Spezia.

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8.6.2013, La Spezia, Dependance Bella Napoli

So war der Beginn des heute radfreien Tages nicht geplant: Das Fahrrad hilflos am Treppengeländer im Stiegenhaus hängend, auf einem platten Hinterreifen zusammengesackt. Nachtfahren habe ich geübt, freihändig fahren auch, aber doch nicht Patschen picken, ich ließ doch durchstechfeste Reifen montieren!

Ein Übel kommt ohnehin selten allein, der Kleebstoff ist eingetrocknet, also erst einmal einen Fahrradhändler suchen, diesem auf Itakienisch erklären, dass ich eine Tube Klebstoff brauche, wobei das Erklären kein leichtes Unterfangen ist, denn die lokalen Fahrradhändler wollen Fahrräder verkaufen und nicht Fremdsprachen lernen.

Während ich warte, dass der Klebstoff trocknet, erstelle ich die Liste der aktuellen Schwachstellen meines Rads, das mit den letzten Reparaturen und Services an Zuverlässigkeit eingebüßt hat. Zähneknirrschend nehme ich zur Kenntnis, dass eine von Mechanikern in einer Fachwerkstatt vorgenommene Arbeit nicht die Erfahrung eines Norbert Kostel, Exradrennfahrer und Extremtourenfahrer, ersetzen kann. Die neuen Reifen sind nicht durchstechfest, das ausgetauschte Licht leistungsschwach, die Kombipedale schwer und überflüssig, dem Zahnkranz fehlen Übersetzungen für steiles Gelände.

Heute stehen Cinque Terre, die fünf Dörfer an der ligurischen Küste, auf dem Programm. Ich mache mich schlau, „terre“ ist die mittelalterliche Bezeichnung für Dörfer. Malerisch in einer uralten Kulturlandschaft gelegen und in der Vergangenheit nur per Schiff, über Pfade oder mit der Eisenbahn erreichbar, hat auch hier die Moderne Einzug gehalten: Auf einem geschotterten Platz im Hafen von Monterosso parken reihenweise Campmobile, die Pfade zwischen den einzelnen Dörfern sind nur gegen Entgelt benützbar, moderne Wegelagerei.

Ich bin klug, kaufe um € 10, 00 einen Cinque Terre Tagespass, inkludiert freie Benützung der Bahn und der Wanderwege, und erhalte gratis eine Einschulung in das chaotische italienische Eisenbahnwesen. Im Bahnhof von La Spezia werden die zahlreichen, in einem bereitstehenden Zug nach Monterosso wartenden Passagiere, im letzten Moment einem anderen Zug zugewiesen. Größte Eile, weil dieser bereits abfahren sollte. Die Zugsgarnitur ist mit zehn Waggons viel zu lang, weil die Bahnsteige in den fünf Dörfern auf drei Waggonlängen ausgelegt sind und die Passagiere nur in der Zugsmitte aussteigen dürfen. Hektische Betriebsamkeit, massenweise Leute, die aus dem oder in den Zug drängen, chaotische Zustände. In Monterosso ergießt sich eine Menschenmasse aus dem Bahnhof, hinunter zum einzigen Sandstrand der Umgebung, die billigen Plätze sind bereits vergeben, die teuren Strandliegen noch zu haben.

Ich sehe die lange Reihe der Campmobile im Hafengelände und möchte am liebsten Reißaus nehmen. Alles völlig kommerzialisiert, nichts Gewachsenes, eine Touristenhochburg wie viele andere. Aber ich bin mit Wanderschuhen und Rucksack angekommen und mache mich auf den Weg nach Vernazza, dem nächstgelegenen, auf einem Pfad erreichbaren Cinque Terre Dorf.

Zwei Stunden werde ich von Monterosso nach Vernazza unterwegs sein, ich erwarte einen gut ausgebauten Wanderweg entlang der Küste. Doch aus der erhofften leichten Wanderung wird ein beinharter Aufstieg in die steil zum Meer abfallenden Weinberge und Buschflächen, über zahllose Treppen hoch hinauf und wieder hinunter. Zahllos auch die Menschen, die sich den engen Pfad hochquälen, zahllos die Staus an den vielen Engstellen, endlos die Kolonne von Leuten unterschiedlichster Nationalitäten. Wo bin da hineingeraten? Als ich Vernazza im Bild habe, lässt mich der Akku meiner Kamera im Stich.

Vernazza, teils auf einer Halbinsel gelegen, gefällt mir deutlich besser als Monterosso. Um nicht ohne Fotos weiterzureisen, kehre ich mit dem Zug ins Hotel nach La Spezia zurück, um kurze Zeit später wieder mit aufgeladenem Akku die Bahn nach Vernazza zu nehmen. Eine Stunde fotografieren, das Wetter ist heute diesig und warm, dann nehme ich den nächsten Zug ins fünfte Dorf von Chinque Terre. Riomaggiore mit einem kleinen Hafen und einer in die Berge führenden Hauptstraße ist etwas urtümlicher und weniger kommerzialisiert als die zwei anderen Orte, hier spielen die Kinder noch Fußball auf einem Plätzchen über der Bahn, hier wechsle ich einige Worte mit einer hübschen, in Rom wohnenden Thai, doch ihre Freundin ist ein bisschen zickig, lässt sich nicht auf ein Glas Wein einladen, will lieber die Kirche besuchen. Unverständlich, dass die weniger hübschen Thailänderinnen den ältlichen Europäern so wenig Vertrauen entgegenbringen.

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09.06.2013, Fiumaretta di Ameglia, Albergo la Maria, Tkm 25 km, Gkm 797

Von der Planstrecke mit etwa 115 km von  La Spezia über die Hügel nach Lerici,  durch die Küstenebene von Marinella di Sarzana und vorbei an Viareggio nach Pisa schaffe ich nur ein kurzes Teilstück, denn das Wetter spielt nicht mit.

Die Ausfahrt aus dem Sonntags ruhigen La Spezia bereitet keine Probleme, vielmehr ist es der geringe  Luftdruck im Hinterreifen, der mir Sorgen macht. Die Tankstellen sind geschlossen oder in Selbstbedienung, natürlich ohne Kompressor. Mit zu wenig Luft unterm Hintern schleppe ich mich über die Hügel von Lerici, das Rad wackelt und schwimmt, zäh ist besonders die Fahrt durch den zweiten, bergauf führenden und schlecht beleuchteten Tunnel bei Lerici. Nach zwanzig anstrengenden Kilometern endlich eine Tankstelle, zum Luftaufpumpen. Doch die Freude über das Ende der Plackerei endet wenige Kilometer weiter an einer Straßensperre, wegen Brückenbau. Die erste Information, 25 km zurück nach Sarzana, stimmt glücklicherweise nicht, denn bei Fiumaretta di Ameglia verkehrt eine kostenfreie Personenfähre auf dem hier ins Meer mündenden Fluss Magra. Gepäck und Fahrrad auf der Fähre verstaut, eine halbe Stunde Wartezeit bis zum Ablegen, kurze Überfahrt, schon bin ich in Fiumaretta.

Die Fähre „Bocca di Magra Express“ legt so schnell ab, wie der Name vermuten lässt. Vier Italiener auf Rennrädern versäumen die Abfahrt um Haaresbreite, schon sind wir im Gespräch. Italienisch und Englisch, wir tauschen Adressen aus, Theodor und Christian fahren regelmäßig Rennrad, ihre Gruppe A se cacciaimo ist auf Facebook im Netz, sie werden mich auf meiner Homepage verfolgen.

Die von Theodor prognostizierte Schlechtwetterfront lässt nur wenige Minuten auf sich warten, es fängt zu regnen an, mit den ersten Regentropfen kehre ich ein in die Albergo la Maria, schlucke den mit € 40,00 im oberen Budgetbereich liegenden Zimmerpreis und habe ein festes Dach über dem Kopf, als es um 11,30 Uhr kräftig niederprasselt. Und doch ist der Nachmittag ist viel zu kurz, um das Tourenbuch auf den aktuellsten Stand zu bringen.

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10.06.2013, Castiglioncello, Strandcamp, Tkm 116, Gkm 913

Grauenhaftes Wetter um 6 Uhr morgens, doch der Regen kann nur von kurzer Dauer sein, sonst wäre die Wettervorhersage falsch. Um 8 Uhr ist das Tourenbuch tagaktuell und es regnet nicht mehr. An der Theke trinke ich mit der Schwiegertochter des Hauses einen letzten Cafe americano, bevor ich das Fahrrad startbereit mache. Beverly, vor zwanzig Jahren aus dem dominikanischen Santo Domingo nach Italien gekommen, jetzt glückliche Mutter zweier kleiner Kinder, besucht fallweise ihre in Salzburg lebende Schwester und ist ein Fan der Madonna im exjugoslawischen Medugorje. Beverly gibt mir Gottes Segen mit auf den Weg, und der scheint zu wirken, denn langsam werden die Wolken weniger.

Die Strände der Marinas von Sarzana, Carrara und Massa wirken nach dem Regen jungfräulich und unberührt. In Reih und Glied warten Strandliegen und Sonnenschirme, doch die Menschen meiden den noch nackten Strand.

Da sind die zahllosen riesigen Marmorblöcke im Hafen von Marina di Carrara besser dran. Hoffnungsfroh ihrer Verschiffung in ferne Länder entgegensehend, werden sie von mächtigen Hubstaplern umkreist, manchmal hochgehoben und umgebettet. Ja, Marmorblock müsste man sein, denken sich wohl die beiden aus weißem Stein gehauenen Pferde im Garten eines Restaurants am Ende einer Sackgasse, denen eine traurige Zukunft bevorsteht: Nie werden sie diesen kleinen Garten verlassen.

Schon wieder zwei Umleitungen wegen Brückenbau, auf engen Straßen entlang enger Kanäle. Haben sich Autofahrer im heimatlichen Kärnten in Vorjahren wegen langer Sperren von Straßenbrücken geärgert und die Brückenbauer als Versager bezeichnet? Bitte schaut nach Italien, hier sind die wahren Meister im Langsambrückenbau zu Hause!

Von der noch intakten Brücke in Cinquale fischt Domenico nur kleine Fische, mit einem am Brückengeländer montierten Kranarm lässt er das Netz ins Wasser. Die Fische sind fotoscheu und wollen trotz vieler Köder nicht ins Netz. Erst als ich die Kamera verstaue, schwimmt ein kleiner Schwarm ins Netz und Domenico ist überglücklich.

In Marina di Pietrasanta treffe ich auf der Mole die Familie Abel, Eltern und Tochter, aus dem Saarland. Hans ist diesmal nicht mit Wanderschuh und Gitarre als wandernmithans.de, sondern in einer viel heikleren Mission unterwegs. Es gilt das 50-jährige Hochzeitsfest zu feiern, im Dom von Pietrasanta saßen sie bereits festlich gekleidet in der ersten Reihe und wurden vom Dompfarrer – oder war ein Bischof oder Assistent, so genau habe ich nicht danach gefragt – gesegnet, zumindest wurde ihr Name erwähnt. Ich gratuliere dem Hans, diesmal in Begleitung seiner Familie und ohne seiner Gitarre zu reisen. Und bedanke mich bei Ehegattin Lieselotte für das handgestickte Herz. Und natürlich auch bei Susanne für den gespendeten Cappuccino.

Pisa hält, was es verspricht. Menschenmassen am westlichen Eingangstor zu den Prachtbauten Dom und Schiefer Turm. Zwei Polizisten jagen Afrikaner, in Italien allgegenwärtig, von vielen Einheimischen als Landplage bezeichnet. Wo viele Menschen, da viele Kleinkriminelle, also gebe ich auf meine Sachen besonders Acht. Ein polnisches Ehepaar outet sich als Österreichfans, Dennis aus Berlin interessiert sich für mein Reiseziel, hat selbst eine lange Wandertour hinter sich. Ein indisches Ehepaar aus Hyderabad verfolgt im Internet fallweise die Seiten von Extremsportlern, zu denen ich mich keinesfalls zähle. Der Besucherstrom ist geradezu beängstigend, da schaut der Schiefe Turm geradezu normal aus.

Fast ebenso beängstigend wie die Besuchermassen in Pisa wirkt das nahe Tirrenia liegende riesige Camp Berry. Der Name lässt auf einen amerikanischen Militärstützpunkt schließen, die landenden Transportflugzeuge auf eine Airbase. Was haben die Amerikaner zu verbergen, dass sie das Gelände derart weiträumig mit Maschen- und Stacheldrahtzäunen absperren? Da wirken die drei Nutten an der Ausfahrt von Viareggio geradezu harmlos, als sie mich in den dunklen Wald am Ortsrand lotsen wollen.

Camping Antignano südlich von Livorno verzichtet gern auf Gäste mit kleinen Zelten. Wie sonst ist es zu erklären, dass ich für mich € 9,00 und für mein Minizelt € 16,00 zahlen soll, genauso viel wie für den Stellplatz eines Riesenmobils

Ich kurble also die Straße an der Steilküste entlang, finde erst kurz nach Quercianella einen meerwärts führenden Pfad, steil hügelab, derart eng und verwachsen, dass ich das Fahrrad entladen muss, um zum Strand zu gelangen. Und hier finde ich einen ebenen, zum Einmannzelteln prädestinierten Platz direkt über einem kleinem Sandstrand.

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11.06.2013, Castigliano della Pescaia, Camping Maremmasanouci, Tkm 110, Gkm 1.023

Ein zweiter Pfad führt vom Strand zur Straße hoch, etwas breiter als der gestern gewählte, wieder schleppe ich Stück für Stück mein Gepäck den steilen Hang hinauf. Kaum habe ich die ersten Taschen abgelegt, erscheint auch schon die örtliche Müllabfuhr, als ob die auf mich gewartet hätte.

Ich halte mich an die geplante Strecke über Cecina und Piombino nach Follonica und über eine Hügelkette nach Castigliano. Das morgens trübe Wetter bessert sich zusehends im Tagesverlauf mit einem kräftigen Nordostwind.

In den Straßen Cecinas gibt es kein Durchkommen. Auf den traditionellen Wochenmarkt wollen die Italiener nicht verzichten, wenngleich auch hier Marktfiranten aus Pakistan und Bangladesch das Kommando übernommen haben. Und die afrikanischen Kleinhändler machen die wenigen verbleibenden Zwischenräume dicht. An einer Tankstelle an der Ortsausfahrt warten zwei Kanadierinnen mit Tandemfahrrädern, auf dem Weg nach Elba; ihre Frontmänner haben sie zum Einkaufen abkommandiert.

Bei S.Guido mehrere Hinweisschilder auf lokale Kirchen. Nur wenige Meter von der Hauptstraße entfernt ein gepflegter Gebäudekomplex inmitten eines kleinen, mit Blumen überquellenden Parks. Zudem ein Informationszentrum, betrieben vom Consorzio La Strada del Vino e dell’Olio Costa degli Etruschi (www.lastradadelvino.com), einer Vereinigung privater Weinbauern und Olivenölproduzenten. Irene führt seit drei Jahren dieses Infozentrum und gibt bereitwillig Auskunft. Im Gebäudekomplex ist überdies eine Schule und ein Konvent franziskanischer Nonnen untergebracht, das Areal samt Weingärten und sonstiger Agrarflächen ist Eigentum der hier wohlbekannten Familie Marchese Incisa della Rocchetta. Einige Fotos von Irina und ich bin auf dem Weg nach Süden.

In den nächsten Häusern, zwischen Haupt- und Schnellstraße, möchte ich allerdings nicht wohnen. Die Aufschrift auf dem Haus „Agenzia Agricola Paradiso“ ist völlig irreführend, denn Paradiese sehen anders aus.

Südlich von S.Vincenzo ein schmaler Nationalpark , dichter Wald zwischen Strand und Straße. Lediglich einige Wanderwege zweigen von der Straße ab, aber ein eigener Strand für Hunde darf auch im Nationalpark nicht fehlen.

Heute das nächste Ärgernis mit dem Fahrrad. Ich halte zum Fotografieren vor einer Bilderbuchwiese, die Clips klemmen, hilflos wie ein Frosch kippe ich auf die Straße. Mit einer Schürfwunde am Knie komme ich glimpflich davon, doch das Einstellen der Pedalclips werde ich künftig erfahrenen Mechanikern überlassen.

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12.06.2013,  Pescia Romana, Camping, Tkm 135, Gkm 1.158

Die Orte an den Flussmündungen an der tirennischen Küste können unterschiedlicher nicht sein. Hässlich ist Marina di Grosseto, umgeben von nichtssagenden modernen Appartementburgen. Oder eine Augenweide wie Castigliano, ein von Burgmauern umgebener Stadtkern mit Kirche und Kastel hoch über der Flussmündung.

Marina di Grosseto punktet hingegen mit ausgedehnten Pinienwäldern und Radwegen als wohltuende Abwechslung zu den verkehrsreichen und rußgeschwängerten Hauptstraßen.

An der Südeinfahrt von Grosseto stolpere ich geradezu in den riesigen Einkaufstempel von Media World. Sollte doch der rechte Ort sein, um einen Adapter bzw. ein an den Fahrraddynamo anschließbares Ladegerät zu kaufen. Könnte damit problemlos während der Fahrt mein Handy oder Tablett laden.

Die Leute von Media World sind  hilfsbereit, führen diese Geräte aber nicht, schicken mich nach Grosseto Nord, in ein Fachgeschäft. Die schicken mich weiter zu einem namhaften Fahrradhändler, auch hier die Damen sehr freundlich, haben schon mal von derartigen Geräten gehört, ich könnte es vielleicht im Internet bestellen, der Handel in Italien führt diese Artikel nicht.

Und dann die Stadtausfahrt von Grosseto Richtung Rom. Langsam verstehe ich, wie Capitano Schettino die Costa Concordia zum Kippen brachte. Nicht eine asiatiatische Frau war schuld am Unglück, vielmehr die irreführende bzw. plötzlich fehlende Beschilderung  vor der Insel Giglio. Mir ergeht es ähnlich wie dem jetzt in Grosseto vor Gericht stehenden Capitano: Ich lande irgendwo im Niemandsland, über mir die unerreichbare Schnellstraße nach Rom, vor mir ein Schmutzwasser führender Kanal. Nach einem weiten Umweg bin ich wieder in Grosseto Süd, und wenig später auf der Autostraße. Weil ich keine Alternative sehe, folge ich dieser Richtung Süden, und bin heilfroh, die Schnellstraße bei Albinga unfallfrei zu verlassen.

Auf dem nächsten Teilstück meide ich die SS 1 Aurelia und fahre einen weiten Umweg, den schmalen Landstreifen Richtung Porto S.Stefano. Natürlich nicht nach S.Stefano, wohin die Katastrophentouristen pilgern, um sich zur Insel Giglio mit dem gestrandeten Kreuzfahrschiff Costa Concordia übersetzen zu lassen. Drei Straßen führen zurück zum Festland, ich fahre jene über den Damm zu der zentral in der Lagune liegenden Stadt Orbetello.

Ein Windrad auf einem frei im Wasser stehenden Steinturm, mächtige Stadttore und Befestigungsanlagen lassen eine im Mittelalter wichtige Stadt vermuten, doch der positive Eindruck schwindet mit dem weißen Strand von Orbetello, einem Streifen aus übel riechendem weißem Schaum.

Einige Kilometer auf der verkehrsreichen SS Aurelia, eine steil ansteigende Nebenstraße nach Ansedonia, darauf ein langes und flaches Teilstück. Es ist bereits 20,30 Uhr, als ich einem Fernradler begegne, Massimo Turella auf dem Weg nach Frankreich. Bis spät ins Jahr soll seine Reise dauern, er will sich mit Biobetrieben vertraut machen. Viel Glück, Massimo, vielleicht sehen wir uns am Canal du Midi.

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13.06.2013, Lido di Ostia, Camping, Tkm 150, Gkm 1.308

Der Radtacho streikt, also ermittle ich die gefahrene Strecke anhand der Straßenkarte.

Gestern spät am Campingplatz angekommen, heute sehr früh aufgebrochen. Das abendliche Steak mit Pommes im Restaurant um € 32,00 war gewiss kein Schnäppchen, gibt aber Kraft für die nächste Teiletappe.

Weniger Rückenwind, wegen der frühen Morgenstunde auch weniger Verkehr auf der hier gut ausgebauten SS 1.  Nach einer Weile nur noch 100 km bis Rom, und als ich die Schnellstraße bei Tarquinia verlasse, sind es noch 95 km. Sitze in einem Tankstellencafe, lade den Akku des Tablets, und erwarte  eine angenehme Tour auf die Küstenstraße nach Ostia bei Rom.

Leicht hügeliges Gelände, das Meer in Sichtweite, gelbe Getreidefelder, roter Mohn bringt Farbe in die Landschaft. Die Litoranea, also die Küstenstraße,  ist leicht zu fahren, aber nicht ausgeschildert. Erneut nehme ich eine  falsche Abzweigung und lande in Salinas: Salzlagunen, Landschaftsschutzgebiet, einige alte Gebäude, Sackgasse.

Bei S.Severo liegt laut freytag&berndt Straßenkarte die Nordhälfte Italiens hinter mir. Das Kastel S.Severo wird zur Zeit renoviert, lediglich zwei kleine Museen könnten besichtigt werden, ich mache ein Nickerchen im schattigen Gastgarten des angrenzenden Cafes.

Schwerindustrie und Schiffbau, staubige Straßen und viel Verkehr dominieren die Nordeinfahrt von Civitavecchia, im Hafen liegen Kreuzfahrschiffe, von hier nehmen Landausflügler Kurs auf Rom, an der Marina eine überdimensionale Statue: Seemann küsst Seemannsbraut.

Nach Civitavecchia wieder auf die SS 1, nehme nach einer Weile die Abfahrt nach Fiumincino, will nach Ostia, und lande wieder mitten im Nirgendwo. Ostia ist unerreichbar, liegt irgendwo jenseits des Tibers, ich fahre in alle Himmelsrichtungen, ich bin müde, es ist heiß, es wird spät, riesige Verkehrsstaus, viele Lärm um viele Motorräder, ich fahre völlig planlos zurück nach Fuimicino. Endlich, in völliger Dunkelheit, erreiche ich Lido di Ostia, in einer Kaskade von Motorradgeknatter, denn hier findet in dieser Woche das größte Harley-Davidson-Treffen der Welt statt. Valentino, nicht völlig nüchtern, vom Camping Internazionale spricht von hunderttausenden Besuchern, was möglicherweise übertrieben ist, der Campingplatz beherbergt jedenfalls 500 Biker. Ein Höllenlärm bis tief in die Nacht,  die Biker machen die Nacht zum Tag.

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14.06.2013, Lido di Ostia, Camping Internazionale Castelfusano, Tkm 75, Gkm 1.383

Alle Wege führen nach Rom, aber Radwege sind nicht dabei. Ich nehme also die Via Ostiensa, vorerst drei, später zwei parallel führende Straßen, eng mit viel Verkehr. Ich folge der vom Campingplatzbesitzer vorgeschlagenen Route, „vom Meer weg immer geradeaus“, und komme tatsächlich beim Kolloseum an.

Circo Massimo sieht ziemlich renovierungsbedürftig aus, doch das Koloseum erstrahlt in alter Kraft. Zigtausende Touristen, mit Bussen angekarrt, strömen zum unübersehbaren Monumentalbau, Menschen unterschiedlichster Nationalitäten. Ich sehe mich nach einem vertrauenswerten Fotografen um: Togrul aus Asserbaidschan hilft aus, er studiert in England, und plötzlich sind mehrere seiner asserbaidschanischen MitstudentInnen im Bild.

Uwe aus Thüringen hält mit dem nächsten Foto bildlich fest, wie ich das Fahrrad die steinige Straße zum Paladin hochschleppe. Mit Gattin und befreundetem Ehepaar ist es ihr zweiter Rombesuch, sie nehmen es locker und werden nach einem kurzen Rundgang ein Gläschen Wein trinken.

Nach der mühsamen Herfahrt will ich mir wegen des starken Verkehrs und der 30ºC Außentemperatur die Rückfahrt mit dem Fahrrad ersparen, aber die Bahn von Rom nach Ostia wird bestreikt. Notgedrungen radle ich die Strecke zurück, in der brütenden nachmittäglichen Hitze. Vorbei an den ausgedehnten Ruinenfelder von Ostia Antica, dem seit der Antike verlandeten Hafen von Rom. Zwangsläufig frage ich mich, was eigentlich die Ruinenfelder so anziehend macht. Sind es die gefallenen oder gerade noch stehenden Säulen, die gerade noch sichtbaren Fundamente von Gebäuden, die Reste von Triumphbögen? Oder sind es die weiten, mit rotem Mohnn übersäten Flächen zwischen den Steinhäufen, der mächtige Gitterzaun um das Gelände, die knapp über das Ruinenfeld nach Fuimincino gleitenden Flugzeuge?

Der Lärm der Harleys ist ohrenbetäubend,  das Zentrum des Geschehens der Hafen von Lido di Ostia. Zahlreiche Schaulustige und Aussteller, Händler und Adabeis, Trink- und Fressbuden, unzählige Motorräder,  Harleys für jeden Geschmack. Valentino schätzt den Wert der hier versammelten Motorräder auf € 1 Milliarde, in Dreierreihen parkend, dazwischen einige spärlich bekleidete „Augenweiden“. Zwei Harleys mit VL-Kennzeichen ziehen Schaulustige nicht nur wegen der Musik an: Oswald und Rudolf Wohlmuth mit Sabine Wurmitzer aus Kreuzen sind bei jedem Harley-Fest dabei. War nett, Euch in Lido di Ostia bei dieser Riesenveranstaltung zu treffen, morgen findet die – auf 3.000 Fahrzeuge beschränkte – Harley-Parade nach Rom statt. Vielleicht trefft Ihr sogar Papst Franziskus, der für die bereits erfolgte Segnung Eurer Maschinen freundlicherweise eine Harley von Eurer Gemeinde entgegennahm.

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15.06.2013, Sperlonga, Agrimare Camping, Tkm 125 km, Gkm 1.508

Wieder ein strahlend schöner Sommertag, nachmittags bereits unangenehm heiß, mit einer kräftigen Brise vom Meer. Die ersten zehn Kilometer fahre ich durch ein Landschaftsschutzgebiet. Macchia, ein niedriger dichter Buschwald bedeckt die Sanddünen. Auf den nächsten 30 km holen die Menschen mit dichter Verbauung nach, was sie wenige Kilometer zuvor den Naturschützern überlassen haben.

Mir sind die italienischen Fischerhäfen extrem sympatisch. Hier können die Einfahrtstore problemlos passiert werden, aus nächster Nähe kann ich mir die Fischerboote ansehen, die Fischer beim Ausbessern ihrer Netze beobachten. Ignazio lässt sich beim Netzflicken gerne fotografieren; Anastasio, Enkel griechischer Einwanderer, will ein Mittagessen in der benachbarten Trattoria organisieren, während ich in der Hafenbar sitze und Aqua Minerale trinke – heute streikt die Kaffeemaschine.

Von Terracina bin ich zuerst enttäuscht, dann begeistert. Der schönste Blick auf die sich über der Stadt erhebenden Gebäudekomplexe wird durch eine Großtankstelle gestört, doch nur wenige Meter weiter erheben sich mächtige Felsen, fast direkt aus dem Meer aufsteigend.

In die Bucht von Sperlonga weht eine steife Brise, nur wenige Badegäste suhlen sich am unattraktiven dunkelgrauen Sandstrand. Doch der Himmel ist voller Kites, die Windsurfer rasen vor der Küste auf und ab: Sperlongas Surfers Paradise.

Giuseppe vom Agrimare Camping spricht nur wenige englische Worte, doch die Verständigung ist kein Problem. Mit seiner Familie hat er auf einer vormals landwirtschaftlich genutzten Fläche zwischen Hauptstraße und Meer einen kleinen Campingplatz errichtet. Extrem hilfsbereit, fragt er einfach mehrmals nach, wenn er etwas nicht versteht.

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16.06.2013, Napoli, Hotel Colombo, Tkm 122, Gkm 1.630

Ein Radfahrer soll einen Autofahrer nicht nach der Beschaffenheit einer Fahrstrecke fragen, denn für viele Autofahrer ist alles einfach zu fahren und flach. Aber für mich hat es schon die erste Steigung in Sperlonga, hoch auf einem Bergkuppe über dem Meer gelegen, in sich. Herrliche Fernsicht von einer Brücke im Ortszentrum, doch das will erst einmal erklommen werden. Vom den elendslangen, teils extrem starken Anstiegen in der nachmittäglichen Hitze in Pozzuoli und Neapel ganz zu schweigen. Und die Steigungen und schlecht beleuchteten Tunnels mit Löchern in der Fahrbahn bei Gaeta sind auch nicht das Gelbe vom Ei.

Richtig ist allerdings, dass die SP 213 Foccaci und die SS 7 quater gefährliche Strecken sind. Mit durchdringendem Sirenengeheul rasen Ambulanzen in die eine  oder andere Richtung; ein Riesenstau bei Scauri, auf einer Kreuzung hat ein Pkw einen Motorroller gerammt. Hier ist vorsichtiges Radeln angezeigt, denn die aggressive Fahrweise der Süditaliener ist mit dem zivilisierten Fahrstil im Norden des Landes nicht zu vergleichen.

Nicht nur die Fahrweise ist anders. Alles wirkt verwahrlost, Abfall säumt die Straßen,  verlassene Betriebsliegenschaften wechseln mit ausgebrannten Häusern. Fabriken werden gebaut, um nie in Betrieb genommen zu werden. Jedes zweite Gebäude ein Ruine. Auf den Sonntagnachmittag ziemlich verlassenen Straßen vorwiegend Schwarzafrikaner; Bleichgesichter eine verschreckte Minderheit.

Passend in diese abstoßende Umgebung ist FOOF, das Museum für Hunde, il museo di cane. Vermutlich finanziert mit EU-Geldern.

In Castel Volturno betreibt Mario eine Bar an der Hauptstraße. 70 Jahre alt, verwitwet, der gesamte Gebäudekomplex mit Tankstelle sein Eigentum, dazu zwei private Wohnhäuser. Wir unterhalten uns über die Höhe von Pensionszahlungen in Italien und Österreich, über die prekäre Lage der italienischen Wirtschaft, ein Dauerthema. Die Einladung zur Nächtigung in seinem Haus kann ich nicht annehmen, ich | 1 ‚will weiter nach Neapel.

Mehrmals wollte ich bereits anhalten, um die herumlungernden Afrikaner nach ihren Herkunftsländern zu fragen. Bei Mondragone erschallt plötzlich laute, urtypisch afrikanische Gospelmusik aus einer Halle. Die Kirchengemeinde der Champion Chapel Ministry Int., eine der vielen von den Afrikanern importierten Kirchen, feiert ihr 17-Jahr-Jubliäum in Mondragone. Hauptsächlich Nigerianer und Ghanesen, mit einer Spende von € 5,– bin ich in einem festlich geschmückten Raum, in meinem verschwitzten Radlerdress inmitten festlich gekleideter Menschen, fotografiere die honorigen Mitglieder des Kirchenrats, im Hintergrund eine die Predigt mit Musik unterstützende Band. Ehrengast ist eine Predigerin aus Schwarzafrika, mit dunkler und mächtiger Stimme, die Kirchengemeinde zu Begeisterungsstürmen hinreisend. Do you want Jesus now? Yes, yes, yes, now, now, now!!! Die Band spielt laut, die Menschen erheben sich, singen, tanzen. Halleluja!

Die Steigungen nach Pozzuoli und in Neapel bringen mich zurück in den rauhen Radleralltag. In Neapel südländische Ausgelassenheit, nur ich bin wenig euphorisch auf der Suche nach einem bezahlbaren Quartier. Bahnhofsnähe ist immer ein guter Tip, zahlreicher sind hier die Hotels und preiswerter als an der Strandpromenade. Und Neapel hält, was es verspricht: Engste Gässchen, Wäsche auf Leinen zwischen den Häusern, aufdringlich, laut, viel Polizeipräsenz.

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17.06.2013, Spineta Nuova Battipaglia, Camping Miramare, Tkm 66, Gkm 1.696

Spät verlasse ich das Hotel Colombo in der an den Hafen angrenzenden Altstadt von Neapel, mit engen Gassen, unzähligen kleinen Spielwarenläden, auf Balkonen zum Trocknen ausgehängte Wäsche, Kopfsteinpflaster. Ich folge der Hafenstraße nach Südosten, brutal der Straßenbelag: Vereinzelt bröselnder Asfalt, häufig Kopfsteinpflaster, ebenso häufig unebene, offensichtlich seit der Römerzeit verwendete Steinplatten.

Die küstennächste Straße ist die Schlimmste: Auf und ab führend, manchmal in Hafennähe, ein ander Mal hoch den Berg hinauf, schlecht ausgeschildert, extrem starker Verkehr auf engen Straßen, in denen in Zweierreihen haltende Fahrzeuge den Verkehrsfluss behindern. Die Lenker halten ohnehin nicht lange, sagen sie, gehen nur auf einen schnellen Cafe espresso in die Stammbar, unterhalten sich ein Weilchen mit den Kumpels

Es geht rauf und runter in Ercolano, Torre del Greco, Torre Annunziata, im Hintergrund der Vulkan Vesuv. Die Orte sind derart verwahrlost, dass ich eine neue Theorie zum Untergang von Pompei entwickle: Nicht eine Naturkatastrophe hat das antike Pompei mit Asche zugedeckt, es muss ein geniales Werk von Menschenhand gewesen sein. Und jetzt warten die zuvor angeführten Städte darauf, bei einem neuerlichen Vulkanausbruch ihre miese Existenz unter einer dicken Ascheschicht zu begraben, um mit EU-Geldern wie Phönix aus der Asche neu aufgebaut zu werden.

In Pompei zahlreiche Touristen zum Besuch der Ruinen und noch mehr Souvenirläden, die Hand- und Maschingeschnitztes verhökern. Auch hier die Straßen in der Innenstadt mit schwarzen, somit schwer zu befahrenden römischen Steinplatten ausgelegt.

Nach Pompei beginnt die Straße anzusteigen, es geht aufwärts durch Angri und Nocera nach Cava di Tirrena, der Anstieg schweißtreibend, nervtötend langsam gehts hinauf auf den Bergrücken, der den Golf von Neapel und den Golf von Salerno trennt. In der schlimmsten Hitze des Tages fahre ich die bislang anstrengendste Etappe, auf der Anhöhe bei Cava di Tirrena bin ich fix und fertig. Dann geht es schnell und steil bergab nach Salerno, entlang der jetzt flachen Küste Richtung Südost. Und das Miramare bietet ein Schwimmbad, welch eine Wohltat nach diesem anstrengenden Tag.

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18.06.2013, Marina di Camerota, Camping Pineta, Tkm 95, Gkm 1.791

Wieder ein strahlend schöner und brütend heißer Tag, der mit einem Flachstück beginnt und bald brutal anstrengend wird. Das Etappenziel Praia al Mare erreiche ich nicht, und kurz vor dem Campingplatz in Camerota passiere ich einen Ort, der die heutige Etappe treffend beschreibt: Duroterra, „harte Erde“.

In der Ebene südlich von Salerno liegt die ausgedehnte Tempelanlage von Paestum. Gestern noch behauptete ein Berliner Ehepaar, dies sei eine der Göttin Hera gewidmete griechische Anlage, und Berliner haben meistens Recht. Was ich sehe, sind drei gut erhaltene Säulenhallen, umgeben von einem weiten Trümmerfeld, dieses wiederum umgeben von einer langen Steinmauer, viele Parkflächen, zur frühen Stunde noch keine Besucher, die vermutlich in einem der zahlreichen Hotels in der Umgebung beim mickrigen italienischen Frühstück sitzen.

In Agripoli gehts zur Sache mit einem 9 km langen Anstieg nach Torchiara, ich schätze die Steigung auf 8 %, kein einziges flaches Stück, die Straße eng und ungepflegt. Disteln, hohes Gras und Schilf hängen weit in die Fahrbahn, tief unter mir verschwindet die Autostraße in einem Tunnel im Berg.

In Torchiara bin ich stehend k.o., endlich ein Brunnen vor dem kleinen Friedhof auf der Bergkuppe, wo ich mich waschen kann. Vor dem Kirchlein eine Steinmauer, im Schatten der Pinien schlafe ich sofort ein, mein Akku so leer wie der Akku meiner Kamera. Aber es geht noch höher hinauf, bis endlich die Straße steil nach Süden abfällt.

Bei Marina di Ascea glaube ich, das Ärgste hinter mir zu haben, die Straße führt dem Strand entlang, ich nehme ein Bad im Meer. Doch diese Straße entpuppt sich als Sackgasse, die Hauptstraße führt, teils in Serpentinen, hoch hinauf, in den einige hundert Meter über der Marina liegenden Ort Ascea. Es kommt es noch schlimmer: Wieder führt die Straße bergab ins nächste Teil, um dann in einer wegen eines Hangrutsches eingerichteten Baustelle – an der natürlich niemand arbeitet – so steil anzusteigen, dass ich es gerade noch schaffe, keuchend und nach Luft schnappend das Fahrrad unter Aufbietung letzter Kräfte den Berghang hochzuschleppen. Da ist der Anstieg in das wie ein Adlerhorst auf einem Felsvorsprung klebende Pisciotta gar nicht mehr der Rede wert, und endlich gehts bergab, in die Bucht von Centola.

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19.06.2013, Scalea, Camping, Tkm 96, Gkm 1.885

Eine Wahnsinnsstrecke für eine einfache Radtour mit einem vollgepackten Fahrrad. Die ersten drei Kilometer auf der Küstenstraße bis Marina di Camerota lassen eine angenehme Fahrt erwarten, aber dann steht ein Berg im Weg, die Straße dreht ins Inland.

17 km ständig bergauf, geradeaus oder in Serpentinen, schlängelt sich die Straße einen Höhenrücken hoch. Das mächtige Kastel von Marina die Camerota ist längst ein kleiner Punkt, die unübersehbare Kirche von Lentiscosa liegt weit unter mir, noch immer fahre oder schiebe ich das Rad den Berg hoch. Ein Bergpass, hinunter in ein hoch gelegenes Tal, die Bergflächen haben längst alpinen Charakter, nochmals hoch zum nächsten Übergang, endlich liegt das Kleinstädtchen S.Giovanni a Piro unter mir, auf 540 m Meereshöhe.

Eine kurze und schnelle Abfahrt in den Golf von Policastro, die Reklametafel vor einer Apotheke in Capitello zeigt 39ºC, selbst für süditalienische Verhältnisse extrem.

Nach Sapri beginnt eine Steilküste, die schöner nicht sein kann und dem Radfahrer alles abverlangt. An der ersten Ausweichbucht spreche ich mit Luigi und Andrej, mit dem Auto unterwegs nach Matera, wie ich in Marina di Camerota gestartet. Andrej, seit 30 Jahren in Berlin lebender Pole aus Krakau und als Dolmetscher für die Berliner Polizei tätig, könnte keinen gegensätzlicheren Beruf ausüben als Luigi, regionaler Leiter der Fremdenverkehrswerbung (für Kalabrien?). Für Luigi ist der Golf von Policastro, auf den wir jetzt hinunterblicken,  Italiens schönster Küstenabschnitt. Ich erzähle ein wenig von meinen Reiseplänen, er bekommt ganz wässrige Augen, am Liebsten würde er mich begleiten, und sich nicht mit den schier unlösbaren Problemen des italienischen Fremdenverkehrs herumschlagen

Ich fahre im prallen Sonnenschein, bergauf über das erste Kap, steil bergab, steil bergauf über das nächste Kap, den ganzen Nachmittag, bis Praia a Mare. Dort ein letzter kilometerlanger Anstieg, dann wechsle ich auf die Schnellstraße, bin bereits völlig fertig, befestige die Warnweste an den hinteren Gepäcktaschen, ein geringer Schutz beim Langsamaufwärtsfahren in den Tunnels.

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20.06.2013, Porto Seguro, B&B Enrico, 132 Tkm, Gkm 2.017

Weniger heiß als gestern ist immer noch sehr heiß, doch zum Start um 6,30 Uhr fährt es sich sehr angenehm auf der SS 18, Strada dei Sappori, entlang der Catena Costiera.

So lange ich auf der SS 18 bleibe, mit den der Landschaft angepassten Steigungen und den manchmal unangenehm zu fahrenden Tunnels, habe ich keine Probleme. Die beginnen, wenn ich von der Schnellstraße abweiche und durch die Ortskerne fahre. Meist endet meine Fahrt in einer Sackgasse, in einem Hafen, oder in einem steilen Anstieg zur Schnellstraße, zweimal hoch über der Autostraße.

Heute ist Obsttag. In Certraro esse ich Orangen und Pfirsiche auf dem überschaubar kleinen Hauptplatz, eine in Weiß gekleidete Frau um die Sechzig, bald darauf ihre Enkelin, gesellen sich zu mir. Beide sind unterwegs zum nahen Strand. Die Enkelin Sarah, ihre Eltern Italiener/Engländerin, wohnt in Siracuse auf Sizilien, studiert Sprachen in Cosenza/Kalabrien. Pläuschchen vorbei, und schon schiebe ich mein Rad hoch zur Schnellstraße.

Hoch auf einem felsigen Hügel eine riesige mitteralterliche Festung, malerisch dazu passend die Häuser der kleinen Stadt Longobardi. Die Küste ist gesäumt mit verfallenen Burgen und Wachtürmen, war wohl schwer zu überwachen im Mittelalter. Aus den Bergen strömt ein kleiner Fluss, Fiumefreddo, nomen est omen, das Wasser eiskalt.

Mittagspause in Amantea, primo und secondo, die Kalorien verschwende ich beim nachfolgenden Anstieg zur SS 18. Jetzt werden die Tunnels länger, teils beleuchtet, teils unbeleuchtet, das mulmige Gefühl bei den Durchfahrten steigt.

Endlos das Mündungsdelta des Amato, die Straße jetzt weit weg vom Meer, umfährt den Flughafen von S.Pietro a Maida, im Süden in hoher Bergrücken, mit langen, aufwärts führenden Brücken. Verheißt jedenfalls nichts Gutes, und immer noch kein Campingplatz in Sicht.

Enricos Bed & Breakfast ist mit € 50,00 das bislang teuerste Quartier. Kurz geschlafen, um 23 Uhr das Fenster geöffnet, höre ich da nicht Musik aus einer Seitengasse? Also auf, hinaus auf die Straße, was wie ein Konzert klingt, ist hausgemachte Musik, mit Laptop und Lautsprechern, die Geburtstagsparty für den elfjährigen Sohn des Hauses. Die Frauen tanzen, die Mädels singen, die Kinder rasen mit Fahrrädern die Straße entlang. Der Hausherrr bringt mir neben Kuchen einen Cocktail, randvoll das Glas, wenig Früchte, sehr viel Alkohol. Und die Party ist noch lange nicht vorbei, als ich um Mitternacht die wenigen Schritte zu Enrico zurück wanke.

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21.06.2013, Scilla, B&B Locantina, Tkm 94, Gkm 2.111

Es wundert mich nicht, dass bereits nach wenigen Metern die Straße anzusteigen beginnt. Doch dieser erste kilometerlange Anstieg nach Vibo Valentia bleibt nicht der einzige an diesem Tag, am Nachmittag folgt die etwa 10 km lange Steigung durch Palmi. Mittags zeigt die Werbefläche einer Apotheke 37ºC, auch kein Ansporn, das Tempo zu steigern.

Nach Vibo ein kurzes, welliges Teilstück, dann bergab durch Mileto. Ein Fernradler kommt den Berg hoch, DiaDa, Dieter aus Darmstadt, erst bei meiner dritten Nachfrage versteht er mich, die Anstrengungen des Anstiegs haben ihm die Ohren verschlagen. Mitte April im griechischen Korfu gestartet, entlang der exjugoslawischen Adriaküste nach Nordwesten und dann der italienischen Adriaküste folgend nach Südosten geradelt, ist sein nächstes Ziel das Rhonedelta in Frankreich. Soviel will er in kurzer Zeit erzählen, dass er fast auf das Kaffeetrinken vergisst.

Palmi klingt nett, südländisch, nach Urlaubsträumen und sauberen Palmenstränden. Aber Kalabriens Palmi liegt auf einer schrägen Anhöhe, das Meer ist einige Meilen entfernt, die Straße zieht sich endlos den Berg hoch.  7 km schiebe ich Fahrrad, und habe dabei genügend Zeit, mir die Umgebung näher anzuschauen. Wo bin ich da hineingeraten, in eine Mülldeponie? Bei km 489 auf der SS 18 Tirrena inferiore hängen Dornen und Schilf weit in die Fahrbahn, und das ist gut so, denn da sehe ich vieles nicht, was einzelne gemähte Bankette offenbaren. Unbeschreiblich, was hier weggeworfen wird: Jede Art von Papier und Verpackungen, Plastik- und Glasflaschen, Klomuscheln und Baumaterial, kein Zentimeter, der nicht müllbedeckt ist. Hier werden EU-Milliarden auf eine ziemlich einfache Art in Müll verwandelt, südlich  von Neapel ist das Land brutal verschandelt.

Keine Campingplätze an diesem Streckenabschnitt, steil fällt die Straße zur Küste ab, erreicht in Bagnana das Meer, an der Ortseinfahrt mehrere Brunnen, an denen drei Personen Wasser fassen: Eine ältere Frau, schwerst gehbehindert, füllt Flasche um Flasche. Eine Quelle mit Heilwasser? Eine Katzenwäsche, ein wenig Wasser getrunken, ja, es ist eine Heilquelle, gleich fühle ich mich viel frischer.

19,30 Uhr, ich halte vor dem Hotel Sirena in Scilla, nach kurzer Preisverhandlung beziehe ich ein großes und schön gelegenes Zimmer im angrenzenden Ortsteil in der Depedance „Locantinta“. Im Sirena nächtigt ein Ehepaar aus Oberösterreich,  Gisi und Walter Martetschläger aus Vorchdorf, er Kleinkünstler und als „Sandler“ auftretender Kabarettist und Waffenradsammler, beide unterwegs mit Waffenrädern, ihr letzter Tag in Italien nach einer Radtour von Udine entlang der Adriaküste, haben den gesamten Stiefel Italiens umrundet. Er macht auf geheimnisvoll, will seine genaue Adresse nicht preisgeben, könnte dem Flair des Kleinkünstlers schaden. Oder ist er einfach nur ein Komiker?

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22.06.2013, Calatabiano, Camping Amantaio, Tkm 82, Gkm 2.193

Durch die Straße von Messina  weht eine kräftige Brise, der Wind schiebt mich ein wenig an. Ich habe es nicht eilig, will lediglich bis Reggio di Calabria, um mit einer Fähre nach Sizilien überzusetzen. Aber es stellt sich heraus, dass ich gar nicht nach Reggio fahren muss, denn bereits im Hafen von San Giovanni verlassen mehrere Fähren das Festland Richtung Messina

Runter von der Fähre und mit dem samstäglichen Verkehr durch die Vororte von Messina nach Süden. Die nächsten 40 km bis weit nach Taormina sind verbautes Gebiet, links die schmale, meist steinige oder felsige Meeresküste, rechts mehr oder weniger steil ansteigende Berge.

Im Vergleich zum Festland unverändert ist der Müll neben und auf der Straße, nur Taormina (und einige Tage später Cefalu) sind anders. Die malerisch an der Steilküste um eine Bucht gelegene Kleinstadt Taormina hat sich für die jüngst zu Ende gegangenen Filmfestspiele herausgeputzt. Grand Hotel, mehrere andere renomierte Hotelkomplexe, die inmitten der Bucht gelegene Isola Bella, das gibt schon was her.

Südlich von Taormina fotografiere ich eine der zahlreichen Marienheiligtümer und suche unter dem Heiligtum vergeblich nach einer heilwasserspendenden Grotte. Was ich finde, sind drei englische Radfahrer, Christopher, John und Steve, von Neapel auf dem Weg nach Enna, im Zentrum Siziliens.

Verschwitzt und müde suche ich darauf hin einen Campingplatz. Bruno vom Villagio Artemide hat zwar keine Campmöglichkeit zu bieten, aber er beschreibt mir ausführlichst den Weg nach San Marco. Außerdem könne ich jederzeit den Pool im Artemide benützen. Als ich auf dem Weg zur Hauptstraße die falsche Abzweigung nehme, ist er wieder mit seinem Motorroller zur Stelle, um mir den richtigen Weg zu zeigen.

Im Areal des Agrocamping stehen nur wenige Zelte, dafür gibt es genügend Obstbäume mit reifen Früchten. Ich schüttle einen Baum, schon fällt mir eine reife Orange in die.Hand. Auf der Terrasse des Camping-Restaurants unterhalte ich mich mit Bruno und Christine aus Regensburg, unterwegs mit einem Motorrad, auch die Zwei schockiert über den Dreck des Südens.

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23.06.2013, Adrano, B&B Eureli, Tkm 66, Gkm 2.259 

Ich will heute die Südostflanke des Ätna entlang fahren, mit dem Fahrrad nach Nicolosi, weiter bergauf mit Autobus und Seilbahn, dann noch einige Meter zum Gipfel wandern und in den feurigen Schlund des Feuer und Asche speienden Vulkans schauen. So jedenfalls der Plan.

Ich radle bergauf, von Santa Venerina  nach Zafferana Etnea. Verkehrsschilder verbieten Radfahrern das Befahren der Straßen im Ascheregen bei und nach Vulkanausbrüchen. Heute ist ein Tag „vor einem Vulkansausbruch“, demnach ist Radfahren heute erlaubt, über dem Gipfel des Ätna schwebt lediglich eine weiße Wolke. Die Straße führt steil bergauf und nur langsam komme ich voran.

Auf etwa 700 m Meereshöhe radle ich den Berg entlang, nach Pedara und Nicolosi. Von hier fahren Autobusse zur Talstation der Seilbahn auf den Ätna. Die Zeit schreitet voran, es wird Nachmittag, der Berg hüllt sich in dichte Wolken. Eine Nebelsuppe will ich nicht besichtigen, daher lasse den Berg rechts liegen, radle durch Lavafelder, vorbei an Lavaminen, das Gebiet häufig von Lava überschwemmt, am Straßenrand Aschenreste vom letzten Ausbruch.

Sonntagnachmittags sind die Städte wie ausgestorben, lediglich einzelne Gruppen alter Männer sitzen in Gruppen im Schatten von Gebäuden oder Bäumen. Selbst Bars und Kaffeehäuser sind schlecht besucht. Auf den Straßen einige Radfahrer auf Mountainbikes oder Rennrädern, die der Hitze trotzen. Ich treffe zwei staubbedeckte Mountainbiker, Mitglieder der Radlertruppe Lupi dell‘  Etna, Etna Wolves, die Ätna-Wölfe, auf dem Heimweg von einer Höhentour

Bei der Suche nach einem passenden Quartier in Adrano helfen mir zwei Giovannis. Beide haben in Deutschland gelebt bzw. wohnen noch dort, die beiden sind befreundet, beide etwa gleich groß und gleich alt. Und doch könnte der Unterschied nicht größer sein. Giovanni 1 stellt sich als Josef vor, war unselbständig beschäftigt, für ihn wäre Sizilien ein Paradies, wenn es hier mehr Arbeit gäbe. Giovanni 2 ist Giovanni, war selbstständiger Obst- und Gemüsehändler in Hannover, kommt in Deutschland gut zurecht; für ihn sind Paradiese kein Thema.

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24.06.2013, Nicosia, Agroturismo Isola Felice, Tkm 54, Gkm 2.313

Die Planstrecke Adrano, Regalbuto, Agira, Leonforte nach Enna im Zentrum Siziliens sollte mit 62 km problemlos zu schaffen sein, beginnt die Strecke doch mit einer steilen Abfahrt zur SS 121.  Aber ich hätte es wissen müssen: Nach jeder steilen Abfahrt folgt eine lange Steigung, diesmal zu der auf einer Bergkuppe liegenden Kleinstadt Regalbuto.

Auf der von Catania nach Palermo führenden SS 121 vor Regalbuto werfe ich einen Blick zurück zum Ätna. Der Himmel ist klar, auf halber Höhe umgibt eine weiße Wolkenbank den etwa 3.323 m hohen Vulkan. Von der Brücke über den Fluss Simeto ist an den Felsformationen leicht zu erkennen, wie aktiv dieser Berg in der Vergangenheit war: Eine drei Meter hohe Lavaschicht überzieht das Land. Einige Lavaminen habe ich gestern passiert und auch die Südwestseite des Etna ist von Lavafeldern, jetzt zum Teil fruchtbare und bewässerte Anbauflächen, durchzogen.

Leicht zu verstehen, warum sich Sizilianer derart wohl in Australien fühlen, denn vieles ist ähnlich: Trockenes Land, Eukalyptusbäume, Fliegen, Schafe, Rinder, ausgedehnte Weizenfelder. Das Innere Siziliens unterscheidet sich von einzelnen Landschaften Ostaustraliens primär dadurch, dass es wesentlich kleinräumiger und gebirgiger ist.

Mittagspause um 11,30 Uhr in Regalbuto. Ich unterhalte mich mit zwei zehnjährigen Radfahrern, nicht ganz einfach mit meinen bruchstückhaften Italienisch-Kenntnissen. Daneben die üblichen Jungen-Mädchen-Kämpfe, die Buben werfen Wasserbomben, die Mädchen kreischen. Ältere Männer sitzen im Schatten einzelner Bäume bzw. Gebäude in Gruppen auf Sesseln oder Bänken. Die Gebäude um den Hauptplatz sind derart baufällig, dass ich einzelne gar nicht betreten möchte.

Wie kann ein Land nur so hügelig sein? Eine Hügelkette reiht sich an die nächste, mit Städten an den höchsten Punkten der Bergspitzen. Nur wenige Kilometer Luftlinie sind es von einer Stadt zur nächsten, von Regalbuto nach Agira, von Agira über Gagliano nach Nicosia, tief hinunter geht es in die Täler und dann elendslang auf schattenlosen Straßen den Berg hinauf, in der prallen Sonne. Zudem wähle ich bei Agira die schlecht gekennzeichnete östliche Straße, die steil bergab ab. Es gibt kein Zurück, denn die Steigung wäre mit Gepäck auf dem Fahrrad in der herrschenen Gluthitze nicht bewältigbar.

Der Salso, Zufluss zum Lago di Pozillo, ist weniger als ein Gerinne, doch an der längst eingestürzten alten Brücke tief genug für Bad. Ohne die lange Rast an dieser Wasserstelle hätte ich den folgenden Anstieg, die meiste Zeit das Rad schiebend, kaum geschafft.

Der Wirt in Gagliano beschreibt mir den Streckenabschnitt nach Nicosia, wie ich mir die Geländebeschreibung eines x-beliebigen Autofahrers vorstelle, nämlich falsch: In Schlangenlinien den Berg entlang, aber keine Gefälle oder Steigungen. Aber warum geht es nach einer Weile bergab und dann wieder steil bergauf? Endlich sehe ich verblasste Hinweisschilder zum Agroturismo-Betrieb Isola Felice des Ignazio Fiscella, Biobauer und Musiker. Die Beschilderung ist veraltet, seit 17 Jahren ist Ignazio noch immer mit dem Aufbau des Biobetriebes beschäftigt. Im gemütlichen Fernsehraum des Bio-Restaurants, nach einem halbem Liter Bio-Hauswein, noch rasch ein Foto von Ignazio und seiner polnischen Assistentin Elizabetha, und dann ab in meinen luftigen Zeltplatz hoch über dem Anwesen.

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25.06.2013, Finale, Camping Rais Gerbi, Tkm 82, Gkm 2.395

Isola Felice, ein Agroturismobetrieb mit Restaurant, der € 50,00 nicht wechseln kann! Hat die Krise die sizilianischen Kleinstbetriebe voll getroffen oder ist lediglich Ignazio ein singender, aber völlig chaotischer Biobauer?  Ich versuche es mit dem Geldwechsel im einige Kilometer entfernten Gemischtwarenladen, doch dieser ist heute geschlossen. Daraufhin wird ein Lieferant Ignazios mit der Stückelung des Geldscheins beauftragt, wozu der in die nächstgelegene Stadt fahren muss. Nach zwei Stunden ist es geschafft, das Fünfzig-Euro-Schein ist gewechselt, ich kann weiterfahren.

11 Uhr, Nicosia: Zwei Stunden für 10 km und einige Fotos in der Stadt, natürlich auf einem Höhenrücken gelegen. Nichts ist hier flach, alles steil, gerade noch zugänglich. Hier waren im Mittelalter keine Stadtmauern erforderlich, hier sind heute die Straßen für die ohnehin  kleinen Autos viel zu schmal, jedes entgegenkommende Fahrzeug verursacht einen Verkehrsstau. Eng steht ein Gebäude über dem anderen, der Glockenturm an der Bergspitze in der Ortsmitte beeindruckt hauptsächlich mit den frei hängenden Glocken. Die Straßenkreuzung im Norden der Stadt ist nur über mehrere Serpentinen erreichbar.

Eine Kaltfront rettet mich über die Berge. Es sind nur 24 km von Nicosia nach Mistretta und weitere 10 km nach San Stefano an der Nordküste der Insel, mit einem 15 km langen Anstieg von Nicosia zur Sella del Contrasto in 1.120 m Seehöhe. Da kommt der Temperatursturz um etwa 10ºC gerade recht, seit gestern Abend weht ein kalter Nordwind, an den Berghängen im Norden stauen sich die Wolken.

Sella del Contrasto unterscheidet sich tatsächlich vom trockenen Inneren der Insel. Auf den Bergkämmen im Westen dreht sich Windrad neben Windrad, die Hügel sind grüner, kleine Wälder liegen zwischen Rinderweiden. Und wunderbarerweise neigt sich auch die Straße Richtung Norden – Ignazio vom Isola Felice versprach ein durchgehendes Gefälle von Mistretta zum Meer. Dieses eine Mal stimmt endlich die Auskunft eines Einheimischen, von Mistretta gehts abwärts, durch Gallerien, Tunnels, und bei San Stefano auf einer riesigen Bogenbrücke hinunter auf die Küstenstraße. Sieben Stunden geht es heute bergauf, in weniger als einer halben Stunde bin ich am Meer.

Finale mit einzelnen geschützt auf Terassen angelegten Zeltplätzen bietet sich als Haltepunkt geradezu an. Weniger als 100 km bis Palermo, morgen ist Finale des Giro d’Italia, der Durchquerung Italiens.

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26.06.2013, Palermo, B&B Morfeo, Tkm 93, Gkm 2.488

Leicht bewölkt, Temperaturen wieder normal hoch. Die Landschaft grün, ganz im Gegensatz zum gelbbraunen Landesinneren. Vor 8 Uhr morgens herrscht auf der Küstenstraße noch wenig Verkehr. Diese wäre nicht schwer zu fahren, hätte ich bei Cefalu nicht die in die Hügel hinaufführende Umfahrungsstraße genommen.

Cefalu, gebaut um einen gigantischen Burghügel, liegt malerisch an der Nordküste Siziliens, allerdings sehe ich vom Ort nur die prächtig florierende Bar Santa Lucia, in der sich die Leute in Zweierreihen vor der Kaffeebar anstellen.

An der Küste entsteht rund um die ENI-Erdölraffinerie ein ausgedehntes Industriegebiet. Die Staatsstraße 113 dreht in die Hügel ins Inland, schwitzend schiebe ich das Rad in der Mittagshitze bergauf, und merke viel zu spät, dass ich die flache, dem Meer entlang durch das Industriegebiet führende Zubringerstraße hätte benützen können.

Termini Imerese, ein weiteres Hindernis an der Küstenstraße. Wieder reichen die Hügel bis ans Meer, wieder steigt die im Ortsgebiet enge und verkehrsreiche Hauptstraße steil an. Zuvor noch eine Pause im unattraktiven Hafen mit einem abstoßend steinigen Strand. Nur wenige Sonnenhungrige sind am Strand, vorwiegend Frauen, eine einzige Schwimmerin, dünn wie ein vertrockneter Strohhalm.

Die Kilometer nach Palermo werden nicht weniger, die Strecke zieht sich, meerseitig die Bahnlinie und eine im Bau befindliche neue Straße,  einige landwirtschaftlich genutzte Flächen, am schönsten die Zitronenhaine, die wenigen Olivenhaine eher ungepflegt, die Eigentümer warten offensichtlich auf Investoren, um das Land zu verhökern. Linkerhand die bis auf 1.000 m ansteigenden Berge, die das gesamte Innere der Insel bedecken.

Nach Baghera folgt Ficarazzi, dann weiteres verbautes Gebiet, ich radle im immer dichter werdenden Verkehr die Küstenstraße entlang, sehe längst die Hafenanlagen, passiere das unauffällige Ortsschild Palermo. Ein Radweg, nicht benützbar wegen der dort parkenden Autos, endlich (kaum erkennbare) Hinweisschilder auf Schiffanlegestellen.

An einem dem Schiffsterminal gegenüber liegenden zentralen Platz ein Hinweisschild auf ein B&B, im dritten Stock eines zehnstöckigen Gebäudes, der Portier ist behilflich, verständigt die in einem anderen Stadtteil wohnende Eigentümerin Giovanna, selbst das Fahrrad passt, hochkannt gestellt, in den Fahrstuhl. Schnell noch die Wäsche gewaschen, bevor ich, rechtschaffen müde nach den doch ziemlich anstrengenden letzten Etappen, den restlichen Nachmittag verschlafe.

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27.06.2013, Palermo, B&B Morfeo

Heute bleibt das Fahrrad in der Abstellkammer, denn ich beschäftige mich mit Datenerfassung und Datenübertragung. WLan in jeder Hütte und auf jedem Campingplatz, da sollte ich doch problemlos ins globale Netz einsteigen können!?

Nach dem Frühstück eine kurze Stadtrundfahrt mit Giovanna, in Palermo geboren und aufgewachsen, vor ihrer Pensionierung „operator“ bei der staatlichen Telefongesellschaft, zuständig für Fernverbindungen, mit einem Faible für fremde Sprachen. Erzählte uns beim Frühstück, dass sie schon als Kind gerne im Hafen die ankommenden Touristen belauschte  und später gerne englische Musik hörte. War da nicht ein Country-Song, „……. Hallo operator, …, one more minute, speak to your daughter, ….?“,  werde Giovanna fragen.

Giovanna bringt mit dem Auto ein in Zürich lebendes, aus Hamburg stammendes Ehepaar, Marion und Fabio, sie in einem Umweltreferat, er als Techniker im Opernhaus beschäftigt, zur Bahn. Zehn Tage waren sie auf der  Insel Ustica, für Giovanna hätte ein halber Tag gereicht, sie schwärmt von von der Afrika vorgelagerten Insel Lampedusa mit karibisch schönen Stränden und kristallklarem Wasser. Sie zeigt uns ihr zweites Appartement, ebenfalls vermietet, nahe der Via Roma. Wir kurven durch die winkelige Altstadt, zum Dom, doch hier hat auch Giovanna Probleme. Was gestern noch eine Zufahrt war, ist heute gesperrt; Baustellen und riesige Müllhalden versperren den Weg. Die Müllabfuhr streikt, weil keine Löhne ausbezahlt wurden. Schließlich gibt Giovanna w.o., der Dom ist heute mit Auto nicht ereichbar.

Ich spaziere zurück zur Pension, durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, vorbei an unzähligen Kirchen, durch zahlreiche kleine Parks, überraschend viele Bäume im neueren Teil der Stadt. Palermo ist von Bergen umgeben und nur zur See hin offen. Laut, wie in Süditalien üblich. Die Autos mit ihren zahlreichen Schrammen sind zu dem reduziert, was sie sind: Blechkarrossen.

Ich stelle Giovanna die hier üblichen Fragen, nach Mafia und so. Sie kennt natürlich keine Mafiosi, die leben dort, sagt sie, wo das Geld zu Hause ist, in Reggio, Salerno, Neapel, Rom, Mailand, Turin. Oder sonstwo in Mitteleurpoa, vielleicht in Deutschland oder in der Schweiz,  In Palermo wurden in jüngster Zeit sechs Shopping-Malls eröffnet, keines von lokalen Investoren finanziert. Im Übrigen interessiere sich auch kein Pate und keine Mafia für mich, ich soll mich vor den Kleinkriminellen in Acht nehmen. Und die Stelle, an der die Bombe den Autokonvoi mit Mafiajäger Falcone in die Luft jagte? Auf der Autobahn zum Flughafen, keine Stelle zum Anhalten, nichts zu sehen! Die Mörder seien mit dem Flugzeug aus Rom gekommen, hätten aus den Bergen eine zuvor am Fahrzeug Falcones angebrachte Autobombe ferngezündet.

Was für eine Stadt, was für eine Vergangenheit! Der riesige Normannenpalast, das zweitgrößte Opernhaus Italiens, wenig Touristen, viel Polizeipräsenz, chaotischer Verkehr, voller Leben, und doch war der Tod allgegenwärtig. Ich gehe ins Büro der Grimaldi Lines und kaufe um € 95,00 eine Fahrkarte für das in zwei Tagen, am Samstag nach Tunis fahrende Schiff.

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28.06.2013, Palermo, B&B Morfeo

Vormittags vervollständige ich das Tourenbuch, dann ein zweistündiger Spaziergang durch die Stadt. In den engen Gassen der Altstadt bin ich vorsichtig und ein wenig nervös, hier agieren laut Giovanna die kleinen Kriminellen. Engste verwinkelte Gassen voller Leben, verstopfte Hauptstraßen, massive Polizeipräsenz, wenig Touristen, ein alles überragender Normannenpalast – Jahrhunderte lang wurde Sizilien von den Normannen regiert – und ein Dom, der außen nicht prächtiger sein kann, innen jedoch verblüffend schlicht ist

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29.06.2013, auf dem Fährschiff  MV Zeus Palace von Palermo nach Tunis, Tkm 1, Gkm 2.489

Es wird Zeit, nach Afrika zu wechseln, sonst werde ich in Palermo sesshaft. Schon wieder eine Estin, mit der ich mich gestern eine lange Weile bei offener Lifttüre unterhielt. Die Einsamkeit, fern der Heimat, ist ihr anzusehen. Doch anstatt sie beim Hundspazierenführen zu begleiten, vergeude ich meine Zeit mit Internet und Fotoaufbereitung.

Chiara aus Verona scheint beim morgendlichen Frühstück auch nicht gegen einen gemeinsamen Spaziergang abgeneigt, sie könnte zumindest meine Italienischkenntnisse auffrischen. Heute will sie allerdings mit dem Schiff nach Lipari oder eine andere der eolischen Inseln, zu den dortigen Kraftquellen, mit einer Gruppe Yoganianer, so nennt man doch die Yogalehrer/-schüler. Immerhin unterrichtet sie Yoga seit 10 Jahren.

Kurz ist der Weg zum Tunis-Terminal, unvorstellbar das Chaos beim Einchecken. Hauptsächlich Tunesier auf der Heimreise, die Autos vollgepfropft mit Frauen, Kindern, Gepäck, Hausrat, die Dachträger biegen sich unter der Last von weiterem Hausrat, Säcken, Koffern, darüber Fahrräder. So stelle ich mir Menschen auf der Flucht vor, alles Erdenkliche mitnehmend. Die Kontrolle der Ausreisedokumente erfolgt in einem Großcontainer, 4 Schalter mit Polizisten an veralteten Laptops, mindestens 6 Dutzend Ausreisewillige, die gleichzeitig im Container sind oder in den Container drängen. Heiß, kaum Luft zu Atmen, was für ein Wust an Papieren wird da den Beamten überreicht? In jedem Dritte-Welt-Land erfolgt die Abwicklung geordneter. Wieder drängen sich Leute vor, mir platzt der Kragen, lauthals schimpfe ich, der Beamte nimmt meinen Reisepass, ein kurzer Blick in die Passagierliste, nicht einmal ein Ausreisestempel, schon ist die Angelegenheit erledigt.

Ein freundlicher Polizist führt mich zu einem freundlichen Schiffsoffizier, ich schiebe mein Fahrad in den tiefen Bauch des Fährschiffs, es ist ein 32.000 Tonner, hauptsächlich für den Transport von Sattelaufliegern eingerichtet, in die Zwischendecks werden Neufahrzeuge verschiedenster Marken gefahren, dazu etwa 100 überladene Autos, die zuvor vom Zoll durchgewunken wurden.

Auf Deck 5 und 6 verwandeln sich Gänge, Säle, Nischen, Stiegen, Klozugänge, alles was irgendwie eben ist, rasch in riesige Schlafstellen. Gepäck wird abgestellt, Decken ausgerollt, lange bevor das Schiff ablegt, schlafen Menschen an allen Ecken und Enden. riecht es intensiv nach Schweißfüssen und Kinderkacke. Die italienische Crew nimmt es gelassen, heute ist ohnehin nicht viel los auf der Fähre, die erste Überfahrt der Hochsaison mit entsprechend höheren Preisen hat den Andrang reduziert.

Und so schaukelt das Schiff Richtung Tunis, die felsige Küste Siziliens liegt bereits hinter uns, wie die Fähre ihre beste Zeit auch schon hinter sich hat. Die WC überschwappend, die Polsterungen der so genannten Schlafsessel aus den Halterungen gerissen, die Sitzgruppen in den Bars von Familien in Beschlag genommen und zu Schlafstätten umfunktioniert. Alles ein wenig wackelig wegen des eher starken Windes. Heute ist es bewölkt und kühl, Süditalien liegt in einer Schlechtwetterfront mit Regen.

Nach 11 Stunden legt die MV Zeus Palace im Hafen von Tunis an. Gedränge, Geschubbse, jeder will als erster beim Ausgang sein. Vergeblich suche ich vorest mein Fahrrad, bin am falschen Fahrzeugdeck, auch dieses vollgestellt mit Sattelaufliegern. 200 Meter lang ist das Schiff, in Sechserreihen stehen dicht gedrängt die Sattelauflieger, erst als eine Gasse frei wird, kann ich von Bord. Doch die Autofahrer und Fußgänger sind kaum schneller, ich muss die Wendeltreppe hoch, zum Ausgang für das Fußvolk. Eine Warteschlange vor der Polizeikontrolle, ein Einreiseformular ist auszufüllen, dann die Zollkontrolle. Fahrrad entladen, Gepäck durch den Scanner, meine Lenkertasche wird durchsucht, Gepäck wieder aufs Fahrrad packen. Was mich friedlich stimmt: Auch die Kleinmotorräder nehmen denselben Weg, und die sind um einiges schwerer als mein Fahrrad. Der übliche Empfang in der Ausgangshalle: Change Money, Hotel, very cheap, Taxi?  Okey, ich nehme ein Taxi, nicht das erste, das ist zu klein, sondern einen Kleintransporter, Preis auf € 10, 00 heruntergehandelt, Fahrrad mit Gepäck auf die Ladefläche, und ab Richtung Stadtzentrum, zum Hotel Tiba. Der Fahrer kennt das Hotel nicht, was mich beruhigt. Je klüger jemand vorgibt zu sein, desto gefährlicher und umtiebener könnte er sein. 13 km ins Stadtzentrum, durch die windige Lagune von Tunis. Dunkle Nacht, schlecht beleuchteter Highway, mit jedem zurückgelegten Meter gratuliere ich mir zur Entscheidung, diese Strecke nicht mit dem Fahrrad zu fahren. Um 2 Uhr früh checke ich ein im Hotel Tiba, wenige hundert Meter von der Altstadt, der Medina, entfernt.  

 

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Italien, ein Nord-Süd-Gefälle

01. – 29.06.2013, 29 Tage, 2.489 km

Italien, 301.341 qkm, 58 Mio. Einwohner, besuchte ich vor allem wegen der abwechslungsreichen Landschaften und der 47 Unesco Welterbestätten.

Auf Strecken, die mir zuvor nur teilweise bekannt waren, querte ich Italien von Nord nach Süd. Von Kärnten kommend radelte ich über Venedig, Pisa, Rom, Neapel und Messina nach Palermo. Wenig anstrengend die Routen im Norden, anspruchsvoll die Überquerung des Appenin, vergleichsweise leicht zu fahren die Strecke bis kurz vor Neapel. Sehr anstrengend die kalabrische Küste und das Innere Siziliens.

Landschaftlich besonders reizvoll waren das Mittelgebirge des Appenin und die Steilküsten entlang dem tirennischen Meer, wobei ich mich hüten werde, mit schwerem Gepäck die Küstenstraße von Agripoli nach Bagana ein zweites Mal zu fahren. Das Landesinnere Siziliens ist, wie die dortigen Städte und Menschen, eine von Mitteleuropa sehr verschiedene Welt.

Neben den als Unesco Welterbe gelisteten Landschaften bzw. Orten bestechen zahllose Kleinstädte und Dörfer mit Kulturschätzen, locken Touristenmassen nicht nur nach Venedig, Pisa oder Rom.

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Höhepunkte meiner Radreise waren unter Anderen:

      • Stavoli, ein schwer zugängliches und einst verlassenes Dorf in der Carnia hoch über dem Kanaltal,
      • der Markusplatz in Venedig (eine für Fahrräder verbotene Zone?)
      • das Inselhüpfen vor Venedig und die verwinkelte mittelalterliche Stadt Chioggia,
      • die Unesco Welterbestädte Ferrarra und Modena mit gut erhaltenen Altstadtkernen,
      • das Lamborghini-Museum in Dosso,
      • ein leichtes Erdbeben am Fuß einer Staumauer bei Modena,
      • die gar nicht so schwer zugänglichen Cinque Terre Dörfer
      • mit ebenso sich drängenden Menschenmassen in Pisa,
      • das weltgrößte Harley-Davidson Treffen der Welt in Ostia bei Rom und die Radtour zum Kolosseum,
      • die wirtschaftlich dahinsiechende Region nördlich von Neapel, unverkennbar Italiens Schwarzafrika,
      • das lebensfrohe Neapel mit engsten Gassen und feiernden Menschen,
      • die zermürbenden rumpeligen Plattenstraßen in Torre del Greco und Pompei,
      • die Küstenstraße südlich von Sorrent, in einer Bilderbuchlandschaft, schön und schrecklich zugleich,
      • schrecklich, weil ich mich plötzlich in einer hunderte Kilometer langen Mülldeponie wiederfinde,
      • was tun die Menschen hier der Umwelt an?
      • In Sizilien glänzt Taormina, traumhaft gelegen,
      • der alles beherrschende Ätna, die Straßen in seiner Umgebung gesäumt mit der Asche jüngster Eruptionen , das umliegende Land mit der Lava zahlloser Vulkanausbrüche bedeckt,
      • ein trockenes Landesinnere, unzählige Steigungen und Gefälle,
      • und Palermo, unvergleichlich die Altstadt mit den uralten Bauten, todbringend für staatliche und kirchliche Würdenträger, die sich dem mafiosen System nicht unterordnen wollten.

 

Unzählige Male wurde ich von Einheimischen und Touristen auf meine Radtour angesprochen. Italiener sind vor allem wochenends auf ihren Rennrädern unterwegs, was sie nicht davon abhält, den Fernradler freundlich zu grüßen oder für ein kurzes Gespräch anzuhalten. Radkultur ist Teil der Alltagskultur, wenngleich  manche Autorowdies meinen , die Straßen seien ihr Eigentum. Ich traf etwa ein Dutzend anderer Fernradler, die einige Wochen oder Monate on tour waren.

Das Wetter war akzeptabel, in der ersten Woche angenehm kühl, später der Jahreszeit entsprechend heiß, für die schwierig zu fahrenden Strecken ab Neapel und auf Sizilien zu heiß.

Menschen und Umwelt? Nördlich von Rom: Freundlich und sauber, wie wir es in unserem Kulturkreis gewohnt sind. Südlich von Rom, wie soll ich es ausdrücken, ohne belehrend zu wirken? Die Süditaliener sind nicht weniger hilfsbereit als ihre Landsleute im Norden, aber die Umwelt wird behandelt, als gäbe es kein Morgen. Die Landstraßen wirken wie riesige Mülldeponien, kein Meter Straße, der nicht vermüllt ist. In den Städten funktioniert die Müllabfuhr, wenn die Arbeiter entlohnt werden, doch das ist nicht immer der Fall.

Ich habe viele Freunde gewonnen und zahlreiche Bekanntschaften geschlossen. Meine in Italien gesetzten Erwartungen wurden erfüllt, es hat mir in Italien gefallen, wenngleich Radeln nicht immer einfach war.

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