Schweiz

Über den Röstigraben

Ich will mich in der Schweiz nicht aufhalten, ich will das Land lediglich auf dem schnellsten und bequemsten Weg durchqueren. Weil hier im Vergleich zu Resteuropa alles sehr teuer ist, weil ich zu einem bestimmten Zeitpunkt in Frankreich sein will, weil die Schweizer ohnehin mit sich selbst, mit ihrer Arbeit und mit Geldverdienen, beschäftigt sind. Ich versuche es den Schweizern gleichzutun, auf direktem Weg an mein Ziel zu gelangen. Wobei sich mein Ziel, die französische Grenze, doch sehr vom Ziel vieler Schweizer, der Jagd nach schnödem Mammon, unterscheiden dürfte.

Als einfachste Route wurde mir die Strecke durch den Nordwesten der Schweiz empfohlen, das Flusstal der Aare und die Seenlandschaft von Biel, Neuenburg und Genf. Viele Radwege, keine nennenswerten Erhebungen, nicht unbedeutend im gebirgigsten Land Europas.

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Glückliche Kühe links und rechts der Straße

 23.07.2013, Aarau, Buschcamp, Tkm 62, Gkm 3.912

Aus Deutschland kommend, überquere ich den Rhein auf der Brücke bei Waldshut-Tingen, fahre eine kurze Strecke rheinabwärts, um dann der Aare ins Landesinnere der Schweiz zu folgen. Bereits in Leuggern wähle ich die falsche, steil ansteigende, vom Fluss wegführende Route. Kühe rechts und links der  bergauf führenden Straße, die Kühe glücklicher als ich, der ich mühsam den Berg hochklettere. Hoch in den Hügeln wird die Strecke flacher. Dann wieder hinunter ins Tal. Jetzt meist entlang der Aare, die viel Wasse führt, durch Aareauen Richtung Aarau im Kanton Aargau.

In Brugg verliere ich jede Orientierung, ein Einheimischer begleitet mich durch das Baustellengewirr zum Flussweg an der Aare. Die Aargauer sind stolz auf ihr Projekt Auenausweitung. Vergeblich suche ich einem Campingplatz, in der näheren Umgebung gibt es keinen. Also weg vom Radweg, rauf auf einen Feldweg, weiter durch einen dunklen Wald, auf einer taunassen Wiese errichte ich mein Zelt. Vollmond, eine Eule ruft, um Mitternacht protestieren Rehböcke lautstark gegen meine Anwesenheit.

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24.07.2013, Biel, Camping Sutz, Tkm 99, Gkm 4.011

Um 7 Uhr morgens radle ich durch Aarau und bin enttäuscht vom menschenleeren Ort. Aber ehrlich, wo ist um diese Zeit schon was los? Langsam gehts voran entlang der Aare, durch Auen, Baustellen, neu errichtete Dämme. Olten lasse ich im Regen rechts liegen, kurz darauf überragt in Aarburg eine mächtige Burg, erbaut im 12 Jahrhundert von den Grafen von Froburg, das kleine Städtchen. Die Burg ist jetzt ein Jugendheim, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, werden wohl schwere Jungs sein, die den prächtigen Blick ins Tal genießen.

Der Radweg führt über Anhöhen und durch Täler, aber nie geradeaus in den nächsten Ort. Langsam habe ich genug von Waldwegen, Hügelauf- und -abfahrten. Ich wechsle auf die Bundesstraße und flugs liegt Solothurn hinter mir.

„Willkommen in der Witi“ heißt es zwischen Solothurn und Grenchen. Überall werden verbaubare Flächen an Seen und Flüssen verbaut, die Städte bis zur Unkenntlichkeit mit Betonklötzen vollgestopft, doch hier wurde im ehemaligen Seenbereich eine Naturlandschaft geschaffen, Raststätten für Zugvögel, „das Hasenzentrum der Schweiz“.

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25.07.2013, La Sarraz, Camping am Schwimmbad, Tkm 109, Gkm 4.120

Der Bieler See liegt hinter mir, noch fahre ich am Zihlkanal und im Grissemoos. Doch in wenigen Minuten werde ich den Röstigraben überschreiten, die unsichtbare „gefühlte“ Grenze zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, der französischsprachigen welschen Schweiz. Marin-Epagnier am Lac de Neuchatel liegt bereits im frankophonen Gebiet. Was mich tatsächlich überrascht, ist der abrupte Übergang im Sprachenbereichen. Nur wenige Kilometer westlich dieser „absurden“ Grenze verstehen zwei Kellnerinnen in einem Cafehaus meine in deutscher Sprache georderte Bestellung nicht, müssen erst ihre Chefin zur Hilfe holen.

Nördlich der Seen begleitet das Mittelgebirge des Schweizer Jura die zahlreichen Seen: Bieler See, Lac de Neuchatel, Lac Leman. Zwischen Bieler und Neuenburger See ein weite Ebene, dann rücken die Hügel eng an die Seen heran. Das Ufer des Lac de Neuchatel ist verschilft, Naturschutzgebiet. Der Waldweg entlang dem See ist ohnehin nur für Wanderer konzipiert. Der Radweg Nr. 5, „Mittellandweg“, überregional, führt hügelauf und hügelab, ist in der Mittagshitze mühselig zu fahren. Ich bade im Bieler See, an einer Bootsanlegestelle im Neuenburger See (Lac de Neuchatel), mache Pause an einer abgelegenen Raststelle und schlafe gleich mal eine Stunde.

Der einzige größere Ort am Südufer des Lac de Neuchatel, Estavayer le Lac, besticht mit einer alles dominierenden Burg und einer sehenswerten Altstadt. Die Polizei beschäftigt sich heute nicht mit Verbrechensbekämpfung, sondern mit der Neuplazierung von Absperrgittern.

Kurze Pause in Yverdon les Bains, ich habe bereits im Coop eingekauft, als ein Schweizer Urlauber, der auf seine Frau wartet, mich zu einem Glas Cassis einlädt. In Frankreich eingekauft, ist der Cassis zu warm und die Einladung eher ungewöhnlich.

Ist das wirklich ein Campingplatz in La Sarraz oder nur eine weitere schweizerische Besonderheit? Wohl beides, denn für die Nächtigung zahle ich 21 Franken. Toiletten und Duschen sind vorhanden, werden tagsüber von den Gästen des Schwimmbads genützt. Der Rückgabeort für die Schlüssel zu den Toiletten bleibt topsecret: Ein von Handwerkern zurückgelassenes Plastikrohr. Der „Zeltplatz“ ist eine an die Straße angrenzende, schräg abfallende, frei zugängliche Wiese. Zahle ich die vielen Franken, damit meine Sachen die Wiese runterkollern?

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26.07.2013, Genf, Camping Pointe Bise, Tkm 99, Gkm 4.219

Ich überquere das Hügelland zwischen Neuenburger und Genfer See. Aus dem auf einem Bergrücken liegenden La Sarraz geht es zuerst steil bergab, dann noch steiler und länger hinauf auf die nächste Anhöhe. Einen prächtigen Anblick bietet das jetzt weit unter mir liegende El Sarraz mit der noch tiefer liegenden Ebene des Lac de Neuchatel, doch die grandiose Fernsicht ist nur eine geringe Entschädigung für den mühseligen Anstieg auf der vielbefahrenen Straße.

Hügelauf, hügelab, endlos scheint die Strecke, dabei sind es lediglich 25 km von Sarraz nach Lausanne. Von Lausanne will ich ein Schiff auf dem Lac Leman, dem Genfer See, nach Genf nehmen, also radle ich mehrere Kilometer nach Osten. Vergeblich ist die Mühe, denn die Fahrt mit dem Schiff nach Genf kostet 51 Franken und soviel will ich für eine einfache Bootsfahrt nicht berappen.

Ich schleppe mich in der brütenden Nachmittagshitze Richtung Genf, meist auf der stark befahrenen Bundesstraße. Der Radweg führt durch höher gelegenes Gebiet, dürfte daher noch schwerer zu fahren sein. In Rolle lege ich im MacDonald’s eine Mittagspause ein, bin derart müde, dass ich beim Schreiben des Tagebuches einschlafe. Natürlich ist der Text nicht gespeichert und damit verloren.

Viele Besucher in Genf, die Straße zum Zeltplatz eine Baustelle. Fabian  beschreibt mir den Weg zum Zeltplatz sehr genau, ist immerhin einmal von Singapur nach Bangkok geradelt.

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