USA 2013

In God We Trust

Basisdaten und die schönsten Bilder offeriert Wikipedia:

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Zwei erste und zwei dritte Ränge: Einzige Supermacht, weltweit größte Volkswirtschaft, drittgrößter Staat der Welt, mit 314 Mio. Einwohner an 3.Stelle der bevölkerungsreichsten Länder.wikipeadia_amerika

Soll ich beeindruckt sein? Weit ist das Land, groß sind einige Städte, großartig viele Landstriche, mächtig einige Konzerne. Was noch? Viel Positives fällt mir nicht mehr ein, nun käme die Liste der Negativa, und die ist elendslang.

Jahrelang habe ich Reisen in die USA vermieden. Weil ich, wenn ich in das Land einreise, nicht als Gast, sondern als potentieller Krimineller behandelt werde. Mir werden die Fingerabdrücke abgenommen, ich werde optisch registriert. Ganz im Gegensatz zu Kanada: Mit „Welcome home“ wurde ich auf dem Flughafen von Toronto begrüßt. Zugegeben, ich hatte mich in der falschen Abfertigungsreihe eingeordnet.

wikipeadia_amerika_2Das BIP pro Einwohner entspricht etwa dem österreichischen Durchschnitt, und damit genug der Daten.

 

 

 

 

 

 

 

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Go back! Go back!!!

8.10.2013, Burlington, Buschcamp, Tkm 105, Gkm 9.936

Wolkenlos und kühl nach einer regnerischen Nacht. Wetterprognose für die nächsten Tage: Hochdruck, Sonnenschein, angenehme Temperaturen. Rauf aufs Rad und ab nach Süden durch den riesigen New York State Richtung New York City.

Das gestrige „Go back“ habe ich noch nicht verdaut. Welch unerwartet unfreundlicher Empfang, was für ein riesiger Unterschied zum benachbarten Kanada! Wurde ich nicht am Flughafen von Toronto – wenngleich irrtümlich – mit „welcome home“ begrüßt?  Und gestern vom amerikanischen Beamten angebellt! Was bleibt, ist das dumpfe Gefühl, als Ausländer in „Amerika“ nicht willkommen zu sein. Bei Menschen, die vor 200 Jahren ihre Mitbürger als Sklaven gehalten haben. Die in den letzten Jahrhunderten selbst als Hungerleider ins Land gekommen sind. Die rücksichtslos Ureinwohner vertrieben und abgeschlachtet haben. Ach, vergiss es!

Auf der Korean War Memorial Bridge von New York State nach Vermont, den Champlain Lake folgend nach Süden, der Radweg meist ein breiter Seitenstreifen des verkehrsarmen Champlain Lake Byway, über die Alburgh Halbinsel auf die Inseln North Hero und Soth Hero, bei Sand Bar wieder aufs „Festland“. Kleine Siedlungen wie Alburgh und Grand Isle gehen über in landwirtschaftlich genutzte Flächen, alles klein und sehr gepflegt. Einige Campingplätze, Bungalows, Restaurants und Marinas lassen keine Zweifel aufkommen, dass hier Tourismus ein gewichtiger Wirtschaftsfaktor ist. Ob Weinbau auf der Snow Farm wirtschaftlich bedeutend ist, bezweifle ich, doch die Betreiber laden dem ungeachtet auf Hinweistafeln zur Weinverkostung ein.amerika_02 amerika_01

Glaubt man den Schautafeln, ist die Gegend historisch bedeutsam. Hat nicht Monsieur Champlain um 1.600 n.Chr. hier das Land betreten, für Frankreich in Besitz genommen?  Wurde nicht Freiheitskämpfern, im Volksmund „heroes“, hier Land zugewiesen, den Inseln Hero ihren Namen gebend? Und die älteste noch bestehende Blockhütte der USA ist nahe Grand Isle zu bewundern. Der erste Siedler, die älteste Blockhütte, der schrägste Marterpfahl; die Amerikaner lieben Superlativen. Eine Blockhütte braucht zur Erhaltung eine Historical Society, die benötigt Sponsoren,  naja, eben viel Lärm um Nichts.

Im Milton County nimmt der Verkehr zu, die Radfahrspur schrumpft auf wenige Zentimeter, die Biking Route existiert nur noch als Hinweistafel. In Colchester gibt es wieder Radfahrwege, doch geblendet von der tiefstehenden Abendsonne verfehle ich den richtigen Weg, lande wieder auf der Hauptstraße. Befinde mich plötzlich in Winook, wo ich nie hin wollte. Dann, wie durch ein Wunder, bin ich in Burlington, was zugleich gut und schlecht ist. Die Sonne geht unter, ich halte Ausschau nach Zeltplätzen, die es entlang der Ausfallsstraße, dem Highway 7, natürlich nicht gibt. Doch in der Bay Street, am Eingang zu einem Naturpark, finde ich ein geschütztes Plätzchen, zwischen Bäumen auf einer taunassen Wiese.

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9.10.2013, Ticonderoga, Buschcamp, Tkm 89 Gkm 10.025

Ich hätte mir für meinen 66. Gebuttstag eine flache Strecke gewünscht, doch das Land wird zunehmend hügelig. Rechterhand die Adirondack Mountains im Bundesstaat New York, linkerhand die Green Mountains in Vermont, beide Teile des Appalachen Gebirges. Mein nachstes Ziel ist der Hudson River, dem ich bis New York City folgen werde.

Ich fahre durch einzelne „Towns“, die diesen Bezeichnung mit Sicherheit nicht gerecht werden. Vereinzelt ein kleines Farmhaus, nirgendwo ein erwähnenswertes Zentrum.

amerika_03Winzig wie die Farmhäuser sind auch die Farmen. In felsengesprenkelten ausgedehnten Wäldern nur wenige Weideflächen für Rinder und Pferde, überall Zäune. Unübersehbar die „Posted“-Schilder, mit dem Hinweis, dass gemäß dieser und jener Verordnung das Betreten des Landes verboten ist. Diese Schilder werden mich weit in den Süden begleiten. Welch schizophrenes Verhalten: Grenzenlose Freiheit predigen und gleichzeitig seinen (vermeintlichen) Besitz abriegeln.

Selbst die Flussufer sind nahezu unerreichbar. Allenfalls zugängliche Stellen sind verbaut und als „nicht zu betretendes Privateigentum“ deutlich gekennzeichnet. Irgendwo muss ich mich waschen, fahre verbotenerweise über eine „Privatstraße“ zu „Privathäusern“ am Flussufer, zwischen zwei Häusern ein mit „Betreten verboten“ gekennzeichneter Zugang zum schlammigen Ufer. Endlich sehe ich einen der Hausbesitzer, der gerade sein Haus dicht und sein Wohnmobil für die Reise nach Florida fertig macht, schildere ihm mein Dilemma, darf die Hauswasserleitung für eine Körperwäsche benützen.

Und weil nicht alles lückenlos abgeriegelt werden kann, suche und finde ich an einer Nebenstraße in einem kleinen Wald einen geschützten Zeltplatz.

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10.10.2013, Hudson Falls, privat bei Jim und Heidi L., Tkm 60, Gkm 10.085

Das Land ist hügelig, nur langsam voran komme ich voran. Fast nahtlos, nur durch einige kleine Wasserfälle getrennt, schließt Lake George an Lake Champlain an. Ich bleibe auf der Hauptstraße, Lake George hinter einer Hügelkuppe liegenlassend.

Zwischen Whitehall und Hudson Falls neben der Hauptstraße ein deutsch klingendes Hinweisschild, das ich fotografieren muss: Heidis Lockenwickel, Hairdressing. Kurios die Reaktion des in einem kleinen Schuppen arbeitenden Mannes. Jim L., auf die Pension zugehender Lkw-Fahrer und passionierter Golfspieler, lädt mich in sein Haus ein, ich müsse unbedingt seine deutschstämmige Frau Heidi kennenlernen. Heidi und ihre beiden ebenfalls deutschstämmigen Kundinnen, denen sie gerade die Locken wickelt, sind hocherfreut. Endlich wieder ein deutsch sprechender Gast, ich darf heute keinesfalls weiterfahren.

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Heidi „Lockenwickler“ und Jim

Jim hat Heidi während seiner Zeit als GI in Frankfurt kennengelernt, sie haben geheiratet und sind in die USA gezogen. Lange Zeit arbeitete Heidi in einem Frisiersalon, machte sich später im eigenen Haus selbständig. Ihre meist deutschstämmigen Kunden kommen aus dem gesamten State New York, jetzt bedient sie nur noch Stammkunden. Sie ist ein Familienmensch, hält Kontakt mit ihren Schwestern in Deutschland und mit ihren drei verheirateten, in verschiedenenen US-Bundesstaaten lebenden Kindern.

amerika_05 amerika_04Jims Zweitauto steht nach einer Reparatur in einer „nahegelegenen“ Werkstatt zur Abholung bereit. „Just down the road“ sind dann einige Meilen, und so lenke ich das erste Mal seit vielen Jahren wieder einen PKW auf Amerika Straßen.

Jim, der Golffanatiker. Das Areal rund um sein Haus hat er zu einem Golfplatz umgebaut. Lädt mich, der ich noch einen Golfschläger in der Hand hielt, zu einer Platzrunde ein, drückt mir ein Bier in die Hand, erklärt die Grundregeln des Golfspiels. Ein paar Bälle landen im Dickicht, doch nach dem dritten Loch stimmen Richtung und Distanz.

Kann jemand froh sein, dass sich Aldi endlich in den USA niedergelassen hat? Heidi ist es, nun muss Lebkuchen nicht umständlich aus Deutschland importiert werden. Am Abend wird gekegelt, Bowling vor dem TV-Schirm. In der zweiten Runde fallen reihenweise alle Zehne, doch Wohnzimmerbowlen wird wohl nie zu meinen „favorite sports“ zählen.

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11.10.2013, Troy, Buschcamp, Tkm 110, Gkm 10.195

Wahlkampf in Kingsbury: Re-elect James Lindsay Kingsbury Town Supervisor, Tony Jordan District Attorney, Judge Stan Pritzker Supreme Court. In verschiedenen Bezirken finden lokale Wahlen statt, wobei ich mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nie die Ergebnisse der Wahlen erfahren werde.

Just down the road. Bei Merv’s Auto Repair an der Ortseinfahrt von Hudson Falls war ich gestern schon, und „just down“ sind genau 9 km, mit dem Auto ein Katzensprung, mit dem Fahrrad brauche ich fast eine halbe Stunde.

Cumberland Stores und Tankstelle, Kaffee in Selbstbedienung, Kaffeetheke 3 Meter lang, verschiedenste Kaffeesorten, nehme Columbia Blend mit Creme French Vanille, Becher large, zücke meine Geldbörse. Doch Kaffee ist heute gratis, wie an jedem zweiten Freitag im Monat. Amerika ist groß, manchmal auch großzügig.

Will ein Francoise BB in St.Jean gegebenes Versprechen einhalten und ihr einige Anregungen zur Verbesserung des lokalen Radwegnetzes übermitteln. Ein durchgehender Radweg von New York nach Montreal wäre doch sinnvoll? Der dem Hudson Kanal entlang führen könnte, auf dem ohnehin Hausboote verkehren. Suche den Kanal, spreche mit Operator Edward, der neben Basisinformationen eine Mappe bereit hält. Radwege entlang dem Kanal gabe es keine, seien aber angedacht. BB soll sich darum kümmern.

Zum Radeln ein angenehmer Tag, stark bewölkt, aber warm. Ungewöhnlich, ein Nordwind bringt Wärme  in das Tal des Hudson River. Doch nach Saratoga Springs, dem bekannten Reitsportzentrum, fahre ich nicht, zu hügelig ist die Strecke.

Am Abend erreiche ich das langezogene Troy am östlichen Hudsonufer. Die vom Norden kommende Einfallstraße gesäumt von baufälligen zweistöckigen Gebäuden, zahllose verwahrlost aussehende Kinder auf der Straße, zahlreiche Schwarze auf den Veranden und Holzstufen der Häuser herumlungernd, grölend, mit  Bierflaschen in den Händen. Gefährlich erscheint mir die Gegend, hier sehe ich mich gar nicht nach einer Campingmöglichkeit um. Frage mich zur Stadtmitte durch, doch das einzige Hotel der Stadt ist nicht nur teuer, sondern wegen einer Hochzeit auch ausgebucht. Also rüber über den Fluss,  jetzt ist es schon dunkel und irgendwo muss ich einen Schlafplatz finden. In einer großen Schleife der Autobahnüberführung wird an einem neuen Radweg gebaut, eine kleine Wiese eignet sich hervorragend zum Zelteln. Wenn man es verdrängt, dass man sich in gefährlicher Nachbarschaft befindet.

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12.10.2013, Ulster, Buschcamp, Tkm 101, Gkm 10.296

Dichter Nebel über dem Hudson River, dann ein strahlend schöner Herbsttag, am Nachmittag wolkig.

Albany  taucht aus dem Nebel auf, Wolkenkratzer, auf den Stufen vor dem Heldendenkmal schlafen zwei Obdachlose, eingemümmelt in Fetzen und umgeben von leeren Flaschen. Im Port of Albany haben Samstags nur die Schrottverwerter Hochbetrieb, Anhänger um Anhänger mit Alteisen rollen in die kleinen Schrottannahmestellen.

Südlich von Albany kaum besiedeltes Gebiet. Bethlehem ist hier nicht die Geburtsstätte Jesu, lässt mit einzelnen aufgelassenen Hochöfen und Industrieruinen eher auf den gleichnamigen US-Stahlgiganten schließen. Das Gelände mal extrem hügelig, mal angenehm flach. Die Laubwälder auch hier herbstlich bunt, die an der Straße liegenden Häuser ärmlich. Zwischen den Industrieruinen einige rauchende Schlote, also lebende Betriebe.

In Ulster bei Kingston finde ich das nahezu perfekte Buschcamp. Stadtzentrumsnah. Tankstelle mit Schnellimbiß in Gehweite, abgeschieden in einem kleinen Wäldchen, nur aus kürzester Distanz einsehbar. Dazu eine dicke Schicht trockenen Laubs, lediglich einigeÄste sind wegzuräumen.

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13.10.2013, Congers, Green Inn Motel, Tkm 109, Gkm 10.405

Aus wolkenlos wird im Tagesverlauf bewölkt, aus Nord- wird Südwind, überbreite Randstreifen verschwinden und tauchen erst bei Brunswick wieder auf, aus einer eher flachen Straße wird eine sehr hügelige.

Eigentlich habe ich mir die Strecke zwischen Montreal und New York leichter vorgestellt. Einer ebenen Strecke entlang dem Lake Champlain sollten einige Hügel folgen, nicht zu viele und nicht zu hohe. Dann entlang dem Champlain Canal zum Hudson River, eine gemütlich flache Tour entlang dem Fluss. Habe mich aber gewaltig geirrt.

Die vereinzelt von den Kommunen errichteten Radwege dienen nur dem lokalen Bedarf, wie der Hudson Valley Rail Trail auf der aufgelassenen Bahntrasse über den Hudson River. Südlich von West Point führt ein zwei Meilen langer Radweg auf der aufgelassenen alten Straße dem Fluss entlang: Kaum befahrbar, weil extrem vernachlässigt, Felsen auf dem Weg, den zwei umgestürzte Baumriesen blockieren, Schwemmsand und hohes Gras. Das ist kein Radweg, das ist Verhöhnung von Radfahrern!

Town of Highlands, hier wählten die ersten Siedler einen zutreffenden Namen. Meilenlang geht’s bergauf, auf dem ausgedehnten Plateau eine Streusiedlung. Das mit dem Hochland ist schon richtig, das mit der Stadt maßlos übertrieben.

Ausgedehnter Verkehrsstau am See nahe West Point. Örtliche Polizei und private Sicherheitsdienste regeln den Verkehr, kilometerweit parken Autos entlang der Straße,  Heerscharen von Besuchern strömen zu einem zentralen Punkt, die Band spielt „In München steht ein Hofbräuhaus“, das Publikum versucht’s mit „eins, zwei, suffa“: West Point Oktoberfest.

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14.10.2013, New York, Opera House Hotel, Tkm 50, Gkm 10.455

Der Tag beginnt mit einem steilen Anstieg, doch auf der ersten Hügelkuppe tröstet mich ein Ehepaar  Bis New York ist es nicht mehr weit, und die Hügel, die kommen, sind weniger steil als jene auf der zurück liegenden Strecke.

Wenige Meter weiter muss ich anhalten, ein köstlicher Duft nach frischem Gebäck liegt über der Straße. Im kleinen Laden von Pie Lady & Son kaufe ich ein ApplePearWallnut Pie, mit $ 10,00 nicht billig, doch zum Frühstückscafe schmeckt es ausgezeichnet.

Mehr Radfahrer als Autos auf der Straße 9W, nach Norden strebend, meist auf Rennrädern. Heute ist Montag, Feiertag, „Columbus Day“, Schulen und Ämter sind geschlossen. Nicht nur die Vielzahl der Radfahrer lässt auf Stadtnähe schließen, die meisten sind schnell unterwegs, hektisch, keine Zeit zum Grüßen.

Großstädtisch ist das Gehabe der Feiertagsradrennfahrer, die Radroute 9 führt die Nationalstraße 9W entlang durch den Bundesstaat New Jersey, bis zur riesigen George Washington Brücke, die achtspurig den Hudson River überspannt. Jetzt ist Fragen angesagt, nach Bronx, nach der richtigen Straße, nach dem Hotel.

Downtown Manhatten, das Zentrum New Yorks, ist meilenweit entfernt. Am einfachsten mit der Metro zu erreichen, steige ich in 3. Av. ein und in Brooklyn Bridge-City Hall aus, bin mitten zwischen den Wolkenkratzern, wandere durch Chinatown und Little Italy, finde auf Anhieb Terra Blues, das Lokal, in dem Hazmat Modine am Samstag auftreten. Heute spielt um 19 Uhr die Blues-Legende Michael Powers, gute Musik, viel Applaus. Im Anschluss um 21 Uhr tritt die T Blues Band auf, gefällt mir weniger. Kommentar der Medien zum Lokal, zitiere Shecky’s: „Chicago may be the capital of the blues, but even Chicago does not have Terra Blues!“

Die Rückfahrt mit der Metro um Mitternacht ist weit umständlicher als die Hinfahrt. Wie kaufe ich ein Ticket, wenn alle Fahrkartenschalter bereits geschlossen sind?  Wie gelange ich auf den richtigen Bahnsteig, welchen Zug nehme ich nach der kurz zuvor erfolgten Fahrplanänderung? Weit nach Mitternacht erreiche ich das Hotel in der eher verwahrlost wirkenden Bronx.

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15.10.2013, New York, Opera House Hotel, Tkm 51, Gkm 10.506

Stadtrundfahrt mit Rad oder Sightseeingbus? Ich entscheide mich für das Fahrrad, NYC soll ein gut ausgebautes Radwegnetz haben, wurde mir gesagt.

Ich fahre über eine der engen Brücken nach Westen über den Harlem River, über die nächste Brücke zurück zum Yankee Stadium, nach Südwesten durch Harlem, einige Straßenzüge sehen etwas bedrohlich aus. Als ich beim Dino Barbeque anlange, habe ich schon zu Mittag gegessen, Spare-ribs in einem mexikanischen Restaurant, da verzichte ich gerne auf Dinosauriersteaks.

Den Green Way entlang dem Hudson River teilen sich Fußgänger, Läufer und Radfahrer, einige auf Rennrädern sehr schnell unterwegs. Mal gut, mal schlecht ausgebaut, führt der Weg nach Süden, die ostseitig gelegenen Hochhäuser werden höher, versperren den Blick auf den riesigen Central Park.

Bei Battery Park City im Süden Manhattans drehe ich um, es ist schon spät, versuche durch Downtown Manhattan zur Ostseite der Insel zu gelangen. Kurve eine Weile durch die Stadt und lande zufällig wieder auf dem westseitigen Radweg. Ohne Fragen geht es doch nicht, doch vor Einbruch der Dunkelheit bin ich zurück im Hotel. 51 km gefahren, die Freiheitsstatue nicht gesehen, den Stadtteil Manhattan nicht zur Gänze umrundet, was für eine riesige Stadt New York City doch ist!

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16.10.2013, Eatontown, Crystal Inn Motel, Tkm 106, Gkm 10.612

Der Mitarbeiter des Opera House Hotels hat die Radroute bis Washington, D.C., ausgedruckt, 11 Seiten für 272 Meilen, etwa 450 km, doch schon am Ende der ersten Seite bin ich auf der falschen Spur. Weil ich in Manhatten am World Financial Center die nach Norden führende Fähre und nicht die nach New Jersey City verkehrende Fähre nehme. Finde später in New Jersey am Lincoln Park die beschriebene Route, ehe ich sie auf den Highways US1 und US9 Truck South endgültig verliere.

Ich bleibe auf dem Highway 9, der aus Norden kommend durch NY in den Süden führt. Eine Durchzugsstraße, wie sie im Buch steht, gesäumt von Autohäusern, Werkstätten, Ersatzteil- und Reifenhändlern, Tankstellen, Schnellimbißläden, also mit allem, was der Autofahrer braucht. Kein einziger Radfahrer verirrt sich in dieses Gewirr von Interstates, Highways, County Roads, Eisenbahnen, Kanälen. Der Verkehr ist höllisch, der Lärm ohrenbetäubend, Schwerverkehr im schlimmsten Sinn des Wortes mit unzähligen Trucks, Pickups, Geländewagen, SUV’s und Pkw.

In New Jersey’s Lincoln Park treffe ich eine Polizeieinheit beim Mittagsmahl, wenig später in Elizabeth eine vierköpfige Polizeipatrouille. New Jersey Police fährt natürlich Harley Davidson, nicht BMW und nicht Honda. Einer der Polizisten in Elizabeth fasst seinen Traum in Worte: Wie ich mit dem Fahrrad um die Welt zu radeln. Daher ist das Fotoshooting eine Selbstverständlichkeit, ich soll mich doch auf die Polizei-Harley setzen. Sie haben für meine Weiterfahrt einen guten Rat parat: „Be careful, beware of New Jersey cardrivers, they kill you!“ Sie kennen ihre Pappenheimer, schalten Blaulicht und Folgetonhorn ein, und ehe ich auf meinem Rad sitze, schnappen sie die ersten Verkehrssünder.

Was nützen mir bei Elizabeth die vielen preiswerten Motels, wenn noch eine Halbtagesetappe vor mir liegt? Und weil ich weder meinen genauen Standort kenne noch die zu fahrende Route, bleibe ich auf der vielbefahrenen Straße 9, später auf 35, die nach Süden führen. Ich will nach Freehold, Lakewood, Toms River, Ocean City und Cape May, doch die Orte, die ich passiere, sind andere: Amboy, Sayreville, Middleton, Shrewsberry, alle nicht auf meiner Karte verzeichnet. Und weil der Akku meines Tablets aus unerklärlichen Gründen schon wieder geladen werden will, beziehe ich nach längerem Suchen mit Einbruch der Dunkelheit ein Zimmer in einem mittelpreisigen Motel.

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17.10.2013, Atlantic City, Showboat Hotel, Tkm 142, Gkm 10.754

Vormittags bedeckt, mittags auflockernd, der Wind dreht auf Süden, also Gegenwind. Eine lange Etappe steht bevor, nach Atlantic City. Habe gestern bei der Hotelsuche mehr auf Preis und Lage als auf die Entfernung nach AC geachtet. Ich mache Tempo, das Fotografieren verschiebe ich auf morgen.

Nach mehreren auf meiner Straßenkarte nicht verzeichneten Orten, wie Monmoth, Spring Lake und Barnegap, endlich einige Orte, die ich auf der Landkarte finde, Lakewood und Toms River. Ganz falsch fahre ich nicht, aus Straße 35 wird 70,  plötzlich bin ich wieder auf Nationalstraße 9.

Pause nach 50 km in einem Pizzaladen, eine weitere Pause nach 120 km in einem Wawa. Habe auch Banana Republic passiert, einzelne Namen sind tatsächlich kurios. Noch eigenartiger ein geplegtes Gelände, zur Straße abgeschirmt mit einer hohen ziegelroten Steinmauer, diese gekrönt von Dinos, Heiligenfiguren und der Freiheitsstatue.  „God save America!“ steht in großen Lettern auf der Mauer. Da fällt mir schon einiges ein, wovor Amerika gerettet werden könnte. Und dabei denke ich nicht in erster Linie an den dümmlichen Streit zwischen dem Präsidenten und dem Kongress über das Einfrieren von Budgetmitteln. Skurill, wenn sich Särge mit den sinnlos in Übersee getöteten Soldaten auf Flugplätzen türmen, weil Geld für ein anständiges Begräbnis nicht freigegeben wird. Genug Geld vorhanden, um einen sinnlosen Tod zu sterben, aber kein Geld, um begraben zu werden.

Bis 120 km nach New Jersey City ist das Land stark verbaut, dann folgen weniger dicht besiedelte Gebiete mit gemischten Laub- und Nadelwäldern, die „rolling woods of Stafford“; sandige Böden, ausgedehnte Sümpfe an breiten Flussdeltas. Ich befrage Nick nach Atlantic City, nur noch 30 Meilen, auch er plant eine Raddurchquerung Nordamerikas.

Eine letzte Sanddüne, dann sind in der Ferne die Wolkenkratzer von Atlantic City auszumachen. Im Sumpfgebiet vor AC riesige Plakattafeln, mit dem Konterfeit von Wolfgang Puck, Starkoch, zur Zeit prominentester Österreicher in den USA, mit einer eigenen TV-Show. Ich durchradle die Sümpfe und denke ich an Bruce Springsteens „they tear it all down“, sie reißen die Altstadt ab, um für Riesenhotels Platz zu schaffen. Was für Hotelanlagen! In Uptown Donald Trumps Taj Mahal, Resorts und Harrah’s Showboat, in dem ich ein Zimmer buchte.  Nachsaison, die Preise sind im Keller, ich zahle $ 54,00,  in der Hauptsaison verlangt man das Vierfache. Der Hotelkomplex, zwanzigstöckig,  ein ganzer Straßenblock, mit Autobusterminal, Parkhaus, Musikhalle, Geschäften und Restaurants, eine riesige Spielhalle voller Automaten. Und dennoch nur ein Zwerg im Vergleich zum benachbarten Taj Mahal, mit einer gigantischen Spielhalle, Live-Shows auf einer großen Bühne, separate Spielsaloons mit persönlicher Bedienung für zahlungskräftige Gambler.

Ein kurzer abendlicher Rundgang durch Uptown Atlantic City lässt erahnen, warum den Besuchern empfohlen wird, auf gut beleuchteten Straßen in Hotelnähe zu bleiben. Bereits in der zweiten Straße hinter den Hotelblocks beherrschen zwielichtige Gestalten die Szene, Polizeifahrzeuge rasen mit Folgetornhorn und Rotblaulicht die Straßen rauf und runter.

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18.10.2013, Middle Town, Economy Motel, Tkm 98, Gkm 10.852

Über das weite Sumpfland westlich von AC fegt ein kühler Wind, haargenau gegen meine Fahrtrichtung. Und weil ich den Atlantic City Expressway meide, lande ich viel zu weit im Nordwesten, radle einen unnötigen Umweg über May Landing, um schließlich eine Straße zu erreichen, die ich bereits kenne, den Parkway 9.

Sümpfe, Mischwälder, vereinzelte Häuser, Einkaufszentren an Straßenkreuzungen, dass Fahren ist angenehm, auf einer nun nach Süden führenden Straße unter wolkenlosem Himmel. In einem Einkaufszentrum stocke ich meine Wasservorräte auf und spreche mit Curt über Atlantic City. Nur einige Blocks von den Casinos entfernt sei vom Glamour der Hotels wenig zu spüren, meint er, Arbeitslosigkeit und Kriminalität bestimmen den Alltag der dort wohnenden schwarzen Bevölkerung. Als er dort Häuser reparierte, habe er die Baustellen immer vor Einbruch der Dunkelheit verlassen, zu gefährlich sei es dort bei Nacht.

Ich bin auf Buschcamp eingestellt, ändere jedoch meine Meinung, als ich die Gegend nördlich von Cape May durchradle. Ungepflegte Häuschen und Mobilwohnheime, meist schwarze Gesichter, mehrere Polizeistreifen, alles wenig vertrauenserweckend, dazu ein kühler Abend und eine schnell hereinbrechende Dunkelheit, da entscheide ich mich rasch für ein Motelzimmer.

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19.10.2013, Federalsburg, Buschcamp, Tkm 93, Gkm 10.945

Gewichtsbeschränkung auf dem Radweg bei Cold Springs: 5 Tonnen! Ich bin es bereits gewohnt, dass Amerikaner übertreiben, aber wie schaffen sie 5 Tonnen auf dem Radweg?

Die Fähre von Cape May in New Jersey nach Lewes im kleinen Bundesstaat Delaware ist nur schwach besetzt. Delfine oder Wale, wie im Prospekt angeführt, sind heute in der breiten Delaware Bay nicht zu sehen. Mit an Bord eine kleine Gruppe Radfahrer, die in Ocean City einige Tage Urlaub machen. Und Dave aus New Jersey City, der mit dem Fahrrad ein geeignetes Pensionsdomizil auskundschaften will. Florida sei im Sommer zu tropisch feucht, sein derzeitiges Domizil zu laut und im Winter zu schneereich.

Der Himmel ist bedeckt; entgegen der Wetterprognose klart es nicht auf, vielmehr beginnt es leicht zu regnen. Wie soll ich mich ohne Sonne orientieren? Also fahre ich mal nach Westen, dann nach Norden, dann wieder nach Westen. Oder was ich eben für die entsprechende Richtung halte. Jedenfalls bin ich mir nicht sicher, dass ich auf dem wirklich kürzesten Weg nach Washington, D.C., bin. Auch die Personen, die ich frage, wissen nur, dass es weit, sehr weit in die Bundeshauptstadt ist, stellen immer mehrere „geeignete“ Routen zur Auswahl.

In Federalsburg dämmert es bereits, als ich in einem chinesischen Lokal zu Abend esse. Im nächsten Jahr wird sie ihre Cousine bei einer Wanderung in China begleiten, erzählt die kleine Chinesin an der Kassa.

Sehr geheurer sieht die nähere Umgebung der Stadt nicht aus, Wohnwagensiedlungen, vorwiegend dunkelhäutige Bewohner, doch das ist mir heute ziemlich egal. Denn es regnet leicht, als ich aus der Stadt radle und gleich um die Ecke, auf einer in einen See reichenden Landzunge, einen abgeschirmten Zeltplatz finde.

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20.10.2013, Annapolis, Buschcamp, Tkm 100, Gkm 11.045

Strahlend schöner Morgen nach einer regnerischen Nacht. Eigentlich hätte ich Westen nach der gestrigen Irrfahrt in einer anderen Richtung vermutet, doch die Sonne wird auch in den USA wohl im Osten aufgehen. Fahre in den kühlen Gegenwind, nach Norden, zum Highway und zur Bay Bridge.

War es gestern auf den Straßen Delawares ruhig, ist es heute auf Marylands Nr. 50 höllisch laut. Einige Lkw, viele Wohnmobile, unzählige Autos, die Amerikaner verbringen den Sonntag offensichtlich am Liebsten auf der Straße.

Ist die Bay Bridge für Radfahrer und Fußgänger tatsächlich gesperrt? Mal sehen, wie weit ich komme, also raus aus dem Schnellimbiss 5 Guys und rauf aufs Rad. Die Lady im Restaurant sagte es mir und gab mir die Telefonnummer von Kent Island Express, die Leute auf die andere Seite der Brücke bringen. Ich frage in Steveville den Polizisten im Streifenwagen und erhalte die gleiche Auskunft, mit dem Rat, mich bei einer Tankstelle nach ein Pickup umzusehen, dessen Fahrer mich zum Westufer der Bay bringen könnte. Ich versuche es trotzdem, fahre auf den Highway, bis zum Anfang der Brücke, drehe um, gerade rechtzeitig, um von zwei Streifenwagen der Polizei in Empfang genommen zu werden. Zwecklos zu lügen, warum ich dem Rat des ersten Polizisten nicht folgte, sie mahnen mich ab, hieven mein Fahrrad über die Leitschiene, schicken mich auf der Böschung und einer Nebenstraße zurück nach Steveville.

An einer Tankstelle organisiere ich notgedrungen ein Fahrzeug für den Transport über die Bay Bridge und kann nicht glauben, was der gewichtige, kaum hinter das Lenkrad passende Fahrer erzählt. Überstellung eines Fahrzeuges auf die andere Seite der Bay kostet $ 25,00, dafür benötigt er einen weiteren Fahrer. Der Transport einer Person oder eines Fahrrades auf die andere Brückenseite kostet $ 30,00, einen zweiten Fahrer braucht er dafür natürlich nicht. Die vom Staat Maryland festgelegten Tarife sind also, freundlich ausgedrückt, radfahrerfeindlich. Und dass es nicht wenige Autofahrer gäbe, die zu ängstlich sind, um selbst über die Brücke zu fahren und den Überstelldienst von Kent Island Express in Anspruch nehmen.

Mit Einbruch der Dunkelheit erreiche ich Annapolis. Das Picknikgelände an der Bucht ist Tagesgästen vorbehalten, zum Campen also nicht geeignet, zudem sind noch zu viele Besucher anwesend. Da sieht das Gelände um ein großes Kriegerdenkmal mit freiem  Blick auf Annapolis viel geeigneter aus, wobei ich zweifle, dass Camper auf diesem Platz erwünscht sind. Ich errichte mein Zelt am Fuss der Gedenkstätte, unter einem Laubbaum, hoffend, dass das wütende Kläffen einzelner Hunde in nahestehenden Häusern allsbald erstirbt. Kurz vor Mitternacht wecken mich Stimmen: Direkt über mir, an der Ballustrade des Kriegerdenkmals, lauscht eine Gruppe von Touristen den lautstarken Ausführungen eines Fremdenführers.

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21.10.2013, Washington, D.C., International Youth Hostel, Tkm 76, Gkm 11.121

Westwärts, Nebenstraßen, von denen ich nicht weiß, ob sie die richtigen sind und überhaupt nach Washington führen. Durch dicht bewaldetes und hügeliges Gelände, keine Hinweisschilder, kein Mensch, den ich fragen könnte. Nach meinen Berechnungen müsste ich längst in DC sein, als ich endlich auf einen Highway mit dem Wegweiser Washington treffe.

Ich fahre, jetzt viel Verkehr, die Richtung stimmt, verwechsle in DC die 11th Street NW mit NE, finde jedoch bald die Jugendherberge. Mady an der Rezeption ist eine begeisterte Radfahrerin, versorgt mich mit Informationen zur Great Alleghene Passage und zu Routen in ihrem Heimatland Tennessee.

Mit dem Rad durch DC. Viele Kriegerdenkmäler, viel Rummel auf dem Rasen vor dem Weißen Haus, da schreitet die Polizei ein und räumt unsanft das Gelände. „You go to jail, if you stop again“, von einem Polizisten auf einem Fahrrad hätte ich eine freundlichere Ansprache erwartet. Naja, er hat sich jedenfalls klar ausgedrückt. Ich radle zum Capitol Hill, bei Sonnenuntergang sind dort die wachhabenden Beamten freundlicher. Am Abend  Chinatown, ein bemitleidenswert kleiner Fleck, wenn man die Chinatowns in Toronto gesehen hat.

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The Great Alleghene Passage

22.10.2013, Whites Ferry, Buschcamp, Tkm 70, Gkm 11.191

23.10.2013, Jordan Junction, Buschcamp, Tkm 112, Gkm 11.303

24.10.2013, Stickpile Hill, Buschcamp, Tkm 81, Gkm 11.384

25.10.2013, Frostburg, Trail Inn Campground, Tkm 91, Gkm 11.475

26.10.2013, Rockwood, The Hostel on Main, Tkm 55, Gkm 11.530

27.10.2013, Connellsville, Adirondack Shelters, Tkm 81, Gkm 11.611

28.10.2013, Pittsburgh, Hampton Inn Hotel, Tkm 104, Gkm 11.715

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C&O Canal Towpath

22.10.2013, Whites Ferry. Die Entscheidung ist gefallen.

Noch nie habe ich den dämlichen Spruch „Die beste Entscheidung ist keine Entscheidung“ aus der SPAR-Werbung goutiert. Weil ich mich an den Grundsatz halte: „Jede Entscheidung ist besser als keine Entscheidung“. Keine Entscheidung treffen hieße heute, gleichzeitig nach Süden und nach Norden radeln!

Soll ich wie viele Amerikaner direkt in den warmen Süden nach Florida fahren? Oder den Empfehlungen mehrerer Radfahrer folgen und auf dem „schönsten Hiker- und Bikertrail im Osten Amerikas“ in eine herbstlich kühle, möglicherweise kalte nordwestliche Richtung radeln, nochmals die Gebirgskette der Appalachen überqueren?  Die Entscheidung fällt nicht schwer, angesichts des ohrenbetäubenden Lärms auf einzelnen Straßen, die ich in den vergangenen Tagen fuhr. Und der Fahrstil mancher Einheimischer war auch nicht radfahrerfreundlich. Noch habe ich nicht die Warnung des Verkehrspolizisten in Elizabeth vergessen: „Take care of New Jersey cardrivers, they kill you!“

Das mit dem Überleben war ein wenig übertrieben, doch einige Tage will ich große Verkehrsadern meiden. Also wähle ich die Route entlang dem Potomac River in die Alleghene Berge. Ein Trail bis Cumberland entlang dem Cheaspeake und Ohio Canal, kurz C&O Canal, danach auf der aufgelassenen Bahntrasse über den Hauptkamm der Appalachen nach Pittsburgh in Pennsylvanien. Erstes Teilstück bis Cumberland etwa 150 Meilen, zweites Teilstück bis Pittsburgh etwa 180 Meilen, zusammen etwa 500 km.

Der um 1830 von der C&O Gesellschaft gebaute Kanal diente vorwiegend dem Transport von Kohle und Eisen aus dem Revier Pittsburgh an die Ostküste. Wie zahlreiche andere Kanäle wurde auch der C&O Canal Opfer der Eisenbahn. 1921 geschlossen, wurden einzelne Teilstücke durch private Initiativen in den vergangenen Jahren revitalisiert, einige Schleusentore erneuert, die Schleusenwärterhäuser zur Vermietung an Touristen adaptiert. Die herausragendste Leistung in jüngster Vergangenheit war der Ausbau des ehemaligen Treppelpfades zu einem der schönsten und längsten Wander- und Radwege in den USA.

In DC, District of Columbia, jener Teil Washingtons, der die Bundeshauptstadt bildet, verfehle ich den Einstieg in den am Georgetown Visitors Center beginnenden Trail. Ich radle auf dem Freeway stadtauswärts, dann die Canal Rd. entlang, kann von der höher liegenden Straße den Kanalbegleitweg erkennen, doch auf den Trail gelange ich erst bei der Kettle Bridge. Der befestigte, aber nicht asphaltierte Trail führt flussaufwärts zwischen Kanal und Potomac River. Auf dem mit Laub bedeckten Weg sind einige Radfahrer, nahe den mit Autos erreichbaren Schleusen auch eine überschaubare Anzahl von Fußgängern unterwegs. Ich benötige Trinkwasser und Essbares, doch direkt am Kanal gibt es keine Versorgungsstellen.

Eine Radfahrerin der ersten (C&O Trail-)Stunde zeigt mir den Weg zu einem der wenigen, an der Straße 190 gelegenen  Einkaufsmärkte. Kaum habe ich mein Fahrrad geparkt, spricht mich ein Einheimischer an. Liebend gerne würde er an meiner Seite die Strecke radeln, wäre da nicht seine jüngst operierte Schulter. Mehrmals wird mir auf der Strecke ein „enjoy“ zugerufen, und es ist eine Strecke, wie ich sie gerne fahre.

Ich mache einen Abstecher nach Grand Falls, wo der Potomac River zwischen Felsen in die Tiefe stürzt. Radle dann entlang einem manchmal träge dahin fließenden, manchmal mit zahlreichen Felsen durchsetzen Potomac. Rechterhand meist der Kanal, häufig mit einem dichten Algenteppich bedeckt oder mit umgestürzten Bäumen durchsetzt, fallweise zu Tümpeln geschrumpft oder völlig wasserleer.

Am Wegesrand in unregelmäßigen Abständen jene Stellen, die ich besonders schätze: Campsites mit Zugängen zum Fluss, in dem ich mich im Schein der untergehenden Sonne waschen kann. Campieren ist hier erlaubt, Feuerstellen sind eingerichtet, Feuerholz ist in den umliegenden Wäldern zur Genüge vorhanden, ein Lagerfeuer ist rasch angezündet. Nächtens ruft im Wald eine einsame Eule, in der Ferne heulen die Kojoten.

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23.10.2013, Jordan Junction. Viele Schleusen, wenige Versorgungsstellen.

Die Schleusen 26 bis 30 habe ich passiert, auch die Campsites Marble Quarry, Indian Flats, Calico Rocks und Bald Eagle Island.

Erst nach 25 km ergattere ich in Brunswick einen Kaffee. Brunswick sollte ursprünglich Berlin heißen,  erzählt Melany, Inhaberin von Beans in the Belfry, früher Kirche, jetzt uriges Kaffeehaus und Meetingplace. Heute treffen sich hier vier Mütter, davon zwei Lauren’s, mit ihren Kindern im Vorkindergartenalter. Die Kinder spielen unbeeindruckt, während die Mütter von meiner Tour begeistert sind. Viele Bewohner im Ort haben deutschstämmige Vorfahren, sind teils nach dem zweiten Weltkrieg hierher gezogen, haben sich bzw. wurden amerikanisiert. Waren sie lange Jahre fast gezwungen, ihre Herkunft zu verleugnen, ist es jetzt „in“, sich ihrer Herkunft zu erinnern: Am Samstag wird zu Saisonabschluß zum ersten Mal Glühwein ausgeschenkt. Erinnert mich an Heidi Lockenwickel, die geradezu happy war, weil Aldi sich in Amerika niederließ.

Am Trail ist wenig los. Ein Dutzend Radfahrer, davon einige Fernradler mit viel Gepäck, einige Spaziergänger, zwei Fernwanderer. Die einzelnen Teilstücke des Trails sind unterschiedlich gut befahrbar, häufig liegt viel Laub auf der Fahrbahn.

In Shepherdstown am westlichen Flussufer will ich Vorräte kaufen, finde jedoch keinen Supermarkt. Kaufe Süßigkeiten in einem Tankstellenmarkt, stoße dabei meinen mit heißer Schokolade gefüllten X-large Becher um und richte eine Riesenschweinerei an. Wieder ein Hinweis, wie müde ich eigentlich schon bin.

Ich schaffe es mit Einbruch der Dunkelheit nach Williamsport, kaufe rasch ein Pizza, finde knapp außerhalb der Stadt am Kanal einen Rastplatz, raffe in der Dunkelheit die massenweise herumliegenden Ahornblätter zusammmen, dazu mehrere trockene Äste. Bald brennt ein wärmendes Lagerfeuer, das einen vorbeikommenden Läufer anlockt. James D. hat einige Jahre in Europa verbracht und arbeitet nun an einem interessanten Projekt: Kontrolle der Verwendung von Bundesfinanzmitteln. Seine Studienrichtung „Interne Revision“ war das tägliche Brot meiner beruflichen Tätigkeit. Wir fachsimpeln eine Weile und ich stelle mit Bedauern fest, dass mein Wirtschaftsenglisch sehr bescheiden ist.

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24.10.2013, Stickpile Hill. Vom Kanal auf die Bahntrasse und zurück zum Kanal.

Etwa 15 Meilen entlang dem Kanal, der Trail kaum befahren und ungepflegt, mit Laub bedeckt und mit Pfützen gesprenkelt. Erst nach einer Weile fällt mir auf, dass einige hundert Meter entfernt, parallel zu meiner Route, ein weiterer Trail flussaufwärts führt. Der Western Maryland Rail Trail ist asphaltiert und leicht zu fahren. Bis Hancock folge ich dem WMRT auf der aufgelassenen alten Bahntrasse.

White Rock, Leopards Mill, Cacapon Junction: Der Trail windet sich dem Fluss entlang Richtung Green Ridge. Am Wegrand stehend, den Radler mit großen Augen beobachtend, ergreifen die Hirsche erst die Flucht, wenn ich zur Kamera greife. Wie sollen sie wissen, das Jagen verboten, doch Fotografieren erlaubt ist? Zahlreich sind die hier grauen Eichhörnchen, fleißig Vorräte für den nahen Winter sammelnd. Im Potomac River neben Enten und Gänsen viele Kormorane auf Felsen zwischen den Stromschnellen.

Um 17 Uhr ein kurzer Abstecher zu Bills Laden. Ein Gemischtwarenladen aus dem Bilderbuch, Alkohol, Softdrinks, Snacks, ich nehme eine Chillisuppe zum allgegenwärtigen Kaffee. Old Bill ist vorigen Januar verstorben, „he passed away“, jetzt führt „Bills Son“ Bill, called Jack, den Laden. Während Bill nach passenden Wegbeschreibungen für meine weitere Route sucht, betritt ein weiterer Radler den urigen Laden, und der hat die genau passende Landkarte doppelt vorrätig. Auch bei Jack haben Inder nachgefragt, ob sein Laden zu verkaufen sei, doch er habe sie davon gejagt.

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25.10.2013, Frostburg. Wieder ein Tage mit nachgeschriebenen Tagebucheinträgen.

Die Akkus müssen geladen werden, doch am Trail sind Campsites selbstverständlich stromlos.

Am späten Vormittag erreiche ich Oldtown. Die alte Schule wurde aufgelassen und das Gebäude einem gänzlich anderen Verwendungszweck zugeführt. Jetzt werden im ehemaligen Schulgebäude Speisen in Old Schoolhouse Kitchen serviert, im vormaligen Turnsaal Autos repariert und Oldtimer ausgestellt. Im Restaurant lässt sich anhand der Bildergalerie der Schülerschwund problemlos nachvollziehen. Im letzten Jahr des Bestehens der Schule bestand die Abschlussklasse aus nur noch sieben Schülern.

Nachmittags in Cumberland. Im größten Ort am Ende des C&O Canals bzw. am Anfang der zur Great Eastern Divide ansteigenden Great Allegheny Passage wandern vor dem alten Bahnhof einige Touristen ziellos herum.

Dann der alten Bahnlinie folgend, in großen Bögen, bergauf nach Frostburg. Schönes Panorama, einsame Gegend. Als ich Frostburg erreiche, ist es dunkel. Vom Radweg ein letzter steiler Anstieg zum Trail Inn, Cafe & Campground.

Die wenigen Zimmer im Inn sind ausgebucht, also wird campiert. Aber das Gelände ist steil, die bereits eisigen Stufen und Stiegen zu dem über dem Gasthof terassenförmig angelegten Zeltplatz mit dem bepackten Fahrrad unbezwingbar. Schleppe die Gepäcksstücke einzeln hoch in das Campinggelände, doch hier ist es schwer, eine windgeschützte, nicht zu steil abfallende Stelle für das Zelt zu finden.

Selbst Präsidenten tun sich schwer in diesem abschüssigen Gelände.  Tom Wells, President of Climate Crisis Solutions, mit einem solarbetriebenen Fahrrad und tausenden Unterschriften mit einer Petition auf dem Weg zu Präsident Obama nach Washington, rutscht die vereisten Stufen herunter und kann sich glücklich schätzen, unverletzt am untersten Treppenende anzukommen.

Die Nacht ist eiskalt, Frostburg macht seinem Namen alle Ehre. Vorsichtig transportiere ich am nächsten Morgen meine Packstücke einzeln die steilen Treppen hügelab zum Gasthof, an die seitlichen Haltegriffe klammernd schleppe ich mich hoch zum Zeltplatz, um das nächste Gepäckstück zu holen. Und zum Frühstück eine Beschwerde der Pensionsgäste, ich hätte unberechtigt deren Gemeinschaftsbad benützt. Da spreche ich Klartext mit den in der Pension nächtigenden Herr und Frau AmerikanerInnen, die sich zu einem Jahrestreffen im örtlichen College zusammengefunden haben, worauf sich drei Personen postwendend entschuldigen.

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26.10.2013, Rockwood, Hostel on Main. Über den Appalachen Hauptkamm

11 km bergauf. Überschreite die Mason &  Dixon Line, ehemals Grenze zwischen dem Unionsstaat Pennsylvania und dem Konföderationsstaat Maryland. Fahre in den Big Savage Mountain Tunnel, 1912 von der B & O Railroad fertiggestellt, 1975 geschlossen, einst Teil des Western Maryland Railwaynetzes.

Der Tunnel, 1 km lang, eng, aber asphaltiert und Teil der GAP, ist mir nicht recht geheuer: Die Zufahrten vereist, der Tunnel unbeleuchtet, der Trail zum parallel verlaufenden Kanal kaum gesichert. Der Unglückliche, der im finsteren Tunnel über das kaum sichtbare Sicherungsseil in das eiskalte Wasser des Kanals stürzt, hat kaum Überlebenschancen. Ich bin mit Stirnlampe und Radbeleuchtung gut ausgestattet, aber was machen Mountainbiker und Hobbyradler, die ohne Lichtanlage unterwegs sind?

Nach dem Tunnel zwei Kilometer Anstieg bis zum höchsten Punkt, der Great Eastern Divide, dann gehts hinunter in den Mittleren Westen Amerikas.

Heftiger Gegenwind, die Temperatur bleibt im Keller, ich fahre mit 4 Lagen Bekleidung, von einem Gefälle ist wenig zu merken. Auf riesigen Brücken überquere ich mehrere Täler. Auf der gegenüberliegenden Bergseite werden Waggonschlangen von zwei Dieselloks den Berg hochgeschleppt, eine dritte Lok schiebt an.

Mittagspause in Meyersdale, von deutschen Siedlern gegründet. Besuche das am Trail liegende Heritage Museum, muss mich hier ebenso im Gästebuch eintragen wie in Jody’s und Floyd’s G.I. Dayroom Coffee Shop, bei einem köstlichen Cherrypie nach dem obligaten Burgermahl.

Im Gegensatz zu Maryland, wo Jagen entlang dem Potomac River verboten ist und ich zahllose Hirsche sehe, hat die Waffenlobby in Pennsylvania ein leichtes Spiel. Ich unterhalte mich mit dem Fahrer eines am Radweg langsam entlang fahrenden SUV, am Beifahrersitz mit einem Gewehr sein 15-jähriger Sohn. Jugendliche (zwischen 12 und 15) und Pensionisten dürfen, in genau festgelegten Zeiträumen, auch außerhalb der Jagdsaison (Anfang Dezember) Großwild jagen, sie müssen sich ja im Gebrauch von Jagdwaffen üben. Der Junge hat es allerdings eilig, er will nicht jagen, sondern Fußball spielen.

Heute starte ich spät und mache früh mit dem Radfahren Schluss. Das Hostel in Rockwood ist menschenleer, ich bin der einzige Gast. Großer Schlafsaal, mit angrenzender Sitzecke, Küche und Wäschewaschgelegenheit. Und es ist das erste Mal, dass ich in Amerika Waschmaschine und Wäschetrockner bediene. Bin erstaunt, dass die der vermeintlichen Waschmaschine entnommene Wäsche sehr trocken und die dem vermeintlichen Trockner entnommenen Stücke sehr feucht sind. Habe allerdings die Maschinen verwechselt. Hänge also die jetzt feuchte Wäsche unter den Ventiltoren im Schlafsaal zum Trocknen auf.

Im angrenzenden Rockwood Mill Shoppers & Opera House ein gesellschaftlicher Höhepunkt des Jahres. Im Anschluss an ein Dinner vom Buffet präsentiert die örtliche Schauspielertruppe Rockwood Players „Murder Mystery“, das Publikum ist in die Mörderjagd eingebunden. Der Saal ist prall gefüllt, meine Tischnachbarn sind nett, zum Dessert beginnt die Suche nach dem Mörder. Preise sind ausgesetzt für das zutreffendste, das originellste und das unzutreffendste Ergebnis. Die Schauspieler, darunter der Ermordete mit einem Messer in der Brust, unterstützen das Publikum bei der Mördersuche. Mit der Kammerzofe als Mörderin liege ich richtig, doch die Preise werden von anderen Besuchern eingeheimst.

Zu gewinnen waren Blumentöpfe, interessanter waren allerdings die originellsten Lösungsansätze einer Mittfünfzigerin: „What does it matter? Who cares? It’s all over and gone! But the dinner was excellent!“

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27.10.2013, Connelsville. Mein Zelt im Adirondak Shelter.

Sonnenschein, wenig Wolken, herbstlich frisch, Temperatur morgens am Gefrierpunkt. Der Trail folgt dem Casselman River, durch steil zum Fluss abfallende Berge. An den engsten Stellen in den Fels gehauene Pfade oder langgezogene Brücken im Flussbett, um Hikern und Bikern ein problemloses Passieren der Engstellen zu ermöglichen. In einem weiten Bogen umrundet der Trail den mittlerweile gesperrten Pinkerton Tunnel, mehrmals passiere ich Überreste von Erzabbaustellen.

Der Touristenstrom ist versiegt. Pam’s Lieblingscafe in Confluence hat bereits Winterpause, nur noch die Enkelkinder in Haloween-Kostümen sind im großelterlichen Lokal anzutreffen. „Süß oder Sauer“ ist die Devise des heutigen Tages. Zwei Block weiter, im Cafe Two Sisters, unterhalte ich mich eine Weile mit Monica. Arbeitet in DC als Büroleiterin. Bei Special Police, was soll denn das?

Entlang dem Youghiogheny River – indianisch der Ursprung des Wortes, selbst Einheimische können mir nicht erklären, was er bedeutet – nach Ohiopyle. Auf der aufgelassenen Eisenbahnbrücke überquere ich den Fluss und die von Normalville nach Farmington führende Straße. Hauptattraktion in Ohiopyle ist Ferncliff Penisula, sonntags ein beliebtes Ausflugsziel.

Die nächsten 20 Meilen entlang dem Youghiogheny River durch den Ohiopyle State Park und weiter nach Connelsville sind nahezu unbesiedelt. Noch zögere ich, mein Zelt am Platz der Adirondak Shelters aufzustellen. Zu nahe liegt der unmittelbar an ein Einkaufszentrum angrenzende Platz zur Stadtmitte. Dann treffen zwei weitere Radfahrer ein, damit ist die Sache gegessen. Das angrenzende EKZ ist ein Segen, serviert warme Speisen. Schlage mein Zelt in einem der beiden Unterstände auf, die Schutz gegen Feuchtigkeit und Wind bieten.

Sutatch Ratanaphan, thailändischer Maschinenbaustudent in Pittsburgh, fährt zum ersten Mal eine Mehrtagestour. Obwohl für die herbstlich kühlen Verhältnisse unzureichend ausgerüstet, will und wird er den Trail bis Washington zu Ende fahren.

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28.10.2013, Pittsburgh. Viel Stahl und hohe Preise.

Wolkenlos nach einer eiskalten Nacht. Für mich erträglich, weil ich das Zelt im ohnehin nach drei Seiten geschützten Unterstand aufschlug; für die beiden anderen Radfahrer, die hier nächtigten und auf ein Zelt verzichteten, doch sehr ungemütlich.

Nähere mich der Industriemetropole Pittsburgh, Zentrum der amerikanischen Stahlindustrie, dominiert vom Stahlgiganten U.S. Steel. Zuvor noch Dravo Cementry, die alte Methodistenkirche abgebrannt nach einem von einer vorbeifahrenden Lokomotive verursachten Funkenflug. Somit verständlich, dass die örtliche Kirchengemeinde mit Hinweistafeln um Spenden und Hilfe durch Freiwillige bittet. Peggy hat mit der von ihr gegründeten Radlerpensionistentruppe vor wenigen Minuten eine Halloweenparty am angrenzenden Campingplatz beendet und einen kleinen Beitrag in die Kasse der Methodisten fließen lassen.

McKeesport, Industriestadt mit Eisenerzverarbeitung, an der Mündung des Youghiogheny in den Monogahela River, der bei Pittsburgh in den Ohio River mündet: Hier begann das Drama der amerikanischen Stahlindustrie. Von Beginn des Bürgerkriegs bis 1970, 150 Jahre lang, wurde hier alles erzeugt, was an Stahl in Friedens- und Kriegszeiten gebraucht wurde. Eisen und Kohle, Gas und elektrischer Strom waren ausreichend vorhanden, die Transportwege waren kurz. Dann kam der Konflikt zwischen Management und gewerkschaftlich organisierten Arbeitern. Lange Streiks leiteten den Niedergang der örtlichen Stahlindustrie ein.

Steel Valley: Kohle- und Stahlrohrlager, Metallschrott verarbeitende Betriebe, Stahlwerke, Lagerhallen, Frachtschiffe auf dem Mon(ogahela). Man hört und riecht Pittsburgh,  bevor man die Stadt sieht. Den Lärm der eisenverarbeitenden Betriebe und der Eisenbahn, den unverkennbaren Geruch von brennender Kohle.

Der Radweg bevölkert, jetzt unübersichtlich, ich verfahre mich, befinde mich in einem bereits geschlossenen Freizeitpark, also zurück, überquere beim Outdoorgiganten Eagle auf einer imposanten Stahlbrücke den Fluss, im Westen in der untergehenden Sonne die Silhouette der Stadt Pittsburgh. Der Anblick ist schön, doch ein preiswertes Hotel oder Hostel zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Ich stehe vor dem Busbahnhof, aber amerikanische Autobusse befördern Fahrräder nur verpackt in Schutzhüllen (Bags). Genau so unergiebig ist die Nachfrage am Zugsbahnhof. Der nächste Amtrak-Zug verlässt Pittsburgh Richtung Washington erst am nächsten Morgen, nimmt zwar Fahrräder mit, in von der Bahn  (gegen Gebühr) zur Verfügung gestellten Transportbehälter. Alles umständlich und kompliziert, was ich auf einer Webseite zum Beitrag über die verbesserten Rückfahrmöglichkeiten für Radfahrer nach DC ausführlich kommentiere. Ich frage am Bahnhof nach einem preiswerten Hotel, man empfiehlt das Hampton. Was verstehen eigentlich Menschen unter „preiswert“, bei einem Wucherpreis von $ 170,00, nach Abzug aller Rabatte? Das war mein teuerstes Hotelzimmer in den USA!

Amtrak und Grayhound haben entschieden: Weder Zug noch Autobus, ich werde die bei Radfahrern unbeliebte und kaum genützte Strecke nach Westen radeln. Nächste Ziele: Columbus (Ohio), Cincinatti (?), Nashville (TE), wohl tausend Meilen entfernt.

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Pittsburgh, PA, nach Nashville, TE

29.10.2013, Beaver, im Haus von John und Sally, Tkm 75, Gkm 11.790

Pittsburgh hat die Krisen der vergangenen Jahre besser überstanden als viele andere amerikanische Großstädte, wohl dank der breit gestreuten Industrie. Zahlreiche namhafte Unternehmen unterhalten hier ihr Hauptquartier: US Steel und Alcoa, Heinz und del Monte, American Eagles. Das Bicycle Museum in einem der nördlichen Vororte Pittsburghs ist für die Arbeitslosenrate unwichtig, doch die mehr als tausend Fahrräder und sonstigen Sammlerstücke sind durchaus einen Besuch wert. Zweifellos wäre es wirtschaftlich sinnvoller, wenn sich der Betreiber mehr dem laufenden Geschäft als dem ertragslosen Museumsbereich widmete, denn das Warenlager ist riesig und die angebotene „Neuware“ veraltet. Wir testen die Warnblinker, kein einziger funktioniert, dürfte wohl an den altersschwachen Batterien liegen

Weil ich nun mal im Norden Pittsburghs bin, stürze ich mich in den Schwerverkehr, quere auf der McKees Rocks Bridge den Ohio River, fahre auf 51 North dem Fluss entlang. In der irrigen Meinung, dass die dem großen Fluss entlang führenden Straßen leichter zu fahren sind als Strecken durch die Rolling Hills, den westlichen Appalschen-Ausläufern. Ich fahre steile Anstiege und steile Abfahrten, kaum ein ebenes Straßenstück, noch dazu in die falsche Richtung. In Coraopolis weg vom Fluss, hinein in eine noch hügeligere Landschaft. Ich fahre eine großen Bogen, erreiche Pittsburgh-Flughafen, bin zwar weit gefahren, aber vom Zentrum der Stadt nur 13 Meilen entfernt, und urplötzlich auf einer mehrspurigen Interstate. Die ich als Radfahrer nicht benützen darf. Herunter von der Autobahn, hinein in die nächsten Hügel, das Land hier dünn besiedelt. Die Township von Hanover ist groß, ohne Foodstores, die Häuser weit verstreut, kleine Farmen mit Weihnachtsbaumplantagen. Doch mit dem riesigen zentralen Schulzentrum South Side, 1.100 Schüler, mehr als 100 Lehrer, einem großen Verwaltungsbereich. Auf dem Parkplatz vor der Schule frage ich John um Rat, Buchhalter der Schule, weil ich weder weiss, wo ich genau bin noch wo ich hin soll. Großzügig lädt er mich in sein Haus ein, 40 Meilen entfernt, das Fahrrad bleibt in der Schule, das Gepäck kommt mit ins nördliche Beaver County.

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30.10.2013, Wheeling, McLure Hotel, Tkm 114, Gkm 11.904

SR 30 East ist auch die falsche Strecke, erklärt Ron in Raccoon Creek, und schickt mich einige Meilen zurück, in die Hügel von Raccoon Creek State Park und Frankfort Mineral Springs. In Ron und Junean Tranters R.J.T.’s Ice Cream’s Eissalon, wurde im Sommer 2013 „Out of the furnace“ gedreht, mit Christian Bale, Zoe Saldana und Casy Affleck in den Hauptrollen. Der Film ist noch nicht in den Kinos angelaufen, doch ein Vorspann ist auf Youtube zu sehen. Junean, begeisterte Eisfischerin, kann kaum erwarten, dass der nächste Winter kommt, genauso ungeduldig wartet sie, den teiweise in ihrem Haus gedrehten Film zu sehen. Und bestickt unverdrossen T-Shirts, Schals und Kappen für die heuer eher erfolglosen Footballer Pittsburgh Steeler.

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31.10.2013, New Martinsville, Magnolia House B& B, Tkm 66, Gkm 11.970

Die Wettervorhersage verspricht nichts Gutes: Kaltfront aus Nordwest, Regen am Abend, Temperatursturz am Wochenende. Und noch 2.000 km bis New Orleans!

Ungewöhnlich warm am Morgen, und ich habe den Mitarbeiter an der Rezeption gestern richtig verstanden: Im Zimmerpreis ist lediglich ein Minifrühstück enthalten, serviert von 4 bis 7 Uhr in der Hotellobby. Wohl für die von der Nachtschicht zurückkehrenden Oiler und Fracker, die in der Umgebung nach Öl und Erdgas bohren und die Umwelt durch Fracken ruinieren.

Des einen Freud, der anderen Leid: Die vor wenigen Jahren zwischen Pittsburgh und dem Ohiotal entdeckten, sich über fünf Bundesstaaten erstreckenden Erdöl- und Gasvorkommen machten einzelne Farmer über Nacht zu Millionären, füllten die verfügbaren Quartiere mit gut verdienenden Leuten der Ölbranche und spülen Vermögen in die Kassen der beteiligten Unternehmen. Rick baut Pipelines und erzählt von Schweißern mit einem Jahreseinkommen jenseits der 300.000,– Dollar, deutlich über dem Verdienst gut ausgebildeter Akademiker.

Vormittags trocken, kommt der Regen am Nachmittag früher als erwartet. Ich fahre ungern im Regen, zu schlecht die Sicht, zu gefährdet bin ich im Straßenverkehr. Frage bei der erstbesten Tankstelle nach Unterkünften. Die Kassierinnen finden erst nach vielen Anfragen ein Zimmer, überbelegt mit Ölarbeitern sind die Unterkünfte.

Am Abend mit Rick im Baristas Pub, viele Stammgäste sind Radfahrer, also ergibt sich der Kontakt zu den anderen Gästen von selbst. Urige Kneipe,  upstairs ein nettes Cafehaus, über der Klomuschel wacht Radsportidol Eddie Merckx.

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01.11.2013, Marietta, Buschcamp, Tkm 93, Gkm 12.063

Eine Kaltfront ist mit Starkwind nächtens über das Ohiotal gezogen, die Wolken lösen sich langsam auf, ich fahre in südwestlicher Richtung dem Ohio River entlang. Hier wird das Tal etwas breiter, die Hügel weichen ein wenig zuruck, die Straße entfernt sich fallweise vom Fluss.

Kleine Pumpen fördern seit Jahrzehnten Gas, jetzt dominiert Big Business. Hatte ich in McKeesport die ausgedehnten Rohrlager belächelt, meinend, dort werde auf Lager produziert, sehe ich nun, wohin Trucks die Stahlrohre bringen. Zahlreiche kleine Rohrlager entlang der Straße, zahlreiche neue Bohrplätze, überall Pickups und Lkws der Gasbohrer.

Auf dem Fluss einige Schubschiffe, die bis zu zehn mit Kohle beladene Kähne vor sich herschieben, flussauf und flussab, ein Gespann etwa dreihundert Meter lang. Bringen die Kohle zu den zahlreichen Kraftwerken, die den Fluss säumen. Nicht nur Kohle- und Gaskraftwerke, auch Atom ist dabei. Und auf riesigen Plakattafeln wird gegen die Energiepolitik der Obama-Administration gewettert, die „Arbeitsplätze verspricht, doch die Kohleindustrie in den Appalachen vernichtet“. Ansichtssache – Energiesparen war noch nie Schwerpunkt amerikanischer Politik.

16.500 Einwohner und so viel Verkehr in und um Marietta! Kaum jemand geht einen Schritt zu Fuß,  fast jedermann benützt selbst für kürzeste Wege ein Auto. Nach Marietta steigt die Straße an, jetzt dominieren Industriebetriebe. Schwierig, einen geeigneten Platz zum Zelteln zu finden, bis plötzlich rechterhand ein mit Bäumen umgebener kleiner See neben der Straße liegt. Der ideale Zeltplatz? Das beleuchtete Shop ist  geschlossen. Fischköder gäbe es zu kaufen, Briefumschläge liegen bereit, um die Gebühr für das Fischen im See in einem Türschlitz einzuwerfen. Doch was ist mit Zelteln? Kann niemanden fragen, gehe zu einer abgeschiedenen Stelle, errichte mein Zelt, direkt unter dem Bahndamm, und die beiden am Abend noch vorbei kommenden Züge vermitteln das Gefühl, direkt über mich hinweg zu fahren.

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02.11.2013, Athens, Buschcamp, Tkm 87, Gkm 12.150

Hätte ich die Hinweistafel an der Einfahrt zum Fischteich gestern abend gesehen, wäre ich vermutlich weitergefahren. Privatgrundstück, daran habe ich nicht gezweifelt. Fischen nur gegen Bezahlung, das ist doch selbstverständlich! Wer unberechtigt beim Fischen erwischt wird, wird mit einem Fischereiverbot belegt, ist doch klar. Trespassers, somit Leute wie ich, die das Grundstück ohne Erlaubnis betreten, werden angezeigt und mit einer Geld- bzw. Haftstrafe belegt: Das scheint doch ein wenig übertrieben!

Halte in Belpre an der Tankstelle des Manish Dave, seit sechs Monaten Betreiber der Tankstelle und des integrierten Soda-/Dellladens. 1965 im indischen Gujarat geboren und 1986 in USA eingewandert, quetscht mich  Manish zu meiner Tour aus. Natürlich will auch er nach Pensionsantritt reisen, doch noch mehr beschäftigt ihn eine existentielle Frage: Möglicht lange arbeiten und viel Geld verdienen oder möglichst früh aus dem Berufsleben ohne gesicherte finanzielle Altersvorsorge aussteigen? Die aufkommende Diskussion wird durch Petra unterbrochen, geborene Deutsche, seit etwa 30 Jahren in USA, seitdem nie in Deutschland gewesen, hat sich mit ihrer in Deutschland verbliebenen Schwester zerstritten.

Danach Hügel, Gegenwind, viele Wolken, außer mehreren Kraftwerken wenig zu sehen, die Straße jetzt ein wenig vom Fluss entfernt. Wenn schon Gegenwind,  dann ordentlich, also drehe ich bei Coolville weg vom Ohio River, Richtung Westen nach Athens, auf Highway 32 und 50. Auf Straße 50 wird das Radrennen „Quer durch Amerika“ gefahren, allerdings von West nach Ost, die Schnellsten schaffen die Strecke in etwa 10 Tagen. Na gut, ich brauche länger, fahre allerdings gegen den Wind nach Westen und auch kreuz und quer.

In Athens, Studentenort, mit einer Filiale der University of Ohio, wundere ich mich erneut über das Halbwissen amerikanischer Studenten. Von 5 Befragten kann nur ein einziger den Weg aus dem Stadtzentrum zur im Süden vorbeiführenden Straße 50 beschreiben.

Zweimal den kurzen Regenschauern knapp entkommen, halte ich mit der untergehenden Sonne an einem der wenigen, jedoch riesigen Rastplätze. Bis 22 Uhr von einem privaten Sicherheitsdienst bewacht, werde ich zu meiner Überraschung nicht des Platzes verwiesen, als ich am Grillplatz ein Feuer entfache und Würsterl grille, sondern vom Wachhabenden gefragt, ob er mir helfen könne.

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03.11.2013, Highway 32, Buschcamp, Tkm 114, Gkm 12.264

Der Himmel bedeckt, die Temperatur im Keller, doch der Wind kommt nicht mehr aus der Gegenrichtung. Die Hügel sind geblieben, ich fahre Richtung Sùdwest, durch eine kaum besiedelte Landschaft, Appalachen-Kohleland. Mache mit dem leichten Seitenwind einige Meilen gut, die mich die vortägigen Gegenwinde gekostet haben.

Hatte schon befürchtete, neben Pizzerien und chinesischen Take-aways nur die obligaten Fast-Food-Restaurants anzutreffen,  als ich Rowdy’s Smokehous an der Stadteinfahrt von Jackson entdecke. Pickups und ein großer rauchender Kessel auf dem Parkplatz, ein vielversprechendes Hinweisschild „A casual bbq joint we smokin‘ „,  im Inneren eine lange Theke und Holzbänke, Country-Musik, Country-style Food, oder das, was die Amerikaner darunter verstehen. Nur das Passwort für das WiFi ist unauffindbar. Will weiterfahren, als Nathan, der Lokalbesitzer, mich stoppt, wir uns über meine Tour unterhalten, er ins Lokal eilt, um mir ein T-Shirt mit dem Smokehouse-Logo zu holen.

Auf US 32, dem Appalachian Highway, weiter Richtung Südwest, die Luftströmung aus Norden günstig, also komme ich gut voran. Aus dünn besiedeltem Land wird Wald, einige überfahrene Hirsche und Waschbären am Straßenrand, drei größere Kreuzungen.

Mit Sonnenuntergang sehe ich mich ernsthaft nach einem Zeltplatz um, da kommt wie gerufen der einzige Rastplatz auf diesem Abschnitt des Highways. Großes und geplegtes Areal, saubere beheizte Restroom-Räume, an der Rückseite des Gebäudes der Aufenthaltsraum für das Wachpersonal. Pro forma ersuche ich die Erlaubnis, mein Zelt im Areal aufzuschlagen, wohl wissend, dass Nächtigen auf den Highway-Rastplätzen nicht gestattet ist. Die Bedenken der beiden Securityleute kann ich entkräften, zu gefährlich ist eine Weiterfahrt auf dem nächtlichen Highway, zu kalt wird es mir in meinem Schlafsack nicht werden, und dem Blick der Highway-Patrol entziehe ich mich, indem ich mein Zelt im entferntesten Winkel des Rastplatzes aufschlage. Eines erspare ich dem Wachpersonal nicht: Ungesehen bleiben, denn das Feuer, das ich am Grillplatz entfache, ist weithin zu sehen.

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04.11.2013, Maysville, Days Inn Motel, Tkm 78, Gkm 12.342

Lexington entspricht ganz und gar nicht meinen hochgesteckten Erwartungen. Wo sind denn die quirrlige Downtown mit dem überbordenden Nachtleben, wo die preiswerten Quartiere der Innenstadt? Ich frage einen Polizisten im Streifenwagen, der mich in die Außenbezirke schickt. In der Winchester Road gibt es Nachtleben, einige Farbige auf den Straßen, drei Erotiklokale, die Essensläden machen um 20 Uhr dicht.

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06.11.2013, Harrodsburg, im Haus von Bill, Tkm 52, Gkm 12.500

Dichte Wolken aus Südwest, ein kräftiger Gegenwind, für den Abend versprechen die Prognosen eine Kaltfront mit heftigen Regenschauern. Bevor der Regen um 15 Uhr einsetzt, steigen die Temperaturen auf frühherbstliche Werte und ich fahre im Sommertrikot.

Hügel, Hügel, nochmals Hügel, bis Wilmore gehts bergauf. Ich kann es kaum glauben, an einigen Stellen begleitet ein Radweg die Straße! Bin ich bereits auf dem Trans America Bike Trail, den ich weiter südlich erwartete? Einerlei, nach wenigen Kilometern mündet der Radweg ohnehin in US 68, hier die Hauptstraße wieder ohne befahrbares Bankett.

Dann bergauf und bergab, durch eine enge Schlucht hinunter zum Kentucky River, eingeengt durch kerzengerade Felswände. Tom übernimmt das Fotografieren an der Kentucky River Bridge und erzählt die außergewöhnliche Geschichte von Shakertown auf Pleasant Hill. Da muss ich sofort hin, mir selbst ein Bild von diesem Ort machen!

Schnell ändere ich meine Meinung, als die ersten Regentropfen fallen und Bill mich in sein Haus einlädt. Bereits mehrmals hat er Langstreckenradler beherbergt, fährt selbst gern lange Touren. Nicht nur mit dem Fahrrad, wie die fünf BMW-Oldtimer-Motorräder in seiner Garage zeigen.  Pensionierter Eheberater, nunmehr als Berater und Verkäufer alternativer Energien tätig, hat auf seinem Grundstück ein Windrad und eine Photovoltaikanlage installiert. Die Kentucker sind bevorzugen einheimische Produkte, zum Beispiel die reichlich vorhandene Kohle, wollen keinen exotischen Strom aus Sonnenkraft. Daher läuft der Verkauf schleppend, wie „Kühlschränke an Eskimos verkaufen“. Es ist ein unterhaltsamer Abend, es gibt einiges zu erzählen.

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07.11.2013, Lebanon, Holly Hill Inn, Tkm 77, Gkm 12.577

Die Kaltfront zieht ab, die Wolken verschwinden im Tagesverlauf, ein kühler Westwind sorgt für frische Luft.

Nach kurzer Fahrt bin ich in Shaker Village, früher Shakertown, jetzt ein Heritagepark mit renovierten Gebäuden, Hotelbetrieb und Zimmervermietung, Rundwanderwegen und Handwerkershops. Tom Corson, Executive Director von SITAF, einer religiös orientierten Organisation und Historiker, hat es mir gestern erzählt. Die Shaker, wegen ihres Glaubens um 1800 in England verfolgt und nach Amerika ausgewandert, gründeten Kommunen in mehreren Staaten, waren geschickte Handwerker, die Gemeinden prosperierten, bis industrielle Erzeugnisse ihren Niedergang einleiteten. Religiös orientiert, schüttelten sie beim Gottesdienst ihre Körper, entsagten dem körperlichen Sex, hatten somit keine leiblichen Nachkommen, besorgten die Fortpflanzung durch Adoption, bis auch diese von Regierungsseite erschwert wurde. Wen wundert es, das die örtliche Gemeinde, Shakertown in Pleasant Hill, wie viele andere Shakertowns, dem Untergang geweiht war, der letzte Shaker in Pleasant Hill 1925 verstarb, die Liegenschaften in unheilige Hände übergingen. Bis etwa 1960 auf privater Basis eine Initiave entstand, Shakertown auferstehen zu lassen, durch Restaurierung verfallener Gebäude und Errichtung eines Heritage Parks. Ich frühstücke ein zweites Mal, im vornehmen Speisesaal der Shaker, und denke, das mit dem Nicht-Sex könnte doch eine gute Lösung des explodierenden Weltbevölkerungswachstums sein. Oder doch nicht, ich schüttle vorsichtig den Kopf.

Ich fahre Richtung Westsüdwest, auf einer jüngst asfaltierten und verkehrsarmen Landstraße, hügelauf und hügelab. Das soll der Trans Amercica Bike Trail sein? Einen Biketrail hätte ich mir jedenfalls so nicht vorgestellt! Rinderweideland, Wiesen, verstreute kleine Farmen, schön das Land in dem nach dem Regen leuchtenden Farben. Am späten Nachmittag erreiche ich Springfield, mit Einbruch der Dunkelheit Lebanon. Und weil eine empfindlich kalte Nacht bevorsteht, ich just vor einem Motel zum Stehen komme, verbringe ich die Nacht im wenig exotischen Lebanon.

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08.11.2013, Glasgow, Happy Valley Inn, Tkm 122, Gkm 12.699

Ein kühler, wolkenloser, strahlend schöner Tag. Bleibe auf Straße 68, gut ausgebaut bis Campbellsville, dann enger werdend, ab Greensburg sehr hügelig, nur langsam komme ich voran. Fahre durch Rinderland, und je weiter ich fahre, desto ärmlicher wirkt es. Prächtige Häuser waren gestern, heute säumen Kleinstfarmen den Weg. Mit kläffenden Hunden, die meist auf den Grundstücken ihrer Herren bleiben, manchmal auf die Straße laufen. Aufgelassene und dem Verfall preisgegebene Hütten und Häuser werden zahlreicher, mit löchrigen Dächern und zerbrochenem Fensterglas, selbst als Notunterstände für Radfahrer ungeeignet.

Die Hügelstraße bis Edmonton kostet viel Zeit, doch morgen will ich wegen des vorgebuchten Hotels in Nashville sein. Mit der untergehenden Sonne fahre ich auf den vierspurigen Cumberland Parkway auf, ein breiter asphaltierter Seitenstreifen ermöglicht sicheres Fahren in der hereinbrechenden Dunkelheit. Die rasch auf den Gefrierpunkt sinkenden Temperaturen dämpfen rasch meine Ambitionen, irgendwo mein Zelt aufzuschlagen. Überdies finde ich in Glasgow ein preiswertes Hotel; im Preis enthalten die halbe Lebensgeschichte der korpulenten Rezeptionistin. Und nur der vorgetäuschte Hunger rettet mich vor Teil 2 ihrer Familiensaga.

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09.11.2013, Cross Plains, im Haus von Steve und Karen, Tkm 116, Gkm 12.815

Hochliegende Wolken, fallweise ein Sonnenstrahl, ein wenig milder als am Vortag. Wind genau aus meiner Fahrtrichtung, viele Hügel, ein vorgebuchtes Hotel im weit entfernten Nashville bereiten mir Sorgen. Mit jedem mühseligen Anstieg steigt die Gewissheit,  dass ich Nashville heute nicht oder nur schwer erreichen werde.

Scottsville schaffe ich mittags, dann weiche ich von der Hauptroute ab und fahre eine Nebenstraße. Einige Steigungen zu steil, um zu fahren. Ich steige ab und schiebe das Rad, keuche die steilen Hügel hoch. Die Gegend ärmlich und dünn besiedelt. Ich weiss schon lange nicht mehr, wo ich bin. Pink Ridge, Sunny Point, auf meinen Straßenkarten nicht verzeichnet. An einem Tag, an dem ich es ausnahmsweise eilig habe, verfahre ich mich, stoße auf Straße 100, viel zu weit im Norden. Ich bin einen Halbkreis gefahren, unnötige 40 km hügelige Straße!

Endlich erreiche ich bei Franklin die nach Süden führende Interstate 65, off-limits für Radfahrer, muss also einen weiteren Umweg Richtung Stadtzentrum fahren. Noch etwa 35 Meilen bis Nashville, als die Sonne am Horizont verschwindet. Den Preis für das vorausgebuchte Hotel in Nashville bezahlen und in einem der lokalen Motels in Franklin übernachten? Oder versuchen, Nashville zu erreichen? Der Seitenstreifen auf der Straße 31W ist breit und asfaltiert, ich ziehe die Warnweste an, schalte das blinkende Rücklicht ein, quere im Dunkelwerden die Staatsgrenze von  Kentucky nach Tennessee.

Ganz geheuer ist mir die Sache nicht. Drei bis vier Stunden, auf einer Straße mit einigen Hindernissen auf dem Seitenstreifen, besonders in Brückenbereichen gefährlich eng, weil die Straßenbauer hier auf einen Seitenstreifen verzichten. Nun geschieht das, was ich nicht erwarte: Wenige Meilen vor White House hält ein Auto, der Fahrer bietet mir ein Nachtquartier an, wahlweise könnte er mich mit seinem Pickup nach Nashville bringen. Ich nehme das Nächtigungsangebot dankend an, zu gefährlich ist eine Nachtfahrt auf der vor mir liegenden Strecke. Steve, pensionierter Schuldirektor, fährt gelegentlich größere Radtouren, 2014 steht St.Lawrence River, Quebec und Boston auf dem Programm. Mit seine Frau Karen, ebenfalls im Schuldienst tätig, ist er eben erst aus Knoxville im Osten Tennessees zurückgekehrt, hat mich auf der Straße gesehen und spontan entschlossen, mich einzuladen. Und überreicht mir John M. Barry’s „Rising Tide“, das Buch über die größte Naturkatastrophe Amerikas, das Mississippi Hochwasser 1927.

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10.11.2013, Nashville, Howard Johnson Hotel, Tkm 52, Gkm 12.867

Das erste Teilstück fährt sich mit dem breiten asfaltierten Bankett und dem kühlen Nordwind problemlos. Doch mit zunehmender Nähe zu Nashville wird der Seitenstreifen enger, die Fahrbahnen schmäler, und der Verkehr nimmt zu. Ich kann von Glück reden, dass ich diese Strecke am gestrigen Abend nicht gefahren bin.

Um die Mittagszeit erreiche ich Nashville, das Hotel fast 5 km außerhalb des Stadtzentrums. Die Rezeptionistin bestätigt nochmals das kostenlose Storno des vorausgebuchten Zimmers. Nach kurzer Überlegung bleibe ich im H. Johnsons, erledige meine Post, aktualisiere das Tagebuch, und eh ich es begreife, ist der Tag auch schon vorbei.

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11.11.2013, Nashville, Knights Inn, Tkm 12, Gkm 12.879

Montag, Feiertag, Veterans Day. Wechsle Hotel, vom stadtfernen H.J. ins zentrumsnahe Knights Inn. Angenehm warm, mit dem Fahrrad in die für Autos heute gesperrte Innenstadt, Veterans Day Parade am Broadway, festlich geschmückt, zahlreiche Zuschauer, viele Keinkinder.

Unterhalte mich mit Powell, Ex-GI in Deutschland und Ex-Wachmann auf mehreren Raketenabwehrstationen. Nachmittag in Country Legends Corner, super. Abends im teuren Wildhorse Saloon, teuer, sitze allerdings erste Reihe fußfrei. Auf die Stepdance Lessons verzichte ich, gehe daraufhin in den Whiskey Bent Saloon, angenehme Musik.

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12.11.2013, Knights Inn

Fahrrad bleibt im Zimmer, Wetterumsturz, eisiger Nordwind. Vormittags in Tourist Info, frage nach bekannten Leuten, weil im Nebenraum Filmaufnahmen gemacht werden. Billy, ein älterer Herr am Schalter, sei bekannt, ein Kumpel („buddy“) von Willy Nelson. Man winkt eine weitere „bekannte“ Persönlichkeit herbei, Storme Warren. Ich stufe ihn ein als aufgehender Stern der Folkmusik, doch Beau St.James im Whiskey Bent Saloon kennt Warren nicht. Er googelt, findet Warren in mehreren Rubriken. Soll ich enttäuscht sein? Warren ist kein Folkmusiker, sondern der bekannteste Moderator Amerikas im Bereich Bluegrassmusik. Er moderiert Sirus XM-Radio – und GAC-TV-Sendungen, er ist kein Star, er macht die Stars. Man tröstet mich im Whiskey Bent Saloon: Countrysänger gibt es wie Sand am Meer, doch Moderatoren dieses Kalibers weniger als Finger einer Hand.

Nashville Music City: Viele Stars haben ihren Hauptwohnsitz in den südlichen Suburbs der Stadt, sind fallweise in Downtown anzutreffen. Doch heute ist es kalt, da bleiben sie lieber zu Hause, in ihren feudalen Villen. Ich eile die fünf Blocks nordwärts, in die 1920 erbauten überdachten Galerien. Einige Geschäfte stehen leer, ich lasse mir die Haare schneiden, gehe in ein Thai-Restaurant. Der Kellner, ägyptischer Kopte aus El Minia. Wir sprechen über Ägypten, er, seit zwei Jahren in USA, bietet mir Hilfe an!

Ich eile zurück zum Broadway, Zentrum des Musikgeschehens. Ich verzichte auf Rymans Auditorium, Hall of Fame und Jonny Cash Museum, ich gehe zu Tootsie’s, Livemusik. Am Abend, nach einem Steak im Country Pride, wieder in die Stadt. Livemusik mit Vince Moreno in Country Legends Corner, ein legendärer Unterhalter, rockt das Haus, das Publikum geht begeistert mit. Wie können die zahlreichen Bands von den Tipps leben, zwei bis fünf Dollar, die einige Gäste in die Sammeltöpfe der Musiker legen? Weiter zu Leyla’s, Zentrum von Nashvilles Hillbilly Music. What a great day, I just love Nashvilles music scene!

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Out of the cold?

Natchez Trace Parkway

Höchste Zeit, nach Süden aufzubrechen. Der eisige Nordwind hat an Stärke eingebüßt, doch ein Blick auf die Wetterkarte genügt, um zu erkennen, dass weitere Kaltfronten mit Schneefällen im Nordwesten lauern.

Wieder weiche ich von meiner Planstrecke ab. Memphis sei lediglich eine riesige amerikanische Großstadt ohne besondere Sehenswürdigkeiten, und Elvis Presleys Residenz Graceland nur ein überdimensionierter Palast. Für Radfahrer viel interessanter sei ein direkter Weg nach Louisiana, der Natchez Trace Parkway, so Steve aus Cross Plains und Bill aus Harrodsburg, die diese Straße mit dem Fahr- bzw. Motorrad gefahren sind.

Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit dem Verkehr auf Amerikas Straßen bin ich skeptisch. Eine zweispurige Landstraße, ohne asphaltiertem Bankett, soll eine sichere Fahrstrecke sein? Ich google, besorge mir Kartenmaterial in Nashvilles Touristenbüro – ergänzende  Informationen hole ich mir Tage später im Parkway Visitors Center in Tupelo – und was ich lese und höre, klingt erstaunlich

Die USA hat zwei nennenswerte Parkways. Der von North Carolina nach Virginia, dem Hauptkamm des Appalachen Gebirges entlang führende, landschaftlich schöne Blue Ridge Parkway und der historisch interessante, etwas kürzere, immerhin 444 Meilen lange Natchez Trace Parkway. Letzterer erfüllt auch alle sechs (von zwei erforderlichen) Voraussetzungen, um die Bezeichnung „All America Roadway“ zu führen: Archäologisch, kulturell, geschichtlich und landschaftlich bedeutend, naturnah und erholungsspendend. Diese beiden Parkways sind einzigartig, der Nationalparkverwaltung unterstellt, Ausflugsstraßen ohne kommerziellen Verkehr, die umgebende Landschaft Naturschutzgebiet. Die Riesenvorteile für den Radfahrer, besonders außerhalb der Hauptsaison: Kaum Verkehr, nur wenige Pkw und Motorräder, oft minutenlang kein anderes Fahrzeug. Picknick- und kostenlose Zeltplätze mit Feuerstellen und Toilettanlagen. Die einzigen erkennbaren Nachteile: Shops, Restaurants und Unterkünfte sind häufig meilenweit vom Parkway entfernt, so dass man die Tour vorausschauend planen und genug Essbares mitführen sollte.

444 Meilen, immerhin 700 km, vom Southern Terminus in Natchez am Mississippi River zum Northern Terminus bei Nashville. Der Natchez Trace Parkway folgt uralten Büffel- und Indianerpfaden durch die drei Bundesstaaten Mississippi, Alabama und Tennessee. Die amerikanischen Ureinwohner errichteten Hügel (mounds) zu uns unbekannten Zwecken. „Kaintucks“, Tennesseer Bootsleute, die ihre Waren auf dem Fluss nach Natchez und New Orleans schifften, kehrten auf dem „Trace“ zu Fuß in ihre Heimat zurück, um 1800 waren es jährlich mehr als einhunderttausend. Postreiter benutzten diesen Trail als Teil der Postroute von New Orleans nach New York. Mit Entstehen der Dampfschifffahrt auf dem Mississippi geriet der „alte Weg“ um 1820 rasch in Vergessenheit. Bis hundert Jahre später private Initiativen und 1927, zur Zeit der Großen Depression, ein Arbeitsbeschaffungsprogramm der Regierung, für den Ausbau des Trace sorgten. Erst 2005 war der Parkway durchgehend fertiggestellt.

Zwei  Hinweise wirkten überzeugend: Die angebotene Hilfestellung durch Parkranger und die fünf entlang der Strecke eingerichteten, ausschließlich Radfahrern vorbehaltenen Notzeltplätze. Die muss ich mir einfach ansehen.

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13.11. 2013, Gordons House, Buschcamp, Tkm 88, Gkm 12.967

Der eisige Nordwind schwächelt, aber es ist kalt, als ich Nashville bei strahlendblauem Himmel verlasse. Nochmals durchradle ich auf dem Weg nach Südwesten den Broadway, die am Morgen verlassen wirkende Nashviller Vergnügungs(viertel)meile, fahre den Westend Boulevard stadtauswärts, meilenweit, auf der Suche nach US 100, die mich zum Parkway bringen wird.

Die Probleme beginnen, als ich die Stadt verlasse. Zu wenig Luft im Hinterrad, aufpumpen, nach drei Meilen eiert das Rad, schnell entweicht die Luft, der Reifen ist irreparabel  seitlich an einer Stelle durchgescheuert. Ich brauche Hilfe, mein seit Wochen streikendes Handy kann ich vergessen, 200 Meter entfernt ist  ein großer Parkplatz in einem lokalen Wandergebiet. Ich wende mich an die ersten beiden Spaziergängerinnen, die ich sehe. Jessica und Robin handeln, als wäre mein Reifenschaden die natürlichste Sache der Welt. Machen ein Radshop ausfindig, nehmen mein kaputtes Hinterrad mit ihrem Auto in den nächsten Ort und bringen es, neu bereift, wieder zurück. Verweigern jegliche Geldannahme, als ich ihnen die Kosten für die Reparatur ersetzen will. Mit dem Hinweis:“This is our contribution to your journey“! Ihr Beitrag zu meiner Reise? Unfassbar! Danke Jessica, danke Robin, meine Facebookfreunde sind so baff wie ich! Angi Gogo formuliert es treffend: „Wow, das passiert nur einmal im Leben“!

Ich kann mich mehrfach glücklich schätzen! Der Reifenplatzer, ein kleines Unglück. Die rasche und selbstlose Hilfe zweier wildfremder Menschen, ein Glückstreffer! Der Ort des Geschehens, just am Anfang einer  langen radshoplosen Strecke! Hätte mir keinen geeigneteren Ort für die Panne aussuchen können.

Ich besuche die Mitarbeiter von Trace Bikes in 80808 Highway 100 und sehe mir die Rückseite ihrer Visitenkarte genauer an. “ Our Mission: To promote cycling in our local and extended communities, to encourage participation on all levels of experience and skill, and to provide commitment and dedication to our customers and their goals.  www.tracebikes.com“. Das muss ich erst einmal verdauen: Ein Radgeschäft hat ein ausformuliertes, auf ihrer Geschäftskarte schriftlich festgelegtes Leitbild, und versucht, dem gerecht zu werden.

Ich decke mich ein mit Lebensmitteln, verlasse wenig später die Straße 100, fahre nun auf dem verkehrsarmen Natchez Trace Parkway, vor mir 444 Meilen, ohne Tankstellen, Restaurants, Motels. Der Versuch, etwas wegen der Radreparatur verlorenen Zeit gutzumachen, ist wegen der hügeligen Landschaft zum Scheitern verurteilt. Bei Birdsong Hollow überquere ich auf einer imposanten Doppelbogenbrücke das darunter liegende Tal, ich passiere Garrison Creek und Burns Branch, bei Tennessee Valley Divide überschreite ich neben einer alten Staatsgrenze auch die erste von acht Wasserscheiden.

Bei Fly ist es schon empfindlich kalt, auf dem langen Anstieg zum Water Valley Overlook dunkelt es, und mein Tagesziel Gordon House erreiche ich erst im Licht des zunehmenden Halbmonds. Doch wo sind die Feuerstellen, die Einrichtungen für die ausschließlich den Radfahrern vorbehaltenen Campsites? Am nächsten Morgen werde ich feststellen, dass ich an der Abzweigung zum Campingplatz Shaddy Groves in der Finsternis vorbeigefahren bin.

Inmitten eines großen und gepflegten Areals steht Gordon House, einst Wohnsitz der Fährmänner am Duck River. Ich wärme meine kalten Füße am Handtrockner in den geheizten und gut ausgestatteten Toilettanlagen, errichte in deren Windschatten mein Zelt, in der irrigen Annahme, ich sei auf einem der sechs ausschließlich Radfahrern vorbehaltenen Campsites. Sammle Feuerholz, entfache ein lustig prasselndes Lagerfeuer, grille die mittags gekauften Koteletts mit primitiv zurecht geschnittenen Holzstäben. Heute abend ist es derart frostig, dass ich folgende im Pamphlet angeführte Warnung zweifellos mißachten kann: „Be alert for copperheads, cottonmouths, and rattle snakes, don’t put your hand and feet in places you can’t see“. Bei diesen tiefen Temperaturen werden sich die Giftschlangen warm anziehen müssen, wenn sie gefährlich werden wollen.

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14.11.2013, Collinwood, Coast to Coast Motel, Tkm 91, Gkm 13.058

Das Zelt ist mit Eis bedeckt, das Land mit Frost überzogen, der Himmel wolkenlos. Zuallererst rette ich mein Fahrrad, bringe es zum Aufwärmen in die beheizten Toilettenanlagen. Als ich diese verlasse, traue ich meinen müden Augen nicht: Ein Radfahrer, hoch bepackt, biegt auf den Parkplatz ein

Crazy Terry fährt aus dem kalten Cleveland in Ohio in den warmen Süden, nach New Orleans in Louisiana. Sein gesamtes Hab und Gut ist auf sein Fahrrad gepackt, Mathilda nennt er das betagte Ding, Planen schützen das Gepäck. Er bezeichnet sich selbst als crazy, wolle mich mit seiner Familiengeschichte nicht erschrecken, bei an ihm vorgenommenen Experimenten sei im Kindheitsalter etwas schief gelaufen, sagt er jedenfalls. Hat den Lastern Alkohol, Drogen, Kaffee und Zigaretten entsagt, seitdem er den Weg zu Gott fand und mit Jesus spricht. Morgens liest er die Bibel, heiligt den Sabbat, fährt samstags nie Rad. Diese Art von Ruhetagen hatte auch ich bei Tourbeginn geplant, wenngleich nicht aus Glaubensgründen. Terry versetzt mich nicht in Schrecken, denn Kontakte mit fremden Personen sind mir nicht neu, seitdem ich verstärkt soziale Netzwerke und Internet nütze.

Der 39-Jährige lebt von Sozialhilfe, erklärt mir das Prinzip der Lebensmittelmarken und der von den Ordnungkräften ausgestellten Tickets. Strafzettel wirft man nach Verlassen des Countys weg, den Bundesstaat sollte man in den drei nächstfolgenden Jahren meiden. Mit dem Einkauf von gebrauchter Kleidung ist er bestens vertraut, zur Zeit sucht er allerdings einen schmalen gebrauchten Reifen für sein Hinterrad. Von einem Thema zum nächsten springend, bewältigen wir auf den Parkway einen Hügel nach dem anderen.

Bei Meriwether Lewis, benannt nach dem gleichnamigen Forscher und Gouverneur von Louisiana, der an dieser Stelle eines mysteriösen Todes starb, fahren wir auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit nicht ins westlich gelegene und deutsch klingende Hohenwald, sondern nach Osten zum nahe gelegenen Gemischtwarenladen „Tradingpost“, geöffnet bis 14,00 Uhr. Froh, um 13,05 Uhr einzutreffen, frage ich nach dem „daily special“, doch die Küche ist seit 5 Minuten geschlossen. Mit der strikten Anordnung des Inhabers, ausnahmslos nach 13,00 Uhr keine warmen Speisen zu servieren. Ich bin stinksauer. Kein für Radfahrer in weitem Umkreis erreichbares Lokal und eine derart stupide Anweisung! Kann nur einem benzingeschädigten und radfahrerhassenden amerikanischen Autofahrerhirn  entsprungen sein! Zwei gewichtige Frauen, Sue und Liza, Nationalparkrangerin  bzw. Kellnerin, versuchen mich zu beruhigen, und schließlich sehe ich es ein: Fastfood ist ohnehin gesundheitsschädlich, werde den Nachmittag auch ohne fette Burger überstehen.

Mit der untergehenden Sonne erreichen wir die Kleinstadt Collinwood, wo wir im Supermarkt der regionalen Kette Piggly Wiggly unsere Vorräte aufstocken wollen. Ich frage im Touristenbüro nach einem preiswerten Motel, nach der vergangenen frostigen Nacht will ich den Abend in beheizten Räumlichkeiten verbringen. Mit Keksen und heißem Kaffee werde ich empfangen, bald entwickelt sich eine angeregte Diskussion über Religion und Glauben. Der Leiter der Informationsstelle argumentiert wie Crazy Terry, wie der frühere US-Präsident George Bush, wie viele Menschen in den südlichen Bundesstaaten: Gott hat die Welt vor 5.000 Jahren erschaffen, das sei eine Tatsache. Ich hätte Lucy, 50 Mio. Jahre alt, in Afrika getroffen, werfe ich ein. Meine Gesprächspartner stutzen ein wenig, sie erwarten keine Widerrede, wir sind mitten im Bible Belt. Im tiefreligiösen ländlichen Süden gilt neben dem Wort des Herrn nur jenes der lokalen Prediger, die der schier unüberschaubaren Zahl von Religionsgemeinschaften vorstehen.

Nach einer Weile eilen wir in den Coast to Coast Hardware Store. Ein Baumarkt, der ein Motel betreibt? In der  Nebenstraße wurde ein ehemaliger Lagerraum zu einem riesigen Motelzimmer umgebaut, eine ganze Kompanie fände darin Platz. Bequem eingerichtet, der Kühlschrank  mit Lebensmitteln und Getränken gefüllt, die Eigentümerin des Komplexes eine gläubige Bibelgürtlerin. Was mich nicht davon abhält, mit ihr einen Preisnachlass für das Quartier auszuhandeln. God bless you, sagt sie zum Abschied. Und Terry ist glücklich, Gleichgesinnte getroffen zu haben.

Terry’s Filmfavorit ist Cold Hand Luke (Der Unbeugsame) mit Paul Newman aus 1967, muss ich mir mal ansehen. Wir sitzen in einem der zwei geöffneten Restaurants der Stadt, ich bei einem Steak, Terry bei Codfish. Schäkern ein wenig mit der Kellnerin, einige Einheimische beobachten uns. Das Ambiente gleicht dem des Kultfilms Easy Rider, aus 1968, mit Dennis Hopper und Peter Fonda in den Hauptrollen! Was fehlt, ist die Verfolgungsjagd.

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15.11.2013, Jourdan Creek, Buschcamp, Tkm 106, Gkm 13.164

16.11.2013, Tupelo, Ecocomy Inn, Tkm 57, Gkm 13.231

17.11.2013, Tupelo, Economy Inn

Regen, wie vorausgesagt. Vormittags im Motel, mittags ein Steak im Bonanza, nachmittags lässt der Regen nach. Ich mache mich auf die Suche nach dem Stadtzentrum, lande jedoch bei Kroger, einem EKZ. Stocke meine Vorräte auf, denn die nächste Teilstrecke verspricht erneut Unterversorgung.

Elvis Presley wurde in Tupelo geboren. Und er hat recht daran getan, die Stadt, die geradezu nach Langeweile riecht, zu verlassen. Jetzt haben die Tupeler zumindest eine Attraktion, das Geburtshaus von Elvis.

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18.11.2013, Jeff Busby, Buschcamp, Tkm 125, Gkm 13.356

Überraschend kühler Morgen nach einem sehr milden und verregneten Wochenende, der Himmel klar, ein leichter Nordwestwind. Das Land wesentlich flacher als im Norden, die Laubbäume jetzt grün oder kahl, der bunte Laubwald ist passe. Tupelo scheint wie eine unsichtbare Grenze zwischen den hügeligen Ausläufern der Appalachen und dem vor mir liegenden Flachland, dem „Delta“. Glaubte ich jedenfalls, doch die weiteren hundert Kilometer sehen wieder anders aus, leicht hügelig und stellenweise bunt bewaldet.

Die Straße nach Chickasaw Village Site, zwischen Sonnenunter- und -aufgang geschlossen, führt durch eine kleinräumige Prairie mit mannshohem dunklen Gras. Nur noch eine Gedenkstätte erinnert an den Indianerstamm der Chickasaws, die eindringende Europäer, u.a. Engländer, Franzosen und Spanier, erfolgreich bekämpften, zwischen 1805 und 1832 ihr Land an die United States abtraten („ceded“), und um 1840 nach Oklahoma gingen und dort Teil der „Five Civilized Tribes“ wurden. Welch nette Definition für die Vertreibung eines Volkes.

Der Anstieg zum Black Belt Overlook ist mit dem leichten Rückenwind kaum merkbar. Black Belt, „Schwarzer Gürtel“, erstreckt sich von Mississippi nach Alabama, war früher Cotton- und ist jetzt Rinderland. Die Prairie wurde kultiviert, die schwarze Erde ist geblieben.

Tockshish, eine von Chickasaws und Weißen um 1770 errichtete Kleinsiedlung, wurde später zur wichtigsten Poststation zwischen Nashville und Natchez. 5 Tage benötigten die Postboten, um die Strecke nach Nashville zurückzulegen, 7 weitere Tage bis Natchez, hier, unter dem „Baumdach“, wurden die Pferde gewechselt. Ich bin seit Nashville bereits sechs Tage unterwegs, somit langsamer als die Postreiter, das darf doch nicht wahr sein!

Der um Tupelo starke Verkehr hat abgenommen. Ich fahre durch Tombigbee Natural Forest, nun wieder auf höher gelegenem Gelände, durch einen herbstlich bunten Laub-/Nadelmischwald. Halte an der Raststelle Witch Dance, Hexentreffpunkt, sehe allerdings nur zwei Frauen und einen älteren Mann. Und einen Nationalparkranger, der mir den Weg zu den nächstgelegenen Restaurants beschreibt. Dann halte ich in Bynum Mounds  die zwei aufgeschütteten Hügel stammen aus prähistorischer, hier indianischer Zeit, Verwendungszweck unbekannt.

Der Ranger berichtete von den Schäden, die ein Tornado im April 2011 entlang der Straße nördlich von Mathiston anrichtete. Jetzt sehe ich es mit eigenen Augen: Auf einer Strecke von 10 km blieb kaum ein Baum stehen, die alten Bestände wurden vom Wind verweht bzw. geknickt, jetzt leben die jungen Bäume auf. Und in Mathiston vernichtete der Tornado die High  School, mehrere Menschen kamen damals ums Leben.

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19.11.2013. River Bend, Buschcamp, Tkm 120, Gkm 13.476

Nachttemperatur um den Gefrierpunkt, da nützte auch das kleine Lagerfeuer nichts, der wärmste Platz in der Jeff Busby Restarea war die beheizte Toilettanlage. Bewölkt am Morgen, mit einer kühlen Luftströmung, die mich ein wenig durch die Mischwälder nach Süden schiebt.

In French Camp, einst Außenposten französischer Soldaten, empfängt mich mit Glockengeläut. Die „Historical Site“, mit Infocenter, Museum, Souvenirshop, Cafe und Motel, wird von einer christlichen Institution betreut, ich frage nicht, von welcher. Für ein warmes Frühstück werde ich an ein nahes Tankstellenshop verwiesen, doch die Küche ist geschlossen, öffnet erst später zur Lunchtime.

Das nächste Historical Site, Bethel Mission,  erreiche ich nach wenigen Minuten. In der längst verschwundenen Missionsstation wurde in den Nachtstunden „im Schein des Mondes“ unterrichtet. Tagsüber waren die Indianer und schwarzen Sklaven ohnehin mit der Rodung der Wälder beschäftigt.  So blieben nur die Nächte, um den wissbegierigen Choktaws die Grundregeln von Ackerbau und Viehzucht zu vermitteln, vielmehr noch waren die Nachtschüler an der Bibel und am Wort Gottes interessiert. So steht es auf einer Schautafel. Wer es glaubt, wird selig.

Den Naturpfad durch den Sumpf am Cole Creek lasse ich aus, weil ich gerade an die Postreiter denke. Die sind hier vorbeigeritten, ohne abzusteigen; ich folge ihrem Beispiel.

Red Dog Road, die Straße nach Canton, tragt den Namen des Choktaw Häuptlings Ofahama oder Red Dog. Mit seiner Unterschrift unter den Vertrag von Dancing Rabbit Creek am 27.09.1830 über die Landabtretung an die USA unterschrieb er auch die Absiedlung seines Volkes, in das Reservat von Oklahoma. Die weißen Amerikaner drücken sich vornehmer aus: The tribe agreed to leave this area and move to Oklahoma.

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20.11.2013, Rocky Springs, Buschcamp, Tkm 121, Gkm 13.597

21.11.2013, Natchez, Excellent Inn Motel, Tkm 102, Gkm 13.699

Unruhige, wenngleich angenehm warme Nacht am Rocky Springs Campground. Lautes Knacksen im angrenzenden Wald, eine kurze Weile ist es ruhig, plötzlich ein lautes Scheppern, ein mit zwei Steinen gesicherter Deckel einer blechernen Mülltonne landet am Betonboden. Ein größeres Tier, ich vermute, ein kleiner Bär, wühlt in der Mùlltonne, verspeist die Knochenreste meiner am Abend gegrillten Koteletts. Kurze Zeit später dasselbe Spiel, an einer entfernteren Mülltonne. Soll ich mich fürchten, habe ich nicht einige Lebensmittel im Zelt? Das Knacken wird leiser, nichts ist in der mondhellen Nacht zwischen den Bäumen zu sehen, ich schlafe wieder ein.

Bewölkter Morgen, ich beseitige die Spuren des nächtlichen Besuchers, sichere die Mülltonne mit einem dritten Stein. Radle durch hügeliges Gelände nach Port Gibson, Kleinstadt, erwarte mir eine große Auswahl an dezenten Restaurants für ein ausgiebiges Frühstück. Was für Kaff! Weit verstreute Wohncontainer, ärmliche Hütten, eine Straßenkreuzung, Gebrauchtwagen- und Gebrauchtautoteilehändler, eine veraltet aussehende Tankstelle, mehrere Kirchen, aber kein Restaurant.

Zurück auf dem Parkway treffe ich auf einem Rastplatz die Radlergruppe von Matt Love. Mit Vater, der seinen Pharmazieladen vor Kurzem verkauft hat. Mit sechsjährigem Sohn, der sich eine Auszeit vom Kindergarten nahm. Mit Onkel, einem pensionierten Motorsportjournalisten. Was mich daran erinnert, die Medien in der Heimat von meiner bevorstehenden Rückkehr zu informieren, auch daran, einen Heimflug zu buchen.

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22.11.2013, Saint Francisville, Best Western Inn, Tkm 102, Gkm 13.801

Um 3 Uhr morgens checke ich im Internet die Wetterprognose, nochmals um 5 Uhr. Das Wetterradar zeigt eine rasch näher kommende Schlechtwetterfront mit ergiebigen Regenschauern. Im Motel bleiben und die Wetterentwicklung abwarten? Ich versuche, dem drohenden Regen zu entkommen, fahre los nach Süden auf US Highway 61.

Zwei Fahrspuren in jede Fahrtrichtung, nach wenigen Meilen endet der asphaltierte Seitenstreifen, Pkw und Sattelschlepper überholen, hier werden die erlaubten 65 mph gefahren, manch Lkw schneller als die kleineren Autos. Temperatur angenehm mild, der ohnehin bedeckte Himmel wird noch dunkler, die Sicht diesig, plötzlich ist der Regen da, es schüttet. Ich suche Zuflucht unter dem schmalen Vordach einer Garage, doch eine Stunde lang zeigen Regen und Wind kein Erbarmen.

Ein Farbiger hält zielsicher Kurs auf die Hintertür der Garage, wir unterhalten uns eine Weile. „Don’t jugde a book by it’s cover“, das war Crazy Terry in Collinwood, der Mann ist kein farbiger Bediensteter, sondern der Hausherr. In Mississippi geboren, hat in Kalifornien sein Geld gemacht, dieses prächtige Anwesen gekauft, will es wieder verkaufen, weil die Umgebung zu feucht und insektenverseucht ist. In der Garage steht abfahrbereit der riesige Wohnanhänger, 36 feet, etwa 12 Meter lang. Und drei Pickup-Trucks, zwei davon kommen mit an die Westküste.

Ob gefährlich oder nicht, ich fahre weiter, als der Regen nachlässt. Bewaldet und leicht hügelig die Landschaft, nahezu unbesiedelt. Der Name ist für den einzigen größeren Ort vor der Grenze zu Louisiana maßgeschneidert: Woodville. Inmitten von Wäldern, einige Einkaufsmärkte um einzelne Tankstellen gruppiert. die Bewohner hinterwäldnerisch. Ich will etwas Warmes essen, Fastfooder Sonic könnte der geeignete Platz sein, serviert „full lunch“. Doch halt, das ist selbst mir zuviel: Der Kunde bleibt im Auto sitzen, ordert bei laufendem Motor mittels Sprachbox die gewünschte Speise, die vom Personal ans Autofenster geliefert wird. Wen wundert es, dass die Konsumenten fettleibig und breitarschig werden, wenn ihnen die wenigen Schritte ins Ladeninnere zu viel sind? Und zwischen den stinkenden Benzinfressern soll ich auf der kleinen Terrasse mein Mittagsmahl verzehren? Nein, danke, da fahre ich lieber zur Shell Tankstelle, die serviert neben Benzin und Kaffee auch gegrillte Hähnchen.

Ein überholender schwarzer Autofahrer beschimpft mich unflätig, der Lenker eines Fernlasters hupt wild im Vorbeifahren, ich nehme es gelassen, Matt hat mich vorgewarnt: Die Menschen dieser Gegend haben möglicherweise noch nie einen Fernradler gesehen und reagieren verschreckt aggressiv. Dennoch bin ich froh, dass ich heil die Landesgrenze von Louisiana erreiche und den Bundesstaat Mississippi hinter mir lasse.

Louisiana, schlechter Straßenbelag, what does it matter, who cares? Da ist er wieder, der breite asphaltierte Seitenstreifen, der sicheres Radfahren gewährt. Die beiden Mitarbeiterinnen im grenznahen Visitors Center versorgen mich mit Informationen und Broschüren, es wird Tage dauern, bis ich die Unterlagen durcharbeite. Ehe ich nach Saint Francisville aufbreche, gewinne ich einen neuen Freund. Bei Malerarbeiten von einer Leiter gestürzt, schwerstverletzt, von vorne am Rücken operiert, zeigt er mir die langgezogenen Narben, und redet von dem Glück, nicht querschnittgelähmt zu sein.

Was helfen umfangreiche Broschüren, wenn Billigmotels fehlen? So in Saint Francisville, eine von Engländern und nicht von Franzosen gegründete Stadt, wie man irrtümlich glauben könnte. Die Hotelpreise sind hoch, offensichtlich abgesprochen, in der zweitältesten Stadt Louisianas.

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23.11.2013, Gonzales, Motel Gonzales, Tkm 98, Gkm 13.899

Spät gestartet, der Himmel bedeckt, deutlich kühler als gestern, kalter Ostwind, nach der ersten Steigung ziehe ich mich wärmer an. Seitenstreifen ungepflegt und rumpelig, fahre durch fast ebenes Farm- und Waldland.

Baton Rouge, Lousianas Hauptstadt, beginnt im Norden mit winzigen Häuser und Wohncontainern, dann folgen am Mississippi River die Chemiefabriken und Raffinerien von BASF und Exxon. Endlos die Straßen Richtung Stadtzentrum, öde und steril die Regierungsgebäude, das Capitol das höchste in Amerika, es beginnt zu nieseln, später zu regnen. Zahllose Menschen auf dem Weg zu einem wichtigen Spiel, LSU Louisiana State University gegen Florida, ich suche im Shop einer Tankstelle Schutz vor dem Regen, unterhalte mich mit einem dort beschäftigten Palästinenser. Seit 12 Jahren mit seinen Geschwistern in den USA, nur seine Mutter wollte Ramalla nicht verlassen

Mit Regencapes wandern die Fans zum Spiel, zweimal rast auf der Gegenfahrbahn ein Konvoi mit Polizeieskorten Richtung Stadion, vermutlich VIPs. Ich mache mich auf die Suche nach Clayton Weeks bei Capitol Cyclery in 5778 Essen Lane, einer Empfehlung von Matt Love folgend. Mehrere Meilen nach Osten, mehrere Meilen nach Süden, längst befürchte ich, Essen Lane verpasst zu haben, als ich an einer großen Kreuzung die Abzweigung finde. Clayton findet mein Ansinnen, das Fahrrad den Winter über in Louisiana zu deponieren, gar nicht abwegig, will es in seinem Haus aufbewahren. Armes Fahrrad, will serviciert, einige Teile wollen dringend erneuert werden.

Einige Meilen spule ich auf dem Airline Hwy noch herunter, doch in Gonzales dunkelt es. Das Motel? Ist seine 50 Dollar nicht wert, die chinesischen Betreiber sind an Geld und nicht an Kundenzufriedenheit interessiert. Das Wasser zu kalt zum Duschen, die Bettdecke zu dünn zum Wärmen, das Zimmer zu muffelig. Und wenige Minuten nach meinem Eintreffen ein zweistündiger Stromaufall, das sind ja afrikanische Zustände. Ein weiteres Armutszeugnis für eine doch SO fortschrittliche Gesellschaft!

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24.11.2013, New Orleans, Courtyard Hotel, Tkm 102, Gkm 14.001

Letzter Abschnitt meiner diesjährigen Etappe, bei kaltem Nordostwind und bedecktem Himmel. Bleibe auf Highway 61, das Bankett in einzelnen Streckenabschnitten derart rumpelig, dass ich auf die zweispurige Richtungsfahrbahn ausweiche. Sonntagsmorgens wenig Verkehr, der seitliche Gegenwind ist mehr als lästig. Die Umgebung flach, bis weit ins Landesinnere erstrecken sich die Sümpfe Lousianas. Fahre nahe am Mississippi River, doch vom Fluss ist nichts zu sehen.

Chemiefabriken und Erdölraffinerien, diesmal des Unternehmens Marathon, das ein dichtes Tankstellennetz im Land unterhält. Narürlich fehlt auch nicht eine Raffinerie des Ölgiganten Shell, überall dabei, wenn es die Umwelt zu belasten gilt.

Erreiche die Vororte von New Orleans, kurz Nola, am frühen Nachmittag, Highway 61 bzw. Airline Highway mündet in Canal Street, direkt am French Quarter. Frage ein einziges Mal nach dem vorgebuchten Hotel, an der Nordgrenze des French Quarter. Duschen, schnell noch mal aufs Rad, um sagen zu können, ich bin die Bourbon Street runter geradelt. Das Zentrum von Nolas Vergnügungsviertel ist eine Einbahnstraße, am Abend den Fußgängern und Betrunkenen vorbehalten. Als ich fahre, werden die Absperrgitter aufgestellt.

Der Abend ist trocken, der Nordwind lässt mich frieren. Frenchman Street ist eine empfohlene Alternative zu Bourbon Street, hier soll das Essen preiswerter und die Musik traditioneller sein; von beiden bin ich nicht überzeugt.

Also doch zuruck in eine der vielen Kneipen in Bourbon Street, Livemusik in vielen Lokalen, meist Jazz oder Blues, einige mit Rockmusik, wie im Hurricane, wo ich eine Weile bleibe. Freier Eintritt, moderate Preise für Getränke, wäre da nicht die Unsitte „2 for 1“: 7 bis 8 Dollar für ein Bier, doch es werden zwei Bier serviert. Ungewollt kaufe ich zwei Flaschen und lehne eine weitere, von einem Barnachbarn angebotene ab. Dessen Begleiterin sucht auch längere Zeit nach einem Bierabnehmer und trinkt das Bier schließlich selbst.

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25.11.2013, New Orleans, Courtyard Hotel, Tkm 14, Gkm 14.015

Entscheidungen müssen getroffen werden:

Das angeschlagene Rad zurück nach Europa nehmen, mit Spedition schicken, einfach stehen lassen, verschenken, nach Baton Rouge radeln und bei Clayton Weeks einstellen?

Flug nach Europa und Rückflug nach New Orleans buchen, wann fliegen? Undundund …

Zuerst zu Amerikas führender Spedition FedEx im Mariott Hotel, doch FedEx hat weder passendes Verpackungsmaterial noch werden Übergrößen transportiert.

FedEx schickt mich zu einem Verpacker und Transportvermittler, doch John in seinem kleinen Shop in Garden District rät von einem Rücktransport ab, weil mit über 300 Dollar zu teuer.

Das Fahrrad im Flugzeug mitnehmen, dazu benötige ich Verpackungsmaterial. Die Schachtel gibts um fünf Dollar bei Bicycle Michaels in der Frenchman Street, muss nicht lange suchen, dort war ich gestern Abend.

Schleppe den Riesenkarton zum Hotel, durch die wenig frequentierten Seitenstraßen des French Quarter, nicht wissend, ob ich die Schachtel überhaupt brauche.

Die Buchung des Flugs bereitet unerwartet mehr Probleme als erwartet, und ich habe Probleme vorausgesehen. Radle zu einem der vom Hotel empfohlenen Reisebüros. Komisch, von außen nicht als solches zu erkennen, doch im Inneren hängen Poster aus Reisezielen in Europa und Asien. Die Tür abgrschlossen, ich klopfe, ein Mann öffnet. Nein, das ist kein Büro, das Reisen vermittelt, der Betrieb sei im Internet falsch gelistet. Vergeblich versucht er, ein Reisebüro ausfindig zu machen, das Flugtickets vermittelt. Diese Zeiten seien vorbei, die Amerikaner buchen nur noch über Internet. Er selbst vermittelt Begleitungen für wohlhabende Income-Touris, etwa Restaurantbesuche mit Küchenschnuppern und Mitkochen.

Notgedrungen verwende ich nun mein Tablet zur Flugsuche, nach Stunde glaube ich bei Fluege.de das passende Angebot gefunden zu haben. Wähle einen Flug, über Houston und Istanbul nach Wien, gebe alle Daten bekannt, erhalte statt einer Flugbestätigung die Mitteilung, die angebotenen Plätze sind nicht mehr verfügbar. Wähle das von Fluege.de vorgeschlagene Alternativanbot, drücke den Button „Kaufen“, das Gerät arbeitet, aber nichts geschieht. Keine Bestätigung, keine Ablehnung. Ich reklamiere zweimal per Email, die Antwort ein automatisch erstelltes „Nicht Antworten“ Email. Bin ich einem betrügerisch arbeitenden Anbieter zum Opfer gefallen? Ist der beantragte Flug gebucht? Ich sende ein drittes Mail, an die Servicestelle von Flüge.de. Wiederum keine Antwort, ich bin ratlos.

Drehe eine Runde durch die Stadt, der Regen hat nachgelassen, die Temperaturen sind gestiegen, die Hüllen der Animierdamen in Bourbon Sreet weitgehend gefallen, doch heute interessiert mich weder „Club“ noch „Kabarett“. Mir genügt das 2 for 1 Bierangebot. Und ich lerne Schnapstrinken Nola-Style: Apperitiv in der Ampulle, unteres Ende im Mund der auf Provision arbeitenden Bartenderin. Zweiter Gang: Ampullen nun im Busenausschnitt der jungen Frau. Teurer Jungbrunnen.

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26./27.11.2013, New Orleans, Courtyard Hotel

Dienstagmorgen, es regnet leicht, nach einem gestrigen Hoch sind die Temperaturen wieder jm Keller, es ist zu kühl für die Jahreszeit.

Habe ohnehin den Rückflug zu regeln. Mein Handy streikt seit Wochen, Fluege.de hat meine Email-Urgenzen ignoriert, muss das Hoteltelefon benützen. Kaufe im nahen Convenience Store um 5 Dollar eine Prepaid Telefonkarte, mit Benützungsanleitung auf der Rückseite. Selbst die Mitarbeiterin an der Rezeption ist überfordert, holt mehrfach Ratschläge von Kolleginnen ein, 5 Bucks reichen bei weitem nicht aus. Endlich in der Warteschlange von Fluege.de, nein, für mich sei kein Flug gebucht. Also telefonisch buchen, eine endlose Prozedur, ich muss ein erhaltenes Email bestätigen, und die Telefonkosten steigen, auf über 30 Dollar. Aber der Flug ist gebucht.

Kalter Nordwind vertreibt mich mittags aus dem ohnehin uninteressanten Business District mit den zahlreichen Hochhäusern und Hotels, in das nahe Harrah’s, Nolas größtem Spielcasino. 2.100 Spielatomaten, 100 Spieltische, Bars, Restaurant, Hotel, Theater, Shows, eine eigene Welt am südlichen Ende der Canal Street. 24/7: 24 Stunden an allen 7 Wochentagen, jahrüber geöffnet, bereits mittags sind zahlreiche Pokertische und Spielautomaten besucht, bei einem Slot-Mindesteinwurf von 2 Cent denken die Spieler nicht lange über ihren Einsatz nach. Doch Harrah’s weiss die Probleme der Menschen zu schätzen: Gambling Problem? Call 1-800-522-4700. Die Spielsüchtigen werden es Harrah’s danken.

Am Nachmittag durch einige Einkaufstempel und in das Musikstore Peaches, unterhalte mich eine Weile mit Rolita an der Rezeption. 36 lahre, gut gebaut, farbig, 3 Kinder im Alter zwischen 14 und 19 Jahren, war nie verheiratet; ich frage sie auch nicht, ob die Kinder den gleichen Vater haben. Am Abend bei leichtem Regen wieder in die Bourbon Street, bei Rockmusik ein kleiner Margarita in Hurricane Bar und ein großer in The Swamp. Der Regen wird stärker, vertreibt die Menschen von der Straße, meist in die Hotels, nur wenige in die Pubs und Bars.

Mittwoch, kühler Morgen, windig, die Wolken lösen sich auf. Mache mich auf die Suche nach Mitbringseln, in den überdachten, seitlich jedoch offenen Hallen am French Market. Verkäufer und Käufer frieren, letztere eilen durch die Verkaufsstände lokaler Kunsthandwerker und asiatischer Kleinimpoteure. French Market habe ich bald erledigt, in den Geschäften der angrenzenden Denton Street werde ich fündig.

Fahrrad in eine Transportbox packen gestaltet sich schwierig. Den auf Amerikas Strassen gesammelten Schmutz will ich nicht Europa nehmen, Waschen ist auch ausgeschlossen. Räder abnehmen, kein Problem, doch für den verbleibenden Teil ist die Box zu kurz. Lowrider und Radständer abnehmen, die Pedale lassen sich nicht rausschrauben, also muss die Tretkurbel daran glauben. Lenkstange verdrehen, nach vielen Versuchen verschwindet der Radtorso doch noch in der Transportbox, dann die Räder und abgeschraubtes Zubehör. Rasch die Box verklebt, der erste Packteil erledigt. Wie unkompliziert war die kanadische Transat, die das Fahrrad nach Toronto unverpackt transportierte.

Teil 2 der Packerei ist nicht weniger umständlich, doch nach mehreren Versuchen steht vor mir der prallgefüllte wasserdicht Ortlieb Packsack. Darin Schlafsack und Liegematte, Rucksack und drei Packtaschen, Freizeit- und Radbekleidung, Souvenirs und und und. Mein Zelt ist in Gonzales geblieben, die geborstenen Radschuhe wandern in den Müllcontainer, mit einigen anderen, auf der langen Reise beschädigten Sachen.

Abends noch rasch ins Oceana für einen von Rolita empfohlenen Bread Pudding, einer in Karamelsauce servierten Süßspeise, mit einem Shrimp Poboy – klingt unanständig, ist allerdings ein anständiges Sandwich mit Shrimps, Salat und als Beilage Pommes Frittes – als Zwischenspeise. Dann noch zwei Margaritas in zwei Lokalen, die Preise nahezu ident, die Qualität völlig unterschiedlich, der erste verwässert, der zweite stark alkoholhaltig.

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28./29.11.2013, Rückflug

Das von Rolita organisierte Großtaxi ist ein Kleinbus, der Fahrer ein origineller Farbiger, Miteigentümer zweier Boote, eines für Hochseefischen. Wollte sich nicht mit der „alten“ Farbigen an der Rezeption unterhalten, yes boy, hat daher vor dem Hoteleingang auf mich gewartet. Selbstverständlich kennt er Austria, Schwarzenegger, Terminator, got a lot of awards. Sound of music? Womenstuff! Überrascht bin ich allerdings, als er Bach und Beethoven, Mozart und Vivaldi erwähnt. Jeder Amerikaner kennt Wien als Kulturzentrum, nun, schön wär’s!

Die Interstate 10 zum Internationalen Flughafen von New Orleans ist fast autoleer, denn heute ist Thanksgiving, somit Feiertag. Fünf gekennzeichnete Eingänge zur langgezogenen Abfertigungshalle, für Air Canada und die amerikanischen Gesellschaften AA, Delta, Southwest, United, und andere. Air Berlin? Kennt man hier nicht. Das Flughafenpersonal ist behilflich. Zur angebenen Zeit fliegt nur American Airlines zum Hub Chicago. Nur wenige Meter schleppe ich mein Gepäck zu angegebenen, hunderte Meter entfernten Schalter von AA, dann naht Hilfe in Form eines jungen Uniformierten. Ja, ich fliege mit AA zum Umsteigepunkt Chicago, doch es ist ein kleines Flugzeug, muss noch geklärt werden, ob genügend Platz für mein Fahrrad vorhanden ist. Gegen Zahlung von 175 Dollar darf mein Fahrrad doch mit.

Es ist tatsächlich kein großes Flugzeug der Gesellschaft American Eagle, das mit mehr als halbstündiger Verspätung nach Chicago abhebt, dort eine Runde über der Stadt und der von Hochhäusern gesäumten Wasserfront dreht. Über den Anschlussflug nach Berlin hätte ich mir keine Gedanken machen müssen. Zur angegebenen Boardingzeit fehlt nur das Flugzeug, das mit erheblicher Verspätung aus Deutschland eintrifft. Das Beladen des großen Vogels ist kabarettreif, das amerikanische Bodenpersonal mit der steilen Rampe überfordert. Erst rutschen beim Aufstieg die Arbeiter mehrmals (unfreiwillig) die Rampe runter, dann sind es die Gepäcksstücke. Auch für das Umladen der Großcontainer auf die Hubladerampe benötigt der Fahrer fünf Anfahrten. Alles kein Problem, nun hebt das Flugzeug mit neunzigminütiger Verspätung ab. Und landet, getrieben von einer starken Westströmung bei angezeigten Außentemperaturen bis minus 62ºC, sogar wenige Minuten vor der geplanten Ankunftszeit in Berlin. So leicht geht das!

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