Kanada 2013

Take care!

Die Basisdaten zu Kanada liefert Wikipedia:Wiki_Kananda

Wiki_Kananda2Schöne Ahornblattfahne, nette Bilder, riesiges Land.

Nichts gegen die Engländer, aber wozu benötigt der parlamentarisch-demokratische Bundesstaat Kanada eine im fernen England residierende Monarchin, die ohnehin nichts zu bestimmen hat?

Zweitgrößter Staat der Erde, das ist schon beeindruckender. Mit einer großen Kleinstadt (Ottawa) als Hauptstadt, lediglich viertgrößte Stadt des Landes, klingt nach Kompromiss.

35 Mio. Einwohner, weniger als im flächenmäßig viel kleineren Italien. Fast ein Drittel lebt im Großraum Toronto, der überwiegende Rest in einigen anderen Städten. Ein extrem dünn besiedeltes Land, reich an Rohstoffen. Dennoch liegt das BIP pro Einwohner nur auf österreichischem Niveau.

Gut, die Basisdaten sind interessant, doch ich bin hier zum Radfahren. Einen Loop durch das mittlere Kanada, mit Niagara Fällen, Toronto und Montreal, dann hinein in die Vereinigten Staaten.

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Thank you for stopping and talking to me

19.09.2013, Toronto, Days Inn Motel, Tkm 16, Gkm 8.494

Flug 235 mit der kanadischen Fluglinie Air Transat von Dublin nach Toronto verläuft ruhig und ereignislos. Anhand einer F&B Straßenkarte versuche ich meine Reiseroute in Nordamerika festzulegen. Fixpunkte sollen Niagarafälle, Montreal, New YorkCity, Washington D.C. und Allegheny Passage sein. Dann weiter nach Miami oder New Orleans, 4.000 oder doch 5.000 km in etwa 50 Tagen? Mal sehen, wie sich das Wetter entwickelt, vorerst fahre ich von Toronto westwärts zu den Niagara Wasserfällen.

Mein beleibter Sitznachbar, Kanadier, vor seinem Ruhestand im Marketingbereich tätig, gibt mir eine kurze Einführung in das Whiskeygeschäft. Jameson ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr in irischem Besitz, was bei der Führung durch die Jameson-Destillery in Dublin nicht erwähnt wurde. Die Whiskeyproduktion sei ziemlich krisensicher, aber derzeit bringt das sich ausbreitende Boutique-Geschäft, also die Zunahme lokaler Destillerien, die Branchenriesen unter Druck.

Zwischenlandung in Montreal, die meisten Passagiere verlassen das Flugzeug. Längere Zeit ist ungewiss, ob die nach Toronto weiterfliegenden Passagiere in ein anderes Flugzeug umsteigen müssen. Sie müssen. Hinterausgang benützen, in den Transportbus einsteigen, warten, dann fährt der Bus 10 Meter, wieder warten, dann fährt er doch weiter, etwa 100 Meter, umsteigen ins daneben stehende Flugzeug. Wir benötigen für etwa 50 Meter Luftlinie fast eine Stunde, viel Zeit für eine kurze Strecke.

Der Himmel über Montreal ist klar und wolkenlos, in Toronto zeigen sich bei diesigem Wetter einige Wolken. Am Großgepäckschalter wartet im Toronter Flughafen bereits das Fahrrad, will nur aufgepumpt werden, am Förderband rotiert mein Riesengepäckpaket.

Vom Flugzeug aus ist der dicht verbaute Großraum Toronto gut zu erkennen, hier lebt nahezu ein Drittel der Gesamtbevölkerung Kanadas. Noch bin ich nicht vorbereitet auf Radfahren in nordamerikanischen Großstädten. Vorerst will ich verkehrsärmere Strecken fahren, um mich an die landestypischen Eigenheiten zu gewöhnen. Ich will Toronto hinter mir lassen, nach Westen in übersichtlicheres Gelände radeln, dort ein billiges Motel zum Übernachten suchen. Ist allerdings nicht so einfach mit den zahlreichen Highways und dem unendlich weit verbauten Gebiet. Ich umradle fast das gesamte Flughafengelände, bis ich Leute treffe, die mich mit brauchbaren Informationen versorgen.

Zu allererst warnt mich ein Radrennfahrer: „Beware of the heavy traffic“, „viele Fahrzeuge sind heute unterwegs, es ist sehr gefährlich, die Vorortstraßen sind sehr schmal“! Was soll ich dazu sagen? Gemessen an europäischen Verhältnissen sind die Straßen breit und das Verkehrsaufkommen mäßig. Nur ein Quartier ist in den weitläufigen Vororten schwer zu finden, zu ausgedehnt sind die Siedlungsgebiete.

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20.09.2013, Burlington, Ascot Motel, Tkm 50, Gkm 8.544

Weites Land, wuchernde Städte, überbreite Straßen, mäßiger Verkehr. Ich fahre Richtung Süden, zum Waterfront Trail am Ontoriosee mit den Niagarafällen als erstes Ziel.

Einer Schautafel bei Old Oakville entnehme ich Einzelheiten zum Waterfront Trail, „Along the Canadian Shores of Lake Ontario“, Distanz Quebec – Niagara etwa 675 km, meist in Seenähe oder am Seeufer, weiter im Westen entlang dem St. Lawrence-River. Die Badestrände und Marinas werde ich wohl nicht nützen, besuchenswerte Stätten sind Kingston am Ostufer und Niagara am Westufer des etwa 200 km langen Sees. Und hier der erste gravierende Unterschied zur benachbarten USA: Die Kanadier verwenden das metrische System. Entfernungen also in Kilometer, nicht in Meilen; Gewichte in Kilogramm, nicht in Pfund.

In Port Credit ein mit Graugänsen überfüllter Fußballplatz. Am Freitagvormittag haben die Gänse keine Konkurrenz durch lästige Sportler. Der in Europa so beliebte Fußball fristet in Kanada ohnehin ein Schattendasein. Das Seeufer ist stark verbaut und nur an wenigen Stellen führt der Trail direkt am Ufer entlang. Auch hier machen Enten und Gänse auf sich aufmerksam, mit viel Kot auf Wegen und Grünflächen.

Meist halte ich mich an die Lakeside Road, die dem See nächstgelegene Straße, erhalte ungefragt Ratschläge von Einheimischen, die auf Gefahrenstellen hinweisen. Sorgen macht mir eine für den Nachmittag angekündigte Regenfront, die allerdings erst am späten Abend mit heftigen Schauern eintrifft.

Den Großteil des Nachmittags verbringe ich in Burlingtons ausgedehntem Touristeninformationszentrum. Eine Weile unterhalte ich mit John, radsportbegeisterter Uni-Lehr(beauftragt)er, mit seiner Ehegattin im Clinch, wird sich eher von ihr als von seinem Fahrrad trennen, will genau wie ich die Welt umradeln. Später gesellt sich Eleonore zu mir. Ebenfalls radsportbegeistert, organisiert Charity-Rennen, setzt sich vehement für die Verbesserung des Radwegnetzes in Ontario ein, hat es eilig wegen eines Termins beim örtlichen Bürgermeister. Und Burlington ist immerhin eine Stadt mit 173.000 Einwohnern. Eleonore reicht mich weiter an die Mitarbeiterinnen des Infobüros, die für mich ein Quartier besorgen.

Um 19,30 Uhr ein Konzert im Burlington Performance Arts Center mit einem eher schwachen Kendall Mitchel und der Folkrockgöre Terra Lightfoot mit Band, kräftige Stimme, gute Performance. Von der Statur alles andere als light, wird sie als eine der talentiertesten Jungmusikerinnen Kanadas gehandelt und ist bereits bei mehreren Großveranstaltungen aufgetreten.

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21.09.2013, Burlington, Ascot Motel

Es regnet bis 17 Uhr und ich bleibe im Motel. Wozu nass werden, wenn so viele Dinge zu erledigen sind?

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22.09.2013, Niagara Botanical Gardens, Bushcamp, Tkm 103, Gkm 8.647

An einem kühlen Morgen bei aufgelockerter Bewölkung auf dem Weg zu den Niagarafällen. Habe die Hebebrücke bei Hamilton passiert und bin wieder auf dem Waterfront Trail. In Stadtnähe ist der Trail breit und asphaltiert, mit vielen Fußgängern, Radfahrern, Läufern und Skatern. Bei jedem Halt werde ich von Leuten angesprochen, da gibts kein Weiterfahren ohne ein kurzes Gespräch.

Der Trail folgt zuerst dem Westufer, dann dem Südufer des Ontariosees, immer in Seenähe, ganz selten direkt am Ufer, manchmal am Seitenstreifen der Lakeshore Rd., daneben die vielspurige Autobahn Niagara – Toronto. Ich bin mitten in Ontarios Weinbaugebiet, daneben große Apfel- und Nektarinenplantagen. Vor St. Catharines ein riesiges Glashaus, 400 mal 150 m, also 6,75 ha. Der Zugang ist am Sonntagnachmittag geschlossen, doch weil ich neugierig bin, frage ich einen benachbarten Farmer: Ein holländisches Konsortium sei Eigentümer dieses Gewächshausungetüms, gepflanzt werden Paprika und Pfefferoni.

Historical Town Niagara-on-the-Lake ist von Touristen überlaufen, nett anzuschauen, mit einigen im Stil des 19. Jahrhunderts erhaltenen Gebäuden, die hinter bzw. unter uralten Bäumen verschwinden. Wenig los ist hingegen in dem am Stadtrand gelegenen Fort Henry, wobei ich mich frage, was die drei Meter hohen Pallisaden eigentlich abwehren.

Am Ortsende von Niagara-on-the-Lake geht der Waterfront Trail in den viel spektakuläreren Niagara Recreation Area Trail über. 56 km führt er entlang dem Niagara River flußaufwärts nach Niagara Falls. Zuerst entlang dem ruhig dahinströmenden Fluß, dann durch Hügel. Südlich von Queenston, mit einer in die USA führenden Brücke, verläuft der Trail hoch über dem Canyon, durch den der Niagarafluß rauscht.

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23.09.2013, Niagara Falls, Olympia Motel, Tkm 16, Gkm 8.663

Einen schöneren Zeltplatz hätte ich mir kaum aussuchen können als die gepflegte Anlage der Niagara Botanical Gardens über den steil zum Niagara River abfallenden Klippen. Spektakulär die Schleife des Niagara Rivers in dem engen Canyon mit einer darüber hinweg führenden Seilbahn. Es ist der „Whirlpool“, wie ich später herausfinde.

Nicht weiter verwunderlich, dass der Niagara River Recreation Trail außergewöhnlich ist, wurde er doch auf der aufgelassenen Bahnlinie der Niagara Falls Park and River Railway errichtet. Zwischen 1892 und 1932, vor dem Bau der jetzt hier vorbei führenden Straße, beförderte die Bahn unzählige Passagiere von den Docks in Queenston zum Queen Victoria Park, heute ein Ortsteil von Niagara Falls

Die Stadt Niagara Falls und die Wasserfälle sind noch nicht zu sehen, doch der unüberhörbare Lärm der Hubschrauber auf Rundflügen weist die Richtung. Einige Kilometer nördlich der Stadt liegt der Landeplatz eines (von mehreren) Sightseeingveranstalters/n, ab 9 Uhr starten die Helikopter im 3-Minuten-Takt. CAN$ 132,00 für einen zehnminütigen Flug über die Wasserfälle, da sehe ich mir die Sache erst einmal von der Straße an.

Mir war gar nicht bewußt, dass ich in unmittelbarer Stadtnähe kampierte. Das Super8 Motel hat den Zimmerpreis saisonbedingt bereits auf 49,00 Dollar gesenkt, mit der Nähe zum Stadtzentrum nimmt auch die Zahl der B&B zu. Vorbei an der Whirlpool Bridge folge ich dem Niagara Parkway bis zur Rainbow Bridge, beide Brücken führen über den Niagara River in das US-amerikanische Niagara Falls. Das Rauschen der Wasserfälle ist unüberhörbar, den American Falls folgen die mächtigen „Canadian Falls“. In hoher Höhe die Hubschrauber mit dem zahlungskräftigeren Touristen, im tiefen Canyon die mit blauen Schutzanzügen gekleideten Touristen auf großen Ausflugsbooten, die sich den herabstürzenden Wassermassen nähern. Auf der langen Promenade von der Rainbow Bridge zum (kanadischen) Wasserfall unzählige Touristen, viele Asiaten, einige im Laufschritt, um den Anschluss an ihre geführte Gruppe nicht zu verlieren. Im Hintergrund die Hochhäuser der großen Hotelketten, Mariott, Sheraton, wie immer sie heißen.

Im Abendlicht besonders spektakulär der bunte Regenbogen über dem in die Tiefe stürzenden Wasser. Eine riesige Gischtfontäne steigt hunderte Meter in die Höhe. Zu den naturgegebenen Sehenswürdigkeiten schuf der Mensch weitere Attraktionen, um den Besuchern das locker sitzende Geld aus der Tasche zu ziehen. Clifton Hill, mit Spielcasinsos, Museen, Kinos, Fresstempeln, Riesenrad, Dinosaurier-Minigolfplatz, Maxi-Spielhöllen für die Kleinen, Frankenstein-Gruselhaus, um nur einige zu erwähnen. Ich besuche die Wasserfälle am Vormittag und am späteren Nachmittag, sehe mir die menschengeschaffenen Attraktionen an, und komme zu dem Schluss, dass für lange Zeit doch die Wasserfälle die Hauptattraktion von Niagara Falls bleiben werden.

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24.09.2013, Rock Point Regional Park, Camp, Tkm 101, Gkm 8.774

Ich bin nach wie vor auf dem Niagara River Recreation Trail unterwegs, die Stadt Niagara Falls liegt hinter mir, mit der von den Wasserfällen aufsteigenden riesigen Gischtwolke, die sich in Stadtnähe ausregnet. Über der amerikanische Stadt Niagara Falls jenseits des Niagara Flusses, hier bereits ein breiter See, steigen ebenfalls weiße Wolken auf, Dampf aus Fabriken. Auf Höhe von Niagara Parkway13313, dem Anwesen der Missionaries of the Precious Blood, unterhalte ich mich kurz mit einer Dame in meinem Alter, auch sie ist früher häufig Rad gefahren. Sie bedankt sich mit den Worten „thank you for stopping and talking to me“. Was für eine ladylike Geste!

Das Gebiet entlang dem Niagara River zwischen Lake Ontorio und Lake Erie steht quasi unter Naturschutz. Autofahrer benützen die wenig befahrene Straße, den Niagara Parkway. Fußgängern und Radfahrern ist der asphaltierte Recreation Trail vorbehalten. Aus kleinen Anfängen gewachsen, umfasst das Parkgebiet jetzt etwa 1.600 ha und wird, laut Schautafeln, ohne staatliche Subventionen erhalten. Nachahmenswert, wenn dem so ist, besonders angesichts der gepflegten Ufer- und sonstigen Freiflächen.

Fort Erie spielte 200 Jahre lang eine wichtige Rolle in den Beziehungen zwischen Kanada und den USA. Zur Zeiten der Sklaverei gelangten viele Schwarze auf geheimen Routen zuerst nach Buffalo im Unionstaat New York State und mit Fähren nach Fort Erie in Kanada. Erst hier waren sie vor weiteren Verfolgungen geschützt. Heute trägt im Personenverkehr die Peace Bridge ähnlich viel Verantwortung, aber mit den Sattelschleppern auch wesentlich mehr Tonnage.

Old Fort Erie, „Canadas bloodiest Battlefield“, mag für das Nationalbewußtsein der Kanadier wichtig sein. Für den Kenner von Befestigungsanlagen und Burgen sind allerdings die Wälle und Schießscharten von Fort Erie nicht das Gelbe vom Ei. Es mag ja wichtig sein, dass die Amerikaner das Fort im globalen Krieg von 1812 bis 1814 erobert, die Briten die Amerikaner vertrieben und das zerstörte Fort teilweise wieder aufgebaut haben. Von weltbewegender Bedeutung waren diese Scharmützel nicht, wenngleich die herumstehenden Kanonen und die im Wind wehenden Fahnen nett anzusehen sind.

Der NRRT geht über in den Friendship Trail, der schnurgerade westwärts auf einem Damm meist durch Sümpfe in das 27 km entfernte Port Colborne führt. Am Welland Canal warten bereits einige Fahrzeuge an der Brücke nach Downtown Colborne, erstmals sehe ich eine Fahrbahn in schwindelerregender Höhe, das Tankschiff „Weser“ unter der Flagge Monrovias fährt unter der Hebebrücke vom Eriesee kommend in den Welland Canal ein. Selbst die Graugänse scheinen sich für das Manöver zu interessieren, stehen in Reih und Glied am Kanal.

Nach Port Colborne einige Hügel, ab Long Beach ist die Strecke wieder flach. Das Land liegt nur unwesentlich höher als der Wasserspiegel des riesigen Eriesees, ausgedehnte Feuchtgebiete, weite Schilfgürtel, von den wenigen landwirtschaftlich genutzten Flächen stehen mehrere Bohnenfelder unter Wasser.

Fahre auf der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz geradeaus nach Westen, geblendet von der tiefstehenden Sonne. Dann ein Hinweisschild auf Rock Point Regional Park, ein Naturschutzgebiet, nicht wichtig genug, um als Nationalpark eingestuft zu werden. Das Registration Office ist bereits geschlossen. Was ich registriere, ist der mit $ 38,00 ziemlich hohe Preis für einen Stellplatz für mein kleines Zelt. Noch dazu ohne Duschmöglichkeiten. Aber wie kann ich zahlen, wenn ich früh aufstehe und weiterfahre, bevor das Registration Office öffnet?

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25.09.2013, Simcoe, Buschcamp, Tkm 104, Gkm 8.878

Außer mir sind nur einige Hirsche unterwegs, als ich frühmorgens aufbreche. Nebel bedeckt die feuchten Niederungen, es ist empfindlich kalt, noch dazu lande ich in einer Sackgasse, am Kanal von Port Maitland. „Only 10 km off the road“, wie ein freundlicher Einheimischer erklärt. Also zurück zur Hauptstraße, in der morgendlichen Kälte nach Dunnville, im urigen Flyers Cafe eingekehrt, zu einem kräftigenden Frühstück, um meine klammen Finger an einer heißen Kaffeetasse zu wärmen.

Noch habe ich mich für keine bestimmte Route entschieden, vorläufig fahre ich mit dem Wind. Leamington im äußersten Süden Kanadas oder Windsor am Detroid River, gegenüber der dahinsiechenden amerikanischen Autobauerstadt? Von dort mit einem Bus zurück nach Toronto, um dort am Waterfront Trail weiterzuradeln? Transportieren kanadische Busse überhaupt Fahrräder? (Ja, aber das erfahre ich erst später.) In einem großen Bogen nach Toronto radeln? Die Entfernungen sind so riesig wie das Land weit ist. Ich fahre die Route 3 nach Nordwest bis Cayuga, die Route 6 nach Port Dover am Eriesee, durch nunmehr höher gelegenes Gebiet.

In Jarvis treffe ich Fred MacDowell, auf dem Weg von der West- zur Ostküste Amerikas. Vor vier Tagen verließ er Michigan in den USA und folgte im Wesentlichen den Hauptstraßen nach Osten. Ich will mich jedoch von den Durchzugsstraßen fernhalten, fahre die Straße 6 bis Port Dover, jetzt kommt allerdings der Wind aus Süden. Mit ein Grund, dem Lynn Valley Trail auf der aufgelassenen Bahnlinie nach Norden zu folgen. Um über Cambridge und Kitchener nach Toronto zu gelangen.

Der Trail ist eine willkommene Abwechslung zu den asphaltierten Straßen. Einige Wanderer in Stadtnähe, einzelne Radfahrer, ein dem Grand River folgender, leicht ansteigender Radweg, gesäumt von Busch- und Baumgruppen, lediglich der Anschluss an den Waterfront Heritage Trail in Simcoe ist schlecht ausgeschildert.

Hinweisschilder machen den Fremden mit den Benimmregeln auf dem Radweg vertraut. Nun weiss ich, was erlaubt und was verboten ist. Angeleinte Hunde spazieren führen ist erlaubt, Reiten und Kampieren sind untersagt. Nördlich von Simcoe überrascht mich auf offener Strecke die Dunkelheit. Benimmregeln hin oder her, ich habe keine Wahl: Ich stelle mein Zelt auf einer niedergefahrenen Grasfläche zwischen dem Radweg und einem Teich auf. Unvorstellbar feucht ist die Nacht, die Feuchtigkeit ist durchdringend, jetzt verwende ich die Rettungsfolie nicht als Unterlage, sondern als Überdecke.

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26.09.2013, Cambridge, Super 8 Motel, Tkm 78, Gkm 8.956

Der Besitzer der nächstgelegenen Farm führt seinen Hund spazieren. Selbstverständlich darf ich auf seinem Grund kampieren. Und entschuldigt sich, dass er das Grundstück nicht gemäht hat.

Ein strahlendblauer Herbsttag, die Temperatur steigt am Nachmittag auf 24ºC. Doch am Vormittag ist es kühl, ich ziehe mir die gestern gekauften Handschuhe an, während lokale Radfahrer schon in kurzen Hosen unterwegs sind. Beidseits des Radwegs wird Tabak angebaut, noch sind viele Farmer trotz erheblicher staatlicher Subventionen nicht auf alternativen Anbau umgestiegen.

Die Gegend wird hügeliger, die Landschaft farbenprächtiger, erste Herbstfröste haben die Blätter der Laubbäume und Büsche bunt gefärbt. Ich versuche mich am Zeitauslöser meiner Kamera, um endlich einige Fotos mit mir und Rad zu schießen. Als es mit der Selbstauslösung wieder nicht klappt, erledigen zwei vorbei kommende Einheimische das Fotografieren. Und geben mir eine Gratislektion in Lokalgeschichte. Wie es war, als Amerikaner in Waterford die Mühle niederbrannten und den Besitzer beinahe hängten. Wie die Kanadier im Gegenzug die amerikanische Hauptstadt Washington niederbrannten, worauf die Amerikaner die kanadische Hauptstadt in Brand setzen. Was mich in meiner festgefahrenen Meinung bestärkt, dass die Schlachten bei Niagara doch nicht von weltbewegender Bedeutung waren.

Bei Brandfort ist nicht nur der Anschluss an den Cambridge Trail schwer zu finden, sondern auch die hinter Hügeln versteckte Stadt. Somit besuche ich nur ein am Trailende gelegenes Einkaufszentrum, finde auch den Weg nach Norden. Viele Schautafeln zur lokalen Fauna und Flora, zu dem von einer Kloake zu einem wieder fließenden Gewässer mutierten Grand River, zur Geologie der Umgebung mit den vielen Schotterabbauflächen. Muss deshalb der Radweg zum höchsten Punkt der Sandhaufen geführt werden?

Die einzelnen Trails sind Teil des gesamtkanadischen Radwegnetzes, der sich vom Pazifik zum Atlantik erstreckenden Transcanada Trails. Im Jahr 2010 waren 15.500 km von insgesamt geplanten 22.000 km fertiggestellt. Da werden sich die jährlich etwa 150.000 Benützer der Trails auf einzelnen Strecken manchmal ziemlich einsam fühlen.

Cambridge, im 3-Städte-Konglomerat Cambridge-Kitchener-Preston, bietet als Sehenswürdigkeit ein Kirchenviertel am südlichen Flussufer und als Alltäglichkeit ein ausgedehntes Strassennetz mit zahlreichen Fastfoodanbietern. Weil die Akkus meiner mobilen Geräte leer sind und Emails abgefragt werden wollen, beziehe ich Quartier beim Motelgiganten Super 8.

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27.09.2013, Toronto, privat bei Elley Ho, Tkm 132, Gkm 9.088

Dichter Nebel bedeckt das Land und es dauert eine Weile, bis die Sonne Oberhand gewinnt. So fahre ich mit beschlagenen Brillen Richtung (Nord)Osten und bleibe auf Nebenstraßen. Auf Concession 2 und Darkwood Rd., das Straßennetz zieht sich wie ein Raster über das Land, meist asphaltiert, teils gut befahrbarer Schotter. Lange Zeit kaum Verkehr, die Gegend meist hügelig, sumpfig und kaum besiedelt, schnurgerade führt die gewählte Route durch herbstlich bunte Laubwälder.

Erst nach 15 Uhr erreiche ich bei Halton die erste Siedlung, die diese Bezeichnung verdient. Zuvor passiere ich nur einzelstehende Häuser bzw. Farmen. Über mir Flugzeuge, die Kurs auf Toronto Airport nehmen. Jetzt weiß ich zumindest, wo Toronto Airport liegen könnte, aber von Halton führt nur Motorway 401 Richtung Toronto, und die Autobahn sollte ein Radfahrer wohl nicht benützen. So fahre ich im Zickzackkurs, an der ersten Kreuzung nach Süden, an der nächsten nach Osten, an der nächsten nach Süden,…., dahin, wo ich Toronto Zentrum vermute. Denn der Großraum Toronto ist derart unübersichtlich, dass selbst Einheimische Probleme haben, mir den Weg nach Downtown Toronto zu erklären. „Take the Subway“, „It is too far“,“I can not see Toronto Tower“, lauten die Auskünfte, und TT ist eine Landmarke, an der man sich orientiert.

Ich fahre geradeaus, die Burnhampton Rd. ostwärts. Aus zwei Fahrspuren werden vier, dann sechs. Schon wähne ich mich im Stadtzentrum Torontos, als ich mich den beiden geschwungen bauchigen Hochhäusern nähere, doch das ist erst Mississauga, eine Schwesternstadt Torontos.

Ich radle und radle und kann kein Stadtzentrum erkennen. Stationen der U-Bahn, Vororte, Einkaufszentren, Wohnsiedlungen, ein Chinesenviertel. Frage nach Hostels, man verweist mich in ein anderes Stadtviertel. In Gerrard Street soll es Hostels geben, vielleicht in Church Street, nein, ganz falsch, in Kensington Market seien mehrere Hostels angesiedelt. Es ist bereits dunkel, ich frage weiter, Dundas Street hinauf und Spadina hinunter. Ich frage einen am Straßenrand sitzenden Typen. Kensington sei richtig, ob ich Dope kaufen will? Endlich finde ich Kensington Market, zentrale Chinatown und Künstlerviertel, um die Ecke soll es zwei Hostels geben. Und während zwei junge Paare den Weg zu den Hostels beschreiben, taucht Elley Ho auf, sie könne mich dorthin begleiten oder ich könnte im Hinterhof ihres Hauses campieren. Elley, geboren in Hongkong, seit 42 Jahren in Kanada, ist eine Radfanatikerin. Rennräder von Freunden zur Reparatur auf der Veranda, zwei eigene Rennräder im hinteren Teil ihrer Küche, der Hinterhof ihres Hauses mit Fahrrädern verstellt, also beziehe ich Quartier im Wohnzimmer. Und weil es derart praktisch ist, umsorgt und verköstigt zu werden und gleichzeitig fast im Stadtzentrum zu wohnen, bleibe ich einen weiteren Tag in Kanadas größter Stadt.

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28.09.2013, Toronto, bei Elley Ho

Elley führt in Abwesenheit ihres Bruders, der in China weilt, den Gemischtwarenladen der Familie in der Spadina Street. Während ich noch schlafe, macht sie im naheliegenden Park ihre Tai-Chi Übungen und holt die Tageszeitung. Und während sie vormittags den Laden überwacht, nachmittags ihre 18 Monate junge Nichte April beaufsichtigt und abends ein Schlemmermenü kocht, wandere ich vom Touristenbüro ins Finanzzentrum, dann zum Rogers Center, wo gerade ein Baseballspiel angepfiffen wird, vorbei am Toronto Tower, dessen Spitze in den schnell dahinziehenden Wolken verschwindet, zurück nach Kensington Market. Am späteren Nachmittag eine ähnliche Route, um zumindest einige Fotos von Toronto am Abend zu schießen.

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29.09.2013, Newcastle Port, Buschcamp, Tkm 105, Gkm 9.193

Fahre in Toronto direkt nach Osten, zuerst College Street, dann durch die zahlreichen Vororte, auf drei-, später zweispurigen Straßen. Wenig Verkehr am Sonntagmorgen, leichter Rückenwind, der im Tagesverlauf auf Gegenwind dreht. Erst als die Baustellen zunehmen und die Fahrbahn gefährlich eng wird, fahre ich seewärts auf der Suche nach dem Waterfront Trail

Auf einem kurzen Teilstück des Trails eine Demonstration für eine bessere Krebshilfe mit Transparenten und Postern, gut besucht einzelne kleine Naturschutzgebiete. Weiter westlich bei Darlington eine Informationsstelle der Power of Ontario, „safe energy, clean air“, das Gelände abgesichert, offensichtlich ein Atomkraftwerk. Anschließend ein zur Zementgewinnung ausgebeutetes Areal, wild wucherndes Kleingebüsch und Unkraut. Wo Sand, Schotter, Kalkstein oder Öl gewonnen wird, bleibt eine verwüstete Landschaft zurück. Transparente gegen mehr Windräder oder Megakraftwerke zeugen vom wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen Großprojekte, doch die wenigen Erfolge der Protestierer verlieren sich in der Weite des Landes.

Die Entfernungen zwischen den einzelnen Siedlungen werden größer, auf dem Trail sind nur noch wenige Radfahrer unterwegs. Larry Shepppard wechselt mit seinem Rennrad auf meine Straßenseite, er kehrt zurück von einer Tagestour nach Prince Edward County und versorgt mich mit Informationen zur weiteren Strecke.

Es ist nahezu dunkel, als ich nach Newcastle gelange. Kein Fastfoodladen, welche Enttäuschung! Dafür drei Supermärkte, die auch an Sonntagen bis spät abends offen halten. Jetzt gilt es, einen geeigneten Zeltplatz zu finden. In Port Newcastle fackle ich nicht lange, unweit der Marina im öffentlichen Park schlage ich am Ufer des Ontariosees mein Zelt auf. Und mache mich in der Dunkelheit auf die Suche nach Holz, um am Seeufer ein Feuer zu entfachen und die zuvor im Supermarkt gekauften Würste zu grillen.

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30.09.2013, Brighton, Presquile Beach Motel, Tkm 94, Gkm 9.287

Ich folge dem Waterfront Trail, meist gut beschildert, nicht immer ausschließlich ein Rad- und Wanderweg. Manchmal ist der Trail der asphaltierte Seitenstreifen der Hauptstraße, wie mehrfach zwischen Port Hope und Brighton. Manchmal sind es kaum befahrene Nebenstraßen, wie zwischen Newcastle und Port Hope. Nur selten führt der Trail direkt zum See oder am See entlang, häufig verläuft er durch Felder und Wäldchen, Sümpfe und Gebüsch, durch mehr oder minder stark verbautes Gebiet.

30 km sind es von Newcastle nach Port Hope, die ich mit leerem Magen vor dem Frühstück radle, kein einziger Laden, nicht einmal eine Tankstelle, in Kanada meist mit einen Schnellimbiss gekoppelt. Im benachbarten Cobourg treffe ich zwei Leute, denen ich heute bereits über den Weg gelaufen bin. Der eine hat mich beim Zeltabbau in Port Newcastle beobachtet, mit dem zweiten habe ich in Port Hope gesprochen.

Die Landschaft ist hügelig, die Wolken nehmen im Tagesverlauf ab, mit etwa 24ºC ist es für die Jahreszeit ungewöhnlich warm. Gerne würde ich Brighton durchradeln und irgendwo am Ontario See campieren, doch die Akkus meiner elektrischen Geräte rufen nach Energie aus der Steckdose. Das YMCA Brighton konzentriert sich auf Fitnesskurse und Weiterbildung, die einst praktizierte Gästebeherbergung ist längst eingestellt. Ich muss also zurück, zum Presquile Beach Motel, der Hof halb voll mit zu reparierendem bzw. zu servicierendem Gerät, von einem Strand keine Spur.

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01.10.2013, Bath, Buschcamp, Tkm 102, Gkm 9.389

Vormittags wolkenlos, leichter Westwind, Temperatur mit etwa 17ºC angenehm, mittags einige vom Westen herein ziehende Wolken.

Ist Prince Edward County tatsächlich eine Insel oder wurde Murray Canal lediglich errichtet, um PEC den Status einer Insel zu verschaffen? Von einigen kanadischen Radfahrern empfohlen, fahre ich von Brighton Richtung Südosten auf die im Ontario See gelegene Quasi-Insel. Breite Hauptstraße, wenig Verkehr, hier ist Radfahren stressfrei. Mehrere Trails durchziehen die Insel, ich teste den Milleniumstrail bei Hillier: Durch eine herbstlich bunte Sumpflandschaft, auf einer aufgelassenen Bahntrasse, der Einstieg nicht beschildert, nach wenigen Metern unfahrbar, der Belag grober Schotter und lose Steine, ist dieser Wanderweg nicht zum Radfahren gebaut.

Zurück auf der Hauptstraße finde ich nicht das, was die Prospekte hochtrabend versprechen: Einzigartigkeit. Bis Wellington sehe ich im Kleinen, was ich in den letzten zehn Tagen in anderen ländlichen Gebieten Kanadas im Großen gesehen habe: Farmen, Weingärten, Bohnenfelder, verbaute Strände.

Glenora Ferry bringt mich zurück auf das Festland, wenngleich dieses hier eine Halbinsel ist. Ich stocke meine Vorräte in Conway auf, fahre hinein in die einsetzende Dämmerung. Doch geeignete Plätze zum Campieren sind rar, links Getreidefelder oder Weiden, rechts ein steil zum See bzw. Flussufer abfallendes Gelände.

Zwei hohe Türme, dazwischen ein hohes langgestrecktes Gebäude, goldfarben die Fassade, strahlend in Schein der untergehenden Sonne, Eigentümer Ontario Energie. Unvorstellbar, dass diese Anlage kein Atomkraftwerk ist. Die nähere Umgebung ist unbesiedelt, eine mit einem Schranken abgesperrte und gemähte, von der Straße nicht einsehbare Bucht ideal zum Campieren. Ich versuche die vom Kraftwerk möglicherweise ausgehende Strahlung zu vergessen, stelle das Zelt auf und sammle Feuerholz für das Lagerfeuer.

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02.10.2013, Mallorytown Landing, Buschcamp, Tkm 102, Gkm 9.491

Der nächtliche Wind hat die vom See hereinziehende Feuchtigkeit nur teilweise vertrieben, der Morgen ist angenehm warm und strahlend schön. Habe mir in unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerkes auch nichts Anderes erwartet, viel Strahlung und ein wenig Wärme.

Bath wirkt wie ausgestorben, vielleicht ist es die Nachbarschaft zum AKW, die keine Menschenmassen anzieht. Einen Kaffee gibts in Millhaven, dazu den Ratschlag des Cafetiers, wegen des exzellenten Radwegnetzes doch über die kanadische Hauptstadt Ottawa nach Montreal zu fahren.

Kingston mit 114.000 Einwohnern, erste Hauptstadt Kanadas, überzeugt erst auf dem zweiten Blick. Vorerst nur weit verstreute Vororte und kein Hinweis auf ein Zentrum, was soll ich dem Portraitmaler vor dem Gefängnis in Portsmouth antworten auf seine Frage, ob mir Kingston gefällt? Seine mit „I did time at Kingston Pententiary“ beschrifteten T-Shirt sind ausverkauft, 40 Stück habe er verkauft, erzählt er der Reporterin vom lokalen Radiosender. Glaubhaft versichert er, selbst keine Zeit in Kingston Jail abgesessen zu haben. In der Ferne höre ich ein kanadische Lokomotive „the whistle blowing“, klingt sehr nach Jonny Cash und Folsom Prison. Auf sein riesiges Gefängnis braucht Kingston nicht stolz zu sein. Die Reihe der am Eingangstor wartenden mutmaßlichen Besucher ist bereits sehr lang und wird durch die Neuankömmlinge immer länger.

Das Stadtzentrum entschädigt für den ersten enttäuschenden Eindruck. Altes Regierungsgebäude, ein großer Hauptplatz, einige Einkaufsstraßen, eine Polizistin auf Pferd, Mittagessen in einem vietnamesischen Restaurant. Mein Tischnachbar empfiehlt, auf der Straße 2 und dem Waterfront Trail zu bleiben, der sei so wunderschön. Ich fahre vorerst mit dem Südwestwind, und der hält mich auf dem Trail

Der zwischen Gananoque und Mallorytown Landing parallel zum Thousend Island Parkway verlaufende Radweg hat nur eine einzige wirkliche Schwachstelle. Teilweise neu asfaltiert, breit, mit Mittelstreifen, führt der Trail landseitig und nicht seeseitig dem breiten Fluss entlang. Der Weg ist selten flach, doch gut zu fahren, das Panorama mit den zahllosen Inseln im Fluss sehenswert, dazu passend die ausgedehnten herbstlich braunen Schilffelder und bunten Laubwälder.

Mallorytown Landing, einer der kleinsten Nationalparks Kanadas, ist für Tagesbesucher eingerichtet. Das Besucherzentrum hat bereits Winterpause, dennoch wird eine Registrierpflicht angezeigt, wobei die Eintrittsgebühren selbst zu ermitteln und zu zahlen sind. Auf der Anzeigetafel finde ich die zu entrichtenden Gebühren für Kraftfahrzeuge, aber keine Preise für Radfahrer, woraus ich schließe, dass Nächtigen für Fernradler kostenfrei ist.

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03.10.2013, North Gover, Buschcamp, Tkm 102, Gkm 9.593

20 km bis zum nächsten Dorf, wo es Kaffee und zahlreiche Tipps zu Radrouten Richtung Ottawa gibt. Weitere 30 km zur Stadt Brockville, für die Kanadier ein historisch bedeutender Ort, wurde vor etwa 200 Jahren gegründet. Ist hier jemand an Land gegangen oder Häschern zum gegenüberliegenden amerikanischen Ufer entwischt? Ist mir ziemlich gleichgültig, denn ich suche einen Laden, der ein Frühstück serviert und werde erst nach einer längeren Stadtrundfahrt und mehrmaligem Fragen fündig.

Auf den Bänken vor einem Kiosk thronen zwei Grazien, mehr breit als hoch, allemal ein Foto wert. Schaufeln Fastfood in ihre kugelförmigen Körper. Das arme Auto, das die Beiden hierher brachte, zum Glück ein unverwüstlicher Pickup mit langer Ladefläche. Da sieht selbst der 130 kg Bauarbeiter am Nachbartisch im Vergleich zu den beiden Damen wie ein Fliegengewicht aus. Der Bauarbeiter ist Realist, auf längeren Strecken würde nicht jedes Fahrrad seiner Masse standhalten.

In Maitland verlasse ich den Waterfront Trail, nordwärts Richtung Kanadas Hauptstadt Ottawa. Landwirtschaftlich genutzte Flächen wechseln mit Ödland, Sumpf und Busch. Halte für ein Foto an einer urig aussehenden Farm. Misstrauisch beobachtet mich der Farmer von der Eingangstür seines nahe gelegenen Wohnhauses, ruft irgendetwas, das ich nicht verstehe. Ich will wissen, was er will, radle hin zu ihm. Er will nicht, dass sein Gehöft fotografiert wird. Vor zwei Jahren hätte auch jemand auf der Straße gehalten, kurz danach wurden aus seinem Schuppen zwei Motorsägen gestohlen. Und außerdem hätten die Medien heute früh vom Diebstahl zweier Motorscooter in Precott berichtet. Ich konsultiere die Landkarte: Prescott sei doch weit entfernt! Das schon, aber man muss vorsichtig sein! Was er von Neighborhood Watch hält, frage ich ihn. Natürlich sehr wichtig, die erwartete Antwort. Die ganze Zeit frage ich mich, was es hier zu stehlen gibt, ist doch alles Gerümpel, was herumsteht und entsorgt werden müsste.

Merrickville am Rideaukanal ist Treffpunkt einiger Touristen, mit einer Handvoll netter Läden. Ich hätte mir einen Radweg entlang dem Rideau-Kanal nach Ottawa erwartet, doch den gibt es nicht. Diesmal warte ich nicht bis zum Dunkelwerden mit der Suche nach einem geeigneten Zeltplatz, an einer Bootsanlegestelle am Rideauufer lädt ein kleiner Park geradezu zum Campieren ein.

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04.10.2013, Rockland, Buschcamp, Tkm 113, Gkm 9.706

Bedeckter Himmel und leichter Regen, der Wind hat auf Ost gedreht. Ich fahre die Straße 13 nach Norden, Richtung Ottawa, entlang dem flachen, meist schilfbedeckten Ufer des Rideau River.

An der Greenbank Road entstehen ausgedehnte Siedlungen, zweistöckige Familienhäuser auf bislang unbebautem Gebiet, breite Radwege neben breiten Straßen, dann folgen Einkaufszentren. Woraus ich schließe, dass die kanadische Hauptstadt Ottawa nicht weit entfernt sein kann. Von der Kapitale ist allerdings nichts zu sehen, also frage ich in meinem Lieblingsfastfoodladen Tim Horton nach dem Weg. Bei Tim Horton, weil dort immer viel Betrieb ist. Radwege, Umwege, Irrwege, schlußendlich lande ich in Ottawas Vorstädten, dann am breit ausgebauten Radweg am Ottawa River, später am Nationalmuseum. Einige Touristen, die natürlich keine Ahnung von Radwegen, noch weniger von solchen flußabwärts Richtung Montreal führenden Wegen haben. Hinaus aus der Stadt, plötzlich führen zwei gut ausgebaute Radwege in die gewünschte Richtung. Kurz nach dem Aviation Hangar enden auch die Radwege, ich fahre wieder auf der stark befahrenen Hauptstraße, in die hereinbrechende Dunkelheit.

An einer Tankstelle in Cumberland frage ich nach alternativen Routen. Der erste Angesprochene spricht nur französisch, also keine große Hilfe. Der Zweite scheint nicht ganz nüchtern: „You are looking for trouble, pal, when using that highway“, ich könnte eine kurze Strecke auf der Old Montreal Road fahren. Was ich mache, doch nach 10 km bin ich wieder auf dem Highway, zu eng für den starken Abendverkehr, gefährlich nahe vorbeirasende Autos, ich weiche auf den grob schottrigen Seitenstreifen aus, schwierig in der Dunkelkeit zu fahren.

Ich will weiter, Montreal möglichst morgen Nachmittag wegen des bereits gebuchten Hotels erreichen. Doch in Rockland gebe ich auf, einfach zu gefährlich, im Finsteren auf dem verkehrsreichen Highway zu fahren. Unverschämt hohe Preise für ein Einzelzimmer, mehr als 100 Euro für eine Nächtigung, Frühstück und freies WIFI seien inkludiert. Danke, überschreitet bei weitem mein Budget, selbst bei einem Preisnachlass von 20 Dollar. Drehe eine Runde in Flussnähe, und schlage mein Zelt in einem Memorial Park auf, im Schatten einer Zeder und mit freiem Ausblick auf den Ottawa River.

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05.10.2013, Montreal, Hotel St. Catherines, Tkm 68, Gkm 9.774

Wohl fühle ich mich nicht, beim Campieren in einem öffentlichen Park, ohne Sichtschutz, im Blickfeld der nahen Hochhäuser. Jedes auf den Parkplatz einfahrende Auto könnte eine Polizeistreife sein. Und die wird für unerwünschte Camper wohl kein besonderes Verständnis aufbringen. Doch dann sage ich mir: Was ist mit den zahllosen Obdachlosen? Die werden auch nicht reihenweise aus den Stadtzentren entfernt.

Während ich das Zelt abbaue, löst sich aus einer Gruppe von Läufern eine dunkelhäutige junge Frau, stellt sich vor. Sie sei Sprinterin, kanadische Juniorenmeisterin auf einer – ich vergesse, auf welcher – Kurzstrecke. Und sie wird, sagt sie jedenfalls, wenn sie ihre Laufschuhe an den Nagel hängt, wie ich mit dem Fahrrad um die Welt fahren. Und weg ist sie, den anderen hinterher.

Der Himmel bedeckt, einige Regentropfen fallen, ich fahre gegen den Wind und komme nur langsam voran. Mit jedem Kilometer, den ich zurücklege, wird klarer, dass ich Montreal nicht vor Einbruch der Dunkelheit, eher erst kurz vor Mitternacht erreichen werde. Und in die Millionenstadt Montreal muss ich, denn ich habe ein Hotelzimmer vorausgebucht.

13 Uhr, Hawkesbury, noch immer achtzig Kilometer bis Montreal. Ich sehe mich nach einer Fahrgelegenheit um. Hier verkehrt keine Bahn, also versuche ich es mit dem Bus. Fahrkartenverkauf in einer kleinen Bar, das Reservierungssystem ist seit mehreren Stunden defekt, überdies liegt eine Fahrradmitnahme im Ermessen des Busfahrers. Verspätet trifft der Bus ein, dann klappt alles reibungslos. Das erste Mal auf dieser Tour sitze ich in einem Bus, das Fahrrad gesichert im Gepäckraum, doch die Fahrkarte für das Fahrrad muss ich nach unserer Ankunft im Terminal in Montreal besorgen.

Das Hotel liegt nur einige Blocks vom Busbahnhof entfernt. Durch Montreal bläst ein kühler Wind, als ich zu einem Spaziergang aufbreche. Richtig, Montreal ist europäischer als Toronto, mit einigen älteren Bauwerken und einer kleinen Chinatown. Zum Vergleich: Toronto hat etwa 5 Chinatowns, alle größer als jene in Montreal.

Montreal, eine Stadt, in der sich meine Aktivitäten auf ein frühabendlichen Rundgang beschränken. Viel sehe ich von Montreals Innenstadt tatsächlich nicht, außer langgezogene Hauptstraßen, eine im Vergleich zu den umliegenden hohen Gebäuden kleine alte Kathedrale, die mickrige Chinatown so unbedeutend wie das winzige Vergnügungsviertel. Einige am St. Lawrence Strom gelegene Sehenswürdigkeiten, wie die riesige Stahlkugel, sehe ich erst am nächsten Tag, als ich den Fluss Richtung Süden überquere.

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06.10.2013, Saint-Jean-sur-Richelieu, Motel Auberge Harris, Tkm 57, Gkm 9.831

Mit dem Auto ist es einfach, eine Großstadt wie Montreal, auf einer Insel mit wenigen Brücken über den St. Lawrence River gelegen, zu verlassen. Mit dem Fahrrad ist das Verlassen der Stadt deutlich schwieriger. Ich fahre also die morgens menschenleere St. Catherines East hinunter, sehe hoch über mir einen Radfahrer auf der nach Osten führenden Brücke. Also in weitem Bogen hinauf auf die sechsspurige Stahlbrücke mit der schmalen Fußgänger- und Radspur. Zur Fahrbahn ungesichert, soll rechterhand ein hoher stacheldrahtgekrönter Maschendrahtzaun potentielle Selbstmörder von einem Sprung in den tief darunter fließenden Strom abhalten. Am Südostufer des Flusses einzelne Radwege neben den zahllosen Fahrspuren für den motorisierten Verkehr, doch ich weiss nicht recht, welchen Radweg ich fahren soll.

Ich radle und frage nach La Prairie, und bin verwundert, dass einige Kanadier kaum englisch sprechen. Ich verfahre mich, frage wieder, plötzlich bin ich mitten im Etappenort La Prairie, fahre nun gegen den Wind nach Osten, zum Richelieu Fluss, der mich südwärts in die USA bringen soll. Und ich fahre insbesondere gegen die dichter werdende Bewölkung und dem prognostizierten Regen.

In Saint-Jean-sur-Richelieu ist es soweit. Erste Regentropfen fallen, zufällig ist das nächste Motel, Auberge Harris, fahrradfreundlich, das Spezialangebot mit etwa € 75,00 für mein Budget viel zu teuer, problemlos erreichbar. Freundlicher Empfang, die Besitzerin ist seit zwei Jahrzehnten federführend in der regionalen Entwicklung des Radtourismus tätig. Den verregneten Nachmittag verbringe ich fernsehend, Nachrichten hörend und lesend in einem gemütlichen Motelzimmer.

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07.10.2013, Rouses Point (USA), Motel Anchorage Motor Inn, Tkm 55, Gkm 9.886

Beeindruckend, wie sich Francoise Boucher Boutin, Eigentümerin der ausgedehnten Anlage Auberge Harris, um ihre Gäste bemüht und mich mit Informationen und Ansprechpartnern für meine weitere Tour in den Süden versorgt. Die Dame hat ganz offensichtlich ein Herz für Radfahrer, glaubt an den Radtourismus und arbeitet tatkräftig im Gremium zum weiteren Ausbau des grenzüberschreitenden Radwegnetzes Champlain. Das Projekt „Revivez l’aventure de Champlain a vèlo“ – hier sind wir in der französisch sprechenden Provinz Quebec, da bin ich fallweise bass erstaunt, dass viele Kanadier nicht englisch sprechen – bzw. „Live the experience of Champlain bei bike“ ist wohl eines ihrer Lieblingsprojekte. Ich fahre die Champlain-Hauptroute, dem See entlang bis zur US-amerikanischen Grenze nach Rouses Point, dann über die Inseln North Hero und South Hero nach Burlington in Vermont. Die Vermarktung des Radweges Chambly/Kanada – Burlington/USA ist Francoises Lieblingsthema, war damit bereits auf einer Freizeitmesse in China, ich verspreche Kontakt zu halten, mit www.aubergeharris.com bzw. info@aubergeharris.com.

Das Frühstück ist ausgiebig, für kanadische Motels ungewöhnlich, ein echtes Biker-Special. Der Morgen ist wolkenlos, aber kühl und windig, so dass ich mir viel, etwas zuviel Zeit für den Aufbruch nehme. Die Wettervorhersage lautet auf stürmischen Wind mit Spitzen bis 70 kmh am Nachmittag, die Ausläufer eines im Golf von Mexiko tobenden Hurrikans machen sich durch Regenfronten selbst im Süden Kanadas bemerkbar. Ich brauche auf den Starkwind nicht bis zum Nachmittag zu warten, viel schneller ist er da, .als mir lieb ist, bereits an der Stadtausfahrt von Saint-Jean.

Weit schaffe ich es heute ohnehin nicht, nur die amerikanische Grenze will ich überschreiten, bevor die nächste Schlechtwetterfront eintrifft. Heute ist es Kampf gegen den Wind, der mich durchbeutelt, mehrmals von der Straße weht, aufs Bankett drückt. Ich bin den überholenden Lkw dankbar, jedem kleinem Wäldchen, den vereinzelten Gebüschen, jeder leichten Kurve, denn sie verschaffen mir eine kurze Atempause auf dem schier endlosen Weg zur doch so nahen Grenze.

Rasch verdichten sich die Wolken, erste Regentropfen fallen, als ich die Grenze erreiche. Auf kanadischer Seite keine Grenzkontrolle, also auch kein Ausreisevermerk im Reisepass. Nähere mich vorsichtig einem Gebäude, über dem die amerikanische Fahne weht. Zwei Fahrspuren, keine weiteren Fahrzeuge, handle mir die erste Schelte des Grenzbeamten ein. Go back! Go back!!! Bevor ich eine Frage stellen darf, muss ich auf der ersten Fahrspur mehrere Schritte zurückgehen und auf der zweiten Fahrspur wieder vorwärts schreiten. Nach den üblichen Fragen nach Esta, Bargeld, Tagesziel, voraussichtliche Aufenthaltsdauer und Nationalität wird der Zöllner freundlicher und weist auf zwei gelbe Balken beidseitig der zweiten Fahrspur. Ob ich die nicht gesehen hätte? Natürlich nicht, was interessieren mich gelbe Balken! Alles, was einreist, muss diese gelben Balken, sprich Scanner, passieren. Okay, das klingt wie eine Entschuldigung für sein zuvor rüdes Gehabe, dann werde ich in den Warteraum geleitet. Hier amtiert ein weiterer Beamter, führt offensichtlich mehrere wichtige private Telefongespräche. Dauert also eine Weile, bis er seine Fragen nach Nationalität, Beruf, Aufenthaltsort in USA stellt, Fingerabdrücke nimmt, mich optisch erfasst, und ich $ 6,00 für den in den Reisepass gehefteten Visa Waiver zahlen darf.

Es ist ein unbedeutender Grenzübergang und andere (nichtnordamerikanische) Reisende werden ähnlich herablassend behandelt. Ein asiatisches Ehepaar in einem Mietwagen auf dem Weg nach Süden benötigt lange, um Tätigkeit und Einkommen in ihrem Heimatland Australien zu erklären. Bemitleidenswert jene der englischen Sprache nicht mächtigen Reisenden.

Doch der erste Beamte ist jetzt freundlich, findet Gefallen an meinen Reiseplänen, zeigt auf die nahe Sturmfront und beschreibt den Weg zum Motel im nächstgelegenen Ort. Es tröpfelt, ich trete in die Pedale, es regnet leicht, als ich am Ortseingang von Rouses Point nach dem Motel frage, es regnet heftig, als ich den Ortskern erreiche und Regenkleidung anlege, es schüttet, als ich das wenige hundert Meter entfernte Motel am Ortsausgang erreiche. Der spätere Nachmittag gehört der Wetterfront, mit viel Regen und starkem Wind.

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Die Scheu vor großen Touren ablegen

19.09. – 07.10.2013, 19 Tage, 1.408 km

Mit den kürzer werdenden Tagen verbringe ich weniger Zeit im Sattel, dementsprechend sinkt die tägliche Kilometerleistung.

Die Straßen und Radwege Kanadas sind, mit Ausnahme der Großstädte, angenehm zu fahren, breit ausgebaut, gepflegt, häufig verkehrsarm. Man arbeitet am weiteren Ausbau des Radwegnetzes; zwar hinkt man mit den Radwegen den Europäern etwas hinterher, doch den US-Amerikanern ist man weit voraus. Beeindruckend vor allem die Waterfront Trails und der Trail entlang des Niagara Rivers.

Das Wetter ist bereits herbstlich kühl, fallweise dichter Nebel und feucht. Häufig aber auch Sonnenschein, doch die Regenschauer nehmen zu. Mit den ersten Nachtfrösten verfärben sich die Laubwälder und strahlen in den buntesten Indian-Summer-Tönen.

Beeindruckt bin ich von der Hilfsbereitschaft der Kanadier. Sie helfen, stellen Fragen zu meiner Tour, würden selbst gerne mitfahren. Ich bin überzeugt, einigen Gesprächspartnern die Angst vor großen Touren genommen zu haben. Elley Ho hat ihre Scheu vor Fernfahrten jedenfalls abgelegt und ist wenige Monate später mit ihrem Fahrrad in China unterwegs.

Ich radelte eine große Runde nördlich des Ontario Sees mit den Niagarafällen als absolutes Highlight, fand mich auch in der Riesenstadt Toronto zurecht und wende mich nun dem nächsten Ziel zu, dem Osten und Südosten der USA.

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