uk 2013 1027 Portsmouth

England

Wikipedia hat die nackten Fakten:
England

  • ist der größte und am dichtesten besiedelte Landesteil im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland,
  • bildet seit dem Act of Union 1707 mit Schottland und Wales politisch Großbrittanien
  • ist eine konstitutionell parlamentarische Monarchie,
  • Bevölkerung 53 Mio., Hauptstadt London,
  • hat eine Fläche von 130.395 Quadratkilometer,
  • erwirtschaftet ein BIP von € 1,2 Milliarden, somit ein BIP von € 24.503 pro Einwohner.

Ein geringeres BIP pro Einwohner als Österreich (€ 30.000)! Flächenmäßig auch nicht viel größer! Worauf sind eigentlich die Engländer so stolz, wenn ein Teil ihres ohnehin geringen BIP überdies aus umstrittenen Finanzgeschäfte stammt? Sind sie wirklich schon in der Gegenwart angekommen oder leben sie teilweise noch von ihrer glorreichen Vergangenheit?

Da mein nächstes Ziel ohnehin Irland ist, werde ich mich in England nicht lange aufhalten. Fix eingeplant sind lediglich Stops in London und Birmingham. Und im Nordwesten werde ich irgendwo ein Fährschiff nach Dublin finden.

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Zuviel Verkehr auf zu engen Straßen

24.08.2013, Middleton on Sea, Buschcamp, Tkm 78, Gkm 6.586

Typisch englisches Wetter, der Himmel bedeckt, die Straßen nass, in der Nacht hat es geregnet. Der Mitarbeiter an der Rezeption im Portsmouther Ibis Hotel ist höflich, aber nicht überfreundlich. Selbstverständlich könne mein Gepäck bis zu meiner Abreise verwahrt werden, pro Stück £ 2,00, somit £ 12,00 für meine 6 Gepäcksstücke. Danke, da lasse ich meine Sachen bis zum Auschecken am späten Vormittag im Hotelzimmer, war mit £ 70,00 auch nicht billig.

Middleton on Sea

Middleton on Sea

Wer die Innenstadt von Portsmouth nicht besucht, versäumt nichts. Die Altstadt besteht aus einer kurzen Straße mit Pubs und vielen Betrunkenen in der Nacht, rundherum gesichtslose Verwaltungsgebäude. Mehr zu bieten haben die alten Docks, zu modernen Geschäftszentren mit zahlreichen teuren Läden, Restaurants und Cafes umgestaltet. An den Kais einige alte Segelschiffe, alles überragt von einem geschwungenen Aussichtsturm, der auch in der Nacht, blau beleuchtet, von weitem zu sehen war.

Entlang der Küste mit den vielen Halbinseln sind für Radfahren geeignete Strecken schwer zu finden. Die verkehrsreiche Hauptstraße will ich nicht benützen, auch die Nebenstraßen sind stark befahren, viel zu viele Autos auf viel zu engen Straßen. Dazu Linksverkehr, gewöhnungsbedürftig insbesondere in Kreuzungsbereichen. Ich überquere eine kurze Brücke, sukzessive werden die Autos weniger, bin gegen den Wind auf die Insel Hailey gefahren, auf die ich nicht wollte. Naja, zurück aufs Festland geht es mit dem Wind doch um einiges schneller.

Die Küste ist stark verbaut, ein „Private Estate“ folgt dem nächsten, die sandige Küste ist nur an wenigen Stellen zugänglich. Einmal in ein Private Estate mit den zahllosen Sackgassen hineingefahren, gibt es kaum einen Ausweg. Nicht nur bei den Estates scheinen die Engländer viel Wert auf „privat“ zu legen, auch sonst schließt man sich ein und schottet sich ab.

In Chichester, mit der ältesten Kathedrale Englands, meine ich am frühen Nachmittag noch, auf Quartiersuche verzichten zu können. Was sich als Fehler herausstellt, denn in den folgenden Küstenorten zeigen viele Bed- und Breakfast-Anbieter, kurz B&B’s, nur ein einziges Schild: No vacancies! Die Touristenhochburgen an der Küste sind ausgebucht, es ist das lange Wochenende mit Bank Holiday am Montag, man verweist mich auf weiter im Inland gelegene Quartiere.

In der hereinbrechenden Dunkelheit suche ich lange, bis ich einen Platz zum Campieren finden. Endlich ein großer Park, mit einigen Baum- und Buschgruppen. Eine ist wie für mich vorbereitet, in einer versteckten Bucht in einem Gebüsch stelle ich mein Zelt auf.

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25.08.2013, Horsham, Queens Head Hotel, Tkm 84, Gkm 6.650

Leichter Regen in der Nacht, der Himmel grau, nur ein fernes Leuchten zeigt am Morgen, wo Osten sein könnte. Ich fahre Richtung Brighton, der fallweise erkennbare Radweg ist schlecht beschildert, der Gegenwind wird stärker.

Horsham

Horsham

Mittags ist der Gegenwind derart heftig, dass ich 10 km vor Brighton nach Norden ins Landesinnere abdrehe. Wenige Meilen später stoße ich zufällig auf eine ausgeschilderte Strecke, die Downs Link Route, einer aufgelassenen Bahntrasse. Wanderern, Radfahrern und Reitern vorbehalten, bin ich naiv genug zu glauben, ich könnte von diesem Weg nicht mehr abkommen. Doch weit gefehlt! Den kurzen Strecken auf der Bahnlinie folgen schlecht beschilderte Ortsdurchfahrten. Mit Wirtshäusern, die den Radfahrer zum Konsumieren und Geldausgeben einladen. Einzelne Teile der alten Bahnstrecke sind nicht mehr befahrbar, also werden die Radler umgeleitet. Der Radweg führt weg von der Bahntrasse, auf steilen Schotterwegen hinauf in die hügelige Landschaft, zu den wenigen noch bewirtschafteten Farmen.

Zu unguter Letzt lande ich auf einem Wanderweg, der entlang einem Kanal über Weiden führt. Hinweisschilder warnen ausdrücklich vor aggressiven Rindviehern. Doch lästig sind nicht die Tiere, sondern die hohen Weidenzäune, über die ich Fahrrad und Gepäck hieve.

Radwege ohne Info-Karten sind wie eine Suppe ohne Salz. Selbstverständlich gibt es auch zur Downs Link Tour mehrere Prospekte, mit Banalitäten und einigen aufschlussreichen Informationen. Denen ich entnehme, dass die 59 km lange Link Route (Verbindungsstrecke) die Hügelketten der North Downs in Surrey mit den South Downs in West Sussex verbindet. Und die Eisenbahn genau 100 Jahre in Betrieb war, von 1860 bis 1960. Kärgliche Reste blieben von der einst stolzen Eisenbahnlinie erhalten, wie die Bahnstationen in West Grinstead und Bramley. Oder eine vom Museumsverein Grinstead restaurierte Lokomotive.

Selbst auf Benimmregeln für die Link Route haben die Verantwortlichen nicht vergessen. Wheel chair users haben Vorrang vor Cyclists, was Radfahrer nicht am Vorwärtskommen hindert, denn für Rollstuhlfahrer ist die Strecke ohnehin ungeeignet. Gewichtiger ist der Hinweis „Remember that many people are hard of hearing or visually impaired“. Das stimmt, wenngleich auf der Downs Link Route nicht mehr Schwerhörige unterwegs sind als auf anderen Strecken.

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26.08.2013, London/Camden, Hostel St. Christophers Inn, Tkm 70, Gkm 6.720

Englisches Einheitsfrühstück, doch heute baked tomatoes statt hush browns. Dazu bacon, fried egg, beans, außerdem zwei Scheiben Toastbrot, Butter, Marmelade, Orangenjuice, optional Tee oder Kaffee. Alles in kleinen Portionen, magenschonend.

Das an der südlichen Ausfallsstraße von Horsham gelegene Queens Head Hotel hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Die Pubs in der Innenstadt sind besser besucht, an zwei Tagen der Woche gibt es Livemusik im Queens. Die Zimmer im Queens Head sind – wie bei englischen Monarchinnen üblich – veraltet, seit einem halben Jahrhundert unverändert. Licht im Gemeinschaftsbad spendet die Straßenlaterne, die Glühlampe wurde offensichtlich Opfer eines Gelegenheitsdiebes.

A23

A23

Die einzige erkennbare Straße Richtung London ist die mehrspurige Schnellstraße nach Crawley. Kennen die Briten keinen Mittelweg? Die Landstraßen sind eng, kurvig und steil. Auf Schnellstraßen bzw. Motorways mit zahlreichen Turnabouts, die den Verkehrsfluß entschleunigen sollen, bleibt dem Radfahrer nur ein schmaler Pannenstreifen.

Crawley ist, wie viele andere Städte im Süden Englands, ein Einheitsbrei aus einer einzigen „historischen“ Altstadtstraße mit angrenzenden „modernen“ Einkaufszonen. Kaffeehäuser „Costa“, Billigläden „1 Poundland“, „Waterhouse“ Buchläden, Fitnesszentren oder „H&M“, sie alle sind in den südenglischen Städten vertreten. An die dadurch leicht verwechselbaren Innenstädte angrenzend die „großen“ Supermärkte, mit Autos leicht erreichbar und von keinen Verkehrsbeschränkungen betroffen.

England, eine grüne Insel? Am Land unterbrechen nur vereinzelt gelbe Weizenfelder die ausgedehnten Weiden mit den schwarzweißen Rindern, viele Grünflächen und viele Bäume auch in den Städten.

So auswechselbar die Städte, so unverwechselbar die Eigenheiten. „Pub to let“ findet man nicht auf dem Kontinent, auch keine Einzelhandelsgeschäfte der British Heart Foundation, mit dem Slogan „beating heart disease together“. Der Dikonter Wilkinson in Redhill wirbt mit dem Slogan „We are a family company, committed to giving you good, honest products at fair, honest prices“; ich habe den Wahrheitsgehalt dieses Werbespruchs nicht getestet.

London ist endlos, mit 7 bis 12 Mio. Einwohnern, je nachdem, wie man Grenzen von Großlondon sieht. Lange Zeit radle durch die hügeligen südlichen Vororte Croydon und Beckenham, bis ich endlich bei Southwark Bridge an die Themse gelange. Ich muss wohl den höchsten Punkt im Süden Londons überquert haben, schon aus der Ferne ist das Panorama einzigartig. Der schlanke, pyramidenförmige Glaspalast in Southwark und das sich nach oben ausweitende Bürohochhaus nördlich der Themse stellen, gemessen an der Höhe, die Türme der Towerbridge bei weitem in den Schatten. Südlich der Southwarkbrücke zwei Hotels der Ketten Ibis und Novotel, danach lange Zeit nichts, was einem Hotel ähnelt. In der City frage ich nach preiswerten Hotels, man empfiehlt Soho. Ich frage in Soho, man empfiehlt die Gegend um das Britische Museum. Ich radle Richtung Nordwesten und lande nach mehrmaligem Fragen eher zufällig in einem Backpacker-Hostel in Camden.

Menschenmassen in Soho, nicht viel weniger Leute in Camden. Alles bewegt sich Richtung Camdener Brücke, zu dem an der Flussüber- und Bahnunterführung seit 150 Jahren bestehende (Pferde-) Ställemarkt, am Abend vorwiegend von Fresswütigen besucht. Eine Portion Nudel mit Beilagen nach Wunsch samt Getränk um £ 5,00 ist für englische Verhältnisse überaus preiswert.

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27.08.2013, Maidenhead, Buschcamp, Tkm 83, Gkm 6.803

Montag, Feiertag, Banking Day. Morgens sind nur wenige Menschen in den Straßen Camdens unterwegs. Vor dem Hosteleingang ein gemischter Markt, Kleider, Obst und Gemüse. Auch die Supermärkte – um die Ecke ein Lidl – halten trotz Feiertag offen.

London ist ein teures Pflaster. Kaum ein Hotelzimmer unter £ 100,00. Im Hostel war das Bett im Sechser-Dormitory um £ 27,00 auch keine Okkassion. Ich verlasse Camden Richtung British Museum und Buckingham Palace, fahren auf den vielgerühmten Londoner Bicycle Highways Richtung Themse, dann dem Fluss entlang nach Westen.

Eton

Eton

Nicht unbedingt klug, dem Fluss zu folgen, der sich in einem großen Bogen um den Flughafen von Heathrow windet. Der Airport ist nicht von schlechten Eltern: 70 Millionen Passagiere pro Jahr, viertgrößter Flughafen der Welt, ständig landen und heben Flugzeuge ab. Viel Verkehr auch auf der Autobahn M25, Staus in beiden Richtungen. Weiter im Westen fahre ich durch Eton, in der Einflugschneise des Flughafens gelegen. Zur Sommerzeit ruht der Hochschulbetrieb, die meisten Zugänge sind abgeriegelt, am Haupttor verwehrt ein Portier einzelnen Besuchswilligen höflich den Zutritt.

Ich halte Ausschau nach einem möglichen Zeltplatz, doch die Gegend ist noch ziemlich stark verbaut. Nach langem Suchen werde ich fündig. Ein immer schmäler werdender Pfad führt durch eng zusammenstehende Sträucher zu einer abgelegenen und nicht einsehbaren Stelle. Was für ein Buschcamp! In einer Baumgruppe, umringt von Brombeerdickichten, vom angrenzenden Fischteich nichts zu sehen, der Lärm der auf der Schnellstraße vorbeifahrenden Autos hingegen unüberhörbar.

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28.08.2013, Oxford, Jugendherberge, Tkm 84, Gkm 6.887

Henley on Thames

Henley on Thames

Selbst in unmittelbarer Nähe der Themse ist die Straße hügelig, nur Wanderpfade führen dem Kanal entlang, mit dem Rad nicht zu fahren. Bis ich nach Henley on Thames komme. Nette Kleinstadt, Boote im Hafen, breite Strandpromenade, eine in weitem Bogen in die Themse hineinragende Fußgängerbrücke, kleine Schleuse, kleines Kraftwerk. Im 19. Jahrhundert ein beliebtes Feriendomizil der Londoner, weil mit der Bahn leicht erreichbar, ist der Ort mit dem Autoboom in der Gunst der Londoner sukzessive gesunken. Ein Mitachziger spricht mich an, berichtet von seinen Touren, von einer Reise von Alaska nach Feuerland mit einem Campmobil.

Themse

Themse

Die Jugendherberge in Oxford ist modern, bietet Annehmlichkeiten wie Lounge, Bibliothek und Restaurant, und ist dementsprechend gut ausgelastet. Einzelzimmer ausgebucht, nur Betten in Dormitories verfügbar. Immer unattraktiver wird das Nächtigen in Schlafräumen, immer mehr schätze ich Einzelzimmer oder mein Zelt.

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29.08.2013, Stratford upon Avon, Jugendherberge, Tkm 74, Gkm 6.961

Drehe eine halbe Ehrenrunde um Oxford, nach mehreren Meilen auf der Umfahrungsstraße bin ich fast wieder am Ausgangspunkt. Wie nicht anders zu erwarten, wechselt der nationale Radweg (N5) von Asphalt zu Schotter zu einem engen Pfad. Die Gegend wird hügeliger, Gefälle zwischen 11% und 13%, Steigungen werden nicht angezeigt.

Stratford upon Avon

Stratford upon Avon

Zur kleinen mittelenglischen Stadt Woodstock fällt mir zu allererst das amerikanische Woodstock-Festival ein, doch Musik wurde am Wochenende auch am hiesigen Marktplatz gemacht. Historisch bedeutender ist der englische Ort, liegt doch an der südlichen Stadteinfahrt das UNESCO-Welterbe Blenheim Palace. Als kundenfreundlich ist der Eintrittspreis von £ 22,00 gerade für ausländische Besucher nicht einzustufen, die das Angebot, die Tageskarte ohne Aufpreis in eine Jahreskarte umzuwandeln, kaum nützen können.

Ein kurzes Stück auf Seitenstraßen, dann wieder auf der verkehrsreichen Hauptstraße bis Shipstone on Stour. Nett, klein, überschaubar, Mama Browns Cafe farbenfroh und blumengeschmückt, einige nette Pubs.

Vom Westen ziehen dichte Wolkenbänke herein, der Wind wechselt die Richtung, doch die Einheimischen sind zuversichtlich, dass es nicht regnen wird. In Stratford upon Avon will ich mein Zelt aufschlagen, doch am ersten Caravanplatz sind Zelte unerwünscht. Ich fahre weiter stadtauswärts. Bis ein großes viktorianisches Gebäude in einem ausgedehnten Garten, der Jugendherberge.

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30.08.2013, Birmingham, Kensington Hotel, Tkm 74, Gkm 7.035

Die Hauptattraktion in Stratford upon Avon ist unverändert William Shakespeare, jetzt noch mehr als zu seinen Lebzeiten. Am Hafenbecken des Avon trohnt der alte William in Bronze, umgeben von seinen treuen Gefährten, Fallstaff, Hamlet, Lady Macbeth. Die Stadt mit zahlreichen alten Fachwerkhäusern präsentiert sich zurückhaltend, nicht fotogen wegen der dichten Wolken, die nur wenige Sonnenstrahlen durchlassen.

Eine Meile nördlich von Wilmcot liegt Mary Arden’s House. Doch wer ist Mary Arden? Einige Minuten später bin ich besser informiert. Mary Arden’s Farm is a real working Tudor farm, mit Besucherzentrum, Cafe, Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Stallungen, Tieren, 30 verschiedenen Sehenswürdigkeiten wie Tudor herb garden (Kräutergarten), Falconer’s field, Cider mill, u.a. Und Mary Arden? Shakespeare’s Mutter natürlich, verbrachte hier ihre Kindheit, wie die zahlreichen im Empfangsraum aufliegenden Prospekte zeigen. Wie viele Farmen, die etwas auf sich halten, bietet auch Mary Arden’s Farm „Fun for all the family in 2013“ mit mehreren „event highlights“, wobei ich zum August-Highlight „Mary Arden’s Music Festival“, „join us for two days of folk music“, um 5 Tage zu spät komme.

Ab Wilmcot fahre ich wieder einen Radweg. Braune Beschilderung schreckt mich nicht, was die Kennzeichnung „SR“ bedeutet und wohin der Weg führt, weiß ich nicht. Die Richtung „Norden“ ist passend, der gekennzeichnete Weg folgt schmalen, aber verkehrsarmen Landstraßen. Im Zickzack nähere ich mich den Vororten von Birmingham, passiere ruhige Dörfer wie Little Alne oder Wowensmoor.

Ich muss nach Birmingham, hier ist der Übernahmeort für einige Landkarten und Medikamente, doch die Suche nach Haselwell Drive im hügeligen Stadtteil Kings Norton gestaltet sich extrem verwirrend. Mehrere Stunden irre ich herum, nach mehreren Mails und Nachfragen finde ich endlich den vereinbarten Ort.

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31.08.2013, Newcastle-under-Lyme, Clayhanger Guest House, Tkm 92, Gkm 7.127

Kensington Hotel in Birmingham passt nicht so recht in das Schema der üblichen Hotels. Es ist Abend, als ich wiederholt an der verschlossenen Eingangstür läute. Bis ein Mann von der Straße mit dem Türschlüssel erscheint und mitteilt, der Mann von der Rezeption habe sich dort selbst eingesperrt. Der erstgenannte Zimmerpreis wird sofort um £ 5,00 auf £ 40,00 reduziert, und als ich wenige Minuten später zahle, ist der Preis auf £ 30,00 gefallen. Da will ich den Grund für Preissenkung gar nicht wissen, denn das Zimmer ist nett und sauber, Bad und WC funktionieren, offensichtlich wohnen auch andere Gäste im Haus. Selbstbedienung beim Frühstück, der Kellner stolpert in die Küche, um eine Tasse zu holen. Ein weiblicher Gast holt das Wasser für den Wasserkocher, Toastbrot liegt wohlverpackt im Kühlschrank. An der Glastür zum Garten klopft eine Frau mit einer Tasse in der Hand, will offensichtlich auch eine Tasse Tee. Sind dies Birminghamer Hotelstandard oder nur eine Besonderheit der offensichtlich indischen Betreiber?

B’ham ist beim ersten Hinsehen die bislang unattraktivste Stadt auf meiner Tour. Unsympatisch, weil auf Hügeln gelegen, breite Autostraßen durch die Stadtmitte, Hochhäuser, windig, eine Frau im Laufschrit auf dem Weg zum Waschsalon. Sehenswürdigkeiten laut Hinweisschildern: National Sea Life Center – was hat Sea Live mit einer Stadt im Landesinneren gemein? Botanical Garden – die gibt es vielerorts! Canals – die sehe ich mir mal an, könnte ein Radweg daran entlang führen.

Das Stadtzentrum von B’ham sieht schon attraktiver aus. In der Stadtmitte ein Kanal mit Hausbooten und Uferpromenade. Der Kanal ist Teil von Englands Mittellandkanälen, errichtet im 17. und 18 Jahrhundert, zur Versorgung umliegender Städte, im Wesentlichen wohl zur Stärkung B’hams als Handelsmetropole. Besonders stolz sind die B’hamer offensichtlich auf die neue Bibliothek, ein wabenförmiger Bau kurz vor der Fertigstellung.

Fahre bereits einige Zeit auf der A 34 hügelauf, nähere mich einer Hügelkuppe. Und bin erstaunt, als ich in luftiger Höhe einen Kanal überquere. Doch ich bleibe auf der Hauptstraße, der Pfad entlang dem Kanal scheint doch sehr schmal.

Walsall’s Bridge Street läßt erahnen, wie es um die nahe Zukunft des Einzelhandels bestellt sein könnte. 90 % der Geschäfte stehen leer, hingegen ist der Parkplatz des Einkaufszentrums am nördlichen Stadtende mit Autos überfüllt. Der Wochenmarkt im Stadtzentrum punktet mit einem breiten Warenangebot, Obst in Schalen, Kleider in allen Größen, Damenhöschen nur in XXL, auch in pink und rosa.

Endlich liegt Englands zweitgrößtes Ballungszentrum, Birmingham mit den angrenzenden Städten Solihull, Westbromwich und Walsall, um nur einige zu nennen, hinter mir. Ortsgrenzen sind allenfalls an den dort errichteten Einkaufszentren und an den ärmlich wirkenden Reihenhaussiedlungen zu erkennen.

Ein kalter Nordwestwind lässt den nahen Herbst erahnen. Ein an der Stadteinfahrt von Cockney liegender ALDI Supermarkt hat um £ 3,29 im Angebot, was ich seit geraumer Zeit suche: Radlerregenhose lang, soll gegen Nässe schützen.

Mehrmals werde ich hier, in den Midlands, mit der Bemerkung „heavy loaded“ angesprochen. Haben hier die Menschen mehr Zeit für ein Gespräch als im Süden Englands, wo sich vieles, wie im geschäftigen London, vorwiegend um den schnöden Mammon dreht?

Die Quartiersuche endet heute in einem B&B. Ich war auf Buschcamp programmiert, doch die dichte Verbauung zwischen Stone und Stoke on Trent lässt auch in Fluss- und Kanalnähe kein freies Campieren zu.

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01.09.2013, Mostyn Beach, Buschcamp, Tkm 105, Gkm 7.232

Typisch britisch? Großspurig beginnen, in Mittelmäßigkeit übergehen, ein wenig beharren, schlußendlich klein beigeben? Wie die aus Newcastle nach Witchurch führende Straße. Die erste Meile bis zur Keene University ist vierspurig ausgebaut, mit beiderseits breiten Radwegen. Nach dem ausladenden Kreisverkehr werden die Straße zweispurig und die Radwege zu einem einzigen Pfad.

Nach Nantwich hügelauf nach Chester, stark der Verkehr, eng die Straße, unfreundlich der kühle Gegenwind. Wieder kreuze ich einen Kanal, bleibe vorsichtshalber auf der beschilderten Hauptstraße. Am nächsten Roundabout wieder eine große Gruppe von Radfahrern. Ist heute britischer Radwandertag?

Langsam wird mir klar, wie sinnvoll Engländer den Sonntagvormittag verbringen. Vor Nantwich auf einer Wiese ein gutbesuchter privater Automarkt, auf Snugbury Farm „buy british“, home made Ice cream, landwirtschaftliche Produkte, ein Spielplatz für Kinder. Und offensichtlich auch für Erwachsene, weil just in diesem Moment sechs Motorräder in das Farmgelände einfahren. Die Motorbiker geben bereitwillig Auskunft: Sie kommen „for a cup of tea, an ice cream and a walk in the garlic fields“.

Headless Woman, das Mexican & American Restaurant bei Tavin an der Straße nach Chester, hat keine Zukunft. Wer isst schon gern bei einer Frau ohne Kopf und ohne Parkplatz? Überdies haben die „wrecker“ Nick Brookes Demolition Ltd bei den örtlichen Behörden den Abriss des Gebäudes für die kommenden Wochen beantragt. Da sieht es um die Überlebenschancen der unzähligen Pubs, wie Red Lion, White Lion, Swan oder Queens Head, doch viel besser aus.

Sonntags sollte man in Chester nicht hungrig sein, denn die Preise in den Restaurants sind deutlich höher als werktags. Kostet ein dreigängiges Menü bei Frankie & Bennies wochentags £ 9,80, sind für ein zweigängiges Spezialmenü am Sonntag £ 11,90 zu berappen. Frank Sinatra, überlaut, soll den Kinderlärm übertönen; eine großzügig gestaltete Bar mit den Leuchttafeln „Sauvignon, Chardonney, Champagne“ Qualität suggerieren.

Ein kurzes Teilstück durch Wales sollte es werden, der nordöstlichste Zipfel des Landes im Sealand. Doch als ich wieder einmal in die Straßenkarte schaue, liegt die Abzweigung nach Liverpool weit hinter mir. Zurück will ich nicht, weiß auch nicht, ob ich die Schnellstraßenbrücke über den nächsten Fjord benutzen darf. Jetzt fahre ich also in Wales, für mich selbst überraschend, finde ein Nachtquartier in den Dünen nach Mostyn, geflissentlich ein Camping-Verbotsschild übersehend.

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02.09.2013, Bangor, Buschcamp, Tkm 82, Gkm 7.314

Was für Resteuropa die Campingplätze, sind hier die Caravanparks. Standortgebundene Ungetüme, soweit mein müdes Auge sieht. Und Hunde/Hündchen/Hunderl, die ihre Herrln und Frauerln hinter sich herschleppen.

Rydych chi yma, you are here, in Llanddulas, an der Mündung des Afon Dulas, des Flusses Afon in die Irische See. Wales ist zweisprachig und hält sich auch sonst bedeckt. Kaum ein Sonnenstrahl durchdringt die Wolkendecke, ein heftiger Westwind erschwert das Vorwärtskommen. Ich fahre wieder auf Radweg 5, schon seit Oxfort ein treuer Begleiter, hier genannt Llwyr Beicio’r Mileniwm, Millenium Cycle Track.

Vor mir, in das Meer hinausragend, eine seltsame Konstruktion aus Streben und Pfeilern. Mit meiner Vermutung „Gesamtkunstwerk“ liege ich falsch, das erste Bauwerk ist lediglich eine Verladestation für einen am Berghang liegenden Steinbruch. Zwei Meilen weiter, in Old Colwyn, eine in das Meer hinausragende Brücke, wegen Einsturzgefahr gesperrt, das darauf vor sich hin rottende Gebäude die alte Music-Hall.

Fish and chips aus dem Pappbecher, Cola aus der Dosa, hinter mir die besten Restaurants Colwyns, vor mir das zurückweichende Meer. Während ich die laut Eigenwerbung „best fish and chips in Wales“ verspeise, sitzen vor mir die zuvor noch schwimmenden Boote jetzt im Trockenen. In der Ferne die Windparks auf hoher See, die dereinst 60 % des Energiebedarfs dieser Region abdecken sollen.

Vornehme Hotels säumen die breite Promenade von Llanddudno, dem Nizza von Wales, unter dem betagten Publikum fallweise ein junges Gesicht. Die Hotels mit klingenden Namen wie Ambassador geben den Anschein von Reichtum, Cafehäuser und Restaurants sind allerdings schwach besucht. Wer nicht spazieren geht oder Rollator fährt, sitzt auf breiten Bänken, windgeschützt durch eine brusthohe Mauer. Ich halte im West Shore Beach Cafe, Kaffee und Kuchen auch nicht billig, mit einem grandiosen Ausblick auf die verebbte Bucht, während auf der Terrasse ein Mädchen bei ihrer Mutter Schutz vor einer frechen Möwe sucht.

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03.09.2013, Dublin, Abbey Court Hostel, Tkm 58, Gkm 7.362

Hügel, Weiden, Rinder, Schafe, Heuballen auf den Wiesen. Die Gegend westlich von Bangor ist dünn besiedelt, vereinzelt eine Farm, manchmal ein entgegen kommendes Fahrzeug auf der einspurigen Straße, nicht breiter als ein Karrenweg, auf keiner Landkarte verzeichnet, natürlich auch ohne Wegweiser. Der bedeckte Himmel erlaubt keine Orientierung, ich fahre nach Gehör, Fahrzeuglärm irgendwo in der Ferne.

Endlich eine Hauptverkehrsstraße, ein Kreisverkehr mit Wegweisern. Und die zeigen, dass ich in die verkehrte Richtung fahre, nach Südost auf das Festland statt nach Hollyhead im Nordosten auf die Insel Anglessey. Zurück Richtung Bangor, einen steilen Hügel hinauf, über die Brittania Bridge auf die Insel, auf die Schnellstraße. Ist es Zufall oder will mir die walisische Straßenverwaltung einen Gefallen tun? Die nächsten vier Meilen ist der linke Fahrstreifen wegen Straßenarbeiten gesperrt, gehört mir allein, von Arbeitern keine Spur.1

Diesig, feucht und unfreundlich ist das Wetter am Vormittag. Richtig wohl fühle ich mich auf der Schnellstraße nicht, nehme die parallel führende „alte“ Straße, fahre durch einige verlassen wirkende Dörfer, auf den Weiden Rinder und Pferde. Als ich mittags in Holyhead eintrudle und im Büro de Irish Ferries um £ 43,00 eine Fahrkarte nach Dublin kaufe, reißt auch die Wolkendecke auf.

Fahrzeit 3,5 Stunden für die Fahrt über die Irische See von Holyhead nach Dublin, der Wind schafft nicht mehr als leichte Schaumkronen. Die Fähre Ulysses ist ungewöhnlich schnell, war bis zum Vorjahr das größte Fährschiff der Welt, zwischenzeitig nahm die Konkurrenz Stena Lines eine geringfügig größere Fähre in Betrieb, wie mir der polnische Platzzuweiser auf dem Unterdeck erklärt. Bis 200 Lkw-Züge transportiert die Fähre, etwa 1.800 Pkw, wenn ich ihn richtig verstehe, verschafften dem Schiff 2011 einen Platz im Guiness Buch der Rekorde. Heute ist viel Platz auf den drei Fahrzeugdecks, die Hauptreisezeit ist vorbei, vier Busse mit deutschen Kennzeichen bringen Touristen nach Irland und sorgen für eine Basisauslastung der Salons. Endlich wieder punktgenaue Kommentare von weitgereisten deutschen Fachleuten, wie „teuer Duty-free Shops auf Schiffen doch sind“. Diesmal brauche ich beim Aussteigen mein Fahrrad nicht zu suchen, einsam steht es am Lkw-Deck an dem für Fahrräder reservierten Platz.

Ich folge dem Lkw- und Pkwstrom zur Hafenausfahrt, schon bin ich am Kanal, folge diesem nach Westen Richtung Stadtzentrum, sehe kaum irgendetwas, weil mich die tiefstehende Sonne blendet. Doch die Iren sind freundlich, zeigen mir ungefragt die nächsten Hostels, die ersten beiden waren voll ausgelastet. Im Gegensatz zu anderen Großstädten liegen Dublins Hostels sehr zental, z.B. das Abbey am Grand Canal.

Nur wenige Schritte entfernt das Arlington Pub, Live-Musik am Abend mit einer Celtic-Night-Show, fünf Musiker und vier Tänzer/innen, mit traditionellen irischen Gassenhauern und Steptänzen. Das Publikum bunt gemischt, unterschiedlichen/r Alters und Nationen, begeistert die chinesischen Besucher, als drei ihrer Landsleute die Einladung zum Mittanzen annehmen.

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Keine Destination für Radfahrer

24.08.2013 bis 03.09.2013, 11 Tage, 754 km,

Von Portmouth durch Südengland nach London, durch Mittelengland über Birmingham nach Hollyhead in Wales, darauf mit der Fähre nach Dublin.

Viel Verkehr im Süden, wenige und schlecht beschilderte Radwege, angenehmer im Norden, weil verkehrsärmer.

Wetter meist trocken, viele Wolken, einige Regentropfen, gelegentlich windig und herbstlich kühl.

Kein klassisches Radfahrerland. Besonders der Süden wegen des für die engen Straßen viel zu hohen Verkehrsaufkommen als Radfahrdestination nicht zu empfehlen.

Kontakt zur lokalen Bevölkerung in Südengland minimal, in nördlichen Gebieten etwas intensiver. Auch die südenglischen Städte enttäuschen. London bildet natürlich eine Ausnahme.

Landschaftlich nicht sehenswert, warum sollte jemand England als Feriendestinaton wählen? Für mich ist England jedenfalls ein klassisches Durchfahrland.

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