Bordeaux

Frankreich

Kanalfahren

27.07.2013, Poncìn, Camping de l’Ain, Tkm 99, Gkm 4.318

Start um 7 Uhr morgens in Genf in der Schweiz. Ohne ordentliches Frühstück, den das Migros-Bistro mit akzeptablen Preisen öffnet erst in einer Stunde. Die Fahrt entlang dem Südufer des Genfer Sees vom Campingplatz ins Stadtzentrum durch die morgens verlassene Rummelmeile mit Geisterbahn, Autodrom und Riesenrad macht mit leerem Magen keinen Spaß. Nur den massenweise herumschwirrenden Baumläusen scheint dies nichts auszumachen.

Geplante Route: Entlang der Rhone nach Lyon in Frankreich, etwa 180 km. Ich bin vorgewarnt, eine der schwierigsten Etappen steht bevor. Die Rhone windet sich durch das Mittelgebirge des Hohen Jura und ich muss darüber hinweg.

Bisher habe ich die Schweizer als ein wenig engstirnig, aber intelligent eingestuft. Volksabstimmungen, Demokratie, Neutralität, Bankgeheimnis, das ist beachtlich! Doch die Streckenführung zwischen Genf und dem höher gelegenen Nachbarort Lancy lässt mich ernsthaft an der Zurechnungsfähigkeit lokaler Radwegbauer zweifeln. Gäbe es einen Preis für die „dümmste Radstreckenführung in Europa“, sie hätten ihn verdient. Der uneingeweihte und schwer bepackte Fernfahrer hält sich an den ausgeschilderten Fernradweg Nr. 1, hinauf auf steilen, nicht befestigten Pfaden durch einen Wald, hinein in eine wegweiserlose Satelittensiedlung. Einheimische Radfahrer haben es leichter, benützen einen in der mehrspurigen Ausfallsstraße integrierten, aber nicht speziell gekennzeichneten Weg.

Ich meide jetzt Radwege, fahre auf Bundesstraßen bzw. auf parallel dazu verlaufenden Radwegen, erreiche rasch den Grenzübergang Pougny. Noch weiß ich es nicht, doch ab hier gehts zur Sache. Der erste Anstieg in den Hohen Jura mit einer schnellen Abfahrt nach Bellegarde ist bei gemäßigten Temperaturen am Vormittag leicht bewältigbar, doch dann wird es zäh. Mit der Straße nach Bellegarde verlasse ich auch das Tal der Rhone, doch das merke ich viel zu spät.

Bellegarde sur-Valserine, Endstation einer TGV-Verbindung, in einem engen Talkessel, ist Ausgangspunkt zum nächsten Anstieg. Kilometerlang bergauf, in der brütend heißen Nachmittagssonne, Temperatur deutlich über 30ºC. Erste Rast auf einem Parkplatz außerhalb Bellegardes, ich schlafe bereits beim Essen ein. Nächster Halt nach einem Kilometer, im Lidl Supermarkt fülle ich meine Trinkwasservorräte auf. Folge jetzt dem Fluss Valserine, jeder Zugang zum Wasser entweder mit Unkraut verwachsen oder zu tief unterhalb der Straße gelegen. Unmittelbar vor der Passhöhe ein Stausee, schwimme einige Runden im See, schon gehts mir besser. Mit 50 kmh den Berg hinunter nach Nantua, an den Ort angrenzend der nächste Stausee. Natürlich nütze ich auch diese Gelegenheit für ein ausgiebiges Bad.

War eine kluge Entscheidung, denn statt der erhofften Abfahrt in tiefere Regionen steht der nächste Anstieg bevor. Beginnt harmlos, mit viel Gegenwind auf leicht ansteigender Straße, wird dann mit zunehmender Steigung zäher, bin auch schon rechtschaffen müde, bis ich endlich die Passhöhe erreiche. Ein erfreulicher Ausblick tut sich auf: Vor mir nichts als tiefer liegendes Gelände! Da lasse ich es richtig krachen, auf dem weiten Weg hinunter in tiefer liegende Regionen. Was interessieren mich das am Straßenrand von Touristen fotografierte monumentale Mao-Denkmal, was die am gegenüber am Berghang liegenden Weingärten, wenn ich auf dem Rad bergabwärts sause, die Kurven schneide, maximale Geschwindigkeit fahre, ohne in die Pedale zu treten?

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28.07.2013, Lyon, Hotel Ibis, Tkm 67, Gkm 4.385

Leichter Regen in der Nacht, bedeckt am Morgen, strahlend blauer Himmel am Vormittag, mittags zieht es zu, danach ballen sich schwarze Wolken über Lyon zusammen. Mit den ersten Regentropfen stehe ich vor einem Ibis Hotel, und heute fällt die Wahl leicht. Heftige Gewitter entladen sich über Lyon am Zusammenfluss von Savone und Rhone, morgen fahre ich rhoneabwärts ins Delta, Richtung Camargue.

Morgens schiebt ein Nordostwind ein wenig an, mittags bremst ein teils heftiger Gegenwind. Durch die Ain-Ebene vorbei an Ambronay, und weil es so gut läuft, mache ich einen kurzen Abstecher, zur Citè Medièvale du Pèrouges. Ein Kenner der französischen Sprache merkt natürlich: Hier fehlen einige Apostrophe, was richtig ist, doch der Einfachkeit halber und weil ich ohnehin vieles falsch betone, bleibe ich beim Weglassen der Apostrophe. Also, auf nach Pèrouge, wie bei mittelalterlichen Orten zu erwarten, auf einem Hügel gelegen. Anstieg 1,5 km, viele Autos überholen mich, muss ein besonderer Ort sein, den so viele Autofahrer ansteuern. Doch die meisten fahren an Pèrouge vorbei, einige parken an der Ortseinfahrt, ich rumple bis ins Ortszentrum, die Gassen mit kugelrunden Steinen „gepflastert“. Die Hinweistafel an der Ortseinfahrt srimmt, der Ort ist „eines der schönsten Dörfer Frankreichs“, doch in den folgenden Tagen stelle ich fest, dass es viele „schönste Dörfer“ gibt. Alles deutet in Pèrouge darauf hin, dass Kühe und Bauern das Feld längst geräumt und den Touristen überlassen haben. Am Hauptplatz kunstvolle Blumenarrangements, drei Hotel-Restaurants, Gebäude in französischem Fachwerk, in den Gassen Läden mit Kunsthandwerk, der Ort wohlhabend, kein ärmliches Bauerndorf.

Die Bauern haben sich in tiefere Regionen zurückgezogen, bauen Getreide, Mais und Bohnen an. Bewässern die Felder mit Beregnungsanlagen, fix montiert oder mobil, um die Ernteerträge zu steigern. Ständig sind die Beregnungsanlagen in Betrieb, kostet natürlich einen Batzen Geld. Dieses holt man sich aus den Brüsseler EU-Fördertöpfen, kein Wunder also, dass französische Landwirte zu den vehementesten Befürwortern unsinniger EU-Agrarförderungen zählen.

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29.07.2013, Valence, Hotel F1, Tkm 116, Gkm 4.501

Das Wetter hält sich an die Vorhersage, vormittags Regen, daher starte ich erst zu Mittag. Nachmittags aufheiternd mit vereinzelten Regenschauern und einer erwischt mich auf freier Strecke.

Ich durchfahre Lyon von Nord nach Süd, wechsle vom Rhone- zum Savoneufer, radle durch das laut Reiseführer „schönste Renaissanceviertel Frankreichs“, Weltkulturerbe, wie nicht anders zu erwarten. Jenseits der Savone die Hügel von Fourvière mit dem Wahrzeichen von Lyon, die alles überragende Basilika Notre-Dame.

Nach dem Zusammenfluss von Rhone und Savone ist der Strom breit, doch das Tal wird enger. Zahlreiche Industriegebäude am Flussufer, dazu Bundesstraße, Autobahn und eine mehrgleisige Bahnlinie. Da bleibt nicht viel Platz zum Leben.

In Givors wechsle ich auf das westseitige Rhoneufer, um nach wenigen Minuten auf eine vergessene Hinweistafel am Straßenrand zu stoßen: Hier erfolgte der Start zu der mit 242 km extrem langen und mit Ziel am Mont Ventoux extrem schwierigen Etappe der Tour de France 2013. Da kann ich von Glück reden, denn heute habe ich nur noch 90 km bis Valence vor mir.

Wenige Kilometer weiter, zwischen Landstraße und Rhoneufer, ein kleines Holzhäuschen, mit zwei Schaukästen, fast in Bodennähe angebracht. Der sich tief Bückende wird über La Viarhona informiert, den Radweg zwischen Genf in der Schweiz und Pont St. Louis-du-Rhone in der Camargue in Südfrankreich. Sieh an, da hätte ich die gesamte Strecke von Wien durch Süddeutschland und der Schweiz zum Atlantik auf Radwegen fahren können. Doch den Versuch, dem Radweg entlang der Rhone zu folgen, gebe ich bald auf, zu schlecht ist die Beschilderung, zu verwirrend manche Streckenführung. Hier lassen die französischen Experten ihrer Kreativität freien Lauf, lassen den Radfahrweg am Fundament eines Brückenpfeilers enden, mit einer steilen Treppe zur hoch darüber liegenden Brücke.

Ich handle nach bewährtem Schema, wechsle auf die breite Durchzugsstraße N7, komme hier auch schneller voran als auf den geschotterten Radwegen.

Weinberge, Marillenplantagen, Industriekomplexe, Einkaufszentren und Kraftwerke begleiten mich auf dem Weg nach Valence. Die letzten Kilometer fahre ich wieder auf der Viarhona, hier ein Schotterweg auf einem Damm, am Zusammenfluss von Rhone und Isere, die Ostalpen in Sichtweite. Und stoße vor Valence auf ein vermeintliches Billighotel der Kette F1, billig aber nur für Personen, die zu zweit oder zu dritt in kleines Zimmer teilen. WC und Duschen im Eingangsbereich, alles Kunststoff und billigst eingerichtet, mit € 40,00 das Zimmer für eine Einzelperson nicht preiswert. Aber ich habe einen sicheren Abstellplatz für mein Fahrrad, im Zimmer neben meinem Bett.

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30.07.2013, Remoulins, Hotel an der Landstraße, Tkm 154, Gkm 4.655

Schnell noch einen Abstecher in die Altstadt von Valence, der historische Stadtkern über der Rhone ist nicht unbedingt ein Muss für Touristen. Dann ist er wieder da, der Radweg V2 Viarhone, wunderschön asphaltiert, einige Kilometer die Rhone entlang und dann über eine Brücke führend, um urplötzlich am Westufer der Rhone in eine verkehrsreiche Straße zu münden.

Charme sur Rhone hält, was es verspricht. Über dem Hauptplatz mit dem Hotel de Ville erheben sich die Häuser der alten Dorfes, darüber die Kirche, urig und kein künstliches Flair, genau meinen Vorstellungen eines alten Städtchen an der Rhone entsprechend.

Ich halte in einem weiteren, von einer Festung dominierten Städtchen, Ville de la Voulte sur Rhone. Vor dem Touristenbüro pausieren Francie und Eric aus Dresden, mit Fahrrädern auf dem weiten Weg durch Mittel- und Südeuropa nach Marokko. Eine ideale Gelegenheit, um Erfahrungen auszutauschen und Fotos zu schießen. Wäre da nicht der Akku meiner Kamera, der plötzlich leer ist und aufgeladen werden will.

Im Tal der vier Winde, Val du 4 vents, bläst heute der Wind aus Nord, für mich ideal. Noch besser läuft es, als ich den durch Auen und auf Dämmen führenden, schlecht gekennzeichneten Radweg verlasse.

Fantasielosigkeit kann ich den Errichtern französischer Kernkraftwerke nicht absprechen. Was von EDF-CNPE in Cruas-Meysse realisiert wurde, ist geradezu genial: Die fünf furchterregenden Kühltürme wurden in unmittelbarer Nachbarschaft zum örtlichen Friedhof errichtet, die Toten finden die Strahlung sicher nicht beunruhigend, ein kleiner Störfall bringt vielleicht neue Tote und damit ein wenig Leben auf den Friedhof.

Ich trödle am Nachmittag, mache mit der Quartiersuche erst nach 19 Uhr Ernst. Die Strecke von Orange nach Nimes ist hügeliger als erwartet, nur langsam gehts voran, kein Campingplatz und lange Zeit kein geeignetes Hotel in Sicht.

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 31.07.2013, Nimes, Jugendherberge, Tkm 42, Gkm 4.697

04.08.2013, Montpellier, Hotel Ibis, Tkm 54, Gkm 4 751

06.08.2013, Narbonne, Hotel Ibis, Tkm 122, Gkm 4.873

Das Rhonedelta ist zu weitläufig, die Sehenswürdigkeiten zu zahlreich, die Zeit zu knapp, um mit dem Fahrrad erkundet zu werden. Mit einem Mietauto erhöhe ich meinen Aktionsradius, wechsle von zwei auf vier Räder. Zum Mietauto ein Polyglott-Reiseführer, mit Informationen, die dem geringen Kaufpreis entsprechen. „Die schönsten Touren“, Echt gut“ oder „Top 12“ verstehe ich als das, was sie sind, nämlich Schlagzeilen. Und ich bin nicht unglücklich, dass mein Lieblingsort Uzès im besagten Reiseführer nur in einem Nebensatz erwähnt wird.

Meine Tagebuchaufzeichnungen zu Südfrankriech sind fragmentarisch und weitgehend nachgeschrieben. Nur phasenweise bin ich mit dem Fahrrad unterwegs, nächtige in Jugendherbergen oder preiswerten Hotels, entsinne mich erst im Schatten der Bäume am Canal du Midi der Vorteile lückenloser Aufzeichnungen. Ich besuche also

Nimes: Römerstadt, gut erhaltenes Amphitheater Les Arenes, viele Jugendliche auf den Stufen des römischen Tempels Maison Carèe, lebhafte und gut besuchte Altstadt, mitten darin der Krokodilbrunnen, im Stadtwappen die grüne Palme und das sich windende grüne Krokodil, zu sehen auf unzähligen Pollern und öffentlichen Gebäuden. Die Jugendherberge, hoch über Nimes und nahe dem Stadtrand in einer großzügig gestalteten Parkanlage untergebracht, beherbergt mehrere ausländische Stammgäste, die wegen des milden Klimas hier einen Teil des Jahres verbringen.

Pont du Gard: Aquädukt, Unesco Welterbe, zählt zu den besterhaltenen römischen Bauwerken in Europa, überspannt in 49 m Höhe in dreigeschossigen Arkaden den Fluss Gardon, diente der Wasserversorgung von Nimes aus einer Quelle nahe Uzès. Beliebtes Ziel von Einheimischen und Fremden, mit Freizeiteinrichtungen und Wanderwegen, an Sommertagen ziemlich überlaufen.

Uzès: Mittelalterliche Kleinstadt nahe dem Pont du Gard, sehr gut erhaltener Innenstadtkern. Um einen zentralen schattigen Platz zwei- bis dreigeschossige Gebäude mit breiten Laubengängen, in denen die kleinen lokalen Geschäfte ihre Waren präsentieren. Alles wirkt authentisch und gewachsen, einzelne Innenhöfe ein einziges Blumenmeer.

Orange: Das kleine Städtchen an der Rhone, nicht der globale Telefonanbieter, dürfte zur Zeit der Römer bedeutender als heute gewesen sein. Im Arc de Triomphe ist die Überlegenheit der Römer über die Gallier in Stein gemeiselt, und, um es vorwegzunehmen, ich konnte nichts Gegenteiliges feststellen. Ich habe in der Bretagne die gallischen Helden Asterix und Obelix, Gutemine und Miraculix, Appendix und Verleihnix, ebenso vergeblich gesucht wie deren Dorf Aremorica. Die Römer haben die gallischen Kriege gewonnen, den Triumphbogen zu Recht gebaut und der Nachwelt an der Stadtausfahrt das Theatre Antique mit einer 36 m hohen Bühnenwand geschenkt.

Chateauneuf-du-Pape: Großes Volksfest im 2.200 Seelen-Dorf, verparkte Zufahrtsstraßen, zahllose Besucher, Wein-, Imbiss- und Souvenirstände, Schausteller und Schauspieler, Artisten und Gaukler, Musiker in der Kirche. Über dem Dorf die Ruine der Sommerresidenz der Päpste von Avignon, fertiggestellt 1330, danach mehrmals zerstört, wiederaufgebaut, aufgelassen.

Avignon: Papstsitz im 14. Jh., mit einem ausgedehnten gotischen Papstpalast, mächtigen Stadtmauern und der im 12. Jahrhundert erbauten Rhonebrücke Pont St-Benezet, mit den (von ehedem 21) verbliebenen vier Bögen noch immer eine Touristenattraktion.

Arles: Stadt der Römer, Stierkämpfe, bunten Märkte. Die im 1. Jh. erbaute Arena (Les Arènes) ist Schauplatz der Courses Camarguaises, einer Veranstaltung mit provenzalischen Stierkämpfen, bei der im Gegensatz zu den spanischen Veranstaltungen die Stiere nicht getötet werden. Das aus der Römerzeit stammende Theatre Antique bietet mit zehntausend Plätzen mehr Raum für Besucher als die meisten modernen Spielstätten.

Camargue: Unberührte Natur, grenzenlose Freiheit, die letzten Wildpferde Europas, rosarot mit Flamingos gesprenkelte See. Das suggerieren die Prospekte. Die Wirklichkeit entspricht bei weitem nicht den Versprechen der Hochglanzbroschüren: Landwirtschaftlich genutzt, Reisanbauflächen, einzelne schwarze Punkte – werden wohl die berühmten schwarzen Stiere sein – auf grünen Weiden. Keine mit freiem Auge erkennbare verwegene Reiter auf wild durch Flamingoschwärme jagenden halbgezähmten Hengsten. Diesen Part übernehmen die Autofahrer.

Montpellier: Universitätsstadt und Wirtschaftsmetropole, der Hauptbahnhof eine Riesenbaustelle, die Straßenbahnen je nach befahrener Linie in unterschiedlichen Farben gehalten. Zahlreiche Cafes zwischen Place de la Comèdie und dem Arc de Triomphe. Im Osten des Zentrums das nach den Entwürfen des katalanischen Stararchitekten Ricardo Bofill gebaute Stadtviertel Antigone, altgriechisch angehauchte sterile Büro- und Wohnblocks um eine gleichfalls sterile breite Allee. Der hat sich schon was getraut, der zwischenzeitig abgewählte Altbürgermeister! Schade, dass der Steuerzahler derart nachsichtig bei verschwendeten Millionen ist. Ein weiterer großkotziger Gebäudekomplex, das Odysseum, eine Freizeitanlage mit EKZ, Kinos, Planetarium, Aquarium und Sportstätten, wurde am östlichen Ortsrand Montpelliers errichtet. Weil die französischen Politiker wissen, was ein Volk mit hoher Arbeitslosenrate dringend braucht: Pane et circenses, Brot und Spiele, nicht Bildung oder Forschung!

La Grande Motte: Der Alptraum der Naturschützer! Am 6 km langen Sandstrand eine lange Reihe von pyramidenförmigen Hotels und Appartementhäusern, an der Promenade Imbissstände, Restaurants, Souvenirläden, im kleinen Hafen dicht gedrängt Motor- und Segelboote. Doch am Strand trotz Hochsaison genügend Platz, um ein Badetuch auszubreiten.

Lagune von Sète bzw. Ètang de Thau: Früher mit dem Meer verbunden, jetzt durch eine Sandbank zum Binnensee mutiert, durchziehen Pfahlreihen zur Austernzucht den Norden der Lagune.

Beziers: Hoch über der Orb trohnt die alte Stadt, anno 409 von den Vandalen geplündert. Was mich an den Klagenfurter Lindwurm erinnert, heimgesucht von Vandalen anno 2013.

Schreckliches wurde den Bewohnern in den „Religionskriegen“ angetan, ich zitiere Wikipedia:

1209 wurde die Stadt Beziers beim Albingenserkreuzzug als erste der okzitanischen Städte von den Kreuzrittern erobert, die dem Aufruf von Papst Innozenz III. gefolgt waren, die von der katholischen Kirche als ketzerisch eingestuften Albingenser zu bekämpfen. Viele der Einwohner fielen am 22. Juli 1209 einem von den Kreuzrittern verübten Massaker zum Opfer. „Tötet sie alle, Gott wird die Seinigen schon erkennen“, soll die Order des päpstlichen Legaten, Abt Arnaud Amaury, gelautet haben. Angeblich 7.000 Menschen in die Magdalenenkirche geflüchtete Menschen wurden mit dieser verbrannt, insgesamt sollen 20.000 Personen umgekommen sein.

Wurden die als „tapfere Kreuzritter“ getarnten Massenmörder und deren römische Auftragsgeber je zur Verantwortung gezogen? Denkt die katholische Kirche überhaupt an die Aufarbeitung all jener Schreckenstaten, die unter dem Deckmantel der Nächstenliebe begangen wurden?

Okzitanisch? Eine galloromanische Sprache, heute auf wenige Sprachinseln nördlich und südlich der Pyrenäen beschränkt, dritte anerkannte Amtssprache in Katalonien, sagt Wikipedia.

Ècluses de Fonseranes: Am südlichen Stadtrand von Bèziers überwindet der Canal du Midi in einer aus 7 Kammern bestehenden Schleusenanlage einen Höhenunterschied von etwa 14 Meter. Die geballte Ansammlung der schräg übereinander liegenden Schleusen zieht, weil gut einsehbar, nicht nur zahlreiche Schaulustige an, sie ist ein Herzstück des Canal du Midi, der den Atlantik mit dem Mittelmeer verbindet.

Der Kanal zwischen Sète am Mittelmeer (mit Anschluss an den Rhòne Kanal) und Toulouse an der Garonne lebt natürlich auch von den zwei Talsperren in den Montagne Noir, die genügend Wasser für die Flutung des Kanals liefern, um damit das schwierigste Hindernis auf der gesamten Strecke, den Naurouze-Pass zu überwinden. Unbestritten ist der Canal du Midi ein technisches Meisterwerk des Ingenieurs Pierre-Paul Riquet. 260 km lang, 60 Schleusen, 120 Brücken, Bauzeit 1666 bis 1684, 15.000 Arbeiter, einst wichtig für den Warentransport, jetzt besonders beliebt bei den Hausboottouristen. Viele Kanäle wurden im Voreisenbahnzeitalter in West- und Mitteleuropa erbaut, doch wenige sind derart gut erhalten wie der Canal du Midi. Und ich werde mit dem Fahrrad dem Kanal Richtung Nordwesten folgen.

Gruissan: Am südlichen Ende des Strandes vor Narbonne schmiegt sich das kleine Städtchen an einen Hügel. Der Wind pfeift über die dahinter liegende Lagune, im Ort machen Läden und Restaurants zeitig dicht, bei Sonnenuntergang klettern einige Unentwegte auf die Festungsruine. Keine hektische Betriebsamkeit, im Gegensatz zu Grande Motte konnte Gruissan eine Fischerdorfatmosphäre bewahren.

Narbonne: Polyglott schreibt, dass Weinbau, Fischerei, ein fruchtbares Hinterland und die verkehrsgünstige Lage von jeher den Handel in der Stadt blühen lassen. Beim Thema Fischerei bin ich doch skeptisch, gerade bei Städten ohne direktem Meereszugang und einem leergefischten Mittelmeer. Am Canal du Midi kommt man beim Pont de la Libertè zur Markthalle? Ich radle entlang dem durch die Stadt führenden Kanal, folge diesem Tage später Richtung Norden. Hier verwenden die Autoren des Reiseführers irreführende Bezeichnungen. Von Südosten kommend führt der Canal de la Robine in die Stadt, nach Norden verlässt der Canal de Jonction den Ort, der Canal du Midi verläuft weit nördlich der Stadt Narbonne.

Verkehrsgünstig ist zutreffend, denn von der nach Spanien führenden Autobahn ist das Stadtzentrum schnell erreichbar. Schneller jedenfalls als auf der Römerstraße Via Domitia, erbaut um 120 v.Chr., die einst Rom mit deren spanischen Provinzen verband und von der in Narbonne vor der Kathedrale St. Just einige Reste erhalten sind

Carcassonne: Unübersehbar die auf einer Anhöhe liegende, von einem doppelten Mauerring mit 50 Wehrtürmen umgebene Citè, die mittelalterliche Oberstadt von Carcassonne. Touristenmassen vor den mächtigen Eingangstoren, auf dem Mauerring, in der engen, von Läden, Cafes und Restaurants gesäumten Gassen und Plätzen. Die Bequemen fahren in Kutschen auf dem breiten Zinnenring, die Müden verweilen eine Zeitlang in der kühlen Basilika St.Nazaire, die Hungrigen warten geduldig in schattigen Gastgärten auf überforderte KellnerInnen. Eine breite Pfütze vor einem schmalen steinernen Durchgang erweist sich als echter Prüfstein für eine luftig gekleidete und stöckelbeschuhte Dame mit Hündchen. Aber nicht französische Galans eilen zu Hilfe, sondern sportlich gekleidete Geschlechtsgenossinnen. Das also ist „egalitè“ (den Herren egal=gleichgültig) und „fraternitè“.

Womit nach Ende dieser weiten Tour durch Südfrankreich das Mietauto der Verleihfirma zurückgegeben wird und ich die Reise auf zwei Rädern fortsetze, Richtung Nordwest zur Atlantikküste.

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09.08.2013, Ecluse de Lalande, Rivercamp, Tkm 104, Gkm 4.977

Vormittags in Narbonne leere Straßen, nur wenige Touristen irren auf dem Platz vor dem mächtigen Palast der Bischöfe umher. Nichts Gutes verspricht der unverändert aus Westen wehende kräftige Wind.

Der durch die Stadt führende Canal de Robine sollte mich zum Canal du Midi bringen. Doch die den Kanal begleitende Straße wird zu einem Weg, dieser zu einem Pfad. Bei erster Gelegenheit wechsle ich auf eine Landstraße, hier trifft mich mit voller Wucht der Wind, der mich den Rest des Tages quälen wird.

Die Orte Cuxac d’Aude, Saleles d’Aude und Saint Nazaire d’Aude sollen wohl ein Hinweis sein, dass ich mich im Tal der Aude befinde und der Kanal , besser gesagt mehrere Kanäle, die das Land durchziehen, vorwiegend von der Aude gespeist werden.

Wenig angetan bin ich in der Region Languedoc-Roussillion von den Wegen entlang des Canal du Midi – von Radwegen zu sprechen wäre ohnehin vermessen. Einzelne gepflegte Wege wechseln mit verwachsenen Pfaden. Baumwurzeln, herabgefallene Äste, Wasserpfützen, in den Pfad hängende Dornen und Büsche sind eher die Regel als die Ausnahme.

Langsam nur komme ich voran, passiere die Außenbezirke der Neustadt von Carcassonne, weitab von Kanal und Stadtzentrum liegt die mächtige Festung. Prompt verfahre ich mich, finde erst im Gewerbegebiet eine dem Canal du Midi entlang führende Straße. Aber die ist leider nicht die Richtige, mündet in einem immer enger werdenden Pfad, ich bin auf der falschen Seite des Kanals, erst an einer Schleuse kann ich den Kanal überqueren, muss zuvor das Gepäck abladen und über den engen Steg tragen.

Langsam schwindet das Tageslicht. Schon lange haben die Freizeitkapitäne ihre Boote festgemacht, die Schleusenwärter um 19,30 Uhr ihren Dienst beendet und ihre Griller in Betrieb genommen. Radfahrer haben ihre Räder abgestellt, nur vereinzelt schwimmt eine Entenfamilie im dunkelgrünen Wasser. Spät finde ich am südlichen Ufer des Kanals einen geräumigen und gemähten Platz, neben zwei weiteren Zelten. Im Wasser ein langer Kahn, wohnlich eingerichtet und zu einem ganzjährigen Zuhause umgestaltet. Im Winter sei es weniger gemütlich, da bilde sich gelegentlich eine Eisschicht auf dem Kanal, erzählt der Bootsmann/Kapitän. Wozu das vor dem Umbau für den Kohletransport verwendete Frachtboot den Kanal auf und ab fahren? Hier liegt es gut vertäut, im Schatten mächtiger Plantanen.

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10.08.2013, Toulouse, Buschcamp am Canal de Garonne, Tkm 116, Gkm 5.093

Die Nacht war ruhig am Anlegeplatz, kein Gejohle Betrunkener, kein vorbeifahrender Zug, kein vorbeirasendes Auto störte die Stille. Am Kanal bin ich am frühen Morgen allein unterwegs, keine Wanderer oder keine anderen Radfahrer, nur der auffrischende Gegenwind stört die Idylle. Ich wechsle auf die Landstraße zum mittelalterlichen Städtchen Bram, ringfömig umgeben die Häuser in mehreren Reihen die romanische Kirche.

Ich suche ein Kaffeehaus und finde lediglich einen kleinen Supermarkt. Heute ersetzen Cornflakes mit Milch den Frühstückskaffee, eine Parkbank nahe dem Bahnhof das Kaffeehausambiente. Eine vorbei kommende Einheimische wünscht „bon apetit“ und lächelt verschmitzt. Okey, ich habe auch schon oppulenter gefrühstückt, also genehmige ich mir eine zweite Portion.

Der Weg entlang dem Canal ist meist mehr Pfad als gut befahrbar, die wenigen Restaurants sind gut besucht, die Radwege um die Mittagszeit stark frequentiert. Wegen des kräftigen Gegenwinds fahre ich die meiste Zeit am Kanal, durch Baumreihen und begleitende Dämme teils windgeschützt.

Nur auf wenigen Abschnitten weiche ich auf parallel führende Landstraßen aus. Aber nicht, weil ich auf eine fast dummdreiste Bestimmung betreffend Begleitwege zu Kanälen stoße. Die französische Organisaton Association Francaise de developpement des Veloroutes et Voies Vertes weist auf ihrer Homepage auf eine Verordnung aus 1932 hin, die Radfahren auf Kanalbegleitwegen ausdrücklich untersagt, es sei denn, lokale Behörden hätten mit dem Kanalverwalter VNF eine Sonderregelung getroffen.

Obige unsinnige Bestimmung ist nicht der Grund, dass ich mich in Toulouse komplett verfahre. Wenige Kilometer vor Toulouse ein riesiges Einkaufszentrum, dem unüberschaubaren Parkplatz zugewandt drei große Restaurants. Die Auswahl an Speisen und Getränken groß, die Preise nur auf dem ersten Blick klein. Zufällig entdecke ich an einer Parkplatzausfahrt das Hinweisschild „Toulouse-Centre“. Ich folge dem Schild und lande zuerst auf der Stadtautobahn, dann im Technologiezentrum, später in irgendeinem Vorort, weitab der richtigen Strecke. Zwei junge Leute geleiten mich bis in die Nähe des Stadtzentrums. Ich finde die Kanalroute, der ich stadtauswärts folge, doch der Kanal endet an einer Kaimauer. Ich frage nach dem Canal du Midi, den keiner kennt, denn hier nennt sich dieser bereits „Canal de Garonne“, weil er von der Garonne mit Wasser versorgt wird.

Ich finde also nicht den Canal des Deux Mers, dafür den vorerst mit gelben Hinweisschildern gekennzeichneten Weg entlang der Garonne. Das kenne ich schon: Der Weg wird zum Pfad, im Uferdickicht einige verwegen aussehende Unterkünfte mit wütend kläffenden Kötern, dann ein den Pfad absperrendes Band. Was mich nicht an der Weiterfahrt hindert, weil eine nach wie vor erkennbare Spur dem Ufer der Garonne folgt. Über Pferdeweiden, vorbei an Getreidefeldern und durch kleine Wäldchen nähere ich mich einem kleinen Dorf. Am Ortsrand eine Pumpstation am Ufer der Garonne, die Wiese ist gemäht und die vorbeiführende Straße für den Verkehr gesperrt. Das Zelt ist am Morgen taunass, doch der Zeltplatz war nicht schlecht gewählt.

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11.08.2013, Agen, Buschcamp am Canal de Garonne, Tkm 122, Gkm 5.215

Was mir nicht gefällt: Ich kenne weder meinen genauen Standort noch die Straßen, die ich nehmen soll. Also fahre ich aufs Geratewohl in eine nordwestliche Richtung, irgendwo im Südwesten die Garonne.

Die kleinen Orte entlang der Landstraße sehen am Sonntagvormittag ziemlich verlassen aus. In Saint Caprais an der Straße nach Gerone unterhalten sich vier Männer in einem Hauszugang, am Ortsausgang weiden mehrere Esel und ein Pferd. Nicht besonders aufregend ist auch, dass die an der Mittelmeerküste dominierenden Weingärten nun Weideflächen und Getreidefeldern gewichen sind.

Hochbetrieb herrscht hingegen in der Kleinstadt Grissolle. Gegenüber dem Cafe Les Graves die Markthalle aus dem Jahr 1894, in der Markthalle hält sich die Zahl der Verkäufer mit jener der Käufer die Waage, das Kaffeehaus ist ab 11 Uhr gut besucht. Ein älterer, behinderter Mann kippt vom Sessel. Wäre klug, ihn beim nächsten Barbesuch auf einen Stuhl an der Hauswand zu setzen, sonst kippt er gar vor ein auf der Straße vorbeifahrendes Auto.

Der Zugang zur alten Brücke bei Bouzett ist brusthoch zugemauert, selbst Klettergewandte haben Probleme, auf die baufällige Brücke zu gelangen. Problemlos ist dagegen der Zugang zur Garonne, ein Seitenarm des Flusses seicht genug, um mich darin zu suhlen.

Das Südufer der Garonne ist hügeliger als erwartet. Anstiege, über dem Fluss liegende Plateaus, Abfahrten. Getreidefelder wechseln mit Obstplantagen, Äpfel, Birnen, Kirschen, Kiwi und Haselnüsse dominieren. Die Städte sind geprägt von roten Ziegelbauten, Stein ist hier Mangelware. Das Mindeste, was jeder namhafte Ort vorweist, ist ein sehenswertes Stadttor oder zumindest eine alte Kirche.

Auvillar ist ein wenig anders. Ein schweißtreibender Anstieg, eine burgähnliche Wehranlage, ein luftiges Stadttor, ein gut erhaltener Hauptplatz, zu Recht den Titel „eines der schönsten Dörfer Frankreichs“ tragend. Der schönste aller Plätze, der Aussichtsplatz über der Garonne, ist allerdings wegen einer Hundeausstellung nicht frei zugänglich.

Das Kernkraftwerk bei Valence verzeiht meiner Kamera die Nahaufnahme mit dem gekreuzigten Heiland nicht und strahlt unsichbare Warnsignale aus: Objektivstörung. Ein wenig herumgebastelt, und schon klemmt der Objektivverschluß nicht mehr.

Wenig später bin ich endlich wieder am Kanal, hier le Canal de Garonne. Der Radweg asphaltiert, gut ausgebaut, leicht zu fahren. Alles paletti, abgesehen von einer übervorsichtigen Fußgängerin, die mir ausweichen will und dabei einen anderen Radfahrer beinahe in den Kanal abdrängt.

Sonntags kann die Essensversorgung schon Probleme bereiten. Weit nach 19 Uhr, noch 20 km bis zur Stadt Agen. An einer Schleuse ein Restaurant, offeriert auch Zimmer, das Menü mit € 20,00 kein Schnäppchen. Wenige Gäste im Lokal, alle Plätze reserviert, anstatt eines Menüs bietet mir die Kellnerin ein Sandwich um € 10,00 an, was ich dankend ablehne.

Ich versuche es in Agen, nach 20 Uhr. Finde rasch ein Lokal in der Altstadt. Heute kein Menü, nur Salate und Pizzen. Nach einer Weile darf ich ordern. Weitere Gäste kommen und gehen. Nach 45 Minuten teilt mir der Kellner mit, die bestellte Pizza Quatro Stagione gibt es heute nicht, er könne mir in einer Viertelstunde eine Lasagne bringen. Ich bleibe ruhig, bringe ihn nicht um. Zwischenzeitig ist es dunkel geworden, ich habe kein Quartier, werde also in der Dunkelheit weiterfahren und im Finsteren einen Zeltplatz suchen.

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12.08.2013, Bordeaux, Hotel Faix, Tkm 150, Gkm 5.365

Unterschiedlich wie die Bezeichnung für den das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindenden Kanal ist der Zustand der am Kanal angelegten oder gänzlich naturbelassenen Begleitwege. In der Region Languedoc-Roussillion sind die ehemaligen Treidelwege am Canal du Midi häufig in einem kaum befahrbaren Zustand. Die Region Midi-Pyrènèes mit dem Hauptort Toulouse legt mehr Wert auf Radtourismus und hat einige Begleitwege zum Kanal, hier der Canal de Garonne, gut ausgebaut. Ab dem westlichen Ende des Kanals bei der Schleuse von Saint Pierre d’Aurillac in der Region Aquitaine verzichten die Verantwortlichen zur Gänze auf Radwege – hier zählt der Weinbau und nicht die Sicherheit einiger Radfahrer.

Der Canal des Deux Mers, im Osten Canal du Midi und im Westen Canal de Garonne genannt, liegt hinter mir. Einige Abschnitte waren eintönig, einige abwechslungsreich zu fahren. Der Kanal, 10 bis 15 Meter breit, das dunkelgrüne Wasser wenig einladend und fallweise algenbedeckt, einige Wildenten, etwa 30 bis 40 Boote täglich den Wasserweg benützend, in Ortsnähe einige Bootsdauerparker. Sehr angenehm bei den sommerlich hohen Temperaturen das schattenspendende Spalier von uralten Plantanen. Gelegentlich eine enge Brücke über den Kanal, ein blumengeschmücktes Schleusenwärterhaus, die Schleusenanlagen topgepflegt. Spektakulär einzelne kurze Teilstücke, wie der – für Radfahrer eigentlich gesperrte, etwa 800 Meter lange – Talübergang bei Agen, den ich am späten Abend quere. Schmaler Gehweg, linkerhand der Kanal, rechterhand eine brusthohe Steinmauer, dahinter ein dunkler Abgrund. Mit einem flauen Gefühl im Magen fahre ich in der Finsternis den schmalen Weg, tief unter mir Schnell- und Landstraßen, glaublich auch die Bahn und der Fluss Garonne. Aber nur wenige Orte am Kanal sind derart schön gelegen wie Meilham sur Garonne, eines der vielen „schönsten Dörfer Frankreichs“.

In seiner Gesamtheit ist der Canal des Deux Mers ist etwa so spektalär bzw. unspektakulär wie der Kanalanfang bei Saint Pierre: Der unübersehbaren bombastischen Stahlbrücke folgen zwei mickrige Schleusen am südlichen Garonneufer, die bei oberflächlicher Betrachtung unsichtbar bleiben.

Nach drei Buschcamps brauche ich wieder den Komfort eines Hotelzimmers. Den Obstplantagen folgen ausgedehnte Weingüter, die Chateaus der einzelnen Estates werden zunehmend imposanter, ich bin mitten im weltberühmten Weinbaugebiet von Bordeaux. Die Stadt ziert sich ein wenig, will und will nicht näherkommen, ich durchradle Vorort um Vorort, darauf die sanierungsbedürftigen südlichen Randbezirke. Ich sehe kaum Weiße, bin ich in Afrika? Stehe bei Sonnenuntergang am Turm der Basilika Saint Michele. Freistehend, 114 m hoch, daneben die filigran wirkende Kirche. Um den Turm gibt es Musik und Saufgelage, aber keine Hotels, da muss ich 2 km zurück, zum (Bahnhof) Gare St. Jean.

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13.08.2013, Port de By, Buschcamp an der Gironde, Tkm 93, Gkm 5.458

Gestern fuhr ich durch die Armenviertel, heute zeigt sich Bordeaux von seiner reichen Seite. Die Garonne ist schmutzigbraun, doch die Häuserfront entlang der Promenade mit Bügerpalästen, futuristischem Nationatheater, Porte de Bourgogne, Place de la Bourse, Wasserspielen und moderner Einkaufsmeile suggerieren Wohlhabenheit.

So angenehm das Radfahren auf der breiten Garonne-Promenade ist, so schwierig ist es, die Stadtausfahrt nach Blanquefort zu finden. Der Radweg zur Küste ist gekennzeichnet, doch an mehreren Stellen gesperrt. Ich irre durch den Industriehafen, finde einen Radweg, wenige Meter ist dieser wieder gesperrt, fahre ein kurzes Stück auf der Stadtautobahn. Empört hupen einige Autofahrer, stört mich nicht besonders, ist ja nicht die Polizei.

Der wahre Reichtum dieser Gegend liegt im Norden, in den Weingütern der Region Mèdoc. Protzige Einfahrten, schloßähnliche Gebäude, Schlösser. Über den Chateaus Giscours, Palmer, Marquis de Estephe, Plantier, Tour de Termes, Haute Baron, um nur einige zu nennen, wehen die Fahnen Frankreichs und Europas. Wohl ein Dankeschön an Brüssel für exzessive Förderungen. Doch ist nicht alles Gold, was glänzt, denn einige Anwesen sehen sanierungsbedürftig, wenn nicht verlassen aus.

Ich habe beim Frühstück in die Zeitung geguckt und bin nicht überrascht, denn die Wetterprognose ist wieder einmal richtig. Wind mit 30 kmh aus Nordwest ist angesagt, ich fahre nach Nordwest, also voll gegen den Wind. Außerdem macht sich die Nähe zum Atlantik bemerkbar, die Luft ist deutlich frischer als am Mittelmeer.

Wieder einmal wird es spät bei der Suche nach einem Platz zum Nächtigen, da kommt ein zwischen Straße und Girondedelta gelegener Rastplatz gerade richtig. Der Rasen gepflegt, ein windgeschützter Platz unter Bäumen, das Kleingedruckte mit dem von der Gemeinde erlassenen Campingverbot lese ich erst am folgenden Morgen. Im Übrigen ist Port de By nicht gerade ein wichtiger Ort: Eine Brücke über einen schmalen Kanal, ein einsames Boot, vier verlassen wirkende Häuser, ein verwahrlost wirkendes älteres Ehepaar auf einem noch verwahrloster wirkenden Grundstück, das abends mit einem überdimensionierten Blechtor verriegelt wird.

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14.08.2013, Rocheford, Camping Municipal, Tkm 105, Gkm 5.563

Weinland wird zu Weideland, Hügel werden zu ausgedehnten Ebenen, die sich bis zur Nordspitze der Quasi-Halbinsel hinziehen. Die prächtigen Chateaus liegen hinter mir, hier haben helle Longhornrinder und Viehzüchter auf mehr oder weniger gut erhaltenen Bauernhöfen das Sagen.

Ich bin auf dem Weg zur Fähranlegestelle in Point de Graves, wo ich nach Royan übersetzen werde. Der Wochenmarkt in St. Vivien s/ Mèdoc ist gut besucht, vor der Bäckerei eine lange Warteschlange, das Kaffeehaus füllt sich zusehends. Hauptsächlich mit deutschen Touristen, die sich am nahegelegenen Zeltplatz niedergelassen haben. Lebenswichtige Themen werden lautstark diskutiert, warum z.B. der Camembert morgen und nicht heute gekauft wird. Ein besonders Altkluger hält Hof, informiert jeden Neuankömmling über die am Wochenende zu erwartende Abkühlung. Die Reaktion ist der Angesprochenen ist vorhersehbar und immer gleich: Warum kommt die Abkühlung jetzt, warum nicht später?

Die Girondemündung ist mit der Fähre rasch überquert, viel länger dauert die Ausfahrt aus Royan, weil ich mich wieder einmal verfahre. Doch diesmal hat die Irrfahrt den Vorteil, dass ich wie ein Segelschiff vor dem landeinwärts wehenden Wind kreuze.

In La Tremblade sitzen die Boote tagtäglich mindestens einmal auf dem Trockenen, nun bei Ebbe im Schlamm des nahezu wasserleeren Kanals. Segelschiffe im Schlamm, Motorboote im Schlamm, der Tidenhub an der Atlantikküste ist beträchtlich.

Marennes lockt mit einem hohen Kirchturm über einem Dom mit Flachdach. Die Plattform in luftiger Höhe soll einen imposanten Ausblickauf die Umgebung bieten. Doch was soll ich vom Kirchturm sehen, was ich nicht schon von der hohen Brücke über der Seudremündung gesehen habe?

Das Gebiet neben der Schnellstraße nach St.Agriand führt durch wasserreiche Niederungen, Rinder und Pferde teilen sich die Ebenen mit Reihern, Enten und Gänsen.

Einzigartig ist die letzte Transportbrücke Frankreichs bei Enchillas. Eine mächtige Stahlkonstruktion überspannt die Charente, Fußgänger und Radfahrer werden wie in einer Gondel über den Fluss befördert.

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15.08.2013, Tranche s/ Mer, Camping le Grande, Tkm 113, Gkm 5.676

Feiertag in Frankreich. Alles, was zwei Beine hat, ist unterwegs. Skatend, laufend, fußgehend, rollstuhl-, rad- und autofahrend. Die Radwege pumpvoll, in den wenigen Küstenstädten kein Durchkommen, auf den Landstraßen reichlich Autoverkehr, in einzelnen Orten riesige Verkehrsstaus.

Von Rochefort nach La Rochelle fahre ich den markierten Radweg. 26 Straßenkilometer werden zu mehr als 40 km auf den Radwegen, wieder gehts wegen des ständigen Winds nur langsam voran. In La Rochelle zuerst ein Meer von Masten, unzählige Segelschiffe ankern im Yachthafen. Erst langsam werden die sehenswerten Gebäude der Stadt sichtbar: Die mächtigen Tore an der Einfahrt zum alten Hafen, der hohe Kirchturm, das alte Stadttor. Und die unbeschreibliche Menschenmasse, die sich in die Stadt drängt. Wen wundert es, dass ich schon wieder nicht die Stadtausfahrt finde, obwohl ich den Verkehrsschildern „tout directions“ folge.

Nächste Irrfahrt bei Charron. Endet hier die Straße D 105 in einer Sackgasse? Jene Straße, die mich nach Nordwesten nach Saint Nazaire bringen soll, und die ich nach langem Suchen endlich gefunden habe? An einem Leuchtturm, auf einem asphaltierten Parkplatz, am verschlammten Fluss Curè, mit schaulustigen Ausflüglern, neben Traktoren mit Fischerbooten auf Anhängern im Schlepp, die sie aus dem schmutzigen Wasser gezogen haben? Na gut, ich habe mich wieder einmal verfahren, was wiederum nicht tragisch ist, denn Boote im Schlepptau von Traktoren sehe ich so das erste Mal.

La Tranche-sur-Mer ist kein Touristenhotspot. Einzig eine etwa 42 km lange Radrundfahrtsstrecke wird als ‚hervorstechend‘ gelistet, der Rest ist flaches Küstenland.

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16.08.2013, St.Jean de Monts, Camping, Tkm 112, Gkm 5.788

17.08.2013, Missilac, Camping des Platanes, Tkm 144, Gkm 5.932

Hintern den Dünen das Atlantik verstecken sich die Orte Vendèe, St. Vincent sur-Mer, Jard-sur-Mer. Ein Radweg führt die Küste entlang, La Vendèe a velo, an einzelnen Stellen asphaltiert, anderswo unbefestigt.

Die Gegend um Jard-sur-Mer ist flach, die wenigen Häuser niedrig. Da klettert die eine oder andere Ziege auf das Dach einer Hütte, um den Überblick zu bewahren.

Etwas mehr zu sehen gibt es in der 3-Orte-Stadt les Sables d’Olonne, bestehend aus den Stadtteilen Les Sables, Chateau d’Olonne und Olonne-sur-Mer. Ein Kastell auf einem Höhenrücken, ein kleiner Fischerei- und Bootshafen, daran anschließend ein langer Sandstrand, der den Ort zu einem der beliebtesten französischen Badeplätze am Atlantik macht. Der seitlich an die 1050 errichtete Kirche Notre Dame angebaute Turm lotste in der Vergangenheit so manchen Fischer zurück in den heimatlichen Hafen.

Auch in Bouin ist es ein aus hellem Stein erbauter, an – wie sollte eine Kirche anders heißen – Notre Dame angebauter Kirchturm, der den hiesigen Fischern ein Wegweiser war.

Quer durchs Land zur Loire, auf der langen Schrägseilbrücke über die Loiremündung, fahre ich nach St. Nazaire. Zwischen Hauptstraße und Loirefluß ein furchteinflößender Betonklotz, mehrere hundert Meter lang und viele Stockwerke hoch, ein von der deutschen Wehrmacht im 2.Weltkrieg errichteter U-Boot-Bunker und eine Trockendockanlage. Die Stadt St. Nazaire wurde bei alliierten Bombenangriffen fast völlig zerstört, doch die Bomben konnten den meterdicken Betonbunkern nichts anhaben. Zu teuer wäre eine Beseitigung dieses Monsters, das nun als Aussichtsplattform und Ausstellungsfläche genützt wird.

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18.08.2013. St. Nicolas de Redon, Hotel Beau, Tkm 36, Gkm 5.968

Pünktich trifft die prognostizierte Schlechwetterfront ein, der Himmel zeigt ein einheitliches Grau, ein leichter Nieselregen setzt ein, allerdings lädt auch der weitgehend leere Zeltplatz im Kreuzungsbereich zweier Straßen nicht zum Bleiben ein. Um 9 Uhr bin ich regendicht verpackt und abfahrbereit, doch die Bezahlung des Stellplatzes bereitet mir Kopfzerbrechen. Die Rezeption ist noch nicht besetzt, daher werfe ich einen angemessenen Betrag in den Postkasten.

Auf halbem Weg zur Stadtmitte ein an einem See gelegenes Schloss, düster am Waldrand im leichten Regen. Im Schlossareal ein Hotelkomplex mit Spa, sieht allerdings ziemlich exklusiv aus.

Radfahren im Regen ist selbst bei Temperaturen um 24ºC weder angenehm noch sinnvoll. Die Brillen beschlagen, die Sicht schlecht, trotz Warnweste für den nachkommenden Verkehr kaum erkennbar, ein gefahrvolles und sinnloses Unterfangen, weil auch die Umgebung im Regen kaum wahrnehmbar ist.

Hügelauf und hügelab gehts hinein in die Bretagne. Um 11 Uhr reicht es mir, mit Redon erreiche ich eine ansehnliche Stadt, im Vorort Saint Nicolas angrenzend an ein Einkaufszentrum unerwartet ein Hotel der Kette „Comfort“. Während andere Gäste auschecken, versuche ich einzuchecken. Nach zwei Stunden sind die meisten Wochenendgäste ausgezogen und ich kann ein Zimmer beziehen. Und das Beste: Auf Anhieb klappt die Internetverbindung, endlich kann ich wieder spamverdächtige Emails löschen.

Nachmittags eine kurze Radtour nach Redon mit dem imposanten Dom, den ein ausladender Turm krönt. Am Übergang von Saint Nicolas nach Redon treffen sich einige Schaulustige, um die Schleusenwärterin beim Kurbeln zu beobachten. Hier wird die Schleuse per Handkurbel geöffnet, klein ist die Schleuse, entsprechend klein auch das Motorboot, das in den Brest-Nantes Kanal einfährt. Wirklich interessant ist eigentlich nur, dass an dieser Stelle der Brest-Nantes Kanal den wesentlich breiteren Vilainekanal kreuzt und dass mir im Hotel niemand sagen kann, wo das sagenumwobene gallische Heimatdorf von Asterix und Obelix liegt.

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19.08.2013, Rennes, Jugendherberge, Tkm 121, Gkm 6.089

Nach Rennes, dem Vilainecanal entlang? Vorerst verstehe ich die Frage nicht, bis ich kapiere, dass ich nicht unbedingt über bretonischen Hügel fahren muss, um nach Rennes zu gelangen. Eine Schautafel in Saint Senoux zeigt, dass ich einen Kanalbegleitweg benützen kann.

Zwischen La Roche Bernant unweit der Loiremündung im Süden und Saint-Malo am Le Manche im Norden der Bretagne besteht eine Wasserstraße, „Le Canal d’Ille et Rance“, gespeist von den Flüssen Vilaine und Rance. Ein Kanal, 144 km lang, 61 Schleusen, 15 Anlegestellen für Boote, zahlreiche Schlösser nördlich von Rennes, das noch etwa 30 km vor mir liegt. Wobei ich erwarte, dass eine dem Kanal folgende Strecke flach und bequem zu fahren sein sollte.

Frankreich ist von Wasserstraßen durchzogen. Diese Kanäle sollten den Warenverkehr zwischen den Meereshäfen und den schnell wachsenden Städten im Inland beschleunigen. Für den modernen Frachtverkehr viel zu eng, dienen sie heute hauptsächlich den Freizeitkapitänen, somit der Tourismusindustrie. Nach den Kanälen Rhone und Deux Mers fahre ich nun am Kanal Ille et Rance dem größten aller Kanäle entgegen, dem Ärmelkanal, für die Franzosen Le Manche, für die Engländer einfach The Channel.

Am Wegrand ein Planwagen, daneben Pferd und Hund. Nicola ist eben erst von einer Erkundungsfahrt zurückgekehrt und hievt sein Mofa auf den Planwagen. Das nächste Teilstück wird anstrengend für sein unerfahrenes Pferd, denn der Pfad entlang dem Kanal ist zu schmal für den Planwagen und das Gespann muss über eine Anhöhe ausweichen. Es ist Nicolas erste Planwagenfahrt. Was dann? Er will nach Amerika, zu den Indianern, aber ohne Planwagen.

Ein wenig beschäftigt mich doch das Thema, wie die Franzosen wohnen. Nach den futuristischen Wohnsiedlungen in Montpellier, den Ghettovierteln in Bordeaux, den Prachtschlössern im Mèdoc und den Wabenappartementsiedlungen in Grande Motte sehe ich mich um, was meine Fahrstrecke an Wohnstätten offeriert. Die Hundehütte mit einem kleinem Pool ist kein schlechter Anfang, besser jedenfalls als der ausrangierte Uraltanhänger in einer Waldlichtung, die ich kurz zuvor passierte. Ferienhäuser in allen Formen und Farben, natürlich viele Appartementhochhäuser an den Stränden. Man, und das sind nicht nur Urlauber, wohnt in alten Wohnwägen, auf Kanalbooten bzw. -schiffen, auf Campingplätzen in Zelten oder komfortablen Wohnmobilen, weniger in den vergleichsweise teuren Hotels.

Ich will Rennes passieren, vielleicht einen Blick in den Ort werfen, weiter nördlich am Kanal campieren. Ich decke mich in einem riesigen Leclerc-Supermarkt mit Lebensmitteln ein, folge dem Kanal in die Stadtmitte, schiebe das Fahrrad durch die Altstadt, kehre natürlich nicht zum Ausgangspunkt meiner Stadtbesichtigung zurück. Weil ich den Kanal im Osten der Stadt vermute, fahre ich stadtauswärts, bis an die Stadtgrenze. Kein Kanal zu sehen, die Richtung war völlig verkehrt, der Kanal durchquert die Stadt im Westen, es ist 22 Uhr und stockfinster, als ich endlich die am Nordrand der Stadt am Kanal liegende Jugendherberge finde.

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20.08.2013, Le Minihic-sur-Rance, Camping Minihic, Tkm 121, Gkm 6.210

Radfahren an den Kanälen Frankreichs ist manchmal recht eintönig. Mehr Enten als Boote im Wasser, einige Läufer und Radfahrer auf den meist geschotterten Begleitwegen, im Süden Plantanen, im Norden Eichen, die Schatten spenden. Fallweise eine leichte Steigung an einer Schleuse, ein mehr oder minder gepflegtes Schleusenwärterhaus, nur selten ein Ort direkt am Kanal.

Betton hat allerdings mehr zu bieten. Eine blumengeschmückte Brücke über dem Kanal, an der Anlegestelle mehrere Boote. Im Osten das Ortszentrum, im Westen auf einem Hügel die weithin sichtbare Kirche. Zwischen Kanal und Kirche ein kleiner See, dekoriert mit drei Dutzend RadfahrerInnen auf Stelzen, in rostbraune Gewänder gehüllt. Sind es Hexen, die sich so anmutig im hellbraunen Wasser spiegeln? Jedenfalls ein geeigneter Ort für eine Mittagspause und für einige Fotos.

Der dem Kanal entlang führende Radweg endet im mittelalterlichen Städtchen Dinan. Befestigt, in eine Schlucht gepresst, von zahlreichen Touristen heimgesucht, am südlichen Ende eines langgezogenen Fjordes, ist hier Endstation für die vielen Segel- und Motorboote, die nicht den engen Kanal benützen wollen. Nur ein Fußpfad folgt dem Fjord nach Norden, steil fallen die Felsen zum Wasser ab, die beschilderte Radroute dreht ins extrem hügelige Inland.

Taden, Plauer-sur-Rance, Langrolay-sur-Rance, die Orte liegen auf den Anhöhen der Bretagne, tief unten das breiter werdende Flussdelta. Minihic erreiche ich nach mühseliger Kletterei erst nach Dunkelwerden, auch dieser Ort hoch über der Rance. Der in Terrassen am Ortsrand angelegte Campingplatz bietet einen Panoramablick über das im Osten gelegene Flussdelta, über dem sich gerade der Vollmond erhebt.

Das vergleichsweise sanft zum Fluss abfallende Gelände lässt mich zweifeln, dass kein Radweg dem Wasser entlang führen sollte. So mache ich mich im Mondschein auf den Weg zu einer mitternächtlichen Erkundungstour, über eine taufeuchte Wiese, vorbei an einem verfallenen Gehöft, durch einen kleinen dunklen Wald, hinab zum Ufer der Rance. Um festzustellen, dass hier lediglich ein enger Wanderweg, aber kein Radweg existiert.

 

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21.08.2013, Vain, Buschcamp, Tkm 112, Gkm 6.324

Nach einigen Hügeln quere ich auf der vierspurigen D 108 bei La Richardais das Mündungsdelta der Rance. Ein Kraftwerksbetreiber nutzt den gewaltigen Tidenhub von bis zu 13 Metern für die Energiegewinnung. Unheimlich sind die Strudel, die das in die Bucht einströmende Wasser verusacht. Oder ist es ausströmendes Wasser? Egal, die meterbreiten Wassertrichter sehen nicht vertrauenserweckend aus.

Um 10 Uhr erreiche ich St. Servan-sur-Mer und der Blick auf die am nördlichen Ende der Brücke gelegene Stadt St. Malo ist atemberaubend. Kompakt und festungsgleich, entlang einer einheitlich grauen Häuserfront ein riesiger, dem Inland zugewandter (Jacht-)Hafen. Meerseitig mächtige Befestigungsanlagen mit hohen Mauern und Wehrtürmen. Ich nehme mein Fahrrad mit auf die nordseitige, von unzähligen Touristen frequentierte Mauer, lasse mich beim Radfahren auf der Stadtmauer filmen. Nun ja, nicht filmen, sondern mehrmals fotografieren. Die Innenstadt überquellend mit Touristen, ist St. Malo zweifellos die sehenswerteste Stadt im Norden Frankreichs.

Quer über die Halbinsel zur Bucht von Mont-St-Michel. In der flachen Bucht die teilweise überdachten Anlagen der Austernzüchter (Parc à huitres), weiter östlich lange Pfahlreihen, an denen Bouchotmuscheln gezogen werden. Ohne diese kleinere Form der Miesmuschel gäbe es das nordfranzösische Nationalgerichts Moules Frites, das in jedem Lokal angeboten wird, nicht. Auf der langgezogenen Flachküste vor Hirel und Vivier-sur-Mer nützen zahlreiche Strandsegler den kräftigen Wind, fahren ihre auf kleine Räder montierten Geräte den Strand auf und ab.

Le Mont-St-Michel auf einer kleinen Halbinsel am östlichen Ende der Côte d’Èmeraude ist bereits aus der Ferne gut erkennbar. Außerdem nimmt der Verkehr stark zu, vor dem Hoteldorf riesige Auffangparkplätze. Besucher der burgähnlichen Anlage Mont-St-Michel legen die letzten Kilometer in lokalen Autobussen zurück, Radfahrer dürfen einen Radweg benützen. Unklar bleibt allerdings, wie weit. Eine endlose Kolonne von Fußgängern, dazwischen zahlreiche Radfahrer, ein Fahrverbotsschild kurz vor der aus dem Meer aufsteigenden Burganlage, einige Radfahrer ignorieren das Fahrverbot. Nach einigen Fotos in Ortsnähe fahre ich zurück zum Dorf St.Michel, weiter nach Pontobault und Avranches.

Es ist spät und ich sitze in der Bredouille, denn der auf meiner Straßenkarte in Avranches eingezeichnete Campingplatz hat seine Pforten vor Jahren geschlossen. In der hereinbrechenden Dunkelheit fahre ich weiter, verlasse zuerst Hauptstraßen, dann Nebenstraßen, um spätabends nach langem Suchen auf einer Wiese einen Stellplatz für die Nacht zu finden

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22.08.2013, Pigot Plage, Camping Les Clos Martin, Tkm 86, Gkm 6.410

Die exquisite Lage des Camps entschädigt ein wenig für die Unannehmlichkeiten. Verschwitzt und ungeduscht verbringe ich die Nacht, dafür habe ich in der Früh einen freien Ausblick auf Mont-Saint-Michel auf der Südseite der Bucht. Die Bucht ist bei Ebbe zu Fuß passierbar, wie ich einer Schautafel in Genets entnehme. Bei schnell steigenden Wasser sichere Plätze nicht verlassen, in keine tiefen Löcher treten, bei plötzlich einfallendem Nebel nicht weitergehen: Betrifft mich nicht, weil ich nach Norden und nicht nach Süden will.

Eine kurze Weile folge ich dem Radweg, dann verliere ich ihn wieder, miserabel ist die Beschilderung. Schneller gehts auf der Überlandstraße bis Granville, in Ortsnähe jedoch viel Verkehr. Westlich vom Hafen wird der Verkehr weniger, aber leider ist dies eine Sackgasse, die zum Leuchtturm führt. Verschwommen ist in der Ferne die Kanalinsel Jersey zu erahnen, vor allem deshalb, weil zahlreiche Segelboote, begleitet von Motorbooten, in diese Richtung unterwegs sind.

Den nächsten Radweg entlang der Küste hätte ich besser nicht benützen sollen. Mehrere Fußgänger, natürlich zwei Drittel des Weges beanspruchend. Just in diesem Moment zwei entgegenkommende Radfahrer, die an den Fußgängern vorbei fahren. Ich weiche weit nach rechts aus, in einen einmündenden Seitenweg, aus dem plötzlich auch zwei Radfahrer kommen. Krache gegen das Rad der Mutter, meine vordere Tragtasche trifft ihren Unterschenkel. Der Schock ist größer als der Schmerz, da hilft keine Entschuldigung, ich habe spät und falsch reagiert.

An der Küste Dünen, im Hinterland Rinder- und Pferdeweiden, Mais- und Weizenfelder, der Wind dreht von seitlich auf Gegenwind, ich bin ohnehin müde und mache früh Schluss mit Radeln. Der Campingplatz liegt günstig an der Küste, im Süden eine unverbaute Dünenlandschaft, im Norden angrenzend der Ort Piron-Plage, leicht zu erreichen auf dem Küstenweg bzw. vor Einsetzen der Flut dem Strand entlang.

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23.08.2013, Cherbourg (F)/Portsmouth (GB), Hotel Ibis, Tkm 98, Gkm 6.508

Die ersten 25 km sind flach und auf der Schnellstraße rasch erledigt. Rieche ich schon nach Zwiebeln? Ein Zwiebelfeld nach dem anderen, kleine Felder, große Felder, mit und ohne Beregnungsanlagen.

Mit der Flut kommt das Wasser. An der schmalen 13-Bogen-Brücke in Portbail ist leicht zu erkennen, wie schnell das Wasser steigt. Mehrere Wassersportler, allen voran Kayakfahrer, nützen das in die Lagune einströmende Wasser für eine schnelle Fahrt und kehren im Strömungssog zur Brücke zurück.

Ich fotografiere, eine freundliche Dame spricht mich an, zeigt mir einen besseren Platz, nur wenige Schritte entfernt. Als Malerin sei sie immer auf der Suche nach dem günstigsten Standort, und die Stiege zum ersten Stock biete die schönste Aussicht.

Nach Portbail wird es bretonisch hügelig, einige Abschnitte sogar ziemlich steil. Für wenige Meter erhalte ich unerwartet Hilfe, plötzlich läuft es leicht, ein freundlicher Rennfahrer schiebt mich ein wenig an. Diese Art von Hilfe könnte ich in Les Pieux gut gebrauchen, lange und steil gehts aufwärts ins Ortszentrum. Der Hauptplatz ist noch gesperrt, der Markttag bereits zu Ende, die Standler packen. Ich radle, und werde von einem Dorfpolizisten der Gattung Louis de Funes verwarnt: Radverfahren ist jetzt verboten, absteigen und schieben!

Immer wieder die alte Leier: Kein Restaurant mit einem preiswerten Menü zu finden, wenn ich eines suche. Supermarche in Les Pieux hat allerdings ein Bistro, das um € 11,90 ein preiswertes Menü mit drei Gängen inklusive Kaffee anbietet. Die Wirtin versucht verzweifelt, einen jungen Mitarbeiter einzuschulen. Genausogut könnte sie versuchen, ihrem Pudel das Lesen beizubringen, er wird es nie begreifen.

Hügelauf, hügelab, endlich erreiche ich Cherbourg, und alle Pläne sind Schnee von gestern. Natürlich wollte ich Frankreich erst verlassen, wenn ich mit meiner Datenerfassung ajour bin. Aber weil ich die Fährverbindungen erkunden will, radle ich zum Fährterminal. Und weil ich schon mal da bin, löse ich um € 75,00 eine Fahrkarte nach Portsmouth, Abfahrt heute abend um 20.45 Uhr, das Schiff die Normandie Express.

Auf dem für den Personen- und Autotransport eingesetzten Schiff sitze ich erste Reihe fußfrei, ruhig gleitet das Boot über den Kanal. Das Fährschiff ist schnell, mühelos überholt es andere Schiffe, das Wasser am Heck meterhoch aufwirbelnd, eine hohe Gischtwolke hinter sich herziehend. Nach vier Stunden erreichen wir Portsmouth, Ortszeit 23,45 Uhr, im Stockdunkeln mache ich mich auf Hotelsuche

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