Tunesien

Zwei Jahre nach der Jasminrevolution

Was erwartet mich in Tunesien, was weiß ich von diesem Land? Ich fasse Einiges kurz zusammen, weil Hitze und Wind mir derart zusetzen, dass ich es nicht schaffe, die Aufzeichnungen taggleich zu führen.

Ein kleines Land in Nordafrika, mit 164 150 qkm doppelt so groß wie Österreich, 10 Mio. Einwohner, Hauptstadt Tunis. War in der Vergangenheit bedeutender als heute. Phönizische Siedlung Karthago, punische Kriege, Hannibal zieht mit Elefanten über die Alpen und bedroht Rom. Das Imperium  reagiert empört und macht Karthago dem Erdboden gleich. Nordafrika mit seinen Berbern – vermutlich auch Barbaren, wie tunesische Polizisten es  heute noch sind – wird zu Roms Kornkammer. Kaum zu glauben, wenn man heute von einer tunesischen Anhöhe auf die öden Weiten blickt, über die ein heißer Wind fegt. Die Araber bringen den Islam, später kommen Osmanen und Franzosen. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts selbständig, an der Macht durchgehend eine einzige Partei. Man spricht von Diktatur und Korruption, dann folgt 2010/11 ein Volksaufstand. Die Machthaber gehen ins Exil, unfreiwillig, wenngleich nicht mittellos. Hatten zuvor ihre Ehefrauen mit den Goldreserven in Flugzeuge gesetzt und auf Herbergssuche geschickt. Können auch nicht von der Hand im Mund leben, nachdem sie die besten Tage ihres Lebens opferten, um Volk und Land auszubeuten. Im Staat tobt die Jasmin-Revolution; Autos, Banken und Kaufhäuser brennen, € 3 Mrd. volkswirtschaftlicher Schaden, doch das Volk ist zufrieden, man hat es denen da oben gezeigt. Die Revolution bringt neue Machthaber aus der alten regierenden Partei, toller Erfolg eines Volksaufstandes, stolz tragen die Revolutionäre die Jasminblüte über dem Ohr. Überall Militär, zahlreiche Polizeikontrollen, Stacheldraht entlang wichtiger Gebäude und Straßen, die neuen Machthaber igeln sich ein. Hat die Revolution eine Verbesserung für das einfache Volk gebracht?

tu 2013 009 Tunis, Altstadt

Zweimal zuvor war ich in Tunesien. Anfang der 1970er-Jahre trampte ich durchs Land, mit schlechten Erfahrungen, in der ersten Nacht wurde einem kanadischen Mitreisenden in Karthago das Zelt aufgeschlitzt und die Kamera gestohlen. Mitte der 80er-Jahre, Badeurlaub in Hammamet, Tagesausflüge, unter anderem nach Kairouan, der viertheiligsten Stadt des Islam, mit einem der weltgrößten Innenhöfe einer Moschee. Wen wunderts, dass heute soviel freier Platz die Menschen nach dem Freitagsgebet zum Demonstrieren animiert, und die Polizei freudig die Gelegenheit wahrnimmt, Tränengas und Gummigeschosse in die Mengen zu ballern? Mit gemischten Gefühlen fahre ich nach Tunesien, mit gemischten Gefühlen verlasse ich das Land.

Im Internet lese ich einen Bericht über ein neues Tourismuskonzept für Tunesien. Dass ich nicht lache! Anschlagserien vor einigen Jahren auf Tourismuseinrichtungen auf der Insel Djerba, schikanöse Ein- und Ausreisekontrollen, aufdringliche Schlepper und Händler in den Medinas und Souks, stacheldrahtgesäumte Straßen. In diesem Umfeld sind Billigpreise und Sonnenscheingarantie, auch die auf schönstem Papier geschriebene Konzept nur Makulatur.

Ich fahre nach Tunesien, weil ich zumindest ein afrikanisches Land und einige interessante Orte besuchen will. Die Altstädte (Medinas) von Tunis und Sousse, die heilige Stadt Kairouan. Nicht besuchen will ich Kathago, ist ja bereits seit der Römerzeit ruiniert, durch Zufall passiere ich das riesige von den Römern errichtete Aquädukt El Oust, dessen gut erhaltene Reste ein weites Tal überqueren.

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Fünf Tage in Tunesien

30.06.2013, Tunis, Hotel Tiba

01.07.2013, Sousse, Hotel Les Palmieres, Tkm 150, Gkm 2.639

02.07.2013, Kairouan, Hotel in der Altstadt, Tkm 71, Gkm 2.710′

03.07.2013, Zaghouan, Agroturismo Dar Zaghouan, Tkm 120, Gkm 2.830

04.07.2013, Port La Goulette, M/N La Superba, Tkm 66. Gkm 2.896

Einen Tag verbringe ich in der Hauptstadt Tunis, dann fahre ich in Tunesien 407 km in vier Tagen, in einer großen Schleife von Tunis nach Südosten, am Golf von Hammamet nach Sousse, danach ins Landesinnere nach Kairouan und weiter nach Norden, zurück nach Tunis.

Die Einheimischen sagen, die Temperaturen um 40ºC im Schatten entsprechen der Jahreszeit. Ziemlich heiß, gefühlte Temperatur eher 60ºC, weil es keinen Schatten gibt und ich durch staubtrockenes Land fahre, brutal bei den hier herrschenden Winden. Auf der küstennahen Straße P1 zwischen Yasmine Hammamet und Enficha ist der Wind stürmisch. Gefährlich beim herrschenden starken Schwerverkehr, jeder vorbeibrausende Lkw zieht mich in die Straße oder drückt mich auf den Seitenstreifen. Ich steige ab  und schiebe das Rad eine Weile im Straßengraben. Endlich ein Windschatten, einige Bäume und Büsche auf der gegenüberliegenden Straßenseite.  Weit und breit kein Getränkestand, die sind doch sonst überall! Und  das nächste Hotel? In Sousse, mehr als 60 km entfernt! Umdrehen kommt nicht in Frage, wäre um Nichts besser.

Am ersten Radlertag fahre ich bis Sousse, es wird spät und dunkel, ab Sidi Bou Ali radle ich im Dunkeln, auf der schlecht beleuchteten Schnellstraße, erreiche das „Touristengebiet“ von Sousse erst um 22 Uhr. Vor dem ersten Hotel, das ich ausfindig mache, bildet sich ein Verkehrsstau. Ein SUV hat gerade einen Motorroller gerammt, Polizei ist bereits vor Ort, die Ambulanz kommt eine halbe Stunde später, hätte sich auch mehr Zeit lassen können, der Fahrer des Motorrollers hat den Unfall ohnehin nicht überlebt.

In Kairouan bin ich fix und fertig, noch schlimmer ist der nächste Tag. Eine Hügelkette ist zu überwinden, kaum höher als 1.000 Meter. Bin bereits um 6,30 Uhr in Kairouan gestartet, hatte ein mieses Frühstück und kein Bedürfnis nach dem fetten und gewöhnungsbedürftigen lokalen Fast-Food. Hitze und Gegenwind haben mich bereits zermürbt, wie auch die endlosen, normalerweise nicht schwer zu fahrenden Steigungen. Doch was ist normal bei diesen extremen Temperaturen? Jeder Meter eine Qual, die Sonne heizt gnadenlos ein. Schaffe ich die nächste Steigung? Ich steige ab, schiebe das Rad, schwanke ein wenig, endlich erreiche ich die Anhöhe, ein Gemischtwarenladen, wortlos überreicht mir der Inhaber einen mit Wasser gefüllten Krug. Ich kann mich waschen, schon geht es mir besser. Ein Softdrink, ein weiterer mit einem Liter Mineralwasser, ein Junge aus der Nachbarschaft bringt frisch vom Baum gepflückte Mandeln, gibt mir einen Stein, um die grünen Schalen zu knacken. Nach zwei Stunden bin ich wieder auf der Straße, jetzt schiebt mich der Rückenwind die letzte Steigung hinauf und den Berg hinunter nach El Fahs.

Ich mache 50 kmh bergab, das ist nicht schlecht, aber gefährlich, weil nicht nur entgegenkommende Fahrzeuge die Kurven gnadenlos schneiden. Mehr Sorgen bereitet mir die Felge meines Hinterrads, die sich ausbeult, den Reifen immer an der selben Stelle gegen den Bremsbacken drückt und dadurch den Reifen beschädigt. Der äußerer Teil der Felge löst sich vom inneren, das wird in Tunesien nicht zu reparieren sein. Außerdem habe ich kein Visum für Algerien und wegen der angespannten politischen Verhältnisse werden die algerischen Behörden mir auch keines erteilen. Zudem ist das gesamte Grenzgebiet westlich von Kasserine nun Sperrgebiet. Das Militär kämpft gegen rebellische Bevölkerungsgruppen, offensichtlich ist in diesem Gebiet auch die Al Khaida im Maghreb aktiv, auf Menschenjagd, mit dem vorrangigen Ziel, Ausländer zu entführen.

Wozu unnötige Risiken eingehen? Alles spricht dafür, das Land ehestens zu verlassen. Also quäle ich mich nach Norden, Richtung Tunis und Karthago, das ich vielleicht doch noch besuchen will. Vorbei an der windgebeutelten Lagune von Tunis, bin plötzlich im Hafen von La Goulette, kommt mir irgendwie bekannt vor, bin ich nicht vor fünf Tagen hier an Land gegangen? Hier warten bereits die Schlepper. Schiff nach Palermo oder Genova? Ich überlege nicht lange, ab nach Norden heißt ab nach Genua, mühsam der Ticketkauf, noch viel umständlicher die Grenzkontrollen, doch nach einer langen Weile bin ich mit einem 130,00 €-Ticket auf der zehnstöckigen La Superba der Grandi Navi Veloci, in einer teilbelegten Viererkabine, auf der 22 Stunden-Fahrt nach Genua. Und kann hier endlich niederschreiben, was ich in Tunesien, ausgelaugt und todmüde, nicht schaffte.

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Land im Umbruch

30.06.2013, Sonntag in Tunis

Das Aufregendste ist wohl die Zeitverschiebung um eine Stunde. Vormittags in der Medina: Tote Hose. Anders als in vielen arabischen Ländern ist in Tunesien der Sonntag der gesetzliche Feiertag, viele Teile der Medina sind also heute ganztägig geschlossen. Die wenigen Händler, die ihre Läden offenhalten, sind lästig und aufdringlich. Den schönsten Blick über die Innenstadt bietet die Terrasse eines großen Teppich- und Souvenirladens, der Geschäftsinhaber ist beleidigt, weil ich nichts kaufe, der Guide, Inhaber eines kleinen Ladens, noch beleidigter, weil ich seine Parfums nicht mag und den unverschämt hohen Preis für seine Führung nicht zahlen will.

Nachmittags ein weiterer Spaziergang durch die ausgedehnte Medina, jetzt schon besser besucht. Ein mit Marmor schwarzweiß ausgekleideter Innenhof eines Gebäudes erregt meine Aufmerksamkeit, es ist eine Koranschule. Selbstverständlich darf ich fotografieren, der Obmann der privaten Schule „Scientists Kids“ – arabisch geschrieben sieht das viel besser aus – führt mich durch die Schule. Das Unterrichtskonzept beeindruckt mich nicht, Gedächtnistraining mittels Kartenauflegen, Metallbearbeitung, noch irgendetwas, das ich vergesse, doch die Kinder sind mit Begeisterung bei der Sache, schenken mir eine kleine handgehämmerte Schale mit Allahs Segenssprüchen.

Abends sind die Cafehäuser an der Ave. Habib Bourguiba gut besucht, die Einheimischen lassen sich von Militär und Stacheldraht auf der Hauptstraße nicht vom Flanieren abhalten.

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01.07.2013, von Tunis nach Sousse

Endlose 22 km ziehen sich Vororte von Tunis nach Südosten. Die Kaffeehäuser an der Hauptstraße sind gut besucht. Viele Gäste konsumieren nichts, sind arbeitslos. Ahmet, etwa 30, schlechte Zähne, schildert seine Situation: Er hat noch nie gearbeitet, denn Arbeit gibt es allenfalls für Mitglieder der „richtigen“ Partei. Er und sein Bruder leben von der geringen Pension ihres Vaters. Das bedeutet für Ahmet: Nicht heiraten, keine eigene Familie gründen, nutzlos im Kaffeehaus herumsitzen. Ich will wissen, was ihm die Revolution gebracht hat? Heute darf er seine Meinung frei äußern, früher musste er mit einer Verhaftung rechnen, wenn er sich gegen das bestehende System aussprach. Ist das wirklich ein großer Fortschritt?

Mittagessen in einem kleinen Dorf an der Hauptstraße, Grillstand reiht sich an Grillstand, man sucht aus dem Gewirr frei hängender Stücke vom Schaf ein passendes Teil, der Wirt hackt es in grillbare Stückchen,  auf den Griller und einige Zeit später wird es leicht angekohlt serviert. Wieder habe ich das Gefühl, beschissen zu werden, der Preis ist mit etwa € 9,00 ziemlich hoch. Völlig anders die Preise im Inland, wo ich an einzelnen Orten bereits um weniger als zwei Euro ein adäqutes Essen mit Getränken erhalte.

Der Rest des Tages ist Kampf und Krampf, Kampf gegen Seiten- und Gegenwind, Krampf beim Schieben des Fahrrads.

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02.07.2013, vormittags in der Medina von Sousse, nachmittags auf dem Weg nach Kairouan

Das Hotel Palmieres im Touristengebiet von Sousse ist weiter von der Medina entfernt als vermutet. Also nehme ich ein Sammeltaxi, diese sind in Tunesien gleich billig wie in allen afrikanischen Ländern. Anhalten ist einfach, bei einem freien Platz im Taxi betätigt der Taxler einfach die Lichthupe. Ein kurzes Handzeichen, wenn man mitfahren will, und das Taxi hält.

Natürlich sind auch in der Medina von Sousse einige Schlepper im Einsatz, doch weniger lästig als in Tunis. Die Souks sind hier nach traditioneller Art streng getrennt, nach Gold- und Silberschmieden, Kleider- und Schuhhändlern, Gewürz-, Gemüse-, Fleisch- und Fischhändlern, zudem gut besucht. Ein auf Antik eingerichtetes Kaffeehaus lädt zum Verweilen ein, alles wirkt aufgeräumt und herzeigbar.

Die Fahrt nach Kairouan ist enttäuschend. Okay, die Straße ist in Ordnung, aber dieser Wind! Hatte ich gehofft, der vom Meer kommende Wind würde mich ins Landesinnere blasen, fahre ich nun gegen einen von der Seite kommenden Wind, zumindest die ersten 30 km, und brauche für die Strecke um Stunden länger als geplant. Erst als sich dunkle Wolken über Kairouan zusammenziehen, fegt mich der Wind in die Stadt.

Das Hotel ähnelt einer Pilgerherberge, mittelgroßes Zimmer in einem heißen Innenhof, an Schlaf ist wegen der Hitze bis spät in die Nacht nicht zu denken.

Kurz vor Sonnenuntergang noch ein kurzer Spaziergang in die Innenstadt, heftiger Wind, ein kurzer Regenschauer, eine Seltenheit zu dieser Jahreszeit. Zahlreiche Menschen in den Straßen,  das Leben erwacht in diesen Breiten erst spät am Nachmittag und endet kurz nach Einbruch der Dunkelheit, wenn sich die Menschen in ihre Häuser zurückziehen.

Der Rezeptionist im Hotel muss noch sein Suren beten, bevor er mich betrügt. Der Preis für das Hähnchen aus einem nahegelegenen Restaurant ist verkraftbar, aber warum verrechnet er mir für ein Fanta einen derart überhöhtenPreis? Musste er zuvor Allahs Zustimmung einholen?

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03.07.2013, geplante Strecke: Sbikha, Sidi Neji, Bir Chaeuch nach El Fahs

Die hügelige Strecke ist wegen der extremen Hitze nicht einfach zu fahren, ich bin ausgelaugt und kraftlos. Zwischenzeitig sogar am Ende meiner Kraft, die Beine nutzlose Anhängsel, der Kopf ausgebrannt, die Kleidung nass wie ein Waschlappen.

Kein Hotel in El Fahs, einer mittelgroßen Stadt. Tunis schaffe ich sicher nicht, das sind über 60 km. Im 25 km entfernten Zaghouan soll es ein Hotel geben, ich bin todmüde, fahre bergauf, gegen den starken Wind. Eine Bergkette im Süden, die Steigung nimmt kein Ende, was sind die Alternativen? Taxi anhalten, Transporter nehmen, durchbeißen? Mit mehreren Pausen schaffe ich es bis Zaghouan, frage an einer Kontrollstation die Polizisten nach dem Hotel. Ihnen ist keines bekannt, Hotels gibt es zur Genüge im nur  40 km entfernten Hammamet. Dahin schaffe ich es heute nie und nimmer, die Polizisten telefonieren, nach einer Weile die erfreuliche Nachricht: Es gibt am Ortsrand tatsächlich ein Hotel, Dar Zaghouan, einen Agrotourismusbetrieb. Zuerst schreckt mich der Preis, herunterverhandelte € 40,00, doch mit einem ausgezeichnetem Abendessen und dem ausreichendem Frühstück ist das nicht zu teuer. Der Eigentümer hat sich das Agroturismo-Konzept in Italien angeschaut und nach Tunesien übertragen, seine Absichten sind begrüßenswert, das Personal trotz Uniform gewöhnungsbedürftig.

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04.07.2013, auf dem Fährschiff La Superba nach Genua

Der Plan für heute ist einfach: Ich fahre nach Norden, meerseitig an Tunis vorbei nach Karthago, suche dort ein Quartier, und besuche Sidi Bou Said, das liebliche blau bemalte Küstendorf. Sollte in wenigen Stunden zu schaffen sein, etwa 70 km, doch wieder machen mir Hügel, Starkwind und Temperaturen weit über 40ºC  einen Strich durch die Rechnung.

Auf einer der langen Steigungen eine Polizeikontrolle. Der eine Polizist rückt unangenehm nahe, riecht nach Alkohol, den Muslime angeblich nicht trinken. Wird also ein Aftershave „Marke Whiskey“ sein. Er faselt von Passeporte, will er Geld? Ich ignoriere einfach sein Ansinnen, bis sich der zweite Polizist nähert, mich weiterfahren lässt.

Noch immer quäle ich mich denselben Anstieg hoch. Ein Sattelschlepper hält, der Fahrer bietet Hilfe an. Gibt vor, nicht zu verstehen, warum ich mein Fahrrad nicht auf den Sattel laden will. Die Angelegenheit erscheint dubios, hat doch in den letzten vier Tagen kein Kfz-Lenker Hilfe angeboten. Ich bleibe skeptisch, schleppe mich den Hügel hoch, nochmals hält der Fahrer, bietet Schlepphilfe an. Ich lehne sein Hilfsangebot ab, bleibe vorsichtig in diesem Land, das nach der Jasminrevolution eine Freizone für Terrororganisationen wurde. Weil es kein Geheimnis ist, dass Al Khaida des Maghreb zur Zeit verstärkt Jagd auf Ausländer macht, um Lösegelder nach deren Verschleppung zu erpressen.

Viel länger als geplant benötige ich für die Fahrt in die meerseitig gelegenen Vororte von Tunis, auf den verkehrsreichen Schnellstraßen von Ben Argouletous und um die zwei Hafenanlagen von Tunis.

Wie gehabt, pfeift ein kräftiger Westwind über die weite Lagune, derart stark, dass ich auf der mehrspurigen Brücke über den Kanal, der Meer und Lagune verbindet, vom Rad steige. Zu unberechenbar sind die Böen, zu stark der Verkehr, zu gefährlich ist Radfahren bei diesem Starkwind.

Plötzlich kommt mir die Umgebung bekannt vor. Bin ich diese Schnellstraße nicht vor einigen Tagen gefahren, mit dem Fahrrad auf der Ladefläche eines Pickups?  La Goulette ist doch der Hafen, in dem ich, aus Palermo kommend, gelandet bin!

Total  verschwitzt, die Ohren verschlagen, todmüde. Der Wind schiebt mich zu den Terminals, also fackle ich nicht lange, überlasse Carthage und Sidi Bou Said den Tunesiern. Zwei Schiffen verlassen heute noch den Hafen verlassen. Die Fähre der Grimaldi Line nach Palermo und Salerno kommt nicht in Frage, doch die La Superba der Grandi Navi Veloci mit Destination Genua ist goldrichtig.

Der Kauf der Fahrkarten ist umständlich, doch eine Lapalie im Vergleich zu den Zoll- und Polizeikontrollen. Was erwarten die Zöllner, das ein Radfahrer aus Tunesien mitnimmt? Versuchen sie etwa jetzt mit peniblen Kontrollen nachzuholen, was sie durch bewußtes Wegschauen vor Monaten tolerierten, als die Goldreserven ins Ausland verbracht wurden?

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04. bis 07.07.2013, Rückreise von Tunis nach Wutschein

Die letzten Passagiere haben die Abreisehalle im Hafen von Tunis längst Richtung MV Superba verlassen, während ich in der Halle hocke und warte. Ein gewiefter tunesischer Grenzbeamter hat bei der Kontrolle meines Gepäcks ein hochgefährliches Döschen entdeckt, Dogspray, umgangssprachlich Pfefferspray! Damit könnte ich ja ein Terrorist sein, die Sicherheit des Staates Tunesien gefährden, im Gefängnis landen. Die Grenzbeamten sind ratlos, schalten ihre Vorgesetzen ein, die ebenfalls ratlos sind. In ihrer grenzenlosen Ratlosigkeit beschlagnahmen sie die kleine Dose und schicken mich mit den letzten Fahrzeugen aufs Schiff, das kurz darauf seine Ladeluken schließt und Kurs auf Genua nimmt.

Im Gegensatz zur Zeus Palace ist die La Superba ein sauberes und gepflegtes Schiff mit einem angenehmen Reisepublikum. Der Preis für die Überfahrten macht offensichtlich den Unterschied.

Nach einer ruhigen Fahrt erreichen wir Genua am späten Nachmittag des 5.Juli. Der Bahnhof ist unschwer zu finden, weiterreisen will ich ohnehin erst am nächsten Tag. Das Hotelpersonal ist freundlich, überreicht mir eine Liste mit den schnellsten Bahnverbindungen nach Österreich.

Lange vor Abfahrt eines Schnellzugs nach Venedig bin ich am Morgen des 6.Juli am Genueser Bahnhof – und kurze Zeit später wieder im Hotel, um dort mein Fahrrad zwischenzuparken. Italienische Fernzüge transportieren keine Fahrräder, sagt man mir jedenfalls am Bahnhof von Genua. Ich muss Regionalzüge benützen, und bis zur Abfahrt des nächsten Zuges nach Voghera bleibt noch genug Zeit für eine Besichtigung der Altstadt. Und so verbringe ich den zweiten Teil des 6. Juli in italienischen Regionalzügen, wechsle diese hektisch in mehr oder weniger bedeutenden Bahnhöfen, sitze in meist menschenleeren Waggons, ohne zu wissen, ob ich den jeweiligen Anschlusszug erreichen werde.

Voghera, Milano, Verona, Mestre, um nur einige größere Umsteigebahnhöfe zu nennen. Kurz vor Mitternacht erreiche ich Udine. Genervt, nach mehreren Auskünften, die sich als unvollständig oder falsch entpuppen. Nicht zum ersten Mal rückt eine Roma-Truppe dicht an mich heran, Grund genug, um lauthals loszubrüllen, trotz oder gerade wegen eines Telefonats, das ich gerade führe.

Das Fahrradabteil im Kurswagen der Deutschen Bahn nach München ist bereits belegt, doch eine Zugsbegleiterin handelt menschlich, lässt mich bis Villach mitfahren. Um 4 Uhr morgens benutzen den Regionalzug nach Klagenfurt lediglich vier Fahrgäste. Davon einer mit einem ungültigen, weil abgelaufenen Fahrausweis, was er trotz langer Diskussion mit dem Schaffner nicht zur Kenntnis nehmen will. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, als ich mit meinem havarierten Fahrrad in Wutschein eintreffe.

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Tunesien, nach der Jasminrevolution

30.06. – 04.07.2013, 5 Tage, 407 km

Tunesien im Sommer ist keine vernünftige Destination für Radfahrer. Zu heiß, zu windig. Allerdings passt das Land in meine Reiseroute, weil es von der Südspitze Europas mit einem Fährschiff leicht erreichbar und der erste Staat auf dem afrikanischen Kontinent ist. Für den Besuch des Nachbarstaats Algerien fehlt mir die Einreiseerlaubnis, so dass es bei einem isolierten Ausflug nach Afrika bleibt.

In Tunesien interessieren mich vor allem die Entwicklung und die aktuelle Lage der Menschen nach dem „Arabischen Frühling“ und das allgemeine Umfeld in den größeren Städten, insbesondere in der für die Muslime heiligen Stadt Kairouan. Um es vorweg zu nehmen: Eine Revolution hat stattgefunden bzw. findet statt, doch es wäre vermessen, von Erfolgen zu sprechen. Was schockiert, sind die Stacheldrahtverhaue um Regierungsgebäude und die starke Präsenz des Militärs.

Ich fahre in einer langgezogenen Runde von der Hauptstadt Tunis nach Süden entlang dem Mittelmeer bis zur Hafenstadt Sousse. Daraufhin ins Landesinnere nach Kairouan. Weiter nach Westen zu fahren, macht keinen Sinn. Zu heiß ist es im Landesinneren, gleichzeitig zu gefährlich wegen laufender Zusammenstöße zwischen Militärs und Aufständischen, überdies habe ich Probleme mit meinem Hinterrad. Daher nehme ich den kürzesten Weg zurück nach Norden, um das Land auf einem Fährschiff Richtung Italien zu verkassen.

Das Gelände ist in Küstennähe eher flach, im Landesinneren kupiert, nie spektakulär. Radfahren ist allerdings wegen der hohen Temperaturen extrem anstrengend, meist über 45ºC im Schatten, doch wo findet man Schatten in einem baumlosen Land? Zu den wenigen Höhepunkten meiner Rundfahrt durch Tunesien zähle ich die Medinas der drei großen Städte und die Gastfreundschaft der ländlichen Bevölkerung. Wenig angetan war ich von der Präpotenz mehrerer Behördenvertreter mit einem fast allmächtigen Gehabe. Am Schlimmsten war allerdings der stürmische Wind, immer aus der falschen Richtung blasend, auf stark befahrenen Straßen eine echte Gefahr für Radfahrer.

Vielleicht ist es der kräftige Wind, der Radfahren in Tunesien wenig populär macht. Das Wetter im Allgemeinen kann es jedenfalls nicht sein, denn kaum ein Wölkchen war während meines Kurzbesuches zu sehen. Auffallend die Rücksichtnahme der übrigen Verkehrsteilnehmer auf den einsamen Radfahrer.

Araber legen auf sportliche Aktivitäten, somit auch auf Radfahren, genau so wenig Wert wie auf ihre Umwelt. Die Dörfer gleichen Müllhalden, viele Abfälle landen auf der Straße oder am Ortsrand. Man zählt offensichtlich auf die Intelligenz der zahllosen Ziegen, die Ausschau nach Freßbarem halten und einen Teil der Kompostierung übernehmen.

Radeln in Tunesien war Anfang Juli weder sinnvoll noch ein Vergnügen. Zu den ungünstigen äußeren Bedingungen gesellte sich der Schaden am Hinterrad, der eine Rückfahrt nach Österreich notwendig machte. Wirklich beeindruckt war ich nicht von meiner kurzen Tour durch Tunesien.

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